Das weiße Kaninchen

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Albus Dumbledore Harry Potter Hermine Granger Remus "Moony" Lupin Ronald "Ron" Weasley Severus Snape
28.05.2020
30.06.2020
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Kapitel 11: Das weiße Kaninchen (Severus)


Mit einem überaus nachdenklichen Blick betrachtete Severus die rauchende, rötliche Flüssigkeit in seinem Glas. Er fühlte sich ungewöhnlich normal, beachtete man, dass Potter gerade in seinem Badezimmer duschte.
Severus‘ Mundwinkel zuckte. Potter, die unsterbliche Plage seines Lebens, der Fluch seiner Existenz und die Rettung seiner Freiheit. Zwei Wochen war es her, seit er die folgenschwere Entscheidung getroffen hatte, der Nervensäge zu erlauben, zu ihm zu kommen, wann immer es ihm beliebte. Zwei Woche hatten sie schon, nun, was auch immer es war, was sie da hatten.
Severus konnte ein sehr eindeutiges Fazit ziehen. Er hatte in diesen zwei Wochen besser geschlafen als in den über dreißig Jahren zuvor. Seine Albträume hatten sich auf Nächte beschränkt, die Potter nicht neben ihm verbracht hatte. Während ihn für gewöhnlich mehrmals die Woche eine Migräne befiel, hatte er kein einziges Mal auch nur den Hauch von Kopfschmerzen verspürt. Er aß mehr, trank weniger Alkohol und auch sein genereller Gemütszustand befand sich auf einer ganz anderen Ebene für gewöhnlich. Ja, er würde sogar schwören, dass sich seine Schüler besser benahmen, seit er mit Potter schlief – natürlich wusste er, dass das Unsinn war, aber dennoch. Auf eine merkwürdige und gleichzeitig angenehme Art und Weise schien einfach alles zu passen.
Severus war sich durchaus bewusst, dass es ihn nicht hätte überraschen sollen. Dass regelmäßiger, guter Geschlechtsverkehr gut für das allgemeine Wohlbefinden von Menschen war, wusste wohl jeder Idiot. Dennoch, er hatte so viel Zeit in seinem Leben damit verbracht sich einzureden, dass er derartige Körperlichkeiten nicht brauchte, dass es ihn beinahe frustrierte nun einsehen zu müssen, wie viel Spaß ihm entgangen war. All die Gründe, die er für gewöhnlich aufbringen konnte, wieso er solchen Dingen aus dem Weg ging: mit Potter gab es diese Gründe nicht. Potter war intelligent genug, dass seine Gegenwart erträglich war, er hatte ein schier unersättliches Interesse an Severus und dennoch musste er sich für keine einzige Sekunde Sorgen machen, dass der Junge Gefühle für ihn entwickeln könnte. Potter kam, meist erst nach der Sperrstunde, zu ihm und sie hatten Sex. Manchmal blieb er über Nacht, manchmal nicht. Sie täuschten kein gegenseitiges Interesse an ihren Tagen vor, hatten keine gezwungenen Unterhaltungen oder überhaupt irgendwelche Momente, die irgendwie unangenehm wären. Es war so herrlich unkompliziert, geradezu lächerlich einfach – fast schon zu schön, um wahr zu sein.
Aber es war wahr und Severus würde einen Teufel tun und beginnen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wieso er Potter besser fernbleiben sollte. Er wollte keine Gründe finden, die ihm klarmachen würden, dass es besser wäre die Sache so schnell wie möglich zu beenden; er wollte nicht verantwortungsbewusst sein. Das Leben hatte ihm ein Geschenk gemacht und er wollte es annehmen. Es tat ihm gut, es tat Potter gut, sie waren beide erwachsene Menschen, wenn sie vorsichtig waren dann würde es schon keiner herausfinden, was sprach also dagegen?
Es war Potters Entscheidung. Severus würde nichts fordern, das war nicht seine Art. Wenn Potter zu ihm kommen wollte, dann würde er es ihm gestatten. Und sobald er sich entscheiden würde, dass er nicht mehr kommen wollte, dann würde Severus auch damit klarkommen. Und bis zu diesem Tag würde er es einfach nur genießen.
