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2020 05 29: Run! [by - Leela -]

Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Sci-Fi / P16 / Gen
Der zweite Doctor (Two)
29.05.2020
29.05.2020
1
3.567
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Dieses Kapitel
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29.05.2020 3.567
 
Zusammenfassung/Daten:
Tag der Veröffentlichung: 25.05.2020
Zitat: "Einigen wir uns auf Unentschieden!" (Ritter der Kokosnuss)
Titel der Geschichte: »Run!«
Autor: - Leela -
Hauptcharaktere: Der zweite Doctor (Patrick Troughton)
Nebencharaktere: Jamie McCrimmon
Pairings: -/-
Kommentar des Autors: Die Geschichte zu diesem Zitat hätte einmal mehr in unterschiedliche Richtungen in verschiedene Fandoms gehen können, und dann passierte das, was sich im nachfolgenden OneShot nachlesen läßt. Ich hätte nicht gedacht, daß ich in der Lage bin, so etwas zu schreiben; noch dazu zu einem geliebten Charakter. Ich hoffe, es ist mir einigermaßen gut gelungen. Viel Spaß beim Lesen wünschen werde ich in diesem speziellen Falle nicht, dennoch aber eine spannende Lesezeit.





Run!

Hastiger Atem. Adrenalin fließt durch die Adern. Der Doctor rannte. Oh, wie hatte ihm das nur passieren können?
      Die Falle war so ausgeklügelt gewesen. So offensichtlich! Als er die Einladung von Großherzog Bernstein von Kalewetta erhalten hatte, hätte er stutzig werden müssen. An der Nachricht als solches war nichts auszusetzen gewesen. Hätte er nur die Zeit bedacht, in die er eingeladen worden war!
      Während er lief, dachte er an die früheren Besuche hier zurück. Der Planet Kalewetta war einst ein wunderschöner Ort gewesen. Hanifay Bernstein und er waren mehr als nur gute Freunde gewesen. Das prächtige Anwesen hatte zum verweilen eingeladen, und insbesondere das Herzstück hatte nicht nur den Gästen große Freude bereitet: Das große Steinlabyrinth, das, schafft man es bis ins Zentrum, auf einen lauschigen Platz führte, an dem es sich gut Tee trinken ließ, wie der Doctor aus eigenen Erfahrungen wußte.
      Das alles war jedoch lange her, zu der Zeit, da der Doctor jetzt hier gelandet war. Es hatte Krieg gegeben. Der Planet war verwüstet worden, das Anwesen mitsamt seiner Bewohner gefallen. Einzig das Labyrinth stand noch als trostloses Mahnmal – eine verwaiste Ruine, welche die Zeit überdauert hatte. Zum Tee lud es heute nicht mehr ein.
      Der Doctor kam keuchend an einer Wegkreuzung zum Stehen und versuchte, sich zu sammeln. Immer wieder huschte sein Blick in alle Richtungen, seine Ohren lauschten den winzigsten Geräuschen. Jede noch so kleine Wahrnehmung konnte entscheidend sein für Leben und Tod. Oh, wie hatte er nur so dumm sein können? Er war viel zu euphorisch gewesen, von seinem alten Freund zu hören, daß er nicht bemerkt hatte, daß die Nachricht nicht von ihm hatte geschrieben worden sein können. Zu der Zeit, als die Nachricht verfaßt worden war, war sein Freund längst tot gewesen.
      Das war der Nachteil, wenn man durch die Zeiten reisen konnte. Der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, als er sich für den linken Gang entschied und weiter lief. Man verlor die Chronologie aus den Augen, und dann passierte so etwas!
      Die TARDIS war pünktlich vor dem Herrenhaus gelandet. Spätestens da hätte er aufmerksam werden müssen. Er hätte sich die Zeit nehmen müssen, sich umzusehen. Spätestens dann wäre ihm aufgefallen, daß etwas nicht stimmen konnte. Das verwitterte Haus, der verwilderte Garten … Alles sprach eine Sprache für sich. Statt dessen war er sogleich ohne nach links oder rechts zu schauen losgelaufen und voller Vorfreude dem Hinweis gefolgt, daß sein Freund im Labyrinth auf ihn warten würde. Und so war er in die gut durchdachte Falle gegangen.
