Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

ZOE - DAS LEBEN DES SCHATTEN [BAND I]

von VAPIID
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18 / Mix
23.05.2020
14.04.2021
13
246.215
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
07.06.2020 13.441
 
Laufen lernen und vogelfrei sein

Nun könnte man meinen, dass ich seit meiner offiziellen – wie ich sie nenne 'Wiedergeburt', an jenem verschneiten 11.Dezember, sofort diese 'erbarmungslose Killermaschine' darstellte, für die mich alle Welt später halten würde. Und ja. So war es auch. Ungelogen. Also wirklich. Am darauffolgenden Tag, tötete der unfehlbare, elegante und unbesiegbare Schatten – die lebende Legende höchst persönlich – völlig unbemerkt und eigenhändig ganz Dunshaw. Am nächsten Tag alle darüber hinaus. Die – welche doch übrig blieben – hatten Respekt vor mir; erzitterten alleine schon beim Gedanken an mich und-
Naja, ganz so war es dann doch nicht. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich gehörige Starthilfe gebraucht, ohne die ich höchst wahrscheinlich schon in den ersten paar Tagen nach dem Brand verreckt wäre. Der Adrenalinschub und die damit verbundene, 'leicht verzerrte Selbstwahrnehmung', hatte schnell nachgelassen und ließ die Realität ungefiltert auf mich hereinbrechen. Ich hatte meine Eltern getötet. Ich hatte nichts und niemanden. Wurde als Mörder gefahndet. Spürhunde waren mir höchst wahrscheinlich ebenso schon auf den Fersen. Ich war fünfzehn und wie so gut alle Teenager in diesem Alter, ziemlich dämlich. Ich hatte als geistig und körperlich verkrüppelter Hinterwäldler absolut keine Ahnung, wie die Welt funktionierte – egal wie sehr ich es mir auch einbilden wollte – und lief die meiste Zeit nach dem Unglück eher wie ein aufgescheuchtes Huhn in irgendeinem angrenzenden Waldstück hin und her und hyperventilierte mit verheulten Augen, wie ein Asthmatiker, dem man seinen Inhalator gestohlen hatte. Kurz gesagt; ich war ein Wrack. Stellte in meinem Zustand eher eine Bedrohung für mich selbst, als für irgendjemand anderen dar. Es war ein Trauerspiel. Ich hatte nicht mal ein bisschen Geld um mir essen zu kaufen und war auch nicht mehr in der Lage in die Stadt zu gehen, in der ich am Vortag noch in einer ganz anderen Phase meines Lebens festhängend, gebettelt hatte. Mein Magen knurrte und ich war kurz vorm verdursten. Das viele Schreien und die brennende Luft hatten mich komplett ausgetrocknet. Und Besserung dieses Zustandes schien auch nicht in Sicht. So viel zu unüberlegtem, spontanem Handeln. Immerhin war mein gesamter Körper überseht von Ruß und ich stank nach Benzin, Blut und verbranntem Holz. Da hätte ich mich schon gleich freiwillig der Polizei ausliefern können; beim Versuch einen Fuß nach Dunshaw und Umgebung zu setzten. Alles wimmelte nur so von Bullen. Jeder der mich so sah, hätte sofort gewusst was los war und mich an sie verpfiffen; spätestens, wenn er oder sie die Blutflecken an meinem dreckigen Hemd oder an der zerfledderten Jeans bemerkte. Nun gut, fast jeder. Ganz verloren war ich nicht. Wiedermal musste ich feststellen, dass das Schicksal andere Pläne für mich hatte. Dass ich vielleicht auch diesmal mehr Glück hatte, als ich zu diesem Zeitpunkt verdiente-

''Waldbrand von Dunshaw nun fünf Jahre her. Täter immer noch nicht gefasst. Hunderte Opfer folgten und fielen dem Mörder – der seither als Schatten bekannt ist – zum Opfer. Und trotzdem sinkt die Kriminalitätsrate immer weiter! Was. Ist. Da. Los? Das fragen sich auch die Bürger, die mit der polizeilichen Arbeit hinter dem Fall unzufrieden sind und heute morgen – am 10. Dezember 2000 – Aufmärsche an Polizeiwachen in ganz Louisiana und darüber hinaus starteten. Vor allem zwischen Dunshaw und Venwood – den am meisten betroffenen Städten – kam es heute morgen gegen acht Uhr, zu nicht gewaltfreien Protesten gegen die Regierung. Die örtlichen Polizeiwachen halten derzeit hinter verschlossenen Türen Konferenzen ab und bitten nach wie vor, diesen Gedenktag in Frieden zu-''
''Argh, sei doch still...''
''Ende zu bringen. Das war ihr morgendlicher Bericht auf Local24/7 – der schnellsten Berichterstattung zwischen den Frequenzen. Wir bleiben an der Sache-''
''Halt's Maul!''
''Dran. Gleich geht es weiter mit der schaudererregenden Schlagzeile aus Insgate, Michigan und näheren Details zu der Tat vor drei Tagen. Aber zuerst zum Wetter-''
Und schon steckte das im Liegen geworfene Messer im kleinen, rötlichen Radio, welches nun 'leicht beschädigt' an seinem Riemen vom Ast baumelte, an den ich es in der vorigen Nacht hingehängt hatte. Ich sollte mich eventuell daran gewöhnen es auszuschalten, bevor ich schlafen gehe. Obwohl mich die Stimmen von anderen Dingen ablenkten – manchmal sogar informierten – war es das Erwachen zum früh-morgendlichen Dünnsinn einfach nicht wert. Aber nun war ich wach. Wie immer hatte ich dank der üblichen Albträume kaum geschlafen. Die Mittagssonne schien mir bereits auf dem Gesicht, als ich darüber nachdachte, was gerade gesagt wurde.
''Ich-'' Bevor ich meinen endgültigen Statusbericht abgeben konnte, klingelte mein Handy. Die Augen verdrehend, griff ich es aus dem Mantel und nahm ab; hielt das Gerät mit Absicht etwas weiter von meinem Ohr weg, um den erwarteten Gehörschäden entgegen zu wirken.
''Du hast Geburtstag Zoe!!! Wie alt bist du noch mal Baker? Ahh, zwanzig. Ja man, ich habe es nicht vergessen. Es kommt mir wie gestern vor, dass du in mein Leben gestolpert bist. Und jetzt schau dich an. Du bist der Schatten man!''
''Wirklich? Hatte ich gar nicht bemerkt... Könntest du aufhören – ohne dass ich zuerst bestätige, dass ich am Hörer bin – meinen vollständigen Namen mit dem Wort 'Schatten' in Verbindung zu bringen? Die Bullen würden sich zu sehr freuen. Dankeschön.'', meinte ich trocken; schaute mit genervten Blick zum nächsten Baum, ''Oh. Und ich brauche ein neues Radio. Dein Mistteil hat den Geist aufgegeben. Schon wieder. Ich weiß auch nicht warum.''
''Ach was? Du weißt nicht warum? Ach Zoe, du sollst mich nicht anlügen, wenn dir etwas peinlich ist. Wir sind doch Familie man. Ist es schon wieder unabsichtlich von einer Klippe gefallen?''
Abermals blickte ich zum durchlöcherten Nachrichtenempfänger: ''… ja. Ich bin ein Tollpatsch...''
''Crazy Dude! Das ist das achte mal in diesem Jahr. Pech muss man haben! Keine Angst, ich besorge dir ein Neues. Verlass dich auf deinen Clan-''
''Reizend.'' Ich legte auf. Aber es half doch nichts. Wenige Sekunden später wurde ich abermals belästigt. ''So ein Idiot...'', seufzte ich. Und dabei war mir nicht klar, ob ich damit ihn meinte – weil er mich unabsichtlich aber unbestreitbar offensichtlich nervte – oder mich, da ich es auch noch zuließ.
''Was denn noch??''
''Wollen wir uns heute Abend in einer Bar treffen? Ein bisschen feiern, ein bisschen quatschen. Dies das. Ich habe noch spannende Informationen für dich. Vielleicht hast du es wegen dem kaputten Radio noch gar nicht gehört aber-''
''Clancy. Stopp. Nein. Ich weiß, dass heute mein Geburtstag ist. Ich weiß, dass der Jahrestag ist. Ich weiß, dass Menschen heute nichts Besseres zu tun haben als einen Tag ihres Lebens daran zu verschwenden ihre kollektive Wut auszulassen. Das ist mir egal. Sollen sie es machen; es ist mir bewusst. Ich werde heute nicht in die Stadt gehen um es mir anzusehen. Es ist jedes Jahr das Gleiche. Und in eine Bar gehe ich schon gar nicht. Ich trinke kein Alkohol und hasse es unter solchen Leuten zu sein. Ich habe dir ja erzählt wie er war... Mehr als einmal.''
''Ja aber das meine ich doch nicht; hast du wirklich nicht davon gehört? Der Massenmord in-''
''Ich will heute einfach nicht an die Vergangenheit denken ok? Wenn du mir etwas mitteilen willst, was ich noch nicht weiß, dann machen wir es wie immer. Bitte.''

''Ok ok alles gut. Ich habe verstanden. Wie wäre es stattdessen, wenn wir bla bla bla-''
Diese Bitte vorhin konnte ich noch raus würgen, bevor ich komplett meinen Verstand verlor. Mit ihm zu reden war immer wieder so anstrengend. Weil er nicht versteht, dass er nichts versteht und ich ihm auch nicht zuhören will. Er braucht so lange um etwas kurzes zu sagen. Manchmal wünschte ich mir einen Partner zu haben, der wenigstens ein kleines Maß an Intellekt besitzt. Nicht, dass meine Ansprüche hoch wären. Aber so niedrig waren sie nun auch nicht. Wie oft hatte er schon leichtfertig meine Identität in Gefahr gebracht. Als würde er hinter ihrer Geheimhaltung keinen Mehrwert erkennen. Der einzige Grund warum ich mich noch im Notfall unter Menschenmassen trauen kann. Weil keiner weiß, dass ich – Zoe Baker – naja; erst einmal eine junge Frau bin. Niemand würde es erwarten. Ich bin bedacht. Ich bin schön, also im Rahmen der Möglichkeiten. In der Blüte meines Lebens. Ich sehe nicht aus wie ein... Monster. Nicht das Monster, welches die Überbleibsel meiner Opfer heimsucht jedenfalls. Genau deswegen nannten sie mich Schatten. Nur ein kleiner Ausrutscher in fünf Jahren. Ein verschwommenes Bild. Eine schwarze Gestalt mit breiten Schultern. Groß und dünn. Wahrscheinlich männlich. Das war alles, was sie hatten. Und sie wussten nicht einmal, ob es einen weiteren Wert für ihre Ermittlungen hatte. Oder dass ich es war, der das unkenntliche Foto absichtlich in Umlauf gebracht hatte, um Verwirrung zu stiften. Aber nach diesem 'Ausrutscher der Mörders' starteten die Geschichten. Die Menschen, die mich ohnehin schon fürchteten, fürchteten mich noch mehr. Und die, die mich verehrten... naja; sprechen wir nicht davon, sonst bekomme ich Kopfschmerzen. Es überraschte mich jedenfalls immer sehr, wie man solches Leid verzerren konnte. Von schlechten gute Nacht Geschichten, bis hin zur völligen Romantisierung.
''Laufe Nachts nicht alleine Draußen rum, sonst holt der Schatten dich.'', flüsterte ich zu mir selbst, im nassen Gras liegend. So schaute ich in den klaren Himmel, an den kahlen Baumkronen vorbei. ''Es ist immer das Gleiche. Und ich werde es machen, bis ich daran verrecke. Aber das ist gut so... Sie sollen brennen. Das habe ich mir geschworen.''
Für einen Augenblick war es so, als würden die Bäume um mich herum Feuer fangen. Auch das war normal. Die Stimmen leisteten mir Gesellschaft. Leise war es ja nie.
''Welche Neuigkeiten er wohl hat. Werden sie etwas daran verändern können? Ich glaube nicht.''

