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Horrornacht der Höllenzwerge. Erster Teil

KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
John Sinclair Suko
23.05.2020
23.05.2020
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Gartenzwerge. Jeder kennt sie, jeder liebt sie. Nicht nur in good old Germany, auch hier bei uns in England. Kinder spielen mit ihnen, Frauen schmücken sie mit Blumen, Männer lassen sich stolz mit ihnen fotografieren. Neben Katzen- und Hundebabys sind sie der Renner im Internet. Es gibt sie in allen Farben und Variationen, mit Spitzhacke, Schaufel, Schubkarre oder Laterne in den Händen. Für Scherzbolde gibt es sie auch mit einem Brett vorm Kopf oder splitterfasernackt. Und wer es makaber mag, für den gibt es sogar Zwerge, die tot auf dem Bauch liegen, mit einem blutigen Messer im Rücken ...


Superintendent Sir James Powell klappte die Akte zu und schob sie zu uns rüber. "Ich habe die Behörden vor Ort bereits informiert, dass Sie unterwegs sind."
Suko rollte die Augen und nölte. "Schon wieder raus aufs Land ..?"
Powell grinste. "Ersparen Sie mir den Zwergenaufstand, meine Herren. Sie haben hiermit einen dienstlichen Auftrag. Worauf warten Sie?" Er klatschte in die Hände. "Hopp, hopp!"

Die Kleingartensiedlung Seven Dwarfs lag ein paar Meilen außerhalb Londons, am Rande einer - na ja - beschaulichen Vorstadt. Gartenbegeisterte Städter hatten hier kleine, umzäunte Parzellen angemietet oder gekauft, Beete darin angelegt und zogen Zierblumen, Obst oder Gemüse. Auf jeder Parzelle gab es zumindest einen kleinen Geräteschuppen, häufig sogar kleine Blockhütten, Miniatur-Ferienhäuschen, in denen die Besitzer am Wochenende wohnen und übernachten konnten.
Nun hatte es in der Siedlung vier Tote gegeben, in drei Nächten. Vor drei Nächten als Erste ein junges Pärchen, Parzellenbesitzer, die dort übernachtet hatten; dann, in der folgenden Nacht, ein Obdachloser, der wohl Obst oder Gemüse klauen wollte; und zuletzt ein Polizeibeamter auf nächtlicher Streife, der kurz vor seinem Tod mit seiner Frau telefoniert und das Gespräch beendet hatte mit der Bemerkung, er sei bei der Kleingartensiedlung, dort leuchte ein seltsames Licht, und seltsame kleine Tiere huschten umher. Warum der Beamte nicht seinen Kollegen informierte, mit dem er nach den vorangegangenen Morden extra zur Bewachung der Gartensiedlung in deren Nähe patrouillierte, sondern allein die Siedlung aufsuchte, ist unbekannt. Am nächsten Tag - also heute - in aller Früh wurde jedoch seine Leiche gefunden, in einem Beet, gebettet auf Rhabarberblättern, umgeben von Tomatenstauden und Kürbisranken. Die Todesursache - da musste der Pathologe nicht groß seine Kunst bemühen - war die gleiche wie bei den drei Opfern zuvor: ein glatter, sauberer Kehlenschnitt, von Ohrläppchen zu Ohrläppchen, so tief, dass man weit hinten in der klaffenden Wunde die Wirbelsäulenglieder blass schimmern sah.
Auffällig war außerdem, das alle Opfer zahlreiche kleine bis winzige Hämatome, Kratz-, Stich- und Schnittwunden aufwiesen, die allesamt ante mortem entstanden sein mussten.
Das allein wäre noch kein Anlass gewesen, unsere Abteilung bei Scotland Yard hinzuzuziehen.
Die Leichen wiesen jedoch noch eine weitere Gemeinsamkeit auf.
Sie waren allesamt ausgeblutet bis auf den letzten Tropfen.