Das vertraute Zischen seines Kamins ließ ihn aufblicken und er atmete angestrengt aus, als er den Schulleiter aus den Flammen in sein Wohnzimmer treten sah, sich den Ruß von den lilafarbenen Roben klopfend. In seiner Hand hielt er ein dickes Buch, das wirkte, als wäre es gerade erst eingebunden worden.
Severus hob eine Augenbraue. „Es ist unhöflich, unangekündigt in ein Wohnzimmer zu platzen“, sagte er trocken, woraufhin Albus mit einem entschuldigenden Lächeln einen übertriebenen Knicks machte. Severus war diese Albernheiten bereits gewöhnt.
„Verzeih, mein Junge“, sagte Albus geradezu verschmitzt. Severus ignorierte ihn und ließ stattdessen ein weiteres Glas aus seinem Kabinett auf sich zu schweben. Er goss Albus ein Glas Feuerwhiskey ein und der Schulleiter nahm es dankend an sich, sich Severus Gegenüber auf den freien Sessel niederlassend. Sein Blick wanderte hinüber zu der verschlossenen Badezimmertür, hinter der leise Geräusche zu vernehmen waren.
„Ich nehme an, Harry ist hier?“, sagte er und Severus beschloss, das Funkeln in seinen Augen zu ignorieren.
„Nein, ich habe mir eine Katze angeschafft, die Wasserhähne bedienen kann“, erwiderte er ironisch.
„Du siehst zufrieden aus“, sagte Albus mit einem ehrlichen Lächeln. „Er tut dir gut.“
Severus warf dem alten Zauberer einen dunklen Blick zu, wie er es immer tat, wenn Albus ihn mit solchen Sentimentalitäten nervte. Er atmete resignierend aus und schlug die Beine übereinander, einen Schluck seines Whiskeys nehmend. Sein Gegenüber tat es ihm gleich.
„Was willst du, Albus?“
Albus lächelte noch immer unbeirrt und legte das Buch auf den Tisch zwischen ihnen. Bevor er antworten konnte, öffnete sich die Badezimmertür und ein frisch geduschter, aber glücklicherweise angezogener Potter trat in den Raum. Er hatte noch feuchte Haare und ein Handtuch und seine Brille in der Hand.
„Ich dachte mir, dass ich deine Stimme gehört habe, Albus“, sagte er fröhlich. „Wie geht es dir?“
Severus runzelte irritiert die Stirn. Wieso schaffte Potter es immer, in derartig unangenehmen Situationen so zu wirken, als wäre alles vollkommen normal. Nun, dachte er unzufrieden, vielleicht waren solche Situationen Potter wirklich nicht unangenehm. Vielleicht hatte er keine Probleme damit, dem Schulleiter gegenüberzutreten, nachdem er vor weniger als zwanzig Minuten mit einem der Lehrer geschlafen hatte. Vielleicht war Severus sowieso der einzige, der sich wünschte, er hätte Albus nie von der Sache erzählt; auch wenn er natürlich wusste, dass er es ihm niemals hätte verschweigen können.
„Mir geht es ganz hervorragend, Harry, ich danke dir“, sagte Albus in demselben, fröhlichen Tonfall. Severus rollte mit den Augen. Na toll, er war sich gar nicht bewusst gewesen, dass er jetzt zwei von dieser Sorte an der Backe hatte. Nun, daran würde er sich wohl oder übel gewöhnen müssen.
„Ich bin froh, dass du hier bist, das kommt mir sehr gelegen. Ich wollte Severus gerade berichten, dass ich das Regelwerk inzwischen vollständig überarbeitet habe“ – er deutete zu dem Wälzer, den er auf dem Tisch abgelegt hatte – „und ich jedem Lehrer eine Kopie davon ausgehändigt habe. Nächste Woche werden wir dann bei der nächsten Lehrerversammlung darüber abstimmen können, womit wir auf der sicheren Seite wären.“
Severus hob eine Augenbraue und, neugierig, griff nach dem dicken Buch. „Was zur Hölle, Albus“, murmelte er kaum hörbar. Er blickte auf und schnaubte. „Glaubst du nicht, du hast ein bisschen übertrieben? Das letzte Mal, dass ich das Regelwerk in den Händen hatte, war es bedeutend dünner. Was soll das hier?“
Potter war hinter ihn getreten, um ihm über die Schulter zu spitzen, während Severus durch die Seiten blätterte. Der Zaubertrankmeister runzelte die Stirn. „Was ist das alles?“
Albus kicherte. „Eine meiner ausgefuchsteren Ideen, wenn ich das mal so sagen darf“, sagte er selbstzufrieden. „Ich konnte ja wohl kaum einfach an das vorherige Regelwerk einen Punkt anhängen, der sexuelle Beziehungen zwischen Lehrern und volljährigen Schülern erlaubt, sofern sie nicht von diesem unterrichtet werden. Das wäre wohl doch ein bisschen auffällig gewesen. Also habe ich mir die Freiheit genommen, die bisherigen Regeln umzuschreiben und durch überflüssige Zusätze und Formulierungen auf das Doppelte zu strecken. Erstens fällt der besondere Zusatz so gar nicht erst auf und zweitens-“
„-liest das alles sowieso keiner“, unterbrach Potter ihn mit einem breiten Grinsen.
„Du hast es erfasst, mein Lieber“, stimmte Albus zu, mit seinem Zeigefinger kurz gegen seine Nasenseite tippend.
„Ausgefuchst, in der Tat“, sagte Severus trocken, das Buch wieder schließend. „Aber ethisch vertretbar?“
Nun war Albus derjenige, der eine Augenbraue hob und Severus hörte die unausgesprochene Frage. Er sagte nichts, denn er wusste, dass Albus die Diskussion sowieso gewinnen würde. Und Severus hatte sowieso nie behauptet, ein guter Mensch zu sein, wieso also jetzt anfangen moralische Bedenken zu äußern, die er ja nicht einmal wirklich hatte?
Für ein paar Sekunden herrschte eine ziemlich unkomfortable Stille, dann räusperte sich Potter, der sich inzwischen magisch die Haare getrocknet und seine Brille aufgesetzt hatte. „Ich muss dann mal los, wir haben Quidditchtraining“, sagte er ein wenig unbeholfen, als er nach seinem Tarnumhang griff, der über der Lehne des Sofas gelegen hatte. Severus deutete ein verabschiedendes Nicken an.
„Natürlich. Guten Flug“, wünschte Albus freundlich. Potter lächelte ihm zu.
„Danke, Albus. Bis morgen, Professor“, fügte er an Severus gerichtet zu und verschwand so plötzlich, dass Severus sich nun doch sicher war, dass sein vorheriges Wohlbefinden nur geschauspielert gewesen war; die Situation war ihm scheinbar genauso unangenehm gewesen. Irgendwie beruhigte ihn das.
Albus, der Potter mit einem leicht verwunderten Blick hinterhergesehen hatte, blickte nun wieder zu Severus und lächelte auf eine Weise, die in dem Lehrer augenblicklich das Bedürfnis verursachte, ihn mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede zum Gehen aufzufordern. Wieder war es für einige Sekunden still.
„Was?“, fuhr Severus ihn dann plötzlich an, als er Albus‘ vielsagendes Grinsen nicht mehr aushielt. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn du mich so ansiehst. Spuck es aus.“
Albus lachte unbeirrt und schüttelte den Kopf. „Severus, du bist unverbesserlich. Ich freue mich einfach nur für euch beide, mehr nicht.“
Severus runzelte die Stirn. Albus war ein romantischer alter Narr und es war offensichtlich, dass er weitaus mehr in seine Beziehung zu Potter interpretierte, als Severus es tat. Doch er wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich darüber zu echauffieren. Albus würde ihm entweder sowieso gar nicht erst zuhören oder ihm nicht glauben.
„Wirst du mir irgendwann erzählen, wie diese doch recht überraschende Wendung zustande gekommen ist?“, fragte Albus geradezu beiläufig. Severus atmete angestrengt aus.
