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Horrornacht der Höllenzwerge. Zweiter Teil

KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
Glenda Perkins John Sinclair Suko
23.05.2020
23.05.2020
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Zwerge also.
Ich hatte in meiner Funktion als verbeamteter Geisterjäger bereits die eine oder andere, durchaus nicht immer angenehme Begegnung mit Vertretern des kurz geratenen Volks erlebt.
Mit Grausen dachte ich an die Satanszwerge von Sylt oder auch an den Gnom mit den Krallenhänden, der mir noch ziemlich zu Beginn meiner Laufbahn bei Scotland Yard mächtig zugesetzt hatte. Auch die Mörder-Gnome der Diablita und ein Vampir-Gnom hatten mir allerhand abverlangt. Und Gnom war schließlich bloß ein anderes Wort für Zwerg.
Ich hatte aber auch nette Zwerge kennengelernt, in Aibon zum Beispiel. Und ging man einzig nach der Körpergröße beziehungsweise -höhe, war auch Myxin, der große, wenn nicht größte Magier von Atlantis, ein ziemlicher Zwerg.
Für Otto Normalverbraucher gehörten Zwerge indes ins Reich der Märchen. Dort standen sie meist auf der Seite des Guten, so wie Schneewittchens sieben Zwerge oder Zwerg Nase. Doch auch hier gab es schwarze Schafe, das Rumpelstilzchen etwa. Ein neugeborenes Königskind wollte es entführen. Dass Verbrechen sich nicht lohnt, musste dann aber auch das Rumpelstilzchen am eigenen Leib erfahren. In Deutschland, lange noch vor der Gründung von Scotland Yard beziehungsweise BKA.
Bei unserem aktuellen Fall lag die Sache indes ein wenig anders. Vier Tote hatte es gegeben, in einer Kleingartensiedlung ein paar Meilen außerhalb Londons. Von Schnitten und Stichen zerschundene Leichen mit sauber durchschnittener Kehle, ausgeblutet bis auf den letzten Tropfen.
Eins der Opfer, ein Polizeibeamter und daher hundertprozentig glaubwürdig, hatte am Tatort kurz vor seinem gewaltsamen Tod kleine Geschöpfe mit hohem roten Kopfschmuck beobachtet.
In der Kleingartensiedlung wimmelte es von Gartenzwergen. Mit roten Mützen.
Keine Frage: Hier ging irgendwas entschieden nicht mit rechten Dingen zu. Darum waren Suko und ich angereist, um uns in der nächsten Nacht auf die Lauer zu legen und dem unheimlichen, mörderischen Treiben auf den Grund zu gehen. Wir hatten eine der mittlerweile mehrheitlich leerstehenden Blockhütten bezogen, die auf einigen der Gartenparzellen standen.
Die Nacht brach an. Wir schlürften gerade geräuschvoll die Ramen-Nudeln, die Suko auf dem kleinen Ofen zubereitet hatte, als mein Freund und Kollege plötzlich den Blick hob und zur Zimmerdecke hinauf schielte.
Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum. Holztür, Glasfenster, Flachdach aus Teerpappe.
Wir stellten synchron das Schlürfen ein. Lange Reisnudelfäden baumelten aus unseren Mündern.
Schnelle, leise, tappsende Schritte.
Jemand - oder etwas - lief behend über das Dach.
Wer? Was? Ein Tier?
Suko biss die Nudeln durch, die aus seinem Mund hingen. Eigentlich ein No Go in der asiatischen Küche, man musste die Nudeln immer komplett aufsaugen, alles andere galt als unschicklich. Aber erstens waren wir hier weder in Japan noch in China ...
RUMMS!!!
Mit Schmackes knallte etwas hartes, schweres aufs Dach der Hütte. An zwei Fenstern in unterschiedlichen Winkeln glaubte ich, gleichzeitig zwei Schatten vorbeihuschen zu sehen.
... und zweitens klopfte es in genau diesem Moment von außen gegen die Tür der Hütte.

