Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

ZOE - DAS LEBEN DES SCHATTEN [BAND I]

von VAPIID
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18 / Mix
23.05.2020
14.04.2021
13
246.215
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
08.04.2021 25.744
 
Als die Welt brannte – Das Vermächtnis


„Das Schlimmste an einem Verrat ist- dass er niemals von einem Feind ausgeht. Sei also achtsam; beim Versuch alles und jeden, was dir einmal nahe stand zu vernichten, aus Angst vor einem erneuten, tödlichen Schlag. Denn selbst wenn jeder, der dich liebt nicht mehr ist, gibt es immer noch genau eine Person, die dir in den Rücken fallen, dich enttäuschen und in Stücke reißen kann.
Und das bist du selbst.“

         - Zoe Baker  * 10. Dezember 1980 Dunshaw, Louisiana; † 7. Januar 2001 Insgate, Michigan.


Boop. Boop.

„Und dann noch genau... mh, fünf Doller für die Snacks.“
„Aber da steht sechs.“
„Ach tut es das? Egal, der Rest geht auf mich.“
„Hier. Dankeschön! Einen schönen Tag noch.“
„Ich habe zu danken! Und ab jetzt ist doch jeder Tag ein schöner Tag, oder?“ Der Kunde lächelte zurück, als er das Tankstellenhäuschen verließ. Die Glocke bimmelte, ich seufzte aus. „Was für ein toller Nebenjob. So viele nette Menschen. Und verdienen tut man auch nicht schlecht. Trotzdem... ich kann es kaum erwarten nach Hause zu kommen. Bald ist Feierabend! Dann ist Schicht im Schacht!“

Oh ja. Es war wirklich ein schöner Tag. Der Schatten ist ja immerhin tot. Ngh. Endlich. Zoelle Baker ist wohl erschossen worden; wenn man den Nachrichten Glauben schenken kann, geschah es in der Nacht vor drei Tagen. So stand es jedenfalls in den Schlagzeilen. Das Ende der brutalsten Mordserie einer Einzelperson seit Beginn der Kriminalaufzeichnungen dieses Landes. Verrückt. Unwirklich. Es waren die neusten News. Die schnellste Berichterstattung. Fast stündlich kamen neue Infos zu der Sache an die Öffentlichkeit. Manche davon beinhalteten ein Fünkchen Wahrheit - die meisten wie so oft nicht. Es war fast schon wahnwitzig. Es wurde über nichts anderes mehr geredet. Die Medien liefen heiß. „Rekord Killer am Boden, Amerika ist wieder frei!“ „Die Welt atmet auf! Das Leben und der Tod der geisteskranken Mörderin!“ „Nach fünf langen Jahren der Schreckensherrschaft – Die Kugel, die Erlösung brachte!“ Ja... aber neben diesem Lärm, schien es fast so als würden auch die Vögel wieder lauter zwitschern. Als wäre die Welt gereinigt worden. Oder war es nur ich? Für einen Moment schien es Frieden zu geben. Die Autos auf dem Highway, rauschten nun leise vorbei, nachdem die letzten Tage ununterbrochen gehupt und gejodelt wurde. Durch jede Straße, jeder Groß- und Kleinstadt der ganzen USA. Menschen, die aus Venwood, Dunshaw und Umgebung geflohen waren oder nicht gestorben sind, wurden nun zu Haufe interviewed. Die aus der Stadt Insgate ebenso. Sie feierten lautstarke Feste. Die Kirchen, die Altstadt und die Einkaufszentren waren wieder befüllt. An den Schulen wurde wieder der Normalbetrieb aufgenommen. Alles war normal. Normal.... Was hieß normal? Es war besser denn je! Die Menschen hier schienen endlich wieder Farbe und ein Lächeln in ihren Gesichtern zu haben. Man schwärmte darüber wie schön es sein wird, wenn man in Sommernächten wieder mit Freunden durch die Straßen ziehen oder sich in Bars und Clubs aufhalten kann. Wieder ohne Gewehr unter der Matratze schlafen zu können. Nicht ständig in Angst leben müsse selbst erwischt zu werden, oder die Liebsten zu verlieren. Es war wirklich ein perfektes Happy End nach einer langen Tortur. Außer diese eine Sache, die ich schon vorhin angesprochen hatte. Die mich persönlich daran störte.

Es war fast so, als würde es manchen Menschen an der Fähigkeit fehlen... naja, einfach loszulassen. Die Vergangenheit niederzulegen, zu vergraben und wenn möglich nie wieder hinzublicken. Was sie taten, war das genaue Gegenteil. Plätze in Talkshows wurden verteilt, ganze Dokumentarfilme über diesen Albtraum standen in den Startlöchern. Jeder, der sich nicht zu ihrer Lebzeit hinter ihrem Rücken über sie äußern wollte – aus Angst das nächste Opfer zu sein, kam nun selbst ans Licht und zeigte sich präsent. Sie machten Witze über sie, beschrieben ihr Leben, priesen sie, versuchten ihre Psyche zu verstehen... ohne sie jemals gekannt zu haben. Von Objektivität – keine Spur. Es schien fast so als würde sich nun jeder der konnte gehässig über diese Frau her machen und ihr Ableben auszuschlachten, um Profit zu machen. Und die Übrigen liebten es und sogen jedes Wort davon dankend auf. Sie labten sich daran. Doch. Irgendwo machte mich es auch krank. Obwohl mich auch interessierte was damals geschehen war, ich konnte es nicht ganz verstehen. Aber vielleicht musste ich das auch nicht. Einfach nicht mehr hinsehen. Nach vorne blicken. Vielleicht war es auch einfach Zeit sich von Menschen abzuschotten. Mh. Genau. Aber das war es also...

Ihr Vermächtnis. Ob da noch mehr kommen würde? Sicher... aber wann kam – er – denn eigentlich endlich-
Ein weiterer Kunde und das Klingeln der Glöckchen am Türrahmen, holte mich aus meinen Gedanken heraus. Ich schüttelte meinen Kopf und sortierte noch schnell das restliche Geld in die Kasse ein, bevor ich aufblickte. Mit schweren Schritten trat der Mann ein. Er schaute sich ein bisschen um, schniefte. Er sah genauso aus wie jemand, der eine Tankstelle wie diese überfallen würde. Der Mantel erinnerte mich schon an etwas. Aber ich sah erst einmal einfach nur skeptisch zu, als er im Gang herumschunkelte. Mit einem Auge immer am Überwachungsmonitor rechts von mir blickend. Aber es war veraltete Schrotttechnik; ich konnte kaum etwas erkennen und verließ mich lieber auf meine eigenen Sinne. Und ja. Für einen kurzen Moment nahm er meine gesamte Aufmerksamkeit ein. Ich wusste wer es war, es lag mir auf der Zunge aber doch, genau in diesem Moment schien es mir nicht wirklich einzufallen. Mein eingerostetes Gedächtnis. Jedenfalls war ich nach fünf Minuten und dreizehn Sekunden ziemlich perplex vom ganzen hin- und her. Letzten Endes hatte er auch noch bei den Zeitschriften angehalten und blätterte sie durch. Eines nach dem anderen.
„Hey! Hallo? Suchst du etwas bestimmtes Schätzchen? Wer lesen will muss kaufen!“, lächelte ich. Er legte die Tageszeitung weg und trat nun an den Tresen heran. Er war groß, dennoch schaute ich an ihm herab, was ihn kaum zu stören schien. Ganz im Gegenteil, er stützte sich selbstbewusst ab, schaute mich kauend an. Verdammt musste er viel Gel in seinen Haaren haben. Oder war es Motoröl? Nun bemerkte ich seine leuchtenden, blauen Augen und dass sein Kopf mit einem Verband umwickelt war. Aber mir fiel einfach nicht ein wer...

„Zigaretten.“
Ich runzelte die Stirn, ging dann Rückwärts zum Regal, um sicher zu gehen, er würde die Finger von der Kasse lassen. „Welche?“
„Mhh...“, grunzte er, „Cettica.“ Es waren die teuersten Zigaretten, die wir hatten. Mir war nur eine andere Person bekannt, die sowas regelmäßig rauchte. Ich schob sie ihm über den Tresen. Er nahm eine mit einer schnellen Handbewegung raus und zündete sie sich mit einem angelaufenen, goldenen Gasfeuerzeug an. „Sir- würden Sie es bitte unterlassen hier drinnen zu rauchen? Der Feuermelder...“, meinte ich nervös. Der Mann hob die Augenbraue und zeigte, ohne nach oben zu blicken, an die Decke zum offensichtlich kaputten Feuermelder. Dann lehnte er sich noch mehr gegen die Theke und schaute tief in meine Augen. Seine waren wirklich bemerkenswert. „Ich hatte eine ziemlich beschissene Woche. Ich brauch das jetzt.“ Ich neigte mich nervös zurück: „Ehh... kann ich verstehen haha. Ich auch. Wollen Sie noch etwas?“ Er zog ein paar Mal an seiner Zigarette und dachte nach. Er schien sehr, sehr langsam zu sein, wenn es ums denken ging. Entweder das oder die Kopfverletzung war schlimmer als gedacht. „Hast du...“, meinte er dann schließlich, „Irgendwelche... Neuigkeiten zu dieser ganzen Zoe Baker Sache? Die ganze Situation hier. Ich... hab den Überblick verloren bei der ganzen Medienscheiße. Ich bin nicht von hier. Nur auf der Durchreise.“
„A-Achso, verstehe! Also... naja... dass sie Tod ist-“
„Ist angekommen... jaja.“ Der Mann brach den Blickkontakt für einen Augenblick ab und schaute auf den Boden, hauchte den restlichen Rauch aus seinen Lungen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde er Reue zeigen oder trauern, dann räusperte er sich und packte seine Brieftasche aus: „Seitdem nichts passiert?“ Er wollte tatsächlich für die Zigaretten zahlen. Das hätte ich beinahe vergessen. Ich öffnete die Kasse: „Gestern Abend hat sich der Polizeichef von Michigan zu der Sache mit seinem Sohn das erste Mal geäußert. Also. Das war interessant.“ Ich nahm das Geld entgegen und gab Rückgeld. Er hob die Augenbraue und nahm das Geld entgegen: „Seinem Sohn? Und was zum fffick hat das mit der Sache zu tun?“

„Noch nicht mitbekommen?“, jetzt lehnte ich mich ebenfalls an den Tresen und war in der Materie drin: „Sie haben den Jungen festgenommen. Er wird verdächtigt der Doktor zu sein. Wenn er aus seinem Koma aufwacht, landet er erst einmal in Haft und vor Gericht, die Beweislast ist wirklich niederschmetternd. Wird gesagt. Tz. Seine armen Eltern. Wie das aussehen muss. Für den Polizeichef und eine Ärztin. Aua.“
„Der Doktor? Hast du... n Bild oder so? Würde schon gerne wissen, wie der Typ aussieht...“
„Oh er sieht wirklich sehr gut aus, aber wieso willst du das denn wissen? Haha, selbst in den Schatten verknallt gewesen, oder was? Warte- hier. Sein Name ist Vincent Scott.“ Ich faltete ein Tagesblatt auf, was ich unterm Tresen hatte. Er schaute es sich an, schlug dann mit der Faust auf den Tresen, sodass ich aufschrak: „Kleiner Pisser! Ich hätte es wissen sollen, verdammter Verräter!“
„Du kennst ihn? Ziemlich komisch für jemanden, der nicht von hier und auf der Durchreise ist.“
„Schlauberger. Der Penner hat meinen verdammten Revolver gestohlen! Wenn ich den in die Finger bekomme... Und wenn er mit diesem gruseligem Dreckskind zusammengearbeitet hat. Ich wusste, irgendwas ist da faul. Kein Wunder, dass sie jetzt unter der Erde liegt. Sie ist zu weich gewesen! Das hat sie jetzt davon!“ Ich nahm ihm vorsichtig die Zeitung aus den Pfoten und hielt dabei einen gesunden Sicherheitsabstand ein.

„Aaalles... klar. Du musst verrückt sein. Aber kein Ding, ein Ort wie dieser ist wirklich wie ein Magnet für Verrückte. Zigaretten wirklich das Einzigste, was du brauchst?“ Ethan schmiss die Zigarette auf den Boden und trat sie aus: „Nah.“ Er ging einige Schritte weiter und schlug sich dann vor den Kopf. Drehte sich um und packte sich in die Taschen. Ich dachte gerade schon, er wollte eine Waffe rausholen und mich erschießen, aber er nahm abermals sein goldenes Feuerzeug raus, warf es zu mir rüber: „Das sollte als Bezahlung reichen.“ Ich fing es gerade noch auf. Schaute das Feuerzeug in meinen Händen genau an... es musste echtes Gold sein. Glaubte ich. Wahnsinn. Und cool ist es auch. Das behalte ich. „Bezahlung wofür?“ „Wärend wir zwei hier nett geplauscht haben, pumpen meine Kollegen draußen die gesamte Tanke leer. Dachte, es wäre ein fairer Tausch. Jedes Feuer braucht immerhin Gas.“ Ich klappte das Feuerzeug auf und machte ein Feuerchen. Hielt es vor meinem Auge, sodass Ethan ganz in der kleinen Flamme stand: „Das muss ein ziemlich großes Feuer sein, dass ihr da geplant habt... Schade, dass es keiner mehr verhindern konnte. Oder die versagten, die es versucht haben...“
„Darauf kannst du wetten. Aber naja, was solls. Jeder macht Fehler. Zum Mitschreiben. Ich töte dich nur nicht, weil du mich irgendwie sehr stark an zwei Menschen erinnerst... die mir jetzt fehlen.“, meinte er, als er langsam aus der Tür trat: „Oh. Übrigens. Nette Tattoos hast du da. Kein Grund sie zu überschminken. Falls du noch eines dazu willst; sag einfach Bescheid. Würde dir auf jeden Fall stehen...“ Die Türglöckchen klingelten abermals, wenig später fuhr der vollgepumpte Tanklader weg. Ich seufzte aus, setzte die Mütze ab und öffnete meinen Zopf, den ich mir mit einem pinken Haargummi hinten zusammengebunden hatte.

„Natürlich würde es mir stehen...“ Ich drehte mich um und ging zu einer Spüle, wo ich mir das schmierige, dicke Makeup von Gesicht und Händen wischte, welches durch die letzten Tage an vielen Stellen schon Löcher hatte: „Ich war ja der, der es entworfen hat. Argh. Vielleicht hatten Vincent und Robert doch recht. Diese Tattoos fallen zu sehr auf. Ich werde immerhin gesucht; aber ich hätte sie mir ja auch nicht gestochen, wenn ich gewusst hätte, dass ich noch weiter- Lucy du kannst übrigens rauskommen, er ist weg!“, meinte ich, als ich abgeschminkt und mit dem Fluchen fertig war.

In diesem Moment kam Lucy aus der Tür neben mir: „Wie hat er mich genannt Brian?“ Ich trocknete mich ab. Als ich das Tuch runter nahm und ein letztes Mal meine Haare durchschüttelte, bemerkte ich wie Lucy mich verträumt angaffte. Die hat doch einen Knall: „Was? Naja. Wie auch immer. Also wenn die mit dem zündeln anfangen, sollten wir wirklich nicht mehr hier sein. Ich habe keine Lust als Hackbraten zu enden. Obwohl der von Evelyn wirklich immer köstlich war. Ich frage mich, wie ich schmecken würde…“

„Sicher toll...“
„Was?“
„Was?“

Lucy versuchte sich neben mir auf den Tresen zu hieven. Ich griff ihr fix unter die Arme und half ihr auf.
„Sollen wir die Stadtbewohner warnen?“ Nachdenklich schüttelte ich meinen Kopf: „Wir haben genug getan, findest du nicht? Schon vergessen? Wir entscheiden ab jetzt, wo es lang geht. Das heißt, ich entscheide und du machst immer noch das Gleiche, aber diesmal ist es anders, weil ich mache was ich will. Und... du passt drauf auf, dass das was ich will nicht schlecht ist und wirklich das ist, was ich will. Und auf dich passt du auch auf... Und... dabei pass ich auf dich mehr auf... und... irgendwie wird das schon alles wieder. Ich bin in letzter Zeit ein bisschen verwirrt.“

„Und was willst du?“
Ich dachte nach und öffnete den nächsten Wein: „Eines nach dem anderen. Also ich fahr schon mal mit einem Motorrad vor nach Dunshaw. Du kümmerst dich weiter, dass der süße Vinci-Boi aus dem Knast kommt, verstanden?“ Ich meinte zu glauben das Fahren auf dem Rücksitz vor kurzem, hatte mir genug Informationen gegeben um das ohne Lucy hinzubekommen. Sie lächelte mir zu: „Mach ich!“ Ich fing an die Kasse auszuräumen.
„Das Justizsystem zu verarschen wird kein Problem sein, wenn Vincent mitspielt und nach dem Aufwachen nicht alles hinschmeißt. Aber so wie ich ihn kenne, wird er wieder nur für sich selbst sorgen. So ist er nun mal. Oh. Und der Revolver, den du Ethan gestohlen hast?“ Sie öffnete ihren Rucksack und nahm die Waffe raus. Wedelte damit rum. Ich dachte nach: „Mh... sorg dafür, dass er wieder bei seinem rechtmäßigen Besitzer landet. Sowas macht man nicht! Ich glaub außerdem der Typ hat einen guten Kern. Er kann in Zukunft nützlich für uns sein. Du hast genug Waffen. Noch eine Schusswaffe mehr und ich raste aus. Ich kann sowas nicht mehr sehen, oder in der Hand halten. Schreckliche Dinger... mindestens genau so blöd wie Autos- wieso sind wir noch einmal an eine Tankstelle gekommen? Ach ja...“

Ich schaute dabei gedankenverloren das Feuerzeug an, was er mir gegeben hatte. Steckte es in meine Hosentasche hinein: „Wir haben schon ein Erinnerungsstück an ihn, das wir irgendwann mal gebrauchen könnten. Das reicht. Und Gold eh besser als Silber, habe ich gehört.“ Lucy schloss den Rucksack, nickte und hüpfte an einem Schokoriegel knabbernd vom Tresen. „Oh, noch was Lucy. Halt dich von Feuern fern. Wenn du in den Wäldern bist, zieh die Gasmaske von Vincent an. Das soll helfen glaube ich. Ich will nicht, dass du den Rauch einatmest. Bah. Wo man davon spricht, der Typ qualmt ja genau so wie Ma, is ja ekelhaft. Schon seltsam, dass er das mit dem Rauchalarm-Dings bemerkt hat. Ein bisschen Grips hat er doch. Oder er hat einfach gelernt auf Sachen zu achten die über ihm sind.“ Lucy streckte die Zunge raus, dann schien es fast so, als hätte sie etwas bemerkt.

