Welch ein Meisterwerk ist der Mensch?

GeschichteAllgemein / P12
24.05.2020
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Welch ein Meisterwerk ist der Mensch!
Wie edel durch Vernunft!
Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!
In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig!
Im Handeln wie ähnlich einem Engel!
Im Begreifen wie ähnlich einem Gott!
Die Zierde der Welt!
Das Vorbild der Lebendigen!
Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staub?

– William Shakespeare, Hamlet



Es war ein Tag wie jeder andere, als Belial, der gerissenste aller Höllenprinzen und Meister der Diebe, sich entschloss, wieder einmal auf der Erde zu wandeln. Es war kein weiter Weg für ihn, die Dimension der Menschen lag direkt neben seiner und selbst wenn es nicht so gewesen wäre, hätte er keine Probleme gehabt.

Er wusste nicht, wie lange sein letzter Besuch nun schon her war. Einen Tag? Ein Jahrtausend? Zeit verlief anders für ihn, eine Kreatur, die schon seit ihrem Fall aus dem Himmel vor langer Zeit ein Dasein im Schatten fristete. Dort hatte er sich einen Namen gemacht, wurde zum Weltendieb und hatte auch den Höllenprinzen Belphegor überlistet.

Die Welt dieses geschlagenen Prinzen war es nun, die er zu seinem Sitz gemacht hatte und von der er auch jetzt in die Dimension der Menschen reiste. Mit einem Handwischen ließ er die toten Bäume, die Asche und die zerstörten Häuser um sich herum verschwinden und schon im nächsten Moment befand er sich auf der Erde. Genauer gesagt, auf diesem Kontinent, den die Menschen erst vor kurzem entdeckt und Amerika genannt hatten. Auch wenn Belial die Erde nicht besuchte, beobachtete er sie, spöttisch und amüsiert zu gleich; die kläglichen Versuche der Menschen ihre Leben zu etwas Bedeutendem zu machen hatten ihn schon immer fasziniert. Vielleicht lag es daran, dass er sie im Gegensatz zu jedem einzelnen Stein, jedem Ast und Sandkorn in seiner Welt nicht kontrollieren konnte. Sie suchten sich stets ihren Weg, klammerten sich an Ideen von Hoffnung und Liebe und versuchten, sich ihr eigenes Schicksal zu weben. Nur wenigen von ihnen viel auf, dass sie sich nicht viel von den anderen unterschieden, dass sich die Muster ihrer Lebensstränge immer wiederholten. Und doch waren sie stetig da, gaben nicht auf, standen auf nachdem sie besiegt worden waren. Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen!

So hatte es ein Mensch einst geschrieben, ein Mensch zwar, der dies im gleichen Atemzug bestritt, aber trotzdem erstaunlich gescheit war. Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt. Auch das hatte dieser Mensch geschrieben. Wie Recht er damit doch lag. Ja, Belial liebte die Menschen, auf eine seltsame, bewundernde Weise, die er sich selber nicht erklären konnte. Er bewunderte, wie sie Tag für Tag lebten, mit dem Wissen, irgendwann sterben zu müssen. Dass ihre Existenz nichtig und unwichtig war. Und doch lebten sie jeden Tag, lebten, liebten und lachten. Etwas, das Belial nicht kannte. Wie auch die Engel waren die Prinzen der Hölle unsterblich, nur eine starke Verwundung konnte sie in den Ort zwischen den Welten verbannen, von wo aus sie ewig brauchten um zurückzukommen.                                                                                              

Nachdem Belial mit seinen Brüdern aus dem Himmel gestürzt war, hatte er erkannt, dass die Engel keineswegs eine ideale Existenz führten. Sie kämpften himmlische Kriege und beobachteten Gottes Schöpfung, geblendet vom Licht ihrer brennenden Schwerter und gefangen in ihrer Arroganz.

Sie werden es niemals verstehen, dachte Belial bitter. Ignorante Engel. Blind vor dem, was vor ihren Augen lag. Blind davor, dass sie eine Existenz erschaffen hatten, begehrenswerter als ihre eigene. Nur schwach waren die Menschen. Unglaublich schwach, selbst die Engelssprösslinge, die Nephilim. Sie bildeten sich etwas darauf ein, dass sie Engelsrunen und Schwerter aus Adamant tragen konnten. Sie hielten sich für mächtig. Aber sie waren schwach, so schwach. Doch auch das machte die Menschen – und, wie Belial widerwillig zugeben musste, die Nephilim – faszinierend. Obwohl sie schwach waren, waren sie stärker als alle Wesen, die Belial kannte. Stärker in ihren Emotionen, in ihrem Lebenswillen. Etwas das einem unsterblichen Geschöpf unvermeidbar abhanden ging.

