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Versuchung

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.05.2020
14.07.2020
6
8.247
2
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14.07.2020 1.303
 
Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Tag 6

Ich sitze in meiner letzten Beratung für heute. Die Zeit getrennt von Julia tut mir gut, jetzt bin ich Pfarrer Tonio und nicht der private Tonio. Gleichzeitig vermisse ich die Nähe zu Julia, die sich einfach durch die Situation etabliert hat. Ich reiße mich zusammen, das habe ich mir selber vorgenommen, denn ich kann nicht jedes Mal, wenn Felix anruft, wie ein eifersüchtiger Gockel auftreten. Dazu habe ich kein Recht. Trotzdem bin ich in meinem Gespräch nicht bei der Sache, daher bin ich auch froh, als es endet. Dieses zwiegespaltene Gefühl ist mittlerweile allgegenwärtig.

Eine Weile sitze ich noch am Schreibtisch. Nun habe ich das Büro komplett für mich in Anspruch genommen. Mein kleines Refugium in ihrer Welt. In diesem Raum bin ich sicher, aber wohl fühle mich in ihrer Gegenwart. Mein komisches Verhalten gestern habe ich nicht erklärt, Julia hat auch nicht gefragt. Ein stilles Übereinkommen. Das macht es mir leichter, bei ihr zu sein. Ich freue mich fast ein bisschen, gleich das Essen für uns zu kochen, den Tisch anzudecken und uns von dieser merkwürdigen Zeit abzulenken. Es gibt Kaiserschmarrn, Julias Leibspeise.

Ich betrete das Wohnzimmer, Julia sitzt auf der Couch. Als sie mich sieht, gießt sie Kaffee in zwei Becher. Daneben steht ein Teller mit vermutlich selbst gebackenen Keksen. Ich bin skeptisch, was mich erwartet und das scheint sie mir anzusehen.

"Keine Sorge, die hat Papa gebacken. Er wollte sicher gehen, dass wir auch mal etwas gutes Essen. Ich verstehe gar nicht, dass ihr so wenig Vertrauen in meine Koch- und Backkünste habt", sagt sie und lacht schon selber über ihre Worte, weiß sie doch ganz genau, dass ihre Talente woanders liegen. Ich stimme in ihr Lachen mit ein und setze mich zu ihr.
"Ich weiß, was du gut kannst. Die Küche gehörte da noch nie zu. Weißt du noch, als deine Eltern zur Messe waren und du mir beweisen wolltest, dass du genauso gut Gulasch kochen kannst wie Xaver, wir aber beide keine Ahnung vom Schnellkochtopf hatten und nachher zwei Tage lang die Küche schrubben mussten." Die ganze Szene sehe ich wieder vor mir und lache herzlich. Im Gegensatz dazu ist Julia schlagartig still. Ich weiß nicht, was der Grund dafür ist, kann es mir nicht erklären. Doch dann geht mir ein Licht auf und ich schaue Julia an. Unsere Blicke treffen sich.
"Du warst ein toller erster Freund und du bist mein bester Freund", sagt sie. Jedes Wort, was sie sagt, fühlt sich so ehrlich an und ist emotionsgeladen. Ich schlucke herunter, was mir auf der Seele brennt.
"Das war eine schöne Zeit damals", antworte ich, um das Thema zu beenden. "Ich will dich nie wieder missen als Freundin", ergänze ich, um das Gespräch zu entschärfen. Zumindest hoffe ich, das damit zu erreichen. Julia nimmt sich einen Keks und mit der anderen Hand ihre Tasse, dann lehnt sie sich zurück und betrachtet mich, während sie einen Schluck trinkt.
"Ist das hier ein Fehler?", hinterfragt sie unsere Situation und ich habe keine Antwirt parat. "Tut uns das hier gut?", fragt sie weiter. Mir kommt es so vor, als ob sie auch gar keine Antwort erwartet. Vielleicht sind das nur die Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen und sie aussprechen muss.
"Ich weiß es nicht", sage ich nach einer gefühlten Ewigkeit. "Aber es fühlt sich richtig an." Für einen Moment scheint sie in mich hinein zu schauen, aber sie sagt nichts weiter. Auch ich schweige und trinke den Kaffee. "Ich mach uns mal Abendessen."

Daraufhin stehe ich auf und gehe in die Küche, Julia dagegen bleibt im Wohnzimmer zurück. Ich suche mir die Zutaten sowie eine Schüssel und Pfanne heraus. Nach dem Rezept meiner Mutter rühre ich den Teig zusammen. Dabei denke ich noch einmal über unser Gespräch nach. Vielleicht ist zwischen den Zeilen mehr als ich bisher gehört habe, zumindest hoffe ich das. Warum kann ich nicht aufhören, nach kleinen Hinweisen zu suchen, wenn ich ihr nicht meine Gefühle gestehen kann.

Im Wohnzimmer klingelt Julias Mobiltelefon und sie geht ran. Doch bevor sie großartig redet, verlässt sie den Raum. Wer ist am Telefon? Warum geht sie in ihr Zimmer? Fragen über Fragen stürzen auf mich hinein, so dass ich beinahe vergesse, meinen Teig weiter zu rühren. Ich fühle mich so unreif, wenn mich meine Gefühle und vor allem die Eifersucht übermannen, so wie in diesem Augenblick. So kann es wirklich nicht weiter gehen, es macht mich nur krank. Zur Ablenkung Decke ich den Tisch. Kurz bevor das Essen fertig ist, gehe ich zu Julias Zimmer. Ihre gedämpfte Stimme dringt durch die Tür. Ich höre zusammenhanglose Sätze und möchte wissen, worum es geht. Aber ich habe zu viel Respekt vor ihrer Privatsphäre, daher klopfe ich an.

"Essen ist gleich fertig", sage ich.
"Ich komme", antwortet Julia.

Ich setze mich an den gedeckten Tisch und warte. Wie Julia angekündigt hat, verlässt sie ihr Zimmer einen Moment später. Ihr Schritt ist beschwingt, sie lächelt. Etwas ist anders an ihr. Also hat sie wahrscheinlich mit Felix telefoniert, wer sonst schafft diese Wendung innerhalb von Minuten. Sofort zieht sich mein Magen zusammen.

"Brigitte lässt grüßen", sagt Julia, als sie sich setzt.
"Danke", erwidere ich bloß.

Dann stehe ich auf, schenke ihr Wasser ein und hole die Pfanne aus dem Ofen. Den Kaiserschmarrn bestäube ich mit Puderzucker, dann gehe ich an den Tisch und fülle auf. Dass wir beide nicht viel sagen, ist mir bewusst, aber ich empfinde es nicht als unangenehm. Wie so oft in diesen häuslichen Situationen fühle ich mich sehr wohl.

"Danke", sagt sie, als ich fertig bin.
"Gern geschehen. Lass es dir schmecken."
"Du dir auch. Guten Appetit."

Schweigend essen wir die ersten Bissen. Zwar schmeckt es nicht ganz wie bei meiner Mutter, den Anspruch habe ich noch nie erfüllt. Aber darum geht es mir nicht, es soll Julia gefallen. Daher schaue ich auch unauffällig zu ihr, um ihre Reaktion zu sehen. Ich weiß nicht, was ich erwarte, aber das glückliche Gesicht bei jedem neuen Bissen ist Beweis genug für mich, dass es Julia schmeckt.

"Das hast du nicht verlernt. Dunjas Rezept." Sie nimmt einen weiteren Bissen. "Weißt du noch, das haben wir immer nach der Schule vor der Jungschar gegessen, es war das einzige Gericht, das du konntest." Julia lacht.
"Mama fand es nicht so lustig, dass wir immer nur Zeit zum Kochen und Essen hatten, aber ihr das Chaos hinterlassen haben." Auch ich lache und vermisse Mama gleichzeitig.
"Sie war so lieb. Ich durfte immer bei dir übernachten. Für sie war unsere Freundschaft nie ein Problem", schwelgt sie weiter Erinnerungen.
"Ganz im Gegenteil zu Monika", erwidere ich.
"Das lag aber nicht an unserer Freundschaft." Julia lacht wieder.
"Nein, das lag an meinem "schlechten" Einfluss. Wegen mir hast du dein neues Kleid ruiniert, sie war so sauer. Wir durften zwei Wochen lang nicht miteinander spielen." Auch ich steuere meinen Teil bei.
"Aber du warst ja auch Schuld. Du hast mir erzählt, dass es auf dem Pichler-Hof die leckersten Äpfel in ganz Tölz gibt und ich nicht auf den Baum komme. Da musste ich dir das Gegenteil beweisen." Lebhaft erinnere ich mich an das rosane Kleid mit kleinen Kirschen, das danach zu Putzlappen umfunktioniert wurde. "Und dann..." Julia bricht mitten im Satz ab und ich weiß genau warum. Damals habe ich sie das erste Mal geküsst, die Einlösung meiner Wettschuld. Ein unschuldiger Moment und eine wunderschöne Erinnerung.
"Der Ärger hat sich gelohnt", beende ich die Geschichte und lächle sie an, was Julia erwidert.
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