Ich holte mein Lieblingsmesser aus meinem Mantel. Gestern war ein Stück abgebrochen. Bei einem Mord. Diese Frau und ihr dummes Kind. Ich hasse Kinder. Ich habe mir ihre Gesichter angesehen und es hat mich angenervt, wie lieb sie sich hatten. In ihren letzten Momenten, sieht man die ehrlichste Seite eines Menschen. Die Quintessenz ihres Lebens. Und diese war... so schön. Eine erfrischende Abwechslung. Es war zum kotzen. Ich hatte so etwas nämlich nicht. Das reichte schon. Sie hat mir eiskalt eine verpassen können, als ich unaufmerksam war und mit der Klinge daneben stach. Sie verteidigte ihr Kind wie ein wild gewordenes Tier; ich konnte nicht anders, als verwundert zu sein. Manche Menschen hielten also immer noch Überraschungen bereit. Sie war wie ein Biest mit nahezu unmenschlichen Kräften. Es inspirierte mich zwar und brachte mich zum nachdenken – ich wollte genau so sein –, aber mein Messer musste leiden. Schmetterte es mit voller Wucht gegen ein blödes Stück Metall. Ihre Schelle danach ging direkt ins Gesicht. Das hat weh getan. Diese dämliche Schlampe. Und jetzt ist es unscharf. Nicht nur meine Sicht seit gestern – dafür Respekt an diese Frau – sondern auch das Messer. Ich muss es wieder schärfen. Es muss perfekt geschärft sein, sonst schneidet es nicht richtig. Ich seufzte.
Trotzdem brachte es nichts. Denn am Ende wurden die zwei eben doch getötet. Ich konnte es nur nicht genießen, wegen dem kaputten Messer. Ich besaß zwar unzählige davon, aber dieses war mir Wichtig. Es hatte meinen Vater getötet. Und jetzt das. Jedes mal wenn ich es ansah, sah ich das abgesplitterte Metall. Eine Schande. Fehler passieren nun mal, aber anscheinend nur, wenn mein Geburtstag ist. ''Zoe kann sich an diesem Tag einfach nicht konzentrieren. Sie macht Fehler. Aber Fehler passieren nun mal. Das ist ok.'', wiederholte ich laut. Aber wo war ich?

''Hallo? Hallo? Zoe? Zoe bist du noch dran? Du murmelst wieder Sachen in dritter Person Singular  vor dich hin. Richtig gruselig man!'
Oh ja. Heute wäre ein guter Tag um Clancy zu töten... Oh das Gespräch lief immer noch.
''Habe ich das? Tut mir Leid, ich wurde abgelenkt. Mein Messer ist mir gestern Nacht zersprungen. Ich habe daran gedacht es schärfen zu müssen. Du wolltest dich mit mir treffen? Tut mir Leid, ich habe in Mitten deiner Antwort abgeschaltet. Wahrscheinlich schon für fünf Minuten. Es wirkte unwichtig. Komm zum Punkt.''

''Oh, das macht nichts. Ich habe dich nur gefragt, ob wir uns stattdessen heute wie gewohnt im Loch treffen. Glaub mir du wirst dich wundern, wegen den Infos meine ich!''
''Aber sicher doch. Treffen wir uns dort und ich bringe mein kaputtes Messer mit um es dir aus der Nähe zu zeigen.''
''Was hast du gesagt? Ich höre dich kaum.''
''Ich bringe das kaputte Radio mit um es dir aus der Nähe zu zeigen. Vielleicht weißt du ja, was man daran noch reparieren könnte. Es ist ja nur gefallen. Vielleicht geht es noch, ich kenne mich da nicht aus.''
''Klar mache ich das! Alles was dir nützlich sein kann, wird erledigt! Darauf kannst du Gift nehmen man! Wir sehen uns.''
''Ja.'' Ich packte mein Handy wieder in die Tasche und stand auf. Ging Schritt für Schritt zum Radio und schmetterte es auf den Boden, sodass es in hunderte kleine Teile zerbrach. ''Jetzt hast du keinen nutzen mehr. Das ist gut. Ich bin mit dieser Stadt sowieso fertig. Es ist Zeit für mich weiterzuziehen. Einen Klotz am Bein, kann ich dabei nicht gebrauchen. Obwohl wir eine lehrreiche Zeit zusammen hatten. Ich werde dich schmerzfrei töten. Ich gebe dir und mir aber noch etwas Zeit. Um Revue passieren zu lassen und zu schätzen, was du für mich getan hast – vor fünf Jahren.''

Es startete mit einem etwas größerem und dennoch ranzig wirkendem Wohnwagen. Ich wusste mit fünfzehn Jahren noch nicht einmal was es war. Für mich war es ein großes Auto, welches zwischen Baumgrenze und Straßenrand, eine ziemlich anziehende Wirkung auf mich ausübte. Die kaputten Blumenkästen und den Briefkasten, beachtete ich aus irgendeinem Grund nicht. So, wie ich da stand und es hinter einem Baum hervor spickend betrachtete. Niemand schien in der Nähe zu sein, sodass ich weitestgehend unentdeckt bleiben sollte. In meinem Kopf ging ich schnell die Möglichkeit durch, rein zu gehen um alle Dinge zu stehlen, die nur im entferntesten nach Wertsachen aussahen. Um diese später gegen etwas essbares einzutauschen, weil ich einen abartigen Hunger hatte. Und das bedeutete damals noch etwas, da ich eigentlich gewohnt war tagelang nichts zwischen die Zähne zu bekommen. Aber essen bedeutet Energie. Für den Körper und für den Geist. Überlebenswichtige Energie. Auch heute heißt es für mich manchmal 'essen oder sterben'. Jedes mal, wenn man in einem fremden Haus steht und man keine Spuren hinterlassen darf. Und man plötzlich die Wahl zwischen Kühlschrank und Spuren, oder Wald und naja, etwas 'unverarbeiteter' Nahrung hat. Aber damals wusste ich das noch nicht. Für mich war Essen das, was man sich mit Geld kaufen musste, wenn man hunger hat. Das Geld, welches ich nie hatte und was man sich von anderen Menschen nehmen konnte. Klauen, wenn sie mal nicht darauf aufpassten. Und der Wohnwagen schien mir was das angeht, eine gute Chance zu sein. Ich hatte es Leid zu betteln.
Und wenn mich doch jemand entdecken sollte... zum Notfall hatte ich immer noch das Küchenmesser, welches an meinem Gürtel befestigt war. Mein Hass auf die Menschheit schien mit meinem immer größer werdenden Hunger ohnehin zu steigen und ich war bereit über Leichen zu gehen um nicht zu verhungern. Dachte ich. Aber da der Gedanke schon in meinem Kopf drinnen war, schlenderte ich die zwanzig Meter zum Wohnwagen – so, als würde er mir gehören – und öffnete ohne überhaupt erst einmal durch das Fenster zu schauen – was im Nachhinein betrachtet einer Vorüberlegung wert gewesen wäre – die nicht-abgesperrte Tür. Und dort saß er dann. Und er schlief. Ein schlaksiger Typ mittleren Alters, im voll gekleckertem Hawaiihemd und Unterhose. Schulterlange braune Locken, welche ihm im Gesicht herumhingen, schlafend und schnarchend auf einer... Couch. Es gab eine Couch. Und Schränke. Einen Teppich und eine beunruhigende Anzahl von dem, was sich später als Traumfänger herausstellen sollte. Das war der erste Moment, indem mir bewusst wurde, dass man in einem Wohnwagen... wohnt. Und ich kam mir unfassbar blöd vor. Dennoch wollte ich meinen Plan jetzt, wo ich schon damit angefangen hatte, auch zu einem Ende bringen. Leider bemerkte ich nicht, dass ich beim vorsichtigem Schließen der Tür ein kleines Radio anstieß, welches an ging und den engen Raum mit einer kratzigen, abgehackten Stimme erfüllte. Da ich nicht einmal wusste, was ein Radio war, erschrak ich mich natürlich zu Tode und stieß ein unabsichtliches ''Mwhaaa?!''-Geräusch aus. Erst als ich bemerkte was für einen Krach ich verursacht hatte, hielt ich mir mit beiden Händen den Mund zu, was das Radio auch nicht ausschaltete. Hätte ich damals nur gewusst, dass man ein Messer auch dafür gebrauchen konnte.

Es war ohnehin schon zu spät. Der Lärm hatte ausgereicht um den Typen zu wecken. Und dafür, dass ich unmittelbar vor ihm stand, hat er eine gute Weile gebraucht, um mich zu entdecken. Ich stand wie angefroren da, als er sich schmatzend und augenreibend, für eine halbe Minute lang streckte. Dann sah er mich. Und er sagte nichts. Ich sagte nichts. Es entstand ein Augenblick unangenehmer Stille, in der wir uns einfach nur anglotzten und nicht wussten, wie es nun weitergehen sollte.
Und endlich, endlich brach er die Stille, mit einem sehr verpeilten: ''Woah. Wenn das nicht jemand ist, den man Fremden nennt. Mein Name ist Clancy. Was geht?'' Er streckte seine linke Hand – die mit fünf  überlangen Fingern bestückt war – von der Couch aus in meine Richtung, was mich nur weiter überforderte. Was folgte war der awkwardste Move, den ich in meiner gesamten Kriminallaufbahn ausführen würde. Ich schäme mich heute noch für diese banale Reaktion. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, drehte ich mich auf die Seite, lief an der außergewöhnlichen Gestalt namens Clancy vorbei... und fing unbeirrt an, in seinen Schubladen und Schränken nach ich-weiß-nicht-was zu suchen. Damals wusste ich noch nicht was ein Kühlschrank war, sonst wäre das das erste gewesen, was ich aus der Wand gerissen hätte.
Es muss auch für ihn seltsam gewesen sein. Eines Morgens aufzuwachen und ein mageres, unterkühltes, mit zerfetzten und von Blut und Ruß durchtränkten Klamotten und gewaltigen Augenringen versehenes, nichts sagendes Mädchen in seinem Wohnwagen zu beobachten, was mit schnellen Handbewegungen einen Schrank nach dem anderen durchwühlte. Aber so haben wir uns nun mal kennen gelernt. Mein zukünftiger Lehrer, brachte mir zudem gleich bei – das war das erste was ich von ihm lernte –, ein Buch nie nach dem Einband zu beurteilen. Eine Lehre, die mir in der Zukunft in Situationen bei denen es wirklich um Leben und Tod ging, einige male den Sensenmann vom Leib halten würde.

