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The Lost Boys 1987 - Übernatürliche Familien in Santa Carla

GeschichteLiebesgeschichte / P12
24.05.2020
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1. Die Vampire

Marko war nun schon seit einigen Jahrzehnten ein Vampir, aber etwas derartiges war ihm noch nie passiert. Fast zwei Stunden stand er neben seinem Motorrad und wartete. Paul hatte Marko schon einige Male durch die mentale Verbindung gerufen, zu einer Party am Strand zu kommen, aber Marko war verabredet.

Marko liebte diese Art zu leben. Seine Brüder und er waren nur Max, dem Obervampir von Santa Carla Rechenschaft schuldig, aber in der Regel erledigte David, der Anführer der Lost Boys diese Aufgabe.

Max war Davids Sire, das ist zu vergleichen mit einem Vater, Vorgesetztem, Freund, Gefährten und in einigen Fällen ist der Sire auch der Geliebte. Max sah sich eher als Vaterfigur, und auch wenn er nicht der Sire von Marko, Dwayne und Paul war, so wie es eigentlich geplant war, fühlte er sich für die jüngeren Vampire verantwortlich.

Was die drei betraff, so hatte David sich mal wieder Max Anweisungen widersetzt, und nun war David selber der Sire seiner Gefährten. Marko, Dwayne und Paul hatten zwar trotzdem ein gutes Verhältnis zum Obervampir, aber denoch waren sie David dankbar dafür, dass die mentale Verbindung zu Max nur schwach war.

David hingegen wusste immer genau, wo die drei sich aufhielten und was sie machten, er war schließlich ihr Sire. Er hatte gerne die Verantwortung für die drei übernommen, sie passten einfach zu ihm und seiner Art zu leben.

Max hatte es nicht immer leicht mit seinen Söhnen, wie er die Lost Boys immer nannte, denn die Art, wie sie ihre Nächte gestalteten unterschied sich erheblich von Max' Vorstellungen.

Max lebte seit fast sechshundert Jahren, er war ein Nachkomme von Graf Vlad Dracula, auch wenn er diesen nie persönlich kennengelernt hatte. Max hatte zwar trotzdem keinen Adelstitel, aber er hatte immer Wert darauf gelegt, mit seiner Zeit etwas sinnvolles anzufangen.

Er hatte im laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Geschäfte aufgebaut und konnte so ein kleines Vermögen erwirtschaften. Sine Geschäfte waren meist relativ klein, aber nebenher hatte er Aufträge der obersten Stadtführer angenommen, denn das rentierte sich immer!

So konnte er all die Jahrhunderte sein Geheimnis hüten. David und seine Brüder waren an Geschäften und ehrlicher Arbeit nicht so sehr interessiert. Sie sausten lieber auf ihren Motorrädern durch die Stadt und wollten Spaß haben. Tja, Max fand das anfangs sehr amüsant, doch er hatte leider den richtigen Zeitpunkt verpasst, den jüngeren Vampiren Einhalt zu gebieten.

Er hatte schon Verständnis für die Bedürfnisse seiner Söhne, denn sie waren jung, aber er wünschte sich wirklich, dass sie mit der Zeit etwas solider werden würden. Er hoffte, dass es mit ihnen kein böses Ende nehmen würde, sie wären bei weitem nicht die ersten jungen Vampire, denen das passieren würde, und mit Sicherheit wären sie auch nicht die letzten.

Max' größte Schwäche war die Sehnsucht nach einer richtigen Familie. Die jüngeren Vampire hatten zwar Verständnis für diesen Wunsch, aber witzig fanden sie den Gedanken trotzdem.

Die Lost Boys wussten, dass Max füher eine Familie hatte, seine Frau Nelly, die er über alles liebte, einen Sohn, Jeremy und eine Tochter. Diese Familie wurde Max jedoch genommen als er auf seinen eigenen Sire traf, die kleine Mary war damals erst vier Jahre alt. Unter welchen Umständen genau Max Familie gestorben war wussten die jüngeren Vampire jedoch nicht.

Ein Vampir, der so alt war wie Max hatte seinen Blutdurst gut unter Kontrolle, er brauchte auch nur zwei Mal in der Woche Blut. Bei seinen Söhnen sah das etwas anders aus.

