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Versuchung

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.05.2020
14.07.2020
6
8.247
2
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.06.2020 1.435
 
Ich habe es schon viel zu lange nicht mehr gesagt. Danke JuMiPi!!! Du liest geduldig alle meine Geschichten.

Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Tag 2

"Bei Schindel", melde ich mich verschlafen am nächsten Morgen.
"Tonio", begrüßt mich eine männliche Stimme, die ich nicht einordnen kann. "Hier ist Felix, Felix Born." Schlagartig bin ich wach und ein Schalter legt sich in mir um.
"Ah, Felix. Hallo", entgegne ich kurz angebunden. Das bin nicht ich, aber ich kann mich nicht verstellen, wenn es um Julias Männer geht, auch wenn Felix mich in einem schwachen Moment wach gerüttelt hat.
"Wie geht es euch?", beginnt er Smalltalk, auf den ich keine Lust habe.
"Gut. Willst du mit Julia sprechen?", frage ich direkt, da mir mit jeder Sekunde der Sinn weniger nach einer Unterhaltung mit ihm ist. Mir ist klar, dass ich dabei total schnippisch klinge.
"Ja gerne, wenn sie schon wach ist", erwidert Felix freundlich. Daraufhin stehe ich auf und verlasse mein Zimmer, dabei rede ich nicht weiter mit ihm. Das kann er vergessen. Ich klopfe an Julias Zimmertür. Zuerst passiert nichts, daher wiederhole ich es.
"Herein", sagt sie schließlich, woraufhin ich eintrete. Julia ist noch im Bett, ich habe sie offenbar geweckt. Sie ist süß mit ihren zerzausten Haaren und dem Gesicht, auf dem noch Spuren ihres Kissens zu sehen sind. Gleichzeitig mustert sie mich von oben bis unten, woraufhin mir erst bewusst wird, dass ich nur eine Boxershorts trage. Das ist mir unangenehm, sofort denke ich über die Außenwirkung nach. Die Vorurteile gegenüber meinem Amt spielen dabei eine große Rolle.
"Felix ist dran", sage ich nur und reiche ihr den Hörer, dann ziehe ich mich zurück und schließe die Tür.

Vor ihrem Zimmer atme ich einmal tief ein. Ihren Anblick am Morgen hatte ich vergessen. Früher, als wir noch jung waren, habe ich es geliebt, neben ihr aufzuwachen. Dann habe ich mit ihren Locken gespielt. Ich wische mir durch mein Gesicht, als ob ich so meine Gedanken wegschieben kann. Das ist nur ein Wunschtraum. Wenn ich ehrlich bin, funktioniert das seit zwei Jahren nicht. Ich verstecke sie nur, was mir nicht wirklich gelingt. Für meinen Vater und meine Freunde scheinen meine Gefühle ein offenes Buch zu sein. Am liebsten möchte ich Mäuschen spielen und jedes Wort, das sie zu Felix sagt, mit anhören und analysieren. Stattdessen bereite ich dieses Mal den Kaffee zu. Während er durchläuft, ziehe ich mich an und setze mich dann in die Küche, um die Zeitung zu lesen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verlässt Julia ihr Zimmer. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Ich möchte nicht wissen, warum das nach einem halbstündigen Telefonat mit Felix so ist. Trotzdem habe ich Vorstellungen und Bilder. Warum ich nicht aufhören kann, mir mit solchen Gedanken das Leben schwer zu machen, weiß ich nicht. Ihr Auftreten in einer dünnen Stoffhose und einem Top, das zumindest keinen Raum für Spekulationen lässt, ob sie einen BH trägt oder nicht, lässt mein Gedankenkarrussell noch weiter drehen und ich wünsche mir an seiner Stelle zu sein, ihr süße und verruchte Wörter ins Ohr zu flüstern, sie zu lieben, wie sie und ich es verdient haben.

"Will ich wissen, wo du mit deinen Gedanken gerade bist?", fragt Julia mich und reißt mich aus meinen Gedanken und ich bemerke erst jetzt, dass ich sie, speziell ihre Brüste, anstarre. Ruckartig reiße ich meinen Kopf hoch und schaue sie an. Ein freches Grinsen umspielt ihre Lippen, doch sie sagt nichts. Auch mir fällt nichts Gescheites ein. So schweigen wir eine gefühlte Ewigkeit, wenn es auch nur Sekunden sind. Schließlich nimmt Julia sich einen Kaffee und setzt sich zu mir. "Was gibt es Neues in der Welt", wechselt Julia völlig subtil das Thema und auch dazu weiß ich nicht viel zu sagen, denn ich habe die Zeitung mehr angestarrt als sie zu lesen. Daher schiebe ich ihr eine Hälfte hin, wie sie es am vorherigen Tag getan hat.
"Ich will dir die Highlights aus dem Tölzer Umland nicht alle verraten", sage ich dabei. Das klingt so fremd aus meinem Mund, das bin nicht ich. Julia wird es auch bemerkt haben, denn sie hat ein gutes Gespür für Zwischentöne. Deshalb schaut sie mich wahrscheinlich einen Moment zu lange mit ihrem forschenden Blick an. Gerettet werde ich vom Klopfen an der Tür. Gleichzeitig klingelt das Telefon wieder. "Ich gehe zur Tür", sage ich und entkomme so der Situation.

Vor der Tür steht Xaver und deutet auf den Boden, was wohl heißen soll, dass unsere Bestellung angekommen ist. Dann winkt er mir lächelnd zu, ehe er wieder geht. Ich hole den Karton mit den Lebensmitteln herein. Sofort fällt mir die verschlossene Papiertüte auf, auf der in der krakeligen Handschrift meines Vaters mein Name steht. Noch bevor ich die Küche betrete, öffne ich sie und zucke vor Überraschung zusammen, als ich den Inhalt sehe. Schnellstmöglich bringe ich es in mein Zimmer und verstecke es in meiner Tasche. Darüber kann ich nicht lachen, aber ich kann ihn auch nicht damit konfrontieren, denn die Wände sind nicht gerade dick und Julia muss davon nichts wissen. Natürlich weiß ich, was er sich dabei gedacht hat. Schließlich kennt er mich und weiß über meine Zweifel und Ängste Bescheid. Vermutlich hat er es nur gut gemeint, aber manchmal schießen seine Ideen über das Ziel hinaus.

Nach einem weiteren Moment, um mich zu sammeln, verlasse ich mein Zimmer und kehre ich mit dem restlichen Einkauf in die Küche zurück. Julia ist nicht mehr dort, dass beruhigt mich, denn noch bin ich nicht wieder ich selber. Ich verstaue die Einkäufe, während im Bad die Dusche angeht. Also ist sie dorthin verschwunden. Das ist gut, so habe ich noch einen Moment für mich selber. Arbeit ist eine gute Ablenkung, um wieder ich zu werden. Auch ist die Quarantäne gut, um Herr des liegen gebliebenen Papierkrams zu werden. Ich schaffe viel mehr als in der normalen Zeit im Büro. Glücklicherweise hält Maja die Stellung. Zuerst lese ich ihre E-Mail, in der sie ausführlich über die Entwicklungen seit gestern schreibt. Der Länge ihrer E-Mail nach zu urteilen, sind wir schon wochenlang weg, auch wenn es offiziell erst zwei Tage sind. Erheiternd sind ihre Einblicke, was unsere Sternzeichen dazu sagen. Ich schmunzle, als ich lese, dass etwas ungewöhnliches auf meinem Tisch landet, auch wenn ich den Schock noch nicht gänzlich überwunden habe.

Nach Majas E-Mail lese ich einige von meiner Vertretung. Priester Bergmeyer hat etliche Fragen. Warum er mich nicht anruft, weiß ich nicht. Ich kenne ihn nicht, darum will ich ihn anrufen, doch Julia hält mich davon ab, als sie frisch geduscht und dieses Mal adäquat bekleidet zu mir kommt. Aber es ist egal, wie sie aussieht, ob sie aus dem Bett kommt oder sich hübsch anzieht. Sie ist der Traum meiner schlaflosen Nächte und Franz weiß es genauso gut wie ich.

"Arbeitest du?", fragt sie mich und ich bemerke erst jetzt den Laptop unter ihrem Arm.
"Ja. Meine Vertretung hat mir zehn Mails geschrieben. Ich glaube, er kommt direkt vom Priesterseminar. So war ich damals auch, als ich die Gemeinde Tölz übernommen habe", antworte ich wahrheitsgetreu.
"Jeder ist mal neu", sagt Julia, als sie sich setzt. "Ich muss noch meine Dokumentation für die Gespräche von gestern fertigstellen." Während sie spricht, öffnet sie den Laptop. Dann steht sie noch einmal auf. "Möchtest du auch noch Kaffee?", fragt sie, woraufhin ich nicke. Als sie einschenkt, beantworte ich die erste E-Mail. Auch Julia fängt an zu arbeiten.

Wir tippen eine Weile monoton auf unseren Tastaturen herum. Das beruhigt mich etwas, bin ich mir doch ihrer Nähe vollkommen bewusst. Das Verlangen, ihre Hand zu ergreifen und ihr meine Gefühle zu gestehen, ist groß, doch ich werde das nicht tun. Sie ist mit Felix zusammen, sie hat sich entschieden und ich habe sie freigegeben. Es ist nicht mein Recht, sie zu verunsichern oder sie von ihrem Weg abzubringen. Daher konzentriere ich mich auf meine Aufgabe und beantworte alle Fragen in den E-Mails. Dann schreibe ich noch ein paar nette Worte an Maja, die nicht wirklich eine Frage hatte. Zuletzt beginne ich die Überprüfung der von Maja vorbereiteten Abrechnung. Die wird mich länger als nur heute beschäftigen, daher fahre ich schließlich den Laptop herunter. Dass Julia schon vor mir ihre Arbeit beendet hat, habe ich nicht bemerkt. Erst als ich hoch blicke, weiß ich, dass sie mich anschaut. Unsere Blicke treffen sich und es liegt etwas darin, dass ich nicht deuten kann.
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