Der Mann, der nun noch verwirrter als davor von seiner alten Blumencouch aufstand und sich zu mir herunterbückte –  als ich unter der Spüle in einigen Töpfen herumkramte – schaute fast schon neugierig über meine Schulter. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was er sich in diesem Moment dachte.
''Kann ich dir etwas anbieten...?'' Ich antwortete nicht und machte weiter. Versuchte den harmlos wirkenden Clancy einfach zu ignorieren, so gut es ging. Erst, als er mich mit einer sanften Handbewegung an der Schulter berührte, bekam ich eine Art Flashback von der vorigen Nacht, sprang auf und zückte in einem unbewussten Reflex, innerhalb weniger Millisekunden mein Messer. Der Mann trat sofort zurück, wirkte aber viel entspannter als ich es mir erhofft hatte. Viel entspannter als die unbeholfene Zoe, welche das Messer mit beiden Händen und riesigen Glupschaugen, vor sich hielt. Nicht genau wusste, wie sie es benutzen sollte.
''Wohwohwoh! Immer mit der Ruhe, ich wollte nur Fragen... Leg das dumme Ding weg und entspann dich. Wir sind hier im Loch doch alle Freunde...''
''W-Was...?'', ich ging schüchtern und leicht aus dem Konzept gebracht ein paar Schritte zurück. Ich hatte bislang – außer mit meiner Familie – kaum Interaktionen mit anderen gehabt. Ich wusste es nicht einzuschätzen, zu verarbeiten. Meine Arme, welche um das Messer geschlungen waren, fingen an sich zu lockern. Sogar zu zittern. Ich hatte größere Zweifel den je und dachte schon, dass ich nie wieder an die Stärke gelangen konnte, die meinen Vater umgebracht hatte. Ich dachte, sie wäre für immer verflogen. Und das war der Moment – der Moment des Zweifelns – in dem er mir mit einer schnellen Bewegung – die ganz und gar nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild passte – ans Handgelenk fasste, es umdrehte und mich so auf die Knie zwang, bevor er mir das Messer aus den Pfoten griff und mich mit seinem eigenen Gewicht an den Boden drückte. Ich konnte zappeln so viel ich wollte. Ich war geschlagen. Und das hätte schon das Ende dieser ganzen Geschichte sein können. Der erste und letzte Fehltritt.

Er hätte nur die Polizei rufen müssen und hätte tausende, zehntausende zukünftige Morde verhindert. Die Welt wäre ein besserer Ort gewesen, hätte man alles gestoppt, bevor es angefangen hatte. Aber wie schon gesagt, ich hatte an jenem Tag mehr Glück als ich es verdiente.
Und so nahm mir Clancy das Messer aus der Hand und verwandelte sich auf einem Schlag wieder von einem sehr fähigen Kämpfer in einen absolut bekifften Dödel. Er stand locker auf, während ich immer noch am Boden liegend verarbeitete, was überhaupt geschehen war. Als nächstes ging er zu einem Schrank und holte eine rostige Pfanne raus, die er auf seinem eigens zusammengewerkeltem Herd erhitze. Während er da stand und mich kaum beachtete, ging ich nichts sagend zu dem Kühlschrank in dem ich – im Augenblick, als er ihn kurz geöffnet hatte um Eier hinaus zu holen – etwas anderweitig Essbares und Trinkbares ausmachen konnte. Ich glaube ich habe noch nie so viel Futter in meinem Leben gesehen und machte mich gleich über den Pflock rohem Schinken her, der mich von der Rückseite des Paradieses in Kastenform aus anblickte. Dazu noch einen zwei Liter Krug wässriger Limonade, den ich an meine dehydrierten Lippen presste um ihn innerhalb weniger Sekunden in einem Schluck wegzuexen. Ich achtete nicht einmal mehr drauf, dass alles was ich hinunterschlang in meinem Magen landete, sodass ein Großteil der kühlen Flüssigkeit meinen Hals entlang – zusammen mit meinen heißen Tränen – hinunterfloss. Ja. Ich heulte vor Freude. Mir kullerten die Tränen ununterbrochen und fielen über den Schinken, der besser war als alles, was ich in meinem Leben sonst so als 'Essen' bezeichnet hatte.
''Wow man! Du frisst ja wie eine Armee. Wie kann ich dich nennen, Fremde am Kühlschrank?'' Ich konnte nicht mehr aufhören zu essen. Ich hörte ihm gar nicht wirklich zu. Außerdem hatte ich teilweise keine Ahnung, was der Typ da von sich gab. Um ehrlich zu sein, habe ich das heutzutage immer noch nicht jedes mal. Er ist ein seltsamer Kauz. Und erst, als er mir ganz langsam und vor meinen Augen, seinen eigenen Block Schinken wegzunehmen wagte; erst da wurde es persönlich.  
''Kannst du mir es ausleihen? Nur kurz...''
''Nein.''
''Aha, sie spricht!''
''Nein!''

Nachdem ich letztendlich doch losließ aus Angst, wieder auf dem Boden gedrückt zu werden, schnitt er mit dem Messer, welches er mir dabei abgenommen hatte, den Schinken in dünne Scheiben.
''Weißt du. Das Messer ist ziemlich stumpf; ich zeige dir später, wie man es schärft. Mit einem scharfen Messer Fleisch zu schneiden ist um einiges befriedigender. Es spart auch sehr viel Zeit.''
Dann nahm er die Eier und schlug sie ebenfalls in die Pfanne. Das Knistern. Der Geruch. Der Geschmack. Ich schlang alles in mich hinunter, während ich mit gefesseltem Blick und offenerem Mund von Clancy dabei angestarrt wurde. Dann, kurz bevor ich fertig gegessen hatte und einmal in meinem Leben das heilige Gefühl von Fülle spürte, haute Clancy eine Sache raus, die mich fast an den Rand des Erbrechens brachte.
''Heiliger... Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass der Mörder von Dunshaw mich in meinem bescheidenen Wohnwagen besucht, um meinen Kühlschrank leer zu räumen. Du... du bist nur ein Kind man.''
Ich verschluckte mich so stark, dass das halbe Ei in meiner Nase stecken blieb. Ich schluckte; hörte auf zu essen. Schaute nur noch auf den Tisch. Ging in meinem Kopf alle Fluchtmöglichkeiten durch. Aber so wie er es immer war, blieb er abermals ruhig. Zeigte sogar eine Spur von Mitgefühl.
''Waren das im Haus deine Eltern?'' Ich war kurz davor zu heulen als er das sagte; diesmal mehr vor Schuldgefühlen als alles andere. Ich war so, so kurz davor, als mich Clancy ein weiteres mal überraschte. Sein Grinsen zog sich auf einmal über sein von Bartstoppeln übersätes Gesicht, als er von seinem wackeligem Klappstuhl aufsprang: ''Das war der Wahnsinn, Duuude!''  
''Was?''
''Wird mal Zeit, dass diese verdammten Cops wieder etwas zu tun haben. Dass Menschen sie auffordern, endlich ihre Arbeit zu machen, meine ich. Richtig machen! Würde gerne selbst morden um dieses Ziel zu erreichen. Aber ich hab keinen Bock mehr im Knast zu versauern und bin auch sonst eher eine sanfte Seele. Anders als diese inhumanen Schweine.'' Er machte eine kurze Pause, nahm sich meinen letzten Schinkenstreifen und schlürfte ihn in einem Zug runter, bevor er mit vollem Mund fortfuhr: ''Ich weiß noch, als ich so war wie du, Kleine. Ich kann an deinen Augen sehen, dass du besonders bist. Ich kann dich gut leiden.''
Ich schaute nur auf den Tisch und dachte nach: ''So war wie ich? Wir kennen uns nicht... und doch hilfst du mir. Mitleid?''
Plötzlich war sein Zeigefinger unmittelbar vor meiner Nase auf mich gerichtet: ''Empathie. Weiß du, es hat einen Grund warum ich in diesem Wagen hier her gekommen bin. Ich hatte mal ein anderes Leben, ganz wo anders. Vielleicht kann man es sich nicht vorstellen aber ich war mal ein ziemlich harter Typ. Habe Drogen verkauft... Ironischer Weise hat mich das nicht in den Knast gebracht. Meine Stiefmutter hat sich ihr Leben genommen, aber ich wurde schuldig gesprochen. Falscher Zeitpunkt, falscher Ort. Man kennt es. Hat mich Jahre meines Lebens gekostet und wurde im Gefängnis behandelt, wie der letzte Dreck. Während andere Menschen, die es mehr verdient hätten noch frei draußen rumliefen. Das ganze Leid auf den Straßen. Ich glaube, dir muss ich nichts davon erzählen, so wie du aussiehst. Dieses Land ist vergiftet. Du weißt das, ich weiß das. Nur steckst du noch mitten drin. Ich habe die kriminelle Zeit hinter mir gelassen. Bin eins mit der Natur geworden und reise seither rum. Und-''

''Das interessiert mich nicht. Ich will kein besserer Mensch werden. Ich will töten.''
Clancy fing an zu lachen: ''Du bist mir ja ein guter Zuhörer. Wie willst du töten, wenn du noch nicht einmal eine Fliege fangen kannst?'' Er hatte recht. Eine Antwort auf diese Frage kannte ich auch nicht. Brauchte ich aber auch nicht. Clancy stand auf: ''Wie auch immer. Ich habe nie gesagt, dass ich dich zu einem besseren Menschen machen will Dude. Ich habe den ganzen Scheiß hinter mir gelassen. Das Einzige was noch davon übrig ist, ist der kleine Hass gegen das System. Einsamkeit. Und sehr, sehr viel Gleichgültigkeit. Aber du weißt ja was man sagt...'' Er ging zu einem verstaubten Holzschrank und öffnete die quietschende Tür, die schon fast aus ihren Angeln brach. Holte kurzer Hand einen großen, schwarzen Mantel mit vielen Taschen hervor, der sehr dick und schwer schien und jedem der ihn trug zehn mal breitere Schultern verpasste. Er warf ihn mir in den Schoß, wie eine Geste, ein Geschenk.
''Kriminelle halten zusammen.''

