Swear Not By The Moon

von Poseiidon
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Donghae Eunhyuk
31.05.2020
09.08.2020
11
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02.08.2020 8.356
 
Für dieses Kapitel bitte das Gehirn abgeschaltet lassen. Das ist deutlich mehr ausgeartet, als ich geplant hatte. Die Hälfte davon sollte eigentlich nur eine kleine, kurze Zwischenszene werden....
Und ja, hier ist jetzt auch Winter. Passend zu diesem Wetter draußen >.<

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Weihnachten war etwas, was er noch nie so wirklich gefeiert hatte, seitdem er nicht mehr Zuhause wohnte, und selbst damals noch hatten seine Eltern diese Zeit in der Regel mehr fürs Arbeiten verwendet als für ihn. Von daher war er froh genug darüber, dass Donghae nicht weiter nachfragte, als er ihm erklärte, dass er eine Tante in der Nähe wohnen hatte und sich seine halbe Familie dort an Weihnachten traf und er da leider hinmüsse, weil das die einzigen Tage im Jahr waren, an denen sie sich alle sahen. Dass seine Familie in diesem Fall eher seine Mitbewohner waren und er diese eigentlich häufig genug sah, es aber auffallen würde, würde er gerade an diesen Tagen noch weniger Zuhause aufkreuzen als eh schon, verschwieg er dann doch. Wenn es ihm auch ein wenig leidtat, Donghae an Feiertagen so allein zu lassen. Aber was sollte er tun? Es wäre zu riskant.
Das einzige, was Donghae darauf erwidert hatte, war zunächst ein flehendes Schmollen gewesen, doch als er erkannt hatte, dass ihm das nicht weiterhelfen würde, hatte er Hyukjae stattdessen mit großen Augen angeschaut.
„Aber an Silvester hast du Zeit, oder?“
Nein, hatte er nicht. Silvester feierten sie stets alle zusammen und wie er wusste, gab es für dieses Jahr bereits Pläne. Pläne, bei denen Kyuhyun sich wahrscheinlich schon wieder viel zu viel Mühe gegeben hatte. Und Hyukjae wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie dieser reagieren würde, würde er dann einfach an diesem Tag verschwinden. Und doch konnte er nicht leugnen, dass seine Standhaftigkeit unter Donghaes Hundeblick gerade ein wenig davon schmolz. Vor allem, als dieser sein Zögern langsam begann als Antwort zu interpretieren.
„Du willst mich wirklich an jedem Feiertag allein lassen? Wissend, dass ich hier niemanden habe? Und das auch noch am Ende des Jahres?“
Hyukjae wusste genau, dass er diese Vorwürfe nicht ernst meinte und doch hatten sie ihre Wirkung. Ob er wollte oder nicht.
Schnell drehte er seinen Kopf zur Seite, um ihren Blickkontakt zu brechen. Er konnte sich doch jetzt nicht überreden lassen. Und erst recht nicht auf diese Art und Weise. Wer war er eigentlich?
Donghae jedoch schien seinen sich anschleichenden Sieg bereits zu erkennen. So sehr Hyukjae auch versuchte, seinen Kopf wegzudrehen, er schaffte es immer wieder, so um ihn herumzulaufen und seinen eigenen Kopf so zu strecken oder zu senken, dass er nie ganz aus dem Blickfeld seines Freundes verschwunden war.
„Du treibst mich noch in den Wahnsinn!“, beschwerte Hyukjae sich schließlich lachend und hielt sich die Hände vor die Augen. Doch Donghaes Lächeln hatte er bereits so häufig gesehen, dass er ihn auch so noch immer vor sich sehen konnte. Viel halfen tat es also nicht.
„Nur Silvester“, bettelte Donghae weiter. „Und Neujahr. Der erste halbe Tag.“
„Warum ausgerechnet Neujahr?“
Einen Moment war es still, ganz so, als würde sein Freund darüber nachdenken, wie er die Antwort darauf am besten formulieren sollte.
„Das siehst du dann.“
Seufzend nahm Hyukjae seine Hände wieder herunter und wurde gleich mit einem hoffnungsvollen Grinsen begrüßt. Einen Moment lang erwiderte er es, dann war seine Standhaftigkeit endgültig Geschichte.
„Ok, ich werde es versuchen.“
Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, fand er sich auch schon wieder in Donghaes Umarmung wieder.
„Danke“, murmelte dieser, während er seine Nase in Hyukjaes Haaren vergrub. „Du wirst es auch nicht bereuen.“
„Noch war das kein Ja“, hielt Hyukjae noch immer dagegen, aber innerlich wusste er bereits genau, dass er verloren hatte.

„Du machst was?“, rief Kyuhyun empört. „Seit wann ist es bei uns denn erlaubt, an Silvester zu arbeiten?“
„Streng genommen gab es nie eine Regelung dagegen“, merkte Hyukjae an, doch ihm wurde schon gar nicht mehr zugehört, denn sein Mitbewohner war zu beschäftigt damit, in ihrer Küche auf und ab zu laufen.
„Du brichst damit unsere Tradition, das ist dir bewusst, oder? Dabei hatte ich gerade so schön alles vorbereitet.“
„Jetzt tu nicht so, als würden wir dich alle im Stich lassen“, versuchte Hyukjae weiter zu argumentieren. „Die anderen sind doch auch noch da.“
„Aber die anderen sind langweilig!“, hielt Kyuhyun weiter dagegen. Nun stehen geblieben und seinen Fokus so sehr auf seinen Gesprächspartner gerichtet, dass er es kaum mitbekam, dass er an die Seite geschoben wurde.
„Dankeschön“, sagte Yesung, während er die jetzt freie Kühlschranktür öffnete.
„Du hast dazu erst recht nichts zu sagen, du liegst doch eh kurz nach Anbruch des neuen Jahres im Bett.“
Yesung jedoch zuckte nur ziemlich gleichgültig mit den Schultern, während er die Tür mit einer Schüssel Salat in der Hand wieder schloss. „Wenn ich schon einmal zwei Tage hintereinander frei mache, kann ich doch auch mal meinen Schlaf nachholen, oder nicht?“
Einen Moment lang musterte Kyuhyun ihn, dann sah er wieder zu Hyukjae. „Siehst du? Langweilig.“
„Will ich wissen, was hier schon wieder los ist?“, mischte sich nun auch Ryeowook mit ein, der nun ebenfalls den Raum betreten hatte. Erneut war Hyukjae froh, dass sie nur zu viert wohnten, denn mit noch einer Person mehr, wäre es hier schon langsam zu eng geworden.
„Hyukjae meint unbedingt, an Silvester sein Zielobjekt verfolgen zu müssen“, erklärte Kyuhyun knapp, den Blick noch immer nicht von Hyukjae abgewendet.
