Es gibt das Leben uns nie mehr zurück. Was wir verpassen im rechten Augenblick.

GeschichteAllgemein / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
23.05.2020
23.05.2020
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"Es gibt das Leben uns nie mehr zurück. Was wir verpassen im rechten Augenblick."

Eine alte Bauernweisheit, welche Anja sich zu Herzen nahm - die sie sich bei ihrem Beruf zu Herzen nehmen musste.

Das gleichmäßige Schaukeln der bunten Hängematte entspannte die Ärztin und ließ sie zur Ruhe kommen. Ihre Gedanken drifteten an diesem lauen Sommerabend immer wieder ab. Der heutige Arbeitstag nagte an ihr. Ihre ganz persönliche psychische Belastungsgrenze war erreicht.
Der Fall heute war körperlich, aber vorallem emotional, eine Ausnahmesituation. Natürlich war sie es gewöhnt Leichen zu sezieren. Aber das heute, das belastete sie - vorallem geistig.

Ihr, als Pathologin, ging die Arbeit ja nie aus. Leichen zu obduzieren, das war ihr Job. Dafür hatte sie sich damals im Studium entschieden.

Das Leben war endlich. Diese Tatsache merkte sie Tag für Tag.

Am Schlimmsten waren jedoch für sie die Tage, an denen ein junger Mensch vor ihr auf dem Seziertisch lag. So wie heute. Sie konnte in diesen Momenten nicht gefühlskalt sein. Sich sachlich und ohne jegliche Emotion an die Sezierung machen. Kalt sein und ihre privaten Empfindungen und Emotionen keinen Raum geben.

Sie wusste, dass es falsch war, in diesen Augenblicken ihren Gefühlen Gedanken zu geben. Diese jungen Menschen hatten doch noch so viel vor. Sie hatten so viele Träume und Sehnsüchte. Ihr ganzes Leben lag quasi noch vor ihnen. Aber genau solche Menschen wurden unvermittelt und plötzlich aus ihren Leben gerissen. Einfach so. Von der einen auf die andere Sekunde. Von jetzt auf gleich. Meist ohne Vorwarnung.

"Da bist du ja, Schatz.", begrüßte Hubsi seine Frau und riss sie dadurch aus ihren Gedankenkarusell.

Kurze Zeit später drückte er ihr einen dicken Schmatzer auf die Lippen. "Servus, Hubsi", wisperte Anja nur und zog ihn nochmals an seinem Hemdkragen zu sich.

"Legst du dich bitte zu mir...?", raunte sie leise, nachdem sie sich von ihm löste. Mit großen Augen blickte sie in seine Blauen und hielt seine Hand ganz fest in ihrer.

"Na freilich, mein Schatz..."

"Dir geht der kleine Bua auch nird ausm Kopf, oder?", raunte der Polizist kurze Zeit später an ihre Haare.

Fest aneinander gekuschelt lagen sie in der Hängematte und gaben dem jeweils anderen, allein mit der bloßen Anwesenheit, Sicherheit. Ganz zaghaft nickte die Frau an Hubsis Oberkörper. "Mhmm... ", unterstützte sie ihre Geste.

"Das ist doch grauenhaft... Allein die Vorstellung, dass dir dei Kind unter den Armen wegstirbt....", wisperte Anja und sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Tränen, welche sich schon den ganzen Tag in ihren Augen gestaut hatten. Sie fühlte die gleichmäßige Berührung über ihren Rücken und in diesem Augenblick konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Die Tränen wanderten ungehalten über ihre Wangen und sie schluchzte auf.

"Wieso?! Wieso, Franz? Der Bua war Acht.", stieß sie erstickt aus.

Immer wieder sah sie das blasse Gesicht vor Augen. Diese friedliche Art, mit welcher der Junge vor ihr auf dem Tisch lag. Sie hätte fast behauptet er würde nur kurz schlafen. Seine geschlossenen Augen hätten sich auch im nächsten Augenblick wieder öffnen können. Das Kind wäre aufgesprungen und er hätte wieder herumtollen können, wie das eben 8-jähriger Jungs so machten. Aber nein, er war tot. Sein Herz schlug nicht mehr. Der Junge musste einfach viel zu früh gehen, da war sich nicht nur Anja sicher. Auch Hubert blickte starr vor sich hin. So ganz konnte er selbst noch nicht verstehen, was da heute passiert war. Seine Hand ruhte währenddessen auf ihrem Rücken und sein T-shirt war mittlerweile durchnässt von Anjas Tränen, die noch immer unentwegt lautlos flossen.

"Stell dir das mal vor?! Mit acht hatte ich ganz andere Probleme! UND... ", stockte die Pathologin.

"Und was, Anja?"

"Und.... Und der Schmerz der Eltern.... Dein Kind stirbt und des in deinen Armen.", schluchzte sie auf.

"Hey, Anja...", versuchte Franz ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

"Schatz, schau mich mal bitte an...", sagte der Polizist und legte seine Hand unter ihr Kinn, damit sie ihm in die Augen blicken musste.

"Des da heute... Des war a ganz a blöder Unfall. Mir alle hätten des nird verhindern können... Weißt du, Liebling ... Des is vermutlich des verdammte Schicksal, des jeder Mensch hod und weißt du was? Ich bin verdammt froh, dass es uns grad so gut geht.", sagte der Polizist mit Nachdruck.

Sein Blick war von ihre brauen Augen gefangen, die tränennass schimmerten. Ein kurzer Schluchzer von Anja holte ihn wieder zurück in die Wirklichkeit.


"Schhh, alles ist gut. Ich bin ja da.", versuchte er Anja zu beruhigen.

Die Tränen rannten wieder vermehrt über ihr Wangen. Sein Herz schmerzte, beim Anblick seiner Frau. Er würde ihr so gern, alles abnehmen.

Er wusste, dass er nun stark sein musste. Stark sein, für zwei. Flüchtig drückte er ihr einen kurzen Kuss auf den Mundwinkel und entlockte Anja damit ein zögerliches Lächeln.

"Danke, dass du mich aushältst."

"Ich wüsst' nird, was ich ohne dich machen würd', Anja...Lass uns deswegen, egal wie sehr uns des belastet, nimmer länger drüber nachdenken. Wir sollten des Leben genießen... Wir leben.. . Wir sind zusammen... Ich lieb di, und mehr brauchn wir zwei nird.", sagte Franz und wurde mir jedem Wort, welches er sprach, leiser.

Zärtlich wischte er ihr die lautlosen Tränen mit seinem Daumen von den Wangen, zog ihre Kinn zu sich und legte anschließend ganz sachte seine Lippen auf ihre. Gefühlvoll verharrten sie und genossen diese Sekunden. Sie genossen dem anderen so nahe und gleichzeitig verbunden zu sein.

"Ich liebe dich, Franz.", sagte die Ärztin, während sie sich ganz dicht an den Brustkorb ihres Mannes kuschelte und umfasste seinen Körper. Gleichzeitig genoss sie die sanfte Berührung auf ihrem Rücken. Seine bloße Anwesenheit beruhigte sie schon ungemein.

Er hatte recht. Im Endeffekt hatte er wirklich in allem recht. Sie sollten das Leben, solange es ihnen gegönnt wäre, genießen. Mit jedem Atemzug sollten sie dankbar sein, dass sie sich hatten - sich liebten.

Jede Sekunde war kostbar.
Leben, war kostbar. Man sollte es genießen. Sein gleichmäßiger Herzschlag holte Anja weiter runter und sein unvergleichlicher Duft, welchen sie mit jedem Atemzug aufsog, brachte sie nun endgültig zur Ruhe.

Ja, das heute war Schicksal.
Schicksal, wie die Begegnung von ihr und Hubsi Schicksal war. Sie musste zugeben, das Leben meinte es momentan verdammt gut mit ihr.

- ENDE -