Für mich war es – er – sehr absurd. Es schien fast so, als bräuchte er keine weiteren Hintergedanken. Keine Beweggründe mir zu helfen. Er tat es einfach. Nur um zu sehen, wie ich mich schlagen würde. Mich kennen zu lernen. Tat er es aus Langeweile? Ich wusste es nicht. Ich konnte ihn nicht abschätzten. Rachedurstig wie ich schien er jedenfalls nicht zu sein. Aber ich hinterfragte es nach einer Zeit nicht mehr. Ich fragte ihn einige male davor, aber er antwortete immer dasselbe. 'Er sieht, dass ich besonders bin. Er sieht es in meinen Augen. Er fühlt, dass ich zu mehr bestimmt bin und denkt es war kein Zufall, dass wir uns begegnet waren.' Er hatte auf mich 'gewartet'. Wahrscheinlich habe ich auch mein ganzen 'Schicksal-Gefasel' von ihm übernommen, so wie vieles andere auch und dass, obwohl wir so unterschiedlich waren.
Wie ein Baby, welches gerade auf die Welt gekommen war; musste ich sowieso so gut wie alles von Grund auf neu lernen. Ich dachte ich könnte fliegen, dabei habe ich noch nicht einmal das Laufen beherrscht. Das erkannte ich schnell und es war mir peinlich. Vor allem die ersten zwei Jahre in denen ich bei ihm war. Es verging kein Tag, an dem ich nichts neues lernte. So belanglos und einfach diese Dinge auch schienen. Als ich in den nun vertrauten und oft besuchten Wohnwagen mit dem Nummernschild Louisiana 0CH zum ersten mal hinein spazierte, wusste ich nicht einmal wie eine verdammte Toilette funktionierte. Aber er hat mir geholfen. Er hat Geduld gezeigt. Mich teilweise einfach vor der Glotze sitzen lassen um mich beobachten zu lassen, wie Menschen funktionieren. Was sie tun, was sie mögen und wie das alles sich von meinem bisherigen Glauben unterschied. Er zeigte mir Zivilisation. Das erste mal als ich im Fernsehen eine Großstadt gesehen hatte. New York, Las Vegas, Tokio. Mit den riesigen, leuchtenden Anzeigetafeln. Oder wie Frauen sich schminken. Das erste mal als ich eine Liebesschnulze gesehen habe, weil Clancy mich dazu gezwungen hat. Nur um neben dran zu sitzen und mich auszulachen, weil ich das ekelhaft fand. So viele neue Reize. Ich sah zum ersten mal, wie Kinder zur Schule gingen. Wie es in einem Klassenraum aussah. Wie undankbar sie waren. Undankbarkeit. Das sah ich oft. Die Menschen, die immer und immer und immer mehr Dinge brauchten um glücklich zu sein. Und beinahe, hätte ich in dieser Reizüberflutung selbst meine Bestimmung aus den Augen verloren. Ja, es gab Nächte in denen ich mich gefragt habe, ob ich noch ein normales Leben leben könnte. Mir ein hübsches Kleid über zu werfen. Auf ein Date mit einem hübschen Jungen zu gehen. Hey, immerhin war ich ein Teenagermädchen. Ich dachte daran. War das nicht... normal? Und war Normalität nicht das, was ich immer suchte? Komfort?
Aber diese Undankbarkeit ließ mich nicht los. Ich sah auch weitere schreckliche Dinge. Schrecklich unwichtige Dinge, über die sich Menschen heutzutage also so Gedanken machten. Und je größer meine Sehnsucht nach Normalität war, desto lauter fing sie an mit mir zu reden. Zoelle. Ich spürte sie in der Ignoranz der Menschen und meinem Frust darüber, zu neuer Kraft aufflammen. Was hatte ich plötzlich für Wünsche? Während es mein einziger, wirklicher Wunsch war, meinen Bruder wieder zu haben und Rache zu nehmen. Ich kam mir vor, als würde ich mich selbst – mir der Sehnsucht nach allem anderem – verraten.
Irgendwann eines Tages, machte mich der Fernsehkasten so wütend, dass ich ein Messer nahm und es in den Bildschirm warf. Damals erkannte ich, dass ich ziemlich treffsicher war, was das anging. Ich war fertig damit, den Menschen einfach nur zuzusehen. Ich hatte mir geschworen es wenigstens besser als sie zu machen. Ich wollte sie töten. Aber ich wollte es nicht schlampig machen. Stark wollte ich sein. Und klug. Ich wollte nicht mehr in Verachtung auf sie hinaufschauen. Ich wollte in ekel auf sie herabblicken. Und Clancy half mir dieses Ziel zu erreichen.

Er brachte mir Bücher aus der Bücherei der Kleinstadt Venwood; brachte mir zu aller erst das Lesen bei. Und nachdem ich es einigermaßen beherrschte – was für einen hoffnungslos scheinenden Fall wie mich, in einem überragendem Tempo geschah – verbrachte ich das nächste Jahr hauptsächlich mit dem Lesen von Büchern. Das erste mal in meinem Leben fühlte ich mich schlau. Als hätte ich etwas zu erzählen. Ich fühlte mich wie etwas, als ich das Wissen – welches hauptsächlich psychologischer, historischer und  philosophischer Natur war – wie einen Schwamm in mich aufsaugte. Selbst dann, wenn ich es nicht zu hundert Prozent verstand und mir die meisten Zusammenhänge fehlten. Außerdem las ich eine beunruhigende Menge kriminalistischer Aufzeichnungen. Analysierte jedes bisschen, schmiedete Pläne. Bedachte, was ich hätte besser machen können als die Verbrecher um die es ging und wie ich denken musste um absolut gar keine Fehler wie diese zu machen. Wenn ich nicht auf der Couch im Loch laß, war ich im Wald. Und obwohl es eine mehr oder weniger bequemere Schlafmöglichkeit dort gab, war ich sehr oft draußen. Ich erkannte, wie sehr ich den Wald mochte. Dass er trotz allem seit meiner Kindheit in mir verankert war. Um mir die Zeit zu vertreiben trainierte ich. Immerhin gab mir Clancy jeden Tag zu essen. Ich nahm an Gewicht zu und irgendwann waren nur noch ein paar meiner Rippen zu sehen. Ich sah mich im Spiegel an und sah fast schon normal aus, wenn meine knochigen, verwitterten Gesichtszüge nicht wären. Es schien fast so, als könnte ich nicht mehr lächeln. Jedes mal wenn Clancy versuchte Witze zu machen – nichts. Selbst wenn ich es eigentlich ganz witzig fand. Der Schleier von Trauer und schlechter Emotion schien mich aufzufressen. Als wären meine Augen schon längst Tod. Diese toten Augen, die in das Leere starrten. Immer wenn ich mich Leer fühlte, trainierte ich weiter. Und weiter und weiter. Jeden Tag, manchmal von früh bis spät. Einen weiteren Menschen, hatte ich bis dahin noch nicht getötet.

Natürlich suchte die Polizei immer noch nach dem Täter, aber circa ein Jahr nach den Geschehnissen, schien es nur wie ein weiterer Fall in den Akten, der im Hinterzimmer eines kleinen Archivs vor sich hin verstaubte. Ein Unfall. Ein Ausrutscher. Nichts weiter. Nicht jeder kleinsten Spur nachzugehen und den Vorfall vergessen zu wollen; genau das war ihr Fehler. Und nachdem ich eines heißen Sommertages vom täglichen Training nach Hause kam und Clancy wie so oft auf der Couch pennte, ergriff ich spontan die Initiative.
''Hey. Aufwachen. Wach auf. Clancy.''
''Jaaa. Noch fünf Minuten.'' Er drehte sich immer noch schlummernd auf die Seite. Ich trat ihn ohne es weiter versuchen wollen von der Couch. Er war schon wieder komplett dicht und stank nach Alkohol und Marihuana. Aber wenn er betrunken war, war es anders als bei meinem Vater. Es war akzeptabel. Clancy wurde nicht aggressiv. Er wurde dumm-dicht. Und langsamer als sonst.
''Maaan... das tut weh Dude.''
''Clancy ich werde heute Nacht jemanden töten. Ich glaube ich bin bereit es gut zu machen.''
Er stand langsam auf und hielt sich den Kopf: ''Vielleicht bist du das... vielleicht auch nicht-'' In diesem Moment nahm er ein Messer vom kleinen Tisch neben ihm – es war jenes, welches ich viele Monate zuvor mitgebracht hatte – und stürmte auf mich zu. Ich wich kurzerhand aus, kickte ihn mit meinen schweren Stiefeln – die er mir neben seinem Mantel auch vererbt hatte – mit Gewalt in den Rücken, sodass es knackte und er gegen die Wand klatschte. In diesem Moment der Ruhe, zückte ich ebenfalls ein Messer aus meinem Mantel fing an mich im Wohnwagen mit ihm zu messen. Es ruckelte unaufhörlich hin und her in dieser kleinen Kammer auf instabilen Rädern und Stützen. Er war ein sehr, sehr guter Kämpfer – wenn er denn wollte. Ich wusste nicht ob es mir half oder schadete, wenn er betrunken war. Wenn er zum Kampf bereit war, dann hatten die meisten Menschen keine Chance. Aber selbst das half ihm nichts. Mein Training, meine ganze Arbeit. Mit fünfzehn war mein Körper, welcher der in sich gefangenen Entschlossenheit nicht gerecht werden konnte, meine einzige Schwachstelle. Nur ein Jahr später, schien alles perfektioniert. Nach einer Minute Messergefecht war er an den Boden gedrückt. Müde, war nur er. Dennoch lächelte er:

''Jetzt kann ich dich mit gutem Gewissen losschicken. Lass mich weiter pennen und weck mich auf wenn du wieder da bist. Du kommst doch zurück, oder? Oder bin ich dir nicht mehr gut genug? Nicht mehr nützlich... und so.''
''Wenn du mir weiterhilfst kommst du bald wieder in den Knast. Und ich weiß, dass du das nicht willst. Du bist mein Lehrer. Soll ich denn zurückkommen? Sag du es mir.'' Ich stand von ihm auf. Mein Herz fühlte sich ganz plötzlich, ganz schwer an. Auch Clancy erhob sich und wuschelte mir durchs Haar:  ''Mach was du willst. Ich komme zurecht man. Ich bin auch nicht mehr dein Lehrer, was soll ich dir denn noch beibringen? Du bist ein ganz besonderer Mensch. Du bist der Wahnsinn. Du hast so viel gelernt, in dieser kurzen Zeit. Und jetzt schau dich an man! Du schaffst das schon. Entscheidungen zu treffen meine ich. Ich glaube wir sind mittlerweile fast wie Familie. Ich kann nur daneben stehen und hoffen, dass ich nicht genau deswegen dein nächstes Opfer bin.''

''Wie meinst du das? Du glaubst, ich will dich töten und verschwinden? Wie kommst du denn darauf?'' Ich musste zugeben, dass ich damals noch rot wurde. Es war eine der Möglichkeiten, die sich in meinem Kopf abgespielt haben. Sollte ich gehen, würde ich ihn töten. Das war klar. Wenn nicht, dann nicht. Gehen und ihn am Leben lassen ist keine Option. Er kennt mich zu gut. Und genau das, war eines der größten Fehler vieler Massenmörder. Jedenfalls war es das, was in den meisten Kriminalakten hervorstach. Jemanden leben und laufen zu lassen, der deine tiefsten Abgründe kennt. In meinem Fall, meine gesamte Identität. Er hatte recht.  
''Wie. Auch. Immer...'', versuchte er mir nicht auf meine Frage zu antworten, ''Ich kenne meine Risiken. Dumm bin ich nicht. Sollte das dein Plan sein, dann kannst du davon ausgehen, dass ich es dir nicht einfach machen werde. Für dein restliches Leben, meine ich. Dass du mich töten könntest, wenn du wolltest, hast du ja gerade gezeigt. Aber denk nicht, dass ich mich so einfach töten lasse. Es gibt Vorkehrungen und Absicherungen. Oh und wenn du gehst und doch zurück kommst, vergiss dein Messer nicht schon wieder. Es gehört dir ja.''
Er legte sich wieder auf die Couch und ließ mich leicht verwirrt zurück. Kurz bevor ich die Tür verließ, drehte ich mich noch einmal zurück: ''Was meinst du damit? War das eine Drohung?''
''Nichts Dude. Alles chill. Mach dir keine Gedanken darum. Hab Spaß.''
''Ok.''
Ich ging an den Tisch und nahm aus Reflex mein Messer, merkte erst danach, was er davor zu mir gesagt hatte und sah im Augenwinkel noch wie Clancy dabei verschmitzt lächelte. Bastard.

Mein erster Mord schien ziemlich chaotisch. Ich bin in ein kleines Einfamilienhaus in Venwood eingebrochen. Habe zuerst das Kind getötet, dann die zwei Eltern. Die Frau war kein Problem, aber ihr Mann ist dabei aufgewacht. Hätte ich gewusst, dass er eine Knarre unter dem Bett verstaut hatte, hätte ich mich zuerst um ihn gekümmert. Außerdem fiel mir erst da auf, dass ich eine Maske brauchte. Mir war es unangenehm, dass sie mein Gesicht sahen, keine Ahnung warum. Mir wäre es lieber gewesen, hätten sie dabei nur in meine Augen geschaut. Obwohl ich keine Miene verzog und während dem Ringen mit dem Mann beinahe zehn mal erschossen wurde, hat es mir Spaß gemacht. Er verfolgte mich bitter und weinend nach unten in die Küche, wo ich mich hinter der Küchenleiste versteckte. Er kam ins Wohnzimmer mit seinem geladenen Gewehr, sah dann auch irgendwann mich. Ich kann mich noch genau erinnern was er zu mir sagte: ''Wieso?! Wieso machst du sowas?! Du bist so jung verdammt!'' Er brüllte mich an, es war so laut. Ich dachte an das Kind was ich umgebracht hatte. Es hatte ein schönes Zimmer, an dessen Wänden Fotos mit seinen Eltern hingen. Es war eine gute Familie. Sie hatten sich lieb. Aber ich hatte sie umgebracht.
''Ich hasse Menschen. Es ist nichts persönliches.'' Der Mann sah mich mit blutig angelaufenen Augen an. Immer noch das Gewehr auf mich gerichtet. Ich sah in seiner Körperhaltung, dass er jetzt nicht schießen würde. Und damit hatte ich auch recht. Er ging stattdessen langsam zurück zu einem Telefon. Er wollte die Polizei anrufen. Waschlappen. Er hätte mich töten sollen. Als Strafe.
Langsam versuchte ich, die Hände in meinen Mantel zu-

''Hände dahin, wo ich sie sehen kann, sonst schieße ich!!'', brüllte er. Ich machte was er tat. Immerhin konnte er nicht mit beiden Händen sein Gewehr halten und gleichzeitig das Telefon greifen. Es würde diesen kleinen Moment geben, indem er vorne loslassen musste; demnach auch nicht gut zielen konnte. Darauf wartete ich und als dieser Moment kam, sprang ich auf die Seite, griff in meinen Stiefel und zog ein Wurfmesser hinaus; traf damit den besorgten Vater an der Hand, mit der er die Knarre hielt. Sofort ließ er sie fallen. Leider hatte ich Pech und der Abzugsmechanismus der Waffe wurde im Augenblick des Aufpralls getriggert. Eine Kugel wetzte Knapp an meiner Taille vorbei und hinterließ eine Fleischwunde. Für den Bruchteil einer Sekunde stand ich unter Schock, im Glauben erschossen worden zu sein. Das brachte mich zurück in die Erinnerungen am Jahr davor, oder ganz zurück zum Tod meines kleinen Bruders. Mein Leben ging quasi an meinen Augen noch einmal an mir vorbei. Damals, als ich ihm aufgrund meiner Schockstarre nicht auf Wiedersehen sagen konnte. Oder dann, als ich raus gebrochen bin um den Schock in Stärke umzuwandeln. Meinen Vater zu töten. Ich hatte die Wahl. Schwach oder Stark sein. Und wenige Sekunden später, war der Mann tot. Ich hatte ihn ein paar mal das Messer in den Magen gerammt, während das Feuer meine Adern abermals füllte und ich gedanklich wieder in jenen Moment versetzt wurde, in dem ich mein Leben selbst in die Hand genommen hatte. Und es fühlte sich gut an es zu tun. Danach stand ich auf und ließ Müdigkeit über mich hereinbrechen. Das Adrenalin war fort und ich ließ mich die Wand, schnell atmend hinuntergleitend. Die Schmerzen, die mich nach dem Schock heimsuchten waren enorm und wurden mit jeder Sekunde stechender
und pochend. Ich hob mein Shirt hoch und sah die Wunde. Sie war tief, obwohl ich vergleichsweise noch Glück hatte. Wusste insgeheim auch, dass ich nicht selbst irgendwo hin tropfen durfte. Ich ging zu einem Küchenschrank, bis ich eine Flasche Wodka fand. Zum Glück hatte ich wenigstens daran gedacht Handschuhe anzuhaben. Ich schüttete ein bisschen davon in die Wunde, was einen verkrampft unterdrückten Schrei zur Folge hatte. Danach nahm ich das Shirt, zerriss es und band meine Taille damit ab. Die Kugel, welche in der flachen Marmor-Tischplatte hing, zog ich ebenfalls raus und reinigte die Stelle mit Wasserstoffperoxid. Ich wusste nicht genau, was das für ein Stoff war, dennoch habe ich gelesen, dass man damit Blutspuren – selbst für die Forensik – restlos beseitigen konnte. Deswegen hatte ich auch davon immer ein bisschen dabei, wenn ich den Wohnwagen verließ. Immerhin wollte es von Anfang an gut machen, auch wenn ich vielleicht mehr acht gab und putzte als nötig.

Ich verließ das Haus wenig später in der Sorge, das Nachbarn die Schüsse gehört hatten und die Polizei rufen würden. So war es auch. Aber als sie ankamen, war ich schon längst wieder verschwunden.

''Hey. Ich bin wieder da...''
''Und?! Wie wars man?! Wen hast du- eh. Zoe?'' Clancy stand bereits in der Küche und kochte für uns zwei eine Kleinigkeit. Als ich ihm emotionslos die Kugel, die mich um ein Haar richtig schwer erwischt hätte, auf die Küchenzeile legte und müde zusammenbrach. Ich wurde nicht Ohnmächtig, hatte die Augen noch auf, war aber trotzdem nicht mehr ganz da. Clancy kniete sich schnell zu mir nach unten: ''Verdammt! Sag nicht du wurdest-'' Langsam und mit zitternden Händen öffnete ich den schwarzen Mantel und hob mein Unterhemd hoch, wo das in Verbandsstreifen zerrissene Shirt schon komplett durch geblutet war. ''Clancy. Ich will dich nicht beunruhigen. Vielleicht sieht es nicht so schlimm aus, aber es tut verdammt weh. Kurzfassung; ich sterbe.''
''Oh man, Kleine! Was machst du für einen Scheis?? Beim ersten mal auch noch. Aber hey, sieht wirklich nicht aus wie etwas, dass dich umbringt. Keine Sorge. An solche Schmerzen wirst du dich auch gewöhnen müssen. Vielleicht lässt du es die nächste Zeit aber gut se-''
''Clancy!'', ich griff mit meiner Rechten an den Kragen Hawaiihemdes und zerrte seinen Kopf somit direkt an mein Gesicht. ''Meine Augen. Siehst du meine Augen? Siehst du mein Gesicht? Was siehst du?''
''Du lächelst. Deine Augen brennen regelrecht.'' Ich ließ ihn los. Und nach einem Augenblick der Stille fingen wir beide an zu lachen. ''Das war! Der Wahnsinn! Clancy! Morgen werde ich wieder losziehen.''
''Morgen schon?'' Ich nickte: ''Ich will jetzt keine Pausen mehr machen! Das Gefühl war zu gut! Ich will das ab jetzt jede Nacht machen! Und am Tag werde ich trainieren und darüber nachdenken, welche Fehler ich gemacht habe. Und du...''
''Ja?''
''Deswegen werde ich keine Zeit mehr haben um andere Dinge zu tun. Werde womöglich auch Wochenlang weg sein. Deswegen will ich, dass du dich nützlich machst und mir alles besorgst was ich brauche. Neue Waffen, Informationen. Alles. Deine erste Aufgabe ist es, mir eine Maske zu besorgen.''
''Haha, wird gemacht. Verlass dich auf mich.'' Er kochte noch etwas weiter, als ich neben ihm auf dem Boden saß. Vor mich her lächelte. Ausblutete; naja, jedenfalls ein bisschen von beidem. Gerade genug, dass er ersteres bemerkte. ''Ich habe dich dieses ganze Jahr noch nicht einmal Lächeln gesehen. Du wirkst ja tatsächlich erfüllt.''
''Erfüllt? Nein. Zufrieden, ja. Aber ich habe gerade sehr viele Emotionen, weißt du? Ich könnte heulen und schreien. Aber gerade bin ich zufrieden.''
''Und trotzdem schaust du in die Leere wie immer. So grinsend ist das fast schon gruseliger als sonst.''
''Ich denke nach.''
''Über was?''
''Wie gesagt. Ich denke immer nach...''
''Ja, aber über was, hörst du mir gerade zu?''
''Ja natürlich, mach das. Aber was kommt dann Zoe?''
Clancy stupste mich an die Schulter: ''Wie wäre es, wenn du dich hinle-''
''Schusch, halt die Klappe! Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn alle gleichzeitig reden!'', rutsche es mir heraus. Dann war alles Still. Ich schüttelte meinen Kopf und schaute nach oben zu Clancy, der mich leicht verwirrt betrachtete: ''Sicher, dass es dir gut geht?''
''Wieso? Du weißt doch, dass ich da diese... Stimmen habe.''
''Warte, Stimmen? Davor war es nur Einzahl. Oh man. Wie wäre es, wenn du heute Nacht wieder hier schläfst? Die Bullen sind wahrscheinlich wieder auf der Suche und ich weiß nicht ob mir das gefällt, wenn du alleine mit der Wunde rumläufst.''
''Na und, bist du meine Mom oder was? Falls sie mich finden kann ich mich wehren. Oder laufen. Ich bin schnell.''
''Tz. Werde jetzt nicht arrogant. Ja, du hast heute Nacht jemanden umgebracht; das heißt nicht, dass du dich mit einer ganzen Polizeieinheit anlegen kannst. Du bist erst sechzehn verdammt und ich habe keinen Bock mich so früh wieder von dir zu verabschieden. Heute wärst du auch schon um ein Haar-''
In diesem Moment, fielen mir auf dem Boden des Wohnwagens die Augen zu. Ich merkte nur noch, wie eine Decke über mich gelegt und mir gute Nacht gesagt wurde. Das war also mein erster offizieller Mord. Einer, der nicht als Notwehr vor Gericht abgehandelt werden könnte. Ich bin bewusst in das Haus eingebrochen und habe jemanden Wildfremden umgebracht. Weil ich es so wollte. Die Stimmen wurden lauter, die Albträume schlimmer, die Halluzinationen lebendiger. Aber ich fühlte auch ein gewisses Maß an Erfüllung, in jener Nacht. Außerdem war es nicht nur die Premiere einer Wiederholungstat. Nein. Wenige Stunden später wurde ich aus meinem nicht weiter-erläuterten, schlechten Traum gerissen. Und zwar von einem völlig aufgelösten Clancy.
''Hey Dude!! Hey wach auf! Wach auf! Was ist falsch bei dir!? Wieso hast du das getaaan??''
''Was- was... ist? Sind die Bullen da? Warte- wieso stehe ich? Habe ich nicht... geschlafen?'' Meine verschwommene Sicht wurde langsam klar, als ich in sein verzerrtes Gesicht schaute und keinen Schimmer hatte was überhaupt los war.
''Ja das habe ich mich gerade auch gefragt!'' Clancy ging einen Schritt zur Seite und lies mich den Wohnwagen inspizieren. Ich stand mit offener Klappe da, denn alles war zerwühlt und ausgeräumt. Alles. Sogar aus meinen Büchern, waren die Seiten rausgerissen und lagen überall herum. Die schmalen, küchentuchähnlichen Fenstervorhänge waren mitsamt Stange von der Wand gerissen. Es sah elend aus. Es war sogar ein verdammtes Loch im Fenster. Ein Loch... im Loch sozusagen. ''Woah! Ist hier jemand unbemerkt eingebrochen oder...'', erst jetzt bemerkte ich den Baseballschläger in meiner Hand – der auch einen von Clancy's Sammlerstücken darstellte – und lies meinen Blick ein zweites mal schweifen, bis es Klick machte:

''Oh... na sie mal einer an... na hoppala. Sachen gibt’s... ehhh... Ich meine. Hier war ein- ein Einbrecher. Ich habe ihn... vermöbelt. Damit. Und er ist. Jetzt. Weg. Nichts zu danken. Du schuldest mir etwas. Ja. Genau.'' Lustlos hob ich den Schläger und packte ihn bei Seite. Liebend gerne hätte ich ihn Clancy zurückgegeben, aber so lebensmüde war ich dann doch nicht. Denn er kaufte mir das Geschwafel natürlich nicht ab. Er hatte es ja selbst mitangesehen. Ich log Clancy ohne Mist oft an. Vor allem wenn ich etwas kaputt machte – was ich nebenbei bemerkt oft machte. Und er schluckte auch sehr viel davon, keine Frage. Aber das konnte nicht einmal ich noch herum reißen.
Clancy wurde wirklich nicht oft wütend. Aber wenn es um seine Traumfänger-Sammlung und seinen restlichen Esoterik-Müll ging, der sich in dem Wohnwagen anhäufte, mir oftmals im Weg stand und den ich just in dieser Sekunde anscheinend runter geschmettert hatte ohne es zu wissen – dann wurde es unangenehm.
Zum Glück eher peinlich unangenehm. Vor ihm zu stehen und ihm dabei zuzusehen, wie er möchte-gern-wütend – mit den interessantesten Gestiken – und halb-heulend herumjammerte. Ich schaltete nach einer Weile, die gefüllt war mit unerträglichem ''Wieso machst du sowas? Das Teil gehört zu einer Sammlung maan. Und das Fenster ist jetzt auch für immer hin, weißt du wie kalt es hier manchmal wird. Ich war doch nur einmal kurz draußen...'' und so weiter, ab. Ich wiederholte wie auf einem kaputten Tonband hingegen, dass ich ja geschlafen hatte und absolut nichts dafür kann. Aber es half nichts. Den Rest der Nacht bis zum Morgengrauen, verbrachte ich damit sein scheiß Gerümpel wieder aufzuräumen, bis es teilweise ordentlicher aussah als davor.
Das war jedenfalls das erste Mal, dass ich mich im Schlaf so verhalten hatte und übrigens auch das letzte Mal, dass ich im Loch geschlafen hatte. Im schlafenden Zustand hatte ich dort aufs weitere Hausverbot. Naja. Wohnwagenverbot. Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte. Aber ich glaube seit dem, all die Jahre danach, bin ich nie irgendwo eingeschlafen und wieder an jenem Ort aufgewacht. Meistens lag ich dann in einem Radius von hundert Metern irgendwo anders, manchmal auch mit einer Wüste aus Zerstörung um mich herum. In Fällen, in denen es sicherer war  in Baumkronen zu schlafen – weil am Boden irgendwelche Menschen oder Polizisten nach Leichen suchten, ohne Spürhunde im Schlepptau zu haben – band ich mich mit einem Seil am jeweiligen  Stamm fest. Natürlich kam diese Methode nie mit hundert-prozentiger Erfolgsgarantie, weil ich das Seil genau richtig anbinden musste. Gerade noch so, dass ich nicht runter falle – aber es im Wachzustand noch schnell genug öffnen konnte um zu fliehen – oder mich aus Versehen doch unvorteilhaft bewege und im Schlaf erhänge. Das wäre ziemlich dumm. Aber in diesen Fällen war ich sowieso nur im Schlummermodus. Als würde ich ganz pennen, wenn Leute in der Nähe waren.
Aber nicht nur, dass ich mich im Schlaf bewege, ich rede auch. Und das ist das Schlimmste daran.

Es lag ein großer Unterschied darin, im Schlaf einen ganzen Waldabteil niederzumetzeln und somit 'nun' unterbewusst unfassbar viele Spuren zu hinterlassen, oder im Schlaf meine Lebensgeschichte und somit ein voll-ausgeführtes Geständnis preiszugeben. Der Unterschied liegt darin, dass das zweite viel peinlicher ist. Ein Grund, warum ich teils auch freiwillig aus dem Wohnwagen gezogen bin. Ich wollte nicht, dass Clancy etwas mitbekommt. Oder noch schlimmer, dass ich anfange im Schlaf zu heulen oder darüber zu reden, dass ich ihn umbringen werde, wenn ich einen Abflug mache.

Das einzige Problem mit meinem Auszug, war ebenfalls Clancy. Denn hingegen meiner Vermutung, hörte er nicht auf mich zu nerven, sobald ich lange – manchmal wochenlang – nicht mehr im Loch war. Nein. Auch das wurde schlimmer. Er hat mir sogar ein verdammtes Handy besorgt, auf dem er mich einmal pro Tag circa eine Minute lang anrief. Nicht weil er sich Sorgen machte, oder schauen wollte ob ich noch lebte, nein. Er brauchte Aufmerksamkeit. Und ich sage nur eine Minute aber Gott, fühlt man jede Sekunde davon. Und mit Handy besorgt, meine ich natürlich gefunden, so wie er es mit allem machte, was er nicht selbst zusammenwerkeln konnte oder wollte. Ohne Spaß, auf diesem Klotz Elektronik waren sogar noch einige alte Kontakte eingespeichert. Davon ein gewisser Dr. Petersen, von dem ich keine Ahnung hatte, wer es war. Ich spielte sogar schon einmal mit dem Gedanken diesen Idioten anzurufen und nach einem Termin bei und für was-auch-immer zu fragen, weil mir manchmal im Wald einfach nur langweilig wurde und wer weiß, vielleicht war es ja ein netter Typ. Oder Nora Klimt, die mit einem Herzchen vermerkt war. Vielleicht nur um Nachzufragen ob ein gewisser Clancy Gardner, noch mehr Zeug von ihr 'gefunden' hatte. Immerhin hatte er zuvor das Handy mitbenutzt und ich kann reinem Gewissens sagen, dass ich keine Ahnung hatte und habe, was Clancy in seinem Leben alles gemacht hatte oder machte, wenn er nicht im Wohnwagen pennte. Also bis auf wenige Eckdaten, die nur zufällig ans Licht gekommen sind. Womöglich hat er mir den Rest auch erzählt, aber es war für mich mehr oder weniger Irrelevant, sodass ich es einfach ausgeblendet hatte. Darin war ich entwischen schon fast so gut wie meine Mom damals bei mir. Clancy war immerhin der einzige Mensch, mit dem ich hin und wieder Konversationen führte. Ich wusste nicht, ob ich bei anderen Menschen mehr Initiative zum zuhören zeigen würde, aber so dringend herausfinden wollte ich es auch nicht.

Es war mittlerweile schon Abend, als ich durch den Wald streifte, auf dem Weg zum Loch – indem ich mich nach dem Aufwachen mit ihm verabredet hatte. Wie schon gesagt, hatte ich mir fest vorgenommen ihn zu töten. Ich wusste auch bei diesem Gedanken nicht, warum ich ihn so ganz plötzlich hatte. Vielleicht hielt es einer meiner Stimmen einfach für eine gute Idee. Keine Ahnung, was die da oben treiben, wenn ich schlafe. Es war wahrscheinlich wie damals vor vier Jahren. Der erste offizielle Mord. Oder als ich doch die Treppen zu meinen Eltern hinunter gegangen bin. Ein Geistesblitz aus einer Laune heraus. Manchmal mit gutem Ergebnis, manchmal nicht. Ich hatte einfach gefühlt, dass die Zeit gekommen war. Wollte ich ihn denn töten? Naja, es war mir mittlerweile ziemlich egal. Jeder weitere Tag an dem er lebte, war ein weiteres Risiko für mich.
Als ich in der Ferne schon Clancy's vertrauten Wohnwagen entdeckte, setzte ich meine Maske ab. Hielt sie ein wenig in der Hand um sie zu betrachten und glitt mit meinen Fingern an der bröckelnden, weißen Farbe entlang. Clancy hatte sie mir besorgt. Sie zeigte eine zerbrochene Baby-Porzellanpuppe mit rosaroten Backen und großen Augen. ''Wie kitschig...'', rutschte es mir heraus, obwohl ich sie eigentlich doch irgendwie mochte. Nein. Ich mochte sie wirklich sehr.
Aber lange konnte ich ihm diesen einmaligen Glücksgriff nicht gönnen, da mich an der dünnen Sperrholztür des verwitterten Wagens eine böse Überraschung erwartete. Ein Zettel mit der Aufschrift: ''Alles gute zum Geburtstag :) Ich warte in meiner Lieblingsbar in Venwood auf dich. Lass uns einmal anstoßen, du Miesepeter. Pass auf dich auf.''

Ich zündete den Wohnwagen darauf hin an. Und ja. Vor allem wegen dem Smiley. Manch einer würde diese Reaktion als 'übertrieben' bezeichnen, aber zu meiner Verteidigung wollte ich es sowieso machen – um die restlichen Beweise zu vernichten – bevor ich ihm den Hals umdrehte. Er wusste genau, dass ich die Stadt, Menschenmengen und Bars nicht leiden konnte. Ich bin kein normaler Mensch verdammt; ich kann mir so etwas nicht leisten! Ich habe kein Leben außerhalb dieses Rahmens und ich will auch keines haben. Ich glaube er versteht nicht, dass ich mittlerweile sofort auf den elektrischen Stuhl kommen würde, wenn ich gefasst werde. War es ihm etwa egal? Dieser... dieser...

Gleich nachdem ich nur eine Stunde später einen Fuß in die Bar setzte, wünschte ich mir, sie wieder verlassen zu können. Der entsetzliche Gestank nach Alkohol – der sich überall in dem Gebäude, bis tief in den Wänden befand – sprang mich förmlich an. Schreckliche, laute Musik, spielte im Hintergrund. Ich stand da und versuchte so unauffällig wie möglich zu sein. Was nicht sehr gut klappte; aus mehreren Gründen. Ich sah mich unbeirrt um.
Die Bar war nicht groß und es saßen nur ungefähr zehn Leute in ihr. Ich hielt nach Clancy Ausschau. Es sah viel moderner aus, seit meinem letzten Besuch. Blaue Halogenröhren, erleuchteten die neuen Sitze und Tische. Die Theke mit den bunten Drinks war links von mir aufgebaut. Die gesamte linke Wandseite stand voller, leuchtender Flaschen, mit mir unbekanntem Inhalt. Eine typische Bar eben.
Dann bemerkten mich die Leute. Alle die gerade eben noch lachten verstummten. Einer nach dem anderen schaute zu mir rüber, bis mich schließlich alle begafften.
Sicher; ich sah nicht aus, wie ein normaler Besucher. Trotzdem nervte mich die Weise, wie die Menschen mich immer wieder anstarrten, wenn ich irgendwo unterwegs war. Gerade eben auf der Straße, auf den Weg hierher auch. Es waren nicht viele da es schon Nacht war, aber genau deswegen hätte ich am liebsten jeden einzelnen davon gelyncht.
Eines blieb seit meinem letzten Aufenthalt hier aber gleich... alle Leute waren stockbesoffen. Als mein Blick über die Bar wanderte, sah ich sogar jemanden in der Ecke liegen. Man könnte glauben, dass der Mann nur im Saufkoma war oder schlief. Aber ich erkenne einen toten Menschen, wenn ich ihn sehe. Bald würde es auch den anderen hier auffallen müssen. Da sich niemand um den Kerl kümmerte, beschloss ich bis aufs weitere auch, ihn erst einmal zu ignorieren.

