Nesta Archeron ist tot

von Elvea24
OneshotAllgemein / P16
Nesta Archeron
25.05.2020
25.05.2020
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Über Nesta Archeron kann man viele Dinge sagen – und ja, die meisten davon mögen wahr sein, aber was heißt das schon? Mit welchem Recht kann irgendjemand behaupten, Nesta Archeron zu verstehen, wenn sie es doch selbst nicht tut?
Nesta Archeron ist tot. Zumindest sollte sie das sein. Sie ging an jenem Tag, an dem der Kessel sie verschlang und wieder ausspuckte, als sei sie ein Stück Dreck. Sie kam als eine Andere zurück, gestorben und neu geboren, vergangen und geschaffen. Nesta Archeron ist tot. An ihrer statt lebt eine Heuchlerin.
Der Krieg hat sie alle gebrochen, hat allen etwas genommen, das ihnen lieb und teuer war, und Nesta versteht es nicht. Sie versteht nicht, wie die anderen weitermachen, als sei nichts geschehen, wie sie lachen und weinen und leben, während Nesta vergeht.
Der Schmerz ist ein lebendiges Wesen. Es frisst und labt sich an Nestas Qualen, schlägt seine Krallen in ihren Geist und beißt und tobt. Und Nesta nimmt es hin. Sie schweigt und leidet, schürt ihren Hass auf die ganze Welt, während das Monster in ihrem Kopf, das Monster in ihren Knochen, vergnüglich schnurrt.
Nesta Archeron mag vieles sein, mehr tot als lebendig, von Hass zerfressen, gebrochen, verwirrt, todunglücklich, einsam. Aber welchen Unterschied macht das schon? Der Krieg kam und ging und er hat alles genommen und alles gegeben und doch hat sich nichts verändert. Ihr Leben lang war Nesta Archeron ein Wesen aus scharfen Kanten und giftigen Worten, grausam und harsch. So ist ihre Art. So ist sie aufgewachsen und so wird sie sterben. Mit welchem Recht will irgendwer bestimmen, wann es genug ist?
Feyre versteht es nicht, aber das tat sie noch nie. Niemand kann den Schrecken und das Unheil verstehen, das in Nestas Körper schlummert. Niemand begreift, dass sie sich nicht verändert hat, als sie aus dem Kessel stieg. Die Dunkelheit war schon immer dagewesen. Sie hat nur an Macht gewonnen.
Nesta Archeron ist eine große Leere, die nichts und niemand füllen kann. Sie ist eine Königsmörderin und eine verlorene Schwester, eine Waise und ein unheilvolles Monster, das nur darauf wartet, entfesselt zu werden. Aber das schlimmste ist, dass es ihr egal ist. Es kümmert sie nicht. An der Stelle ihres Herzens sitzt ein Klotz aus Stein und sie ist stark, selbst wenn sie es nicht ist. Ihr Rücken ist eine Klinge, gerade und unbeugsam, und ihre Augen sind kalt wie Eis. Das ist alles, was ihr geblieben ist. Rasender Zorn unter einer Mauer aus schwarzem Adamant. Unbezwingbar. Abweisend.
Und dennoch – und das ist es, was Nesta am meisten schmerzt – dennoch bemühen sie sich. Trotz allem versuchen sie, ihre Schale zu knacken und ihre Schutzmauern einzureißen, selbst wenn sie nicht will. Selbst, wenn sie sich selbst fremd werden muss, um sie davon abzuhalten.
Nesta Archeron ist eine gebrochene Frau und es ist alles zu viel. Aber der Weg zurück ist schon lange versperrt.
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