Suko und ich sahen einander an. Suko zog die Augenbrauen hoch. Ich konnte nur nicken.
Es ging los.
Der amerikanische Filmproduzent Michael Bay hat mal gesagt, ein guter Actionfilm beginnt mit einer Explosion, um sich dann langsam zu steigern.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen flog die Tür der Blockhütte aus den Angeln und krachte in den Ofen, der prompt umkippte. Die Ofenklappe sprang auf, und in einem Funkenregen flogen mehrere glühende und brennende Holzscheite heraus.
In der Tür der Hütte standen - etwa kniehoch - drei Zwerge. Blaue Latzhosen, scharlachrote Zipfelmützen. Graumelierte Vollbärte.
Männer mit Bärten waren mir seit jeher suspekt.
Einer trug eine Spitzhacke in den Händen, der andere hielt einen Spaten in den winzigen Wurstfingern. Der dritte, der in der Mitte, hielt ein kleines Schlachterbeil. Er fuhr mit dem Daumen über die Klinge. Grinste blutrünstig. Alle vier Fenster der Hütte barsten klirrend. Die Splitter regneten ins Innere der Hütte.
Dann war die Hölle los.
Die drei Zwerge sprangen vor. Suko und ich reagierten blitzschnell.
Der Zwerg mit dem Spaten flog auf Suko zu, wohl in der Absicht, meinem Partner mit der scharfen Kante des Grabwerkzeugs den Schädel zu spalten. Suko bekam ihn jedoch noch in der Luft am ausgestreckten Arm zu fassen, er packte den Zwerg am Schlafittchen und rammte ihm die hölzernen Essstäbchen, die er noch in der Hand hielt, zielsicher in beide Augen. Der Zwerg schrie und zappelte. Der kleine Spaten durchschnitt sirrend die Luft, das rasiermesserscharfe Blatt nur Millimeter an der Kehle meines Partners vorbei. Suko führte mit den Stäbchen Hebelbewegungen aus, dann riss er die Hand zurück.
Der Zwerg starrte mit leeren, blutigen Augenhöhlen auf seine Augäpfel, die auf den Spitzen von Sukos Essstäbchen staken. Er kreischte und zappelte. Suko warf die Stäbchen weg, bückte sich, griff sich einen der brennenden Holzscheite aus dem Ofen und prügelte damit solange auf den Kopf des Zwergs ein, bis dieser sich nicht mehr rührte.
In der Zwischenzeit hatte mich der Zwerg mit der Spitzhacke attackiert. Ich hatte ihm die Suppenschüssel entgegengeschleudert.
Sukos scharfe Ingwersauce wirkte wie Pfefferspray. Der Wicht kreischte auf, presste die Hände auf die Augen und drehte sich im Kreis.
Ich zückte meine Beretta und verpasste dem geblendeten Hänfling eine Ladung geweihtes Silber. Er fing Feuer und verpuffte zu einer Wolke kalter, grauer Asche.
Durch die geborstenen Fenster drangen derweil weitere Zwerge in die Hütte ein. Suko hatte seine Dämonenpeitsche gezückt. Doch er konnte nur kleine Schläge anbringen, die die anstürmenden Zwerge gerade mal auf Distanz hielten. In der Hütte war es schlicht zu eng, um groß auszuholen.
"Raus hier!", schrie ich und schoss zwei weitere Zwerge über den Haufen. Ich lief auf die Tür zu. Dort stand noch immer der Zwerg mit dem Fleischerbeil. Er grinste fies, die Klinge funkelte im Mondlicht, das von draußen hereinschien. Ich hob im Lauf die Beretta und drückte ab.
Mit einer lässigen Bewegung des Beils lenkte der Zwerg die Kugel ab. Bevor ich überhaupt begriffen hatte, was er getan hatte, war ich bei ihm und beförderte ihn mit einem Tritt aus dem Lauf ins Grün der gegenüberliegenden Gartenparzelle.
Meine aktive Fußballzeit war lang vorbei, aber mit der Aktion hätte ich mich locker beim FC Liverpool bewerben können.