Clancy saß an der Theke. Ich ging zu ihm hin und pickte ihn kurz in den Rücken. Er redete gerade lachend mit einem Barkeeper. Eines musste ich ihm lassen, er konnte ziemlich gut mit Leuten und war für die meisten auf den ersten Blick sympathisch. Das konnte ich jedenfalls nicht von mir behaupten. Er beendete das Gespräch und drehte sich zu mir um.
„Hey, Zoe!“, schrie er, sodass es jeder hören konnte. Ich hätte ihm in diesen Moment seine Pferdefresse polieren können. Die Art, wie er immer neue Wege fand, um meinen Namen so laut wie möglich heraus zu brüllen ist – für jemanden wie mich – sehr stressig. Dann stand er vom Barhocker auf und umarmte mich.
Das war auch eine von den Sachen, die ich an ihm hasste. Zumal er wusste, wie viele Waffen ich in meinem Mantel hatte, die in meinen Körper einschneiden könnten. Unzählige Messer und Klingen, sogar kleinere Äxte und eine Schusswaffe für den Notfall. Aber ich ließ mich schweren Herzens doch umarmen. Es würde das letzte Mal sein und deswegen redete ich mir selbst ein, es ihm doch noch zu schulden, bevor er durch meine Hand sterben würde. Wahrscheinlich auf den Weg zurück zum Wohnwagen, dessen Flammen sich immer weiter ausbreiteten. Das heißt, ich stand einfach nur da, während er mich fast erdrückte. Er musste diese ganzen Sachen, die mich aufregen, einfach mit Absicht machen; immer und immer wieder.
''Na? Wie geht es meinem Lieblingsmenschen. Du warst ja schon seit Monaten nicht mehr mit mir im Loch, was ist denn los?'', fragte er mich mit einem breitem Grinsen im Gesicht. Ich versuchte mich noch einmal zusammenzureißen und gab ihm ein schwaches Lächeln zurück: ''Ich musste viel nachdenken. Aber... wieso sind wir hier und nicht dort. Du weißt, ich kann das nicht ab.''
''Mach dich locker, ich will dich doch nur ärgern. Barkeeper, einen Hochprozentigen für das Geburtstagskind. Und das Übliche für mich.'' Der Barkeeper nickte, ich war damit nicht einverstanden: ''Ich-''
''Setzte mich jetzt mit meinem guten Freund Clancy etwas weiter Abseits an den Tisch hin. Gute Idee Kleine.'', vollendete er meinen Satz und schob mich an den Schultern zu einem Tisch in der Ecke, der weit entfernt genug war, sodass Leute uns beim Reden nicht hören konnten. Und der Drink kam etwas später. Und zwar nicht irgendwie, sondern mit den Worten – ich zitiere – ''Darf ich dir und der Schönheit in Schwarz, noch etwas bringen?'' Ich fühlte mich auf mehreren Ebenen belästigt. Aber Clancy gab keine Ruhe: ''Alles gut, solange es stark genug ist, dass sie sich einmal in ihrem Leben entspannen kann.'' Der Barkeeper nickte und ließ uns allein. Ich schaute nur auf das kleine Glas.
Mmhh – dachte ich mir – so schlimm kann es gar nicht sein. Wenn so viele Menschen sich davon das Leben zerstören lassen. So viel hinwerfen, dafür? Was solls, probieren kann nicht Schaden. Außerdem würde Clancy sowieso keine Ruhe lassen, bis ich es tat. Und so, kippte ich mir alles auf einmal in den Mund. Wo es nicht lange blieb.
''Wow Dude! Das hätte ich gerade echt nicht von dir gedacht! Du-'', seelenruhig nahm ich Clancy's Drink und spuckte den Inhalt meines Mundes – der schon zur Hälfte betäubt war – langsam und vor seinen verdutzten Augen hinein. Mir kam dabei sogar glatt eine Träne.
''Das ist purer Spiritus... Willst du mich umbringen?'' Clancy lächelte, nahm sein Glas wieder an sich und exte mit einem: ''Eigentlich nicht...'', alles hinunter um meine letzten Zweifel zu beseitigen. Er war des Wahnsinns. Und ekelhaft noch dazu.
''Kein Wunder, dass der Kerl da tot in der Ecke liegt.''
''Dem geht’s gut..'' ,versicherte er mir, ''...der ist oft hier.'' Wir sahen zu der Leiche rüber. Egal was auch immer Clancy behauptete, der Typ war tot; schon seit mindestens zwei Stunden.
''Wie auch immer, du meintest du hast Informationen für mich?''
''Ja genau man! Aber warte, erst einmal das.'', er holte aus seinem Beutel ein neues Radio heraus, welches auf dem ersten Blick beinahe Identisch mit meinem alten war und übergab es mir. Erst da bemerkte ich, dass es etwas schwerer war als die anderen, hauptsächlich wegen der Hülle, die viel härter war. Ich staunte nicht schlecht: ''So schnell? Hast du die Dinger auf Reserve gebunkert oder...? Und diesmal sieht es so naja, neu aus. Wo hast du das denn schon wieder... gefunden?''
''Ja so ähnlich. Ich dachte mir schon, dass auch das nächste bald durchlöchert wird. Hab dir das von meinem restlichen Erspartem, schon vor Monaten gekauft. Dieses Modell ist fast schon unzerstörbar. Und dann habe ich es rot lackiert, wie jedes Radio in meinem Wohnwagen. Damit du dich an mich erinnerst und vielleicht doch nicht monatelang wegbleibst. Mich öfter besuchen kommst. Deswegen... hier, sie es als Geburtstagsgeschenk.''
Ich wurde rot, nicht nur weil er anscheinend meine Lüge durchschaut hat, sondern auch weil ich noch nie ein richtiges Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Es war zugegebener Weise, unfassbar süß. Nichtmal ich konnte ihm diese Geste schlechtreden. ''Dankeschön Clancy. Echt... nett von dir. Diesmal werde ich es nicht kaputt machen. Ich verspreche es.''
''Toll! Aber du wirkst plötzlich so traurig, alles gut Zoe?''
Ich schüttelte schnell meinen Kopf: ''Dieser Alkohol man... mein Mund brennt immer noch. Wie auch immer. Glaub ja nicht, dass ich dir deswegen etwas schuldig bin. Und jetzt los, her mit den Infos; ich habe wirklich noch viel zu tun und will nicht ewig hier versauern.''
''Jaja, warte mal. Hier.'' Er holte ein paar ausgeschnittene Zeitungsberichte hervor. Zusätzlich noch sehr viele seiner zerfledderten Karten, aber die Berichte interessierten mich um einiges mehr. Ungewohnter Weise handelte es sich dabei nämlich immer um das Titelblatt, was sehr ungewöhnlich war, da ich immer auf dem Titelblatt war. Aber es war auch keine Lokalzeitung oder eine Louisiana-weite Ausgabe. Bei näherer Betrachtung waren wirklich alle Staaten bedient, so, wie man es auch sonst nur von mir kannte. Und das war keine Übertreibung oder Arroganz. Das letzte mal als ich nachgeschaut hatte, besaß der Schatten eine eigene Rubrik. Es ging auch nicht um die Proteste von heute; und so nahm ich den ersten Zeitungsausschnitt entgegen, der mir am meisten ins Auge sprang. Aus der Michigan Observer. Mmhh, Michigan. Da klingelte etwas. Hat der Radiotyp heute Mittag nicht irgendetwas von... Insgate... gefaselt? Ich überflog den Bericht und las nur wenige Schlagwörter –  die mich interessierten – laut vor.

''Bla bla bla. Schreckliche Ereignisse in Insgate. Lagerhalle. Verstümmelte Leichen von ungefähr zehn Personen, wie ein Augenzeuge im jungen Alter berichtet. Tote Körper zusammengenäht und mit Chemikalien 'bearbeitet'. Keine Spuren, die zum Täter führen könnten vorhanden. Die Polizei ermittelt. Es wird immer noch versucht die angehörigen der Opfer ausfindig zu machen, von denen die meisten im illegalen Autorennen verwickelt und vorbestraft waren. Darunter aber auch die Chemiestudentin Maria Anne Louis, die schon am Abend zuvor als vermisst gemeldet wurde. Ihre alleinerziehende Mutter trauert um den Verlust des zweiundzwanzig-jährigen Mädchens, genau so wie die lokal sehr geschätzten Nachbarn; die Familie Scott, dessen Familienoberhaupt Robert Scott als Polizeichef, die Ermittlungen im Fall leitet. Bla bla bla, auch der Sohn Vincent Scott – er war es zu einhundert Prozent übrigens – trauert um das Opfer, welches zu diesem Zeitpunkt, in der Gleichen Fachrichtung studierte und als-''

''Warte, warte, warte Zoe. Gib mal her!'', Clancy riss mir den Bericht aus der Hand und schaute ihn sich an. ''Dachte ich es mir doch. Da steht nicht das was du- woher willst du wissen, dass es der Junge war. Auf dem Foto sieht er doch ganz... normal aus. Ein harmloser, junger Student. Wahrscheinlich voll der Streber. So mit Brille und Hemd und allem. Und er wird auch nicht einmal verdächtigt. Also, was geht in deinem Kopf schon wieder vor man?''
Ich lehnte mich zurück, als mich das Lachen überkam. Ich wusste nicht wieso, aber es war nicht einmal ein Grinsen, sondern ein lautes Gelächter. Clancy verstummte. Es war so lustig. Und gleichzeitig so perfekt dämlich und herrlich genial. Nach einer Weile hob ich meine Hände und zog Clancy näher an mich heran: ''Ja! Genau! Ein ganz normaler, kluger Junge. Was denn auch sonst? Du hast nicht zufällig noch ein paar Informationen zu ihm?'' Ich ließ Clancy los, der nachdachte. ''Also... nicht viel. Ich habe um ehrlich zu sein nicht Gedacht, dass er Wichtig ist. Ich weiß nur, dass er an die University of Michigan geht und dort Bestnoten hat. Seine Mutter ist Chefärztin und sein Vater – wie schon im Bericht steht – Robert Scott. Der Polizeichef von ganz Michigan, stationiert und Wohnort in Insgate. Deswegen habe ich mir eher Gedanken um ihn gemacht. Echt einflussreiche Leute jedenfalls. Wahrscheinlich oberste Mittelschicht. Oder reich, wer weiß? Und wenn man in Akten und Archiven nach dem Namen von diesem Vincent sucht, dann findet man unfassbare Mengen and irgendwelchen wissenschaftlichen Preisen und Ehrungen. Er macht seinen Eltern alle Ehre. Der soll es echt drauf haben, ein kluges Kerlchen. Aber völlig gewaltfrei durch und durch. Also bitte. Und ich fände es ehrlich gesagt auch ziemlich dumm, mit einem Polizeichef als Vater so etwas zu- Zoe was grinst du denn so? Was hast du vor man? Du bist ja wie ausgewechselt.''
Ich stützte meinen Kopf mit dem einen und ging die Zeitungsberichte verträumt grinsend mit dem anderen Arm durch:
''Bei so jemanden wie dir wird es sicher nicht langweilig... So eine wundervolle Sauerei und trotzdem keine Spuren. Verarscht seinen eigenen Vater und ist mitten in den Ermittlungen drin. Trotzdem verdächtigt dich keiner. Naja, immerhin siehst du auch nicht so aus. Gut gespielt... Vincent... Gut gespielt.''
''Hallo? Zoe? Du murmelst schon wieder seltsame Sachen. Aufwachen.'' Clancy klatschte vor meiner Nase die Hände zusammen und ich war wieder voll da.
''Clancy, ist seitdem noch mehr passiert? Es war ja erst letzten Donnerstag; gab es noch etwas? Noch mehr Morde dieser Art?'' Clancy dachte nach. Dann nickte er: „Ehh... ja. In einer Parkanlage. Da wurde ein Ehepaar in der Nacht ermordet und schon wieder verätzt, verstümmelt und aneinander genäht. Keine Spuren. Hier... ist der Zeitungsbericht. Sie nennen ihn den 'Doktor', er macht gerade richtige Schlagzeilen. Deswegen hat es mich gewundert, dass du ihn noch nicht kennst.''
''Oh, einen offiziellen Namen hat er auch schon? Na sieh mal einer an, dass ging schnell. War aber nicht anders zu erwarten, bei so einem grotesken Auftritt. Ich glaube sogar, er hat meinen in Dunshaw überboten. Nicht, dass er mir noch am Ende die Show stiehlt. Ich habe da nämlich die Vermutung das der gute Vincent hier- also, dass das erste mal eine Art Unfall war. Oder eine Reaktion aus der Verzweiflung heraus. Vielleicht sogar Notwehr, wer weiß? Jedenfalls war es ähnlich wie bei mir. Womöglich erkannte er danach kein zurück, oder noch besser; ihm hat es gefallen. Und da es eh schon zu spät war. Macht er weiter. Zögernd, aber er macht weiter. Vielleicht hat es den Anschein als hätte er kein Motiv, aber glaub mir. Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Und man muss medizinisch und chemisch richtig etwas drauf haben um bei so einer Sauerei keine Spuren zu hinterlassen. Oder generell alles zu vertuschen. Ihm scheint seine Identität sehr wichtig zu sein. Immerhin, bei jemanden von seinem Kaliber – und ich meine jetzt seine Qualifikationen – würde so ein Vorfall sein gesamtes Leben zerstören. Mal davon abgesehen von dem seiner Eltern. Und er befindet sich in der glücklichen Situation, dass sein Vater dazu noch der Polizeichef ist. Genial. Selbst wenn ein Verdacht durch die Verbindung zur Chemie und dieser... Maria da, aufkommen sollte. Der Vater wird es nicht weiter verfolgen lassen. Einfach weil er seinen eigenen Sohn kennt, oder es zumindest denkt. Einfach. Aus. Prinzip. Ein perfektes Doppelleben, was sich der Idiot da zusammengesponnen hat. Ja, Tatsache, ich bin interessiert. Sehr sogar. Er scheint etwas in der Birne zu haben und doch verrückt genug zu sein. Als hätte er da... einen an und aus Schalter. Normal, sozial und beliebt bei Tag. Aber bei Nacht. Mmhh. Er wäre das perfekte Bindeglied zwischen dem Leben als Mörder und der normalen Gesellschaft. Ich glaube-''