      „EXTERMINATE!“
      Der erste Dalek hatte ihm den Rückweg abgeschnitten.
      „EXTERMINATE!“
      Daleks kamen von rechts.
      „EXTERMINATE!“
      Daleks kamen von links.
      „EXTERMINATE!“
      Daleks kamen von vorne.
      Dies war mit Abstand die schlimmste Situation, die sich der Doctor in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Als wäre es nicht schon schwer genug, unter normalen Umständen durch das Labyrinth zu finden, mußte er nun auch noch in dem Gewirr von Gängen vor den Daleks flüchten, die von allen Seiten kamen, und ihm oftmals viel zu nahe waren. Immer wieder war er gezwungen, Wege zu nehmen, die ihn von seinem Kurs abbrachten, die er nicht kannte und die ihn in die Irre führten, bis er jeden Ausweg, den er im Gedächtnis gehabt hatte, aus den Augen verlor. Die Daleks sorgten dafür, daß ihm keine Gelegenheit blieb, sich Wege oder Richtungen zu merken. Sie jagten ihn, schnitten ihm wie gezielt Zugänge ab, gaben ihm selbst die einzigen Fluchtmöglichkeiten vor, bis er die Orientierung verlor. Sein ganzes Augenmerk lag bald schon nur noch darauf, keinem Dalek in den Weg zu laufen, dabei hatte er nicht mehr die Ruhe, Zeit oder Muße, sich die Strecke einzuprägen, die er lief, und verfranste sich dabei immer mehr im Labyrinth.
      Skurrile Gedanken flogen in seinen Geist und hinterließen ein dumpfes Echo, während er rannte. Dies würde ihm eine Lehre sein – wenn er überhaupt noch die Gelegenheit bekommen sollte, eine Lehre aus diesem Desaster zu ziehen. Er war so sorglos gewesen, so unvorbereitet. Und nun konnte er sich nicht einmal verteidigen. Mit so etwas hatte er doch nicht gerechnet! Wäre es so gewesen, hätte er das Labyrinth niemals betreten! Und nun hatte er nicht einmal eine Waffe bei sich, irgendein Hilfsmittel oder eine Ausrüstung, die ihm nützen könnte! Einzig und allein sein purer Überlebensgeist stand ihm jetzt zur Verfügung, und bei dem war er sich nicht mehr sicher, inwieweit ihm dieser noch nützen konnte.
      Die Daleks verfolgten ihn. Er konnte sie hinter sich hören. Sie nahmen ihn von den Seiten in die Zange. Er spürte ihre Präsenz, als sie von beiden Seiten auf ihn zusteuerten. Sie verstellten ihm die Fluchtwege. Immer wieder mußte er seinen Kurs ändern, wenn er die schemenhaften Umrisse eines Daleks vor sich wahrnahm, der sich ihm bedrohlich zuwandte. Sie zogen den Kreis immer enger. Die Auswege wurden immer weniger. Dieses Mal waren die Daleks intelligent und strategisch vorgegangen, um ihren Erzfeind zu vernichten.
      Er suchte sich kopflos einen Weg nach rechts. Er lauschte. Einen Augenblick war es ruhig. Eine trügerische Ruhe. Das wußte er. Darauf war er schon zwei Mal reingefallen. Zu der Zeit war er aber noch bei Kräften gewesen, und hatte den plötzlichen Angreifern den Umständen entsprechend mühelos ausweichen können. Mittlerweile wichen selbst die Energiereserven, die sein Wunsch zu überleben freimachten, einer Erschöpfung, die seinen Körper mit Blei zu füllen schien. Jeder Schritt wurde schwerer, jeder Atemzug schmerzte. Und doch wußte er, daß er nie lange verweilen durfte.
      Dort, war das ein leises Geräusch gewesen, ganz nah bei ihm? Ja, es kam aus dem Quergang hinter ihm. Nur wenige Meter, und sie hätten ihn wieder ihm Visier. Er ignorierte, daß sein Körper nach mehr Erholung verlangte als diesen winzigen Augenblick, den er sich gegönnt hatte, und lief weiter. Er tastete sich an die nächste Kreuzung heran, aufmerksam, lauschte, sondierte, spähte vorsichtig in die Gänge. Er versuchte, die Aktivitäten um sich herum in dem Labyrinth auszuwerten und entschied sich für einen Gang nach links.