„Nawww! Brian! Kümmerst du dich um mich?“, Lucy umarmte meine Beine. Ich wurde rot: „Natürlich- ich- ich hab doch versprochen mich um dich zu kümmern. Und jetzt ab mit dir. Geh noch ein paar Leute töten! A-Aber- vorsichtig halt... Wir sind jetzt immerhin eine Familie.“
Lucy quietschte ein bisschen, ging dann wieder ins Hinterzimmer. Die Tür schwang vor und zurück. Es war Zeit, die restlichen Dinge zu sortieren. Ich griff in meinen Pullover, holte ein Bild raus, was mir Lucy mit Vincent´s Fluchttasche mitgebracht hatte. Ein Familienfoto der Scotts. Ich schaute es mir für einen Moment an. Ja. Es steckte auch genug Gutes in ihm, dass ich ihn leben und frei lassen konnte – das war mir klar - sonst hätte er das nicht mitgenommen. Sonst hätte er meine Schwester nicht so geliebt, sonst wären wir keine Freunde gewesen. Außerdem ist es diesmal etwas Persönliches. Ich will ihn gar nicht töten. Dann fasste ich abermals in meine Tasche, holte ein paar spitze Dinge hervor. Ich spürte, wie ich mich an einigen der Teile schnitt. Sie waren doch noch... überraschend scharf. Ich legte das zerbrochene Messer neben dem Foto auf dem Tresen. Den Griff und die einzelnen Bruchstücke. Fasste ein aller letztes Mal in meinen Pulli und holte einen dritten Gegenstand heraus. Das zerrissene Polaroidfoto meiner Schwester. Ich schaute mir diese drei Sachen genau an, versuchte sie mir einzuprägen: „Ja... es ist fast so, als wären alle Bruchteile da. Alles noch in Takt. Man muss es nur irgendwie... alles wieder zusammenfügen.“ Ich fing schon mal damit an und nahm einen Tesafilm und klebte grobmotorisch aber so gut wie möglich die zwei Hälften des Bildes zusammen. Um die zweite Sache würde sich Lucy schon kümmern aber... Mein Blick fiel auf das Messer: „Aber... Manche Dinge bleiben wohl für immer verloren. Tut mir leid, Schwesterherz.“

„Brian! Das Motorrad ist da!“ Bevor Lucy wieder reinkam, steckte ich alles davon in ihren Rucksack. „Ich werde dich vermissen! Und- Und pass auch du auf Feuer auf! Insgate ist nicht die einzige Stadt, die brennen wird.“ Sie hatte recht. Im ganzen Land wurden Tankstellen leergepumpt. Deswegen waren wir ja hier – um Proviant zu packen. Um Ethan abzufangen. Ich wollte ihn einfach mindestens einmal gesehen haben. Eine der wenigen Personen, die meine Schwester tatsächlich mochte. Die andere Person... hatte ich schon im Krankenhaus besucht. Mehrmals. Ich hoffte er würde bald wieder aufwachen. Ich hoffte jeder auf dieser Station, der im Koma war, würde bald aufwachen. Ich sprach aus Erfahrung; es ist nichts Schönes, in diesem Zustand gefangen zu sein. Vor allem nicht für diese zwei Süßen. Ich musste lächeln. So ganz weit weg und trotzdem so nah. Aber das ist besser als nichts, oder? Ach ja. Evelyn ist mir schon eine. Sie bekommt es einfach immer und immer und immer wieder hin mich zu überraschen.
Ich schüttelte meinen Kopf und erwachte aus den Gedanken. Die letzten drei Tage, schon kurz nachdem die Gerüchte rumgingen, wurde alles für den Flächenbrand vorbereitet. Ethan musste alle Befehle weitergegeben haben. Und niemand außer Lucy und mir hatte eine Ahnung davon, wie groß das Ausmaß werden würde. Ziemlich sicher, das war der letzte Wagen. Spätestens um Mitternacht würde die gesamte Welt brennen. Man muss kein Genie sein, um sich zu denken, wie weit verbreitet die Schattenkinder waren. Und sie sind bereit, alles zu tun, um ihren Gott zu rechen. „Es ist Zeit zu gehen.“ Ich gab Lucy ihren Rucksack: „Hier. Geb alles was da drinnen ist, den rechtmäßigen Besitzern zurück. Oder halt... naja, schau dass am Ende alles dort landet, wo es soll. Und den Rest der Aufträge- vergiss es nicht.“
„Mach ich! Ich mache alles!“
Ich legte meine Hand auf ihren Kopf und wuschelte drüber. „Ich weiß. Aber nur um es klarzustellen. Wenn du es nicht machen willst, ist es auch gut.“ „Jajaaa... ich mach es trotzdem für dich!“, meinte sie nun etwas genervter. ich lächelte ihr zu.
Irgendwie fühlte ich mich ruhiger, nachdem meine Schwester... tot war. Nicht erfüllt, aber auch nicht mehr unter Strom. Voller Trauer, aber mit einem befreiten Gewissen. Die Erkenntnis, dass ich doch fehlbar bin, hat mich aufhören lassen mir tausend Gedanken, um jede Verknüpfung einer Sache zu machen. Jedenfalls versuchte ich mein Bestes. Es hatte ja doch keinen Sinn. Und gerade eben, brauchte ich das auch wirklich nicht. Ich kniete mich vor Lucy hin: „Pass auf dich auf Bärchen. Und komm nach, gleich nachdem Vincent geholfen ist. Ich versuche solange das Haus wieder bewohnbar zu machen. Ab da, bin ich für dich zuständig, ok? Und ich werde dich beschützen.“ Lucys Augen funkelten, sie fiel mir um den Hals: „Danke Brian! Aber wenn ich dann noch Sachen für dich machen soll, sag immer bescheid!“
„Ehhm... ja- eh. Kein... Problem... denke ich.“ Ich stand wieder auf und ging aus der Hintertür raus, hinter das Tankgebäude. Kurz bevor ich ausgetreten war, schlug ich mir vor die Stirn und ging zurück zur Kühlkammer. Wo ich die zwei eigentlichen Arbeiter der Tankstelle entfesselte. Sie hatten beide ihren Napf schon Zuende gegessen und spielten Karten. Ich hockte mich hin und tätschelte auch ihre Köpfe: „Das ist nie passiert.“, und verließ den Raum mit offen gelassener Tür. Lief abermals auf den Parkplatz, wo Lucy schon wartete. Wo ich mir auch sofort den Motorradhelm aufsetzte und es mir auf dem riesen-Fahrzeug bequem machte. „Dieser Ethan hat ein echt teuren Geschmack, nicht wahr? Ich frage mich, wo das noch hinführen wird. Welche zwei Personen er gemeint hat? Oh. Danke, dass du sein Motorrad gestohlen hast, während er abgelenkt war, uns abzulenken, damit er etwas stehlen kann, während ich ihn ablenke und was ganz anderes von ihm stehle.“ Ich rüttelte in meinen Ärmeln herum und ließ die Schüssel herausfallen, den ich ihm gerade persönlich abgenommen hatte: „Naja. Manche Menschen ändern sich wirklich nicht! Bis später Lucy! Hallo neues Leben! Wohhooo!“

Der Motor heulte. Und schon war ich auf dem Highway. Ja. Manche Sachen ändern sich nie. Ganz ehrlich, ich hatte keine Ahnung wo ich überhaupt hin fuhr. Aber es war im Prinzip egal. Es würde bald überall brennen.


Vincents Sicht:

„In wenigen Momenten meine Damen und Herren, schalten wir live aus dem M24 Studio zu Rebekah Blunt, an einem der weitläufigsten Brandherde der Vereinigten Staaten in Sektor 10 – hier – auf unserer Flächenbrand US-Livekarte. Aber davor schauen wir uns das hier noch einmal genauer an. Rausgezoomt, der gesamte Sektor rund um Louisiana – der Heimat des Schatten – ein einziges, gigantisches Feuer, vergleichbar mit dem im Sektor 4 – Michigan. Beide dunkelrot bis pechschwarz im Norden und Süden eingefärbt. Sehr überraschend dennoch im Sektor 2 im Westen – Kalifornien, der Wald- und Waldbrand-Staat schlechthin – nach wie vor, so gut wie unversehrt in grün bis blau, durch die unerschütterliche Unterstützung mit Milliardensummen an Spendengeldern der lokalen Oberschicht. Über die sogenannte Löschdecken-Aktion und dem Imagewandel vom Teufel zum Schutzengel des Küstenstaates seitens Richard Nolan, kommen wir ebenfalls. Später. Zurück. Rebekah, konnten in den letzten Stunden die Flammen gelöscht werden, oder sieht es momentan schlecht aus? Wie ist die Lage dort unten?

Erst einmal einen guten Tag zu euch ins Studio und ja. Hinter mir, wie man sehen kann, toben die Flammen über dem Kisatchie National Forest – teilweise in bis zu Höhen von 200 Fuß mit schockierender Ausbreitungsgeschwindigkeit, eben durch die flächendeckende Benutzung von Brandbeschleunigern wie Benzin. Selbst die vorangegangene Regensaison konnte dies nicht verhindern. Ich kann euch auch kaum hören, wegen der Wände an Flammen ein – gigantisches Meer aus brennenden Bäumen, ohne Ende in Sicht. Und doch ist es nur ein Brandherd von vielen. Schon vier Tage – genau eine Woche nach dem Tod von Zoelle Baker, sieht es in weiten Teilen der Welt – insbesondere der USA – ähnlich aus. Menschen, die eingekesselt werden und sich nur noch durch den Sprung in Gewässer retten können, niedergebrannte Wohnsiedlungen, die Zivilisation überrollt von einem unaufhaltbaren Inferno. Wir sehen hier die Bilder, von dem Kisatchie Forst mit dem Helikopter, von oben aufgenommen. Aufnahmen, die ebenfalls immer gefährlicher werden durch die Feuer – so breitflächig, dass sie eigene Wettersysteme aufbauen. Der Himmel ist bereits rot gefärbt. Es ist als würde man mitten in der Hölle stehen.
Von einer zeitigen Löschung ebenfalls keine Spur, was mehrere Gründe hat. Nicht nur das Fehlen von Personal und genügend Gerätschaften wie Flugzeuge zum Löschen von Feuern in diesen Dimensionen, sondern auch die Angst der Piloten, die da mitspielt. Wie schon bekannt ist, wurden fünf Flugzeuge in den letzten drei Tagen mithilfe von am Boden gelegten Bomben oder Schusswaffen vom Himmel geholt. Die restlichen Löschflugzeuge vor dem Abheben bis auf das Knochenmark zu kontrollieren, stellt dabei noch einen weiteren Zeitaufwand dar. Zeit, die die Leute hier einfach. Nicht. Haben. Wir sehen es. Schreckliche Aufnahmen von Männern, Frauen und Kindern, die aus ihren Dörfer, Städten, oder Waldhäusern flüchten müssen, teilweise mit Wunden und schwersten Verbrennungen durch Stichflammen oder Explosionen. Großflächige Evakuierungen laufen schon seit Tagen ab; Flüchtlingscamps und Krankenhäuser seitdem über alle Kapazitäten gestoßen, hundert tausende Obdachlose auf den Straßen, ohne Perspektive und immer noch in Furcht, ein weiterer Schlag – würde – kommen. Todesopfer im vierstelligem Bereich, stündlich ansteigend. Deswegen wurde nun vom Präsidenten, der gerade am Ende seiner Legislaturperiode steht, der Entschluss gefasst die Armee ausrücken zu lassen. Nicht nur zum Helfen, wo es knapp wird und den lokalen Feuerwehrdiensten als Unterstützung, sondern auch in den Flüchtlingcamps, wo sie die Hände der Menschen auf das berüchtigte Schattenkreuz überprüfen, um das Untermischen der Schattenkinder in die Bevölkerung zu vermeiden und weitere Katastrophen an solchen Schnittstellen wie in Georgia und Utah zu verhindern. Neben diesen Kollateralschäden, sind natürlich auch das Massensterben von Tieren- und Pflanzenarten, die Beschädigung von Nationalparks, die Luftverschmutzung, der Schaden im Agrarsektor, sowie der plötzliche Einbruch an Börse und Wirtschaft nur wenige der möglichen Langzeitfolgen, die der Flächenbrand haben wird – ein Experten nach nie dagewesener Terroranschlag mit unvorstellbaren Dimensionen, der uns in Zeiten eines erhofften Friedensanbruch wohl alle. Überrollt hat. Noch kein einziger der Verantwortlichen wurde bis Dato gefasst. Es ist ein Guerillakriegs-artiger Zustand mitten im Herz der USA. Der Kampf gegen einen großen Teil der eigenen Bevölkerung, angeführt von einem herkunfts- und namenlosen Phantom und der Ideologie einer wahnsinnigen Märtyrerin. Die Menschen hierzulande sprechen dennoch vom alleinigen Vermächtnis Zoelle Bakers und schreiben ihr die gesamte Schuld und die Morde post-mortem zu. Wir halten Sie auf dem Laufenden. Heute ist der 14. Januar 2001. Es ist 11pm, Rebekah Blunt. Zurück ins Studio.

Vielen Dank Bekah für den Bericht und die Bilder. Wir beten für alle Betroffenen. Vor wenigen Sekunden hat unsere Nachrichtenstation ein Statement vom Anführer der Terrororganisation der Schattenkinder Ethan Rogers selbst erreicht. Geschickt über einen Brief in seiner Handschrift an dieses Studio. „Lasst uns alle gemeinsam Trauern.“ Die Polizei wird in diesem Moment alarmiert. Wir senden weiter. 24/7 sind wir für Sie da. Nun kommen wir zum Thema des Doktors Vincent Scott. Der Schuldige ist in dieser Sekunde aus seinem Koma erwacht, wir behalten ihn im Auge. Rund um die Uhr, den ganzen Tag. Die ganze Nacht. Wir beobachten ihn. Na los. Mach die Augen auf. Vincent. Was ist los Vincent? Verlierst du schon wieder die Kontrolle? Sie ist tot und es ist deine Schuld. Es ist deine Schuld. Was sagst du dazu, sie verraten zu haben? Du hättest einfach sterben sollen. Sie hat dir vertraut. Du hast es ihr versprochen. Sie hat dich geliebt. Hass. Hass. Hass. Sie hat dich- Ich hasse dich. Vincent. Bitte hilf mir! Bitte! W- Was machst du mit der Waffe? Hör auf! Hör auf! Vincent, wach auf… Wach auf Scott… Bitte ziel nicht auf mich! Bitte! Nimm sie weg! Nimm sie weg! Mach das es aufhört! Aaaahahahahaahhhhh!!! Und nun zum Wetter.“
In diesem Moment griff ich nach dem nächstgelegenen Gegenstand und schmiss ihn gegen den Fernsehkasten. Es war eine Vase, die zusammen mit der Scheibe in hunderte kleine Splitter geschlagen wurde. Als sie am Boden klirrten, bekam ich Flashbacks, hielt mir den Kopf und schrie vor Schmerz auf. Ja ich zappelte, riss die ganzen Schläuche aus mir heraus und hörte nur noch wie mein Herz auf einem anderen Monitor flatterte.
Auf einmal gab es einen Cut. Ganz plötzlich, war alles wieder schwarz. Mein Herz hörte sich normal an, als ich meine Augen wieder öffnete, stand die Vase noch ganz neben mir, der Fernseher war in Takt – ausgeschaltet. Ich lag still, konnte mich überhaupt nicht bewegen. Was war das? Wurde ich wahnsinnig…
Ich versuchte mich einfach erstmal zu besinnen, wo ich war. Was passiert ist. Wie ich mich fühlte.

Und ich hatte mich wirklich mit Abstand noch nie so leer gefühlt. Nachdem ich meine Augen geöffnet hatte, hatte ich gerade noch die Kraft meinen Kopf zu drehen und aus dem Fenster zu schauen. Die helle, freundliche Sonne schien mir aufs Gesicht, der blaue Himmel, die Vögel zwitscherten. Ich sah den Flusen dabei zu, wie sie im Schein des Lichtes friedlich herumtanzten und irgendwie war alles doch so… Taub. Ich drehte meinen Kopf zurück und schaute an die Decke. Schmeckte erst jetzt, wie das restliche Blut meinen Rachen herunterlief. Ich konnte nicht nachdenken, es war fast so, als hätte jemand einen weichen Filter über meinen sonst scharfen Verstand gelegt. Nach kurzer Zeit liegen spürte ich, wie die Erinnerungen sehr langsam immer weiter hochkamen. Und immer wieder, krampfte sich mein Herz dabei zusammen. Was hatte ich getan? Wieso ich? Wieso sie? Ich erinnerte mich an ihre letzten Worte an mich. An Zoe´s letzte Worte. Als sie Panik bekam und mir verzieh. Nicht aus Liebe – wie ich mir selbst immer wieder versuchte einzureden, sondern aus purer Angst. Als hätte sie sich selbst überzeugen müssen mich zu lieben und immer noch mit mir gehen zu wollen. Sich selbst doch noch ändern zu können. Das war alles falsch. Sie hätte sich nicht ändern müssen. Es war nicht ihre Schuld, jemandem wie mir zu vertrauen. Am Ende war es doch ich. Es war meine Schuld, meine Schuld, meine Schuld!!! Immer mehr Tränen liefen mir über das Gesicht, was mir schon weh tat vom Weinen.

„Keine Sorge Vincent. Alles wird wieder gut.“ Ich drehte meinen Kopf immer noch betäubt zur anderen Seite, wo meine Mutter saß. Seit wann war sie hier? Wieso hatte ich sie nicht bemerkt? Ich- Selbst als ich geschlafen hatte, war da dieses Gefühl beobachtet zu werden. Oder war es meine Mutter…? Plötzlich sprangen meine Gedanken hin und her, als ich versuchte zu reden. Es dauerte eine Weile, aber je wacher ich wurde, desto rötlicher wurde das Licht, welches in das Zimmer trat. Der Himmel war rot und ich fand mich langsam immer mehr in der Realität wieder. Eine Realität die mehr aussah wie ein furchtbarer Fiebertraum als alles andere.
„Glaubst du, dass ich der Doktor bin, Mom? Glaubst du, ich bin verrückt…?“ Hauchte ich aus.
„Bist du es?“, fragte sie sanft zurück. Meine Hand haltend. Ich drehte meinen Kopf wieder zur Decke, dann zum Fenster: „Nein. I-Ich weiß nicht. Ich- Ich würde niemals- Ich wollte nicht das- Nein…“ Ich spürte, wie sich die Hand meiner Mutter beruhigte. „Dann glaube ich das auch nicht. Du musst so verwirrt sein. Ich bin für dich da.“
Diese Person faszinierte mich immer wieder. Vielleicht habe ich ihr in der Vergangenheit doch ihre Gutherzigkeit zu wenig angerechnet. Es war genau das, was ich gerade brauchte. Ihre bloße Anwesenheit gab mir Klarheit.
„Ist Zoe Baker…“, ich schaute ihr in die Augen, sie nickte nur: „Sie ist ihren Verletzungen erlegen. Sie ist am Siebten von uns gegangen. Es ist vorbei.“ Ich nickte nur. „Und... Wo ist Brian? Ist er… hier?“ Meine Mutter wich meinem Blick aus und schaute zu Boden: „Dein Vater und das Suchteam konnte ihn nicht mehr finden. Wir haben Simone angerufen und nach Rat gefragt… Wir gehen davon aus, dass er- Sich das Leben genommen hat.“ Also ist er abgehauen – dachte ich mir. Ich richtete mich auf und umarmte meine Mutter. Wenigstens eine Person, die ich jetzt brauche ist hier. Die Umarmung dauerte lange. Wir beide fingen an Tränen fließen zu lassen.

Als ich dann langsam wieder klar genug wurde, um Schmerzen zu fühlen, spürte ich meine Innereien zusammenkneifen. Es muss ein heftiger Anfall gewesen sein, was in der Hektik dieser Extremsituation an mir vorbeigeflogen war. „Egal wo er ist, ich wette, ihm geht es gut. Keine Sorge…“ Meine Mutter fing an zu schluchzen. Es kam unerwartet, sie griff mich fester. Es tat weh, aber ich ließ es zu: „Du kannst doch gar kein schlechter Mensch sein, wie alle behaupten Vincent. Ich glaube das nicht!“
„Wer… behauptet das? Wie lange war ich-“ Ich konnte nicht einmal Zuende fragen, da kam mein Vater durch die Tür. Dass er überhaupt hier war, überraschte mich zunächst wirklich. Ich betrachtete ihn von unten bis oben. Er sah müde aus. Gestresst. Fertig mit den Nerven, in seiner Dienstuniform; genau wie meine Mutter hatte er eingefallene Augen mit dunklen Ringen. Er ging geradewegs an mir vorbei zu einer Kommode. Wo er eine Kamera ausschaltete, die ich erst jetzt bemerkt hatte. Er räusperte sich, als er sich zu mich umdrehte: „Gut, dass du aufgewacht bist, Sohn.“ Ich verarbeitete gerade noch, was passiert war. „Ihr… habt mir verhören wollen? Ihr… glaubt ihr etwa ich… Werde ich beobachtet…? Was…“ Ich schaute auf meine Bettdecke und seufzte aus, „Hat dieser Albtraum denn gar kein Ende…?“
Mein Vater setzte sich neben dem Bett auf einen Stuhl. Wir alle schwiegen. Niemand sagte ein Wort. Er legte nur seine Hände vor sein Gesicht, um sich die Augen zu reiben. Die Stimmung war sehr bedrückend. Ich überlegte in diesem Moment wirklich, ob Lucy ihren Auftrag erfüllt hatte. Oder ob es nur eine Art Halluzination vor der Ohnmacht war. Denn wenn sie die Tasche voller Mordinstrumente und Substanzen gefunden hatten – und ich war mir sicher, dass es schon eine Hausdurchsuchung gegeben hatte, dann war es aus für mich. Dann war die Beweislast einfach viel zu hoch. Aber jetzt? Sie hatten doch… außer meinem Gefühlsausbruch, keine Beweise? „Vincent…“, riss mich mein Vater aus meinen Gedanken, „Du kannst uns alles sagen aber-“

„Du glaubst also wirklich, dass ich dieses Monster bin. Großartig.“, Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen, „Großartig…“

„Es gibt einem schon zu denken!“, meinte mein Vater etwas wütender im strengen Tonfall, was mich aufschrecken ließ, „Wenn du vor dieser Mörderin am Boden zusammenbrichst. Und schreist. Und weinst. Und ihr immer wieder sagst wie leid es dir tut. Wir dich mit vereinter Kraft wegziehen müssen. Wenn du ihr sagst, dass du sie… liebst… und… wegrennst.“ Ich schluckte. Auf einmal spürte ich wieder Tränen in mir hochkommen. Zoe. Zoe, es kann doch nicht sein, dass du wirklich tot bist! Meine Erinnerungen spielten Momente mit ihr ab. Ich sah ihr Gesicht vor meinem inneren Auge und hörte ihre Stimme. Ich fand es auch im Nachhinein nicht schlimm, dass ich das getan hatte. Obwohl es mir Probleme bereitete. Ich hätte immer wieder so reagiert.

