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Waffenbrüder Staffel 1 - 4. Der Fluss

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Aramis Athos D'Artagnan Porthos
29.05.2020
29.05.2020
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5.560
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29.05.2020 5.560
 
Hallo, Ihr Lieben!

Ich bin immer wieder verblüfft und hocherfreut, welch großen Anteil Ihr in diesem kleinen Fandom an der Geschichtenreihe nehmt! Letzte Woche habt Ihr mir sage und schreibe acht (in Zahlen: 8) Reviews und sechs (auch in Zahlen: 6) Empfehlungs-Sterne geschenkt! Und das bei nur knapp 50 Klicks! Meinen ganz lieben Dank hierfür!

Dies heute ist eine der ersten Geschichten, die ich überhaupt für die Waffenbrüder-Reihe geschrieben habe. Damals wusste ich nicht mal, dass es eine Geschichtenreihe werden wird :-)!

Es ist außerdem die erste Story in der Sammlung, die komplett frei erfunden ist, also gänzlich ohne Bezug zu einer der Folgen. Zeitlich liegt sie irgendwo mitten in Staffel 1.

Außerdem stelle ich heute zum ersten Mal neben Kaffee und Tee auch eine Packung Toffifee bereit – falls die ein oder der andere während der ein oder anderen Szene ein wenig Nervennahrung benötigt. Oder einfach auch nur, weil die Dinger verführerisch lecker sind!

Nun viel Vergnügen bei einem außergewöhnlich langen Kapitel!

Ann


Waffenbrüder

Der Fluss

begonnen am 08.10.2019


Der Sommer war heiß - so heiß, dass Paris wie unter einer alles erstickenden Hitzeglocke lag.

Selbst die Verbrecher, Intriganten und Umstürzler schienen inne zu halten und auf Kühle zu warten.

 

Die meisten Musketiere waren in ihre Kammern geflüchtet. Nur die, die Dienst hatten waren in den Palast beordert worden. Nicht der schlechteste Dienst, da die dicken, massiven Steinmauern zumindest ein gewisses Maß an Kühle versprachen. Und nicht einmal der König war so verrückt, bei diesem Wetter auf die Jagd zu wollen oder eine andere Aktivität im Freien auch nur in Erwägung zu ziehen. So blieben nur noch drei Musketiere, die im Hof der Garnison als Reserve herum lungerten, das letzte Fleckchen Schatten suchten, in ihren ledernen Uniformen schwitzten und stöhnten - und immer unleidlicher wurden. Und mit ihnen unvermeidlich ihr junger Freund und Schützling d’Artagnan. Zwar trug er noch nicht die Schulterklappe mit der Königslilie, doch war sein Anblick in der Garnison längst so sehr zur Selbstverständlichkeit geworden, dass man die drei Unzertrennlichen eher irritiert nach seinem Verbleib fragte, wenn er einmal abwesend war als dass sich jemand über seine Anwesenheit gewundert hätte.

Tréville stand auf der Galerie über dem Hof und musterte mit zusammengezogenen Augenbrauen den antriebslosen, unzufriedenen Haufen dort unten.

„Athos!“, rief er schließlich entnervt seinem ranghöchsten Untergebenen zu. „Nehmt die anderen drei und lasst euch vor heute Abend zum Wachwechsel nicht mehr blicken - ist das klar?“

Im Versuch, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen nickte Athos lediglich, sah dann seine Freunde aufmunternd an und fragte: „Ihr habt den Hauptmann gehört! Wohin also?“

„Zum Fluss!“, antwortete Aramis fast augenblicklich mit leuchtenden Augen.

„Zum Fluss?“, wiederholte d’Artagnan, und man hörte seiner Stimme deutlich den angewiderten Beiklang an. „Dort ist es nicht nur heiß, sondern stinkt dieser Tage auch noch bestialisch!“

„Nicht an die Seine“, erwiderte Porthos lachend, dem als erster von den anderen klar wurde, woran d’Artagnan bei dem Wort Fluss unwillkürlich gedacht hatte. Der Fluss, der die französische Hauptstadt durchzog war tatsächlich durch die lange Trockenheit und dem damit einher gehenden Niedrigwasser zu einer stinkenden Kloake verkommen.

„Nein - wir müssen ein Stück reiten, aber dann verspreche ich dir das Paradies!“, fügte Aramis überschwänglich hinzu, von dem jeder wusste, dass er einmal hatte Priester werden wollen - und manchmal vielleicht sogar heute noch mit dem Gedanken spielte.

„Das Paradies?“, ließ sich darum d’Artagnan auch nicht vollends überzeugt vernehmen.

„Keine halbe Stunde mit den Pferden von hier. Südöstlich, außerhalb der Stadt“, ließ sich nun Athos gelassen vernehmen. „Ein kleiner Fluss, umgeben von wilden Wiesen, das Ufer mit alten Weiden bestanden... Es könnte an einem Tag wie heute so manchem wie das Paradies erscheinen.“

D’Artagnans Misstrauen verflog und machte einem fast sehnsüchtigen Gesichtsausdruck Platz.

Er liebte sein Leben hier in Paris. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, wo anders zu sein, ein lohnenderes Ziel anzustreben als Musketier zu werden oder sich bessere Gesellschaft zu wünschen als die seiner drei Kameraden.

Und doch... manchmal brach sich die Sehnsucht nach dem freien Land seiner Kindheit Bahn, ließ ihm die Luft in der Stadt zu stickig, die Straßen allzu staubig und die Menschen allzu laut erscheinen.

Und das Bild, das Athos mit wenigen Worten herauf beschworen hatte, klang so sehr nach dem Ort seiner stillen Sehnsucht, dass er nun aufsprang und unerwartet heftig erwiderte: „Dann lasst uns die Pferde satteln!“

Überrascht sahen sich seine drei Freunde an, und Porthos zuckte grinsend die Schultern. „Dann ist es wohl entschieden.“

 

Keine dreiviertel Stunde später hatten sie die Stelle erreicht, die Athos ihm beschrieben hatte, und d’Artagnan strahlte, als er La Belle neben Athos‘ eleganter Rappstute zügelte. „Es ist wirklich traumhaft schön!“, gestand er leise, und Athos fühlte sich unerwartet berührt von der Ehrfurcht, mit der der Junge das wilde, grüne Land betrachtete. Doch schon im nächsten Moment blitzte Übermut in seinen Augen auf, er rief: „Wer als erstes im Wasser ist...!“, und trieb La Belle mit festen Hackenschlägen in den Galopp.

Die schwarze Stute spürte die Nähe des kühlen Wassers und legte sich ins Zeug, stürzte ohne Zögern mit ihrem Reiter in die Fluten, bis sie bis zum Bauch im Fluss stand und in langen, tiefen Zügen zu trinken begann, während d’Artagnan sich von ihrem Rücken aus direkt ins Wasser warf.

Die drei Älteren hatten Mühe, ihre Pferde daran zu hindern, es La Belle gleich zu tun und hielten nun am Ufer, lachend über den begeisterten Überschwang ihres gemeinsamen Schützlings. Nur Athos schüttelte unmerklich den Kopf und murmelte: „Verrückter Kerl!“

Der hatte nun die Zügel seines Reittieres ergriffen und führte die Stute zu den anderen Pferden. „Ihr seid noch viel zu trocken!“, stellte er mit einem schalkhaften Grinsen fest und schüttelte dann den Kopf, dass das Wasser aus seinen Haaren nur so umher flog.

„Nicht alle sind wild darauf, ihre Kleidung zu ruinieren“, erwiderte Aramis grinsend, als er seine Stute im Schatten einer nahe beim Wasser stehenden Weiden festband und ihr der Hitze geschuldet den Sattel abnahm. Die anderen taten es ihm gleich, während d’Artagnan leichthin erwiderte: „Wenn ich sie dort über den Busch hänge, sind die Sachen trocken, bis wir zurück reiten!“ Damit zog er auch schon kurzerhand sein Hemd über den Kopf um seinen Worten Taten folgen zu lassen.

Einen Augenblick lang verschlug dieser Anblick Athos den Atem.

Der Junge war - herrlich. Wie eine der gemeißelten römischen Marmorfiguren, die im Lustgarten des Königs standen. Aus den glatten, schwarzen Haaren rann das Wasser in sanften Tropfen über den Körper des Jungen. Die feuchte, olivfarbene Haut schimmerte matt in der Sonne, spannte sich glatt über wohlgeformte Knochen und Muskeln, die zwar einerseits noch die Schlaksigkeit der Jugend, aber zugleich auch schon die klar definierten Konturen des trainierten Kämpfers aufwiesen. Hastig wandte Athos seinen Blick ab und tat, als wäre er mit Minous Sattel beschäftigt. Doch niemand schien sein seltsames Gebaren aufgefallen zu sein.

„Nun kommt endlich!“, drängte d’Artagnan in seinem Rücken, und als er sich wieder umdrehte, lief er bereits, lediglich noch mit seinen leinenen knielangen Unterhosen bekleidet, ins Wasser.

„Vorsicht, d’Artagnan“, rief er scharf. „Die Stelle wird sehr schnell tief!“

Offenbar war es bereits zu spät, denn im nächsten Augenblick versank der Körper des jungen Mannes komplett unter Wasser.

Merde!“, fluchte Athos, rannte flankiert von Porthos und Aramis zum Ufer, schleuderte seine Stiefel von den Füßen und war schon drauf und dran, sich ansonsten nach wie vor vollständig bekleidet ins Wasser zu werfen, als der Kopf des Jungen etliche Meter weit flussaufwärts durch die Wasseroberfläche brach und er begeistert rief: „Das ist wunderbar! Kommt doch auch endlich!“

Die drei Musketiere erstarrten kurz, sahen sich dann indigniert an, bis Aramis in Gelächter ausbrach und hervor stieß: „Der Junge schwimmt wie ein Fisch!“

„Es scheint so!“, erwiderte Athos düster, noch mit dem gerade ausgestandenen Schreck kämpfend.

„Kein Wunder: Er ist ja auch auf dem Land groß geworden“, fügte Porthos ein wenig neidisch hinzu. Er selbst war in den Gossen von Paris aufgewachsen, im Hof der Wunder, zwischen Bettlern und Dieben. Doch er war niemand, der sich die gute Laune an einem so einmaligen Tag durch trübe Gedanken an seine Vergangenheit rauben ließ. Deshalb entledigte er sich wie auch Aramis und Athos seiner Kleidung bis auf die Leinenhosen, bevor sie deutlich langsamer dem jungen Gascogner folgten.

Athos sah den großen, dunkelhäutigen Musketier sinnend an. War es wirklich eine so gute Idee gewesen, hierher zu kommen? Und als habe er seine Gedanken gelesen, blieb Porthos mit einem Mal stehen, drehte sich zu seinen Freunden und bat so leise, dass d’Artagnan ihn nicht hören konnte: „Bitte - sagt es ihm nicht!“

Aramis und Athos wechselten einen Blick und nickten dann. Doch Aramis fügte bedächtig hinzu: „Meinst du nicht, er bemerkt es...?“

Porthos zuckte die Schultern und erwiderte: „Vielleicht. Aber ich halte ihn für zu...höflich, um nachzufragen!“

„In Ordnung - es ist deine Entscheidung!“, bemerkte Athos auf seine ruhige Weise abschließend, und endlich tauchten auch die drei Männer in die Kühle des Flusses.

„Verdammt, ist das kalt!“, schnaubte Porthos, als sein Kopf die Oberfläche wieder durchbrach und ihm das Wasser aus seinen schwarzen, dicht gelockten Haaren über das Gesicht lief. Er stellte sich aufrecht und sah sich nach seinen Kameraden um.

Athos empfand es genauso, schwieg aber und schwamm zu d’Artagnan hinüber, der inzwischen an einer ruhigen Stelle, an der das Wasser fast einen kleinen Teich bildete, auf dem Rücken treiben ließ.

„Wo hast du so gut schwimmen gelernt?“, fragte Athos, als er nahe genug heran war.

D’Artagnan ließ sich von ihm nicht stören, hielt sich mit kleinen Ruderbewegungen der Hände auf der Stelle und erwiderte entspannt: „In der Nähe unseres Hofes gab es sowohl einen Fluss als auch einen See, und mein Vater bestand darauf, dass ich frühestmöglich schwimmen lerne...“ Den Gedanken daran, warum sein Vater so sehr darauf beharrt hatte, verdrängte d’Artagnan hastig, nicht ahnend, dass der Schatten, der kurz über sein Gesicht huschte, nicht unbemerkt geblieben war.

Doch entschlossen, sich den schönen Tag nicht mit düsteren Gedanken verderben zu lassen warf er sich plötzlich herum, so dass die Welle seiner Bewegung Athos ins Gesicht traf, und mit schon wieder blitzenden Augen rief er: „Wie wäre es mit einem kleinen Wettschwimmen? Wer zuerst drüben an dem Baumstumpf ist?“ Noch bevor Athos antworten konnte, war der junge Gascogner auch schon losgeschossen.

Athos war durchaus ein guter Schwimmer - als junger Adeliger gehörte das mit zur Ausbildung wie Fechten, Schießen und Reiten - doch d’Artagnan hatte ihn überrumpelt, so dass er keine Chance hatte.

Er hörte seine Freunde am anderen Flussufer lachen und wollte schon mit grimmiger Miene hinüberrufen, sie sollten es doch erst einmal besser machen, als er innehielt. Er wollte d’Artagnan nicht auf die Idee bringen, weitere Herausforderungen auszusprechen. Und so wendete er sich wassertretend an den Jungen, der ihm mit einem breiten Grinsen entgegen sah und erklärte mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln: „Gratulation! Du hast bewiesen, dass du der beste Schwimmer von uns vieren bist. Ich für meinen Teil habe nun genug Bewegung gehabt und strecke mich lieber ein wenig auf der Wiese aus.“

Damit wendete er sich um und schwamm zum Ufer zurück, wo die anderen beiden im hüfttiefen Uferbereich wie Halbwüchsige herumalberten und versuchten, einander unter Wasser zu drücken.

Das Wasser wurde auf Dauer wirklich kühl – und D’Artagnan nicht länger vor Augen zu haben war darüber hinaus auch eindeutig besser für sein Seelenheil.

„Ihr seid langweilig!“, rief ihm der junge Gascogner hinterher, und Athos lächelte still in sich hinein. Es tat gut, d’Artagnan so unbekümmert zu sehen.

Der Tod seines Vaters lag nun bereits ein halbes Jahr zurück, doch immer noch sah man manchmal, wenn er sich unbeobachtet glaubte, wie sein Blick sich in Trauer trübte. Auch vorhin wieder, dieser kurze Schatten in seinen Augen, als er Alexandre D‘Artagnan erwähnt hatte. Athos ahnte nicht, dass das dieses Mal nichts mit dem Mord an seinem Vater zu tun gehabt hatte...

 

Nach einer Weile hatte auch d’Artagnan endlich genug vom Schwimmen und gesellte sich zu seinen Freunden, die am Ufer träge herum lagen. Während Aramis und Athos ein Stück höher auf der Böschung im Gras lagen, die Augen geschlossen und den nackten Oberkörper im Halbschatten einer Weide von den vereinzelten Sonnenstrahlen wärmen ließen, saß Porthos so, dass er die Füße im kühlenden Nass baumeln lassen konnte.

Er sah auf, als d’Artagnan mit schweren Schritten auf ihn zukam und lachte leise. „Na - endlich auch müde?“

D’Artagnan sah ihn mit blitzenden Augen an und erwiderte: „Das war herrlich! Ich verstehe euch gar nicht, dass ihr nur faul hier herum lungert!“

Porthos Lächeln bekam mit einem Mal etwas Gezwungenes, doch er hatte sich schnell wieder im Griff und sah den Jüngeren genauer an, bevor er stirnrunzelnd anmerkte: „Du hast Gänsehaut. Und deine Lippen sind ganz blau!“

Unbekümmert lachte der Jüngere und gestand: „Naja, vielleicht war ich doch etwas zu lange im Wasser - der Fluss ist durch die Strömung ziemlich kalt...“

„Leg dich in die Sonne - das wird dich schnell wieder aufwärmen!“, riet Porthos freundschaftlich, und d’Artagnan nickte.

Er wählte einen sonnenbeschienenen Platz ein Stück neben Athos und wollte sich gerade ausstrecken, als sein Blick auf den entspannt da liegenden Freund fiel.

Es war nicht so, dass er die anderen noch nie mit entblößtem Oberkörper gesehen hatte, doch wenn sie sich entkleideten, um sich zu waschen, war in der Regel keine Gelegenheit, einander genauer zu betrachten. Doch nun erwischte er sich, dass er Athos musterte. Und dass ihn beeindruckte, was er sah. Die breiten Schultern, die muskulöse, mit dunklen Haaren bewachsene Brust, die definierten Bauchmuskeln und die schmale Hüfte, überspannt von milchweißer Haut, die an einigen Stellen von Narben verschiedener Größe überzogen war. Sie minderten jedoch nicht die Anmut und Schönheit dieses Körpers - vielmehr unterstrichen sie den Krieger...

Er wusste nicht, wie lange er so selbstvergessen dagestanden und gestarrt hatte, als Athos den Arm von den Augen hob und ihn ansah.

Hastig drehte d’Artagnan sich weg, verwirrt darüber, weshalb ein männlicher Körper ihm derart... gefiel.

„Du frierst!“, ließ sich Athos da vernehmen. Eine Feststellung, keine Frage. Er brauchte einen Moment, um aus seinen verwirrenden Gefühlen heraus endlich sinnvoll zu antworten: „Ein wenig. Ich lege mich hier in die Sonne...“

Genau das tat er dann auch, mied Athos Blick - hoffentlich hatte der Ältere sein Starren nicht bemerkt - und legte wie dieser zuvor seinen Arm über die Augen.

Ruhe umgab ihn.

Nur das sanfte Rauschen des Flusses war zu hören, und allmählich beruhigte sich sein Herzschlag.

Seine Gedanken wanderten, ziellos... Und dann kam ihm die Erkenntnis: Natürlich gefiel ihm Athos‘ Körper...

Der Musketier war in allem sein Mentor, sein Vorbild. Und sein Körperbau entsprach dem Ideal eines hervorragenden Kämpfers: Muskulös, geschmeidig, elegant... Eines Tages würde d’Artagnan auch so sein.

Erleichtert, eine derart simple Lösung gefunden zu haben, entspannte er sich unter den wärmenden Strahlen der Sonne völlig und döste ein...

Er hörte nicht, wie einer seiner Kameraden sich erhob, langsam ins Wasser stieg und sich vom Ufer entfernte. Erst, als Athos fragend rief: „Porthos?“, öffnete er träge die Augen und sah zu dem Freund hinüber.

Athos saß in wachsamer Haltung da, spähte mit zusammengekniffenen Augen über den Fluss, während Aramis sich wie auch d’Artagnan aufrichtete und seinem Blick folgte.

„Was tut er da?“, fragte Aramis, und der leise Alarm in seiner Stimme machte auch d’Artagnan aufmerksam. Er sah genauer hin und entdeckte in der Nähe des anderen Ufers Porthos im Fluss. Genau an der Stelle, an der das brusthohe Wasser tiefer wurde. Er war offenbar gerade im Begriff, los zu schwimmen, doch d’Artagnan konnte nichts in dessen Nähe erkennen, was die Sorge seiner Freunde gerechtfertigt hätte.

„Was ist...“, setzte er gerade an, als Porthos‘ Kopf unter Wasser verschwand - und die beiden anderen wie von der Hornisse gestochen aufsprangen.

„Porthos!“ Laut und unüberhörbar entsetzt gellte Aramis‘ Schrei über den Fluss.

„Was ist los?“, forderte d’Artagnan nun scharf zu wissen.

„Er kann nicht schwimmen...“, erwiderte Athos knapp und rannte los.

D’Artagnan erstarrte - für zwei Sekunden. Dann spurtete er den beiden nach.

„Wo ist er?“, hörte er Aramis‘ verzweifelten Ruf. Er stand knietief im Wasser und suchte hektisch mit den Augen die Oberfläche ab, während Athos bis zur Hüfte in den Fluss lief und sich dann mit einem Hechtsprung hinein warf, um in die Richtung zu schwimmen, in der sie Porthos hatten untergehen sehen.

D’Artagnan zögerte am Ufer.

Ein Fluss war tückisch, das hatte er bereits als Kind gelernt. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche konnten unvorhersehbare Strömungen lauern, kalt und kraftvoll. Seine Gedanken rasten, ohne Nachdenken glitt sein Blick ein ganzes Stück flussabwärts - und da sah er ihn. Für einen kurzen Moment tauchte ein schwarzer Lockenkopf auf, ein Arm bewegte sich hektisch, bevor er wieder versank.

„Er ist dort drüben!“, schrie d’Artagnan den anderen beiden zu und rannte los. Vorbei an der Stelle, an der er Porthos hatte auftauchen sehen, weiter bis zu einer kleinen, hölzernen Brücke, und gleichzeitig betete er, dass er schneller war als der von der Strömung mitgerissene Körper.

Ohne das geringste Zögern lief er zur Mitte der Brücke und sprang mit einem Satz über das Geländer.

„D‘Artagnan!“ Dieses Mal war es Athos‘ Stimme, doch er konnte sich nicht darum kümmern, sondern tauchte mitten in die Strömung.

Das Wasser, das über ihm zusammenschlug fühlte sich auf seinem sonnenwarmen Körper nicht mehr angenehm erfrischend, sondern eisig an. Die Strömung zog und zerrte an ihm, und die Luftblasen erschwerten ihm das Sehen.

Und dann - gerade als ihm die Luft knapp zu werden begann, streifte etwas Großes seinen Rücken.

Hastig fuhr er herum, griff halb blind nach dem reglosen Körper und kämpfte sich mit ihm zusammen an die Oberfläche.

„D’Artagnan!“ - „Oh mein Gott - Porthos!“ Die Rufe der Freunde gellten in seinen Ohren, doch er konnte nicht antworten, musste Luft in seine gequälten Lungen bringen und gleichzeitig den Freund an der Oberfläche halten.

„Da - da vorne sind sie!“ Furcht und immense Erleichterung zugleich war in Aramis‘ Stimme hörbar, doch d’Artagnan war weit davon entfernt, erleichtert zu sein. Der Fluss war hier, ein Stück unterhalb der Brücke, schmaler und floss deshalb schneller. Er benötigte alle Kraft, sich allmählich Richtung Ufer vorzuarbeiten und dabei den reglosen Körper mit sich zu ziehen. War er zu spät gekommen? Eisige Furcht packte sein Herz - als Porthos mit einem heftigen Husten zum Leben erwachte und sich zeitgleich im wahrsten Wortsinn wie ein Ertrinkender an ihn klammerte, so dass d‘Artagnan kurz unterging.

„Hör auf!“, herrschte er ihn an, sobald er die Oberfläche wieder durchbrochen hatte, atmete zweimal tief und setzte ruhiger hinzu: „Ich hab‘ dich, verdammt! Ruhig!“ Gleichzeitig festigte er seinen Griff um Porthos‘ Mitte, und dieser nickte hustend.

„Strample mit den Beinen“, forderte er den Freund auf, und auch wenn Porthos‘ Versuche diesbezüglich eher kraftlos waren, schafften sie es so doch gemeinsam, so nahe ans Ufer zu kommen, dass sie endlich wieder Boden unter den Füßen hatten.

„Nur noch ein kleines Stück!“, ermutigte d’Artagnan den Freund keuchend, der zur Antwort nur noch stärker hustete.

Und dann waren endlich Athos und Aramis heran, nahmen ihm die Last von den Schultern, so dass er im flachen Wasser in die Knie brach, und schleppten Porthos zum Ufer, um ihn dort auf dem Rücken abzulegen.

Mit letzter Kraft stieß er keuchend hervor: „Dreht ihn...! Auf Hände und Knie... Wasser muss raus!“

Athos warf ihm einen knappen, harten Blick zu und handelte augenblicklich nach d’Artagnans Anweisungen. Das Resultat war ein heftiger Husten, mit dem Porthos einen großen Schwall Wassers ausspuckte, nun aber endlich leichter atmete.

Mühsam stemmte sich d’Artagnan hoch und wankte zu den dreien.

„Geht es ihm gut? Ist er in Ordnung?“, verlangte er schwer atmend zu wissen und ließ dabei kein Auge von Porthos. So entging ihm der lange Blick, den Athos ihm zuwarf.

Porthos konnte noch nicht reden, hob zur Antwort aber eine Hand und winkte ihm beruhigend zu.

Schwindelig vor Erleichterung - und wohl auch von der immensen Anstrengung brach er erneut in die Knie - und dann war da mit einem Mal Athos an seiner Seite. Stützte ihn, murmelte beruhigende Worte und stellte dann beherrscht fest: „Du zitterst!“

Zu seiner Beschämung merkte d’Artagnan, dass Athos recht hatte: Ihm klapperten die Zähne.

„Sch...schon... g...gut!“, presste er hervor, doch Athos ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern zog den Jüngeren an sich, um ihm energisch über Rücken und Arme zu reiben, um Blut und Wärme in den Körper zurück zu bringen.

D’Artagnan wollte protestieren - er sollte sich lieber um Porthos kümmern, schließlich war er es, der fast ertrunken war - doch die Wärme des Körpers, an den er lehnte und die festen Striche über seinen Rücken hatten eine solch wohltuende Wirkung, dass er schwieg und sich stattdessen müde in die Umarmung lehnte.

„Besser?“, fragte Athos nach einer Weile, und d’Artagnan riss sich gewaltsam aus dem wohligen Zustand, lehnte sich von Athos weg und erwiderte mit einem möglichst munteren Lächeln: „Alles in Ordnung, danke.“

Und noch während er das sagte stellte er fest, dass es die Wahrheit war. Athos‘ Zuwendung hatte die Kälte und Erschöpfung aus seinen Gliedern vertrieben, und so sah er mit wachem Blick zu Porthos hinüber, der sich ganz offenbar von Aramis verhätscheln ließ.

Athos nickte d’Artagnan zu, stand auf und ging zu den beiden anderen hinüber. Porthos lehnte bequem, wenn auch ein wenig erschöpft auf seinen Ellbogen, während Aramis sich endlich neben ihm im Gras niederließ, nachdem er seine Untersuchung beendet hatte und sicher war, dass seinem Kameraden offenbar nichts Ernsthaftes fehlte.

„Wie geht es dir?“, fragte Athos in seinem gewohnt ruhigen Tonfall, und Porthos hatte schon wieder so weit Oberwasser, dass er den Älteren breit angrinste und erwiderte: „Alles in Ordnung. Nur ein bisschen zu viel Wasser geschluckt.“

„Aha“, entgegnete Athos, und seine Stimme war nicht lauter als zuvor, doch keinem der drei anderen entging das Grollen darin als er nachhakte: „Und was, zur Hölle, dachtest du, tust du da?“

Wäre die Sache nicht so ernst gewesen, hätte d’Artagnan sicher gelacht über den Anblick, wie der riesige, immer selbstbewusste Porthos unter dem zornigen Blick seines Freundes zu schrumpfen schien. Er warf einen kurzen, schuldbewussten Blick zu d’Artagnan, bevor er antwortete: „Ich dachte, ich könnte es auch... Bei dem Jungen sah es so leicht aus...“

Der stille Zorn wich von Athos, und er seufzte einmal resigniert, bevor er Porthos‘ Schulter klopfte und mit einer Prise trockenen Humors erwiderte: „Danke Gott, dass der Junge so gut schwimmen kann - sonst wärst du jetzt am Grund des Flusses nur noch Fischfutter...“ Porthos‘ nun wirklich betretenen Blick überging er, erklärte in die Runde: „Ich hole unsere Pferde und Sachen“, und machte sich auch schon auf den Weg, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Athos hat recht!“, erklärte Porthos da mit fester Stimme und sah den Jüngsten in ihrer Runde mit offenem Blick an. „Ohne dich wäre ich in dem verdammten Fluss ertrunken!“

Verlegen winkte d’Artagnan ab und erwiderte hastig: „Du hättest für mich doch dasselbe getan.“

„Von einer Holzbrücke in die Stromschnellen eines tosenden Flusses springen?“, mischte Aramis sich ein, und sein breites Grinsen löste die letzte Spannung, als er knochentrocken hinzu fügte: „Das hätte er mit Sicherheit nicht!“

 

Athos brauchte eine Weile, bis er mit den vier Pferden am Zügel zurückkehrte. Er hatte bewusst Zeit für sich gesucht. Zeit, um den Schrecken zu überwinden, seine Freunde in solcher Gefahr zu wissen und nur hilflos am Ufer stehen und zusehen zu können.

Er würde nie den Moment vergessen, in dem d’Artagnan mit einem gewagten Satz von der Brücke gesprungen war, die eiskalte Furcht, die ihn gepackt hatte und die erst schmolz, als der Junge und Porthos sicher am Ufer ankamen.

D’Artagnans Bereitschaft, sich ohne jedes Zögern selbst in Gefahr zu begeben, um einen Kameraden zu retten erweckte in Athos äußerst zwiespältige Gefühle: Er respektierte und bewunderte den Mut, die Loyalität und die Selbstlosigkeit, die hinter diesem Verhalten standen. Zugleich empfand er einen irrationalen Anflug von Stolz auf den jungen Mann. Er würde ein hervorragender Musketier werden - das war ihm schon lange klar. Doch zugleich bangte ihm vor der Zukunft - sie würden dank d’Artagnans feurigen, ungestümen Temperaments fraglos noch häufig solchen Schreckensmomenten ausgesetzt sein.

Er grübelte, ob er den jungen Mann gemahnen sollte, sich künftig zurück zu nehmen, vorsichtiger zu sein und sich nicht kopfüber in die Gefahr zu stürzen, wie er das so häufig tat und wie es heute sogar wortgetreu der Fall gewesen war.

Ein Dutzend Meter von den Freunden entfernt blieb er stehen. Beobachtete, wie entspannt und selbstverständlich d’Artagnan zwischen den anderen beiden saß. Und mit einem Mal überkam Athos die Erkenntnis: Der Junge war genau da, wo er hingehörte - zu ihnen. Und es war nicht an ihm, d’Artagnan seinen Mut und sein Feuer zu nehmen. Er würde lernen müssen, die Furcht um den jungen Freund zu ertragen. Dafür mit ansehen zu dürfen, wie aus dem schmalen, wilden Burschen mit dem großen Herzen vielleicht schon bald ein in jeder Hinsicht wahrer Musketier werden würde - das war alle Furcht wert. Und einmal mehr überschwemmte ihn dieser seltsame Stolz, zusammen mit einer Woge warmer Zuneigung zu dem Jungen.

Als hätten seine Gedanken ihn gerufen, wandte sich d’Artagnan just in diesem Moment um und lachte ihn offen an, bevor er übermütig erklärte: „Wir werden heute nicht nach Hause reiten, bevor Porthos nicht schwimmen gelernt hat!“

Unwillkürlich entwich Athos ein gequältes Aufstöhnen, das die anderen zum Lachen brachte.

„Hat es dir etwa nicht gereicht, den Riesen heute einmal aus dem Wasser zu ziehen?“, erkundigte er sich mit leisem Sarkasmus in der Stimme, während er die Pferde an einem nahen Strauch im Schatten anband. Aus dem Augenwinkel sah er, wie d’Artagnan aufsprang und zu ihm herüber kam, um ihm zur Hand zu gehen. Doch kaum stand er bei Athos, verschwand das jungenhafte Grinsen aus seinem Gesicht, und er bekannte leise: „Ich liebe Porthos wie einen Bruder. Und ich möchte nie wieder Zeuge sein, wie jemand, der mir so nahe steht, ertrinkt...“

Athos sah ihn scharf an. Die plötzliche Ernsthaftigkeit, die Heftigkeit, mit der der Junge das hervor stieß ließ in ihm mit einem Mal die Ahnung empor steigen, dass d’Artagnan nicht zum ersten Mal Zeuge eines solchen Unfalls geworden war.

Was hatte er vorhin erzählt?

...mein Vater bestand darauf, dass ich frühestmöglich schwimmen lerne...

Nichts, was ein noch so wohlhabender Bauer seinen Sohn üblicher Weise lehrte.

Gut... Fechtkunst gehörte zugegebener Maßen auch nicht zu den klassischen Fähigkeiten eines Bauern, und doch war d’Artagnan hierin nicht nur begabt, sondern auch bereits geübt gewesen, als er zu ihnen stieß. Monsieur d’Artagnan war in der Tat ein ungewöhnlicher Vater gewesen...

Und doch... Der Schatten, der d’Artagnans Gesicht bei dieser Aussage überzogen hatte - vielleicht hatte er nichts mit der Erwähnung seines Vaters zu tun, sondern mit dem Ereignis, das zu dieser Entscheidung Alexandre d‘Artagnans geführt hatte?

All diese Gedanken zogen blitzschnell durch Athos‘ Kopf, und so war nur ein kleiner Augenblick seit d’Artagnans Worten vergangen, bevor er leise, mit ungewöhnlicher Sanftmut feststellte: „Du hast es schon einmal erlebt. Dass ein Mensch ertrinkt...“

D’Artagnan, der gerade La Belles Sattelgurt lösen wollte, erstarrte - aber nur für einen Moment. Dann wandte er sein Gesicht dem Freund zu, und die Traurigkeit darin traf Athos völlig unerwartet.

„Pierre“, erklärte der junge Mann leise. „Der Sohn eines unserer Pächter. Etwas jünger als ich, und mein Freund...“

Athos schwieg, wartete geduldig, bis d’Artagnan bereit war, weiter zu sprechen.

Der Jüngere wandte den Blick von diesen verständnisvollen Augen ab und machte sich erneut am Sattel seines Pferdes zu schaffen. Er wusste, dass er Athos vertrauen konnte. Hatte er doch, wenn auch nur durch Zufall, dessen dunkelstes Geheimnis erfahren und bewahrte es seither getreu seinem Versprechen selbst vor Porthos und Aramis. Dadurch hatte das Band zwischen Athos und ihm an Tiefe und Vertrauen gewonnen.  Und doch zögerte er, von dem schmerzlichsten Ereignis seiner Kindheit zu berichten. Das er seit Jahren so erfolgreich von sich geschoben hatte - bis er Porthos beinahe hatte ertrinken sehen.

Schließlich räusperte er sich und berichtete leise, ohne Athos anzusehen: „Wir waren fünf oder sechs Jahre alt. Ein warmer Sommertag... Fast so wie heute...“ Er schluckte und fuhr fort: „Wir hatten gewettet, wer sich weiter vom Ufer entfernen und in den Fluss hinein wagen würde... Der Strom ergriff uns beide... Und mein Vater schaffte es nur, mich heraus zu ziehen.“ Er schwieg kurz und endete schließlich mit rauer Stimme: „Es hat zwei Tage gedauert, bis sie Pierres Leiche eine halbe Meile flussabwärts fanden...“

Als ahne er die Gedanken seines jungen Freundes legte Athos seine Hand schwer und beruhigend zugleich auf d’Artagnans Schulter und erklärte voll dunkler Eindringlichkeit: „Es war nicht deine Schuld...“

Endlich sah d’Artagnan ihn wieder an, das Gesicht schmerzlich verzogen. „Das sagten sie alle: Meine Eltern, der Priester, selbst Pierres Vater... Aber ich war der Ältere, ich hätte vernünftiger sein müssen...“

„Du warst ein Kind, d’Artagnan!“, insistierte Athos mit Nachdruck, hob mit der Hand das Kinn des Jüngeren an und zwang ihn so, ihn anzusehen. „Ein Kind...!“

Fieberhaft überlegte er, wie er d’Artagnan diese Bürde nehmen konnte, und so erklärte er spontan: „Sieh dir Porthos an - kein Kind, ein gestandener Mann und erfahrener Kämpfer. Und doch hat er die Gefahren des Flusses gefährlich unterschätzt. Wenn ihm das passiert - um wie vieles mehr dann einem Kind?“

D’Artagnan sah ihm fest in die Augen, überlegte offensichtlich angestrengt - und ganz allmählich wich dieser schmerzhafte Ausdruck der Schuld aus seinem Blick. Unwillkürlich atmete Athos auf, ließ ihn los, wandte sich mit plötzlicher Verlegenheit seinem Pferd zu und erklärte dann mit einem Mal in möglichst leichtem Ton: „Und du willst es wirklich auf dich nehmen, dem sturen Esel das Schwimmen beizubringen?“

Dankbar, dass Athos es ihm so leicht machte, lachte d’Artagnan leise auf und erwiderte: „Nun - ich rechne fest mit eurer Hilfe! Nochmal ziehe ich Porthos nicht allein aus dem Fluss - er ist verdammt schwer!“

Athos suchte seinen Blick - und das dankbare Leuchten darin ließ auch ihn unwillkürlich lächeln.

Er wusste nur allzu gut, wie es war, mit einer alten Schuld zu leben. Er konnte nur hoffen, dem Jungen die seine ein wenig genommen zu haben...

So, wie d’Artagnan ihm Vergebung gewährt hatte. Ohne Worte, ohne sein Verbrechen auch nur noch einmal erwähnt zu haben. Allein mit der Tatsache, dass er sich nicht von Athos abgewandt hatte, nachdem er von dessen Tat an seiner eigenen Ehefrau erfahren hatte. Nicht ein einziges Mal seit dem Feuer hatte so etwas wie Abscheu oder Verachtung in dem Blick des Jüngeren gelegen; ganz im Gegenteil: Sein Vertrauen, sein Respekt Athos gegenüber schien mit diesem Vorfall gewachsen zu sein, etwas, was d’Artagnan ihn immer wieder spüren ließ - und das Athos nach wie vor nicht fassen konnte.

Der einzige Weg, es ihm zu danken war, ihm beizustehen, wann immer es ihm möglich war. Und so entgegnete er nun trocken: „Das sagen wir ihm besser nicht - er ist da ein wenig empfindlich!“

D’Artagnans helles Auflachen war sein Lohn.

In stummem Einverständnis beendeten sie ihre Arbeit.

Die Pferde waren versorgt, und so legte Athos die Hand locker auf die Schulter des Jüngeren und schob ihn zu den beiden anderen, um zu bestimmen: „Etwas essen, ein wenig ausruhen - und dann lernt Porthos schwimmen.“ Und bevor der Große zum Protest darüber ansetzen konnte, wie hier über seinen Kopf hinweg über ihn verfügt wurde, setzte er gespielt grimmig hinzu: „Zu unser aller Wohl und Seelenfrieden!“

Porthos seufzte ergeben, zwinkerte dann d’Artagnan unwiderstehlich zu und erklärte: „Ich hoffe, ein genauso gelehriger Schüler zu sein, wie du es in der Garnison bist!“

D’Artagnan errötete bei dem unerwarteten Kompliment, konnte aber auch ein erfreutes Grinsen nicht unterdrücken und erwiderte: „Nun – zumindest wirst du nicht so viele blaue Flecken davon tragen wie ich während deines Trainings!“

„Wahrscheinlich nicht“, gab Aramis ihm lachend recht und wühlte in der neben ihm liegenden Satteltasche, um etwas zu Essen daraus hervorzuzaubern.

Sie saßen einträchtig beieinander, teilten Brot, Wein und Käse, und ihr freundschaftliches Geplänkel ließ allmählich den ausgestandenen Schrecken verklingen.

Zufrieden beobachtete Athos, wie d’Artagnan zu seiner gewohnten Lebhaftigkeit zurück fand und wie die unverhohlene Zuneigung seiner Freunde ihm wohl tat.

Sein Herz öffnete sich weit für diesen tapferen, feinen jungen Mann, und auch wenn er wusste, dass seine Empfindungen zu nichts weiter führen würden – zu nichts weiter führen durften – genoss er den Moment in vollen Zügen: Die wohltuend wärmende Sonne, das leise Rauschen des Flusses, der sanfte Wind auf seiner bloßen Haut – und die Anwesenheit der drei Menschen, die ihm inzwischen mehr als alles andere auf dieser Welt bedeuteten.

Mehr brauchte er nicht.

 

In der Serie gibt es keinen Beleg dafür, wer schwimmen kann und wer nicht. Ich dachte allerdings, dass diese Fähigkeit im „Hof der Wunder“ nicht zum Überleben notwendig wäre. Außerdem hätte es für ein armes Stadt-Kind, wie Porthos es war, nur in der Seine die Möglichkeit gegeben, Schwimmen zu lernen. Und ich bin ziemlich sicher, dass der Fluss zur damaligen Zeit innerhalb der Stadt nicht eben zum Baden einlud.

Die Idee zu dieser Story kam mir übrigens bei einem Schwimmbad-Besuch. Nicht, dass da jemand fast ertrunken wäre – aber als ich da so faul am Beckenrand lag, kam mir das Bild von den vieren, wie sie ebenso faul an einem Flussufer liegen.

Nächste Woche starten wir mit einer drei-kapiteligen Geschichte, die sich dann wieder auf eine wie ich finde wichtige Folge der Serie bezieht (1x08 „Einer für alle“ :-).

Nun wünsche ich ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

Bis bald,

Ann
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