„Da weiß ich halt, wo er hingeht und dann sehe ich auch endlich mal, mit wem er sich so in seiner Freizeit unterhält“, erklärte dieser nicht gerade zum ersten Mal an diesem Tag. „Es wäre dämlich, das nicht auszunutzen.“
„Das ist mit Sicherheit auch an anderen Tagen möglich.“
„Du sagst doch selbst immer, man sollte keine Chance vergehen lassen.“
„Jede Regel hat auch Ausnahmen. Du arbeitest im Moment eh zu viel.“
„Das stimmt allerdings“, mischte sich nun auch Ryeowook wieder ein, der es sich mittlerweile mit einer Flasche Wasser auf einem der Stühle bequem gemacht hatte. „Seitdem du Probleme hattest mit dem einen Auftrag, den du später abgebrochen hast, kommst du viel häufiger erst spät nach Hause, als würdest du dich deswegen deutlich mehr stressen. Und erst recht, nachdem wir uns gestritten haben.“ Einen Moment hielt er inne, dann fügte er noch ein wenig leiser hinzu: „Also zum zweiten Mal.“
Hyukjae wusste nicht ganz, was er dazu sagen sollte. Machten sie sich etwa Sorgen um ihn? Den Blicken nach zu Folge, die sie ihm gerade zuwarfen, sah es ganz danach aus. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht, dabei ergab es eigentlich Sinn. In der Realität war er gar nicht unbedingt länger mit seinen Aufträgen beschäftigt als sonst, wahrscheinlich sogar ein bisschen weniger, aber da es nun einmal das war, was er ihnen vorgaukelte, musste es langsam für sie an ein Wunder grenzen, dass er noch nicht vollkommen überarbeitet zusammenbrach. Und dass dies dann auch noch genau auf die anderen Ereignisse traf, half nur noch dabei, dieses Bild weiter zu verstärken. Und gerade Ryeowook schien wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben. Irgendwie musste er diesen Gedanken bei ihnen schnellstmöglich zerstören. Nicht nur, weil es so wahrscheinlicher wurde, dass er auffliegen würde, sondern auch, weil es sich für ihn durchaus falsch anfühlte, dass sie sich so unnötigerweise Sorgen machen mussten.
„Ich habe mir nur gedacht, es wäre vielleicht sinnvoll, meine Arbeitsstruktur ein wenig zu verändern“, erwiderte er daher so gelassen wirkend wie möglich. „Ich mache jetzt mehr Pause zwischendurch und lasse mir einfach ein wenig mehr Zeit, wenn die Umstände das zulassen. Es ist jetzt nicht so, als würde ich den ganzen Tag durcharbeiten. Macht euch da keine Sorgen. Ich habe mir nicht umsonst die Wohnung dort in der Nähe gemietet.“
„Und trotzdem willst du jetzt sogar unseren Feiertag ausfallen lassen.“
Nein, Kyuhyun sah tatsächlich nicht glücklich darüber aus. Es schien ihn sogar deutlich mehr zu stören, als Hyukjae erst gedacht hatte. Und erst da begann er auch langsam zu realisieren, woran das liegen könnte. Es lag nicht daran, dass sie dann darauf angewiesen waren, ohne ihn zu feiern, denn so sehr Kyuhyun auch gerade erst das Gegenteil behauptet hatte, wussten sie doch alle, dass die drei auch ohne ihn ihren Spaß haben konnten und das nur ein Versuch von ihm gewesen war, Hyukjae doch noch zu überzeugen. Und es lag auch zumindest nicht nur daran, dass er sich Sorgen um ihn machte, denn Hyukjaes Erklärung eben schien ihn doch ein wenig überzeugt zu haben. Nein, es schien eher daran zu liegen, dass Hyukjae langsam begann, sich von den anderen zu entfernen. Fast jeden Tag war er bei Donghae, sein halbes Leben drehte sich nur um Donghae und selbst wenn er gerade etwas anderes zu tun hatte, dachte er die meiste Zeit über an Donghae. Und jetzt ließ er sogar die Traditionen mit seinen Mitbewohnern, mit den Menschen, mit denen er nun schon so lange befreundet war, ausfallen, um diesen einen Tag ebenfalls mit Donghae verbringen zu können. Er entfernte sich wirklich von ihnen und sie schienen es schon deutlich vor ihm selbst bemerkt zu haben. Und doch, er konnte Donghae an diesem Tag auch nicht einfach so sitzen lassen. Beziehungsweise er wollte ihn nicht einfach so sitzen lassen. Das tat er bereits an den anderen Feiertagen, er wollte zumindest einen von ihnen mit ihm verbringen. Vor allem, wenn er sich wieder daran erinnerte, wie sehr dieser sich gefreut hatte. Er führte nun zwei Leben, da mussten beide nun einmal hier und da zurückstecken.
„An den anderen Tagen bin ich doch da“, versuchte er sich daher rauszureden. „Es ist jetzt nicht so, als wäre ich die kompletten Feiertagswochen weg.“
„Aber du verkürzt sie.“
„Um einen Tag.“
„Um den wichtigsten Tag.“
Darauf wusste Hyukjae nichts mehr zu erwidern, vor allem, weil ihm bewusst war, dass er sich nicht unbedingt rausreden sollte. Da hatte er kein Recht zu, immerhin entsprach dieser Vorwurf durchaus der Wahrheit. Sowohl der ausgesprochene als auch der unausgesprochene. Und als sein Blick zu Ryeowook wanderte, schien dieser ebenfalls auf der Seite des Jüngsten zu stehen.
Schließlich war es auch Kyuyhun, der erneut das Wort erhob. „Aber gut, ich kann dich da nicht aufhalten.“
Dann leerte er noch mit schnellen Schlucken das Glas, dass er gerade in der Hand gehabt hatte, bevor er es schließlich abstellte und die Küche verließ.
Einen Moment lang schaute Hyukjae ihm hinterher. „Er hat wirklich Angst, dass ich euch langsam aber sicher verlasse, kann das sein?“
Ryeowooks Antwort begann mit einem Seufzen. „Vor allem seitdem du dir deine eigene Wohnung besorgt hast, haben wir das ehrlich gesagt alle ein wenig.“
Das brachte Hyukjae dazu, sich zu ihm umzudrehen. Wenn er ihn genauer betrachtete, wirkte auch er besorgt, das stimmte wohl. Eine Entdeckung, die ihn nur noch schlechter fühlen ließ.
„Das ist nur, um mir die Arbeit zu erleichtern“, versuchte er den anderen zu beruhigen und zwang sich selbst zu dem positivsten Lächeln, dass er gerade hinbekam. „Ich werde hier schon nicht komplett ausziehen. Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was ich dann machen sollte? Ohne offizielle Ausbildung und alles?“
Zu seiner Erleichterung schien dieses Argument den anderen tatsächlich zu überzeugen. Einen Moment lang dachte er noch über seine Worte nach, dann nickte er kaum merklich und seine Miene begann sich aufzuhellen.
„Könnte ja auch sein, dass wir dich dann bald die nächste Straße kehren sehen“, hielt er dann wohl noch dagegen, aber Hyukjae konnte ihm ansehen, dass er das durchaus als Scherz meinte.
„Selbst dafür bräuchte ich einen lückenloseren Lebenslauf, als ich ihn im Moment habe“, argumentierte er weiter. Dieses Mal allerdings mit einem echten Lächeln. Und damit sollte er den anderen auch anstecken.
„Vielleicht hast du Recht“, gab dieser dann auch nach. „Du bist abgesehen von hier zu nichts zu gebrauchen.“
„So hätte ich das jetzt auch nicht formuliert, aber du verstehst meinen Punkt.“
„Wenn schon denn schon.“ Jetzt musste Ryeowook sogar lachen. Dann klopfte er ihm allerdings nur noch einmal kameradschaftlich auf die Schulter, bevor er sich bereits wieder zum Gehen wendete. „Trotzdem schade, dass du nicht dabei sein kannst an Silvester. Aber mach dir einen schönen Abend, soweit die Umstände das zulassen.“
Hyukjae schnaubte. „Ich werde mein Bestes geben.“
Erneut lachend verließ Ryeowook den Raum und Hyukjae sah ihm noch hinterher. Dabei trug er ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ja, er würde sich einen schönen Abend machen. Auch, wenn er noch keine Ahnung hatte, was ihn genau erwarten würde.