„Dad ich- Ich bin nicht der Doktor. Ihr Angriff war einfach zu viel. Ich hatte einen Anfall. Und während einem Anfall einen Menschen sterben zu sehen – ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der gerade… vor mir erschossen- ich glaube- Da ist einfach etwas mit mir durchgegangen. Es war einfach zu viel ich- Ich hatte so viel Stress in letzter Zeit.“ Mir kamen weitere Tränen, „Ich wusste einfach nicht mehr weiter und dann zieht Brian mich auch noch in diese Sache hinein ich- ich wollte da nicht mitmachen, aber ich wollte euch auch nicht enttäuschen. Du hast so glücklich gewirkt und- Es tut mir so leid. Ich weiß nicht was ich tun soll, ich habe ständig dieses Gefühl die Kontrolle zu verlieren- Ich fühle mich einsam und alleine gelassen. Als würde ich langsam den Verstand verlieren.“ Ich fasste mir an den Kopf. „Aber ich bin kein Monster!!!“, schrie ich raus. Den ganzen Frust, der sich in mir angesammelt hatte. Versteckt hinter Worten, die nicht der Wahrheit entsprachen. Absolut nicht. Nicht ganz jedenfalls.

Ich spürte, wie meine Eltern mir die Hände auflegten. Normalerweise hätte ich jetzt in mich hineingelacht, weil sie es tatsächlich schluckten. Aber es war diesmal fast wieder so, als würde mir Zoe ins Ohr flüstern: „Bist du dir sicher?“ Nur für einen kurzen Moment. Und tief in meinem Inneren wollte ich doch nicht glauben, dass ich jetzt einfach so weiter machte wie davor. Weiter log, um mich selbst zu retten. Aber was hatte ich denn für eine andere Wahl? „Ich glaube dir ja.“, meinte meine Mutter. Mein Vater schaute zu Boden: „Wir werden eine Untersuchung in die Wege leiten, um zu beweisen, was du sagst. Du bist gerade aufgewacht, du hast keine Ahnung, was momentan in der Welt vor sich geht.“ Ich schaute aus dem Fenster. Die Welt sah so anders aus. Es musste ganz Insgate sehr stark getroffen haben. Dunkelrot bis pechschwarz…
„Doch ich weiß es- während ich im Koma lag. Der Fernseher war die ganze Zeit an.“ Ich wollte gerade mit meinem Finger auf das Gerät zeigen… aber da war nichts. Mir fiel beinahe die Kiefernlade hinunter: „Warte… was…?“ „Vincent, geht es dir gut? Du scheinst verwirrt zu sein. Der einzige Fernseher auf dieser Etage ist im Nebenzimmer.“
„Aber- Aber die Nachrichten! Diese eine Sprecherin, die Feuer! Ich habe M24 geschaut. Heute ist der 14. Januar, oder? Und es ist mitten in der…“ Ich zeigte zum Fenster. Es war zwar von Aschestaub benebelt, aber Mitternacht, war es bestimmt nicht… „Nacht?“ Ich war so verwirrt.
„Heute ist der Fünfzehnte. Es ist Mittag. Draußen stehen weitere Polizeibeamte. Wir sind alle unter Beobachtung, bis deine Unschuld bewiesen ist, habe ich meinen Job verloren.“
„W-Was? Wegen mir...?“
„Reg dich nicht so auf Schatz, du bist gerade aufgewacht.“, meinte meine Mutter, als sie an Schläuchen und Geräten herum hantierte, die mich in den letzten Tagen gefüttert und beatmet hatten.
„Nein. Naja nicht nur.“, seufzte mein Vater, „Nach ihrem Tod war es an der Zeit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt gibt es die, die mich als Volkshelden sehen. Es gibt Gerüchte und Vermutungen, über alles was passiert ist. Dann gibt es aber noch die, die nichts von solchen Methodiken halten, selbst wenn es zielführend ist. Und diese Leute haben angefangen Fragen zu stellen. Immer mehr Fragen zum Fall und dem Vorgehen, die ich nicht beantworten konnte. Wie du schon gemeint hast… das alles war nicht legal und es ist jetzt meine Pflicht, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Dann noch die Sache mit den Geiseln… Meiner Meinung nach war es das aber alles Wert. Mit einem Nachspiel in diesem Ausmaßen, konnte dabei keiner rechnen… Es hätte früher oder später sowieso so kommen müssen.“

Ich dachte nach: „Glauben sie etwa, ich bin der Doktor… und du hast es die ganze Zeit über gewusst?“ „Das steht… auch zur Debatte und muss wohl untersucht und vor Gericht gelöst werden.“
„Das ist lächerlich… Das ist alles einfach. Einfach nur lächerlich.“, ich schüttelte den Kopf, stand dann vom Bett auf. „Oh Vincent! Vorsichtig, nichts überstürzen!“ Auf wackeligen Beinen, immer noch sehr schwach, taumelte ich zum Fenster, wo sich das Zwitschern von Vögeln sehr schnell als etwas ganz anderes herausstellte. Ich schaute hinunter zum Eingangsbereich der Insgate Klinik und mir wurde ganz mulmig, als sich hunderte gaffende Reporter darunter versammelt hatten. Alle eng an eng mit ihren Sende-Vans waren sie aufgefahren, dass nicht einmal mehr die Krankenwägen durchkamen. Was meine Familie in den letzten Tagen durchmachen musste, wollte ich mir gar nicht denken. „Wo- wo bringt ihr mich jetzt hin…?“, fragte ich abwesend. „Erst checken wir dich in Ruhe durch. Danach kommst du in Untersuchungshaft. Wir können dich aus… Sicherheitsgründen nicht nach Hause lassen. Die Reporter-“

„Sicherheitsgründen? Damit ich- Damit ich niemanden mehr umbringe… oder?“ Ich wand mich vom Fenster ab und ging geradewegs an meinen Eltern vorbei aus der Tür. Meine Mutter wollte mich noch festhalten. „Vincent!“ Kaum war ich aus dem Aufwachraum draußen, musste ich mich neu orientieren. Aber auf einmal konnte ich keine Gedanken mehr fassen, als ich am anderen Ende des Ganges eine Tür sah. Eine Tür, mit einem Schloss dran. Ein provisorisch drangemachtes Vorhängeschloss, wie ich es in einem Krankenhaus noch nie gesehen hatte. Es gehörte hier einfach nicht hin. Fast so, als wollte man – was auch immer dahinter war – nicht herauslassen. Um jeden Preis. Und ich war mir fast schon sicher, dass es eine ganz bestimmte Person war. Ich spürte einfach etwas, jemanden vertrautes hinter dieser Tür. Ich wurde fast schon davon in den Bann gezogen, als mein Vater mich an den Schultern fasste: „Wo willst du denn hin, meine Güte!?“ „Ich wollte…“, meinte ich ohne meinen Blick vom Schloss zu lassen, „Ich wollte-... Mom? Dad? Zoelle Baker ist doch tot oder…?“ Meine Mom war hinter mir auch schon angekommen. Sie schluckte: „Sie ist tot Vincent, was ist los? Bist du noch verwirrt? Komm. Zieh dir erstmal deine normalen Sachen an. Ich habe dir frische Sachen von Zuhause mitgebracht. Dann untersuchen wir dich.“

„Wirklich? Oh… Ok. Dann war es… wieder nur Einbildung.“ Ich musste verrückt sein und Geister sehen. Vielleicht war es aber auch nur die Trauer oder Benommenheit vom Koma. Ich wusste tatsächlich danach nicht mehr, warum ich in erster Linie hinausgestürmt war. Ging unter nun noch größeren Schmerzen wieder langsam zurück und zog mich an; bevor ich mich zum Eingang aufmachte… konnte ich es aber nicht lassen, noch einmal zu diesem Zimmer zu schauen. Mh. Seltsam.
Am Eingang angekommen, wurden mir dann sogar Handschellen angelegt. Vor der Tür erwarteten mich neben der matten Sonne, der schlechten Luft und dem Feuergestank, noch der Haufen Reporter. Ich hatte extra noch durchgeatmet, bevor ich hinausging und von allen Seiten auf dem Weg zum Streifenwagen, mit Fragen bombardiert wurde. „Was sagen Sie zu den Vorwürfen Herr Scott?“ „Sind Sie der neue Bundy oder Dahmer?“ „Ihr Statement zum plötzlichen Tod von Zoelle Baker?“ „Wird es demnächst zu einem Gerichtsverfahren kommen?“ „Hatten Sie Geschlechtsverkehr mit den Leichen?“ „Können sie die Waldbrände auf Befehl stoppen?“ „Was haben sie sich bei den Morden gedacht?“ „Wie fühlt es sich an ihr weh getan und sie verraten zu haben?“ „Hat sich Ihr Sohn irgendwann einmal gewaltig oder verhaltensauffällig geäußert?“ Mein Vater hielt mich an den Armen fest und schob mich regelrecht durch die Menge. Die ganzen Stimmen und das Blitzlicht reizten mich sehr. Diese Fragen. Was waren das bitteschön für Fragen?? Sie wurden so gestellt, als würden sie schon unbestreitbar wissen, dass ich es war. Als würden mir hunderte Stimmen auf einmal Schuld zuweisen. Oder war es wieder meine eigene Einbildung? Nein, sie wollten, dass ich es war! Einfach nur wegen einer guten Story. Sie machten mich krank. Kurz bevor wir das Auto erreicht haben und ich einsteigen sollte, sah ich nochmal an den Reportern vorbei in die Ferne, wo ich für den Bruchteil einer Sekunde zwei blaue Augen aufblitzen sah. Sie leuchteten so stark, dass ich ihre dunkle, kalte Aura bis unter meiner Haut spüren konnte. Ich rieb mir die Augen, dann war es weg. Nur noch dieses immer-präsente Gefühl beobachtet zu werden. Man hätte denken können mit Brian´s Flucht würde es vorbei sein...

Aber daran konnte ich gar nicht denken, als mir wieder zehn Mikrofone in die Fresse geschoben wurden. Ich entschloss mich in letzter Sekunde noch etwas zu der ganzen Sache loszuwerden. Mein Dad konnte ziehen wie er wollte, auf einmal waren alle leise und ich atmete tief durch: „Ich bin unschuldig. Das was passiert ist, ist nur durch einen Zufall entstanden. Es gibt keine Beweise. Keinen Einzigen. Ich war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich bin bereit diese Wahrheit vor Gericht zu verteidigen und sage nur noch eine Sache. Die Zeit, die mit jemandem wie mir verschwendet wird, läuft der richtige Täter weiterhin draußen Amok und lacht sich jetzt wahrscheinlich auch den Ast ab wegen euch Idioten. An den Doktor. Die Gerechtigkeit wird dich holen, genauso, wie es Baker erwischt hat. Wartets einfach ab. Ihr werdet schon sehen...“
Ich stieg in das Auto ein. Und schnaufte durch. Dann setzte sich mein Vater rein und fuhr los. Ich saß hinter dem Gitter und versuchte die immer kleiner-werdende Menschenmasse nicht mehr zu beachten. „Hast du nicht gesagt... du hättest deinen Job verloren?“ Es war still im Auto. Ich sah, wie die Hände von meinem Vater zitterten. „Dad, was ist los?“
„Ich liebe dich Vincent. Du bist mein ein und alles. Deswegen habe ich darum gebeten, dich persönlich zur Wache fahren zu dürfen. Aber…“, Robert räusperte sich, „Wenn du wirklich der Doktor bist, dann musst du es mir jetzt sagen. Dann fahren wir woanders hin. Dann hauen wir ab. Zusammen.“ Als er das sagte, brachen alle meine Sicherungen durch. Was hat er gesagt? Nein. Nein, das hat er nicht gesagt. Was zum Teufel? Es war fast so, als wäre ich in eine andere Dimension gesaugt worden als ich Bewusstlos war. Wie kaputt musste mein Kopf sein? Was war hier los? Ich schloss meine Augen und dachte nach. Ich durfte jetzt nichts Falsches sagen. Dann erinnerte ich mich an die Kamera, die mein Vater oben auf der Krankenstation ausgeschaltet hatte. An seinen Satz, dass wir unter Beobachtung stünden und wie schwierig die ganze Situation für ihn war. Misstrauen. Das alles war auch nur ein Test. Musste es sein. Das war mein Schluss. Er wollte ein Geständnis aus mir herausdrücken. Weniger er als andere Menschen, die Druck auf ihn ausübten. Naja, vielleicht meinte er auch so zumindest die Todesstrafe im Zweifelsfall umgehen zu können. Wie naiv, da war ich doch schon längst drüber, selbst wenn es sie in diesem Staat nicht mehr offiziell gab. Ich öffnete meine Augen wieder, seufzte und schaute zu Boden. „Dad…“, im Augenwinkel konnte ich sehen, wie seine Hand sich am Lenkrad zusammenkrampfte, „Ich- Können wir einfach zur Wache fahren und das hinter uns bringen? Mir macht Untersuchungshaft wirklich nichts aus. Spätestens, wenn der Doktor dann weitermordet, kommt sowieso heraus, dass ich unschuldig bin. Ich bin mir sicher während dieser einen Woche hat er auch schon zugeschlagen… vielleicht ist es aber einfach im Feuer untergegangen. Du wirst sehen. Genau das, habe ich doch gerade eben der Presse gesagt. Alles wird wieder gut werden. Meinst du nicht, wenn Brian gewusst hätte, dass ich der Komplize seiner Schwester bin, hätte er mehr mit mir gestritten als nur dieses blöde Geschwisterzanken? Er mochte mich doch. Und war es nicht er, der jeden Menschen sofort lesen konnte? Wenn du mir nicht vertraust, vertrau ihm und seiner Menschenkenntnis. Und wenn nicht das, dann eben dem Gericht. Aber ich bin es nicht. Wirklich. Und hör auf mit diesem Fluchtgefasel, das ist ja unnormal seltsam…“

Die Schultern meines Vaters senkten sich, er atmete in Erleichterung aus: „Du hast recht. Es freut mich, dass du das so siehst und ja… über die Sache mit Brian habe ich auch schon nachgedacht. Ich glaube das war es, was mich in den letzten Tagen bei Verstand gehalten hat.“
„Du hast Brian wirklich nicht gefunden? Oder wolltest du nur Mom beruhigen…?“ Hatte sich der Typ vielleicht doch noch- „Nein…“, schüttelte Robert den Kopf, „Keine Spur. Man möchte meinen, ein 2,15 Meter großer Junge voller Tattoos würde auffallen. Entweder er ist wirklich gut im verstecken oder… naja. Wir suchen noch. Aber nach so einer Zeitspanne, könnte er wirklich schon überall, oder auch schon lange tot sein.“
„Und diese Simone glaubt er ist…“
„Sie glaubt, er habe sich das Leben genommen, ja. Sie kennt ihn schon länger als wir alle und war sich auch ziemlich sicher. Und wenn er sich nicht vor dem Flächenbrand das Leben genommen hat, dann ist er jetzt bestimmt eh schon tot, wenn er in Wäldern war. Seine Leiche jetzt noch im Stück zu finden ist… unwahrscheinlich…“ Ich sah, wie meinem Vater eine Träne hinunterlief. Er hat Brian wirklich so sehr gemocht. Wie seinen eigenen Sohn. Wie gerne ich es ihm jetzt gesagt hätte.
„Verstehe…“
Er schniefte und versuchte die Trauer abzuschütteln: „Worüber habt ihr eigentlich geredet? Du, Brian und Zoe. Bevor wir auf der Brücke dazugestoßen sind. Sie wirkte so verwirrt. Und was haben du und Brian überhaupt davor… im Nebenbüro besprochen?“
„Brian hat mir einfach nur erzählt, dass ich mit ihm von beiden Seiten auf der Brücke vorgehen muss. Er hat nicht weiter erklärt warum, naja… außer wegen der ähnlichen Silhouette. Ich habe ihn noch gebeten, das nicht machen zu müssen. Einfach weil ich davor schon Bange darum hatte. Du hast ja gesehen, wie nervös ich war. Und- ich habe an dem Abend auch Mom angerufen. Der Druck war einfach zu groß. Das Brian gesagt hat, es würde zwischen einem und vierzehn Tagen sein, hat mich fertig gemacht. Ich- Ich hatte solche Angst einen Menschen sterben zu sehen.“ Zoe sterben zu sehen, dachte ich mir in meinem Kopf. Dann dachte ich aber noch einmal darüber nach und… wieso sollte ich da überhaupt lügen? „Ich hatte Angst Zoe sterben zu sehen, Dad.“ „Wie meinst du das?“, mein Vater wurde sichtlich nervöser.
„Das habe ich wohl von dir und Mom. Ich dachte mir, in jedem Menschen muss doch irgendwo, irgendetwas Gutes stecken. Es müsste doch auch Gründe geben, warum sie das alles getan hat. Jedenfalls. Jedenfalls… nachdem sie gestorben und vor mir zusammengebrochen ist, hat es sich so angefühlt, als hätte – ich – einen Menschen umgebracht. Und das hat sich so schrecklich angefühlt. Dazu kam der Anfall und- da habe ich mich bei ihr entschuldigen müssen und habe vielleicht auch ein paar Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Es tut mir leid, Dad. Wenn ich dich irgendwie in Schwierigkeiten gebracht habe...“