Atemlos standen Suko und ich draußen vor der Hütte auf dem Kiesweg. Der Himmel war klar, Mond und Sterne schienen.
In der ganzen Kleingartensiedlung schien plötzlich Leben zu herrschen. Von überall näherten sich uns kleine Gestalten mit roten Zipfelmützen, die nur ein Ziel kannten: uns zu killen. Und uns ausbluten zu lassen. Wozu und warum und zu welchem Zweck auch immer.
Die Hütte hatte mittlerweile dank des umgekippten Ofens und der brennenden Holzscheite Feuer gefangen und brannte. Zwerge, die durch die kaputten Fenster hineingelangt waren, kamen nun zur Tür wieder hinaus, manche bereits lichterloh in Flammen stehend. Suko und ich hatten leichtes Spiel, sie einen nach dem anderen mit Peitsche und geweihten Silberkugeln unschädlich zu machen. Wann immer ein Zwerg von Peitsche oder Silber getroffen wurde, verpuffte er zu Asche. Keine Frage, hier war pechschwarze Magie im Spiel.
"So viel zum Thema Zwergenaufstand", zischte Suko und ließ die Riemen seiner Peitsche auf eine Gruppe von Zwergen in schwarzen Anzügen herniedergehen. Verdammt! Ich sah eine Miniatur-E-Gitarre durch die Luft fliegen, gefolgt von Snare Drum und Becken. Drei der Zwerge verpufften, der vierte rollte sich im Gras ab, sprang auf die Beine, zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Suko und schrie: "Yoko Ono! Du bist schuld an allem!"
Suko ließ die Peitsche knallen. Der Paul-Zwerg verpuffte. Suko spuckte in die Asche.
"Nimm´s nicht persönlich", sagte ich, während ich ein frisches Magazin in den Handknauf meiner Faustfeuerwaffe schob, durchlud und auf den nächsten Wichtel anlegte. "Linda hatte mit Sicherheit genauso ..."
In dem Moment bemerkte ich das Leuchten.
Es war schemenhaft, man sah es nur, wenn man nicht direkt hinguckte, sondern mehr aus den Augenwinkeln. Es flackerte auch. Es kam aus einer der Nachbarparzellen.
Suko bemerkte meinen Blick. "Das ist das Leuchten, von dem der Streifenpolizist gesprochen hat."
"Gut möglich."
Die Dämonenpeitsche, deren Schlagriemen aus der Haut des Dämons Nyrana gezogen waren, schnalzte wieder und wieder, auf und nieder. Zwerg um Zwerg hauchte sein unheiliges Dasein aus. Aus den Augenwinkeln sah ich eine Art Wabern in der kalten, mondklaren Nachtluft. Wie eine Luftspiegelung in der Wüste Sahara. Ein mörderischer Schlag gegen die Schläfe ließ mich erst taumeln; dann semmelte ich gegen einen hüfthohen Lattenzaun, der eine der Parzellen begrenzte, und kippte vornüber, in ein Radieschen- und Salatbeet.
Dann gingen für mich die Lichter aus.

... Aber gottseidank auch gleich wieder an. Ich rappelte mich auf, schüttelte den Kopf und wischte mir übers Gesicht, um wieder klar im Kopf zu werden.
Ich blickte auf.
Vor mir im Gras stand ein Zwerg aus Gras.
Falsch.
Vor mir im Gras stand der Zwerg aus Glas. Das Gras schien durch den gläsernen Zwerg hindurch. Er hatte somit eine Art perfekte Tarnung, verschmolz quasi mit seiner Umwelt, wie ein Chameleon; oder der Predator in dem Film mit Arnold Schwarzenegger.
Trotzdem sah ich ihn. Er trug ein langes Messer in der Hand. Die gläserne Klinge fing das fahle Mondlicht auf und reflektierte es. Mit langsamen Schritten, ein widerwärtiges Grinsen im gläsernen Gesicht, kam er auf mich zu.
Im Rücken des Zwerges wirbelte ein länglicher Schatten durch die Luft. Ich zeigte dem durchsichtigen Pimpf den ausgestreckten Mittelfinger.
Die drei Riemen der Dämonenpeitsche wickelten sich mit einem trockenen Klatschen um seinen Kopf. Er zerstob zu einer Sprühnebelwolke aus feinstem kristallinen Glasstaub.
"Ich kümmere mich um die Zwerge, John! Kümmer´ du dich um das Leuchten!" Ich sah zu, wie Suko Zwerg um Zwerg vernichtete. Doch das war letztendlich nur Herumdoktern an Symptomen. Suko hatte recht. Wir mussten den Grund und die Ursache für all dies herausfinden und eliminieren. "Das Leuchten, John!"
"Alles klar!"
Ich rappelte mich auf. Drei Parzellen war ich von der sonderbaren Lichterscheinung entfernt.
Obwohl die Zwerge zweifelsohne unter schwarzmagischem Einfluss standen und agierten, hatte mein silbernes Kreuz bisher keinerlei Reaktion gezeigt.
Dieses Kreuz aus geweihtem Silber war die ultimative Waffe des Sohns des Lichts, der ich nun mal schicksalsbedingt war. Vor mir hatte es unter anderem König Salomo und Richard Löwenherz, zweien meiner früheren Inkarnationen, im Kampf gegen die Mächte der Finsternis wertvolle Dienste geleistet. Es stand unter dem Schutz der vier Erzengel, deren Anfangsbuchstaben hinein graviert waren.
Das Kreuz hatte die Angewohnheit, sich zu erwärmen, sobald schwarzmagische oder andere dämonische Phänomene in seine Nähe kamen.
Was die zweifelsohne schwarzmagisch beseelten Killerzwerge anging, hatte es sich diesbezüglich allerdings bis hierher eher zurückhaltend gezeigt.
Das änderte sich jetzt, wo ich auf die Lichterscheinung zuging.
Äußerlich war nichts zu sehen. Die Erscheinung glomm oberhalb eines stinknormalen Rasenstücks. Ein diffuses Licht, halb trüb, mannshoch, aber von keiner bestimmten Form.
Einen Meter davor blieb ich stehen.
Das Kreuz auf meiner Brust heizte plötzlich ein wie ein Heizkissen mit Kurzschluss.
Und dann geschah mal wieder etwas, womit in diesem Augenblick wahrscheinlich keiner, am allerwenigsten ich, gerechnet hätte.

Gerade hatte ich eine weitere Attacke mehrerer mit fiesen Gartenwerkzeugen ausgestatteter Gartenzwerge erfolgreich zurückgeschlagen, wollte mal tief Luft holen und mich wenigstens für einen Sekundenbruchteil regenerieren, da fuhr ich schon wieder alarmiert herum. In diesem Fall sinnlos, denn was mich alarmiert hatte, war lediglich der Klingelton meines Mobiltelefons gewesen.
Ich atmete auf. Blickte mich um zu Suko. Der kam mit der Dämonenpeitsche über die anstürmenden Zwerge, zerfetzte einen nach dem anderen und ließ sie zu kalter, grauer Asche zerbröseln, die die Blumen- und Gemüsebeete düngte.
Vor mir waberte und flimmerte und flackerte weiterhin das kuriose Licht. Die Situation war bizarr genug. Ich nahm das Gespräch entgegen.
"John? Glenda hier. Ich weiß, es ist schon spät, aber ich hab´gerade nochmal in unseren Yard-Akten geblättert. Also recherchiert."
"Hi, Glenda", rief ich in die Sprechmuschel, während ich mir mehrere Zwerge, die mir unter anderem mit Heugabel und Schubkarre zu Leibe rücken wollten, mit gezielten Tritten und Schüssen vom Leibe hielt, "ist gerade ´n eher schlechter Zeitpunkt ..."
"John, hör´ mir zu." Miss Perkins klang dringend.
Ein Latzhosenzwerg sprang mich an, wollte mir mit seinem Mini-Spatenblatt das Schienbein spalten. Ich kickte ihn über den nächstbesten Zaun. "Bin ganz Ohr."
"Der Platz, wo die Kleingartenanlage angelegt wurde, war früher mal ein Friedhof."
Mir schwante was. Wie so häufig nichts Gutes.
Ich griff mir zwei Zwerge, die um meine Beine wuselten. Einer war bemüht, mir die Spitze seiner Spitzhacke in die Wade zu hacken, der andere versuchte sich gerade daran, mir seine Schaufel vors Schienbein zu dreschen. Zwerge mit Spitzhacke oder Schaufel waren offenbar die Standardexemplare. Von ihnen gab es Dutzende.
"Schluss mit dem Unfug!" Ich zeigte auf den Rasen, auf die Stelle, wo die Lichterscheinung emporzuwachsen schien. "Der eine hackt, der andere gräbt. Hopp,hopp!" Mit einer Bewegung der Beretta scheuchte ich die beiden zur Arbeit. "Und kein Zwergenaufstand! Sonst ..."
Ich ließ den Satz bewusst unvollendet. Murrend begannen die Zipfelmützen, den Boden zu lockern und auszuheben.
"Sorry, Glenda. Bin wieder bei dir."
"Sag´ mal, John, was ist denn da los bei euch?"
"Nichts. Friedhof - und weiter?"
"Ach ja. Aber kein gewöhnlicher Friedhof, sondern - Achtung - ein Druidenfriedhof."
"Druidenfriedhof ..." Einer der Zwerge, die ich zum Buddeln abbestellt hatte, ließ die Arbeit schleifen. Ein gezielter Tritt in den Hintern schuf Abhilfe.
"... Heißt was?"
Ich konnte praktisch hören, wie sie die Achseln zuckte. "Keine Ahnung. Ich dachte, das hilft euch vielleicht weiter."
Hm.
Na ja.
"Bestimmt. Danke, Glenda. Okay. Wir machen dann hier mal weiter."
"Sicher."