Was er allerdings wusste, war, wo sie als erstes hingehen sollten. Denn kaum war der letzte Tag des Jahres angerückt, begannen er und Donghae zu diskutieren, was sie allgemein unternehmen sollten. Da Donghaes Pläne sich aber eher auf den Neujahrstag zu beziehen schienen, beschloss Hyukjae, den restlichen Teil der Planung zu übernehmen. Und so trafen sie sich, als es bereits dunkel war, vor Donghaes Haustür.
„Bist du dir sicher, dass du warm genug angezogen bist?“, begrüßte Hyukjae seinen Freund, als dieser auf ihn zukam. Es war Ende Dezember und daher verdammt kalt. Und windig war es an diesem Tag auch noch.
„Ich habe eine dicke Jacke an und einen Schal. Du bist ja schlimmer als meine Mutter“, beschwerte dieser sich jedoch nur und blieb vor ihm stehen. „Okay, wohin?“
Einen Moment lang musterte Hyukjae ihn noch skeptisch, dann gab er allerdings auf und beschloss, ihm zu antworten. „Nach Yokohama.“
„Yokohama?“, fragte Donghae erstaunt. „Warum fliegen wir nicht gleich zurück nach Korea?“
Diese Reaktion brachte Hyukjae zum Lachen. Dann packte er den anderen aber auch schon am Handgelenk und begann, ihn hinter sich herzuziehen. „Da ist etwas, was ich dir zeigen wollte“, erklärte er. „Und stell dich nicht so an, so weit ist es nun auch nicht.“
Er hatte Recht. Es gab wohl einige Feuerwerke und ähnliches, die deutlich näher an ihnen dran waren, aber noch nicht einmal eine Dreiviertelstunde später waren sie an ihrem Ziel angelangt. Denn trotz Feiertagsverkehr war die Zuganbindung alles andere als schlecht und zudem wusste Hyukjae genau, wo sie langmussten. Dies war eines der ersten Feuerwerke gewesen, die er seitdem er von Zuhause weggelaufen war, gesehen hatte. Damals schon war es Kyhuhyun gewesen, der den kompletten Abend für sie alle durchgeplant hatte und an dem Tag war es ihnen sogar gelungen, Yesung mitzunehmen. Da Silvester eigentlich eher ein Familienfeiertag war, waren sie in ihrer Gruppe schon hier und da mal aufgefallen, aber das hatte sie nicht weiter interessiert und sie hatten auch so ihren Spaß gehabt. Sogar so viel, dass Hyukjae sich nicht mehr wirklich daran erinnern konnte, wie alles geendet hatte und wie sie wieder zurückgekommen waren. Denn Bier und Sake hatten sie auch an dem Tag ausreichend finden können. An diesem Tag würden die anderen allerdings nicht hierhinkommen, dass wusste er. Immerhin hatte Kyuhyun ihm ihren Plan mehrfach gründlich genug vorgelesen, einfach um sicherzugehen, dass Hyukjae sich auch auf jeden Fall bewusst war, was er verpassen würde. Daher war dies also nicht nur ein schöner, sondern auch ein sicherer Ort. Und auch Donghaes Augen sollten anfangen zu strahlen, als sie ihn schließlich erreichten. Er lag direkt am Hafen, das Wasser funkelte durch all die reflektierenden Lichter um sie herum. Überall waren Menschen, größtenteils Familien, auch mit älteren und jüngeren Kindern. Hier und da sahen sie auch ein paar Pärchen, die händehaltend durch die Massen spazierten und sich ebenfalls an dem Ausblick erfreuten. Hyukjae musste sich wirklich zusammenreißen nicht dasselbe zu tun, denn so wenig diese Pärchen auch beachtet wurden, war ihm schon klar, dass Donghae und er dann doch ein paar Blicke mehr auf sich ziehen würden. Und doch wehrte er sich kein bisschen, als sie nach ein wenig hin und herlaufen einen festen Platz gefunden hatten, um dort auf den Sprung ins nächste Jahr zu warten, und sein Freund nach ein wenig Zögern seinen Kopf an Hyukjaes Schulter lehnte. Stattdessen zauberte dies nur ein breites Lächeln in sein Gesicht.
„Also ist Yokohama doch nicht so schlecht?“ fragte er, während auch die Menschen um sie herum sich langsam ihre Plätze suchten. Es waren keine fünf Minuten mehr bis Mitternacht.
„Meinetwegen können wir hier auch nächstes Jahr hin.“
Hyukjae schmunzelte. „Du planst schon weit voraus.“
Das brachte Donghae dazu, den anderen einfach nur anzulächeln. Und genau wie das Wasser reflektierten auch in seinen Augen die unterschiedlichsten Lichter. Da waren sie wieder: Die dunklen Seen, von denen es so schwer war, sich wieder loszureißen. Und das einzige, was ihn in dem Moment davon abhielt, ihn zu küssen, war die Tatsache, dass sie hier in der Öffentlichkeit waren. Daher erwiderte er nur einen Moment lang dieses Lächeln, bevor er sich wieder losriss und seinen Blick wieder über das Wasser schweifen ließ. Auch Donghae schien dies zu merken, weshalb er einmal kurz lachte und dann seinen Kopf noch weiter in Hyukjaes Schulter hineinkuschelte. Und so blieben sie dann auch stehen, bis es endlich zwölf Uhr schlug. Sie lauschten den Menschen, die um sie herum jubelten und dem lauten Knallen des Feuerwerks und beobachteten fasziniert, wie es den Himmel erleuchtete. Und ohne, dass es wirklich jemand mitbekam, ließ Hyukjae seine Hand in die Jackentasche des anderen gleiten, in der dessen Hand sich bereits seit Minuten vor der Kälte schützte. Von der festen Umarmung zur Feier des neuen Jahres ließen sie zwar ab, aber wenn sie das schon nicht haben konnten, dann konnten sie sich doch wenigstens das erlauben. Es beachtete sie doch eh niemand.
Erneut sollte er damit Recht behalten. Zumindest für ein paar Minuten, denn dann begannen ihre beiden Handys zu vibrieren. So lösten sie sich also wieder voneinander, um nachzuschauen, wer ihnen eigentlich geschrieben hatte.
Hyukjae musste schmunzeln, als er die Nachrichten las, die seine Mitbewohner bereits in ihren Gruppenchat geschrieben hatten.
Kyuhyun: Viel Spaß beim Arbeiten, Hyukjae, du verpasst hier gerade den Abend deines Lebens!
Ryeowook: Hör nicht auf ihn, er hat mal wieder zu viel getrunken.
Kyuhyun: Habe ich nicht! Whoop ~ Whoop!

Es folgte ein Foto mit einem genervt in die Kamera schauenden Yesung, während Kyuhyun selbst neben ihm am Grinsen war. Die Belichtung war alles andere als optimal aber soweit Hyukjae es erkennen konnte, war sein Kopf schon recht rot.
Kyuhyun: Sogar Yesung sitzt noch hier!
Yesung: Aber nicht mehr lange.
Kyuhyun: Spielverderber!
Ryeowook: Kyu, er sitzt wortwörtlich neben dir, du musst es ihm nicht schreiben.
Kyuhyun: Sagst gerade du.
Ryeowook: Ich versuche ja mit dir zu reden, aber du hörst mir nicht zu.
Hyukjae: Euch auch allen ein frohes Neues.
Kyuhyun: Er hat geantwortet! Und ich dachte, du wärst am Arbeiten?