"Kann genauso gut ein stinknormaler perverser Serienkiller sein", raunzte Suko, als wir auf der Schnellstraße die große Stadt hinter uns ließen. "Weiß, männlich, Anfang dreißig, wohnt noch bei seiner ..."
"Kann", gab ich zu bedenken. "Muss aber nicht."
"Trinkt gern Blut. Denk´ an Albert Fish." Suko hupte einen Viehtransport zur Seite und trat das Gaspedal durch. "Denk´ an Ed Gein. Denk´ an Richard Trenton Chase."
"Geschenkt." Ich schaltete das Autoradio ein. David Bowie sang The Laughing Gnome. Eines seiner Frühwerke. Bowie war in Great Britain ein Nationalheiligtum, so wie Mozart in Austria. Suko und ich lauschten andächtig. Ein witziger Popsong, der zum Lachen reizte. So was gibt´s heutzutage kaum noch.
"Denk´ an Justine Cavallo", sagte ich, als Bowie ausklang und ein politischer Kommentator sich über den Brexit und die neue EU-Kommissionspräsidentin ausließ. "Die trinkt auch gern Blut."

"Bond. James Bond." Commissioner Bond hieß tatsächlich genauso wie unser Kino-Kollege und machte sich einen Jux daraus, sich auch wie dieser vorzustellen. "Als meine Eltern mich so nannten, gab´s die Filme ja noch nicht." Das passte, ich schätzte ihn auf sechzig Lenze.
Suko winkte ab. "Was sollen all die jungen Männer sagen, die jetzt Kevin heißen?"
James Bond zwinkerte.
Wir standen mitten in der Kleingartensiedlung auf einem der schmalen Kieswege, an denen die einzelnen Parzellen aufgereiht lagen. Wir hatten uns die Fundorte der Mordopfer zeigen lassen. Der Erkenntnisgewinn hielt sich in engen Grenzen. James Bond winkte in Richtung einer Parzelle. "Da ist Misses Lippman."
Misses Lipman schloss gerade die Tür des Mini-Blockhauses auf ihrer Parzelle ab. In den Beeten zu beiden Seiten blühten Rosen, Veilchen, Orchideen und Hyazinthen. Auf dem kleinen Rasen dazwischen lag ein Stapel zusammengeklappter Klappstühle, die mit einer schweren Kette an den hüfthohen Holzzaun ringsum gekettet waren. Wohl zur Vorbeugung von Diebstahl. So viel zur ländlichen Beschaulichkeit.
"James!" Misses Lipman trat auf den Kiesweg. "Oh, James, ich hab´ nur den Strom abgestellt und den Kühlschrank ausgeräumt. George und ich werden die Parzelle verkaufen."
Bond zuckte die Achseln. "Ist wohl ihre Entscheidung."
"Tja." Sie sah uns an. "Ich geh´ dann mal." Sie ging. Wir sahen ihr nach.

"Und Sie wollen wirklich die Nacht hier verbringen?" Bonds Augenbrauen formten ein Giebeldach. "Ich meine ..."
"Sie meinen", sagte ich, "dass, wenn wir heute die Nacht hier verbringen, die andere Seite ihre nächsten Opfer praktisch auf dem Serviertablett vorgesetzt bekommt. Während - wenn die Siedlung kommende Nacht völlig verlassen bleibt - es logischerweise auch keine neuen Opfer geben kann."
Bond nickte. "Ist ja wohl kaum von der Hand zu weisen."
"Schon", nahm Suko den Faden auf, "Andersherum sollen der oder die Mörder aber auch nicht ungeschoren davonkommen, oder? Und welch bessere Gelegenheit bietet sich uns, ihrer habhaft zu werden, als uns praktisch - wie Sie sagen: auf dem Serviertablett - als die nächsten Opfer anzubieten?"
Bond sah uns an. "Das mit dem Tablett haben Sie ..."
"Wir haben Waffen", sagte ich fest. "Wir können uns wehren. Was immer es ist."
"Ja", sagte Bond, sah sich um, nahm die Mütze vom Kopf und kratzte sich den ergrauten Scheitel. "Was immer es ist."

Was Suko und mir zuerst aufgefallen war, nachdem wir die Kleingartensiedlung betreten hatten: Es gab hier unzählige Gartenzwerge. Praktisch in jedem Beet standen welche, auf jedem noch so kleinen Rasenstück, auch auf manchem Fenstersims.
Da gab es große, kleine, dicke und weniger dicke Zwerge, Zwerge mit Bart und ohne, mit Zipfelmützen in allen Farben. Sogar einen, der eine Sonnenbrille trug. Einen anderen, der eine dicke Zigarre rauchte. Es gab eine Zwergenfrau mit weißer Schürze und auch einen dunkelhäutigen Zwerg und einen mit asiatischen Gesichtszügen.
Suko schüttelte nur schweigend den Kopf.
Die meisten Zwerge waren aus Kunststoff, es gab jedoch auch geschnitzte Zwerge aus Holz, Zwerge aus Keramik und Porzellan, ja sogar einen aus durchsichtigem Glas, der halb versteckt zwischen den Hortensien in einem Beet stand und den man deswegen erst sah, wenn man genau hinschaute.
Das bizarrste, was wir sahen, war eine Gruppe aus vier Zwergen, die zwar ebenfalls Zipfelmützen trugen, deren Pilzkopfhaarschnitte darunter jedoch trotzdem klar erkennbar waren. Und die Gesichter sowieso. Die Beatles als Gartenzwerge. John und George mit Gitarren, Paul mit dem Bass, Ringo hinter einem kleinen Schlagzeug. Ich spürte einen tiefen Stich im Herzen. Suko grinste, bemerkte meinen Blick und schüttelte schweigend den Kopf.
Wir bezogen die Blockhütte auf der Parzelle des Pärchens, mit dem die Mordserie begonnen hatte. Ein Raum, vier mal vier Meter Grundfläche, mit einem Doppelbett darin, einem Tisch und zwei Stühlen und einem antiken Kanonenofen, dessen Abzugrohr durchs Dach stieß. Der Ofen diente zum Heizen und als Herd.
An den Fenstern hingen Spitzengardinchen. An der Wand überm Fußende des Bettes hing ein gerahmtes Porträt von Prince Charles.
"Beschaulich", attestierte Suko. "Man kriegt richtig Lust."
"Oha", sagte ich. "So einer bist du?"
"Mist. Ertappt."
"Weiß Shao davon?"
"Wo denkst du hin?"

Abenddämmerung. Der Ofen bollerte, Suko hatte uns einen Topf Ramen-Nudeln gekocht, gepimpt mit frischem Gemüse und Kräutern, die wir in diversen Beeten der Nachbarparzellen gefunden hatten. Tagsüber waren noch einige Parzellenmieter und -besitzerinnen erschienen, um final klar Schiff zu machen. Die Mieter hatten die Verträge gekündigt, die Besitzerinnen Verkaufsanzeigen inseriert. Nach den furchtbaren Morden der vergangenen Nächte war die Kleingartensiedlung praktisch verwaist. Suko und mir und unserem Plan, die Sache möglichst ohne weitere Opfer aufzuklären, kam das nur zugute. Es gab sogar frischen Ingwer. Den hatte jemand in einem puppenhausgroßen Miniatur-Glasgewächshaus gezogen.
Ich schlürfte eine geschätzt drei Yards lange Reisnudel in den Mund. "Der Streifenpolizist - wie hieß er noch gleich?"
"Constable Craig."
"Constable Craig hat seiner Frau gegenüber am Telefon was von einem seltsamen Leuchten und kleinen Tieren erwähnt, die er beobachtet haben will."
Suko stocherte mit seinen Essstäbchen in seiner Suppenschüssel herum. "Und gemutmaßt, dass es sich bei den Tieren um Hühner handelte. Weil sie alle eine Art roten Kamm auf dem Kopf trugen."
"Mit dem kleinen Denkfehler, dass es hier weit und breit keine Hühner gibt", sagte ich.
"Jedoch reichlich kleine Kerlchen mit so was wie einem roten Kamm auf dem Kopf ...", sagte Suko.
"... In Form einer Zipfelmütze", vollendete ich unseren gemeinsamen Gedankengang.
Die Tür der Hütte hatten wir geschlossen, weil wir die Ofenwärme drin halten wollten. Nachts wurde es hier draußen auf dem Land doch recht kühl.
Die Tür war zu.
Es wurde angeklopft. Von draußen. Suko und ich sahen einander an.
Dann brach mal wieder die Hölle los.


Ende des ersten Teils

 
 
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