„Wenn du mir einen triftigen Grund lieferst, wieso ich das tun sollte und warum es dich etwas angehen sollte.“
„Ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber es interessiert mich“, erwiderte Albus unbeeindruckt. „Vor allem, da ihr vor ein paar Monaten noch nicht einmal gleichzeitig in einem Raum sein wolltet.“
Severus strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und seufzte. „Ich weiß es nicht“, sagte er, den Kopf schüttelnd. „Ich bin ehrlich, Albus, ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte. Es war eine merkwürdige Situation. Ich hatte auch definitiv nicht vor, es wieder passieren zu lassen…“
„Das hast du mehrmals zur Genüge betont, ja“, sagte Albus amüsiert. „Ich frage mich schon lange, wann du endlich lernen wirst, dass man sein Leben nicht auf diese Weise vorausplanen kann. Du kannst nicht wissen, was dein Herz dir nächste Woche sagen wird. Manche Dinge passieren, obwohl wir Monate vorher unsere Hand dafür gegeben hätten, dass es niemals passieren würde.“
Severus wusste, dass Albus recht hatte und dennoch würde er das nie zugeben. Natürlich konnte er nicht in die Zukunft sehen. Und eigentlich war das auch ganz gut so.
„Themawechsel, bitte“, sagte er plötzlich, da er wirklich keine Lust hatte, ausgerechnet mit Albus über seine sexuellen Eskapaden zu diskutieren. Nein, das wollte er nun wirklich nicht.
„Von mir aus“, sagte Albus und nippte an seinem Feuerwhiskey. „Was denkst du über die neuen Erstklässler?“




Ein Geräusch ließ ihn von seinem Buch aufblicken. Severus runzelte die Stirn und ließ den Blick durch den dunklen, still daliegenden Raum schweifen. Er fühlte sich auf eine unbeschreibliche Art und Weise unsicher. Als würde er beobachtet werden.
Mit einem unguten Gefühl im Magen schloss er das Buch und legte es zur Seite. Er griff an seine Hüfte, nur um festzustellen, dass sein Zauberstab nicht an seinem gewohnten Platz war. Er musste ihn im Badezimmer liegen gelassen haben, bevor er ein Bad genommen hatte. Er zögerte und lauschte in die Stille. Erst nachdem weitere zehn Sekunden vergangen waren, erhob er sich.
Die Welt um ihn herum explodierte. Die Dunkelheit blieb nichts weiter als eine ferne Erinnerung, schmerzend grelle Lichtblitze zuckten durch das Wohnzimmer des schäbigen Hauses in Spinner’s End und, bevor er zu irgendeiner Reaktion im Stande gewesen wäre, traf ihn ein Fluch im Rücken.
Er fiel ächzend auf die Knie, als für einen Moment alles wieder dunkel wurde. Dicke, magisch glühende Seile schlangen sich um seinen Körper und eine laute, bellende Stimme ließ den Raum erbeben. Severus konnte nicht verstehen, was sie sagte; seine Ohren surrten unangenehm und eine Angst erfüllte ihn, als er verstand, was auf ihn zukommen würde.
Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Er war umzingelt, ein duzend Auroren richteten ihre Zauberstäbe auf ihn und Severus spürte eine beklemmende Kälte, die nur von sich in der Nähe befindenden Dementoren ausgelöst sein worden konnte.
„Keine Sorge, mein Junge“, sagte Albus. Severus riss den Kopf zur Seite und erblickte den alten Zauberer, gemütlich in seinem Sessel sitzend. Er hatte ein großes, weißes Kaninchen mit nur einem Ohr auf seinem Schoß sitzen und streichelte es. „Es wird schon alles gut werden.“
Severus begann zu zittern. Das Kaninchen hob den Kopf und blickte Severus aus großen, grünen Augen an, bevor es das Maul öffnete und schrie – ein lauter, hoher animalischer Laut voller Schmerz und tödlicher Panik. Der Schrei verstummte, das Kaninchen sprang von dem Schoß des Schulleiters und verwandelte sich in die schlanke Gestalt von Potter. Er war nackt.
„Er ist ein Held“, sagte Potter. Sein Gesicht war ausdruckslos und seine Stimme geradezu gelangweilt.
„Hilf mir“, hörte Severus sich selbst mit brüchiger Stimme flüstern. Die Kälte nahm immer weiter zu und er spürte, wie die Dementoren sich ihm näherten. „Bitte, Potter, bitte-“
Ein plötzlicher Ruck zerrte an den Seilen, die sich um seine Schultern geschlungen hatten. Sein Kopf wurde nach hinten geworfen und er blickte direkt auf die große, dunkle Gestalt, die über ihm schwebte und mit einer schwarz-schleimigen Hand nach seiner Kapuze griff, um sie zurückzuwerfen.
