Do you remember?

GeschichteDrama, Romanze / P16
Dr. John Watson James "Jim" Moriarty Mary Morstan / Watson OC (Own Character) Sherlock Holmes
25.05.2020
22.08.2020
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28.07.2020 1.588
 
„Zum St. Barts Krankenhaus, bitte.“
Ich sinke in die Sitzlehne des Taxis und ziehe mein Handy aus der Manteltasche.

Aufmerksam wandert mein Blick über die geschriebenen Worte des Blogs.
Nachdem ich zuerst irritiert und gleichzeitig belustigt über die Tatsache war, dass Sherlock doch tatsächlich lediglich in einem Bettlacken bekleidet im Buckingham Palace aufgekreuzt war, verstehe ich nun, was John mit das das war eine Geschichte meinte.
Denn die Frau, ich korrigiere, die Frau, Irene Adler hat Sherlock nicht nur mit Machtspielchen geschlagen, sondern auch wortwörtlich.

Trotz der beschriebenen sexuell geladenen Spannung zwischen Sherlock und Irene, scheint es tatsächlich so, dass Sherlock keinerlei romantisches Interesse hegte. Woran das wohl liegt? Immerhin scheint er nicht abgeneigt von ihr gewesen zu sein.
Vielleicht war er auch romantisch interessiert, hat aber eine Abfuhr erhalten und verschweigt das lediglich.

Ich scrolle weiter und halte bei einem anzüglichen Foto inne. Es ist Irene Adler. Ihre schwarzen Haare sind zu einer Hochsteckfrisur gebunden. Ihre Lippen, die ein verführerisches Grinsen formen, sind blutrot. Ihr Kinn ist leicht gehoben und ausgestreckt, ebenso wie ihr Rücken. Die Frau muss das Selbstbewusstsein in Person sein.
Ihr schlanker Körper wird von einem Hauch aus schwarzer Spitze bedeckt, in ihrer Hand hält sie eine ebenso schwarze Lederpeitsche.
Mit gerunzelter Stirn scrolle ich noch einmal zum Anfang. Ah ja, beim Überfliegen habe ich übersehen, was sie vom Beruf ist. Aber das Bild spricht auch schon für sich alleine.

Mein Mundwinkel zuckt, als ich lese, dass Irene Mycroft als Eismann und Sherlock als Jungfrau betitelt hat. Weder den einen, noch den anderen Holmes Bruder kenne ich so gut, dass ich diesen Bezeichnungen zustimmen kann, aber ohne Grund oder Hintergrund werden ihr diese Worte nicht eingefallen sein.
Na ja, vielleicht war er auch eingeschüchtert von ihr. Bei dem Foto und ihrer beschriebenen Gerissenheit wäre ich das mit Sicherheit auch.
Mein amüsiertes Grinsen erstickt unter dem letzten Absatz. Denn ihre Geschichte nimmt kein gutes Ende, so, wie ich es zunächst gedacht habe. Denn anscheinend musste sie für ihre Gerissenheit bezahlen. Und zwar mit dem Tod.
Oh.

„Wir sind da.“
Das Taxi bleibt mit einer abrupten Bewegung an einer Bordsteinkante stehen.
Ich hebe meinen Kopf, schaue raus und erblicke das Krankenhaus. In meiner Manteltasche tausche ich mein Handy gegen die benötigten Scheine, drücke dem Taxifahrer das Geld in die Hand und steige aus.

-

Ich stoße die Tür zum Labor auf. Mein Blick schweift durch den Raum, auf der Suche nach Lestrade. Keine Spur.
Mit gerunzelter Stirn trete ich hinein und schaue mich genauer um.
Nein, kein Lestrade.
Arbeitsplatten, überseht mit Reagenzgläsern, Fläschchen, Gläsern. Man könnte meinen, dass man sich in Sherlocks Küche befindet.

Gerade als ich mein Handy zücken und Lestrade schreiben möchte, wo ich ihn denn finden kann, springt plötzlich ein Mann hinter einem Arbeitstisch hervor.
Erschrocken ziehe ich die Luft ein, zucke zusammen und lasse beinahe mein Handy fallen.
Unbeschwert schiebt er einige Reagenzgläser von der Fläche vor sich weg und pfeift fröhlich vor sich hin. Es dauert einen kurzen Moment, ehe er mich im Augenwinkel wahrnimmt und hochblickt.

„Oh.“, gibt er nun ebenso überrascht von sich. „Hi!“, grinst er dann erfreut und streift sich die hellblauen Handschuhe von den Händen.
Ich brauche ein paar Sekunden, ehe ich ihn als den Kriminaltechniker vom Tatort identifizieren kann.  Er ist frisch rasiert und wirkt nun deutlich jünger als bei unserem ersten Treffen.
Meine Miene wird sanfter, meine Lippen verziehen sich zu einem warmen Lächeln.
„Hi.“, erwidere ich und trete mit eingesteckten Händen an ihn heran. Er trägt einen weißen Laborkittel, darunter ein eng anliegendes Hemd, das seine trainierten Umrisse abzeichnet.
„Haben Sie DI Lestrade gesehen?“, frage ich rasch, als er bemerkt, dass ich ihn mustere.
Nachdenklich schaut er an mir vorbei, zieht seine Mundwinkel nach unten und schüttelt nach kurzem Überlegen dann seinen Kopf.
„Nein, tut mir leid.“ Er stützt sich mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte ab.
Ich seufze über die ernüchternde Antwort und streiche mir mit meinen Finger über die Stirn.
„Haben Sie denn zufälligerweise irgendwo ein Beweismittel herumliegen gesehen?“ Ich rechne mit keiner hilfreichen Antwort, aber als wäre ihm eine Erleuchtung gekommen, eilt er auf die andere Seite des Arbeitstisches und schiebt ein durchsichtiges Päckchen rüber. Der Beutel ist mit einem feinen, weißes Pulver gefüllt. Mit gerunzelter Stirn hebe ich es hoch.
„Sagen Sie das doch gleich.“, lacht er. Ich hebe meinen Kopf und erkenne, dass er zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger ein kleinen Zettel hochhält.
„Hier steht Ihr Name drauf. Ich habe mich schon gefragt, wann Sie es abholen.“, grinst er hinzufügend.
„Hervorragend!“
Erneut senke ich meinen Blick auf das Tütchen. Dann beuge ich mich weiter über die Arbeitsplatte, greife nach ein paar Handschuhen und streife sie mir über. Dann lasse ich mich auf einem Drehstuhl nieder, rolle mit diesem zu einem Mikroskop und präpariere das Pulver für dieses.
Während ich mit einer Pinzette einzelne, gröbere Körner auf einen Objektträger platziere, mustere ich den Mann, der sich mir wieder entfernt hat, verstohlen.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, frage ich dann interessiert, als mir einfällt, dass er zwar meinen Namen, aber ich nicht seinen kenne.
Er wirft mir nur kurz einen Blick zu.
„James Mentir.“, antwortet er, wenn auch etwas verzögert. Ich nicke und nähere mich dem Okular.
„Freut mich, Sie besser kennenzulernen, James.“, lächle ich.
„Die Freude liegt ganz meinerseits.“ Auch wenn ich ihn nicht sehe, höre ich ein Lächeln heraus.

In Gedanken versunken, fokussiere ich die Sicht. Das Pulver weist eine ganz bestimmte Struktur auf, die ich schon einmal gesehen habe.
„Es ist Porzellan.“, lege ich nach ein paar Minuten offen, strecke meinen Rücken aus und blicke nachdenklich in die Ferne.
„Was bedeutet das?“ James, der nun wieder neben mir steht, deutet mit seinem Zeigefinger auf das Mikroskop. Da er sich es ebenfalls anschauen möchte, fahre ich mit dem Drehstuhl zur Seite und streife mir die Handschuhe ab.
Frustriert werfe ich diese unsanft neben ein paar Reagenzgläser und stütze seufzend meinen Kopf ab.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, ob und in was für einer Ermittlung ich mich befinde. Offiziell bin ich nämlich noch nicht angestellt und hänge deshalb gerade etwas in der Luft. Ich verstehe nicht einmal, wieso Lestrade mich hierher bestellt hat, wenn ich keine anderen Informationen bekommen habe. In diesem Moment könnt das Porzellan eine Mordwaffe sein, oder aber auch das Resultat eines eskalierten Kinder Teekränzchen.“, brumme ich und nestle mit meinen Fingern.
James entweicht ein Lachen, woraufhin ich ihn anblicke. Er lässt sich ebenfalls auf einen Drehstuhl nieder und rollt zu mir rüber.
„Ich kann Ihnen ja Bericht erstatten, vielleicht hilft es Ihnen weiter. Zwar bin ich erst neu bei der Scotland Yard, war aber als Festangestellter vermutlich schon öfter im Büro. Also: Sie erinnern sich an Sherlock Holmes?“
Wie kann ich den bloß vergessen? Immerhin wohne ich mit ihm zusammen, aber das kann er ja nicht wissen.
Ich nicke, wobei es leidend wirkt.
„Er ist, so wie ich es mitbekommen habe, letzte Woche regelrecht in Lestrades Büro gestürmt. Er hat wohl eine Karte erhalten, auf der Ich werde dich brennen lassen stand. Für Sherlock war das ein Beweis genug, dass Moriarty noch immer am Leben ist.“, erklärt mit ausgiebiger Handbwegung.
Ich kann ihn nur verständnislos anschauen, denn ich verstehe nur Spanisch.
Er bemerkt dies und hält inne.
„Ich war drei Jahre nicht hier. Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal wer Sherlock Holmes ist.“
Seine Augenbraue springen in die Höhe und ihm entfällt ein „Oh“. Dann kratzt er sich am Kopf, schaut für einen kurzen Moment so aus, als würde er tief in seinen Erinnerungen graben und beginnt dann von vorne:
„Moriarty war so gesehen Sherlocks größter Erzfeind. Das war damals, vor knapp zweieinhalb Jahre ganz groß in den Medien. Letztlich stellte sich heraus, dass Moriarty ein ganzes kriminelles Netzwerk hat. Der Höhepunkt fand dann auf dem Dach dieses Gebäudes statt. Moriarty hat sich selbst erschossen und Sherlock ist vom Dach gesprungen. Zwei Jahre lang hielt man Sherlock für tot, wobei er eigentlich nur Moriartys Netzwerk vernichtet hat. Nun ja, seit knapp drei Monaten ist Sherlock zurück und nun behauptet er, dass Moriarty doch nicht tot sei, obwohl er derjenige war, der mit eigenen Augen gesehen hat, wie Moriarty sich umgebracht hat. Seitdem versucht er die Leiche, die mit dem Tee vergiftet wurde, in den Zusammenhang mit Moriarty zu bringen.“
Mein gequälter Gesichtsausdruck spricht wohl mehr als Worte. Noch immer blicke ich nicht ganz durch, aber ich meine ein wenig zu verstehen, was hier los ist.
„Aber wieso geht er davon aus, dass Moriarty die Frau vergiftet hat? Es könnte doch auch ein Nachahmungstäter sein, der Sherlock denken lassen will, dass Moriarty noch am Leben sei.“, frage ich und streiche mir mit meinen Fingern über die Wange.
Unschlüssig zuckt er mit den Schultern und verschränkt seine Arme.
„Das ist zumindest wahrscheinlicher als Sherlocks Theorie.“
„Mhm.“ Ich blicke wieder zum Mikroskop. „Wo wurde das Porzellan gefunden? Ich meine, wir haben die Leiche untersucht. Da lag nichts mehr.“ Mein fragender Blick erhält erneut ein Schulterzucken als Antwort.
„Ich weiß es nicht. Als ich hier ankam, lag die Tüte schon da.“
Natürlich. Lestrade muss es wissen. Wo steckt er bloß?
Er holt tief Luft und und schlägt dann seine Hände auf seine Oberschenkel.
„Wie denn auch sein. Ich hoffe, wir werden den Fall lösen und den Täter finden.“

Gerade als ich zustimmend nicken möchte, geht die Tür auf. Hastig drehe ich meinen Kopf zur Seite, in dem Glauben, dass es Lestrade ist.
Doch wieder kein Lestrade.

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