      Wieder lief er auf eine Kreuzung zu. Er stockte im Schritt. War er hier schon einmal gewesen? Mindestens einer der Wege kam ihm bekannt vor… Zwei Herzen schlugen bis zum zerspringen in der Brust des kleinen Mannes, dessen Aufmachung aufgrund der Situation noch unordentlicher wirkte als gewöhnlich. Er hörte sie schon wieder hinter sich näher kommen. Über seinen eigenen keuchenden Atem hinweg versuchte er, die Richtungen herauszuhören, aus der seine Feinde kamen. Das Rumoren kam aus verschiedenen Winkeln, und es kam näher. Er mußte sich entscheiden! Dabei war es egal, ob er diesen Gang bereits einmal genommen hatte. Wichtig war nur, daß er immer den Weg wählte, der ihn nicht in die sinnbildlichen Arme der Daleks führte.
      Er wählte den Weg, der ihn ein erneutes Mal nach rechts führte. Eine Entscheidung, die er kurz darauf bereute. Ein Dalek kreuzte gerade eine Querverbindung vor ihm; pures Glück allein sorgte dafür, daß er den Doctor nicht bemerkte, der sich gerade hastig keuchend in Panik in die Schatten der Mauer drückte und versuchte, seine rasenden zwei Herzen zu beruhigen. Hier kam er nicht mehr heraus! Der Gedanke war so schnell da, daß er ihn nicht hatte verhindern können. Er wagte es, einen Sekundenbruchteil lang ohnmächtig die Augen zu schließen. Er öffnete sie wieder und starrte apathisch an die gegenüberliegende Wand. Sollten die Daleks den ewigen Kampf gewonnen haben …?
      Sogleich kam ein weiterer, grimmiger Gedanke hinterher, der den Doctor die Fäuste ballen ließ. Sie würden ihn nicht kampflos bekommen! Solange auch nur ein Funke Lebensgeist in ihm steckte, würde er versuchen, aus dieser im wahrsten Sinne des Wortes verfahrenen Situation herauszukommen! Wenn sie ihn bekamen, dann nicht, weil er resignierte!
      Er lauschte. Sollte er es wagen, seinen Kurs weiter beizubehalten? Oder doch lieber den Rückzug antreten? In Gedanken ging er die Möglichkeiten durch und glich sie mit dem ab, was ihm seine Sinne über die aktuelle Situation mitteilten. Die vielversprechendste Variante war gleichzeitig eine der risikoreichsten: Wenn er es schaffte, nach vorne zu sprinten und in den Gang abzubiegen, aus dem der Dalek eben gekommen war, dann mochte er sich ein bißchen Freiraum verschaffen können – wenn der Dalek auf der anderen Seite bereits außer Sichtweite war!
      Den Entschluß gefaßt, lief er wieder los, gerade rechtzeitig, bevor ein anderer Dalek von der anderen Seite in seinen Gang einbog und die Verfolgung aufnehmen konnte. Eine Weile lief er ziellos durch das Labyrinth, wich den bedrohlichen Geräuschen aus und hatte den Eindruck, immer nur im Kreis zu rennen. Immer wieder blieb er für Bruchteile der Sekunden stehen, um zu sondieren. Aufmerksam lauschte er auf die Geräusche. Sie kamen wieder von verschiedenen Seiten auf ihn zu. Er mußte sich rasch eine neue Strategie überlegen.
      Der Dalek von rechts war noch weit entfernt. Dafür kam von links ein Dalek viel zu schnell auf seine Position zu. Er huschte in den Seitengang und verschwand zwei Querwege weiter. An einer Ecke hielt er an, keuchend strich er sich die dunklen Haare aus der Stirn. Sie waren schweißnaß. Doch lange konnte er sich hier nicht aufhalten! Hinter sich hörte er es bereits wieder rumoren.
      Er ließ einen Dalek hinter sich, bog in einen Gang nach rechts ab und erstarrte. Auge in Auge stand er einem Dalek gegenüber. Die Schocksekunde wirkte auf beiden Seiten.
      „EXTERMINATE!“
      Der Doctor raste in die Richtung zurück, aus der er gekommen war und schlug bei der nächsten Abzweigung einen Haken. Der tödliche Schuß des Daleks verfehlte ihn nur knapp.