„Vincent. Ich und deine Mutter sind so unfassbar stolz auf dich. Und ich glaube dir auch, dass du die Wahrheit sagst. Und ich glaube, jetzt, sind sich noch mehr Menschen sicher.“ Bingo. Er schaltete einen Knopf an einem Funkgerät aus.
„Was meinst du damit?“
„Das erkläre ich dir irgendwann einmal. Jedenfalls sind wir jetzt einen Schritt näher gekommen, deine Unschuld zu beweisen. Das freut mich sehr. Auch, dass bei einer Durchsuchung deines Hauses einen Tag später überhaupt nichts aufgefallen ist. Dein Haus, dein Auto. Alles war einhundert Prozent normal. Außer ein paar Kleinigkeiten.“ Ich ging ein paar Berechnungen in meinem Kopf durch. War das schon wieder ein Test? Denn ich hatte zwar alles in der Tasche zusammen gepackt, dennoch war mein Haus und vor allem mein Auto, sicher voller Spuren. Ich hatte es beim Plan mit Zoe abzuhauen einfach schon akzeptiert, dass meine Identität auffliegen wird. Aber es scheint so, als hätte Lucy ganze Arbeit geleistet. Wenn das was mein Vater sagte wahr war, wovon ich diesmal wirklich ausging. Eventuell hatte es doch einen Vorteil, dass Lucy mein Haus in und auswendig kannte. Selbst meine private Kiste unterm Bett hatte sie weggeräumt. Anscheinend ja, immerhin waren da auch Beweisstücke drinnen, wie Drogen und das… Tape, wo ich explizit Zoe erwähnt hatte. Scheiße. Ich atmete innerlich durch. Das war die knappste Sache, die ich jemals gemacht hatte. Und hätte ich mich nicht noch in letzter Sekunde mit Lucy angefreundet, dann wäre es sowieso aus gewesen. Einfach jedes Detail schien gegriffen zu haben, wie ein perfektes Uhrwerk. Weinachten, als Lucy unter meinem Bett – ergo, neben der Kiste war und sie entdeckt haben musste. Das Anfreunden und Verschwinden von Brian, ohne dass er meinen Eltern jemals gesagt hatte, wer ich war. Das treffen mit uns Vieren im Wald, wo er doch noch die Schnauze gehalten hatte. Es war perfekt. Und genau das, ließ mich auch wie der schlimmste Mensch auf Erden wirken. Alles schien so, als würde ich am Ende ohne Strafe davonkommen. Und das alles während Zoe. Während Zoe tot war. Ich lehnte mich zurück in den Sessel und schaute an die vorbeiziehenden Straßen. „Dad. Ich muss doch was gestehen.“ Ich wollte auch nicht ganz ohne Ärger davon kommen.
„Eh, und was?“
„Ich bin mit meinem Auto gefahren... trotz meiner Krankheit. Sehr oft auch auf illegalen Strecken. Autorennen halt… und habe mit hohen Summen gezockt. Und ich habe dort auch mit Drogen hantiert- Und- Tut mir leid, bitte nicht schreien-!“ Ich kniff die Augen zu. Aber mein Herz fühlte sich gerade zehn Mal leichter an. Bis mein Vater nur nervös lachte.
„Ja… Ich habe mich bei der Untersuchung schon gefragt, warum dein Auto mehr Kilometer drauf hatte als jeder unserer Dienstwägen zusammen. Und der fast wöchentliche Reifenwechsel damals… und wieso du dir mehrere Autos leisten konntest. Dein… Kontostand und… dass dein Labor immer eher nach einer Meth-Küche roch, wenn man unerwartet zu Besuch kam.“, meinte er verlegen. Ich wurde rot: „Oh… ja. Oh. Ups.“
„Muss ja keiner Wissen. Aber in Zukunft, lass lieber die Finger von solchen Sachen. Diese Szene tut einem nicht gut.“ Kein Schreien. Kein Schimpfen. Keine Standpauke. Paralleluniversum. Ich bin in einem Paralleluniversum gelandet. Dann setzte er dem aber noch eine Sache obendrauf.
„Ich glaube es wird sowieso Zeit, diese alte Regelung mit dem Fahren ein bisschen zu lockern. Es scheint dich schon immer aufgeregt zu haben. Außerdem… du bist ja ein verantwortlicher Fahrer, schätze ich. Also, außerhalb von den Rennen. Bei dem Kontostand musst du wirklich sehr gut sein. Wenn das das Einzige ist, was du verbrochen hast. Lässt es sich sicher mit einem hohen Bußgeld regeln. Das mit den Drogen… Sprechen wir einfach nicht mehr davon. Ok?“
„Natürlich. Danke Dad.“ Wie hart die letzten Monate für ihn seien mussten. Dass er sich um alles was kein Massenmord war, gar nicht mehr kümmerte. Vor einem Jahr wäre er so einem Fall noch mit Leidenschaft nachgegangen. Er hinterfragte gar nicht mehr weiter, wo solche Rennen stattfanden, oder ob ich Drogen verkauft oder selbst genommen hatte. Für ihn gab es nur noch den Schatten und den Doktor. Und solange ich nicht der Doktor war, konnte ich alles sein. Die Latte an Grauen in dieser Welt, war allen Anschein noch nie so hoch gewesen.

Der Weg zur Wache war nicht lang. Aber er fühlte sich wie Jahrzehnte an. Was soll ich tun? Wofür kämpfe ich eigentlich noch? Wieso gebe ich nicht einfach alles zu und bringe es hinter mich? Was soll mir das Leben jetzt noch bieten? Ich werde innerlich versauern. Ich habe nichts und niemanden mehr. Und ich wollte auch niemanden mehr haben. Ich wusste noch nicht einmal, warum ich weiter morden sollte… Ohne sie.
„Dad. Kann ich… wenn das alles vorbei ist, wieder bei euch einziehen?“
„Wieso?“
Mir kamen wieder fast die Tränen.
Ich schluckte sie hinunter und lehnte meinen Kopf ans Fenster: „Im… Industriegebiet ist es alleine… so langweilig… Und-“
„Ich verstehe schon Vincent. Ja. Ja, das fänden ich und deine Mutter sehr schön. Wir haben wieder ein Zimmer frei.“
„Danke.“
In diesem Moment ist der Doktor gestorben. Nein wirklich. Ich habe aufgegeben. Dachte ich zu diesem Zeitpunkt zumindest.
„Falls es dich tröstet Vincent… hast du die Blumen gesehen?“
„Welche Blumen?“
„Die an deinem Krankenbett standen.“
„Ach ja… die, kann sein. Von wem waren die? Ein Haufen Sonnenblumen. Und dieses teure Bündel weißer Rosen…“
„Warte, du weißt es nicht? Mh. Naja, das zeigt doch nur, dass es außer mir und deiner Mutter noch viele andere Menschen gibt, die an deine Unschuld glauben und dich mögen. Die wissen, dass du ein guter Kerl bist. Vielleicht muntert dich diese Erkenntnis ja auf.“ Ich lächelte ein bisschen: „Ja… Ist schon nicht schlecht, das zu wissen.“ Mein Vater schaute mich aus dem Rückspiegel an und lächelte zurück: „Du wirst sehen, alles wird wieder gut werden.“
Könnte man denken. Vielleicht.

Ich saß zwei ganze Monate bis April in Untersuchungshaft ein, bevor es vor Gericht ging. Die Zeit vor dem Gericht, blendete mein Kopf aber aus. Es war wie ein Loch in meiner Erinnerung. Von Tag zu Tag, war ich einfach nur… taub. Weinte durch den Tod von Zoe unendlich oft. Träumte von Zoelle und dieser seltsamen Tür im Krankenhaus. Von den weißen Rosen. Von Sonnenblumen. Von allem was passiert war. So liefen meine Nächte ab. Ich begann sogar zu schlafwandeln, was ich davor noch nie in meinem Leben getan hatte. Aber mein Geist war nachts einfach so unruhig. Am Tag; wie ein Beifahrer in meinem eigenen Körper, habe ich nichts auf die Reihe bekommen, obwohl ich nur das Nötigste getan habe. Ich war einfach so verwirrt. Ohne Morde, ohne Zoe gab es überhaupt keine Reize mehr. Anfälle hatte ich in dieser Zeit kaum, nur wenn ich wieder zu viel trainiert hatte. Denn das tat ich sehr oft. Trainieren, wenn ich nicht gerade in meiner Zelle auf dem Bett lag und die Decke anstarrte. Ich wusste selbst nicht warum. Aber Zoe würde mich vermöbeln, wenn sie wüsste, wie wenig ich mich sonst bewegt hatte. Manchmal hörte ich Stimmen. Manchmal plagten mich die Erinnerungen und Träume. Die Paranoia beobachtet zu werden und die ewigen Wahnvorstellungen. Und ich versuchte mich mit Training und Selbstgesprächen abzulenken. Bücher zu lesen, meinen Geist irgendwie fit zu halten obwohl ich innerlich zerbrochen und taub war. Und ich wusste nicht wieso bis ich merkte, dass ich selbst ein bisschen wie Zoe geworden war. Plötzlich verstand ich ihre kleinen Verhaltensweisen und Ticks, mehr als je zuvor. Die Zeit zog sich unendlich lang und war doch mit kaum etwas Relevantem gefüllt. Mir fehlten nämlich zwei Dinge. Das Morden. Und Zoe selbst. Alles andere war mir egal geworden. Hin und wieder vergaß ich sogar, dass ich mal studiert hatte. Dass meine Studienkameraden schon längst die Semesterprüfungen hinter sich und im besten Fall ihren Bachelor schon erhalten hatten. Weiter auf die nächste Stufe hin lernten. Ich währenddessen vergaß in der Zelle sogar, wie ich die Tage zählen sollte. Eins plus eins wurde zu einer Herausforderung. Kein Wunder, dass Brian so war wie er war, wenn er Jahre seines Lebens so verschwenden musste. Wie er trotzdem immer Lachen konnte, war hinter meinem Verständnis.  

Und doch ließen sie mich nicht gehen, was bemerkenswert war. Die ganzen Wochen, trotz dessen, dass der Doktor weiter mordete. Es war lächerlich! Lucy mordete genauso wie ich. Und wie alles andere auch, machte sie ihre Sache gut. Hin und wieder kamen meine Eltern zu besuch, um mich aufzuheitern. Bericht zu erstatten, wie es mit den Bränden aussieht. Mit der allgemeinen Lage. Sie erzählten mir, was in der Welt so vor sich ging. Und anscheinend, war es schrecklich. Das ganze Land brannte schon seit Wochen, es hörte einfach nicht auf. Es hatte kurz bevor ich im Krankenhaus aufgewacht bin – am 10ten Januar angefangen. Am 12 April war dann mein Gerichtstag. Die Waldbrände und Morde hörten einfach nicht auf. Überall auf der Welt. Von Michigan über Louisiana. Bis hin nach Europa zu Russland und einmal um den ganzen Erdball herum. Wer konnte das Ahnen? Dass eine Mörderin so viele Unterstützer hatte. So viele Anhänger und Verehrer, Gleichgesinnte und wahnsinnige Fans. Natürlich gab es dann noch die, die das Chaos ausnutzen, um selbst Dampf abzulassen, ohne tiefere Agenda, aber im Prinzip… war das alles Zoe´s Werk. Das war ihr Vermächtnis an die Welt. Tausende, sogar zehntausend tote Menschen, mehrere Millionen tote Tiere. Hass und Zwiespalt, einen neuen, völlig überforderten Präsidenten, politische und mediale Furore und Diskussionen. Hass. Die ganze Welt drehte sich in einer Decke aus Hass weiter. Außer Kalifornien. Kalifornien ging es blendend aus Gründen, die ich mir nicht einmal in meinen tiefsten Träumen vorstellen konnte. Aber der Rest… und dass nur durch einen kleinen Stoß. Durch eine Kugel, die aus einem Rohr geschossen kam. Vielleicht war es sogar besser, dass Brian in Dunshaw war. Dort, wo er etwas abgekapselt nicht viel von außen mitbekam. So wie ich ihn kannte, würde er alle diese Fäden zu sich selbst zurückverfolgen. Das ganze Leid. Jeder einzelne Todesfall. Es würde den Jungen absolut wahnsinnig machen, wenn er das nicht schon war. Aber da waren wir schon zwei. Wir waren beide verrückt geworden… irgendwie.
Ironischer Weise – und das bekam ich mit – war der einzige Ort, der in der Nähe von Louisiana wirklich von dem Feuer verschont blieb, der Wald um Zoe´s altes Haus. Obwohl es nahezu wie eine Pilgerstädte behandelt wurde, gab es weder Brände noch irgendwelche anderen Auffälligkeiten in diesem Bereich… außer, das Augenzeugen hin und wieder von Jugendlichen berichten, die den Wald sehr… sehr verwirrt und am Rande des mentalen Hirntodes verließen und sich später selbst ins Krankenhaus von Dunshaw einwiesen. Jugendlichen mit dem Schattenkreuz. Schattenkinder. Als meine Mutter mir von diesem Phänomen erzählt hatte wusste ich, dass zumindest Brian den Weg dorthin gefunden und es sich in ihrem Geburtshaus gemütlich gemacht hatte. Alleine schon, dass er ohne Lucy Louisiana nicht verfehlt hatte und stattdessen nach Texas ausgewandert ist, überraschte mich sehr. Mit seinem sonst so schlechten Orientierungssinn. Aber es machte mich doch irgendwo glücklich zu wissen, dass es ihm gut ging. Diesem verfickten Arschloch. Obwohl ich ihn immer noch aus tiefster Seele hasste und am liebsten umbringen würde… wir waren ja jetzt irgendwie Freunde.

Und er war mein einziger Freund. Egal wie viele Blumen ich bekommen hatte. Und nach dem Gerichtstag, war ich mir auch sicher, dass er mein einziger Freund bleiben würde. Der langerwartete, herangesehnte Tag meiner Eltern. Sie wollten mich endlich wieder Zuhause wissen, dass sah man ihnen an, genau wie die Nervosität. Aber doch, ich und mein Anwalt, waren sehr überzeugt davon, die Sache in nur wenigen Stunden abgehandelt zu haben.
Im Gerichtssaal stellte ich fest, dass alles mit Reportern zugemüllt war. Schon wieder. Ganze Sitzreihen zugekleistert mit Kabeln und Kameras, als ich den Gerichtssaal betrat blendete mich das Blitzfeuer sehr. Noch absurder aber, war der Verlauf der Gerichtsverhandlung. Es war doch unbestritten, dass mein Profil zum Doktor passte, wie die Klatschpresse ihn sich vorgestellt hat. Gut in Chemie, Medizin und anderen Wissenschaften, gut aussehenden, eigenes Labor, Mutter ist Chirurgin, Vater Polizist. Wohnt alleine in der Nähe des ersten Tatortes. Ja, es schien einfach alles perfekt. Die Sache mit der Adoption von Brian – ein ganz anderes Thema, was sogar die meiste Zeit des Gerichtes in Anspruch nahm. Ja, hin und wieder dachte ich sogar mein Vater wäre der Hauptangeklagte gewesen. Mein persönliches Highlight war aber, als der Richter wiederholte: „Und Sie haben diesem geistig… verhinderten 19-jährigen Jungen die Verantwortung über die gesamte Zentrale und das Leben mehrerer Menschen zugesprochen Mister Scott?“ Yikes. Mein Vater wurde gründlich in die Mangel genommen. Aber, aber. Wenn er etwas konnte, dann war es mit Autoritäten zu reden und sich Gehör zu verschaffen. Er war nicht umsonst der Polizeichef. Er nickte: „Das ist richtig. Er war nur nicht geistesverhindert, sondern Hochbegabt und hatte Wissen und eine Verbindung zu dem Schatten, die es letztendlich möglich gemacht hatten, sie zu umstellen und niederzustrecken. Ohne die Hilfe dieses Jungen, hätten wir es nicht geschafft und er hat zu jedem Zeitpunkt mein vollstes Vertrauen genossen. Ich bin bereit – obwohl die Operation mit Erfolg verlaufen ist – jegliche Verantwortung dafür zu übernehmen und würde es auch jederzeit wieder tun, eure Hochwürden. Die restlichen Details zu ihm und dem Vorhaben wurden in meinem letzten Bericht weiter aufgearbeitet.“ Der Richter schob nur seine Brille hoch und schaute angespannt auf irgendwelche Unterlagen. Es war ein dicker Stapel der vollgepumpt mit kompakten und geordneten Informationen war. So kannte ich meinen Vater. „Gut. Setzen.“
So richtig peinlich wurde es erst, als meine Mom dran war. Sie war sehr. Sehr nervös, hibbelig und aufgeregt. Und wenn das der Fall war und es zusätzlich um mich und mein Wohl ging, fiel ihre ganze professionelle Aufmachung, die sie als Chirurgin etabliert hatte, ab. Und so begann sie zu reden.
„Vincent ist wirklich ein Sonnenschein, er würde seine Begabung niemals dafür benutzen jemandem weh zu tun! Aber- Aber ich fang erst einmal von ganz vorne an. Als er noch ein ganz kleiner Piepmatz war, hat er verletzte Tiere im Wald aufgesammelt, um sie bei uns gesund zu pflegen. Jede Woche hat er eine mit nach Hause gebracht.“

Brian´s Sicht:

Ich saß auf einer Matratze zwischen dem Schutt, aß Müsli und schaute mir die Gerichtsverhandlung an. Alleine, wie sie dort von mir redeten, war ein Genuss. Am liebsten hätte ich Vincent´s Vater ein Küsschen gegeben. Seine Mom war trotzdem mein persönliches Highlight. „Ach du naive, unschuldige Evelyn. Wenn dein kleiner Junge jede Woche ein neues verletztes Tier nach Hause bringt, würde ich mir wirklich Gedanken darum machen… wer… es überhaupt… verletzt… hat! Er hat sie ganz sicher mit nach Hause gebracht um sie als Versuchstiere zu benutzen! Er hasst Tiere! Mein armer Buddy… Gerechtigkeit soll dich holen Scott!!! Ich verfluche dich!!!“
„Er ist wirklich sooo harmlos! Bis zu seinem achten Lebensjahr hat er sogar noch ins Bett gemacht, er würde niemals-“ Der Gerichtssaal lachte, während Vincent seinen Kopf in einem Rechtsbuch versteckte und ihn danach mehrmals auf den Tisch haute. „Mo-o-om. Das ist doch… komplett… Irrelevant!!! Weißt du wie viele Menschen- Ich- ohh man ey!!!“ Ich streckte meinen Löffel aus: „Ahaha diese Art von Gerechtigkeit ist sooo viel besser als meine. Fantastisch… Weiter so Lynn! Dieser kleine Bettnässer! Warte- das kommt auf jeden Fall in einen Brief rein, ich schreibe es mir gleich auf!“


Vincent´s Sicht:

Ich spürte eine innere Unruhe in mir. Als würde eine dunkle Macht des Chaos auf mich blicken und sich über mich lustig machen.

