Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das kalte Blut roter Rosen

GeschichteKrimi, Thriller / P18 / MaleSlash
Atsushi Nakajima Chuya Nakahara Fyodor Dostoevsky Osamu Dazai Ryunosuke Akutagawa
30.05.2020
24.07.2021
27
130.749
14
Alle Kapitel
65 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
30.05.2020 1.607
 
Seine Finger umklammerten das eiskalte Brückengeländer so fest, dass die Fingerknöchelchen weiß hervortraten. Der schneidend kalte Wind zog an seinen kurzen Locken während er hinunter in den Abgrund blickte, welcher ihn umgab.
In der mondscheinhellen Nacht wirkte er wie ein riesiger, gähnender Schlund.
Ganz ruhig starrte er hinunter auf das ruhige Meer, in dem sich die Lichter der Stadt spiegelten, wie Sterne in einem falschen Himmel.
Es war schwer einzuschätzen, wie weit es nach unten ging, aber das würde es ihm wahrscheinlich einfacher machen, dachte er.
Inzwischen hatte es leicht zu regnen angefangen, sodass eiskalte Regentropfen wie kurze silberne Fäden den schwarzen Himmel durchzogen, hinunterfielen, um geräuschvoll am Asphalt aufzuschlagen und dort zu zerspringen.
Er lächelte müde, als ihm einfiel, dass seine Mutter einmal, als er sie gefragt hatte, woher denn der Regen käme, geantwortet hatte, dass dies die Tränen der Engel wären.
Ob er sie wiedersehen würde?
Er hoffte nicht, dass es so war. Schließlich hatte er sich gewünscht, dass nach seinem Sprung alles einfach vorbei sein würde. Er brauchte keine Antworten mehr. Es reichte ihm völlig, wenn er nichts mehr tun oder lassen musste. Bei der Vorstellung, einfach so verschwinden zu können und für immer unerreichbar zu sein, wurde ihm ganz leicht ums Herz.
Entschlossen schwang er ein Bein nach dem anderen über das Geländer und stellte die Füße anschließend langsam auf dem schmalen Vorsprung dahinter ab, sodass die Spitzen seiner Schuhe über den Abgrund ragten.
Inzwischen war er völlig durchnässt vom Regen, sodass sein weißes Hemd auf seinem Körper klebte und sich die graue Hose vom Wasser vollgesogen etwa doppelt so schwer wie üblich anfühlte. Auch seine getränkten Haarsträhnen trieften, sodass das Wasser aus ihnen in sein Gesicht tropfte, wo es wie Tränen seine Wangen hinunter lief.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Finger immer noch das Geländer fest umklammert hielten, sodass sie schon ganz steif waren, als er sie endlich löste. Nur ein kleiner Schritt nach vorne, in die Dunkelheit, ins Ungewisse und alles würde vorbei sein.
Und doch verspürte er eine unbestimmte Nervosität…
Ging es allen Todessehnsüchtigen so?
Noch einmal holte er tief Luft, richtete seinen Blick auf den strahlenden Vollmond, der zum Greifen nah schien, und machte einen weiten Schritt nach vorne, ins Ungewisse, wo es keinen Halt mehr gab...
Sofort raste er in die Tiefe, als hätte ihn die Schwerkraft an den Fußgelenken gepackt und würde ihn nun hinunter ziehen, direkt in die Hölle...
Er hatte erwartet, dass er es vielleicht bereuen würde, wenn es zu spät war, um noch etwas zu ändern. Es kam ihm so vor, als ob er schon eine halbe Ewigkeit fallen würde, es ging schnell und gleichzeitig wie in Zeitlupe, furchtbarer Druck wirkte auf seinen ganzen Körper, als wäre er ein Springteufel, der in seine Schachtelt zurückgedrückt wurde. Doch gerade, als er glaubte, dass ihn irgendwelche Kräfte schon in der Luft zerquetschen würden, brach sein Körper durch die Oberfläche des kalten Wassers, das sofort wieder über seinem Kopf zusammenschlug, nachdem es ihn komplett geschluckt hatte.
