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Versuchung

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.05.2020
14.07.2020
6
8.247
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.07.2020 1.476
 
Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Vielen Dank an meine fleißigen Leserinnen und Reviewerinnen sowie an JuMiPi - meine Rettung bei Hängern, Unlogik und Ideenlosigkeit.
Habt viel Spaß beim Lesen!

Tag 5

Mein Lotterleben in der Quarantäne ist vorbei. Nach einem zweistündigen Telefonat mit meiner überforderten Vertretung Bergmeyer habe ich mich bereit erklärt, die Beratungen wieder zu übernehmen. Er macht nur noch Gottesdienste und Andachten im Rahmen des Möglichen, außerdem unterstützt er Maja im Gemeindebüro. Julia und ich sind froh, dass sie dort ist. So wissen wir, dass es weiter geht. Daher sind bei uns ab morgen der späte Vormittag und der frühe Nachmittag für Beratungen reserviert, da wir unsere neu etablierten Rituale nicht aufgeben wollen.

Meine Bestellung ist heute angekommen, jetzt können wir auch unser Sportprogramm in Angriff nehmen. Ich bin gerade dabei, meine alte graue Jogginghose und ein Shirt anzuziehen. Aus dem Bad hole ich ein Handtuch, ehe ich in die Stube gehe. Ich weiß nicht viel über Yoga, nur dass es Körper und Geist in Einklang bringen soll. Julia allerdings hat es schon mal gemacht und ist überzeugt davon, dass es uns gut tut. Die Mischung aus Meditation und Übungen sind ihrer Meinung nach perfekt, um diese doch merkwürdige Zeit zu überstehen. Während ich auf sie warte, breite ich die Matten aus. Dann betritt sie den Raum und ich habe vergessen, was wir wollen. Sie trägt eine sportliche Leggings und ein eng anliegendes Top. Es zeigt alles, was sie zu zeigen hat, und ich nehme alles auf. Wieder kommt mir nur in den Sinn, dass sie wunderschön ist. Noch schöner ist sie, als sie mich anlächelt.

"Du hast schon alles vorbereitet. Super," sagt sie, als sie mit ihrem Laptop zum Couchtisch geht. "Ich habe im Netz eine Yoga-Übung für den Anfang gefunden. Ein bisschen Meditation, dann der Sonnengruß. Wenn wir dann noch motiviert sind, schauen wir weiter." So wie ich die Matten gelegt habe, können wir nicht beide auf den Bildschirm schauen, also ändere ich das. Dann setze ich mich auf die hintere Matte. "Tonio, geh nach vorne. Ich habe das doch schon mal gemacht", sagt sie, als sie mich entdeckt. Natürlich mache ich das ohne Widerworte. "Kann ich starten?"
"Klar", antworte ich. Daraufhin drückt Julia den Play-Knopf und meditative Musik erklingt.

Nachdem wir uns gelockert haben, sollen wir die Gedanken des Tages kommen und gehen lassen, aber an keinem festhalten. Doch in meinem Kopf ist gähnende Leere. Kein einziges Bild zieht an meinem inneren Auge vorbei, dabei habe ich trotz der Quarantäne heute einen abwechslungsreichen Tag gehabt. Obwohl ich denke, dass das stille Gebet der Meditation sehr ähnlich ist, verunsichert mich das. Doch lange kann ich mich nicht darauf konzentrieren, denn die nächste Übung folgt. Nun sollen wir den Tag beiseite schieben und an nichts denken. Wie ein Regenschauer rauschen plötzlich Eindrücke auf mich ein. Julias Lachen am Morgen, als ich ihr den schlechten Witz von der letzten Seite der Zeitung vorgelesen habe, ihr ehrliches Interesse an meinen Erzählungen über die Anfangszeit als Priester und einfach nur sie. In meinen Gedanken höre ich ihre Stimme, sehe sie vor mir und spüre jede einzelne, noch so unwichtige Berührung, die wir geteilt haben. Es ist erschreckend, wie sie im Moment meine Gedanken beherrscht.

Ich mache mich bereit für den Sonnengruß und konzentriere mich auf meinen Atem. Das hilft mir dabei, Julia aus meinen Gedanken zu verbannen oder sie zumindest beiseite zu schieben. Ich grüße die Sonne, beuge mich hinab und lande schließlich im abwärtsblickenden Hund. Ich habe alles durchgestreckt und halte die Position. Als ich Julia erblicke, überkommen mich plötzlich all die Bilder wieder, als sie im See gebadet hat, als wir uns geküsst haben, als wir uns einfach nur nah waren. Aus diesen Bildern macht mein Körper ein Gefühl und das führt zu einer unter anderen Umständen ganz normalen körperlichen Reaktion, die einfach nur unpassend ist. Daher kann ich diese Haltung nicht verlassen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Dann wird der nächste Positionswechsel erklärt und Panik steigt in mir auf. Wie soll ich mich so auf den Bauch legen?

"Tonio, wir sollen in den Liegestütz und uns dann hinlegen", sagt Julia von hinten und ich suche nach einer halbwegs logischen Erklärung, warum das nicht geht.
"Mir tut die Dehnung des Rückens echt gut. Ich setze das aus und mache gleich mit der nächsten Übung weiter. Mir fehlt die Bewegung", erwidere ich und halte das für eine plausible Erklärung.
"Wirst du alt?", fragt sie mich. Den Schalk in ihrer Stimme kann ich deutlich hören und sehe dazu auch ihr Grinsen vor mir. Das hilft beides nicht, meine Situation zu entspannen, viel mehr feuert es sie an. Ein Seufzen entfährt meine Lippen. "Alles in Ordnung?", fragt sie mich nun.
"Ja, ja. Irgendwie klemmt da was." Aus meiner Position sehe ich, wie Julia aufsteht und Richtung Laptop geht. Die Musik endet und Julia kommt zu mir.
"Wo tut es denn weh?", fragt sie und tastet vorsichtig an meinem Rücken entlang. Das ist im Moment nicht förderlich. "Soll ich dir hoch helfen?", bohrt sie weiter.
"Alles gut. Mach weiter", sag ich zu ihr und denke an alles, was mich von Julia und ihrer Berührung ablenken kann.
"Spinnst du? Das ist alles andere als gut. Geh in die Knie und wir gucken uns das mal an." Trotz allem ändert sich nichts, aber ich tue schließlich langsam das, was sie sagt. Auf den Knien verharre ich und verstecke mein Dilemma so gut ich kann. "Tonio, was ist los?", fragt Julia erneut. Die Sorge in ihrer Stimme ist ganz klar zu hören. Aber wenn ich jetzt aufstehe, muss ich mich offenbaren. Andererseits sitzt sie im Moment seitlich von mir. Wenn ich schnell genug aufstehe und flüchte, kann ich es vielleicht verstecken.
"Ich muss aufs Klo", sage ich schließlich, stehe auf und gehe so rasch wie möglich zum Bad. Dabei achte ich darauf, Julia meinen Po zuzuwenden, was nicht höflich ist.

Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, bin ich froh, es geschafft zu haben. Ich klappe den Klodeckel hoch, damit alles so natürlich wie möglich wirkt, ehe ich zum Spiegel trete und mich betrachte. Ein  hormongesteuerter Enddreißiger starrt zurück. Wenn ich ehrlich zu mir bin, möchte ich mein Bedürfnis befriedigen und dabei ganz ungeniert an Julia denken. Das ist so einfach in diesem Raum und entbehrt doch jeglichem schönen Ambiente. Das ist auch der Grund, warum ich es nicht tue und die Sache aussitzen will. Irgendwann wird es von selbst vergehen, dann ist alles wieder gut. Ein Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken und macht meinen Plan zunichte.

"Alles in Ordnung?", fragt Julia keine Sekunde später durch die Tür.
"Jaha", antworte ich leicht gereizt, denn ich will für einen Moment nur meine Ruhe.
"Was ist los?", fragt sie weiter, aber ich antworte nicht. Glücklicherweise werde ich durch das Klingeln des Telefons gerettet. "Ich bin gleich wieder da", sagt Sie, ehe ich ihre Schritte höre. Noch einmal klingelt es. "Hallo Felix", höre ich sie dann sagen.

Mein Kopf schaltet sich aus und ich will nichts mehr hören. Schlagartig verfinstert sich meine Stimmung und alles, was vorher war, verfliegt so schnell wie es gekommen ist. Jegliches gute Gefühl ist Vergangenheit. Was auch immer ich denke, was zwischen uns ist, ist reine Einbildung oder eine Erinnerung von früher. Julia und ich sind Kollegen und Freunde, nicht mehr und nicht weniger. Sie hat Felix und ich habe meinen Glauben. Warum soll ich mir noch mehr Gedanken machen? Ich spüle und wasche meine Hände, so als ob ich tatsächlich auf dem Klo gewesen bin. Dann kehre ich ins Wohnzimmer zurück. Julia sitzt auf dem Sofa und telefoniert noch immer. Das blende ich komplett aus. Ich rolle die Matten ein, weil ich nicht wieder in so eine Situation kommen will. Zudem hebe ich mein Handtuch und ihre Wasserflasche auf, die ich vor ihr auf den Tisch stelle. Schließlich gehe ich in mein Zimmer und ziehe mir normale Kleidung an.

Es ist schon Zeit, das Abendessen herzurichten. So habe ich eine Aufgabe und kann ihr aus dem Weg gehen. Also verlasse ich mein Zimmer wieder. Noch immer sitzt sie auf dem Sofa und schaut mich an, als ich den Raum betreten. Sie lächelt mich an, doch ich schaue weg und gehe zielstrebig in die Küche. In den letzte Tagen habe ich viel Mühe in unser Essen gesteckt, heute koche ich nur Nudeln mit fertigem Pesto. Warum soll ich Zeit in etwas investieren, das sie nicht würdigt? Wahrscheinlich bin ich ungerecht, denn sie kann nichts für mein Gefühlschaos, aber irgendwie möchte ich ihr im Moment die Schuld für alles geben, auch für meine Gedanken und Hoffnungen.
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