David konnte sich schon recht gut kontrollieren, er war immerhin schon seit 1906 ein Vampir. Max hatte ihn dabei beobachtet, wie er einer Bettlerin, die einen Säugling bei sich hatte, einen Teil senes Lohns gab. David fand es schrecklich, dass die arme Frau auf der Straße schlafen musste. Max war sehr angetan von Davids Großzügigkeit, der junge Mann war damals immerhin erst zwanzig Jahre alt.

Marko traf 1947 auf David und Max. Er war Jude, seine Eltern hatten ihm alles gegeben, was sie besaßen, damit er aus Nazideutschland fliehen konnte. Marko hatte mit seinen zweiundzwanzig Jahren viele schlimme Dinge gesehen. Nachbarn und Freunde wurden von den Nazischergen deportiert. Seine Familie wurde von einer Deutschen Familie versteckt, aber schließlich vom Sohn der Familie verraten. Später stellte sich heraus, dass Marko der einzige Überlebende in seiner Familie war.

Marko war ebenfalls nicht mehr darauf angewiesen, jede nacht zu trinken, aber manche Menschen gingen ihm derart auf die Nerven, dass er sich sicher war, der übrigen Menscheit einen großen Dienst zu erweisen, wenn er diese Nervensägen zu seinen Opfern machte.

Dwayne lernte David zwanzig Jahre später kennen. Seine Vater war Indianer, seine Mutter nicht. Dwayne war also ein Halbblut, und dafür wurde er von einigen Mitgliedern des Stammes gehänselt. David half ihm, als er deshalb in eine Schlägerei verwickelt wurde. Der Stamm feierte ein großes Fest und einer der älteren Männer beleidigte den introvertierten jungen Mannn. Daraufhin schlug Dwayne zu.

Paul traf Marko 1985 bei einem Konzert am Strand, er war damals vierundzwanzig Jahre alt. Beide mochten die Musik von Iron Maiden, und an diesem Abend gab es ein Konzert von einer Coverband aus Los Gatos, die hauptsächlich Iron Maiden Songs spielte.

Marko beobachtete Paul, der meist recht fröhlich und entspannt war. Der große blonde Rocker war alleine bei dem Konzert und tanzte. Irgendwann lächelte er Marko an, der auch alleine dort war und die beiden kamen ins Gepräch. Am nächsten Abend trafen sie sich wieder und Marko stellte Paul seinen Brüdern vor, die ihn ebenfalls mochten. Einige Nächte später ging Paul nicht nach Hause zurück, er hatte eine neue Familie gefunden, die ihn akzeptierte, wie er war.

Als David ihm erklärte, dass Marko, Dwayne und er selber Vampire waren, hielt Paul zum ersten Mal völlig geschockt den Mund. Er nahm Davids Blut aber letztendlich an, es war ihm egal, was aus ihm wurde, solange er nur mit den drei Vampiren zusammen bleiben konnte. Marko wurde sein bester Freund.

Max war 1979 mit David, Marko und Dwayne nach Santa Carla gekommen. In den ersten Jahren lebten die jüngeren Vampire mit Max zusammen in dem großen Haus. Als dann aber Paul dazu kam, ging das nicht mehr so gut. Max liebte ein ruhiges Leben, und Paul war alles, nur nicht ruhig. Er musste sich immerzu mitteilen, machte ständig Witze über alles und jeden, und drehte jede Nacht die Musik laut auf.

Das war Max einfach zu viel. Paul zeigte daraufhin David, Dwayne und Marko das versunkene Hotel, ein Ort, den außer Paul niemand jemals betrat, denn dort waren 1906 bei dem großen Erdbeben viele Menschen gestorben. Die Einheimischen waren sich sicher, dass es dort spukt und hielten sich dort fern.

Paul jedoch ging gerne dorthin, wenn er alleine sein wollte. Als seine Brüder diesen Ort sahen, waren sie begeistert. Das war der Ideale Orte für Vampire. Die Räume des versunkenen Hotels waren zu großen Teilen noch intakt, die Möbel warteten nur darauf benutzt zu werden. Selbst die teuren Böden und Tapeten, so wie die Wandleuchten gab es noch.

Es gab zwar keinen Strom, aber das störte die Lost Boys nicht im geringsten. Sie holten ihre persönlichen Dinge und Kleidung aus Max' Haus und zogen in die Höhle. Max war nicht sehr begeistert von dieser Idee, ließ sich aber die Höhle zeigen, er hatte das versunkene Hotel nie mit eigenen Augen gesehen. Nach dem Besuch dort, war er beruhigt, David hatte Recht, es war ein Idealer Ort für Vampire, also ließ er seine Söhne gewähren. Er hatte Verständnis dafür, dass die jüngeren Vampire gerne etwas mehr Unabhängigkeit wollten, und sollte es Probleme geben, naja, er war ja nicht weit weg!

Im Hauptraum, den Paul schon nach seinen Vorstellungen mit allen möglichen Dingen geschmückt hatte, war es in der Nacht stockdunkel, was die Vampire nicht störte, da sie auch im dunklen bestens sehen konnten.

Paul hatte jedoch schon vor Wochen Blechtonnen in die Höhle gebracht, in denen man ein wärmendes Feuer anzünden konnte. Vampire fühlten Kälte nicht so, wie Menschen, aber ein nettes Feuer sorgte für Gemütlichkeit, so wie auch die zahlreichen Kerzen, die Paul im Laufe der Zeit in der Höhle deponiert hatte.

David war zwar der Sire der jüngeren Vampire, und der Anführer der Lost Boys, aber er sah Marko, Dwayne und Paul als Brüder. David hatte entschieden, dass sie in seine delikate Familie aufgenommen wurden. Nicht jeder Mensch war geeignet für dieses Leben, als Vampir.

Die Gemeinschaft der vier Vampire war größtenteils geprägt durch ein gleichberechtigtes Miteinander. David, Marko, Dwayne und Paul unternahmen viele Dinge miteinander, aber jeder hatte auch seinen Freiraum. David und Paul bastelten sehr gerne an den Motorräder, die Max den jüngeren Vampiren geschenkt hatte. Dwayne half ihnen manchmal, davon abgesehen las der dunkelhaarige Vampir gerne. Er war küntlerisch sehr begabt und schnitzte Figuren in allen möglichen Größen aus Holz. Außerdem besaß er Leinwände und Ölfarben, mit denen er Portraits seiner Brüder und von Max angefertigt hatte.

Dwayne machte gerne lange Spaziergänge in den Wäldern, oder er legte sich einfach oben auf die Klippen, die die Einheimischen "Hudsons Bluff" nannten, und betrachtete die Sterne.

Marko war ein Comicfan, er besaß alle möglichen Comichefte. Er hatte bereits als kleiner Junge stricken und nähen gelernt, seine Großmutter hatte ihm alles beigebracht. Er strickte farbenfrohe Mützen für seine Brüder und hatte sich eine Jacke angefertigt. Es war ursprünglich eine einfache Jeansjacke, Marko fand sie etwas langweilig, wollte sich aber trotzdem nicht davon trennen, da sie praktisch und bequem war. Er sammelte also alle möglichen Patches und nähte diese eines Tages auf die Jacke. Auf den Schultern der Jacke befestigte Marko bunte Fransen, und fertig war sein Einzelstück.

Seine Brüder beneideten ihn ein wenig, besonders Paul, er hätte auch gerne eine individuelle Jacke gehabt, besaß aber nicht Markos Talent für derartige Arbeiten, außerdem war Paul viel zu ungeduldig. Eines Nachts fand Marko in einem der Räume des versunkenen Hotels einen Frack und gab ihn Paul. Der große, blonde Vampir sah seinen besten Freund irritiert an und wusste nichts mit dem Frack anzufangen. Marko brachte Paul dazu diese Jacke anzuprobieren, und sie passte so perfekt, als wäre sie extra für Paul angefertigt worden.

Die beiden Vampire befestigten einige silberne Ketten und ähnliches an dem Kleidungsstück, und verzierten es mit Sicherheitsnadeln. Paul war sehr glücklich, nun hatte er ebenfalls ein individuelles Kleidungsstück!

Dwayne und David bevorzugten ihre Lederjacken. David besaß noch den schwarzen Trenchcoat, den er als sterblicher junger Mann getragen hatte, und zog diesen über seine Lederjacke. Dieser Mantel war außer seinen Erinnerungen alles, was er aus seinem menschlichen Dasein mitgenommen hatte.

Dwayne stellte irgendwann fest, dass er ständig seine Shirts versaute, wenn er Blut trank. Das nervte den brünetten Vampir gewaltig und er sah einfach nicht ein, dass er diese Shirts bereits nach einmal tragen entsorgen musste, also zog er einfach keine mehr an. Seine Brüder ärgerten ihn deshalb manchmal, aber Dwayne hatte einen ansehnlichen Oberkörper, also war es ihm total egal. Er fand es witzig, wie sehnsüchtig einige jungen Damen ihn betrachteten, wenn sie seine bloße Brust bemerkten. Naja, was soll ich sagen, Vampir, oder nicht, Dwayne war kein schlechter Kerl, also ließ er die meisten jungen Frauen abblitzen, denn das Schicksal, dass diese in der Nähe des Vampirs erwarten würde, gefiel ihnen sicher nicht, und er hatte schließlich keine Wahl - er war auf menschliches Blut angewiesen, ob es ihm gefiel oder nicht!

Um ganz ehrlich zu sein, manchmal genoßen die vier Vampire eine gute Jagd. Manche Menschen waren einfach fürchterliche Nervensägen. Besonders auf die, die sich für etwas besseres hielten, oder auf Gangs, die andere Leute auf dem Boardwalk oder am Strand terrorisierten hatten die Lost Boys es abgesehen. Keiner der vier Vampire hatte im sterblichen Leben auf der Sonnenseite gestanden, alle vier hatten verdammt schlechte Zeiten durchlaufen.

In der Öffentlichkeit verhielten sich die vier Vampire wie spätpubertierende junge Erwachsene, und das taten sie bewußt, um Menschen auf Distanz zu halten. Sie waren Vampire, und Freundschaften zu Sterblichen waren kaum möglich, es sei denn, ein Menschen sollte in die Familie aufgenommen werden. Diese Unnahbarkeit war wichtig für die Lost Boys, sie wollten schließlich nicht auffliegen. Sterbliche würden Vampire niemals akzeptieren, sie hätten viel zu viel Angst. Die Vampire konnten es den Menschen nicht üel nehmen, Vampire waren die gefährlichsten Raubtiere und ihre Nahrung war nun einmal menschliches Blut!

Naja, die Lost Boys lebten zwar gleichberechtigt miteinander, aber es gab Situationen, in denen hatte David das letzte Wort - er war schließlich verantwortlich! Marko war in eine solche Situation geraten. Es ging um eine junge Frau. Ihr Name war Michelle, oder Shelly, wie jeder sie nannte. Marko hatte Shelly bei einem Konzert am Strand entdeckt, und sie gefiel ihm auf Anhieb.

Eigentlich war er einer zierlichen Blondine dorthin gefolgt, als er auf Nahrungsuche war. Diese Blondine hatte zwei jüngere Mädchen völlig grundlos auf übelste beschimpft. Offensichtlich passten diese beiden Mädchen nicht in das Schönheitsideal der Blondine, das war alles.

Marko konnte Menschen, die sich Anderen gegenüber derart gemein verhielten nicht ausstehen, also beschloss er die Menscheit von der arroganten Blondine zu befreien, indem er ihr das Leben aussaugte.

Der Vampir folgte ihr, um auf einen passenden Moment zu warten. Es waren zu viele Menschen in der Nähe, der Boardwalk und der Strand waren an diesem Abend sehr voll. Die Blondine lief rücksichtslos durch die Menschenmenge und rempelte ständig irgendwelche Leute an, ohne sich zu entschuldigen. Die junge Frau schubste Kinder zur Seite, die ihr im Weg standen, Marko schüttelte ungläubig den Kopf, als er das sah - naja, sie würde ihre Quittung dafür schon bald bekommen!

Marko folgte ihr zu der Bühne am Strand, dort spielte zum ersten Mal ein Musiker aus der Umgebung. Der Mann war ein Hühne mit langen braunen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Sein muskulöser Körper glänzte im Scheinwerferlicht, offensichtlich war er eingeölt. Er truk eine Hose, die so eng wie eine zweite Haut war. Er sang und spielte Saxophon - der Bursche war echt ziemlich gut, und Marko beschloß, zum Konzert zurück zu kommen, wenn er mit der Blondine fertig war.

Die stand einige Meter von dem Vampir entfernt und schien nach jemandem zu suchen, aber dieser jemand hatte die junge Frau offensichtlich versetzt! Die Blondine drehte sich nach einigen Minuten mit wütendem Gesicht herum und wollte das Konzert wieder verlassen. Marko wollte ihr folgen und drehte sich abrupt um, und schlug aus Versehen einer anderen jungen Frau, die hinter ihm stand, das Glas aus der Hand. Diese junge Frau war Shelly.

Jeder andere Mensch hätte sich wahrscheinlich fürchterlich aufgeregt, aber Shelly sah Marko nur irritiert an, und lachte dann laut los. Als der Vampir in Shellys Augen sah, war die rücksichtslose Blondine vergessen.

"Das tut mir sehr leid," entschuldigte Marko sich und zeigte auf den Becher, der in den Sand gefallen war. "Ach, vergiß es," antwortete Shelly. "Bier ist ohnehin nicht mein Lieblingsgetränk. Eigentlich war das nicht einmal mein Getränk, meine Freundin hat es mir in die Hand gedrückt, bevor sie mit irgendeinem Typ davon ging um eine Spritztour mit seinem Motorrad zu machen!"

Marko grinste. "Okay, was trinkst du den gerne," fragte er. "Ich kaufe dir selbstverständlich einen neuen Drink!" Shelly schüttelte den Kopf. "Das musst du nicht," antwortete sie.

Marko blickte Shelly in die Augen. Er konnte sich nicht erklären, was es war, aber irgendetwas an der jungen Frau war anders. Sie war definitiv kein Vampir, aber rein menschlich war sie auch nicht! Markos Neugierde war geweckt.

"Ich bin Schuld, dass du nichts zu trinken hast," erklärte Marko sehr bestimmt, "also bestehe ich darauf dier einen neuen Drink zu besorgen! Verrätst du mir, was du gerne magst?"

Michelle lächelte. "Na gut, wenn es dir so wichtig ist," sagte sie schließlich. "Ich mag gerne Weißwein, und es ist ohnehin langweilig, alleine hier rumzuhängen. Es ist nett, dass du mir Gesellschaft leistest, nachdem meine Freundin mich wegen einem Typ alleine gelassen hat!"

Marko nickte. "Stimmt, es aber nicht nur langweilig," antwortete er. "Es ist auch gefährlich für junge Frauen, die alleine in der Stadt unterwegs sind. Es gibt hier üble Typen!"

Shelly winkte ab. "Ach, da braucht du dir nun wirklich keine Sorgen machen," erklärte sie. "Ich kann ganz gut auf mich aufpassen!" Diese Antwort gefiel Marko ganz und gar nicht. Michelle merkte ja nicht einmal, in welcher Gefahr sie sich befand. Wenn Marko vom Blutdurst übermannt wurde, gab es keine Gnade, für nichts und niemanden! Aber Michelle hatte Glück, der Vampir würde zwar noch in dieser Nacht seine Sucht nach frischem Blut befriedigen, aber es war nicht so schlimm, dass er sich nicht beherrschen konnte!

"Naja, wie auch immer," erwiderte Marko nur, während er neben Michelle zum Boardwalk schlenderte. Die junge Frau sah sich ihren Begleiter nun etwas genauer an. Ein merkwürdiger Geruch haftete an dem Mann, nicht unangenehm, aber fremd für Michelle. Für einen Mann war er etwas klein, aber er hatte ein symphatisches Lächeln und verhielt sich freundlich und zuvorkommend.

Der jungen Frau gefiel die Jacke, die ihr Begleiter trug, und sie fragte sich, ob er wohl selber die Patches aufgenäht hatte. Wenn ja, hatte das wohl ewig gedauert. Plötzlich fiel der jungen Frau etwas ein und sie blieb abrupt stehen und grinste. "Ich heiße übrigens Michelle," sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. "Aber meine Freunde nennen mich Shelly."

Der Mann sah sie erst etwas irritiert an, dann grinste er ebenfalls. "Wie gedankenlos von mir, " entschuldigte er sich. "Ich bin Marko," fügte er hinzu und nahm Shellys ausgestreckte Hand. Dann gingen die beiden lachend weiter.

Einige Minuten später erreichten sie die Arkaden. Dort befand sich neben einem gemütlichen italienischen Lokal, das Marko mit Shelly ansteuerte, das Geschäft der Familie Frog. In dem Geschäft gab es Comicbücher, es war der größte Laden dieser Art in der Umgebung. Marko warf einen Blick hinein, er ging gerne dort einkaufen, den dort gab es jeden Comic, den sein untotes Herz begehrte.

Der Vampir wusste, dass Jane und Marcus Frog früher Vampirjäger waren, aber das war in einer Zeit, bevor die Söhne des Ehepaares geboren waren. Marko wusste allerdings auch, dass Marcus Frog seine Söhne zu Vampirjägern ausbildete.

Marko und seine Brüder amüsierten sich oft darüber, dass diese verrückte Familie nicht begriff, dass sich "der Feind" sehr häufig in ihrem Geschäft aufhielt. Marko und David hatten Marcus' Söhnen Edgar und Alan schon einige Male aus der Patsche geholfen, wenn die Surf Nazis, eine andere Gang, dort Ärger machte.

Edgar und Alan waren noch sehr jung, noch stellten sie für die Vampire keinerlei Gefahr da. Marko war sich allerdings sehr sicher, dass die Frog Brüder ernst zu nehmende Gegner sein würden, wenn sie erst einmal erwachsen sein würden.

Dennoch, die Vampire machten sich keine Sorgen, sie waren auf Edgar und Alan vorbereitet. Die Lost Boys liebten einen guten Kampf gegen einen würdigen Gegner, und auch ohne Max waren sie den Jägern zahlenmäßig überlegen. Vampire hatten die Kraft und Ausdauer von mindestens zehn Männern, sie waren schnell, konnten sich lautlos bewegen und waren außerdem dazu in der Lage zu fliegen. Ihre Sinne waren sehr sensibel, sie konnten Gepräche belauschen, die Personen führten, die weit entfernt waren, Vampire konnten im dunkeln bestens sehen und das allerbeste war, dass sie Gedanken lesen und ohne Worte zu benutzen durch Gedankenübertragung miteinander kommunizieren konnten, sobald sie ihr Blut untereinander ausgetauscht hatten.

Shelly bemerkte den Blick, den Marco in das Geschäft warf und lächelte. "Das Geschäft gehört meinem Onkel und meiner Tante," erklärte sie. Marko sah die junge Frau erstaunt an. "Möchtest du hineingehen und Hallo sagen," fragte er. "Ich bin dort Stammkunde, der Laden ist toll!"

Shelly schüttelte den Kopf. "Nein, nein, ich kenne meine Verwandtschaft garnicht," erklärte sie. "Mein Vater hat den Kontakt zu seiner Schwester vor vielen Jahren abgebrochen, warum, weiß ich allerdings nicht."

Der Vampir lächelte wieder. "Naja, die gesamte Familie ist schon etwas sonderbar, aber was solls, ich bekomme dort alle Comics, die ich gerne lese," sagte er. "Magst du auch Comics?"

Michelle schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe als Kind Comics gelesen, nun bevorzuge ich ein gutes Buch," erwiderte sie. Marko lächelte. "Welche Bücher liest du denn," fragte er.

Shelly sah Marko nachdenklich an. "Ich mag Mystery, am liebsten lese ich eigentlich Vampirgeschichten, wie Dracula," erklärte sie. Daraufhin musste Marko grinsen. Er blieb stehen und sah der jungen Frau in die Augen. "Magst du Vampire, Shelly," fragte er.

Shelly wunderte sich darüber, dass er plötzlich so ernt aussah. "Ich weiß nicht," antwortete sie schließlich lachend. "Irgendwie schon, es sind faszinierende Wesen, solange sie mir nicht zu nahe kommen."

Marko grinste wieder. "Na, das kann man wohl nie so genau wissen," lachte Marko und immitierte mit seinen Zeigefingern seine Fangzähne. "Vielleicht sind sie mitten unter uns!" Shelly lachte über Markos Andeutung, sie war sich eigentlich ziemlich sicher, dass Vampire nicht existierten, aber andererseits, sie existierte ja auch.

Der Vampir und die junge Frau fanden einen Platz in dem italienischen Lokal und verbrachten dort fast zwei Stunden. Sie unterhielten sich über alles mögliche, und Marko mochte Shelly sehr. Er dachte nicht eine Minute darüber nach, die junge Frau zu seinem Dinner zu machen. Er war jedoch auch nicht in der Lage, herauszufinden, was Shelly von anderen Frauen unterschied, aber das würde Marko schon noch!

Der Vampir hatte in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Dates dieser Art gehabt, mit den unterschiedlichsten Frauen. Er hatte sich nie auf einen speziellen Typ festgelegt. Er war der Meinung, das jede einzelne Frau etwas besonderes war. Am meister erfreute er sich jedoch an den jungen Damen, die auf andere herab sahen, die sich für etwas besseres hielten. Diese Frauen würden sich niemals freiwillig mit Marko oder seinen Brüdern einlassen, aber die vier waren nun mal Vampire, sie konnten Menschen manipulieren.

Marko machte das sehr gerne, er beeinflußte diese arroganten Damen, und schließlich wollten sie nichts mehr, als Marko. Wenn er sein Ziel erreichte, ließ er die Frauen allerdings erst einmal auflaufen und würdigte sie keines Blickes. Zu guter Letzt ließ er sich dann quasi zu einem Date mit den Damen überreden, allerdings verschwendete er nicht seine Zeit damit, mit den Frauen in ein Lokal zum Dinner zu gehen.

Er brachte die Frau auf seinem Motorrad an einen abgelegenen Ort, erfüllte an ihr seine Bedürfnisse, die er als Mann nun mal hatte und dann saugte er sie aus, bis auf den letzten Tropfen. Die Überreste warf er achtlos ins Meer, das wars!

Für Marko war diese Art der Opfersuche der beste Sport, den es gab! Je herablassender eine Frau sich ihm gegenüber verhielt, um so größer war die Herausforderung! Marko liebte den entsetzten Blick in den Gesichtern der Frauen, wenn sie erkannten, was Marko wirklich war!

Auf diese Art hatte er viele junge Frauen erledigt, und auch junge Männer - als Vampir war man nicht zwangsläufig auf ein Geschlecht festgelegt, alles war möglich. Bisher hatte es nie eine Ausnahme gegeben. Alle Dates mit Marko endeten auf die gleiche Art! Die Menschen starben!

Bei Shelly jedoch verhielt sich das anders. Marko hatte Gefühle für sie, er wollte sie kennenlernen und er wollte sie an seiner Seite haben, und er wollte unbedingt wissen, was Shelly war!

Marko würde die junge Frau gerne seinem Sire vorstellen, er musste unbedingt mit David reden, sich seinen Rat einholen. Das Problem jedoch war, dass David selber eine junge Frau kennengelernt hatte.

Die Lost Boys hatten die junge Frau vor einer Weile schlafend an einer abgelegenen Stelle am Strand entdeckt. Offensichtlich war sie obdachlos, und David bot ihr an mit den Lost Boys zu kommen.

Der Name der jungen Frau war Star, und aus irgendeinem Grund verspürte Marko eine Abneigung gegen sie. Er konnte nicht genau sagen, woran das lag, den Star war freundlich und witzig. Tja, David war nun einmal der Boss und er hatte sich in Star verliebt, aber Marko traute ihr einfach nicht!

Nun gut, da David damit beschäftigt war, Star in die Familie zu bringen, würde Marko sich wohl an Max wenden müssen. Er könnte sicherlich auch mit Paul oder Dwayne reden, aber Paul konnte, wenn es um Frauen ging, selten ernst bleiben. Paul liebte Frauen und es fiel ihm schwer, siezu töten. Frauen, die Paul aussaugte, mussten schon wirklich fies zu anderen sein. Paul tötete fast nur Männer. Der große blonde Vampir war der Meinung Frauen müssten um jeden Preis verschont und beschützt werden.

Naja, die Frauen mochten Paul ebenfalls, denn er brachte sie zum Lachen und war immer sehr großzügig. Sein Stolz erlaubte es nicht, Frauen zum Beispiel seine Getränke bezahlen zu lassen. Da Paul seinen Blutdurst noch nicht so gut kontrollieren konnte, betrachtete er die Damenwelt meist aus der Ferne und erfreute sich an ihrem Anblick.

Ab und zu flirtete Paul in Max Videoladen mit Maria, einer der Angestellten, aber das tat er für Dwayne, der ernsthaft an ihr interessiert war. Dwayne hatte zwar in der Regel keine Probleme, eine Frau anzusprechen, wenn er aber wirklich interssiert war, so wie an Maria, war er schüchtern. Naja, und Paul zog Dwayne halt gerne damit auf.

Paul fand es toll, dass David Star eingeladen hatte, sich in dem versunkenen Hotel ein zu Hause einzurichten, der große blonde Rocker war schon lange der Meinung, dass das Hotel viel schöner wäre, wenn einige weibliche Vampire das Dasein der Lost Boys bereichern würden.

Nachdem Marko das Lokal mit der jungen Frau verließ, bot er ihr an, sie nach Hause zu bringen. Shelly willigte gerne ein, denn auch sie hatte die Zeit, die sie mit Marko verbracht hatte genossen. Sie wollte ihn gerne näher kennenlernen, obwohl sie das Gefühl hatte, dass der Mann irgendetwas vor ihr verbarg.

Marko hätte liebend gerne noch etwas mehr Zeit mit Shelly verbracht, aber sein Blutdurst meldete sich, und er wollte nicht riskieren, dass er der jungen Frau etwas antun würde.

"Sehen wir uns wieder," fragte Marko, als Shelly vor ihrem Elternhaus von seinem Motorrad herunter stieg. Michelle nickte lächelnd. "Hast du morgen abend Zeit," fragte sie etwas unsicher. Marko lächelte zurück. "Neun Uhr," fragte er zurück.

Shelly nickte und sah Marko schüchtern an, sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, dann drehte sie sich um und ging ins Haus. Marko blickte der jungen Frau überrascht nach. Mit einem Kuss hatte er nicht gerechnet, in der Regel war er derjenige, der den ersten Schritt machte.

Er wartete noch, bis Shelly im Haus verschwand, dann fuhr er zufrieden davon. Tja, durch einen dummen Zufall hatten Marko und Shelly sich kennen gelernt. Seit jener Nacht trafen sich die Beiden fast jeden Abend.

Auch an diesem Abend hatten sich Marko und Shelly verabredet. Wie immer wollten sie sich in der kleinen Seitenstraße treffen, wo Marko sein Motorrad parken konnte. Aber an diesem Abend erschien Shelly einfach nicht, und Marko wartete fast seit zwei Stunden auf sie.

Nie zuvor hatte eine junge Frau es gewagt, ihn derart lange warten zu lassen. Auch wenn Marko das nicht gerne zugab, er war in Shelly verliebt, er würde alles für sie tun. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass er ein Vampir war, was Shelly mittlerweile wusste. Sie sollte wissen, dass er der dominante Part in dieser Beziehung war. Vampire waren nun mal von Natur aus besitzergreifend, eifersüchtig und territorial.

Ein verliebter Vampir war wie eine tickende Zeitbombe, sein Beschützerinstinkt war geweckt, aber man sollte ihn niemals warten lassen, den Vampire wurden sehr schnell wütend!

Shelly machte diesen Fehler jedoch gerade, Markos Stolz war verletzt und er kochte vor Wut, der Vampir hatte das Bedürfnis, etwas oder jemanden in Stücke zu reißen.

Marko wusste nichts von dem riesen Drama, dass sich bei Shelly zu hause abgespielt hatte. Er wusste auch nicht, dass Shelly nicht mehr in der Stadt war! Die junge Frau hatte die Stadt nicht freiwillig verlassen!
 
 
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