Die Kälte ließ seinen Körper augenblicklich zu Eis erstarren. Als wären Gewichte an seine Beine gebunden, wurde er nach unten gezogen, immer tiefer und tiefer nach unten…
Reflexartig versuchte sein Körper Luft zu schnappen, dabei war er nur von Salzwasser umgeben, das ihm schmerzvoll brennend in seine Lungen drang. Gegen seinen Willen bekam er plötzlich Panik. Es waren die urältesten Überlebensinstinkte, die seinen Körper zwangen, sich mit allen Kräften gegen die Übermacht des Meeres zu wehren. Obwohl er sich doch selbst für diese Situation entschieden hatte, schlug er jetzt mit Armen und Beinen nach den Wassermassen. Es waren qualvolle Momente, bis ihm sein Bewusstsein zu schwinden begann.
Endlich… Mit den silbernen Luftbläschen aus seinem Mund schienen auch die Angst und der Widerstand von ihm zu weichen.
Ganz ruhig ließ er sich einfach treiben, von dieser Kraft, die ihn fortzog. Weit, weit fortzog, an einen Ort, den er nicht kannte und in eine Ewigkeit, die er sich nicht vorstellen konnte. Er würde tief und traumlos schlafen wie in seiner Kindheit. Bevor die bleierne Müdigkeit seine Augen schloss, sah er, wie silberne Bläschen an ihm vorbeizogen.
Vielleicht würde er jetzt bis an den Grund des öligen Hafenwassers sinken, während es immer dunkler und stiller in ihm wurde, bis er nichts mehr fühlte.
Er lächelte – und plötzlich riss ein unsanfter Ruck sein Bewusstsein zurück in einem Dämmerzustand. Noch ein Ruck, dann fühlte er eisige Luft und Wassertropfen auf der Haut. Verschwommen konnte er den Mond am Himmel sehen. Es ruckelte unaufhörlich an ihm und hätte ihm nicht die Kraft dazu gefehlt, dann hätte er mit seinem tauben Arm um sich geschlagen. Er lag ruhig da, während ein schwerer, nasser Arm sich um seine Brust schlang und ihn mit sich zog.
Schwach drehte er den Kopf, konnte aber nicht sehen, wer ihn schnaufend mit sich durchs Wasser zog. An seinen Händen konnte er spüren, wie sich wie sich das schwarze Öl von der Wasseroberfläche des Hafens über seine bloße Haut legte.
Der Fremde ließ von ihm ab. Einen Augenblick war es ruhig, dann hörte er, wie überschüssiges Wasser aus der Kleidung des Fremden schwer auf die Stufen, die aus dem Wasser führten, plätscherte. Von da zerrte der Fremde ihn grob an den Achseln aus dem Wasser, sodass er mit dem Rücken und den Beinen immer wieder hart gegen den Beton stieß, bis er plötzlich auf dem Rücken lag und die Wellen warm an seinen Füßen leckten. Seine nasse Kleidung schien an der kalten Herbstluft zu gefrieren. Der Fremde packte nun auch seine Knie und zog seine Beine aus dem Wasser. Achtlos ließ der Fremde sie fallen, sodass sein ganzer schwerer Körper wie ein toter Fisch auf den ausgeblichenen Holzplanken lag.
»Hören Sie mich?«, wurde er ängstlich gefragt.
Er öffnete die vom Salzwasser brennenden Augen und blinzelte. Verschwommen konnte er dicht über sich ein blasses Gesicht erkennen, dass so weiß wie der Mond war, während der restliche Körper des Fremden mit der Nacht zu verschmelzen schien.
Der Fremde beugte sich über ihn und begann mit beiden Händen fest auf seine Brust zu drücken.
Er wollte einatmen, als er plötzlich von einem heftigen Hustenanfall gebeutelt wurde. Das Brennen des Salzwassers breitete sich schmerzhaft in seinem Hals aus, doch der Husten schien nicht mehr aufhören zu wollen, selbst nachdem er einen Schwall Wasser erbrochen hatte. Nur am Rande seines Bewusstseins spürte er zwei Hände, die ihn grob an den Schultern packten und herumdrehten, danach ein paar feste Schläge oder Tritte in die Seite, die sich immer wieder krampfhaft zusammenzog. Er konnte den Fremden nicht bitten, damit aufzuhören, bevor seine Rippen brechen würden, denn es entstand ein langes Hin- und Her zwischen brüchigem Einatmen und schmerzhaften Wasseraushusten. Er war sicher, jeden Moment zu ersticken, aber es geschah einfach nicht. So elend hatte er sich noch nie zuvor gefühlt.