Darauf würde Hyukjae aber nicht mehr antworten. Nicht mehr an dem Tag zumindest. Er würde sie später eh wiedersehen und er wusste, dass die anderen wahrscheinlich eh nicht ganz nüchtern waren. Noch nicht einmal Ryeowook, da konnte er das noch so oft behaupten, wie er wollte. Wahrscheinlich würde es eh nur wieder damit enden, dass Kyuhyun sich ein Kleidungsstück nach dem anderen auszog und das geschah häufig genug, wenn er erst einmal betrunken war, dass Hyukjae auf die Story auch noch einen Tag warten konnte. Noch immer belustigt vor sich hin grinsend schaltete er sein Smartphone auf stumm und steckte es sich wieder in die Tasche. Nur um zu sehen, wie Donghae noch immer fleißig am Tippen war. Einen Moment lang wartete er noch, dann beugte er sich aber doch ein wenig vor, um zu schauen, was er da gerade tat.
„Hey!“, beschwerte dieser sich sofort, während er den Bildschirm weiter von den neugierigen Blicken seines Freundes wegdrehte. „Ich muss eben meiner Familie antworten. Und meiner Mannschaft.“
„Das dauert erstaunlich lange.“
Ursprünglich hatte Hyukjae es so geplant, dass dieser Satz sich mehr wie eine Neckerei als wie ein eifersüchtiger Kommentar anhören sollte, aber dass ihm dies nicht ganz gelungen war, merkte er spätestens in dem Moment, als sein Freund daraufhin tatsächlich den Kopf hob und ihn belustigt anlächelte.
„Da verbringe ich nur einmal kurz Zeit damit, mich mit anderen zu unterhalten…“
Peinlich berührt begann Hyukjae sich am Hinterkopf zu kratzen. „So war das nicht gemeint…“, begann er, doch als er sah, wie das Grinsen des anderen nur noch breiter wurde, gab er auf. Das hatte keinen Zweck. Er war aufgeflogen. Aber zu seinem Erstaunen musste er feststellen, dass Donghae tatsächlich sein Handy nun ebenfalls auf lautlos stellte und wegsteckte. „Dann lass uns aber wenigstens schauen, was hier an den Ständen verkauft wird. Gegen etwas kleines zu essen hätte ich jetzt nichts einzuwenden.“
Einen Moment lang musterte Hyukjae ihn noch nachdenklich, dann breitete sich aber auch bei ihm wieder ein Grinsen aus und zum zweiten Mal an diesem Abend packte er ihn am Handgelenk und begann, ihn hinter sich herzuziehen.
„Du magst doch Mochi, oder?“
„Eigentlich schon“, begann Donghae ein wenig verwirrt. „Warum?“
Wie als hätte er es geplant, kamen sie genau dann an einem kleinen Stand an, der sogar Mochis verkaufte.
„Mochis sind eine traditionelle Speise für das Neujahrsfest hier in Japan“, erklärte Hyukjae, während er sich in die Schlange einreihte. Sie war wohl relativ lang aber die Verkäufer waren schnell. Sie müssten nicht lange warten. „Und um dich vollkommen hier in diesem Land willkommen zu heißen, lass mich dir heute einen kaufen.“
Donghae schmunzelte. „Ich lebe hier jetzt schon fast ein halbes Jahr lang. So neu bin ich hier auch nicht.“
Eine Aussage, die allerdings keinesfalls eine Ablehnung des Angebots sein sollte, das zeigte sein Lächeln. Ein Lächeln, das für einen kurzen Moment der Verwirrung wich, als mit einem Mal jemand seinen Namen rief. Doch auch bevor diese Person aus der Menge hervortrat und Donghae glücklich umarmte, wusste er bereits, um wen es sich handelte. Dafür hatte er die Stimme seines Trainers schon häufig genug gehört. Aber zu Hyukjaes Glück schien er ihn gar nicht erst zu bemerken. Denn er war sich nicht sicher, ob er ihn vielleicht erkennen würde. Immerhin war er oft genug im Stadion gewesen und hier und da hatte er mitbekommen, dass er ihn gesehen hatte. Das auch an Tagen, an denen Donghae eigentlich dachte, dass er ganz wo anders gewesen wäre. Er hatte sich halt nicht vor jedem verstecken können.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du auch hier bist!“, erklärte Donghaes Trainer noch immer fröhlich. „Frohes neues Jahr!“
Doch kaum, dass Donghae begann ihm zu antworten, sollte er merken, dass der Gedanke, er würde so lange unentdeckt bleiben, bis der andere wieder verschwunden war, nichts weiter als eine naive Hoffnung gewesen war.
„Frohes neues“, erwiderte sein Freund mit dem besten Japanisch, das er mittlerweile draufhatte. „Wir hatten das auch…“
Dann war es jedoch vorbei. Fragend drehte er sich zu Hyukjae um, um ihn nach der fehlenden Vokabel zu fragen. „Spontan?“
Donghaes Blick folgte auch der Blick des Trainers und Hyukjae musste sich zusammenreißen, um sich nichts anmerken zu lassen, während er dem anderen die entsprechende Übersetzung mitteilte.
Dankbar lächelnd drehte er sich wieder um, um seinen Satz zu Ende zu führen. „Wir hatten das auch heute spontan entschieden.“
Die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Trainers hatte er damit allerdings nicht wiedererlangt. Zu sehr war dieser nämlich nun auf Hyukjae fokussiert.
„Ist das der Freund, der dich bei deinem Japanisch unterstützt?“
Alles, was Hyukjae tun konnte, war ihm ein freundliches Lächeln zu schenken, während er merkte, wie sein Herz immer und immer schneller zu schlagen begann. Eigentlich hätte er ihn oft genug sehen müssen, um ihn zu erkennen. Eigentlich konnte es nicht sein, dass er ihn nicht erkannte. Und doch… falls er ihn wirklich erkennen sollte, ließ er sich zumindest nichts anmerken. Konnte es sein, dass er sich einfach nicht gut Gesichter merken konnte? Konnte es sein, dass das Licht zu schlecht war? Es war immerhin mitten in der Nacht.
Diese Gedanken ließen ihn ein wenig Hoffnung schöpfen und er traute sich sogar, wieder zu Donghae herüberzuschauen. Diesem schien dieses Gespräch allerdings mit einem Mal recht unangenehm geworden zu sein.
„Ja, genau der Freund ist das.“
Ein freundliches Lachen entfloh der Kehle des etwas älteren Mannes. „Dann verbindet euch aber wirklich eine enge Freundschaft. Ich bin hier mit meiner Frau und meinem Sohn.“
Diese Aussage war durchaus freundlich gemeint gewesen, aber Hyukjae konnte erkennen, wie Donghae unweigerlich zusammenzuckte, verzweifelnd versuchend, sein Lächeln aufrecht zu erhalten. „Unsere Familien wohnen halt zu weit weg, dann dachte wir, wir können ja auch zusammenfeiern.“
„Meine Güte Donghae, jetzt versteif dich doch nicht so!“, lachte sein Trainer erneut, während er ihm auf die Schulter klopfte. „Ist doch schön, wenn euch eine enge Freundschaft verbindet. Freunde braucht man genug im Leben.“
Nun war Hyukjae erst recht froh, dass ihn niemand beobachtete, denn er konnte es sich gerade wirklich nicht verkneifen, bei dem Anblick seines Freundes wie doof zu grinsen. Donghae schien wirklich nicht mehr zu wissen, was er darauf noch erwidern sollte. Aber bevor er sich doch noch irgendwelche Worte ausdenken musste, wurde er auch wieder entlassen, denn so schnell wie der andere auch dazugekommen war, verabschiedete er sich jetzt auch schon wieder.
„Ich muss jetzt wirklich wieder gehen“, entschuldigte er sich, während er eben noch die letzten paar Meter bis zum Stand überbrückte. „Ich hatte eigentlich nur eben schnell ein paar Mochis für meine Familie besorgen wollen.“
Dann wendete er sich allerdings noch einmal Hyukjae zu, indem er ihm einen kleinen Pappteller mit zwei Stück zuschob. „Ihr hattet vorher bestellt, ich glaube, das sind eure.“
Ganz in das Gespräch eben noch vertieft, hatte Hyukjae seine Bestellung und Bezahlung unterbewusst genug gemacht, dass er gar nicht mehr mitbekommen hatte, dass seine Bestellung bereits fertig war. Nun war er es wieder, dem das Gespräch unangenehm wurde. Mit einem kurzen und peinlich berührten „Danke“, nahm er den Teller an und deutete noch eine knappe Verbeugung an, bevor der andere sich endlich wieder von ihm abwendete, sich auch noch kurz bei Donghae verabschiedete und dann wieder in der Menge verschwand. Ohne ein Wort zu sagen hielt er seinem Freund den Teller hin, sodass dieser sich seine Portion herunternehmen und Hyukjae den Müll in seiner Tasche verschwinden lassen konnte. Keiner von ihnen sagte ein Wort, während sie beide aßen, erst danach war es Donghae, der das Schweigen brach.
„Ich habe ihm übrigens nicht von uns erzählt, falls es dir nicht aufgefallen sein sollte.“
„Glaub mir, das ist mir aufgefallen.“
„Dann ist ja gut.“
Das war es dann auch wieder mit ihrem Dialog. Sie beide hätten durchaus auf dieses Gespräch verzichten können, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Hyukjaes Gedanken sollten allerdings aufhören, darum herum zu schweben, in dem Moment, als sein Freund erneut das Wort ergriff.
„Tut mir wirklich leid. Es ist nicht so, als wäre es mir peinlich oder so es ist nur…“, begann er. Nicht ganz fähig, diesen Satz zu Ende zu bringen. Was aber auch nicht nötig war, Hyukjae verstand ihn auch so. Zumindest worauf er hinauswollte. Warum er sich so schlecht zu fühlen schien, war ihm stattdessen eher ein Rätsel.
„Das muss dir doch nicht leidtun, ich hätte es an deiner Stelle auch nicht anders gemacht.“
Noch immer deutlich verunsichert ließ Donghae seinen Blick nun zu ihm wandern. „Bist du dir da sicher? Nicht, dass du denkst, du wärst mir nicht wichtig oder so. Du bist das Beste, was mir dieses Jahr…. Letztes Jahr überhaupt geschehen konnte.“
Dieser Satz brachte Hyukjae wieder zum Lächeln. Das und diese Verunsicherung und Schüchternheit.
„Ich habe es meinen Kollegen auch nicht erzählt. Das würde nur zu Problemen führen.“
Auch, wenn er vielleicht andere Kollegen und auch andere Probleme meinte, als Donghae jetzt denken musste, entsprach das doch der Wahrheit. Er hatte es ihnen nicht erzählt und selbst jetzt, da sie bereits ein paar Monate zusammen waren, war das noch immer eines der letzten Dinge, die er tun würde. „So lange wir es wissen, reicht das doch.“
Einen Moment lang schien Donghae über diese Wörter nachzudenken, dann schien er allerdings zu beschließen, ihnen zuzustimmen. Kurz lächelte er ihn noch an, dann trat er allerdings einen Schritt vor, und zog Hyukjae in die festeste Umarmung, die möglich war, ohne den anderen zu ersticken.
Hyukjae war sich bewusst, dass das hier dieses Mal etwas war, was mit Sicherheit nicht unbemerkt bleiben würde, aber dennoch konnte er nicht verhindern, dass sich sein Lächeln nun von einem Ohr zum anderen ausweitete. Und somit beschloss er, diese Umarmung zu erwidern, seine Nase in den Haaren des anderen zu vergraben, die Nähe für einen Moment zu genießen und die Blicke der anderen zu ignorieren.
„Frohes neues Jahr“, murmelte Donghae in seine Schulter hinein.
„Frohes neues Jahr“, erwiderte auch Hyukjae.

Ein wenig waren sie danach noch an dem Ufer herumgelaufen, bis sie beschlossen hatten, langsam den Heimweg anzutreten. So gut gelaunt sie auch beide waren, hatte Hyukjae allerdings bereits auf dem Weg zu ihrer Station sehen können, dass sein Freund langsam wirklich am Frieren war. Da sie kurz darauf allerdings im warmen Zug saßen, sagte er dazu erst was, als sie wieder draußen und auf ihrem Weg zurück zum Apartment waren.
„Ich habe doch gesagt, du hättest dich wärmer anziehen sollen.“
„Mir ist warm genug“, hielt Donghae dagegen, doch als Hyukjae ihm daraufhin einen prüfenden Blick zuwarf, konnte er schon allein an dessen hochgezogenen Schultern erkennen, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprechen konnte. Daher blieb er stehen.
„Warte kurz.“
Irritiert schaute Donghae ihn an, bis er langsam zu merken schien, was der andere vorhatte. „Du musst mir jetzt nicht deine Mütze geben, das geht schon.“
Hyukjae jedoch schenkte ihm keinerlei Aufmerksamkeit und stülpte seinem Freund stattdessen die Mütze, die er eben noch getragen hatte, über den Kopf. Ein wenig schob er sie noch zurecht, dann ging er wieder einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.
„Ich glaube, die steht dir sogar besser als mir.“
„Wird dir jetzt nicht kalt?“
„Es geht. Wenn wir jetzt nicht zu sehr herumtrödeln, werde ich schon nicht auf den restlichen paar Metern erfrieren.“
Dass dieser Satz ein Fehler war, konnte er an Donghaes daraufhin auftauchenden schelmischen Grinsen erkennen.
„Wenn wir nicht zurückgehen, sondern stattdessen zurücklaufen, sind wir nicht nur schneller, dir wird sogar noch warm währenddessen.“
„Nein, Donghae, wir müssen jetzt nicht-“, begann Hyukjae alles andere als motiviert, doch da hatte sein Freund bereits begonnen loszurennen. „Hey, warte auf mich!“
„Nicht, wenn du so langsam bist!“, rief ihm dieser über die Entfernung zu, die er bereits zurückgelegt hatte. Und wie es bei diesen Herausforderungen meistens der Fall war, schaffte es auch dieser Satz, Hyukjae dazu zu bringen, dem anderen hinterher zu rennen.
„Sag das bloß noch einmal!“, rief er ihm unter Lachen zu, während er so schnell er konnte über das Pflaster sauste. Wie gut, dass Tokios Seitenstraßen zumindest an Feiertagen zu dieser Uhrzeit in der Regel recht leer waren, sonst hätte sie noch jemand für komplett durchgedreht gehalten. Aber das taten wahrscheinlich auch schon so einige der Anwohner, denn umso weiter die Distanz zwischen ihnen wurde, desto lauter wurden ihre Stimmen. „Hey, Lee Donghae, bleib gefälligst stehen!“
Dieser wollte allerdings kein bisschen auf ihn hören. Stattdessen lief er einfach nur weiter. Wissend, dass seine Ausdauer um einiges besser war als die seines Freundes. „Erst, wenn du mich einholst!“
„Das passiert schneller, als es dir lieb ist!“
Doch so selbstbewusst er auch klang, er spürte doch, wie die Kräfte ihn langsam verließen und so begann er auch, sein Tempo ein wenig herunter zu drosseln. Etwas, was Donghae durchaus mitbekommen zu schien, denn nach einem kurzen Blick nach hinten, ließ auch er sich eben noch auslaufen, bevor er siegreich grinsend stehen blieb. Zumindest solange, bis Hyukjae bei ihm angekommen war, dann schob er ihn nur mit dem Rücken voran in die schmale Seitenstraße, an dessen Einmündung er angehalten hatte, um ihn direkt darauf an eine Hauswand zu drücken. Das alles war so plötzlich geschehen, dass Hyukjae gar nicht erst die Möglichkeit hatte, zu reagieren. Stattdessen erwiderte er nur etwas überrascht Donghaes Blick, der dieses schelmische, freche Grinsen von eben nur noch fortsetzte.
„Jetzt drängst du mich also schon in dunkle, verlassene Gossen hinein. Ich verstehe.“ Seine Stimme war nun nicht mehr weit von einem Flüstern entfernt. Im Gegensatz zu vor gerade einmal einer halben Minute, waren sie nun alles andere als weit voneinander entfernt. Im Gegenteil: Donghaes Unterarm war noch immer auf seiner Brust platziert und er konnte seinen warmen Atem in seinem Gesicht spüren.
„Mir war gerade danach.“
„Und du denkst nicht, wir sollten uns das aufsparen, bis wir wieder im Apartment sind?“
Obwohl er diese Frage gerade selbst gestellt hatte, machte Hyukjae doch keinerlei Anstalten, etwas an ihrer Situation zu ändern. So plötzlich sie vielleicht auch eingetreten war, konnte er sich doch nicht davon losreißen. Dafür spürte er die Berührung seines Freundes zu genau, dafür strahlten seine dunklen Augen ein zu großes Verlangen aus, dafür waren seine Lippen viel zu nah. Obwohl dies nicht gerade selten geschah, merkte er doch mal wieder, wie sein Herz ihm bis zum Hals schlug. Wie schaffte Donghae es immer wieder, so etwas in ihm auszulösen?
Und ehe er sich versah, spürte er auch schon gleich dessen Lippen auf seinen. Ohne zu zögern erwiderte er den Kuss. Zuerst noch recht sanft, dann aber deutlich gieriger werdend, bevor er dann schließlich seine Hände zu den Hüften des anderen wandern ließ und begann, ihn noch weiter an sich heranzuziehen. Etwas, worauf sich Donghae nur viel zu gerne einließ.
Wie weit sie an Ort und Stelle noch gegangen wären, sollte allerdings für immer ein Rätsel bleiben, denn in dem Moment flog auch schon der erste Stein gerade so über ihren Köpfen hinweg. Überrascht lösten sie sich voneinander und starrten in die Richtung des älteren Mannes, der wütend in einer offenen Tür stand. Unter seinen Augen lagen tiefe Augenringe und auch sonst wirkte er recht gestresst.
„Erst die ganze Stadt zusammenschreien und jetzt auch noch das. Seht zu, dass ihr hier wegkommt!“
Noch immer etwas überrascht blieben sie beide nur an Ort und Stelle stehen und starrten ihn weiter an. Zumindest so lange, bis auch schon der nächste Stein folgte, dieses Mal allerdings mit deutlich besserer Zielführung. Gerade so konnten sie sich noch darunter wegducken, dann spürte Hyukjae auch schon eine andere Hand in seiner und ehe er sich versah, wurde er auch schon von Donghae im Laufschritt hinter sich hergezogen. Von Donghae, der auf dem ganzen Weg bis zu seiner Wohnung kein einziges Mal aufhörte zu Lachen und Hyukjae sollte es da kein bisschen anders ergehen.

Was sie in der schmalen Seitenstraße begonnen hatten, sollten sie, kaum, dass sie in dem Apartment angekommen waren, auch schon weiterführen und kurz danach lag Hyukjae an Donghaes Brust gekuschelt auch schon schlafend im Bett. Diese Ruhe sollte allerdings nicht gerade lange anhalten. Denn schon eine Zeitspanne später, die sich für ihn angefühlt hatte wie nur ein paar Minuten, konnte er spüren, wie ihm jemand viel zu begeistert auf der Schulter herumtippte.
„Komm, steh auf!“
„Ist es nicht mitten in der Nacht?“, murrte Hyukjae und versuchte, sich von Donghae wegzudrehen, doch dieser packte ihn noch früh genug an besagter Schulter, um ihn daran zu hindern.
„Na und? Du wirst doch wohl mal eine Nacht durchmachen können.“
„Durchmachen ist durchmachen. Jetzt bin ich bereits für ein paar Minuten eingenickt. Das macht das deutlich schwerer.“
„Ein paar Minuten? Das waren ein paar Stunden.“
„Ist mir egal.“
Seinem Freund jedoch war es nicht egal. Denn kaum, dass er merkte, dass er auf die sanfte Art nicht an sein Ziel kommen würde, beschloss er stattdessen, dem anderen die Decke wegzuziehen.
„Hey!“ beschwerte dieser sich sofort und versuchte noch, nach ihr zu greifen, doch er war zu langsam. Daher spürte er sofort, wie die recht kühle Luft ungehindert an seine nackte Haut drang. Etwas, was Donghae auch aufzufallen schien, denn sofort warf er ihm mehrere Kleidungsstücke entgegen. Und das nicht ohne einem wissenden Grinsen im Gesicht.
Einen Moment lang weigerte Hyukjae sich noch, auf sein Angebot einzugehen, dann sollte die Kälte aber seinen Trotz besiegen und er ging der unausgesprochenen Aufforderung nach. Kaum hatte er dies getan, nahm Donghae ihn an der Hand und begann, ihn hinter sich her in Richtung Tür zu ziehen.
„Was hast du vor?“, murrte Hyukjae fragend. Selbst während des Gehens fiel es ihm schwer, die Augen offen zu halten. Sein Freund dagegen war das komplette Gegenteil. Vor Aufregung und Tatendrang praktisch strahlend, schlüpfte er schnell in seine Schuhe und seine Jacke und wartete darauf, dass Hyukjae dasselbe tat.
„Ich hatte doch noch etwas vorbereitet, erinnerst du dich nicht mehr?“
Doch, da war etwas gewesen. An dem letzten Abend war nur genug passiert, dass er da nicht mehr weiter dran gedacht hatte. Donghae schien dies aber nie komplett vergessen zu haben. So wie er jetzt aussah, hatte er sich wahrscheinlich trotz allem bereits den ganzen Tag darauf gefreut. Und auch jetzt schob er Hyukjae durch die Tür hindurch nach draußen, bevor er diese abschloss und mit schnellem Schritt vormarschierte. Hyukjae musste sich anstrengen, in seinem Zustand hinterherzukommen. Vor allem, weil ihr Weg sie gefühlt durch die halbe Stadt führte.
„Also wenn du jetzt schon wieder zurück nach Yokohama willst, können wir auch die Metro nehmen.“ Langsam merkte Hyukjae, wie er ein wenig wacher wurde. Die Bewegung begann seinen Körper aus dem Halbschlaf herauszubekommen, in dem er bis dahin noch gewesen war, und die kühle und klare Luft trug ebenfalls ihren Teil dazu bei. Aber trotzdem hätte er noch immer nichts dagegen einzuwenden, wenn sie sich jetzt wieder umdrehen und in ihr Bett zurückkehren würden. Dass das allerdings nicht Donghaes Plan war, merkte er spätestens dann, als sie vor einem Parkplatz zum Stehen kamen und dieser mit einem Mal einen Autoschlüssel hervorholte. Verdutzt beobachtete Hyukjae ihn dabei, wie er auf einen der Wagen zuging.
„Warte… Wo hast du das Auto her?“
„Gemietet.“
„Und seit wann kannst du Auto fahren?“
„Ich komme aus einem Dorf, vergiss das nicht“, antwortete Donghae leicht belustigt, bevor er die Beifahrertür öffnete und einsteigen wollte.