Und was hatte Belial seine Bewunderung gebracht? Als einziger der Höllenprinzen konnte er nicht in einer physischen Gestalt unter den Menschen wandeln. Seine einzigen Möglichkeiten waren, als Illusion aufzutauchen oder einen Körper in Besitz zu nehmen, was jedoch nie lang hielt.

Heute entschied er sich für die erste Möglichkeit, schickte seinen Geist auf die Reise zur Erde, während seine physische Gestalt in seiner eigenen Welt verblieb. Vielleicht würde er heute ja sogar einen geeigneten Gastkörper finden.

Unter ihm erstreckte sich die Landschaft, sie sah seltsam aus für ihn, wenn auch nicht seltsamer als sonst, aber anders, als wenn er sie durch die Augen eines Gastkörpers erblickte: verzerrt und verwischt am Rande seines Blickfelds. Trotzdem konnte er sehen wie lebendig sie war; über den Städten stieg Rauch in die Luft und die Wolken rasten im Wind. Eine Weile schwebte Belial unsicher über die riesige Landmasse, fragte sich, wohin er gehen sollte. Schließlich entschied er sich für die seiner Meinung nach größte Stadt, sie lag am Rande des Kontinents, wo die blauen Wellen auf das Land trafen. Der Wind trug ihn über Felder, die wie die Bäume grün waren, hier und dort mit Blumen gespickt. Die Wälder rauschten und Vögel tanzten über den Baumkronen, ihre Lieder erfüllten die Luft. Belials schwarzes, verschrumpeltes, unsterbliches Herz schmerzte, vor Sehnsucht und Trauer. Er begehrte das Leben, so sehr, dass es ihn stach wie die Dornen einiger irdischer Pflanzen. Alles war voller Leben, in den überblühenden Bäumen nisteten die Vögel, Tiere raschelten durch den Wald und die Straßen, die in Richtung der großen Stadt führten, waren voller Menschen.                                                                              

Der Höllenprinz bedachte sie mit einem mitleidigen Lächeln, amüsierte sich über ihre Pferdekutschen und seltsamen Werkzeuge. Sie hielten sich für so fortgeschritten, für so schlau. Sie hatten keine Ahnung, sie waren bewundernswert naiv. Das raue Lachen des Dämonenfürsten wurde vom Wind davongetragen, als er sich zur Straße wehen ließ und sein Geist auf dem Dach einer der Kutschen niedersank. Sie ratterte und klapperte über das unebene Pflaster, aber Belial störte das nicht. Ganz im Gegensatz zu den Passagieren der Kutsche, Belial hörte jemanden stöhnen und ließ seinen Geist durch das Kutschendach sinken. Innen war es offensichtlich stickig, die Frau auf der einen Seite der Kutsche wedelte sich mit einem Fächer Luft zu. Sie steckte in einem Kleid, das viel zu eng für sie wirkte, der rosafarbene Stoff quetschte ihren Oberkörper ein und betonte sehr unvorteilhaft ihren ausladenden Busen. Weite Tüllröcke bauschten sich um sie herum auf der Sitzbank, die mit dunkelblauem Stoff gepolstert war. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die abgedunkelten Fenster und fingen sich in den goldenen Fäden, die in das Kleid der Frau eingewirkt waren; sie passten hervorragend zu ihren hellen Haaren, die zu einer beeindruckenden Frisur aufgetürmt waren und ihr blasses, herzförmiges Gesicht betonten. Sie war definitiv eine schöne Frau, wenn auch nicht die schönste, die Belial je gesehen hatte. Wenn er recht überlegte, war er sich gar nicht sicher, wer die schönste Frau war, die er je gesehen hatte. Er kannte Lilith und andere weibliche Dämonen, die wie alle überirdischen Wesen eine naturgegebene Schönheit besaßen. Die Schönheit der Menschen war etwas anderes, bodenständiger. Nicht so unnahbar.                                              