''Und was heißt das jetzt?'', unterbrach mich Clancy, sichtbar irritiert. Ja, fast schon wütend. So hatte ich ihn noch nie erlebt: ''Du willst doch nicht etwa zu ihm gehen? Das hört sich fast schon so an, als ob du dich mit ihm verbünden willst. Und was wird aus uns? Ich meine, unserem Team. Das ist Michigan Zoe! Weiter nördlich geht fast nicht! Und- und willst du dann dort bleiben, oder wie?''
''Na und?'', bei meinem Kopfkino hätte ich beinahe vergessen, dass ich Clancy noch umbringen wollte. Jetzt fiel es mir aber wieder ein und wie es schien; ihm auch. Aber so überraschend seine Anspannung auch kam, so schnell war sie wieder verflogen.
''Ich kann es nur immer wieder sagen. Töte mich wenn du willst, du bist relativ vorhersehbar. Warum meinst du sitzen wir gerade hier und nicht im Loch. Du würdest keinen Mord in der Öffentlichkeit begehen. Außerdem habe ich wie gesagt noch Absicherungen. Ich mache es dir nicht einfach, obwohl ich wirklich, wirklich nicht auf Rache aus bin, weil ich dich mag.''
''Was? Clancy. Was meinst du mit Absicherungen?? Ich würde dir nie etwas tun. Ehrlich. Wir sind doch Familie. Selbst wenn ich gehen sollte, ich könnte es nicht übers Herz bringen. Ich habe dir mein Leben zu verdanken.'' Wenn das mal keine Lüge war. Aber Clancy überraschte mich immer wieder mit seiner unscheinbaren Cleverness, welche hin und wieder – wenn auch sehr selten – ans Tageslicht kam. Sodass ich mich manchmal ernsthaft Fragte, ob alles nur eine Fassade war. Ob er sich dumm stellte und eigentlich selbst ein Wolf im Schafsfell war.
''Dann hast du auch nichts zu befürchten...''
Er war der einzige Mensch, den ich nie wirklich einordnen konnte. Immer wenn ich es tat, wurde ich doch wieder vom Gegenteil überrascht. Aber irgendwas sagte mir instinktiv, dass ich jetzt in Schwierigkeiten steckte und das er mehr wusste, als mir lieb war. Viel mehr. Fast schon...

''Clancy. Was hast du getan? Sag mir die Wahrheit. Was meinst du mit 'Absicherungen'?'' Als er nicht antwortete, fing mein Herzschlag an, sich zu erhöhen. Abermals blickte ich auf das rote Radio und als mich dann eine Erkenntnis, wie mit einem Blitzschlag traf- ''Fuck...'' Ich nahm das Radio und schaltete es an – sodass jeder in der Bar es mitbekam – als die moderierende Stimme folgende Worte sprach, die mir das Blut in allen Adern gefrieren lies.

''Breaking News auf Local24/7, der schnellsten Berichterstattung zwischen den Frequenzen. Die unfassbaren Informationen, die zur Lösung im Falle des Schatten, unsere Radiostation vor einer halben Stunde erreicht haben, machen bereits die Runden. Und so fanden Feuerwehrmänner, die zur Löschung eines der vielen Brände an jenem Gedenktag ausrückten, um kurz vor Mitternacht, im Zentrum des Brandherdes einen Wohnwagen Kennzeichennummer Louisiana 0CH. Was zunächst nach einer gewöhnlichen Brandstiftung aussah, wurde ernst, als bei Durchsuchungen im Wagen selbst eine Metallkiste ausfindig gemacht wurde, in der der vermeidliche Name, das Aussehen, Alter und sonstige Daten zum Mörder enthalten waren. Demnach startete die Polizei eine sofortige, landesweite Fahndungsaktionsaktion zur Person, die auf jene Beschreibung passt. Zoelle Baker, weiblich, zwanzig Jahre alt – geboren am 10. Dezember 1980 – 2,05 Meter groß, hellhäutig, schlank, schwarze Haare, schwarze Klamotten – höchst wahrscheinlich Stiefel und Mantel – knochiges Gesicht und dunkle Augen. Die Polizei bittet um Vorsicht und eine sofortige Kontaktaufnahme, da sie laut Wissensstand unzählige Waffen in ihrem besitz-''

Ich schaltete das Radio aus, mit ruhigen Händen und einer sanften Bewegung. Ich konnte einfach nur ins Leere starren, spürte aber die Blicke der gesamten Bar in meinem Nacken. Für eine Minute war es still. Dann rutschte mir endlich ein Wort raus: ''Oh...''
Und auf einmal brach alles über mich ein. Mein Atmen wurde schneller und ich war abermals in Panik. Ich hielt meinen Kopf: ''Das ist ein Traum, das ist ein Traum, das ist ein Traum. Es muss ein Traum sein du- du!!!'' Ich stand auf und knallte meine Handflächen gegen den Tisch: ''Du gottloser Verräter!! Wie kannst du nur?!''
''Es war deine Entscheidung.'', meinte Clancy mit einer trockenen Emotionslosigkeit, die mich regelrecht erschrak. ''Hättest du nur zugehört und Ruhe bewahrt, wäre das alles nicht passiert. Du hast den Wagen angezündet und die Bullen hergelockt. Es war deine Entscheidung einem Menschen, der dir nur helfen wollte, weh zu tun. Zoe, ich habe so viel für dich getan. Und mir waren die sonstigen Schikanen einfach egal, ok?! Ich wollte nicht alleine sein, genau wie du. Aber was fällt dir ein mich nach allem links liegen zu lassen und verdammt; töten zu wollen? Der Wohnwagen war mein Leben. Jetzt kannst du auch den Rest nehmen. Tu dir keinen Zwang an. Aber lass mich dann wenigstens dafür sorgen, dass du dein Leben damit verbringst einsam zu sein und davonzulaufen. Ich werde es dir nicht einfach machen. Aber glaube mir wenn ich sage, dass ich weiß, dass du das schaffen kannst. Ich hoffe trotzdem das Beste für dich. Und denk immer daran; Kriminelle müssen zusammenhalte-''
''Halt die Klappe!! Halt deine verdammte Fresse ich kann es nicht mehr hören!! Verräter!!'' Ohne zu zögern riss ich meine Knarre aus dem Mantel uns schoss ihm sein Gehirn aus dem Schädel. Er kippte langsam nach vorne weg und legte die Sicht auf die voll geblutet Wand hinter ihm frei. Dann kümmerte ich mich um den Rest der Bar. Jedenfalls waren die meisten Leute hier anscheinend alle zu besoffen gewesen um schnell zu erkennen in was für einer Lage sie waren um schnell fliehen zu können. Nur der nüchterne Barkeeper, der meinen Namen wusste und die Radioübertragung mitangehört hatte – mich darin wiedererkannte – hatte sich hinter der Bar verschanzt und die Polizei alarmiert. Ich tötete in einem Anfall von Raserei alle. Es war vorbei. Ich wollte Fliegen. Jetzt war ich vogelfrei. Und alles nur dank ihm... es war eine Katastrophe! Alles was ich mir die Jahre erarbeitet hatte, alles worauf ich geachtet hatte. Für nichts! Ich fluchte noch lange vor mich hin, als ich hektisch Vorkehrungen traf. Ich musste mir einen Notfallplan ausdenken. So schnell wie möglich. Mir ein neues Ziel klar machen, die Orte wechseln. Egal was, Hauptsache Zeit gewinnen. In meiner Panik, fiel mir im Augenwinkel wieder das Foto von Vincent Scott auf, welches ich vor fünf Minuten noch seelenruhig auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Aber ich hatte auf die Schnelle keine andere Wahl, ich musste es riskieren, wenn mir nicht ein sehr, sehr schlimmes Schicksal bevorstehen sollte. Ich brauchte einen Partner, alleine könnte ich das nicht schaffen. Deswegen schnappte ich mir das Radio, die Karten, Bilder und Zeitungsberichte, die auf dem Tisch verteilt lagen und machte so schnell wie möglich einen Abgang. Zusätzlich noch den Schlüssel des Motorrads einer Frau, die hier in der Bar von mir umgebracht wurde. Ich setzte den Helm auf und lief aus der Bar. Man konnte von Glück reden, dass die Leute dieser Stadt bereits wussten, dass man sich weder in Dunshaw noch in Venwood, in der Nacht draußen aufhält. Die Straßen waren leer und so schaffte ich es aus der Stadt raus; auf den Highway. Immer Richtung Norden. Es war eine klare Nacht. Es wurde ganz still, was die Stimmen in meinem Kopf mit der Stimme im Radio und seinen letzten Worten verschmelzten ließ. Und ich musste unter dem Helm viel weinen. Konnte nicht realisieren, was geschehen war. Auch, dass Clancy Tod war. Wieso passiert sowas immer an Geburtstagen? Wieso mir? Wieso veränderten sich die Menschen von einem auf dem anderen Moment? Wie gerne hätte ich einfach alleine weitergearbeitet. Ich hatte kein Problem damit alleine zu sein. Nein, man konnte Menschen einfach nicht vertrauen. Aber jetzt, da ich mich genau so wie das Wrack fühlte nach der Nacht, indem ich meine Eltern getötet hatte... ich brauchte jemanden, der mir halft. Auch wenn ich diesem jemandem wahrscheinlich nie wieder vollstes Vertrauen schenken würde.

Ich war mir fast schon sicher, dieser jemand war der Doktor. Vincent Scott.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast