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Versuchung

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.05.2020
14.07.2020
6
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26.05.2020 1.431
 
Das ist meine neue Idee, die einfach da ist. Ich schaue, wo sie mich hinführt. Viel Spaß beim Lesen.

Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Langsam öffne ich die Augen und bin irritiert. Das ist nicht mein Bett und nicht mein Zimmer. Dann erinnere ich mich an den gestrigen, sehr verrückten Tag. Schließlich stehe ich auf und gehe in Boxershorts und T-Shirt in die Küche. Julia sitzt am Tisch und studiert die Zeitung mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Ihre Haare sind noch verwuschelt vom Schlaf, sie ist wunderschön. Noch während ich sie betrachte, schaut sie auf und lächelt mich an.

"Guten Morgen", begrüße ich sie und setze mich zu ihr.
"Gut geschlafen?", fragt Julia und ich nicke nur. "Ich habe zwei Telefonberatungen heute." Erneut nicke ich. Warum ich nicht ganz normal mit ihr rede, weiß ich nicht. Unwohl fühle ich mich in ihrer Gegenwart nicht. "Willst du frühstücken", ergreift sie wieder das Gespräch.
"Ich esse morgens eigentlich nichts", antworte ich und bin froh, dass mein Kopf einen halbwegs vernünftigen Satz auf die Reihe bekommt.
"Das ist gut, ich auch nicht." Sie lächelt mich an, dann reicht sie mir einen Teil der Zeitung. "Wir haben es in den Regionalteil geschafft."

Sofort schlage ich die Zeitung auf, während Julia ihren Kaffee weiter trinkt. Die Überschrift springt mir ins Auge. Therapeutin und Pfarrer in Quarantäne. Ich wundere mich, wie schnell das bekannt geworden ist, während ich mir den dazugehörigen Text durchlese. Zum Glück steht nichts über unsere Wohnsituation darin. Vermutlich wissen sie einfach noch nicht darüber Bescheid.

Rückblende
Sie waren auf dem Heimweg von einer Fortbildung zur Abrechnung in katholischen Einrichtungen. Zwei Tage und eine Nacht hatten sie in Nürnberg verbracht. Beide waren froh, nach Hause zu kommen. Ihnen rauchte der Kopf. Trotzdem sprachen sie die ganze Zeit darüber, wie sie die Abläufe anpassen konnten und wer welche Aufgaben übernehmen würde.

Kurz vor der Autobahnabfahrt Tölz wurden sie von einem Anruf auf Julias Handy unterbrochen, der alles veränderte. Ein Teilnehmer ihrer Arbeitsgruppe war zusammen gebrochen und mit dem Verdacht auf eine ansteckende Virusinfektion ins Krankenhaus eingeliefert worden. Vorsorglich mussten jetzt alle, mit denen er in Kontakt gestanden hatte, in Quarantäne.

Tonio stoppte den Wagen bei der erstbesten Gelegenheit, denn er musste sich sortieren. Sie waren potentiell infiziert und konnten eine Gefahr darstellen, dabei fühlten sie sich gut. Aber es war eine tückische Erkrankung, die nicht immer ihr wahres Gesicht zeigt. Julia hatte sich zwischenzeitlich schon im Internet informiert. Zwei Wochen Zuhause bleiben ohne persönlichen Kontakt zur Außenwelt. Das war für beide, die so viel und vor allem gerne mit Menschen zu tun hatten, undenkbar, aber notwendig.

Tonio wusste nicht wohin, nach Hause konnte er auf jeden Fall nicht, denn sein Vater gehörte zur Risikogruppe. Auch Julia wollte ungerne in das Mehrparteienhaus, in das sie kürzlich gezogen war, zurück, aber sie wusste auch, dass die Ferienwohnung ihrer Eltern noch war, wie sie sie verlassen hatte. Ein tollkühner Gedanke reifte in ihr heran, auf den Tonio im ersten Moment skeptisch reagierte und schließlich doch zustimmte.
Rückblende Ende


Ich frage mich, ob ich Julia darauf ansprechen soll, doch sie ist schon wieder in die Zeitung vertieft und auch ich lese weiter. Nach einer Weile schiebt sie mir kommentarlos ihren Teil rüber, um im Anschluss einen weiteren Kaffee zu trinken. Ich fühle mich beobachtet, bis sie aufsteht und den Raum verlässt. Nachdem auch ich die Zeitung durch habe, kehre ich in ihr Büro zurück, mein Zimmer für die nächste Zeit.

Ich versuche mich am Papierkram der Gemeinde, aber das ist gar nicht so einfach. Gerade hier in ihrer Wohnung ist ihre Gegenwart viel präsenter als in der gemeinsamen Arbeitsstelle. Ich nehme jedes Geräusch war und horche, was sie macht. Vielleicht möchte ich auch mehr erfahren, besonders über Felix und sie. Dass sie ein Paar sind, ist kein Geheimnis. Ein Teil von mir wünscht sich, dass ihre Beziehung scheitert, denn dann würde sie für immer bei mir bleiben. Dass ich so denke, macht mich traurig, denn ich bin ein schlechter Freund.