Ein ohrenbetäubender Schrei fuhr ihm durch den Kopf und er stöhnte schmerzerfüllt auf, die Arme hebend und sein Gesicht bedeckend. Plötzlich waren die Seile um seinen Körper verschwunden und als er verwirrt die Augen öffnete, blickte er auf ein langes Messer, das er mit bleichen Fingern umklammert hielt. Er war betrunken und zornig.
Vor ihm kauerte seine Mutter, das Gesicht geschwollen und verfärbt von den Schlägen. Sie blickte weinend zu ihm hinauf, pure Angst in den dunklen, flehenden Augen.
„Bitte, Tobias, bitte-“, schluchzte sie. Severus verspürte eine irrationale Wut in sich aufwallen, begann zu lachen und stach zu-

„Hey, hey“, riss ihn eine sanfte Stimme aus dem Traum. Er spürte die Seile wieder um seine Arme – nein, es waren keine Seile, es waren Hände, kräftige Hände, die seine Handgelenke festhielten und in die Matratze drückten. Er schnappte nach Luft und versuchte instinktiv weiter, sich gegen den Griff zu wehren.
„Ganz ruhig, ich bin es, Harry“, sagte die Stimme, den Griff noch nicht lockernd. „Es ist alles in Ordnung, hören Sie, Professor? Sie sind in Sicherheit. Wir sind in Hogwarts.“
Severus erlaubte sich, der Stimme Gehör zu schenken. Sobald er den Sinn der beruhigend gemurmelten Worte erfasst hatte, verspürte er eine unendliche Erleichterung, die unmöglich in Worte zu fassen wäre. Er spürte, wie die Anspannung seinen Körper verließ und seine Muskeln entspannten sich, als er, verschwitzt und zitternd, zurück in die weiche Matratze sank. Potter hielt ihn noch immer fest an den Handgelenken. Der Junge konnte eine Kraft aufwenden, die Severus es in seinem jetzigen Zustand nicht einmal möglich gemacht hätte sich zu befreien, wenn er es gewollt hätte.
„Ich lasse Sie jetzt los, in Ordnung?“, sagte Potter nach ein paar Sekunden vorsichtig. Severus nickte atemlos und Potter ließ von ihm ab, sich neben ihn kniend. Severus konnte kaum etwas erkennen, denn das Feuer im Kamin drohte jeden Moment auszugehen. Er wusste nicht, wie spät es war, doch er fühlte sich, als sei er von einem Hippogreif überrannt worden. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte und er brauchte ein paar Sekunden, bis er sich vollkommen sicher war, dass er in seinem Bett in Hogwarts und nicht in seiner Zelle in Askaban lag.
Mit der langsam kommenden Ruhe kamen auch die Scham und eine Wut auf sich selbst, die er in dem Moment kaum fassen konnte. Es war naiv von ihm gewesen, anzunehmen, er würde kein einziges Mal in der Gegenwart von Potter einem Albtraum erliegen. Doch in den letzten Wochen hatte er derart hervorragend geschlafen, wenn Potter bei ihm gewesen war, dass er die Sorge, es könnte passieren wenn der Schüler dabei war, schließlich abgelegt hatte. Nun folgte sicherlich eine Konfrontation mit einigen unangenehmen Fragen und Severus hatte nicht das geringste Bedürfnis danach, auch nur eine einzige davon zu beantworten. Die Situation war ihm so bereits unangenehm genug und er hatte keine Lust darauf, sich jetzt auch noch mit dem sorgenvollen Gesichtsausdruck Potters auseinandersetzen zu müssen.
Potter sah ihn in der Tat besorgt an, stellte jedoch keine unangenehmen Fragen. Er blieb einfach neben ihm sitzen und schwieg, bis Severus‘ Atmung sich beruhigt hatte, eine Hand beruhigend auf seiner Schulter abgelegt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte Potter leise: „Alles in Ordnung?“
Severus verzog das Gesicht, verbiss sich jedoch einen schneidenden Kommentar und nickte stattdessen lediglich. „Wie viel Uhr haben wir?“
Potter zögerte. „Bald sieben. Wollen Sie darüber reden?“
Sie starrten sich in der Dunkelheit für einige Sekunden wortlos an. Die Wut, die Severus erwartet hatte, blieb aus. Für gewöhnlich ärgerte es ihn, wenn jemand ihn mit derartigen Schwachsinnigkeiten nervte, doch aus irgendeinem Grund fühlte er sich stattdessen merkwürdig getröstet. Er zwang sich zu einem dünnen Lächeln.