      Er rannte, hastete ohne Unterlaß durch die vielzähligen Abzweigungen des Labyrinths, und während dessen beschäftigte sich sein Geist ganz automatisiert immer wieder mit zwei Fragen: Wo waren die Daleks, und wie kam er aus dem Labyrinth heraus? Leider verhinderte die Antwort auf die erste Frage die Antwort auf die zweite. Statt dessen trieben ihn seine Feinde immer weiter in das Zentrum. Ohnmächtig wurde dem Doctor bewußt, was das zu bedeuten hatte. Einmal dort, hatte er keine Möglichkeit mehr zu fliehen. Und das wußten die Daleks!
      Spielten sie mit ihm? Verspürten sie eine Art Spaß, ihn zu quälen, bevor sie zum finalen Schlag ausholten? War das ihr Verständnis für Rache? Wie waren sie überhaupt auf diesen verwaisten Planeten aufmerksam geworden? Und woher hatten sie die Informationen, die ihnen ihren Erzfeind schließlich in die Hände gespielt hatten?
      In den Gedanken des Doctors herrschte Chaos. Die eisblauen Augen, die einen interessanten Kontrast zu seinem dunklen Haarschopf bildeten, huschten hektisch umher. Er durfte nicht die Nerven verlieren! Aber er konnte nicht mehr! Mittlerweile hatte er nicht nur den Orientierungssinn, sondern auch das Zeitgefühl verloren. Er rannte schon seit gefühlten Stunden durch das Labyrinth, verzweifelte immer mehr, darauf bedacht, zwei Ziele zu verfolgen: Den Weg aus dem Labyrinth heraus zu finden, und um Himmels Willen nicht ins Zentrum zu geraten!
      Seine Lungen brannten. Die Muskeln schmerzten. Die Erschöpfung drohte ihn zu übermannen. Aber er durfte jetzt nicht stehen bleiben! Er hörte sie bereits wieder hinter sich näher kommen.
      „EXTERMINATE!“ „EXTERMINATE!“ „EXTERMINATE!“
      Obwohl sein Körper rebellierte, rannte er weiter. Zwang sich dazu, seinen Verfolgern zu entkommen. Seine Beine schienen der Anstrengung nachgeben zu wollen. Kalewetta, einst eine blühende Metropole – nun der idealste Kriegsschauplatz, den sich die Daleks hatten aussuchen können; das Labyrinth, die perfekteste Falle für die Todesjagd. Er wußte, er würde es nicht schaffen. Hier würde er sein Ende finden. Zu gutgläubig war er immer wieder, jetzt würde er dafür bezahlen, und das endgültig. Das wußte er. Er war nur froh, daß Jamie ihn dieses Mal nicht begleitet hatte. Zuerst hatte er darüber geschmunzelt, als sein Gefährte verkündet hatte, daß er keine Lust auf ein »Altherrentreffen« hatte, und lieber in der TARDIS warten würde. Jetzt war er dankbar dafür. Vielleicht gab es zumindest für ihn die Chance, mit der TARDIS zu fliehen – wenn er feststellte, daß es den Doctor nicht mehr gab. Wichtig war nur, daß er nicht nach ihm suchte, oder ihm gar helfen wollte, und dabei selbst in die Falle geriet. War es gut gewesen, fröhlich zu verkünden, daß es einige Stunden dauern könnte, bis er zurück war, weil sein alter Freund und er sich sicher viel zu erzählen hatten? Keiner würde sich Sorgen machen, bis es längst zu spät war. Andererseits hätte ihm niemand mehr helfen können; in dem Augenblick, da ihm der erste Dalek den Weg abgeschnitten hatte, war es zu spät gewesen. Vielleicht war es Jamies Rettung gewesen. Vielleicht …
      All diese Gedanken stolperten wirr durch den Geist des Doctors, während er die Gänge entlang lief, Haken schlug, den bedrohlichen Geräuschen auswich und vergebens versuchte, seinen Kurs nach draußen zu halten. Mehr als einmal mußte er in einem Gang den Rückzug antreten, weil ihm ein Dalek entgegen kam. Mehr als einmal war er sich darüber bewußt, daß nur die Schwerfälligkeit der gelatineartigen Rasse in ihren salzstreuerförmigen Metallgehäusen dafür verantwortlich war, daß er mit dem Leben davon kam.