„Hier ist Linksverkehr.“
Als auch er seinen Fehler bemerkte, warf Donghae ihm ein entschuldigendes Lächeln zu, bevor er um das Auto herumging und dieses Mal die Fahrertür öffnete. „Kommst du?“
Einen kurzen Moment lang zögerte Hyukjae noch, dann gab er schließlich nach und folgte ihm. In dem Wagen konnte er es sich wenigstens wieder bequem machen und auch, wenn so ein Sitz noch lange nicht an ihr Bett herankommen würde, so war er doch noch immer besser als draußen in der Kälte zu stehen. Und kaum, dass er eingestiegen war, merkte er auch schon, wie Recht er damit gehabt hatte. Endlich konnte er seine Beine wieder ausstrecken und sich wieder zurücklehnen, während die warme Luft der Heizung ihm entgegenpustete. Und statt darauf zu achten, wohin sie eigentlich unterwegs waren, schloss er einfach die Augen und lauschte dem Radio und gleichzeitig Donghaes leisem Gesang. Eine unendliche Ruhe umfing ihn, während sie so durch die Gegend fuhren, und im Nachhinein war er sich sicher, dass er wieder eingeschlafen war. Denn ansonsten hätte Donghaes begeisterte Stimme ihn nicht so erschrocken.
„Wir sind da!“
Sofort riss er die Augen auf. Um sie herum war es noch immer dunkel und nach nur ein paar Sekunden realisierte er, dass es sogar deutlich dunkler war als da, wo sie gestartet waren.
„Und das ist wo?“
Verwirrt schaute er sich um. Aus dem Auto heraus konnte er nicht viel erkennen. Nichts als Wald, um genau zu sein.
„Wir waren hier letztens einmal fürs Training. Ausdauerlauf und so. Unser Trainer wollte mal was ausprobieren“, erklärte Donghae, nachdem er sich abgeschnallt hatte und nun dabei war, auszusteigen. Kaum, dass er wieder die Tür geöffnet hatte, wehte Hyukjae die eiskalte Luft von draußen entgegen. Und diese Antwort war auch nicht gerade etwas, was ihm weiterhelfen sollte.
„Und jetzt willst du hier mit mir Joggen gehen? Mitten in der Nacht?“
Donghae hatte die Tür allerdings schon wieder zugeschlagen und hörte daher kein Wort von dem, was er sagte. Und er sah auch nicht so aus, als würde er allzu schnell wieder reinkommen.
Seufzend gab Hyukjae schließlich nach. Umso schneller sie hier durchwaren, desto eher war er wieder im Bett. Und so öffnete auch er seine Tür und trat aus. Nur, um erneut verdutzt stehen zu bleiben. Der Wald, den er vorher bereits gesehen hatte, nahm selbst von hier aus betrachtet kein Ende mehr.
„Sind wir hier mitten im Nichts?“, fragte er irritiert, aber auch dieses Mal sollte er keine Antwort erhalten.
„Folg mir einfach.“
Mürrisch ließ sich Hyukjae an seiner Hand hinter seinem Freund hinter sich herziehen. Im Gegensatz zu ihm wirkte dieser hellwach, während er so vor ihm im Dunkeln durch das Unterholz stolperte. Hier war wirklich weit und breit keine Seele zu sehen. Vielleicht lag das daran, dass es noch immer ein Feiertag und zudem mitten in der Nacht war und die meisten wohl noch am Schlafen waren, oder es lag daran, dass es sich hier tatsächlich um einen der generellen Bevölkerung eher unbekannten Ort handelte. Da Hyukjae, so sehr er auch gerade in seinen Erinnerungen herumgrub, sich nicht daran erinnern konnte, ihn schon einmal gesehen zu haben, ging er einfach von einer Kombination aus beidem aus.
„Wenn es dein Ziel war, eine frühmorgendliche Waldwanderung zu machen, hätten wir das auch ein wenig später machen können“, gähnte Hyukjae nach einer Weile. Er hatte absolut keine Ahnung, worauf sein Freund hinauswollte. Und wo er eigentlich hinwollte. „Die Sonne geht ja gerade erst auf.“
Das brachte Donghae dazu, in den Himmeln zu schauen, als würde er seine Worte überprüfen wollen. „Noch nicht. Ein wenig Zeit haben wir noch.“
„Ein wenig Zeit wofür?“
Diese Frage sollte ihm jedoch ebenfalls nie beantwortet werden, denn mit einem Mal blieb Donghae vor ihm stehen, bevor er sich mit einem breiten Lächeln zu ihm umdrehte.
„Schließ deine Augen.“
„Meine Augen? Willst du, dass ich hier komplett einschlafe?“
„Schließ einfach deine Augen und vertraue mir“, betonte Donghae noch einmal, ohne sich von der Ungeduld seines Freundes einkriegen zu lassen. Was sich auch lohnen sollte, denn nach nur kurzem Zögern ging dieser seiner Aufforderung tatsächlich nach. Wie auch immer er sich die ganze Zeit überreden ließ.
„Ja gut, ich mache ja schon. Aber ich hoffe für dich, es lohnt sich.“
Kaum hatte er das gesagt, hörte er Donghaes Schritte erst auf ihn zukommen und dann um ihn herumgehen, bis er auch schließlich seine Hände auf seinen Schultern spürte, die nun begannen, ihn vorsichtig aber bestimmend in eine Richtung zu schieben. „Keine Sorge, das wird es schon.“
Auch ohne ihn sehen zu können, wusste Hyukjae ganz genau, dass er dieses breite Lächeln noch immer nicht abgesetzt hatte. Er schien sich wirklich auf irgendwas zu freuen und bald schon würde Hyukjae herausfinden, was das war. Denn kurz danach blieben sie bereits wieder stehen. Einen Moment lang geschah nichts.
„Sind wir da?“, fragte Hyukjae nach. Wenn er seinem Freund auch eigentlich vertraute, würde er doch langsam gerne wissen, was los war.
„Noch nicht. Ich bin nur gerade am Überlegen, wo wir noch einmal langmüssen.“
„Donghae, sag mir bitte nicht, wir haben uns verlaufen.“
„Als verlaufen würde ich das noch nicht bezeichnen. An den Rückweg kann ich mich glaube ich noch grob erinnern.“
Als Hyukjae sich daraufhin zu ihm umdrehen wollte, musste er aber anfangen zu lachen.
„Das war nur ein Scherz, wir sind da“, klärte er ihn noch immer durchaus belustigt auf und packte ihn gerade noch rechtzeitig an den Schultern, um ihm am Drehen zu hindern.“
Ausnahmsweise war Hyukjae einmal sprachlos. Genau das war der Grund, weshalb er ihm nur größtenteils vertraute und nicht komplett. Und doch konnte er nicht leugnen, dass er bei einer Sache Recht gehabt hatte. Denn als es schließlich doch soweit war und Donghae ihm begeistert auf die Schulter klopfte und ihm endlich die Erlaubnis gab, die Augen zu öffnen, hatte er einen Anblick vor sich, der ihn beinahe von den Füßen haute. Es war mittlerweile schon ein wenig heller geworden, doch die Stadt erstreckte sich vor ihnen noch immer wie ein schwarzes Skelett einzig und allein gefüllt mit Lichtern. Sie waren wohl ein gutes Stück von ihr entfernt, aber sie schaffte es dennoch, Hyukjaes Blick auf sich zu lenken. Zumindest solange, bis Donghae ihm erneut auf die Schulter klopfte und mit seinem Finger in eine andere Richtung zeigte. Und als Hyukjae diesem Finger folgte, erkannte er auch das, was Donghae meinte. Es waren die ersten paar Sonnenstrahlen, die langsam hervorlugten und den Start des neuen Tages ankündigten.