„Nein.“
Potter nickte verständnisvoll und er stellte auch keine weiteren Fragen. Severus war ihm sehr dankbar dafür, denn es hätte für ihn wohl kaum ein unangenehmeres Thema geben können. Es gab Erinnerungen, die man aus guten Gründen verdrängte und diese war eine davon.

Es war zu spät, um sich noch einmal schlafen zu legen und so schleppte Severus sich ins Badezimmer, um erst einmal ausgiebig zu duschen. Er hatte nicht erwartet, dass Potter länger bleiben würde als notwendig, gerade nicht an einem solchen Morgen, doch als er schließlich mit schmerzenden Schultern und einem Stechen im Rücken das Badezimmer verließ, stieß ihm der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase. Er band gerade einen Knoten in den Gürtel seines Bademantels und hob die Augenbrauen, als Potter zufrieden eine heitere Melodie pfeifend mit einer Kanne und zwei Tassen aus seiner Küche kam.
„Ich wusste nicht, wie stark Sie ihn wollen, ich hoffe er ist gut so“, sagte Potter beiläufig, das Gedeck auf dem schmalen Wohnzimmertisch abladend. Er schien sehr bedacht darauf zu sein, gute Laune zu vermitteln und Severus wusste es zu schätzen, auch wenn er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte.
Er zog die Augenbrauen zusammen und trat auf Potter zu, ihn mit einer Hand am Kinn dazu bringend, ihn anzusehen. Potter lächelte und neigte sich ihm, in Erwartung eines Kusses, entgegen, doch Severus legte stattdessen die Fingerspitzen seiner anderen Hand vorsichtig auf die geschwollene, sich langsam dunkel verfärbende Haut unter Potters linkem Auge.
„Was ist passiert?“, sagte er leise. Ein sehr ekelhaftes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.
Nun war Potter derjenige, der die Stirn runzelte. Er hob ebenfalls die Hand und griff, weniger vorsichtig als Severus, an sein Auge, woraufhin er zischend Luft einzog. Er ließ er die Hand wieder sinken und zuckte rasch mit den Schultern.
„Keine Ahnung“, sagte er, sich abwendend. Severus wurde wütend.
„Lüg mich nicht an, Potter“, fuhr der Tränkemeister ihn an, lauter als beabsichtigt. „Habe ich dich geschlagen?“
„Es war ja nicht mit Absicht“, erwiderte Potter in derselben Lautstärke, aber nicht wütend, sondern trotzig. „Sie haben wild um sich geschlagen und ich habe nur irgendwie versucht, Sie festzuhalten. Keine Sorge, ich weiß schon, dass Sie das nicht wollten.“
Severus runzelte unzufrieden die Stirn und seufzte. Er setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als Potter ihn mit einem schnellen aber effektiven Kuss daran hinderte.
„Nein“, sagte er in einem sehr bestimmten Tonfall. „Es gibt nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssten.“
Er wandte sich ab und ließ sich alles andere als elegant auf das Sofa fallen, eine der Tasse nehmend. „Wollten Sie Milch oder so?“
Severus fühlte sich nach wie vor höchst unwohl, doch er wusste, dass Potter Diskussionen jeglicher Art über dieses Thema nicht zulassen würde. Also begnügte er sich damit, seinen Zauberstab zu ziehen und mit einem schnellen Accio eine Phiole mit Diptam-Essenz zu sich schweben zu lassen.
„Halten Sie still“, sagte er überflüssigerweise, denn Potter hatte bereits gehorsam die Augen geschlossen, als Severus sich mit der Phiole neben ihn gesetzt hatte. Er nahm ein bisschen der Flüssigkeit auf die Finger und verteilte sie vorsichtig auf der verletzten Haut, die augenblicklich wieder ihren normalen Hautton annahm. Auch die Schwellung nahm ab und in spätestens einer halben Stunde würde man nichts mehr von diesem unerfreulichen Zwischenfall sehen können, aber dennoch, das unangenehme Gefühl in Severus‘ Magengegend blieb noch eine ganze Weile.
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