Brian.
Zum Glück war die Tortur irgendwann vorbei. Nachdem meine Mom fertig war, die privatesten Dinge hundert-tausenden Zuschauern einzutrichtern, hatte meine Stirn schon einen großen, roten Fleck. Aber selbst wenn es nicht half meine Unschuld zu beweisen, menschlicher machte es mich auf jeden Fall. Und das war hier der Schlüssel zum Erfolg.
Jeder wurde befragt, es sah sogar wirklich gut für uns – für mich besonders. Es schien fast so, als würde der Fakt, dass Zoe tot war, fast alle unsere kleinen Vergehen aufwiegen. Das hatte ich gemeint, die Latte lag eben weit oben. Der Hass auf sie war in den letzten Monaten außerdem nur noch weiter gestiegen. Ja, es schien fast so, als würde keiner einen wirklichen Grund haben uns hinter Gitter bringen zu wollen; als letztendlich auch die Beweislage gegen mich… sehr mager wurde und nicht über Gerüchte, Vermutungen und Bauchgefühle hinausging, stand mein Urteil eigentlich schon vor der Verkündung fest. Ich meine, immerhin mordete der Doktor auch weiter. Das war das Todschlagargument, was mir den Arsch rettete. Also neben meinem Werdegang und meinem Charisma, mit dem ich den Richter hin und wieder zum Lächeln brachte.
„Ich versteh nur nicht, warum der junge Mann dann überhaupt hier ist. Er wurde unmittelbar nach dem Vorfall festgenommen, lag im Koma, war im Gefängnis und trotzdem wurde weiter gemordet. Sollte die Polizei nicht den Doktor schnappen?“, meinte er an einem Punkt belustigt.
„Gute Frage und eine noch bessere Idee, aber diesmal sollte ich lieber meine Finger davon lassen, sonst ist er Tod und es stellt sich am Ende heraus ich bin Ethan Rogers.“, antwortete ich verlegend-lächelnd darauf. Der Saal lachte. Es war wirklich eine entspannte Gerichtsverhandlung.
Die gesamte Veranstaltung kam auch trotz der gaffenden Reporterschar und der Liveübertragung doch mit überraschend wenig Drama über die Bühne. Ich war überzeugt davon, dass ich mich vor der Nation als harmlos, gutmütig und vor allem unschuldig dargestellt hatte. Oh… Ohhhhh genau so lange, bis Helena mit ihrer Aussage dran war.
Ich weiß nicht was am Heilig Abend los gewesen ist, nachdem ich gegangen bin. Ich hatte keinen Schimmer, was Brian zu ihr gesagt hatte. Aber Gott verdammt, dieser verdammte Wal, stand so arrogant und hasserfüllt, wie ich es noch nie gesehen hatte von ihrem Sitz auf der Zeugenbank auf und trottete als sie aufgerufen wurde, auf ihren Fleischkeulen zum Podium, während sie mir und meinen Eltern, den mörderischsten Blick zuwarf, den ich je gesehen hatte. Sie hatte Augenringe, sie stank… hatte an manchen Stellen keine Haare mehr auf ihrem Kopf. Sie sah aus wie eine menschengewordene Mülltonne. Und genau das kam auch aus ihrem Mund. Nichts weiter als ein Haufen melodramatischer Müll. Sie war die Vermenschlichung von allem, was ich jemals an Menschen gehasst hatte und schaffte es mit einem Mal die gesamte vorangegangene Professionalität zu zerschmettern: „Er war es! Dieses ganze Pack ist kriminell, sie haben mir-!“
„Sie dürfen erst einmal platznehmen.“
„Ja genau das mache ich!“ Sie hievte sich auf den Stuhl, „Und jetzt, jetzt zahl ich denen alles heim!!!“ Sie drehte sich zu mir und meinen Eltern. Ich warf Robert und Evelyn einen „Oh nein…“- Blick zu, den beide erwiderten. „Miss Gabor. Als Zeuge müssen Sie die Wahrheit sagen, bei einer Falschaussage machen Sie sich strafbar.“
„Ja, ja, ja. Das kenn ma.“
„Gut.“, der Richter schob seine Brille hoch und begann zu lesen, „Sie heißen Frau Helena Anastassia Gabor, sind seit 1978 verwitwet, 50 Jahre alt, Wohnsitz in Insgate und arbeiten im Insgate Klinikum an der Rezeption. Ihre Tochter ist als eines der ersten, dem Doktor zu Opfer gefallen. Da sie mit dem Opfer verwand und mit der Familie des Angeklagten befreundet sind, haben sie das Zeugenverweigerungsrecht, sie müssen nicht Aussagen, wenn doch, sollten die Aussagen wahrheitsgemä-“
„Ohhhhh ich werde Aussagen! Jaja. Von wegen Freunde. Ich werde alles sagen, was es über diese… Scotts! Zu sagen gibt.“ Sie warf ihre Schultern zurück und zeigte mit dem Finger wieder auf uns. Sehr dramatisch. Den Kopf müsste man ihr abschlagen. Meine Mordlust kam wieder hoch. Sie nahm den anderen Arm über ihr Gesicht und begann zu heulen. Diese aufmerksamkeitsgeile Rampenfotze…
„Sehr schön…“ Selbst der Richter hatte kein Bock mehr. Ich streckte meine Arme aus und meine Handschellen begannen zu rasseln: „Sind Sie sich sicher, Sie wollen die Aussage dieser Frau ernstnehmen? Die hat sie nicht mehr alle!“
„Genauso!!!“, meinte Helena, „So sind sie! Alle!!! Von außen sind sie… ´die perfekte Familie!´ Sie sind alle so… so ekelhaft perfekt!!! Aber wenn man dann genauer hinsieht, jaja. Dann erkennt man, was wirklich los ist! Dann erkennt man das verrottete im Inneren. Dieser junge Mann hier, hat meine Tochter auf dem Gewissen! Ich weiß es! Ich weiß es einfach! Richter, sie hat ihn geliebt! Geliebt! Meine kleine Maria-a-a. Sie hat ihn überall hin verfolgt – sie hatte so ein reines Herz. Wollte ihm doch nur helfen! Ich bin mir sicher in jener Nacht, ist sie ihm auch gefolgt. Nur ein kleines Stückchen zu weit! Um ihm vom Pfad des Bösen zu bringen und er- Er! Dieser seelenlose Wicht hat sie getötet!! Ihr ihr kleines Herz gebrochen! Sie ermordet! Geschlachtet! Und jedes seiner Worte bis jetzt war eine Lüge! Eine bodenlose Lüge! Er hat keine Seele! Er hat keine!!!“ Sie haute verbittert auf den Tisch. Die Presseleute fuhren heiß und beugten sich vor. Nicht schlecht. Nicht schlecht. So verrückt die Schabrake auch war, sie hatte recht. Schade nur, dass ihr keiner hier Glauben schenken würde. Der Richter atmete aus: „Ruhe. Ruhe im Saal! Frau Gabor. Können Sie… das Geschehen in jener Nacht des 7. Dezembers 2000 aus Ihrer Sicht, näher erläutern – bitte.“ Das tat sie auch. Sehr laut. Ihre schrille Stimme machte mein Trommelfell fertig. Ich wusste gar nicht, ob das die Einschaltquoten steigen oder sinken ließ. Als sie dann abgeschlossen hatte, blätterte der Richter einfach nur weiter, als hätte er kein Wort davon auch nur irgendwie aufgenommen. Er musste ihr in dieser Zeit sage und schreibe fünf Bußgelder auferlegen. Für vulgäre Sprache und Drohungen an meine Familie… und an ihn selbst. Irgendwann gab er auf sich aufzuregen. Ich fühlte seinen Schmerz. Aber es war doch kein Wunder, sie war die letzte Zeugin, die aufgerufen wurde und es war mittlerweile jedem klar dass ich keinesfalls der Doktor hätte sein können.
„Und… wie erklären Sie sich die weiteren Morde des Doktors, während der Haft und des Komas von Herrn Scott?“ „Haha!“, lachte sie falsch, „Eines muss ich dem Jungen lassen. Er ist wirklich sehr klug! Sehr klug! Ich weiß nicht wie er das macht, aber er hat sicher einen Helfer. Bestimmt dieser andere Rotzlöffel mit den braunen Haaren! Die stecken doch alle unter einer Decke! Das ist alles nur ein Trick! Aber ich habe euch durchschaut. Ich habe euch alle durschaut!!“ Sie redete noch etwas weiter und traf dabei wirklich sehr viele Nägel auf den Kopf. Aber es half ihr doch nichts, wenn sie sich selbst gab wie eine verrückte Killerin. Hin und wieder sah ich zu meiner Mutter, die sich seufzend die Hand vors Gesicht legte und meinen Vater, der extrem genervt schien. Genervt und wütend. Vor allem, weil sie nicht nur schlecht über mich, sondern auch über Brian sprach, der schon vor Wochen inoffiziell als tot erklärt wurde. Das war bei den beiden ein großer Wundpunkt. Egal wo Brian jetzt war, ich wusste er sah zu und bemerkte diese kleinen Regungen meiner Eltern. Es musste sich gut anfühlen. Aber ich wollte noch einen draufsetzen: „Hey! Rede nicht so von ihm! Er ist alles, ok?! Ein Idiot, ein Kindskopf, ein unverantwortlicher, nicht vorrausschauender- wahnsinniger Depp, ein miserabler Bruder und ein-“ Mein Vater räusperte sich. Ich sollte zum Punkt kommen: „Penner. Aber er war niemals brutal! Jede Fliege, denen er kein Leid zufügen konnte, könnte ihn locker mit einem Flügelschlag wegpusten. Ich meine- Im Ernst, es ist fast schon faszinierend, dass er überhaupt-“ Mein Vater räusperte sich abermals.


Brian´s Sicht:

„Sollte das ein Kompliment sein? Also daran musst du noch feilen. Und oh… würden wir richtig kämpfen, ich würde dich fertig machen! Mit meinem Messer zack zack zack! Und was war das? Ich soll kindisch sein? Wer hat den bitteschön - mh. Verdammt, gekleckert…“  


Vincent´s Sicht:

Irgendwann kam die Verhandlung dann zu einem Ende. Die Richter und die anderen Berater gingen ins Hinterzimmer und wir warteten auf das Urteil. Schließlich kam es zur Verkündung.
Der Richter setzte sich hin. Und auf einmal, wurde die Welt so dunkel und die Stimmung angespannt. Jeder schaute mich an – ich wurde nervös. Ein Scheinwerfer, der mich wie aus dem Nichts heraus blendete. Alle beugten sich vor; es schien so, als wären alle Augen im Saal zehn Mal größer. Als könnte ich durch die Kameras jeden – und es waren hunderte Stimmen und Gesichter – sehen und hören, der Zuhause vor seinem Fernseher saß und hinterm Rücken über mich lästerte. So, wie sie es nach ihrem Untergang auch mit ihr getan hatten. Mit… Zoe. Augen. Zoe´s Augen. Ja- Und jeder einzelne Zuschauer hatte hunderte davon. Und dann begann der Richter selbst mit diesen weiten Augen zu sprechen: „Schuldig. Vincent Scott ist schuldig. Am Verrat und Mord an Zoe Baker.“ Die Reporter heulten auf.
„Was?!?!“ Blitzlicht folgte, Gelächter. Ich schaute gerade noch zu meinen Eltern die mich voller Ekel ebenfalls beobachteten und von allen Seiten kam nur noch: „Hass- Hass- Hass- Ich hasse dich Vincent. Ich hasse dich!!!“ Ein lautes Klopfen schmetterte gegen die Türen des Gerichtssaals, welches mit diesem Vorhängeschloss versehen war und ich musste zu diesem Zeitpunkt schon kurz vor einem Anfall stehen. „Das muss ein Missverständnis sein, euer Ehren!!!“ Als ich dann wieder zurück zum Richterpult schaute, saß da Zoelle. Jeder im Saal war auf einmal Zoe geworden. Und sie saß oben über allen anderen und schaute mich mit diesem Grinsen an. Hob den Hammer: „Schuldig!“
Als es knallte, wachte mein Geist wieder auf.
„Im Namen des Volkes verkünde ich folgendes Urteil. Der Angeklagte Vincent Scott, beschuldigt des mehrfachen Mordes und Verbrechen gegen die Menschheit wird… freigesprochen. Robert Scott wird ebenfalls aller Vergehen freigesprochen. Ihr habt eurem Land einen großen Dienst erwiesen, die Mordserie von Zoelle Baker aufzuhalten. Und wir hoffen – Robert Scott – dass du als Polizeichef auch weiterhin dafür sorgst, dass unsere Straßen sicher sind und das auch der Doktor seine gerechte Strafe bekommt.“
Der Richter schaute zu mir, lächelte und nickte: „Wer auch immer das sein mag.“ Der Saal fing an zu jubeln, ich rasselte nur leicht benommen mit meinen Handschellen. Dann ging ich zu meinen Eltern und umarmte sie. „Jetzt weiß es auch die ganze Welt…“, meinte meine Mom, „Ich bin so stolz auf euch. Auf euch beide. Aber macht sowas nie wieder!!!“
Mir lief eine Träne hinunter und ich lachte nervös: „Haha ja ja… Ich werde bei der nächsten Gelegenheit daran denken…“
Oh ja. Die ganze Welt sah dabei zu, dass ich unschuldig war. Unschuldig und komplett gewaltfrei. „Im Fall, dass irgendjemand Einsprüche zu diesem Urteil hat, kann-“
„Nein! Nein! Nein! Neeeein!“, heulte Helena laut auf. Ich erschrak. Meine Eltern ebenfalls. Kurz bevor die Hexe auf uns alle zustürmte.
Wenige Sekunden, bevor sie einem von uns mit ihren langen Nägeln über die Bank hinweg die Augen auskratzen konnte, ist mir einfach der Kragen geplatzt. Ich sprang auf den Tisch, legte meine Handschellenkette um ihren nicht vorhandenen Hals, bevor ich auf dem Boden aufkam und ihren ganzen Körper mit nach unten zog. Ihr Schädel schlug auf dem gefliesten Grund auf und auf einmal war es still. Ich richtete mich auf und seufzte. „Na endlich ist sie mal ruhig… Dumme Fotze! Hätte schon längst sterben sollen…“ Ich schaute auf. Alle Kameras auf mich gerichtet. Fuck.

Ich hob meine Ketten: „Also das war wirklich Notwehr!!!“ Meine Mutter stürmte an mir vorbei und gab erste Hilfe, bis weitere Notärzte kamen. Mein Freispruch galt zwar immer noch und ich hatte was die Notwehr anging recht, aber als würde das die Reporter interessieren. Nach dieser Aktion hatte Helena auf einmal recht mit ihrer gesamten Aussage. Ich – musste – ja der Doktor sein! So gewalttätig wie ich war! „Wenn man ganz nah heranzoomte, sah man ihn dabei lächeln.“, hieß es. So ein Mist. Wie schnell Menschen ihre Meinung ändern konnten, kotze mich an und schon wieder, hatte ich das Gefühl keine Kontrolle mehr zu haben. Ich hatte zu lange einfach keinen Menschen getötet, redete ich mir ein. Das war das Problem, ich müsste wieder Blut lecken, sagte ich mir. Alles loswerden, was sich angestaut hatte. Wollte ich mit dem Morden eigentlich aufhören? Ja. Aber… was sollte ich sonst tun? Was war von mir übrig? Ich war im ganzen Land als der Mörder bekannt, der zu viel Glück hatte, was sollte ich sagen? „Hallo mein Name ist Vincent, ich würde gerne wieder bei euch studieren!“ Nein. Mir fehlte eine Aufgabe. Zugegeben, mir fehlte so viel mehr. So… viel… mehr, aber ich wollte sehen ob ich das irgendwie ausgleichen konnte. Mein erster Tag in Freiheit, sollte es wieder so weit sein. Das war mir nach dem Vorfall mit Helena bewusst. Außerdem… verdammt! Wenn andere Menschen ihre Meinungen ständig ändern konnten, konnte ich das auch! Ich musste nicht immer alles durchziehen, was ich mir vorgenommen hatte. Das war der alte Vincent. Und man sah ja wo mich das hingebracht hat…

Meine Eltern fuhren mich zurück in meine Zelle in Untersuchungshaft, ich packte meine Sachen und sie fuhren mich zu sich nach Hause. Die Fahrt war relativ still, der Schock saß noch tief. Angekommen redeten wir dann ein bisschen über den Umzug, wo ich anmerkte, dass ich doch noch ein bisschen Zeit bräuchte.
„Was? Das sagst du jetzt, wir haben alle deine Sachen schon zusammengepackt!“
„Ich weiß… tut mir leid.“, meinte ich auf der Couch, völlig fertig von den letzten Wochen liegend. Und ich fühlte mich immer noch taub. Meine Eltern setzten sich dazu. Auf einmal waren sie wieder so leise. „Ist etwas?“
„Wie fühlst du dich?“, fragte meine Mom.
„Leer.“
„Dann rede mit uns. Wir sind für dich da Großer…“, meinte mein Vater. Ich setzte mich auf und legte die Hände vors Gesicht, wischte mir meine Haare heraus. Seufzte: „Ich- Ich-Ich halte diese Schuldgefühle nicht aus.“ Jetzt kullerten mir die Tränen hinunter, ich wischte sie schnell raus, atmete ein und schniefte: „Tun mir leid. Beachtet mich nicht, ich muss elendig aussehen. Ich wünschte einfach das auf der Brücke wäre niemals passiert. Ich weiß gar nicht mehr, was ich tun soll.“ Auf einmal kam alles heraus, was sich in den letzten Wochen angesammelt hatte. Ich brauchte jemanden, mit dem ich über Zoe´s tot reden konnte.
Meine Eltern schauten mich an und lächelten sanft. Meine Mutter fasste mich am Arm: „Komm mit. Wir fahren ins Krankenhaus.“ Ich zog die Rotze hoch. Ich hasste weinen. Beim Weinen fühlt man sich so ekelhaft und eigentlich stand ich da schon seit ich ein Kind war drüber.
„Wofür denn…? Meinst du, du kannst mir mein Herz herausschneiden… Ich bin jetzt wirklich nicht in der Stimmung für Ausflüge oder bei einer OP zuzusehen.“ Aber meine Mutter hievte mich regelrecht von der Couch: „Das nicht, aber wir können vielleicht dein Gewissen beruhigen.“
„Es gibt nichts… was den Tod einer Person rückgängig machen kann… demnach bleibt mein Gewissen auch-“
„Niemand. Außer Evelyn. Geh, wir versuchen gerade dich einzuweihen… Jetzt nachdem jeder sich zu hundert Prozent sicher sein kann.“ „Einweihen…“, ich schniefte, „In was? Woah!“ Ich wurde regelrecht zur Tür getragen. Manchmal fragte ich mich tatsächlich wieso meine Eltern so abgefahren seltsam waren. Sie taumelten von einem Komplott ins Nächste. Gut, vielleicht lag das in der Familie. Dennoch verstand ich kein Wort von dem was sie mir sagen wollten. Und so fuhren wir zum Krankenhaus. An der Rezeption – Helena fehlte. Nagut, das mit der Gerichtsverhandlung war auch heute früh, dennoch hoffte ich wirklich, wirklich sie abgemurkst zu haben. Das würde zumindest meinen Tag aufbessern. Meine Eltern liefen vor, ich schlurfte hinterher. Den mir vertrauten, sterilen Wänden entlang zu dem Geschoss-Abteil, wo sie sich um die Versorgung von Komapatienten kümmerten. Künstliches und natürliches Koma, in dem ich selbst vor der Haft noch gesteckt hatte. Wo ich hier aufgewacht war. „Habe ich hier… etwas vergessen?“, hauchte ich aus. Wollten sie mich aufmuntern indem sie mir Menschen zeigten, denen es noch mieser ging? Wie krank ist das denn?? Naja ok. Vielleicht eine Sache, die wirklich irgendwo zu mir passte. Aber nein, das war es doch nicht.

Wir blieben an der Tür mit dem Vorhängeschloss stehen. Ich musste schlucken. Scheiße. Was war das? Immer noch. Diese Präsenz. Diese Aura von der ich schon so oft geträumt hatte seitdem. Die regelrecht durch jede kleine Ritze dieser Tür hervor quoll.
Ich wusste, dass es wieder nur meine Einbildung war, aber für ein paar Sekunden war es so, als würde laut gegen die Tür geschlagen werden. Ich wich zurück, bevor ich wieder in die Realität kam. Das was so laut geschlagen hatte, war nur mein Herz in Aufregung, ich – wollte – überhaupt nicht wissen, was sich dahinter verbarg. Und trösten könnte mich – das – sicher auch nicht. Ich hatte schon genug Probleme! Als meine Mutter dann den Schüssel hervor holte und sich noch einmal umschaute, ob die Luft frei war. Ich sah, wie mein Dad sich am Dienstgürtel fasste. Nach seiner Waffe. „Hatten wir nicht gesagt… keine… illegalen Dinger mehr? Egal was da drin ist, ich habe wirklich nicht den Nerv- Ach Leude…“ Das Schloss ging auf. Die Tür quietschte beim Aufmachen. Meine Augen weiteten sich, mein Herz blieb glatt in der Brust stehen: „Mom… Dad?... Was habt ihr… getan!?!?“


??? Sicht:

Nach dem brennenden Schmerz, der meinen Körper einnahm, war ich nicht mehr da. Es war nicht einmal ein schlechter Traum. Es war weder Tod noch das Leben. Ich saß einfach auf dem Krankenhausbett und sah mir selbst beim Atmen zu. Wie sich mein Brustkorb nach unten und oben bewegte, durch Schläuche, die in meinem Rachen hingen. Ich bewegte mich nicht. Ich saß nur auf dem Bett, auf dem mein Körper still lag. Meine Augen auf das arme Mädchen gerichtet, was an den Maschinen angeschlossen war. Verbunden und genäht. Was Nadeln in den Armen und den Puls neben sich aufgezeigt hatte. Ich berührte sie am Bettende nicht, dennoch waren meine Augen wie festgebunden an ihrem Kopf. An ihr Gesicht. Ich selbst, spürte nichts vom Schmerz mehr, aber ich wusste genau, wie sehr sie litt. Ich war einfach hier am Bett aufgewacht. Seit dem wachte ich über sie. Ich schloss meine Augen nicht. Ich schlief nicht, selbst wenn es dunkel war. Ich wusste nämlich nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Kein Oben, kein Unten. Einfach nur… existieren. Hin und wieder hörte ich etwas hinter, vor und neben mir. Das Erste was ich wirklich wahrnahm – einen Besucher, der nachts in mein Zimmer trat. Der mir so vertraut war, als wäre er mein eigen Fleisch und Blut. Der schluchzte und sich neben mir setzte, um der Trauer beizupflichten. Nur dass es keine Trauer war, sondern unendliches Glück. Ich fühlte es. Und er redete mit mir.
„Weißt du. Ich war einmal in derselben Situation. Schaust du gerade auch auf dich herab? Sitzt du neben mir? Das muss alles sehr verwirrend für dich sein. Ob du dich danach noch an mich erinnern wirst – wenn du aufwachst? A-Aber vielleicht ist es besser wenn nicht. Du musst heilen… Vielleicht kannst du dir ja mit deinem Schwarm die Zeit vertreiben. Er ist ein Zimmer weiter, schon lustig, oder? Ich habe keine Ahnung, wieso es ihn weggehauen hat. Aus Trauer vielleicht. Die Emotionen müssen ihn wirklich überfordert haben. Aber ich schwöre dir, ich war es nicht! Naja. Passiert halt. Meinst du es verwirrt Fluffi, wenn ich einen Fernseher immer hin und her schiebe und Nachrichten laufen lasse? Oder Lucy damit weitermacht, wenn ich weg bin? Naja, ganz in den Wahnsinn treiben, will ich ihn auch nicht. Das ist doch alles nur Spaß. Ich werde ihr sagen jede Nacht ganz, ganz viele Sonnenblumen für ihn mitzunehmen. Weil… niemand welche für ihn da lässt. Es ist so traurig. Aber das haben wir drei dann wohl gemeinsam, nicht wahr? Meinst du er spürt mich? Spürst du mich? Mhh… Ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen. Dann wäre ich mit dir mitgegangen. Schwesterherz.“ Ich konnte nicht glauben, wie viel dieser Junge redete. Er hörte einfach nicht auf. Und als ich mich dann von meinem Körper abwandte und mich zu ihm neigte, um ihn anzuschauen, war es wirklich nur das. Ein kleiner Junge mit braunen Haaren und breitem Lächeln. Wie gesagt, Zeit existierte hier nicht. Er lächelte mir direkt zu: „Du kannst nicht ewig hier liegen bleiben.“

