Phobos und Deimos

GeschichteAllgemein / P12
26.05.2020
03.07.2020
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Dämonophobie - Angst, von Dämonen befallen zu werden – Mary Levesque

„Mummy?“
Hazel öffnete zaghaft die Tür zum Zimmer ihrer Mutter und lugte hinein. Mary Levesques Kopf fuhr herum, eigentlich viel zu schnell, als ob die Stimme ihrer elfjährigen Tochter etwas Verabscheuungswürdiges, Gefährliches wäre. „Du!“, keifte sie schrill und Hazel zuckte erschrocken zurück. So klang ihre Mom nicht, niemals! Das war nicht ihre Mutter, konnte es nicht sein. Ihre Mutter war zwar manchmal wütend auf sie, machte sie verantwortlich für ihren Fluch und für das Leben von ihr selbst, aber diese Hinterlist hatte sie noch nie in ihren Augen gesehen. Sie war habgierig, ja, eigensinnig, verstockt und betrügerisch, aber Hazel wusste, dass sie sie eigentlich liebte, doch aus den Augen, die sie jetzt anstarrten, kam eine pure Kälte und ihr lief ein Schauer über den Rücken.
Gern hätte sie den Raum verlassen, aber sie wagte es nicht, sich zu bewegen, während die dunklen Augen ihrer Mutter, die doch nicht sie selbst zu sein schien, auf ihr lasteten. Sonst sah sie aus wie immer, wunderschön, mit dunkler Haut trotzdem den goldbraunen krausen Haaren, die sie an Hazel weitergegeben hatte und ihrer Wahrsageraufmachung, die sie oft sogar noch in ihrer Freizeit trug, „weil sie so bequem war“, wie sie sagte, obwohl Hazel wusste, dass es eigentlich war, weil sie sich als Wahrsagerin gefiel, sie fühlte sich besonders, beschenkt.

Plötzlich jedoch schüttelte es sie und Mary Levesque brach auf dem Teppich zusammen, die Augen verdreht. Endlich wagte Hazel es, zu ihr zu laufen und ihren Kopf in ihren Schoß zu legen, um ihr sanft auf die Wangen zu klapsen, bis sie nach Luft schnappte und die Augen aufriss, die wieder ganz normal aussahen, bis auf den Fakt, dass ihre Pupillen ängstlich geweitet waren und Hazel anstarrte, als hätte sie einen Geist gesehen. „Mummy?“, fragte Hazel wieder, diesmal zögerlicher und Mary erhob sich und ließ wachsam den Blick durch den Raum schweifen, während sie aufstand und Hazel an sich drückte und wütende Worte vor sich hinmurmelte, die Hazel nicht verstehen konnte, bis sie ein paar Wörter aufschnappte: „Dieser verfluchte Pluto...sendet seine Dämonen...will mich tot sehen...muss Hazel beschützen...werde nicht zulassen...niemals...er bekommt uns nicht...“
Doch plötzlich stoppte sie, sah Hazel liebevoll an und meinte zärtlich: „Oh Süße, musst du nicht ins Bett? Was ist denn los? Was ist passiert?“ Verzweifelt versuchte Hazel, zu blinzeln, nicht zu weinen, aber es half nichts und sie begann zu schluchzen, während sie schon spürte, wie von ihren heftigen Emotionen die Schätze im Boden heraufgezogen wurden, doch sie konnte nicht aufhören. Was war los? Was kam jetzt noch? War es nicht genug? Mary seufzte und hob Hazel unter Ächzen hoch, um sie ins Bett zu bringen.
Ihr kleiner Fluch und Segen.

Leise sang sie ihr ein Lied vor, bis Hazel eingeschlafen war. Mary stand auf und sah auf ihr Kind hinab, die Augen hinter denen das Gold schimmerte, geschlossen, das goldbraune Haar, was sie selbst jeden Tag im Spiegel sah, übers Kopfkissen verteilt und mit einem friedlichen Ausdruck im Gesicht, den Mary schon lange nicht mehr in wachem Zustand, geschweige denn an ihr selbst gesehen hatte. Schweren Schrittes ging sie zurück in ihr Zimmer, doch ihr Herz pochte so laut, dass sie nicht einschlafen konnte, was aber auch an etwas anderem lag.
Mary Levesque hatte Angst.
Furchtbare Angst, sie war besessen gewesen, etwas, vor dem sie sich schon immer gefürchtet hatte. Keine Kontrolle über sich zu haben, aufzuwachen mit dem Wissen, dass etwas geschehen war, doch nicht zu wissen, was. Und jetzt war es eingetroffen und sie verdammte sich selbst für den Fehler den sie vor Jahren gemacht hatte, sich mit Pluto einzulassen, dem Herr der Dämonen und dunklen Kreaturen der Nacht, sie war geblendet gewesen von seinem anderen Herrschaftsbereich, dem Reichtum, den sie so dringend benötigt hatte und von ihm selbst betört, doch all das suchte sie jetzt heim. Inzwischen hasste sie ihn, den Mann, den Gott, der ihr das alles eingebrockt hatte, der sie nie ruhig schlafen ließ und ihr nun auch noch seine Dämonen schickte.

Nein, jetzt konnte sie nicht schlafen, kurz entschlossen schwang sie die Füße aus dem Bett und griff nach einem der Bücher, in denen sie einst die Formel für Plutos Beschwörung gefunden hatte. Doch diesmal suchte sie etwas anderes. Einen Schutzzauber. Nie, niemals hatte Mary selbst an das geglaubt, was sie anderen vorgaukelte, hatte die Zukunft vorausgesagt, ohne irgendwann darüber nachzudenken und hatte dennoch Pluto beschworen und all ihre Ansichten drehten sich ins Gegenteil.
Hastig blätterte sie durch die Seiten, nervös und angespannt, bis sie plötzlich hängenblieb, an einer Seite, die sie beinahe überblättert hätte. „House Protection Spell Bottle“ stand dort und fieberhaft überflog sie das, was darunter stand. Es war hinzubekommen und gehetzt streunte sie durchs Haus und suchte alles zusammen, die Flasche und die Kräuter und Gewürze. Streng befolgte sie alles, was in dem Buch stand und versteckte die fertige Flasche unter ihrem Bett. Tief durchatmend ließ sie sich darauf fallen, sie fühlte sich, als wäre eine unglaubliche Last von ihren Schultern gehoben worden. Jetzt war sie wenigstens in ihrem Haus sicher und leise schwor sie sich, es nicht wieder zu verlassen, wenn es irgend zu vermeiden ging.
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