Erinnerungen an eine lange vergangene Zeit überkamen ihn, an eine wunderschöne Frau. Blond, wie diese hier, und mit Augen so funkelnd blau wie das Meer, an dem sie lebte. Er war allerdings nicht der einzige gewesen, den ihre Schönheit gefangen hatte; er erinnerte sich vage an einen Krieg, an zwei verfeindete Heere, die nur wegen einer Frau gekämpft hatten. Später, als besagte Frau schon älter gewesen war, aber immer noch wunderschön und außerdem die Herrscherin über eine Stadt, hatte Belial es nicht länger ausgehalten. Er hatte den Körper der Frau in seinen Besitz genommen und als sie gelebt, eine kurze, wunderbare Zeit. Doch schon nach ein paar Tagen hatte sich ihr Körper unter der immensen Belastung zerstört. Seitdem hatte er nie wieder versucht, einen menschlichen Körper für längere Zeit zu bewohnen. Trotzdem sehnte er sich zurück nach dieser kurzen, lebendigen Zeit. Wenn er nur einen Körper hätte…

Die Frau strich sich eine dicke Strähne aus der Stirn und verärgert verließ Belial die Kutsche; er hasste es, sich an diese Zeit zu erinnern. Es tat ihm weh.

Stattdessen wandte er sich in Richtung der Stadt, die inzwischen um einiges nähergekommen war. Ihre Häuser ragten, soweit Belial das beurteilen konnte, relativ hoch in den Himmel, es rauchte aus vielen Schornsteinen und Menschen strömten von allen Seiten herbei.  Wohin sollte er gehen? Die Welt beobachten konnte er auch von seiner Heimatdimension aus, sein eigentliches Ziel war, einen geeigneten Gastkörper zu finden. Wo wäre das möglich? Am besten wäre wahrscheinlich ein Mann, erwachsen und stark. Er konzentrierte sich und spürte die Präsenz vieler Männer auf einmal, gar nicht so weit entfernt. Gedanklich zog er sich dorthin, die Welt um ihn herum verwischte und im nächsten Moment war er dort.

Am Straßenrand befanden sich zwei Läden direkt nebeneinander, offensichtlich verkauften sie Kleidung. Eine kurze Inspektion verriet ihm, dass der linke Laden das Ziel sein musste; ein Laden für Männerbekleidung. Er schwebte zum Schaufenster und blickte hinein. Tatsächlich waren erstaunlich viele Männer in diesem Laden, einige in Begleitung ihrer Frauen. Sie begutachteten das Angebot des Ladens – welches Belial nicht sonderlich interessierte – unterhielten sich und lachten. Erneut musste Belial den Schmerz, den Neid verdrängen.

Sein Blick wanderte über die Menge, aber niemand schien ihm passend zu sein. Welch eine Enttäuschung.

Er wollte sich schon abwenden, als er ein helles Lachen hörte. Wie Glocken drang es an sein Ohr und erfüllte ihn mit Freude. Verwundert wirbelte er herum und blickte in das Gesicht eines kleinen Mädchens, vielleicht gerade einmal zehn Jahre alt. Sie starrte ihn aus blauen Augen an, ihr Mund stand ungläubig offen; er konnte eine Zahnlücke sehen, die sie sehr jung machte. Er konnte nicht anders als zurückzustarren. Konnte sie ihn sehen? Wie konnte sie ihn sehen?

„Lizzy!“, rief eine andere Stimme und ein weiteres Mädchen kam herbeigerannt. Das angesprochene Mädchen – Lizzy – wandte sich langsam von Belial ab. Perplex folgte er jeder ihrer Bewegungen, als sie das andere Mädchen lächelnd begrüßte. Sie umarmten sich, wobei ihre blonden Haare ineinander fielen, Lizzys nur einen Ton heller als die des anderen Mädchens. Der Höllenprinz sah ihre Augen funkeln wie Sterne, die er manchmal von der Erde aus beobachtete. In seiner Welt gab es keine Sterne, nur die Augen von Dämonen. Doch dieses Mädchen hier leuchtete mehr als alle Dämonenaugen die er je gesehen hatte, ihr breites Lächeln und ihre blauen Augen schimmerten wie ein helles Licht, ein Licht voller Freude und Leben, Liebe und Glück.

„Elizabeth, Harriet, ich habe doch gesagt ihr sollt warten!“ Eine Frau eilte herbei, sie presste ihren Hut auf ihren Kopf und winkte hektisch.

„Harriet, schnell, komm mit“, flüsterte Lizzy dem anderen Mädchen zu. Die beiden wandten sich um und Belial konnte ihnen ansehen, dass sie vorhatten, Schabernack zu treiben. Er kannte es von sich selber. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, das erste seit so langer Zeit, dass es schmerzte.

Die Frau – wahrscheinlich die Mutter – hatte die Mädchen noch nicht erreicht, sie schien jedoch zu wissen, dass sie sich beeilen musste. Gerade als sie ihr Tempo steigerte, lief Harriet los und zog Lizzy mit sich. Diese stoppte jedoch nach ein paar Schritten, direkt vor Belial. Ihr Blick wanderte an ihm hoch und traf seine Augen, die, wie er wusste, leuchtend gelb waren.

„Du bist immer noch da“, hörte er sie flüstern, mit einer Stimme so hell und klar wie die der Vögel. Sie schien keine Angst davor zu haben, dass ein Fremder sie anstarrte, sie schien viel mehr verwundert und neugierig.

„Komm schon, Lizzy“, rief Harriet und zog am Arm des Mädchens, fing aber an zu maulen, als die Mutter sie erreichte und in den Arm nahm. Sie wandte sich zum Gehen und bemerkte, dass Lizzy ihr nicht folgte. Verärgerung zeigte sich auf ihrem Gesicht.

„Elizabeth Moore. Du kommst jetzt her“, sagte sie wütend.

Lizzy starrte immer noch zu ihm hoch, sie schien gar nicht zu bemerken, dass die Mutter zu ihr sprach, sagte, sie würden jetzt den Papa holen und nach Hause fahren. Stattdessen streckte sie eine Hand nach Belial aus, die allerdings durch ihn hindurchfuhr wie durch Luft. Noch immer wich sie nicht zurück und Belial musste zugeben, dass sie mutig war, schließlich musste sie glauben, einen Geist zu sehen.                                                                                                                                                                      

Bewunderung stieg in Belial auf, Bewunderung für das gesamte Wesen dieses kleinen Mädchens. Er spürte keinen Neid mehr, nur noch ein seltsames, warmes Gefühl in seiner Brust. Freundlich kniete er sich nieder und legte seine durchscheinenden Hände auf ihre Schultern. Aus der Nähe konnte er sehen, dass sich in dem Blau ihrer Iris, direkt um die Pupille, ein schmaler grauer Ring zog. Grau, wie die Wolken, wenn sie zu einem Sturm vom Meer her aufzogen. Grau wie die Asche seiner Welt. Er glaubte nicht, jemals so lebendige Augen gesehen zu haben, Augen die funkelten bei jedem Lachen und sich weiteten bei Verwunderung oder Neugier. Er wollte etwas sagen, doch er brachte kein Wort hervor. Noch nie hatte er sich so… bodenständig gefühlt, so hier wie in diesem Moment.

Dann war es vorbei, er spürte einen Zug in seinem Magen und fühlte, wie er zurückgerissen wurde in seine Welt. Seine Hände glitten von den Schultern des Mädchens, seine Gestalt verflüchtigte sich und das gelbe Sonnenlicht wurde zum grau-roten Schein seiner eigenen Welt. Das Letzte, was er sah, waren die blauen Augen des Mädchens und den grauen Ring darin, die schienen wie eigene kleine Sonnen.



„Herr, wann wird es so weit sein?“ Belial schenkte dem vor ihm hockenden Dämon nur einen genervten Blick. Er hatte das Gefühl, dass der Mandikhor in letzter Zeit öfter kam und fragte, anscheinend wurde er ungeduldig.

„Noch nicht, mein treuer Diener“ Der Mandikhor nickte und verschwand, sein Löwenkörper bald nur noch eine Silhouette in der Ferne. Belial fragte sich, ob Dämonen traurig sein können. Da waren einmal zwei von ihnen gewesen, zwei Mandikhor-Dämonen, doch sein Bruder lebte nicht mehr. Belial hatte ihn getötet, mit purer, wutgesteuerter Macht in Fetzen gerissen, nachdem er ihn gestört hatte. Zurückgeholt hatte aus der Welt der Menschen, weggeholt von den Augen des kleinen Mädchens, das ihn angesehen hatte wie eine Kuriosität, etwas, dass ihr Leben noch interessanter und lebenswerter machen würde. Belial selbst hatte sein Leben seitdem in keinster Weise mehr als lebenswert gesehen. Ein Schatten, ein Schatten in einer Schattenwelt. Das war alles, was übrig war. Er hatte sich nicht in der Lage gesehen zurückzukehren, ihm fehlte schier die Kraft dafür. Aber er wollte es, wollte es so sehr. Nur noch einmal in die Augen dieses Mädchens blicken. Nur noch einmal. Die Sehnsucht verzehrte ihn Tag für Tag immer mehr, stahl ihm seine Kraft und seinen Lebenswillen. Er hasste diese Welt inzwischen, die Welt die er sich teuer gegen seinen Bruder Belphegor erkämpft hatte, die er geformt hatte mit seinem eigenen Willen. Doch sein Willen konnte nicht mehr hervorbringen als einen blutigen Mond und verdorrte Bäume, zerstörte Städte und rote Flüsse. Asche und Staub.

Was war das Leben, das unsterbliche Leben, wenn man das was man wollte, nicht haben konnte, wenn das Schicksal es einem verwehrte? Belial verfluchte Gott, die Engel, das Schicksal, den Mandikhor, der ihn zurückgeholt hatte.

Plötzlich hörte er etwas, ein leises Wispern, das zu ihm durchdrang und immer lauter wurde. Nach kurzer Zeit begann er, die Worte zu verstehen:„Ich, Axel Mortmain, der Magister, beschwöre dich, Belial, den gerissensten aller Prinzen der Hölle und Dieb der Welten zu erscheinen und meinen Worten zu gehorchen.“

Belial stieß ein spöttisches Lachen aus. Es war lange her, seit ein Hexenmeister versucht hatte, ihn heraufzubeschwören. Dieser Hexenmeister hatte nie wieder eine Beschwörung sprechen können. Welcher Idiot versuchte, einen Höllenprinzen heraufzubeschwören? Als ob irgendein irdisches Wesen ihn mit ein bisschen Magie in Schach halten könnte. Und dennoch…

Es war ein irdisches Wesen, dass diese Zeilen gesprochen hatte, und die Beschwörung würde ihn auf die Erde ziehen. Ein Hoffnungsschimmer stieg in ihm auf, schwach und doch funkelnd wie die Augen des Mädchens.

Belial suchte nach dem schwachen Ziehen in seiner Magengegend, dort, wo die Beschwörung ansetzte und gab ihm nach. Seine Sicht verschwamm und im nächsten Moment befand er sich in einem kleinen, dunklen Raum. Die Wände waren aus Holz, genauso wie der Boden. Um den Bereich herum, wo er stand, war ein großer Stern auf den Boden gezeichnet – mit einer Substanz, die Belial für Dämonenblut hielt – umgeben von den Runen, die Hexenmeister nutzten und einem Kreis aus Kerzen. Außerhalb der Zeichnung stand ein Mann, klein, mittelalt, mit grauen Koteletten, schmalen Gesichtszügen und hellgrauen Augen in teurer Kleidung. Belial orientierte seine Kleidung an der des Mannes und wählte als seine Erscheinungsform einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann. Nach kurzem Überlegen wählte er grau als Augenfarbe. Nicht, um natürlicher zu erscheinen, sondern weil sie ihn an das kleine Mädchen erinnerte. Der Mann schnappte nach Luft und zückte hastig ein Buch – wahrscheinlich um eine weitere Beschwörung vorzulesen – aber seine Augen wanderten immer wieder zu Belial.

Der Höllenprinz wusste, dass er wunderschön aussah, wie ein himmlisches Wesen, wenn auch ein ehemaliges.

Der Mann begann stotternd vorzulesen, aber Belial winkte gelangweilt ab. Er könnte jederzeit von hier verschwinden, aber es interessierte ihn, warum jemand einen Höllenprinzen heraufbeschwören sollte.

„Was willst du?“, fragte er deshalb.

Der Mann strich sich durch die Haare. Er hatte kein Hexenmal, registrierte Belial. Warum konnte er dann Magie wirken? Er musste zugeben, dass das hier ein interessanter Fall war.

„Ich, Axel Mortmain…“

„Das sagtest du schon.“

„Ich habe ein Angebot für dich.“

Wirklich, äußerst interessant, dachte Belial. Was sollte er ihm schon anbieten können?

„Ein Angebot, dich zu rächen.“

Belial stutzte. Ihm fiel niemand ein, an dem er sich würde rächen wollen. Das mag vielleicht seltsam klingen für einen gefallenen Engel, aber es war so.

„Ich kenne eine Schattenjägerin, die nicht weiß, wer sie ist. Ich biete dir an, sie dir zu zeigen. Unter der Bedingung, dass sie ein Kind von dir bekommt.“ Überrascht hob Belial die Augenbrauen. Das wurde wirklich immer seltsamer.

„Was hältst du davon? Es wäre ein schwerer Schlag für die Nephilim, ein Kind von einem Dämonen und einer Schattenjägerin. Es wäre Rache, deine Rache an Raziel und seiner Schöpfung.“

Belial wusste nicht, warum dieser Mensch dachte, er würde Rachegefühle gegenüber Raziel haben. Klar, er war arrogant wie alle Engel und dasselbe traf auch auf seine Schöpfung zu. Aber Rache? Nein, er hatte sich schon lange an niemandem mehr rächen wollen. Vielleicht abgesehen von diesem dummen Jungen, der damals die wunderschöne Frau entführt, damit einen Krieg ausgelöst und verhindert hatte, dass Belial schon früher von ihr Besitz ergreifen konnte. Ach, und der Mandikhor, als er ihn aus der irdischen Welt gerissen hatte.

Der Mann räusperte sich. „Diese Frau“, sagte er, „sie heißt Elizabeth Moore und wohnt in New York.“

Die Worte trafen Belial wie ein Blitzschlag und er beugte sich vor. „Was hast du gesagt?“, fragte er paralysiert.

„Sie… äh… heißt Elizabeth Moore und…“

Doch Belial war schon weg, mühelos durchbrach seine Geistergestalt den Kreis des Pseudo-Hexenmeisters und die Wand, verließ das Haus, dessen Standort in der Welt ihn nicht interessierte, und zog sich selbst zu ihr.  Elizabeth Moore. Elizabeth Moore. Er wusste nicht, wie es funktionierte, aber er fand sie. Er spürte ihre Präsenz, wie ein wärmendes Feuer, etwas das er eigentlich nie hatte spüren können und von dem er trotzdem wusste, wie es sich anfühlte.

Sein Sichtfeld klärte sich und er stand in derselben Stadt wie vor einigen Jahren, in derselben Straße vor denselben Läden. Pferdekutschen und Wägen ratterten vorbei, Männer, Frauen und Kindern gingen über die Gehwege, Händler riefend durcheinander. Er war umgeben von so viel Leben, aber einmal interessierte es ihn nicht. Er sah nur sie. Sie stand vor dem Geschäft für Männerbekleidung, anscheinend beobachtete sie jemanden drinnen. Sie trug ein blasses, hellgrünes Kleid, das zwar teuer wirkte aber nicht überladen. Über ihrer Schulter lehnte ein Schirm, aus feiner Spitze und glänzendem Metall, aus derselben Farbe wie ihr Kleid. Er hörte sie lachen, und er spürte es in sich wie ein Leuchten, sanft und stetig, kein bisschen anders als vor so vielen Jahren. Sie senkte den Schirm über ihre Schulter hinab und er sah ihr Haar, dass sich in sanften, blonden Wellen über ihren Rücken hinab zu ihrer schmalen Taille ergoss. Es schimmerte im Sonnenlicht wie ein goldener Teppich. Langsam schlich Belial an sie heran, stellte sich neben sie und beobachtete für einen Moment ihre Spiegelung im Schaufenster. Sich selber sah er nicht, aber dafür das schönste, lebendigste Gesicht, dass er je gesehen hatte. Sie war gewachsen, ziemlich groß für eine Frau, aber trotzdem noch zierlich, irgendwie zerbrechlich. Ihr Gesicht oval, mit einer kleinen Nase und großen Augen, die Haut eben und glatt, abgesehen von etwas Erde auf ihrer linken Wange. Sie war vielleicht nicht die schönste aller Frauen – objektiv betrachtet – aber definitiv die lebendigste, die er je gesehen hatte.                                                                                                                                                                                                        

Dann trat er direkt vor sie und blickte in ihre Augen.

Sie war gealtert, hatte ihre Kindlichkeit verloren, ihr spitzbübisches Grinsen und die Zahnlücke, aber ihre Augen funkelten noch immer. Im Gegensatz zu ihm hatte sie ihren Lebenswillen nicht verloren. Ganz im Gegenteil, sie wirkte noch glücklicher, irgendwie zum Positiven verändert.

Und doch… Er stand direkt vor ihr, aber sie zeigte keine Regung. Konnte sie ihn nicht sehen? Er lächelte, versuchte das amüsierte Strahlen ihrer Augen zu erwidern, winkte sogar leicht mit einer Hand. Sie reagierte immer noch nicht. Ein ungutes Gefühl stieg in Belial auf. Sie konnte ihn wirklich nicht sehen. Sie, die einzige, die ihn jemals in seiner Geistergestalt hatte sehen können, sie, die ihn mit ihren funkelnden, scheinenden Augen noch bis in seine Welt begleitet hatte, konnte ihn nicht sehen.

„Nein Richard, diese Farbe steht dir nicht“, rief sie und schüttelte lachend den Kopf, blickte durch Belial hindurch und in den Laden. Belial fuhr herum. In dem Laden stand ein Mann mit braunem Haar und braunen Augen. Er hielt ein albernes, rosa Jackett gegen seinen Oberkörper und lachte ebenfalls. Belials Blick wanderte unwillkürlich zu der rechten Hand des Mannes, an der ein goldener Ring steckte.                                                                                                                                                                            W Furchtsam drehte sich der Höllenprinz herum und blickte hinab auf die Hand des Mädchens –welches kein Mädchen mehr war – das so lange seine Gedanken beherrscht hatte. Auch um ihren Finger lag ein schmaler, goldener Ring. Geschockt blickte er in ihre Augen, die noch immer blau waren, mit einem dünnen grauen Ring, die aber durch ihn hindurchsahen und voller Glück und Freude auf ihren Ehemann blickten. Belial spürte sein Herz, das in diesen letzten paar Sekunden aufgeblüht war und geschienen hatte wie ein Stern, schrumpfen und vertrocknen in seiner Brust. Ein Brennen stieg seine Kehle hinauf, in seinen Kopf und seine Augen. Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und lief seine Wange hinab, sie brannte wie Säure. Er weinte. Er, Der gerissenste aller Prinzen der Hölle, der Dieb der Welten und Meister der Diebe, der Bekämpfer Belphegors, weinte. Eine nach der anderen strömten die Tränen über seine Wangen und brannten Spuren in seine Haut. Er wünschte, er könnte verschwinden, zurückkehren in seine Welt aus Asche und Staub. Aber es ging nicht. Ihr Blick, ihr Blick, der ihn nicht sah, hielt ihn hier, erinnerte ihn an alles, was er nie besessen hatte.

Die Ladentür neben ihm öffnete sich, der Mann aus dem Laden trat herbei und küsste sie sanft auf die Wange.

Elizabeth. Lizzy. Lizzy.

Sie sah so glücklich aus, aber Belial verstand es nicht. Er verstand nicht, wie sie so glücklich sein konnte, wo er sich doch fühlte, als wäre er innerlich zerrissen. Ein Gefühl, registrierte er, dass sehr lebendig war. Ein menschliches Gefühl.

Belials Blick wanderte zu ihrem Ehemann. Er sah stark aus, gut gebaut und gesund. Er zögerte keine Sekunde. Sein Geist drang in den Körper ein, drängte den Geist des Mannes in den Hintergrund und nahm seinen Platz ein. Sofort spürte er ein Brennen, dass ihm zeigte, dass auch dieser Körper es nicht allzu lange durchhalten würde. Aber es war ihm egal. Er sah sie, sah Lizzy, durch die Augen ihres Ehemannes, durch die Augen eines Menschen. Er fühlte, fühlte mit jeder Zelle seines Gastkörpers. Er liebte sie, das wusste er jetzt, hatte es vom ersten Augenblick an getan. Er wollte sie nicht in seinen Besitz nehmen, nicht so wie die schönste aller Frauen damals. Er wollte sie sehen, wollte sie ihr Leben leben sehen, wollte dieses Leben mit ihr leben, wollte sie lieben. Es interessierte ihn nicht, dass sie eine Schattenjägerin war und damit Engelsblut in sich trug.

Der Körper von Richard Gray krümmte sich unter der Belastung des überirdischen Geistes.

Trotzdem lächelte Belial. Ja, er wollte sie lieben. Und wenn auch nur für eine Nacht.
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