„Wieso nicht…?“, ich streckte meinen Arm nach ihm aus. Das lächelnd verschwand. Der Junge ebenso. Nur eine große Silhouette in der Tür. Er besuchte mich noch genau zwei Nächte und redete mit mir über Dinge, die ich danach sofort vergaß. Beim letzten Mal verabschiedete er sich und gab dem Mädchen auf dem Bett einen Kuss auf die Wange. Danach dann – kam er nie wieder. Denn Kuss aber, hatte ich gespürt. Eine unfassbare, wohlige Wärme.
Ab da waren die Nächte ruhig. Nein, nicht ganz. In einer Nacht besuchte mich ein anderer Kerl. Ungefähr so alt wie der erste. Denn ich auch irgendwie kannte aber… auch wieder gar nicht. Der Raum füllte sich bei seinem Eintreten mit Kälte; er sprach kaum mit mir. Wenn doch, war da nichts weiter als eine hohe, friedvolle Stimme. Sonst war er wie ein Geist. Ich konnte das gesagte nicht verstehen. Als er mir mit der Hand über das Herz fuhr, fühlte ich einen stechenden Hauch der Kälte, eine Dunkelheit in mir die erst verschwand, als es auch tat. Das Einzige was mir von ihm im Gedächtnis blieb, waren seine strahlenden blauen, aber leeren Augen und ein Bündel weißer Rosen.
Am Tag sah ich den Pflegern dabei zu, wie sie ihren Körper manchmal aufsetzten, ihn anfassten. Darüber sprachen. Die Verbände wechselten. Eine Frau mit blondem Haar und einer Brille, die jeden Tag bei mir war, mit einer Stimme, die mir ebenfalls bekannt vor kam. Aber ich konnte es einfach nicht greifen. Sie war oft an meinem Bett. Und sie redete mit mir. Die anderen Geräusche? Ein penetrantes Piepen, bei dem ich gar nicht glauben konnte, dass es von mir stammen könnte. Ein Puls, der so weit weg, außer mir war. Andere Menschen die umhertratschten. Aber es war fast so als wäre mein Interesse daran nicht groß genug, um weitere Details herausfiltern zu wollen. Aber als sie sprach, war es anders. Sie erzählte mir von einem Jungen, den sie nicht finden konnte. Der doch nur kurz zuvor selbst an meinem Bett gestanden und geschluchzt hatte. Sie erzählte mir Geschichten wie er war, als er noch da war. Und bei jedem ihrer langen Geschichten hörte ich zu. Und ich war mir sicher, genau wie er wusste sie, dass ich ihr zuhörte. Denn sie redete und redete. Manchmal weinte sie dabei. Manchmal wurde mir warm ums Herz, wenn sie von ihm sprach. Ich schaffte es sogar ihr meine Hand aufzulegen und ich glaubte sie spürte es auch. Die Wärme die dabei entstand. Mir war sonst so kalt. Aber immer, wenn sie sein Lächeln erwähnte was ich selbst gesehen hatte oder ich sie berührte, wurde mir unfassbar warm. Das war also Liebe, sagte ich mir. Sie muss ihn geliebt haben, so wie er mich geliebt hat. Weiter denken, konnte ich aber nicht. Ich konnte nicht tiefer in mich gehen, oder hinterfragen wieso oder warum. Konzepte in meinem Kopf greifen und vertiefen. Ich konnte es einfach nicht. Ich ließ es einfach durch mich hindurch strömen, ohne jemals etwas zu greifen.
Greifen. Ich erinnerte mich daran, wie sie den Körper des Mädchens aufgesetzt hatten, um weitere Untersuchungen durchzunehmen. Ich versuchte dabei nach ihren Haaren zu greifen. Aus Interesse. Aus Neugierde. Um zu erfahren, ob da auch Liebe war. Ob es warm sein wird. Ich streckte ihr meine Finger also entgegen.
Nach den Haaren, die nur noch Fetzen waren und hier und da, von einem rasierten Schädel mit Fraktur und Binde hinabhingen. In diesem Moment, als ich sie angefasst hatte, war es für einen kurzen Augenblick so, als würde ich abermals in ihren Körper gesaugt werden – aber nur kurz. Wenige, extrem schmerzhafte, stechende Sekunden später, saß ich wieder auf dem Bett und die aufgeregten Frauen hantierten an weiteren Schläuchen und Nadeln herum. Als hätte ich sie verletzt. Ein extremer Schauer Kälte überfuhr meinen Körper. Eine Kälte, die mich selbst beinahe verbrannte. Fast so wie die von dem Mann mit den diamantblauen Augen. Und doch so vertraut. Ich beschloss es dabei zu belassen. Beim Fakt, sie nicht anfassen zu dürfen. Und so verging die Zeit. An einem Tag, kam dann ein Mann in Uniform in mein Zimmer. Er stand neben der Frau am Bett, sodass wir nun zu dritt hinab schauten. Er sprach irgendetwas. Davon, dass nur „sie“ als Zeuge es besiegeln könnte. Das wir „sie“ bräuchten um… etwas zu beweisen. Etwas, worüber ich so gut wie gar nicht mehr nachdenken konnte. Sie brauchten das Mädchen, dennoch war es fast so, als hätte ich nie existiert. Als hätte ich nichts zu sagen… und sprechen… konnte ich schon gar nicht. Was wollten sie von mir?
„Und was wenn wir ihr noch eine Chance geben?“
„Wir könnten dabei sterben Evelyn… und wenn es rauskommt oder sie das Angebot nicht annimmt dann- Sie wird- Die ganzen Menschen, die schon gestorben sind. Die noch sterben könnten. Wir könnten alles verlieren…“
„Aber ist das nicht unsere Pflicht? Sollten wir es nicht – ihm – zuliebe tun? Wir haben doch mit ihr gesprochen. Mir ihr lässt sich reden! Jeder hat ein gutes Herz… irgendwo… Ich kann sie doch nicht sterben lassen! Nicht hier und… nicht im Gefängnis.“
„Du hast recht. Aber… wenn wir das tun, dann nur für ihn. Nicht mehr weinen. Wir bekommen das hin. Wie immer.“
Nachdem ich diese Wortfetzen verstanden hatte, umarmten sich beide. Was die Frau dann sagte, sollte alles verändern. „Wir müssen ihm doch irgendwie helfen. Mit ihrer Aussage- Bald ist der Gerichtstag! Was wenn wir noch ein Kind verlieren? Wir dürfen ihn nicht verlieren! Mein armer Vincent!“
Und in diesem Moment, war es so als würde mich ein Blitz in meinen Rücken treffen. Er war heiß und kalt zugleich. Auf einmal wurde es schwarz – dann – stand ich vor einem Haus in einem Wald. Die Krankenstation war weg, die zwei Personen ebenso. Vor mir nur noch ein brennender Betonblock. Ich stand noch am Rand, sehr weit davon weg als ich ankam. Doch mit jedem Atemzug kam ich automatisch näher. Und näher und näher. Bis ich ein vertrautes Gesicht sah.
Vor der Tür stand ein Mädchen. Die, welche ich schon seit… ich weiß gar nicht wie lang, beobachtet hatte. „Hallo! Hallo! Wer bist du!? Was… machst du?“ In dieser Welt konnte ich nun wieder normal sprechen und denken. Seltsam. Auf einmal schien ich mehr zu sein als nur der Teil eines gebrochenen Bewusstseins. Oder zumindest musste dies die Welt sein, in die ich hinein gehörte.  
Ich kam noch näher, aber sie war mit dem Rücken zu mir gewendet. Sie hielt die Vordertür des Hauses mit aller Kraft zu, schien mich dabei auch nicht zu beachten. Sie hatte Schmerzen, ihre Haut verbrannte dabei, aber sie blieb stark. Während es hinter der Tür donnerte. Und eine schräge Lache trat hervor, so laut, dass es durch diese ganze Welt hallte. Es war eine seelenlose Lache, die mir das Blut gefrieren ließ. Was es war konnte ich nicht sagen, ich wusste nur, dass ich Angst davor hatte. Unendliche Angst. Deswegen wollte ich helfen und trat näher heran. Was auch immer da drin war, es durfte nicht herauskommen. Um jeden Preis. Es hatte die Aura des puren Bösen. „Halt!“, meinte das Mädchen vor der Tür. Sie drehte sich zu mir um und versuchte mit dem Druck ihres Rückens stand zu halten. Was sie umso mehr schmerzte. „Wer bist du?? Was bist du??“, fragte sie mich. Gute Frage. Ich überlegte, mir fiel aber keine Antwort ein. „Bist du wie sie, oder wie ich?“, korrigierte sie noch einmal ihre Frage. Wieder. Ich wusste es nicht. „Sag du es mir! Ich weiß es nicht! Was ist das?! Wieso sind wir hier!?“
Ohne direkt zu antworten, griff sie sich in ihren Mantel und warf mir einen Schlüssel vor die Füße: „Auch gut. Wird schon schief gehen. Ich hoffe, du wirst es nie heraus finden. Vergiss es… einfach. Argh!!! Hör auf zu klopfen, du kommst nicht wieder raus verdammt!!! Es ist Zeit aufzustehen Schneckchen. In diesem Zustand ist es nur eine Frage der Zeit bis das da drinnen die Kontrolle gewinnt. Ich darf nicht weiterschlafen! Du. Wer auch immer du bist. Ich versuche das Haus von innen heraus zuzuhalten. Sie zurückzudrängen. Ich muss sie vernichten. Tu mir einen Gefallen und… zerstör den Schlüssel, nachdem du zugeschlossen hast! Vergiss mich! Für immer. Uns beide. Das ist die letzte Chance! Und egal was ich sage. Öffne die Tür ja nicht mehr…“
„Die letzte Chance zu was!? Wer bist du!? Wie ist dein Name!?“
„Mein Name ist-“
„Ahahahaaaaaa!“, es donnerte stärker. Die Welt fing an zu beben als die Fassade vom Haus zu bröckeln begann. „Irrelevant...“

In diesem Moment riss die Frau die Tür auf und machte sie hinter sich zu, was ich in dem kurzem Zeitraum mitbekam, als sie auf war, war die pure Dunkelheit, zwei riesige Augen und ein breites Lächeln. Es machte mir nicht nur Angst, es versetzte mein gesamtes Wesen in eine Art Schockstarre. Die Schreie innerhalb des Hauses lösten meine Beine doch wenig später vom Boden und weil ich sonst nicht wusste was zu tun war, vertraute ich ihr. Ich schloss das Haus ab. Meine Hand zitterte, ich war in Panik, als ich den Schlüssel umdrehte und dann… dann war es still.

Totenstill. Die Flammen knisterten vor sich hin, als ich zurückwich. Das brutale Klopfen an der Tür hatte schon längst aufgehört. Die Schreie waren verschwunden. Ich ging noch ein paar Schritte zurück, bevor ihre Stimme ertönte: „Gut. Du kannst jetzt wieder auf machen. Es ist vorbei.“ Ja. Es war ihre, da war ich mir sicher. Aber sie war auf einmal so entspannt. So zuckersüß. Mein Herz traute dem nicht.
„W-Was… aber du hast gesagt…“
„Das was ich gesagt habe ist egal. Na los. Dann sage ich dir meinen Namen.“
„Ich- Ich weiß nicht ob-“
„Mach. Die. Tür… Auf.“
„Aber-“
„MACH SIE AUF!!!“, es fing an, an der Tür zu donnern und zu beben. Noch lauter als davor. Die Stimme mit der dieses Monster nun schrie war so… unnatürlich tief und unmenschlich verzerrt. Der Fakt, das was auch immer es war nicht durch diese Tür konnte oder zwingend dort hindurch musste, obwohl das gesamte Gebäude nun voller Löcher klaffte war… so weit hinter meinem Verständnis. Aber ich hatte auch nicht das Verlangen danach hier zu bleiben und herauszufinden, ob sie mit genug Zeit und Kraft auch durch diese Tür brechen konnte. Tränen liefen mir hinunter, als ich den Schüssel fester griff, umkehrte und in Richtung Wald rannte. Ich wusste nicht wohin, doch als ich dann plötzlich am Rande der kleinen Welt ankam und in den Abgrund fiel, den ich nicht erwartet hatte… war da nur eine Stimme in meinem Hinterkopf, die „Danke…“ flüsterte.
Dann öffnete ich meine Augen.

Evelyns Sicht:

„Mom. Dad. Was macht… sie hier…“ Es war so als würden sich Vincent´s Beine von selbst bewegen. Er war still, als er auf ihr Bett zu lief. Fast schon humpelte. Sie war noch im Koma. Künstliches Koma. Ihre Wunden mussten heilen. Und sie heilten auch schon sehr lange. Robert und ich warteten in der Tür und beobachteten ihn von hinten, wie er sie musterte. So, als könnte er es gar nicht fassen. Nicht in einhundert Jahren. Als wäre seine ganze Welt zusammen gebrochen. Diese Reaktion hätte ich von ihm wirklich nicht erwartet, nein, ich dachte er würde aufschreien, wie verantwortungslos das doch war. Aber er war einfach still und setzte sich an die Bettkante. Mit hängendem Kopf nahm er sanft ihre Hand, mit seiner anderen fuhr er ihr über die Wange. Gerade als wir dazustoßen wollten, drehte er sich um und wir konnten in sein Gesicht blicken. In seinen Augen… er weinte. Aber nicht wie sonst nur ein paar Tränen. Seine Augen waren blutrot angelaufen. Vincent war wirklich nicht die Art von Person, die sich im Alltag die Zeit nehmen würde darüber nachzudenken was er eigentlich hatte, im Gegensatz zu vielen anderen. Er beschwerte sich immer viel und als seine Mutter geht es auch nicht an mir vorbei, dass er sehr oft unglücklich und unzufrieden ist. Aber jetzt, als ich in seine Augen sah. Seine Mimik, sein ganzes Sein. Es war die pure Dankbarkeit. Es schockierte mich regelrecht.

„Dankeschön… Danke…“

In diesem Moment ist mir wohl klar geworden, wer mein Sohn eigentlich war. Und kein Gericht der Welt konnte mir das mehr ausreden. Denn ich wusste nun, dass er sie liebte. Er liebte sie wirklich, mit allem was er war. Ich schaute zu meinem Mann. Er umarmte mich. Wir nickten. Er erkannte es auch. Das war echt. Und trotz allem, war er unser Sohn. Würde er immer sein.
In diesem Moment, geschah etwas unerwartetes. Vincent nahm vorsichtig ihren Oberkörper. Hob ihn auf und umarmte ihn. Vielleicht hatte sich dabei ein Schlauch gelöst. Gelockert. Ich wusste es nicht. Aber als sie sich in den Armen lagen…
Machte Zoe ihre Augen auf.
Als Vincent sie wieder abließ, schaute er sie ungläubig an.
Er war auch das erste was sie sah. Aber sie sagte nichts. Konnte sie wahrscheinlich auch noch nicht. Sie hatte nur offene Augen. Große Augen… und fast schon eine… ungewöhnliche Faszination mit seinem Gesicht. Sie verlor sich glatt darin wie ein Kind, das zum ersten Mal seine Mutter sah. Robert zog unmittelbar nachdem er es bemerkt hatte seine Dienstwaffe. Als würde er diesmal schneller reagieren wollen, um Vincent zu retten.
„Nein!“, ich legte ihm sofort die Hand auf, machte die Tür hinter uns zu: „Das hätte nicht passieren dürfen…“ Ich checkte alle Maschinen und die Zufuhr des Anästhesie-Mittels, als ich etwas an meinem Arm spürte. Es war Zoe, die mich hielt. Mit einem unerwartet-sanftem Griff. Ich blickte zu Vincent, dem immer noch die Tränen wie im Wasserfall hinunterliefen. Er weinte unkontrolliert. Ich schluckte selbst meine Gefühle hinunter und entschloss mich dann nach einer kurzen Untersuchung ihres gesamten Körpers, das künstliche Koma zu beenden und sie langsam – offiziell aufwachen zu lassen. Ich würde nie erfahren, was sie in erster Linie wach werden ließ. Aber sie wollte aufwachen. Sie musste aufwachen. Sie konnte nicht ewig hier liegen bleiben. Das war mir klar.
Und so sollte es sein.