Suko trat zu mir. Sah mich an. Fünfzehn Minuten zuvor hatten wir noch friedlich miteinander Ramen-Nudeln geschlürft. Mit frischem Ingwer.
Das schien uns eine Ewigkeit her zu sein.
Mein Partner und ich nickten einander zu. Stumm wie zwei Menschen, die einander auch ohne Worte verstehen. Dann blickten wir hinab in das Loch, das die Zwerge gegraben hatten.
Total erschöpft lagen sie neben der Grube. Hechelnd, klatschnass geschwitzt, bis in die Latzhosen.
Gut so. Dann machten sie wenigstens keinen Blödsinn mehr.
Meine Waden und Schienbeine waren für heute genug strapaziert.
War das eine Erscheinung? Oder ein wirkliches Wesen? Es flimmerte in der Luft, hatte die Gestalt einer jungen Frau. Lange rote Haare. Ihr Körper war in lange, grünblättrige Ranken gehüllt. Sie erinnerte mich an Poison Ivy aus den Batman-Comics.
"Kein Druide", flüsterte Suko. "Eine Druidin."
Sie schwebte empor, bis sie mit mir und meinem Partner auf Augenhöhe war.
In meinem Rücken erklang ein ehrfürchtiges Murmeln. Ich blickte über die Schulter. Hinter mir und Suko standen gut zwei Dutzend Zwerge. Aber sie attackierten uns nicht mehr. Stattdessen waren ihre Blicke auf die Astralerscheinung der Druidin gerichtet. Sie schienen wie hypnotisiert.
"Ihr!"
Ich blickte wieder nach vorn. Die halbtransparente, in der Nachtluft wabernde Gestalt zeigte mit dem ausgestreckten Finger abwechselnd auf mich und meinen Partner.
"Ihr wagt es ..!"
Das also war des Pudels Kern. Der untote Geist einer Druidin. Und Blut. Viel Blut. Menschenblut. Jetzt wusste ich, wo der sprichwörtliche Hase lief. Und baldigst begraben sein würde. Ich sah Suko an. Der Inspektor nickte nur.
"Man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute."
Poison Ivy fletschte die Zähne. Es tat mir in der Seele weh. Poison Ivy hatte immer zu meinen Lieblingscharakteren in den DC-Comics gehört. Man wusste nie, ob sie jetzt was mit Harley Quinn hatte oder ob die beiden bloß gute Freundinnen waren.
Egal, zumindest hier und jetzt.
Klar war: Der Geist der Druidin hatte die Zwerge animiert, hatte sie losgeschickt, ihr Menschenblut zu bringen, höchstwahrscheinlich, um ihr so eine Rückkehr ins Leben zu ermöglichen. Wie auch immer im Detail. Was das anging, war die andere Seite von je her außerordentlich kreativ und erfinderisch. Und würde es in Zukunft wohl auch bleiben.
Daher die ausgebluteten Leichen. Nur -
Wer - ?
Der Geist der Druidin schwebte vor Suko und mir, die Zähne gefletscht, bereit, uns synchron zu zerfleischen.
Längst lag meine Hand auf dem Kreuz, das an einer Kette um den Hals auf meiner Brust lag. Diese Horrornacht der Höllenzwerge musste hier und jetzt ein Ende haben.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Partner abermals die drei Riemen aus der Haut des Dämons Nyrana aus dem Handgriff seiner Dämonenpeitsche gleiten ließ.
Ein gutturales Grunzen sorgte dafür, dass ich mich trotz alldem langsam umdrehte.
Da stand er vor mir.
Der Zwerg mit dem Hackbeil, den ich gerade mal wenige Minuten zuvor aus der Hüttentür gekickt hatte.
Wer hat den bedauernswerten Opfern aber die Kehlen durchgeschnitten?, hatte ich fragen wollen.
Die Antwort stand vor mir. Sie ließ den Daumen über die Schneide des Beils gleiten. Grinste. Die Augen funkelten ...

"... blutrot."
"Au backe." Glenda vergaß beinah das Tippen. Es war Montag morgen, ich diktierte ihr den Bericht zum Zwergenfall, offiziell gemäß Aktenzeichen Operation Kleingarten.
"Im weiteren Verlauf gelang es Inspektor Suko dann doch entgegen aller Widrigkeiten, den Hackebeilzwerg mit der Dämonenpeitsche unschädlich zu machen."
Ich hatte daraufhin mein Kreuz aktiviert, dessen weißer Magie die untote Druidin nichts entgegenzusetzen hatte.

"Au backe."
Commissioner James Bond hatte sich die Mütze in den Nacken geschoben und sich ausgiebig am Kopf gekratzt. Die Kleingartensiedlung war übersäht von Gartenzwergen, die alle geschmolzen schienen. Und das waren sie auch. Als bunte Plastikflecken lagen sie überall herum, wie unförmige Frisbeescheiben nach einem Kindergeburtstag.
"Ich hatte gar nicht gewusst, dass es hier so viele von denen gibt."
"Wer ahnt auch schon was böses bei so niedlichen kleinen Kerlchen." Ich klopfte ihm kollegial die Schulter.
"Tja." James Bond blickte ratlos. "Wer macht so was?"


ENDE.

 
 
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