»Geben Sie nicht auf«, sagte der Fremde.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sein Körper endlich erschöpft auf dem harten Boden zusammenbrach und er wieder halbwegs normal atmen konnte. Jeder Atemzug bereitete ihm höllische Schmerzen, doch er blickte müde lächelnd zu dem Fremden, der sich vor ihn gesetzt hatte und ihn teilnahmslos beobachtete.
Obwohl das Schweigen, dass zwischen ihnen herrschte, nicht unangenehm war, beschloss er, schließlich etwas zu sagen.
»… Warum hast du mich aus dem Wasser gezogen?«
»Warum sind Sie von der Brücke gesprungen?«, stellte er die Gegenfrage, »Dabei hätten Sie sterben können.«
Mühevoll setzte der Ältere sich auf und fuhr sich durch seine nassen Locken.
»Tja, das… war eigentlich mein Plan.«
»Und warum?«
»Warum denn nicht?«
Der Fremde schien einen Moment darüber nachzudenken, dann seufzte er und machte Anstalten, sich abzuwenden.
»Das verstehe ich nicht.«
»… Darüber bin ich froh«, lächelte Dazai, »Es ist besser für dich, das nicht verstehen zu können. Wenn du es könntest, würde es bedeuten, dass du wie ich wärst.«
Abrupt drehte sich der Fremde wieder um. Er stellte den rechten Fuß auf, während er mit dem linken Bein knien blieb und beugte sich über sein Gegenüber, um das blasse Gesicht besser sehen zu können. Es lag noch immer dieses freudlose Lächeln auf den Lippen des Älteren. Selbstsicher sah er dem Fremden in die hellen Augen, als würde er dort nach einer anderen Dunkelheit suchen. Nach einem Moment lehnte er sich entspannt zurück.
»Ich heiße übrigens Osamu Dazai… Und du?«
Sein Gegenüber schien kurz zu überlegen, ob es antworten sollte.
»…Atsushi Nakajima«, stellte es sich dann zögernd vor.
Dazais angedeutetes Lächeln wurde zu einem breiten.
»Freut mich, Atsushi Nakajima…«, sagte er plötzlich sanft, »Aber oje, deine Haare sind ganz nass. Meinetwegen wirst du dich noch erkälten. Tut mir leid.«
Der Jüngere erschrak ein wenig über den besorgten Tonfall und die zärtliche Berührung, als sein Gegenüber ihm behutsam eine Strähne seines nassen schwarzen Haares aus dem Gesicht und hinters Ohr streichelte. Dazais kühle Fingerspitzen fühlten sich erstaunlich weich auf seiner warmen Haut an. Zum ersten Mal fühlte Atsushi eine Wärme, von der er nicht gewusst hatte, dass er sich nach ihr gesehnt hatte. Aber er wusste von irgendwoher, dass es keine Wärme war, die lange anhalten würde.
»Werden Sie wieder springen?«
»Keine Sorge, davon habe ich erst mal genug! Mein Hals brennt immer noch… Wahrscheinlich gehe ich jetzt nachhause. Du auch?«
»Nein«, antwortete Atsushi gedehnt und zögerte einen Augenblick, bevor er weitersprach, »Ich habe kein Zuhause.«
Er war besorgt über das Gefühl der nassen, kalten Kleidung, die an seinem Körper klebte und seine Bewegungen erschwerte, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte. Erschrocken zuckte er zusammen.
»Entschuldige«, lächelte Dazai gutgelaunt und zog seine Hand erst jetzt langsam zurück, »Aber falls du noch nicht zu Abend gegessen hast, würde ich dich gerne einladen. Als Entschädigung für die Umstände, die ich dir bereitet habe.«
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast