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Nur ein Grieche

OneshotAllgemein / P12 / Gen
25.05.2020
25.05.2020
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Die Dämmerung war hereingebrochen. Ich atmete die kühle Luft ein, als ich langsam den Weg hinunterging. Der Kies knirschte unter meinen Füßen und verursachte seltsame Laute. Irgendwo schrie eine Eule, ansonsten war kein Mensch zu sehen. Friedlich und ruhig lag die Landschaft vor mir, die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Büsche, die den Wegesrand säumten und ließ mitunter grotesk erscheinende Schatten aus ihnen wachsen. Von drinnen drang der Lärm der Feiernden an mein Ohr. Dass sie nicht schon längst genug hatten… Ich ging kopfschüttelnd weiter, bis ich zu den Stufen kam, die ans Meer führten. Vorsichtig stieg ich sie hinunter, darauf achtend, dass ich nicht auf den Saum meines Kleides trat. Auf den Steinstufen zu fallen, wäre äußerst schmerzhaft. Mit ein bisschen Glück würde ich mir nur einige Schrammen holen, mit weniger Glück konnte ich mir das Genick brechen. Schließlich hatte ich den Fuß der Treppe erreicht. Nun konnte ich auch das Rauschen der Wellen hören, das zuvor von den Stimmen und Geräuschen der sich vergnügenden Menschen übertönt worden war. Es beruhigte meine Sinne und erfüllte mich mit Ruhe. Ein Lächeln umspielte meine Lippen, als ich eine vertraute Gestalt erblickte. Achilles saß wie immer am Kai und sah aufs Meer hinaus. Ich näherte mich ihm vorsichtig. „Achilles?“
Beim Klang meiner Stimme drehte er sich um. „Oh, du bist es.“
„Warum so überrascht?“, wollte ich wissen.
„Verzeihung. Ich hatte nur nicht erwartet, dich hier zu sehen. Ich nahm an, du würdest das Fest genießen.“
„Ich muss ein wenig an die frische Luft“, erklärte ich. „Die vielen Leute und der Alkohol benebeln mir den Kopf. Und ich will bei Verstand bleiben.“
„Das ist durchaus vernünftig“, erwiderte er. „Das Leben lässt sich leichter genießen, wenn man Herr seiner Sinne ist.“ Damit hatte er vollkommen recht.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte ich. „Es wäre schön, ein wenig Gesellschaft zu haben.“
„Selbstverständlich.“ Achilles lächelte und ich ließ mich neben ihm auf dem Felsen nieder. Sein Blick glitt wieder aufs Meer hinaus. Ich folgte seinem Blick und nahm den Anblick des glitzernden Wassers in mich auf. Sanfte Wellen wogten dahin und liefen leise am Strand aus. Wunderschön. Ich könnte Stunden hier sitzenbleiben und einfach nur auf den Ozean schauen.
„Wann warst du das letzte Mal hier?“ Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
Ich überlegte. In letzter Zeit hatte ich nicht viel Zeit gefunden, um ans Meer zu gehen, es hatte immer andere Dinge gegeben, die erledigt werden mussten. „Ich weiß es nicht“, gab ich zu.
„Dann ist es definitiv zu lange her“, sagte er.
„Stimmt.“ Ich musste lächeln. „Und du?“, gab ich die Frage zurück.
„Letzte Woche. Eine der Tempeldienerinnen ist gestorben. Wir haben sie auf ihren Wunsch hin dem Meer übergeben.“
Ich legte meine Hand auf seinen Arm. „Das tut mir leid.“
„Das muss es nicht. Es ist ja nicht deine Schuld. Das Meer nimmt nicht nur. Es gibt uns auch viel. Wasser für unsere Felder, zum Waschen, als Trinkwasser. Und abends beschert es uns einen einmaligen Anblick.“
„Das ist allerdings wahr“, nickte ich. „Ich kann wirklich verstehen, warum du so gerne hier draußen bist.“
Achilles lächelte. „Jemand erzählte mir einmal von einem kretischen König, der, als eine Hungersnot ausbrach, Boten in alle Winkel des Reiches schickte. Er ließ sie Zettel verteilen, auf denen nur drei Worte standen: ‚Vergesst uns nicht.‘ Damit wollte er die anderen Städte auffordern, in dieser Zeit der Not nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an ihre Nachbarn. Dreihundert Reiter und dreißig Schiffe brachten die Nachricht zu ihren Empfängern. Zwei Tage lang hat man hier nur Schiffe vor Anker liegen sehen.“
„Und?“, wollte ich wissen. „Hat es funktioniert? Konnten sie einander helfen?“
Achilles nickte. „Ja, das Reich konnte die Not überstehen, dank der gegenseitigen Hilfe ihrer Nachbarn. Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass die Einfachheit dieser Worte eine so große Wirkung erzielen konnte.“ Nachdenklich blickte er zu Boden. „Ich frage mich, wie lange man sich wohl an dieses Ereignis erinnern wird. Wie lange man sich an uns erinnern wird.“ Er schwieg ein paar Sekunden, seine Augen blickten gedankenverloren auf den Sandboden vor ihm. „Vergesst uns nicht. Einen einfacheren Befehl kann ein König nicht geben.“
Ich schmunzelte. „Falscher Film.“
Er sah auf. „Wie bitte?“
„Das ist aus ‚300‘, nicht aus ‚Troja‘. Hat zwar auch mit Griechen zu tun, spielt aber ein paar Jahre früher und an einem ganz anderen Ort“, informierte ich ihn. Achilles stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben, doch er war zu höflich, um nachzufragen. Fasziniert beobachtete ich, wie er sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht strich, die ihm ins Gesicht gefallen war. Er war fast das exakte Ebenbild von Brad Pitts Figur aus dem ‚Troja‘-Film von 2004, mit Ausnahme der Augen, die im Gegensatz zu den hellgrauen des Schauspielers von dunklerem Blau waren. Ich beschloss, das Gespräch wieder auf erfreulichere Themen zu lenken. Über Hungersnöte und dergleichen wollte ich gerade nicht unbedingt sprechen. „Und, wie läuft es mit dir und … wie hieß sie noch? Helen?“
„Helena“, berichtigte er und für einen Moment nahm sein Gesicht einen schwärmerischen Ausdruck an. Dann stutzte er. „Woher kennst du sie?“
„Ich habe sie einige Male bei Odeleis‘ Feiern gesehen“, antwortete ich. Eine Notlüge, doch die Wahrheit würde ihn sicherlich noch mehr verwirren und das wollte ich ihm nicht antun.
Achilles nickte. Offensichtlich glaubte er mir. „Ich versuche weiterhin, um sie zu werben. Bisher leider ohne Erfolg. Aber ich werde nicht aufgeben.“
„Nun, dann wünsche ich dir viel Glück.“
„Danke, das ist nett von dir.“
„Gerne“, erwiderte ich. Dann schwiegen wir eine Weile. Worüber redete man auch mit einem Charakter, den man zwar schon erschaffen hatte, zu dem man aber noch keine Geschichte hatte? Alles, was ich bis jetzt über ihn wusste, war, dass er Grieche war, irgendwann in der Zeit zwischen dem Trojanischen Krieg und heute lebte und in eine Frau namens Helena verliebt war, die jedoch mit einem anderen verheiratet war. Nicht gerade viel für ein ergiebiges Gespräch. Eine Windbö kam auf und ließ mich leicht frösteln. Ich rieb mir kurz über die Arme und versuchte, es zu ignorieren. Selbst schuld, wenn du keinen Überwurf mitgenommen hast. Achilles schien die Frische nichts auszumachen, zumindest konnte ich keine Anzeichen von Kälte an ihm erkennen. Das Meer rauschte mit gleichmäßiger Regelmäßigkeit und eine Weile lang betrachteten wir stumm die Wellen, die sich, vorhin noch glitzernd und in der Sonne funkelnd, langsam in ein tiefes Blauschwarz wandelten. Unsere Schatten reckten sich unterdes immer weiter in Richtung Meer, hatten es jedoch noch nicht erreicht.
Schließlich brach Achilles das Schweigen. „Warst du heute schon im Tempel?“, fragte er mich.
Ich nickte. „Heute Morgen.“
„Hast du die Sonne über den Hügeln stehen sehen?“
„Ja, warum fragst du?“
„Apollon schenkt uns die Gabe, wunderbare Dinge zu sehen. Und im nächsten Augenblick verflucht er uns und lässt unsere Ernten verdorren.“ Seine Stimme nahm einen bitteren Klang an. „Manchmal frage ich mich, auf welcher Seite die Götter stehen.“ Seine Muskeln spannten sich an, sodass ich erneut daran erinnert wurde, dass ich einen Krieger vor mir hatte. Trotz seiner Arbeit als Getreidebauer wusste er gut mit Waffen umzugehen.
„Spottest du gerade über die Götter?“, fragte ich ein wenig entsetzt.
„Ich spotte nicht über sie, ich sage nur meine Meinung. Wir geben uns alle Mühe, sie zufriedenzustellen, bringen ihnen Opfer dar und dennoch scheint es manchmal so, als entschieden sie willkürlich, was mit uns geschieht. Denk nur an Achilles. Er war einer der größten Krieger seiner Zeit, kein Pfeil oder Speer konnte ihm etwas anhaben. Und doch durchbohrte eines Tages ein Pfeil seine Ferse und brachte ihm den Tod.“
„Daran war Paris schuld. Er hat den Pfeil abgeschossen“, wandte ich ein.
„Aber Apollon lenkte seinen Arm. Ohne diesen Eingriff wäre Paris nicht in der Lage gewesen, Achilles zu töten.“
„Vielleicht nicht. Trotzdem solltest du den Göttern etwas mehr Respekt entgegenbringen“, sagte ich. Achilles sah aus, als wolle er etwas erwidern, doch dann entschied er sich dagegen. Er dachte eine Weile über meine Worte nach, dann nickte er. „Du hast recht. Wir können auf unser Schicksal zwar teilweise selbst Einfluss nehmen, doch wohin es uns am Ende führen wird, wissen nur sie.“ Ein Windstoß fegte durch mein Haar und ließ mich zittern. Plötzlich wurde mir bewusst, wie schnell es kühl geworden war.
Ich erhob mich von meinem Sitzplatz. „Ich glaube, es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Dieses Kleid ist wirklich nicht für kühle Temperaturen gedacht und es ist schon spät.“
„Selbstverständlich. Ich will dich nicht aufhalten“, antwortete er.
„Tust du nicht.“ Ich lächelte ihm zu. „Es war mir ein Vergnügen, mit dir zu reden.“
„Dasselbe gilt für mich“, erwiderte er. „Du bist jederzeit an meinem Tisch willkommen, wenn du Lust verspürst, mir einen Besuch abzustatten.“
Ich nahm Achilles‘ Hand und drückte sie kurz. „Danke. Das ist sehr nett von dir. Dann … bis bald.“
„Pass auf dich auf, meine Liebe.“
„Du auch, Achilles.“
Er lächelte. Ich ging ein paar Schritte und hob zum Abschied noch einmal die Hand.
Er erwiderte die Geste, dann blickte er wieder aufs Meer hinaus. Von weit entfernt hörte ich eine Möwe kreischen.

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Kurz überlegte ich, woher diese Zeilen kamen, die mir soeben durch den Kopf gegangen waren. Hölderlin? Nein, Hesse, Hermann Hesse, Stufen. Ich konnte ihm nur zustimmen. Das Leben hielt so viel für uns bereit, egal, woher wir kamen, egal, wohin wir gingen. Das galt sowohl für mich als auch für meinen Griechen. Ich musste schmunzeln. Mein Grieche. Er war schon immer mehr gewesen als nur ein Grieche. Er war Achilles. Ich schlang die Arme um meinen Leib und machte mich auf den Weg in Richtung Treppe. Das Rauschen des Meeres begleitete mich, wie ein Wiegenlied, von Poseidon selbst ersonnen.





"Vergesst uns nicht. Einen einfacheren Befehl kann ein König nicht geben." - Diese Sätze sind aus dem Film '300' entnommen. Der Film wurde im Jahr 2006 unter der Regie von Zack Snyder veröffentlicht.
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