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Der Dreißigjährige Krieg

OneshotHumor, Parodie / P12
Bayern Dänemark Frankreich Österreich Schweden Tschechien
24.05.2020
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Seufzend blickte die Schreiberin dieser Zeilen auf ihre Uni-Mappe. Sie hatte geglaubt, die Überblicksvorlesungen würden dazu dienen, wichtige Grundinformationen zu vermitteln, für die während der Seminare und Übungen keine Zeit blieb. Doch die heutige Sitzung warf ihrer Meinung nach mehr Fragen auf als sie beantwortete - ein Problem, das beinahe vorprogrammiert schien, wenn man bedachte, dass die Dozentin tatsächlich versucht hatte, innerhalb von 90 Minuten den gesamten Dreißigkährigen Krieg zu erklären, der (wie sein Name schon sagte) eben 30 Jahre gedauert hatte.

Wieder seufzte die Studentin auf, ehe sie einen sehnsüchtigen Blick hinüber zu ihrem Bücherregal warf. Dort standen fein säuberlich nebeneinander auch einige Hetalia-Mangas, doch so oft diese ihr bisher geholfen hatten, komplizierte Zusammenhänge zu verstehen, den Dreißigjährigen Krieg behandelte ihres Wissens nach keiner der bisherigen Bände. Es sei denn... es sei denn, sie nutzte die in dem Manga vorgestellten Länderverkörperungen, um ihre eigene Lernhilfe zu formulieren. Ja, warum eigentlich nicht? Mit einem breiten Lächeln im Gesicht griff die Schreiberin dieser Zeilen nach Papier und Stift, um gleich darauf eine erste Zahl zu notieren:

1618


Der Effekt, der nun eintrat, war unglaublich. Ohne Umschweife erschien eine junge Frau mit hellbrünetten, teils geflochtenen Haaren, die beide Hände in ihre Hüften gestemmt hatte. Es war Böhmen.

"Hey, Österreich!", rief sie in das scheinbare Nichts hinein, "Sag deinem Habsburger-Herrscher, dass ich ihn nicht mehr als König will! Meine Stände haben jetzt den Kurfürsten von der Pfalz zum König gewählt. Der ist Calvinist."

"WAS?!", schrie da auch schon ein dunkelbrünetter Mann mit abstehender Haarsträhne, Brille und Muttermal unter dem Mundwinkel. Doch bevor Österreich mehr tun konnte, als einige Male hektisch nach Luft zu schnappen, erschien ein zweiter Mann mit strubbeligem Kinn, um ihm beizustehen: Bayern.

"Keine Sorge, Österreich, meiner Katholischen Liga wäre es eine Ehre, gegen die Pfalz und ihre Protestantische Union in den Krieg zu ziehen.", verkündete er und schlug mit der Faust gegen seine Brust, woraufhin Österreich eine Augenbraue hob.

"Obwohl auch die Pfalz von Wittelsbachern regiert wird? Ich wusste doch, wir Katholiken halten zusammen!"

"Na ja...", meinte Bayern plötzlich kleinlaut, "Ehrlich gesagt hätte ich gerne die Kurwürde der Pfalz..." Doch falls er geglaubt hatte, sein Gegenüber würde einen Rückzieher machen, hatte er sich getäuscht. Stattdessen schlug Österreich lächelnd bei ihm ein.

"Geht klar.", bestätigte er, während sich ein dritter Mann zu materialisieren begann. Keine Länderverkörperung diesmal, sondern ein bis an die Zähne bewaffneter Mensch in einer Rüstung. Wie es schien, handelte es sich um Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, besser bekannt als Wallenstein.

"He, Österreich!", brüllte er, "Ich bin Böhme und eigentlich Protestant, aber zum Katholizismus konvertiert, um dir jetzt mein Heer anzubieten. Kostet auch nur ein riesiges Vermögen." Erwartungsvoll strahlte er Österreich an, der nach kurzem Überlegen ihm und Bayern zunickte, während Böhmen vor Überraschung der Mund offen stand.

"Dann mal los!"



Ja. So hatte es angefangen. Mit Böhmens Wahl des Kurpfälzers zum sogenannten Winterkönig, die den amtierenden Habsburger vor den Kopf stoßen MUSSTE. Dieser Kurpfälzische Krieg war die erste Phase, doch hatte sie beileibe keine 30 Jahre gedauert. Dementsprechend nahm die Studentin erneut ihren Stift zur Hand, mit dem sie eine zweite Jahreszahl schrieb:

1623


Diesmal war es Wallenstein, der sich in die Brust warf und strahlend verkündete:

"So, die protestantischen Truppen sind geschlagen und fliehen nach Niedersachsen. Ich sollte ihnen mit meinen katholischen Truppen folgen."

"Mach nur.", kam es gelangweilt von Österreich, der einige Notenblätter sortierte. Wie es schien, war er an dem Krieg, den er begonnen hatte, so gar nicht interessiert - ganz im Gegensatz zu einem Mann mit schwarzem Hut auf dem zerzausten dunkelblonden Haar, der in einer anderen Zimmerecke aufgetaucht war und voller Wut seine Faust in Richtung Österreich und Wallenstein schüttelte: Dänemark.

"Was tut ihr da vor meiner Haustür?! Na wartet, jetzt mache ich bei eurem Krieg mit!"



... und da waren es schon drei Parteien. Doch dabei war es nicht geblieben, wie die beiden nächsten Jahreszahlen zeigten, die nun auf das Blatt geschrieben wurden:

1629-1630


Plötzlich erschienen auf Dänemarks Gesicht mehrere Striemen, eines seiner Augen wurde von einem Veilchen geziert und seine Unterlippe blutete. Die Jahre des Krieges schienen ihm nicht bekommen zu sein.

"Ich gebe mich geschlagen und ziehe mich zurück.", verkündete er kleinlaut, ehe er in das Nichts zurückkehrte, aus dem er kurz zuvor gekommen war. Sofort hob der noch immer in seine Noten vertiefte Österreich den Kopf.

"Super, dann diktiere ich der Protestantischen Union mal einen Frieden.", meinte er, nur um einen Moment später bei dem Klang eines mehrstimmigen Protestschreis zusammenzuzucken. Hinter ihm stand jetzt nicht nur Bayern, sondern eine ganze Reihe von Länderverkörperungen, die eine gelbe Fahne über sich wehen ließen: Die Katholische Liga.

"Was?!", riefen sie, "Nein, das darfst du nicht allein!" Empört deuteten sie auf Österreich, der einen Schritt zurücktrat.

"Aber..."

"Nein, sonst unterstützen wir die Protestantische Union!", drohte die Liga, woraufhin Österreich die Stirn runzelte. Offenbar dachte er über seine Möglichkeiten nach, doch einige unendliche Sekunden später gab er sich geschlagen und sah seine Mitstreiter fragend an.

"... was wollt ihr?" seufzte er, wobei seine Stimme keinen Zweifel daran ließ, wie ungerne er sich von anderen Fürstentümern in seine Angelegenheiten hineinreden ließ. Doch wenigstens hatte die Liga keine materiellen Forderungen. Stattdessen:

"Wir wollen an den Friedensverhandlungen teilnehmen und dass Wallenstein gefeuert wird. Der ist uns unheimlich."

"Keine schlechte Idee, dem schulde ich sowieso viel zu viel Geld.", murmelte Österreich, ehe er sich räusperte und seinen Verbündeten zunickte, "Dann sind wir uns also einig."

Damit hätte der Krieg so gut wie vorüber sein können. Doch da ihm noch einige Jährchen fehlten, um seinen Namen zu erklären, musste etwas dazwischen gekommen sein. Und die Schreiberin dieser Zeilen erinnerte sich auch an was, als sich in einer dritten Ecke ihres Zimmers eine blonde Länderverkörperung mit Brille und finsterem Blick materialisierte.

"Ich werde den Protestantismus verteidigen und dazu in euren Krieg eintreten!", brummte Schweden mit seiner dunklen Stimme in Richtung mehrer Länderverkörperungen, die eine violette Fahne bei sich trugen. Die eigentlich besiegte (und dementsprechend mitgenommen wirkende) Protestantische Union quittierte diese Ankündigung mit drei imaginären Fragezeichen über ihren Köpfen, dem siegreichen Österreich und seiner gelb gekennzeichneten Katholischen Liga erging es nicht anders.



Vier Kriegsparteien also, von denen sich die Dritte zurückgezogen hat, bevor die Vierte eingetreten ist, dachte die Studentin und warf einen erneuten Blick auf ihre Notizen. War dies das Ende? Nein, sie hatten ja noch 18 weitere Jahre vor sich, also mehr als die Hälfte! Seufzend schüttelte sie den Kopf, dann notierte sie sich die nächste Zahl:

1631


Wieder materialisierte sich eine Länderverkörperung, diesmal in Zimmerecke Nummer vier. Und da es sich bei dem gutaussehenden Mann mit dem gewellten blonden Haar und dem bärtigen Kinn um eine der Hauptfiguren handelte, kostete es keinerlei Mühe, ihn zu erkennen. Es war Frankreich, der rasch auf die Verkörperung Schwedens in Zimmerecke Nummer drei zulief und ihm einen klingenden Sack voller Münzen in die Hand drückte.

"Hey, Schweden! Ich bin jetzt dein Freund und schicke dir Geld für deinen Krieg mit Österreich.", verkündete er strahlend, woraufhin Schweden ihn mit einem Blick bedachte, den man für seine Verhältnisse durchaus als 'verdutzt' bezeichnen konnte.

"... bist du nicht katholisch?"

"Schon, aber ich mag keine Habsburger.", gestand Frankreich, ehe er theatralisch schauderte, "Die sind überall!" Als Antwort erhielt er ein kaum merkliches Nicken.

"Verständlich."

"Ähm, Wallenstein!", ertönte kurz darauf Österreichs an Panik grenzende Stimme, "Die Schweden sind schon bei München. Magst du mir nicht wieder helfen?" Sofort war der zuvor verschwundene Mann wieder zur Stelle, doch statt sich auf die Verkörperung Schwedens zu stürzen, streckte er zunächst eine Hand in Richtung Österreich aus.

"Geht klar, kostet auch nur..."

"... ein riesiges Vermögen, ich weiß.", seufzte Österreich.



Doch diese Forderung war ein Fehler gewesen, wie die Studentin sehr genau wusste, als sie ihr Blatt um eine weitere Jahreszahl bereicherte:

1634


Kaum dass der Stift abgesetzt worden war, schien die Panik auf Österreichs Gesicht zu verblassen. Stattdessen kehrte die aus dem Anime gewohnte blasierte Miene zurück und er richtete seinen Binder, ehe er nonchalant verkündete:

"So... Wallenstein hat die Schweden so gut wie besiegt, da kann ich ihn endlich in Ruhe ermorden lassen."

"... was?", fragte Wallenstein verdutzt, aber noch bevor er ein weiteres Wort formulieren konnte, waren die beiden rothaarigen Verkörperungen Irlands und Schottlands hinter ihm aufgetaucht und zogen den vollkommen perplexen Mann mit sich ins Nichts, während bereits die nächste Jahreszahl geschrieben wurde:

1635


"Da wir uns jetzt im Reich so gut wie einig sind, rufe ich schon einmal den Prager Frieden aus.", rief der nun ziemlich erschöpft wirkende Österreich außer Atem, ein Vorschlag, der von der Katholischen Liga ebenso wie von der Protestantischen Union mit einem lauten "Yay!" quittiert wurde. Allerdings hatte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation seine Rechnung ohne die Verkörperung Frankreichs gemacht, die augenblicklich auf einen Stuhl kletterte, um nun ihrerseits eine Ankündigung zu machen.

"Hiermit erkläre ich den Habsburgern in Spanien den Krieg!", rief Frankreich, "Oh, und den Habsburgern in Österreich. Also, irgendwie auch dem Heiligen Römischen Reich... führen wir unsere Schlachten doch am besten da." Strahlend blickte er zu den anderen hinüber, deren Antwort ebenso einstimmig erklang wie das vorherige 'Yay':

"Ach, verdammt!"



Und damit waren sie bei... ja, bei welcher Phase waren sie denn nun? Die Schreiberin dieser Zeilen hatte jedenfalls den Überblick verloren, weshalb sie noch einmal an ihren Fingern abzuzählen begann. Der Krieg im Reich selbst. Dann die Einmischung Dänemarks. Nach Dänemarks Ausscheiden die Einmischung Schwedens. Und danach eben die Einmischung Frankreichs. Das arme Heilige Römische Reich musste sich wirklich verarscht gefühlt haben. Aber bis zu der Marke von 30 Jahren fehlte zum Glück nicht mehr viel, sodass sie rasch die nächste Jahreszahl notierte:

1641


Hatte Österreich zuvor erschöpft gewirkt, sah er jetzt miserabler aus als je zuvor. Seine Haare waren zerzaust, sein aristokratisches Gesicht mit blauen Flecken und Kratzern übersät, seine Kleidung zerrissen. Seine Willenskraft schien er jedoch nicht verloren zu haben. So rief er mit belegter Stimme:

"He, ich habe eine Idee! Es nennt sich "Hamburger Vorfriede"! Wir sollten uns alle treffen, um zu beraten, wer jetzt mit wem welche Friedenverhandlungen führen soll, um diesen Wahnsinn hier zu beenden." Beinahe flehend blickte er zu den übrigen Länderverkörperungen, die nicht viel besser aussahen als er. Auch ihnen sah man die Jahre des Krieges deutlich an, aber trotzdem wagten sie es, zeitgleich je einen Finger zu heben.

"Klingt gut, aber..."



Bei diesen Worten verdrehte die Schreiberin dieser Zeilen die Augen. An dieser Stelle hätte das ganze Leid enden können, doch weil so ziemlich jeder den einen oder anderen Vorbehalt geäußert hatte, dauerte es bis

1644


Diese Jahreszahl war mit zusammengebissenen Zähnen geschrieben worden, zeigte aber dennoch Wirkung. Denn sofort nickten sich Österreich, die Katholische Liga, die Protestantische Union, Schweden und Frankreich zu und verkündeten einstimmig:

"Wir könnten dann jetzt mit den Verhandlungen anfangen."



Erleichtert atmete die Studentin auf, als sie ihren Notizen entnahm, dass ihre Dozentin nun von dem aus drei Verträgen bestehenden Westfälischen Frieden gesprochen hatte. Und die zugehörige Jahreszahl hatte sie auch genannt:

1648


Das offizielle Ende des Krieges ließ beinahe alle anwesenden Länderverkörperungen in Jubel ausbrechen. Begeisterten klatschten sie einander Beifall, umarmten alte Verbündete und Feinde. Und der ein oder andere hatte dank der in den Verträgen festgelegten mehr zu feiern als 'nur' das Ende der Jahrzehnte andauernden Feindseligkeiten.

"Yay, mir gehört jetzt Elsass-Lothringen!", strahlte Frankreich, während er den beiden hübschen Zwillingen eine Kusshand zuwarf.

"Yay, ich bin jetzt die vorherrschende Macht im Nordseeraum!", brummte Schweden mit dem Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht.

"Yay, wir haben jetzt mehr Macht gegenüber dem Kaiser!", riefen katholische und protestantische Reichsstände.

"Yay, ich habe jetzt genau wie die Pfalz eine Kurwürde!", jubelte Bayern mit einer Maß Bier in der Hand.

"Yay, wir sind jetzt richtig groß und können in Konkurrenz zu Österreich treten!", grinsten Brandenburg und Preußen und gaben sich gegenseitig ein High Five. Einzig Österreich stand ein wenig abseits der Menge und als er zu sprechen begann, zischte er nur ein einziges, dafür umso aussagekräftigeres Wort:

"... Mist."



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Es klingt unglaublich, aber: Ich bin zurück. Zurück mit vielen Ideen, die nach und nach umgesetzt werden wollen. Den Anfang macht dieser Spickzettel, der tatsächlich nach einer Vorlesung entstanden ist, ausformuliert aber einen kurzweiligen OS ergibt. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen in der Schule oder Universität.
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