„Die ersten Sonnenstrahlen dieses Jahres“, begann Donghae zu erklären, während er seine Arme um Hyukjae legte und sich an seinen Rücken schmiegte, das Kinn auf dessen Schulter abgelegt. Sofort lehnte dieser sich ein wenig in die Umarmung hinein und legte seine eigene Hand auf die des anderen, um ihre Finger miteinander zu verschränken. Ihre Hände waren vielleicht eiskalt und sie trugen auch beide dicke Jacken, aber doch fühlte er sich, als würde ihm gleich ein wenig wärmer werden an diesem kalten Wintermorgen. „Ich fand schon immer, dass der erste Sonnenaufgang des Jahres etwas Besonderes an sich hat. Erst dadurch beginnt der Tag und erst durch den beginnt das Jahr. Ich habe absolut keine Ahnung, was dieses Jahr für mich bereithält, aber es kann nicht schaden, schon möglichst früh mit guten Dingen anzufangen, wenn du mich fragst.“
Etwas dazu sagen, tat Hyukjae erstmal nicht. Es war alles gesagt worden, was gesagt werden musste und er stimmte ihm durchaus zu. Wenn man mal so darüber nachdachte, konnte dieser Moment schon fast etwas Poetisches an sich haben. Der erste Sonnenaufgang des Jahres, der erste neue Tag, und sie standen hier zusammen. Er in Donghaes Armen, sonst niemand um sie herum. Hier waren sie allein, nur sie zwei, ganz im Gegensatz zum Anfang dieser Nacht. So starteten sie dieses Jahr und Hyukjae musste zugeben, dass ihm kein besserer Weg dafür einfiel.
„Selbst der Mond ist noch leicht zu sehen“, brach er dann aber nach ein paar Minuten doch die Stille. Sofort spürte er, wie Donghae seinen Kopf leicht hob, um ebenfalls nach ihm zu suchen.
„Schwöre nicht beim Mond“, wisperte er schließlich so leise, dass Hyukjae ihn nur gerade so hören konnte. Daraufhin begann dieser, sich in den Armen seines Freundes umzudrehen, um ihm einen fragenden Blick zuwerfen zu können. Jetzt schien es wirklich poetisch zu werden. Beeinflusste der Schlafmangeln ihn nun auch?
Donghae zuckte jedoch nur mit den Schultern. „Shakespeare. Einer aus meiner Mannschaft hat klassische Literatur als Hobby entdeckt und einen anderen mit angesteckt. Da fasst man hier und da mal einen Satz auf und der hatte mich tatsächlich letztens zum Nachdenken gebracht. Und irgendwie war er hängen geblieben.“
„Und jetzt lässt du dich auch anstecken?“
Erneut ein leises Lachen. „Nein, nein. Keine Sorge. Es ist nur dieser eine Satz.“
Ganz überzeugt war Hyukjae noch immer nicht. „Und was bedeutet er?“
„Wie soll ich das am besten erklären?“, begann Donghae zu überlegen. „Soweit ich das richtig verstanden habe, war es Julia, die es zu Romeo gesagt hat, vielleicht war es auch anders herum, aber das ist jetzt nicht so wichtig. Die Sache ist eher… Es sollte nicht auf den Mond geschworen werden, weil dieser zu inkonsistent sei. Jede Nacht sieht er wieder ein wenig anders aus, er bleibt nie das, was er eigentlich ist. Was wird also aus der Liebe, der Verbindung zwischen zwei Personen, wenn sie auf den Mond basiert?“ Erneut zuckte er mit den Schultern. „Wie gesagt, habe ich nur aufgeschnappt. Ich fand den Gedankengang mal ganz interessant.“
„Sehr klassische Literatur, ich merke es schon“, erwiderte Hyukjae, doch auch, wenn er damit den anderen nur wieder ein wenig sticheln wollte, konnte er doch nicht leugnen, dass dieser Satz zu ihm durchdrang. Ja, was war dann? Inwiefern war eine Beziehung wirklich gefährdet, wenn sie auf so etwas basierte? Auf etwas wechselhaftes? Etwas, das immer wieder anders aussah? Etwas, was am nächsten Tag nicht mehr das war, was es noch zuvor gewesen war?
Sanft begann Hyukjae seinem Freund eine Haarsträhne nach der anderen aus der Stirn zu streichen, um sein Gesicht ein wenig frei zu machen, das stechende Gefühl in seinem Magen so gut es ging verdrängend. Wie war es eigentlich bei ihnen? Worauf basierte ihre Beziehung? War es nicht eigentlich auch nichts anderes als Lügen? Hatte Donghae ihn nicht in dem Glauben kennengelernt, er sei nur ein Fan von ihm? Er wäre nur ein ganz normaler Arbeitnehmer der Mittelklasse in einem Job, wie ihn viele hatten? Und war es nicht sogar noch genau das, was er noch immer glaubte? Nach all diesen Monaten? Was würde passieren, wenn Donghae die Wahrheit erfuhr? Würde er sich dann nicht auch fühlen, als wäre das, was nun zwischen ihnen existiert, eigentlich gar nicht das, was er einen Tag zuvor noch geglaubt hatte zu kennen? Würde ihm nicht auch alles mit einem Mal schrecklich wechselhaft vorkommen? Würde er nicht auch mit einem Mal nicht mehr wissen, was er eigentlich glauben sollte?
„Worauf wollen wir dann schwören?“, fragte Hyukjae daher schließlich. Er musste von diesen Gedanken wegkommen. Mittlerweile war er mit seinen Fingern an einer Haarsträhne hängen geblieben, mit der er nun gedankenverloren herumspielte.
Einen Moment lang schien Donghae zu überlegen. „Die Sonne?“, schlug er dann vor.
Auch Hyukjae dachte eine Weile über seinen Vorschlag nach. Dann fiel ihm allerdings noch etwas anderes ein. „Den Sonnenaufgang?“
„Warum nicht?“, erwiderte Donghae. „Er kommt jeden schließlich jeden Tag wieder und auf ihn kann man vertrauen. Klingt gut.“
Ja, auf ihn konnte man vertrauen. Er würde immer da sein. Selbst, wenn er mal für eine Zeit lang verschwunden sein sollte, würde er doch wiederkommen. Selbst wenn es einmal wirkte, er hätte einen verlassen, würde er einen doch niemals im Stich lassen. Und ohne es auszusprechen, schwur Hyukjae sich, sich daran ein Vorbild zu nehmen. Selbst wenn er nicht ganz der war, der Donghae glaubte, der er war, so war der, der er in seiner Gegenwart war, doch er. Das, was er für ihn empfand war echt. Mit so vielen Lügen er sich auch tarnte und so falsch er auch auf den ersten Blick wirken musste, war doch das meiste echt. Und er wusste, wenn es irgendwann nicht mehr anders ginge und er für eine Weile verschwinden müsste, würde er doch immer wieder kommen, so lange das noch erwünscht war.
Sie lächelten sich an.
„Dann auf den Sonnenaufgang“, verkündete Hyukjae.
„Auf den Sonnenaufgang“, stimmte Donghae ihm zu.
Damit schloss er auch die letzten paar Zentimeter Distanz zwischen ihnen, bevor Donghae ihn weiter an sich heranzog, um sich weiter in ihren Kuss hineinlehnen zu können. Und dennoch blieb er sanft. Genauso sanft wie die noch schwachen Sonnenstrahlen, die nun langsam begannen, auf sie hinab zu scheinen.
Ja, der Sonnenaufgang war eindeutig die bessere Metapher. Aber trotz all der Dinge, die er sich gerade geschworen hatte, wurde Hyukjae das Gefühl nicht los, seine Lügen gerade nur noch weiter vertieft zu haben.
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