Wir drei hatten alle Augen auf sie gerichtet. Zoe lag für eine Weile einfach nur da und es war fast so, als könnte sie ihre Augen nicht von Vincent lassen. Was sie dachte, was sie sagen wollte wenn sie denn könnte, das wussten wir nicht. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie ihren Mund auf und zu bewegte. Als würde sie etwas sagen wollen. „W-W-Wer… bin… ich?“ Ich warf einen schnellen Blick zu Robert. „Wer du bist? Ehh…“ „Naja Du bist…“
„Nicht tot. Das ist das Wichtigste. Alles wird gut, denn Rest bekommen wir alle gemeinsam hin. Also. Was weißt du… Wer glaubst du denn zu sein?“, fragte Vincent mit sanfter Stimme. Zoe schloss die Augen. Machte sie auf, lies sie fast schon puppenartig über den Raum wandern und schüttelte danach immer noch müde und verschlafen den Kopf. „Wo sind mei- meine. El… tern? Seit ihr meine Eltern…“ Robert drehte sich zu mir um: „Ist das normal?“
Ich flüsterte ihm zu: „Brian hatte sein Gedächtnis auch verloren. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis er sich wieder einigermaßen erinnern konnte aber selbst dann…“ „Was ist, wenn das ein Trick ist?“ „Von jemandem der gerade aus zwei Monaten Koma aufgewacht ist…?“  

„Hört auf zu flüstern, ihr stresst sie. Schaut mal.“, meinte Vincent mit leicht-ermahnendem Unterton. Ich schaute zu Zoe, die nun etwas stärker atmete. Und sie blinzelte sehr stark, aber es waren kleine Reaktionen, auf die ich überhaupt nicht geachtet hätte. Danach beobachtete ich Vincent. Er war kreidebleich, ließ seine Augen aber nicht mehr von ihr ab. Hielt ihre Hand. Sie beruhigten sich damit irgendwie gegenseitig… auf eine… seltsame Weise.  
Zoe ließ ihren Kopf zur Seite fallen und lächelte ihn an: „Komm her…“
„Was…?“, meinte Vincent schniefend, als Zoe ihre laschen Hände an seinem Kopf hielt und ihn an sich heran zog: „Du… Junge kannst mir doch bestimmt sagen, wo meine Eltern sind, oder?“ Ihre Stimme wirkte wie betrunken, was nicht ungewöhnlich war in so einem Zustand. Vincent gab nach und lag nun halb über ihrer Brust, versuchte dabei seinen Kopf ein bisschen höher zu halten, um kein Gewicht auf ihren Wunden zu verlagern, während Zoe anfing ihn unbeirrt über den Rücken zu streicheln. Er schaute hilfesuchend zu uns: „Kann ich das…?“ Dann räusperte sich Robert – immer noch seine Hand an der Waffe klammernd – und schluckte: „Ich kann das. Sie sind tot.“
Ich erschrak: „Robert du-“
„Tot… was… was hat sie…. um- umgebracht?“ Zoe ließ Vincent los und ich legte beiden die Hand auf. Ich wusste nicht, was Robert vor hatte, als er sich neben ihr auf das Bett setzte, aber damit, hätte ich nicht gerechnet: „Hör mir zu. Hör mir ganz genau zu und merke dir genau, was ich sage. Dein Name… ist Madison Archer. Du bist 20 Jahre alt. Vor ein paar Tagen hatten du und deine Eltern einen schweren Autounfall, als ihr aus einem brennenden Wald fliehen wolltet. Sie sind dabei ums Leben gekommen. Du bist durch die Windschutzscheibe geflogen und mit dem Kopf auf den Asphalt aufgeschlagen. Wir sind deine neuen Eltern.“ Ich wusste, dass Robert der Verlust von Brian nahe stand und ich wusste, dass sie ihm wirklich sehr ähnlich sah… aber das hätte ich nicht erwartet – nein – nicht in hundert Jahren, auch wenn ich selbst nicht wusste, was der eigentliche Plan war, als ich sie wiederbelebt hatte. Aber das Zoe ihr Gedächtnis verlieren würde. „Madison Archer. Autounfall… meine Eltern sind… tot…? Wald… Brand.“

„Ja. Genau.“, stimmte ich schnell zu.
„Und du erinnerst dich überhaupt nicht?“, wich Vincent zurück. Legte den Kopf schief. Zoe schüttelte den Kopf.
„Du weißt nicht, wer ich bin…?“, fragte er abermals nach.
„Du bist… Du bist…“ Zoe schloss ihre Augen. Öffnete sie wieder. „Mein… Bruder? Nein…“
Vincent schüttelte den Kopf, weitere Tränen fielen auf ihre Decke. Vor Glück oder vor Trauer. Ich wusste es nicht. Zoe streckte nur den Arm aus und fuhr über sein Gesicht, wischte ihm die Tränen ab:
„Sei nicht traurig…“
„Ich bin nicht traurig.“ Vincent stand auf und lief auf mich zu. Umarmte mich und brach dann unerwartet weinend am Boden zusammen. Ich und Robert hielten ihn fest. Es dauerte fünf Minuten, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Zoe unterbrach das Geschehen, immer noch unter Einfluss der Betäubungsmittel: „Ich glaube… er ist… doch traurig…“
Wenig später stand es dann fest. Sie litt unter retrograder Amnesie. Ob es permanent war oder nicht – wir wussten es zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber in diesem Moment, hatte sie alles vergessen. Wer sie war, was sie war. Alles was passiert ist, bevor ihr Kopf auf der Brücke aufgeschlagen ist. Es war eine ganz neue Person und dank dem schnellen Eingreifen von Robert nun… ein Mädchen namens Madison.

Vincent´s Sicht:

Wenn es einen Gott auf dieser Welt gab, dann hatte ich keine Ahnung, was ich in meinem Leben getan hatte, um das zu verdienen. Um Zoe zu verdienen. Oder eben… diese ganze Situation. Meine Verwirrung – größer denn je, aber sie lebte! Sie lebte! Ein unbeschreibliches Gefühl! Ein paar Stunden später, fuhren ich und mein Dad aber nach Hause. Das Aufwachen von ihr war nicht geplant, sie musste noch gründlichst untersucht werden. Jede Wunde, jedes Organ, bevor wir nur daran denken konnten, sie nach Hause zu fahren. „Wie wird es jetzt weitergehen Dad. Wird Zoe… wird Madison jetzt bei uns leben? Was heißt das alles?“ Ich fühlte mich wie ein Kind. Die Freude in meinem Herzen und die Aufregung überwiegten alles, was in den letzten Monaten an Scheiße passiert war.

Mein Vater atmete aus: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich bin schwach geworden, als ich euch zwei gesehen habe. Sie hat mich tatsächlich an ihn erinnert ich dachte, ich kann nicht noch einen Baker sterben lassen. Das kann ich ihm nicht antun. Und ihr um ehrlich zu sein auch nicht. Wenn sie sich nicht einmal erinnert, wer sie ist. Würde die Öffentlichkeit das mitbekommen – nach der ganzen Sache mit den Waldbränden noch dazu – … es würde eine Hetzjagd auf sie ausstehen. Eine Jagt auf einen verletzten Menschen, der nicht weiß was passiert. Es würde Leute geben, die ihr dabei nicht nur den Tod wünschen, sondern sie liebend gerne selbst zu Tode foltern würden nach dem, was sie angerichtet hat. Nein. Das kommt nicht in Frage. Außerdem würde ich es gerne sehen.“
„Was sehen?“
„Ob sie wirklich ein schlechter Mensch ist, wie sie es von sich selbst behauptet hat. Denn das glaube ich nicht.“
„Manchmal Dad… frage ich mich auf welcher Seite ihr eigentlich steht. Du und Mom.“ Das Auto war still. „Vincent. Das frage ich mich bei dir aber auch…“ Er wirkte auf einmal so anders. „Wie bitte?“
Er räusperte sich nur: „Nichts, vergiss es.“
„Dann ist das mit dem Umzug wohl endgültig gelaufen, oder?“, meinte ich, „Wenn…  Madison demnächst bei euch einzieht. Wie wollt ihr sie verstecken? Und was ist, wenn sie sich doch erinnert?“
„Das schauen wir wenn es soweit ist, aber ja, es ist besser du schläfst heute Nacht bei dir. Außer dir reicht die Couch.“
„Nein Danke, ich muss ein bisschen nachdenken glaube ich. Alles gut Dad… Passt auf euch auf, ok?“  
„Du auf dich auch Vincent. Es laufen wirklich Verrückte dort draußen rum. Und wer weiß, wenn die Leute jetzt wissen wo du wohnst – wenn dich irgendjemand belästigt, ruf mich einfach an. Egal ob von den Medien oder sonst was.“
„Mach ich. Aber ich glaube nicht, dass ich nach dem Gericht noch interessant für die Leute bin, um ehrlich zu sein. Und hassen tun sie mich bestimmt auch nicht mehr. Ich bin ja nicht der Doktor. Das hat jetzt wirklich jeder Idiot verstanden.“
„Ja…“
Mein Dad war den Rest der Fahrt zu meinem Haus wirklich still, wir verabschiedeten uns nüchtern und ich kam endlich Zuhause an. Untersuchte erst einmal wie wild, ob irgendwo noch Kameras waren oder sonstiges Spionage-Zeugs. Es hörte sich lächerlich an und tatsächlich wurde ich nicht fündig. Schon wieder hatte sich meine Paranoia als Nullnummer erwiesen. Da mich mein Haus trotzdem einengte, verzog ich mich in der Nacht nach draußen.
Das erste Mal seit langem, war ich nun wieder frei und auf den Straßen. Der Doktor war wieder da. Yaay… Zoe… Nicht. Oder irgendwie? Argh! Diese Madison Archer Sache fühlte sich immer noch so surreal an. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte! Einerseits war ich gerade der glücklichste Mensch auf diesem Planeten, andererseits… andererseits habe ich in ihre Augen gesehen. Es war eben doch nicht Zoe. Oder nicht ganz? Mh. Ich wusste nicht einmal, ob ich heute nach draußen gegangen war, um jemanden zu töten, oder um einfach ein bisschen nachzudenken. Jedenfalls sahs ich schon kurze Zeit später nachdem ich mein Haus verlassen hatte am See in Insgate. Dort wo ein kleiner Zweig vom Molta Creek mündete. Ich schaute dem Wasser dabei zu, wie es die Steine passierte. So war ich doch sonst nicht. Aber meine Gefühle zwangen mich dazu. Die Welt war so… so unfair. So unfair in der Tat, dass ich nicht mal wusste, ob es zu – oder gegen meinem Gunsten war.
Und was wenn Zoe doch noch da drinnen ist? Wenn sie sich wieder erinnert? Wenn ich ihr dabei helfe sich daran zu erinnern? An uns. An das was war. Sie hatte mir doch schon verziehen, oder? In ihren letzten Momenten bei Verstand. War es vielleicht doch nicht erzwungen? Dennoch, was passiert, wenn es nicht so kommt und Zoelle wieder überhand gewinnt? Dann geht es mir und meinen Eltern an den Kragen und sie leidet weiter. Vielleicht ist es einfach das Beste sie so zu lassen. „Vielleicht habe ich ja Glück und sie verliebt sich noch einmal in mich. Ach verdammt! Ich wünschte Brian wäre hier, um mir zu sagen, was ich tun soll!!!“ Ich nahm einen Stein und wollte ihn in den See schmeißen.
„Ich auch.“
„Arghwlgh-!“
Ich wäre um ein Haar selbst hinein gefallen.
„Lucy verdammt! Du kannst doch nicht immer… Mensch ey! Und… was ist das bitte für ein Vogelnest auf deinem Kopf…?“
„Was nicht?“, das mit Blut verschmierte Mädchen schaute mich an. Ihre Haare sahen katastrophal aus, nachdem sie meine Gasmaske absetzte. Sie stank unfassbar nach Rauch und Chemikalien. Ich vermutete zunächst, dass vielleicht eine meiner Substanzen vor ihrer Nase explodiert war. Aber höchst wahrscheinlich, war sie einfach schon lange auf den Beinen, oder hatte nicht mehr daran gedacht sich nebenher schick zu machen. Trotzdem. Sonst waren ihre Haare immer, entweder gekämmt oder zusammen gebunden. Nun sahen sie aus, als würde sie da drinnen irgendein Lebewesen züchten. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Ich raffte mich wieder auf und umarmte sie schnell: „Danke! Das hast du gut gemacht!“ „Wirklich!?“, ihre Augen leuchteten. Ich nickte, „Auf jeden Fall!“
„Deine Sachen sind schon wieder in deiner Wohnung. Warum die Kartons? Ziehst du um? Verlässt du Insgate auch?“ Ich wunderte mich schon gar nicht mehr: „Ne, zu meinen Eltern. Also. Vielleicht, vielleicht auch nicht, also ich wollte aber- warte- Moment- weiß Brian schon, dass seine Schwester-?!“ Lucy setzte sich ins Gras und lächelte mich, ohne ein Wort zu sagen an. Das war Antwort genug.
„Gut. Wie hat er es aufgenommen…? Was hat – er – getan. Beziehungsweise, was hat – er – vor? Was ist der Plan?“, meinte ich voller Elan, endlich mit ihm auf derselben Seite zu stehen.
„Er war glücklich, glaube ich. Und… nichts. Glaube ich. Kein Plan.“
„Kein Plan?“
Lucy nickte.
„Dieser Idiot will mich doch verarschen. Mich einfach alleine mit dem Problem lassen? Na toll. Vielen Dank auch… Leben ruinieren und abhauen. Die Bakers sind doch alle gleich ey… Ich erkenne ein Muster.“
„Naja… etwas hat er schon- warte-“ Lucy holte das vertraute Tonbandgerät aus ihrem Rucksack heraus und kramte in weiteren Kassetten.
„Hatte Brian nicht gesagt, du sollst damit aufhören?“
„Also ich kann immer noch selber Entscheidungen treffen, nä?“
„Wie auch immer... Was hast du diesmal für mich?“
Lucy steckte ein Band rein und ließ es laufen. Es fing an mit: „Ich kann mir vorstellen, dass es für Vincent auch erstmal ein großer Schock sein wird… und… dass er nicht wirklich weiß, wie es jetzt weiter geht. Muss hart sein.“ Die Geräuschqualität war nicht gerade gut, es wurde durch ein Telefon aufgenommen. Ich fragte mich aber wirklich, wieso Brian so oft hinter meinem Rücken über mich sprach. Ob er nichts Besseres zu tun hatte…? Obwohl das was er sagte doch wahr war. Ich war bis ins Mark erschüttert und extrem aufgewühlt. Aber das kannte der Idiot ja nicht. Für ihn musste dieses ganze Debakel so einfach sein. Er konnte doch alles irgendwie lösen. Der hochbegabte Voll-

„Ich fühle mich tatsächlich ähnlich. I-Ich weiß gerade nicht, ob ich etwas verloren oder gewonnen habe, weißt du?“, als wüsste er genau woran ich dachte. Als würde er mir antworten. Und es war genau das. Auf den Punkt gebracht. Verdammt. Ich hatte ihn wie immer zu früh verurteilt. Ich musste schon sagen, auch wenn Brian was Bücher-Schlauheit anging nichts reißen konnte wie ich, er hatte doch eine sehr hohe emotionale Intelligenz. Sogar, wenn es umso schwere Fälle ging wie mich. Irgendwo war es doch schon witzig, oder? Er konnte mich nur so fertig machen, weil er genau wusste wie ich ticke. Weil er mich von Sekunde eins in und auswendig kannte. Und mich somit als einziger Mensch auf dieser Welt… wirklich verstand.
„Aber was wenn sie dich auch vergisst? Hat sie dich dann nicht verloren? So wie du sie verloren hast. Du wolltest, dass ich sie wieder finde!“, meinte Lucy in der Aufnahme.
„Ich weiß. Aber das ist schon gut. Ihr wird es so besser gehen. Falls du dich mit Vincent triffst – er wird es auch schon bald wissen, seine Eltern werden es ihm früher oder später sagen; dann sag ihm, er soll sie nicht wieder an ihr altes Leben erinnern. Ach was mache ich mir vor, ich höre das Aufnahme-Dings-Gerät doch! Vincent, erinnere sie nicht daran. Bitte. Ich- Sie hat genug gelitten. Sie wird bei deinen Eltern ein neues Leben anfangen. Geb ihr Zeit sich daran zu gewöhnen, Geborgenheit und ein offenes Ohr. Sie… sie ist wahrscheinlich so verwirrt und angeschlagen von allem. Spiel einfach mit.“
„Ach auf einmal erwartet er von mir zu lügen? Na sie mal an.“
„Naja nicht direkt lügen aber…“ Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß ich, dass das kein Telefonat mit ihm war. Brian seufzte: „Belaste sie einfach nicht, wenn möglich. Du und deine Eltern finden schon einen Weg ich… weiß die Antwort doch auch nicht.“ Das war ein Satz, den ich nicht von ihm erwartet hätte. Er hat sich auch verändert, ja. Er zieht keine schnellen Schlüsse mehr, wirkte unsicherer, aber allgemein ehrlicher. Trotzdem… irgendwie hatte ich das Gefühl, er hat ebenfalls aufgegeben.

„Das… hat sie dir vielleicht nicht direkt gesagt, Vincent aber – sie wollte schon immer auf eine Art Schule gehen. Sei so gut und erfülle ihr diesen Wunsch. Wenn es dir hilft, in Milton gibt es ein Internat. Mh, wie heißt das noch mal… TS… BS. Genau. TSBS. Tempten Sports Boarding School. Oder wie ich es genannt habe Totally Stupid Bull-Shit. Aber das ist jetzt nicht wichtig, jedenfalls wurde ich da damals von Ma hin geschickt, weil ich so schnell rennen konnte. Wurde dann aber ein paar Stunden später raus geschmissen, weil ich sonst nichts kann und mir beim Unsinn machen fast drei Mal das Genick gebrochen habe. Aber egal. Die Leute dort sind ein bisschen abgekapselt und voll auf eigene Leistungen fokussiert. Vielleicht ein passender Ort für die neue Zoe? Oder wie auch immer Robert sie dann nennen wird. Ob sie dann noch Sport mag? Puh. Überleg es dir einfach mal. Ich weiß es ist schwer aber- wenn du Fragen hast oder reden willst. Ich… und Lucy, wir sind immer für dich da, auch wenn wir nicht hier sein können. Wir können ja Briefe schreiben! Hast du meinen ersten schon bekommen, ja? Ja? Wie fandest du ihn? Gut, oder? Oder? Schreib dann mal was zurück. Ich warte schon drauf. So. Wenn du mich jetzt entschuldigst, ein Bett baut sich nicht von selbst auf. Aber irgendwie bekomme ich das seit zwei Tagen auch nicht so hin… Naja. Übrigens, vielleicht beruhigt es dich ja, dass die eine Millionen Geld die du uns übrig gelassen hast, in einen guten Zweck fließen. Also einmal in unser Haus und dann den Rest, den habe ich Ma gespendet, für so ein Kinderheim, von dem du – Nichts – weißt, am anderen Ende des Landes. Ach, ich bin so glücklich! Wer hätte gedacht, dass das noch gut ausgeht! So Lucy. Du gibst ihm noch seine Sachen zurück und dann kommst du her! Es ist so laaaangweilig alleine und ich muss alles selber machen! Das ist doof! Du bist doof, ihr seid doof! Bis dann! Bis dann!! Du Penner!!“

„Gut ausgehen? Hat er…“, ich drehte mich zu Lucy, „Hat er einmal in die Nachrichten gesehen? Die Brände. Macht ihn das gar nichts-“ Lucy schluckte und griff das Tonband fester. Das Tonband, aus dem gar kein Geräusch mehr kam. „Lucy…?“
„Er vergisst manchmal aufzulegen. Warte.“ Und ich wartete. Auf einmal hörte man ein leises Schluchzen in der Ferne. Dann, wie jemand immer und immer wieder gegen eine Wand haute und schrie. Das Schluchzen wurde immer lauter und schmerzhafter, bis das Tonband dann ausgeschalten wurde.
„Oh…“
„Ja. Oh.“
Lucy drehte sich zu mir, als sie es wieder einpackte: „Ich glaube er ist noch in der Leugnungsphase.“
„Das mit Zoe ist schon ein zwei Monate her, wann wurde es aufgenommen?“ „Gestern.“ „Das ist eine… lange Phase.“ „Ja.“ Lucy hielt kurz Inne.
„Er wird schon wieder, hoffe ich. Aber er ist in letzter Zeit irgendwie komisch.“
„Mh?“
„Ich telefonier immer mit ihm. Wenn er nicht gerade sagt wie toll es ihm geht, oder wie schön es in der Welt ist, weil Zoe nicht da ist… macht er sich nur noch sorgen. Und er sagt mir nicht mehr so oft, was ich tun soll. Also nicht, dass ich für ihn was machen soll. Es heißt immer nur – Lucy- zieh dich warm an es ist immer noch kalt. Lucy- schlaf genug, Lucy- sei vorsichtig weil blablabla. Lucy- Nein- nicht immer nur Schokolade. Er wirkt öfters so… so…“
„Erwachsen?“
„Ja...!!“
„Er ist erwachsen.“
„Nein.“
„Ok.“