Noch nicht mal 24 Stunden sind seit unserem Einzug vergangen und ich kann an kaum etwas anderes als Julia denken. Irgendwas stimmt mit mir nicht oder vielleicht stimmt alles. Darüber kann und will ich aber nicht nachdenken. Stattdessen konzentriere ich mich wieder auf die Papiere vor mir, einen Förderantrag für neue Computer. In der Ausbildung hat niemand erzählt, wie viel Zeit die ganze Verwaltung in Anspruch nimmt, gemacht werden muss es trotzdem.

Wie viel Zeit vergeht, bekomme ich erst mit, als Julia klopft. Sie öffnet die Tür, ohne auf ein Zeichen von mir zu warten. Ihre Erscheinung bringt mich zum Lachen. Ihre Haare hat sie gebändigt, auch hat sie ein schöne Bluse angezogen. Die Kombination mit der bequemen Sporthose ist gewagt. Julia lacht mit. Ich weiß, dass sie die Menschen gerne ansieht, daher will sie die Beratung wohl per Videotelefonie führen. Noch immer lachend verlasse ich das Büro und setze mich mit meinem Laptop ins Wohnzimmer. Nachdem ich die letzten Felder gefüllt habe, versende ich den Antrag und mache Feierabend. Dabei ist der Nachmittag noch nicht vergangen.

Am Rande nehme ich das Stimmenwirrwar im Nachbarzimmer wahr. Ich lächle, höre ich Julia doch gerne zu. Ihre Beratungen sind gut, das sagt jeder, der bei ihr gewesen ist. Sie hat das Glück nicht in ihren Antworten eingeschränkt zu sein. Obwohl ich ihr anfangs skeptisch begegnet bin, was vor allem an unserer Vergangenheit gelegen hat, ist sie ein Gewinn für die Gemeinde, was ich ihr nie gesagt habe. Aber ich glaube, dass sie das weiß, genauso wie sie weiß, wie wichtig sie mir ist, selbst wenn ich meine unsäglichen Gefühle außen vor lasse.

Ich muss mich ablenken, also mache ich den Fernseher an und schaue leise das schlechte Nachmittagsprogramm. Glücklicherweise ist die Quarantäne zeitlich begrenzt, auf Dauer würde ich verrückt werden. Dabei stört mich zumindest am zweiten Tag nicht das eingesperrt sein sondern einfach die Nähe zu Julia. Es ist und bleibt für mich eine Herausforderung, meine Gefühle zu verstecken, damit weder sie noch irgend jemand anderes davon Wind bekommt. Das ist einer der Momente, in denen ich die Stille der Berge, die Ruhe und Kühle des Sees oder einfach die Luft beim Radfahren brauche, um weitermachen zu können.

Wieder denke ich nur über Julia nach und tadel mich selber, dass ich keinen klaren, anderen Gedanken fassen kann, wenn sie mir so nah ist. Mir fällt das schon in der Beratungsstelle schwer, dort pflegen wir aber eine überwiegend professionelle Beziehung. Im Gegensatz dazu sind wir hier vollkommen privat und leben wie ein Ehepaar mit getrennten Betten zusammen. Gerade das ist nicht unrealistisch, denn Julia schnarcht, das habe ich heute Nacht durch die Wand gehört.

Ich muss mich ablenken, aber in der kleinen Ferienwohnung gibt es keine wirkliche Möglichkeit dazu. Daher gehe ich in die Küche und inspiziere die Vorräte. Tomaten, Kräuter und Nudeln. Für eine leckere Pasta reicht es, aber es ist nichts außergewöhnliches. Die Vorbereitungen sind schnell gemacht, also warte ich mit den weiteren Schritten bis ihre Beratung zu Ende ist. Währenddessen schreibe ich eine Einkaufsliste, damit wir in den nächsten Tagen nicht verhungern.

Irgendwann kommt Julia aus dem Büro. Ihr schicke Bluse legt sie als erstes ab. Vor mir steht sie ganz privat in ihrer bequemen Hose und einem Top. Sie ist wirklich wunderschön. Ich frage mich, ob ich das immer wieder feststelle, egal wie oft ich sie sehe. Gleichzeitig frage ich mich, warum ich sie nicht einfach nur als eine Freundin sehe. Ich gehe in die Küche, um das Essen zu machen. Das ist ein Weg, meinen Gedanken zu entkommen. Ich stelle mich an den Herd und schalte ihn an. Natürlich folgt sie mir und schaut mir über die Schulter.

"Das sieht gut aus", stellt sie fest.
"So sieht alles aus, was wir haben", erwidere ich lachend und schaue sie an. Für einen Moment sind wir uns ganz nah, dann geht sie ein paar Schritte weg.
"Xaver kocht normalerweise."
"Und er weiß, dass mehr als diese drei Zutaten dich überfordern." Ich grinse, während Julia mir mit gespielter Entrüstung die kalte Schulter zeigt, ehe sie sich daran macht, den Tisch zu decken.

Schließlich öffnet sie eine Flasche Wein, schenkt uns ein und reicht mir ein Glas. Das alles fühlt sich viel zu vertraut und normal an, das mag ich und das macht mir Angst. Daher konzentriere ich mich auf das Essen und versuche nicht daran zu denken, dass wir wirklich wie ein Paar zusammen leben. Zwei Wochen können eine lange Zeit werden.
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