      Oder war es Berechnung? Immer mehr wurde ihm klar, daß die Daleks das Spiel lenkten, auch dann, wenn sie ihn nicht erwischten. Sie gaben die Richtung vor. Fast so, als wäre alles geplant. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem; konnten sie den Doctor nicht direkt erledigen, so sorgten sie zumindest dafür, daß ihm nur eine Richtung zur Flucht blieb; die, die den Daleks in die Pläne spielte.
      Wann würde wohl jemand darauf aufmerksam werden, daß etwas nicht stimmte? Ab wann würde Jamie nach ihm suchen? Gab es für seinen Gefährten überhaupt eine Chance, aus diesem Szenario zu entkommen? Die Daleks hatten sicher schon die TARDIS in Augenschein genommen und in ihren Vernichtungsplan eingerechnet. Und sein Begleiter war ahnungslos …
      Nein, darüber wollte er jetzt nicht nachdenken! Er mußte sich darauf konzentrieren, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Seine Augen kletterten zum wiederholten Male die hohen Steinwände hinauf, während er lief. Wenn es doch nur eine Möglichkeit gegeben hätte, hinaufzuklettern! Doch auch der Gedanke war aussichtslos. Trotz des Verfalls, der den Planeten seit dem großen Krieg heimgesucht hatte, und der seither vergangenen Zeit, die dafür gesorgt hatte, den einst federnden Boden aus Erde und Laub vom Steinboden wegzufegen, hatten die hohen Mauern überdauert, als wäre es ihnen wichtig, ein altes Geheimnis zu wahren. Und ein neues: Das Geheimnis über seinen Tod, wie es bald der Fall sein würde, schoß es ihm durch den Sinn. Sein Blick huschte von links nach rechts und wieder zurück, bald jedoch gab er es auf. Zwar fand er hier und da eingerissene oder eingestürzte Teile des Mauerwerks, doch es war wenig hilfreich. Die Wände waren zu glatt, glitschig von Moos und viel zu unwegsam, um sie zu beklettern. Und selbst wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte; er hatte nicht die Zeit, es auszuprobieren; und mittlerweile hatte er schon gar nicht mehr die Kraft, es zu versuchen.
      Er spürte, daß sein Körper bald den Tribut der Jagd fordern würde. In seinen Ohren rauschte es. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen. Ein Dalek näherte sich von links. Er hörte das bedrohliche Rattern auf dem Steinboden. Ein Dalek kam von rechts. Der Boden vibrierte unter seinen Füßen. Ein Dalek kam von hinten. Es blieb ihm nur noch eine Möglichkeit, die Flucht nach vorne.
      Ohne zu überlegen rannte er los, was seine schmerzenden Füße noch hergaben. Den Gang entlang, um eine Biegung, keine Abzweige, doch dort: Eine Öffnung! Atemlos rannte er in die einzige Richtung, die ihm blieb, die einzige Möglichkeit, welche die Daleks, die ihm auf den Fersen waren, ihm ließen.
      Gerade passierte er den Durchlaß, den er bereits aus der Ferne wahrgenommen hatte – vielleicht eine Möglichkeit, sich wieder zu entscheiden; einen Teil des Spiels für sich zu entscheiden. Diese kleine Hoffnung in den zwei Herzen lief er auf den offenen Platz, und erstarrte.
      Das Entsetzen stand ihm noch mehr ins Gesicht geschrieben, als stünde er direkt einem Dalek gegenüber. Das Zentrum! Jetzt hatten sie ihn da, wo sie ihn haben wollten!
      Er hatte sich nicht getäuscht. Die Strategie seiner Gegner ging auf. Aus jedem Zugang des Labyrinths kamen Daleks, versperrten ihm jeden einzelnen Weg, kreisten ihn ein. Jeder hatte die Waffe auf ihn gerichtet. Es gab keinen Ausweg mehr. Der Feind hatte gewonnen.
      Der Doctor spürte, wie er resignierte. Das würde also sein Ende sein. Im Kreuzfeuer der Daleks, mitten im Zentrum eines Labyrinths, in dem er so oft gemütlich mit seinem Freund zusammen Tee getrunken hatte. Es war tragisch. Aber er hatte selber daran schuld.
      Sich darüber bewußt, daß das Spiel vorbei war, ließ der Doctor die Arme sinken und fügte sich in das nun unvermeidliche. Wenn die Daleks schlau waren, würden sie lange genug bleiben und warten, bis alle Inkarnationen aufgebraucht waren. Wenn es ungünstig lief, würde es einige Zeit dauern, er war erst die zweite von dreizehn. Doch es würde sich lohnen. Sie hätten gewonnen. Und das nachhaltig.
      Er war sich nicht sicher, ob die Daleks so intelligent waren zu wissen, daß ein Timelord nicht einfach so mit dem Tod aufhörte zu existieren. Jedoch hatten sie bereits Erfahrungen mit seiner ersten Inkarnation gemacht, und kombinieren konnten sie sicher. Sie waren ein nicht zu unterschätzender Gegner. Und bestimmt würden sie nichts dem Zufall überlassen. Sicher würden sie sich überzeugen, daß der Doctor auch wirklich tot war, und einen langen Atem beweisen, wenn es darum ging, ihn endgültig zu vernichten.
      Ein gut gezielter Schuß, wenn er sich gerade mitten in der Regeneration befand, würde aber so oder so sein Ende bedeuten. Und er bezweifelte nicht, daß einer der Schüsse sitzen würde. Dies hier war ein Exekutionskommando, das nur darauf wartete, aus allen Rohren zu feuern, was die Waffen hergaben. Es müßte schon mit sehr viel mehr Glück als Verstand zugehen, wenn er, der Doctor, hier noch eine Chance bekommen sollte, zumindest in seiner nächsten Inkarnation lebend aus der Sache herauszukommen. Dieser, oder irgendeiner der noch kommenden.
      Ein schwacher Hoffnungsschimmer, und gleichzeitig ein ebenso schwacher Trost, der die Resignation in seinen zwei Herzen nicht zu mildern vermochte. Vielleicht, wenn das Schicksal gnädig war und er sehr viel Glück hatte, überlebte eine seiner nächsten Inkarnationen das Kreuzfeuer, das ihn erwartete. Ihm nützte es allerdings nichts mehr. Selbst, wenn es eine winzige Chance gab, daß die Daleks zu sorglos waren, oder die Option bestand, daß ihnen die Energie ausging, und eine seiner nächsten Inkarnationen die Möglichkeit bekam, zu fliehen – er wäre unweigerlich tot. Sein Wissen und seine Erfahrungen, seine Erinnerung und alles, was er erlebt hatte, würden erhalten bleiben. Seine Persönlichkeit, sein Erscheinungsbild, seine Fähigkeiten und Bedürfnisse, sein Wesen … alles, was ihn ausgemacht hatte, würde in wenigen Augenblicken unweigerlich für immer verloren sein.
      All dies ging ihm im Bruchteil einer Sekunde durch den Sinn, als ihm bewußt wurde, daß es gleich enden würde, auf die eine oder andere Art. Er konnte nur noch auf ein nächstes Leben hoffen. Er stellte sich auf ein absolutes Ende ein. Resignierend schloß er die Augen, und stellte das Denken ein.
      Gerade als der Doctor mit dem Leben abschloß, hörte er hinter sich ein bekanntes Geräusch.
      Zeitgleich als die TARDIS hinter ihm auf dem Platz materialisierte, kreischten mechanische, verzerrte Stimmen durcheinander: „EXTERMINATE!“
      Die Tür der TARDIS öffnete sich, und ein junger Mann winkte den Timelord hektisch herein. „Schnell, Doctor! Kommen Sie!“
      Der Doctor hätte vor Erleichterung und Dankbarkeit auf der Stelle auf die Knie sinken mögen. Nie in seinem Leben war er so dankbar dafür gewesen, daß Jamie, statt ihn zu begleiten, lieber in der TARDIS hatte bleiben und lesen wollen.
      Ohne nachzudenken nahm er ein letztes Mal die Beine in die Hand und rannte in die TARDIS. In der Tür drehte er sich für den Bruchteil einer Sekunde noch einmal zu den Daleks um. „Einigen wir uns auf unentschieden!“ Die Türen schlugen zu.
      Das Kreuzfeuer der Daleks ging ins Leere, als die TARDIS in Zeit und Raum verschwand.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine sehr spannende Geschichte, wie ich finde. Sehr gut ausformuliert und beschrieben. Das Zitat zum Schluss hat sehr gut gepasst.

Eure lula-chan
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