Ich schaute gedankenverloren auf den See hinaus: „Gib ihm Zeit. Und wenn dich das nervt, dass er sich nur sorgen um dich macht dann- willkommen im Club. Das muss er von meinen Eltern haben. Aber das ist schon ok. Sie meinen es nur gut. Du wirst es irgendwann verstehen und akzeptieren…“
Wir saßen noch eine Weile da und ich entschloss mich… wenn Brian sich so oft dazu hinunter zwang gut hinter meinem Rücken über mich zu reden, sollte ich dasselbe… versuchen: „Er ist ein guter Kerl… aber er weiß schon, dass man zum Briefe verschicken Adressen braucht und er mitten im Nirgendwo illegal wohnt, oder?“ Ich war so miserabel im Komplimente geben, es war absolut faszinierend. Lucy packte einen Zettel aus ihrem Rucksack: „Ich werde es ihm sagen. Aber der erste geht auch per Lucy.“ Sie drückte mir den Zettel in die Hand, ich lächelte leicht:
„Aber das ist doch nur dieser blöde Brief, den Brian mir und Zoe an Weinachten gegeben hat? Was soll ich damit? War er zum Schreiben?“ Ich schaute ihn mir ein bisschen an. Also seine Sauklaue war wirklich allgegenwertig. Aber ich hatte vor kurzem erst erfahren, dass das bei Menschen normal sein soll, die schneller Denken als sie ihre Hand bewegen können. Ich fragte mich, wie es jetzt wohl war. Aber vielleicht schrieb er einfach unabhängig von seinen Gedanken, wirklich nur hässlich. Doch ich bemerkte, dass sich etwas verändert hatte. Einige Sachen waren durchgestrichen und hinzugefügt. Jap. Immer noch grauenhaft. „Er wollte, dass du ihn laut vorließt.“ „Mh… eh. Ok. Ich kann es ja mal versuchen.“
„Ich bin [dank dir ja] zur Erkenntnis gekommen, dass es keinen Sinn haben wird Zoe und mich selbst zu töten, weswegen ich [und Lucy] für immer gehen werde. Die Stadt hier ist scheiße [immer noch]. Vielleicht geh ich zurück nach Dunshaw, aber ich will nicht, dass Zoe mitkommt, weil."
Ab hier wurde durchgestrichen:
„Ich dich nicht mag.“
Das wurde ergänzt mit: "Sie mag und nicht mehr verletzen will."
Dann wieder durchgestrichen, gelassen und ergänzt: „Und das ist böse [ernst] gemeint. Wirklich, was ist falsch mit-“  
Dann war die halbe Seite weggestrichen: „dir schäm dich du bist schrecklich und geh dich vergraben aber im Ernst einen ganzen Nachrichtensender kidnappen und es anderen anhängen nur weil du außer Gefecht bist schäm dich, schäm dich, schäm dich wirklich du bist dumm und blöd.“  
Und ergänzt mit: „mir. Es tut mir so leid euch Schwierigkeiten bereitet zu haben. Ich hätte es anders lösen sollen.“  
Das Gleiche mit: „Und gib mir mein Messer zurück, das ist meins.“
„Ich gebe dir Zoe´s Messer Vincent. Ich kann es nicht wieder zusammenfügen, vielleicht kannst du ja - du kannst ja Magie-Zeug machen, warte das war Chemie mein Fehler. Egal. Pass darauf auf. Tut mir auch leid wegen dem Bild, nicht böse sein. Ich habe es wieder repariert. Zoe hat es dir nicht ohne Grund gegeben, deswegen. Hier.“
Durchgestrichen: "Habt noch ein schreckliches.“
Hinzugefügt: „Schönes Leben.“
„Euer persönlicher Albtraum und Herrscher über diese Welt.“ Alles weg.
„Freund, Brian.“

„So Süß.“, meinte ich nach einer kurzen Pause. Diesmal sogar nicht erzwungen. Drehte dann das Blatt um, an dem mit einer verbogenen Büroklammer das Foto befestigt war. Sein reparieren war nur ein Streifen Tesafilm, welcher schief und unbeholfen drüber gepappt wurde. Es brachte mich zum Lachen. Es ließ mich wirklich strahlen, was ich schon seit langem nicht mehr getan hatte. Kein Wunder, dass jeder, der ihn als Kind kannte so toll fand. Er war wirklich ein Wonneproppen, wenn er nicht gerade geistesgestört war. Ich konnte nicht beschreiben, wie sehr ich diese kleinen Gesten, die er machte in Zeiten wie diesen zu schätzen wusste. Es veränderte mich zu sehen, wie er sich veränderte und bereitete mir nebenbei noch wirklich gute Laune. Aber wieder zurück zum Thema.
„Erwachsen nennst du das? Wie niedrig ist die Latte denn…?“
Ich entschloss mich spontan diese gute Laune weiter zu geben. Schaute zu Lucy und lächelte sie an: „Mir fällt es fast schon schwer dich gehen zu lassen, nä? Wer soll mich dann beobachten, ich fühl mich dann doch ganz alleine.“ Sie lächelte zurück, legte dann ihre Hand an mein Ohr und flüsterte: „Dafür werde ich Brian für dich in den Wahnsinn treiben. Bis er mich heiratet.“

„Wundervoll. In diesem Fall – muss – ich dich ja quasi gehen lassen.“ Sie wich zurück. Ich sah sie nochmal von oben bis unten an. Ja. Neben Brian war sie noch eine Freundin, auf die ich zählen konnte. Ich wusste nicht, ob ich das was sie für mich getan hat jemals wieder zurückzahlen konnte. Obwohl sie seltsam war – und das musste man schon sagen – war die Kleine ganz ok. Ich machte es Brian also gleich und versuchte meine Dankbarkeit vorerst in kleinen Gesten auszudrücken. Ich griff in meine Tasche und holte ein paar Gummis heraus: „Bevor du gehst. Komm mal her.“ Ich ging mit meinen Fingern mehrmals durch ihre Haare und löste die größten Knoten, band es dann so gut wie möglich zusammen.
„Weißt du. Ich kann mir gar nicht selba die Haare machen.“, meinte sie nach kurzer Zeit.
„Was?“, hakte ich verwundert nach, „Du kannst doch irgendwie alles perfekt. Bisher hat es doch auch geklappt.“ „Mh Mh.“, sie schüttelte ihren Kopf, was mir das Binden erschwerte, „Bisher, hat das Brian immer gemacht.“ „Oh… verstehe. Aber es wird Zeit, dass du das selber lernst, meinst du nicht? Wie alt bist du? Acht? Neun?“
„Ich bin letzte Woche ganze zehn Jahre alt geworden! Ja ja.“
„Oh. Zehn schon. Na dann- alles Gute nachträglich. Ich mein ja nur. Brian hat sicher nicht immer Zeit oder Lust das zu machen und es ist wirklich ganz leicht. Übung macht den Meister. Stell dir mal Brian´s Gesicht vor, wenn du  Dinge von selbst machst und beibringst. Er ist dann sicher sehr stolz. So. Fertig. Es ist nicht perfekt, aber jetzt kannst du wenigstens wieder sehen.“
„Das ist eine gute Idee! Jaja! Das mache ich, danke! Und danke fürs Haare machen! Beim nächsten Mal mache ich des selbst!“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Wir standen auf und gaben uns einen Handschlag.
„Dann wars das wohl. Bis… irgendwann mal. Oder nicht. Mal schaun.“
„Japjap. Besuch uns doch mal im Haus!“
„Ich… denke darüber nach. Gute Reise. Viel Glück mit Brian!“
„Viel Glück mit Zoe!“
„Danke… Oh Lucy! Sag Brian noch danke für die Sonnenblumen und weißen Rosen!“
Ich wusste, dass ich außer ihm keinen Freund hatte – absolut niemand, würde mir freiwillig Blumen schenken. Was solls.
„Weiße Rosen? Also… das waren wir jetzt nicht… aber ich sag das mit den Sonnenblumen!“
„Tatsache? Wer war es dann?“
Lucy zuckte mit den Schultern: „Sehe ich aus wie dein Freundebuch?“ und schon hopste die kleine Lucy Blair weg. Nach einem Wimpernschlag war sie fort. Als wäre sie nie hier gewesen. Es wurde still.
Und auf einmal, fühlte ich mich das erste Mal seit Monaten wirklich; also so wirklich allein. Es fühlte sich schon fast traurig an. Aber zumindest hatte die Antworten, wegen denen ich hier zum Nachdenken her gekommen war. Brian hatte mir tatsächlich auf die Sprünge geholfen und mir versichert, ihr nichts zu sagen. Und sie einfach zu unterstützen. Und das… war etwas womit ich mit mir selbst auch im Reinen sein konnte. Die Bestätigung dafür, trug meine Beine nun nach Hause.
Angekommen, durchsuchte ich zunächst meine Sporttasche mit allen Chemikalien, die in meinem Gang lag; genau da, wo ich sie zum letzten Mal stehen gelassen hatte. Sie waren restlos aufgebraucht. Sogar ein paar neue befanden sich darunter. Ganz unten in der Tasche, fand ich aber einen schimmernden Revolver. Den von Ethan, den ich Lucy geschenkt hatte. „Was zum? Wollte sie ihn nicht?“ Ich nahm ihn in die Hand und begutachtete ihn ein zweites Mal, als ich neben dem Griff eine Gravur sah, die ich in der Gasse damals übersehen hatte: „Weiße Rose…“ In diesem Moment kam mir eine sehr schaurige Erkenntnis.
Brian musste ihn wieder rein gelegen haben. Was schon mal hieß, es war ganz sicher kein Geschenk. Diese eine Sache, die ich über Wochen in Untersuchungshaft ganz vergessen hatte. Das war meine erste Nacht draußen. Und dieser Revolver hier war eine Warnung vor jemandem, der noch eine Rechnung mit mir offen und höchstwahrscheinlich alles Mediale mitbekommen hatte. Auch meinen Wohnort. Und da meine Wahrnehmung wann und wo ich beobachtet wurde schon so gestört war- Brian wollte mich warnen vor-
„Oh nein…“ In diesem Moment hörte ich das Klicken einer geladenen Waffe hinter mir.
„Ich gebe dir genau drei Sekunden, um dich zu rechtfertigen – Doktor. Danach knall ich dir deinen Schädel aus dem Hirn.“
„Du meinst wohl Hirn aus dem Schädel.“ Ich stand auf und drehte mich um, sah in Ethan´s Gesicht. „Das auch. Drei.“
Seine neue, schwarze Knarre, direkt vor meiner Fresse. „Es ist anders als du denkst.“ „Zwei…“ „Wenn es um den Schatten geht dann-“„Eins…“ „Du musst mir zuhören Ethan.“ „Und. Auf. Wiederseh-“
„Zoe lebt verdammt.“ Ich wollte es eigentlich nicht sagen. Aber scheißdrauf.
Ethan ließ seine Waffe ganz langsam und skeptisch sinken.
„Was? Verarsch mich nicht du-“

„Hock dich einfach hin und ich erkläre es dir. Keine Tricks, kein gar nichts. Ich habe dich hier nicht erwartet, ok? Wenn du danach nicht überzeugt bist, kannst du mich gerne erschießen. Meine Fresse. Du bist zehn Mal hässlicher als ich erwartet habe, was mache ich mir eigentlich Sorgen...“ Ethan schniefte und grunzte kurz: „Hast du Bier da? Für mich und meinen Kumpel?“ „Deinen… was?“ Ethan ging einen Schritt zur Seite und ich sah in der dunklen Küche einen anderen Kerl sitzen, der mir zuwinkte, als sich unsere Blicke trafen: „Heyyy, was geht? Beachte mich gar nicht, ich bin nur das Plus-eins.“
„Warum ist der hier?“, flüsterte ich zu Ethan.
„Ich habe mich weggeschlichen, um dich Pisser zu töten und er hat mir auf der Sohle geklebt, wie ein Straßenkaugummi.“, flüsterte er sehr laut zurück. Drehte sich dann zu dem Typen: „Sagt hallo. Louis, der Doktor. Doktor. Louis. Hast du jetzt was zum Saufen oder nicht, verdammte scheiße???“ Ich schüttelte meinen Kopf verwirrt: „Ja… Ich… komm gleich. Eure Majestät.“
„Wie hast du mich genannt??“
„Soll ich Bier oder Baldrian holen? Komm runter Alter...“
„Wenn du abhaust killen wir dich!“, meinte Ethan und sein Partner ergänzte: „Ja man! Zeigs ihm Ethan! Whoo!“ Ethan schlug sich vor das Gesicht. Ich holte erschöpft zwei Bier aus dem Keller, machte mir selbst eine Kanne Kaffee und setzte mich mit den Zweien auf meine Couch. Schweigend. Ich war angepisst. Auf wen; ich konnte es beim besten Willen nicht sagen. Alleine die Tatsache, dass hier noch jemand saß, der mich für schuldig an ihrem Tod hielt. Helena. Er. Das Volk, alle anderen eben. Ich selbst. Zum Glück wusste ich jetzt schon, dass sie noch lebte. Es hatte wie meine Mutter sagte, mein Gewissen tatsächlich etwas beruhigt. Ich hätte mir vorstellen können, dass meine Psyche mir andernfalls auch in dieser Konversation einen bösen Streich gespielt hätte. Umso mehr, weil Ethan eine ähnliche Ausstrahlung wie Zoe selbst besaß. Aber ich merkte jetzt schon, wie sich dieses Problem immer weiter abflachte. Das Nächste, saß nun vor mir. Wir blickten uns an. Es war still. Ethan saß mit Schlitzaugen da, Bier in seiner einen, seine wiedererlangte Edelwaffe gerade noch auf mich gerichtet in der anderen Hand. Sein Kollege Louis schaute nur zwischen uns zweien hin und her, bevor er lächelnd zu Ethan blickte: „Ich glaube du hast den Falschen, man. Der Typ sieht aus wie ein Streber!“ „Er sieht aus, wie ein Verräter.“
„Danke.“, lächelte ich falsch zurück und rollte mit den Augen.
„Wo. Ist. Zoe?“ Während Ethan das sagte, versuchte Louis seinen Revolver genauer zu inspizieren und fuhr ganz langsam mit der Hand-
„Fuck mich nicht ab Rivera!“ Louis schreckte zurück und lächelte. Was für eine Nervensäge. Erinnerte mich nicht nur wegen der Hautfarbe an meinen alten Highschoolfreund. Und irgendwie auch an M.
Ich versuchte ihn nicht weiter zu beachten und atmete durch: „Ich und Zoe wurden verarscht. Aber ich erzähl euch mal die Geschichte von Anfang an.“
„Halt dich kurz.“

„Halt dein Maul.“

„Was hast du Ratte-?!“
„Du nervst. Wenn du hierhergekommen bist, um mir die Ohren zuzugröllen kannst du gleich wieder gehen. Bei Zoe toleriere ich es noch, wenn sie nicht zuhört. Bei dir. Nicht. Also wenn du Hummeln im Arsch, oder Besseres zu tun weißt, kannst du durch die Tür gehen, durch die du dich auch selbst-“ Ich schlürfte ruhig an meinem Kaffee, „Eingeladen hast...“

Louis lachte zu selbst, nachdem ich Ethan beleidigt hatte. Anscheinend taten das nicht viele, aber ganz ehrlich, ich wollte mit Zoe zusammenarbeiten, nicht mit diesen dämlichen Schattenkindern. Und vor allem nicht mit Ethan.
„Du nervst auch.“, fuhr er fort. „Dann erzähl einfach! Meine Fresse, war mir klar, dass sie sich einen Quatscher geholt hat. Ihr hat das Radio wahrscheinlich nicht mehr gereicht…“
In mir ballte sich eine sehr starke Wut an. Aber ich schluckte sie vorerst hinunter und begann zu erzählen. So kurz wie möglich, um dieses Prinzesschen nicht aufzuregen. Ich redete nicht viel – er hat unrecht. Ich konnte selbst Menschen nicht leiden die nur laberten. Was fällt ihm ein, so mit mir zu reden? Jetzt war mir auch klar warum Zoe uns nicht zusammen alleine lassen wollte.
Zumindest nach meiner Erzählung – in der Ethan zum größten Teil sein Maul hielt – lehnte er sich etwas entspannter zurück und nippte an seinem Bier. Versuchte nachzudenken, aber er war so langsam. Schließlich meinte er: „Und wieso sollte ich dir das alles glauben, huh? Das klingt alles nach ziemlichem Bullshit. Gedächtnisverlust tz. Zoe würde niemals vergessen wer sie ist. So etwas vergisst man nicht. Und selbst wenn. Dann schlagen wir der Ollen einfach wieder aufm Hinterkopf.“
„Untersteh dich.“
„Huh? Sag mal geht’s noch??“
„Ruhig Ethan. Wir sollten jetzt erst einmal nachdenken. Das klingt alles ziemlich verzwickt, für jeden von eu-“
„Klappe Rivera!!!“, meinten ich und Ethan gleichzeitig. Er erschrak kurz, dann lächelte er mit seinem weiten Lächeln: „Ich bin nur hier, um aufzupassen und meine Meinung abzugeben, so wie es Zoe wollte.“ Ich hob meine Augenbraue, dann fiel es mir wieder ein. „Ach ja… Opposition. Wie auch immer. Zoe bleibt Madison. Und das ist keine Frage für eine Diskussion. Sie hält es mental einfach nicht aus. Außerdem wenn es, doch Zoelle ist dann, muss man sie wohl oder übel töten...“

„Sag mal- Auf welcher fuckin Seite stehst du eigentlich??“, Ethan wurde wütend und stand auf, „Du hast keine Ahnung, wie stark dieses Weib ist, oder? Oder?? Und sie ist zu wertvoll! Ohne sie, funktionieren. Wir. Nicht!“ Ethan stand nun direkt vor mir. Er roch nach Rauch. Sehr viel Rauch. Zehn Mal stärker als Lucy es tat. Auch seine Hände waren voller Ruß und Asche. Die Schattenkinder haben so viel Schaden angerichtet in den letzten Monaten. Und nun stand er vor mir und möchte mir sagen, sie funktionieren ohne sie nicht?? Oder funktionierte – er – ohne sie nicht?
Mein Gedultsfaden war jedenfalls kurz vorm reißen, als sich dieses Rindvieh auf zwei Beinen so penetrant aufmuckte. Ich wollte dem ein Ende bereiten.
„Und. Das. Soll… mein Problem sein?“
Ich schlürfte an meinem Kaffee, kurz bevor ihn mir Ethan aus der Hand schlug und er mitsamt zerbrechendem Kübel an der nächstgelegenen Wand landete. Dann nahm er meinen Kragen und zog mich mit einem rück auf seine Augenhöhe: „Ich mache es zu deinem Problem. Denn eine Sache, die ich aus deiner kleinen Geschichte hier ziehen konnte war, dass es zu einem großen Teil auch deine Schuld war, dass das mit ihr passiert ist! Und es kotz. Mich. An! Jetzt wegen jemandem wie dir in so einer Situation stecken zu müssen. Nur wegen dir ist sie schwach geworden! Du hast sie in den Wahnsinn getrieben – Doktor. Und das wirst du bezahlen. Ich werde dich so zusammenschlagen, dass es noch deine Kinder spüren werden. Und dann hole ich Zoe. Ob du willst oder nicht!“ Seine Augen blitzten mich rasend an. Auf einmal musste ich lachen…

„Was ist denn so lustig, huh?“
„Jungs. Hört auf zu streiten! Wir sind im selben Team!“, meinte Louis. Aber wir beachteten ihn nicht mehr.
„Ach nichts weißt du… es ist schon witzig, wie du so sehr glaubst zu wissen, was für Zoe das Beste ist. Ihr habt euch ein, zweimal gesehen. ´Rogers´. Du kennst sie gar nicht…“ Ich schüttelte meinen Kopf, „… und schon lange nicht besser als ich.“
Ethan ließ mich los und hatte nun einen sehr verwirrten Blick: „Ein, zweimal? Du scheinst sie ja überhaupt nicht zu kennen, wenn du das denkst. Wir waren ein Paar du Ratte...“ Mein Lächeln verschwand. Sofort. Ich und Louis sagten fast gleichzeitig: „Was??“ Ethan ließ seinen Kopf sinken: „Na und, was solls? Warum so überrascht?“
„Sie hat mich… angelogen…?“

„Natürlich hat sie dich angelogen! Weißt du eigentlich mit was für ner Tusse du deine paar kleinen Flitterwochen verbracht hast? Hm. Doch nicht so Seelenverwandt, oder? Wir waren auf einer Mission in Kalifornien unterwegs. Rivera, damals als ich dir gesagt hatte ich geh auf die Einzelmission? Acht Wochen oder so hat das gedauert. Vielleicht länger, keine Ahnung. Die längsten, verdammten Wochen meines Lebens. Wann war das… vor zwei Jahren!? Egal. Sie war damals noch achtzehn und ich fand sie halt auch geil, meine Fresse, sie ist halt ein Gerät. Sie mich auch und da ist es irgendwann passiert. Naja, es ging eigentlich ziemlich schnell. Wir haben einfach nur die ganze Zeit rumgeknutscht und geballert. Seit der ersten Nacht, jede Nacht. Was die Mission war, geht euch nen Scheißdreck an, aber zum Mitschreiben – Ich – habe Schluss gemacht! Na… Schockiert?“
In der Tat war ich schockiert. Meine Fäuste ballen sich. Das hatte sie mit Kalifornien gemeint. Deswegen wollte sie mir davon nicht erzählen. Sie hätte es mir einfach sagen können. Aber hat sie nicht, nachdem ich sie so oft gefragt hatte. „Was war das für eine Mission?“, fragte Louis. Ethan seufzte aus: „Familienangelegenheiten. Mehr musst du nicht wissen.“

„Es hatte mit deinem Bruder zu tun, oder?“, rutschte es mir heraus. Wie Ethan danach zusammenzuckte, war Antwort genug. Er fasste mich abermals am Kragen: „Was weißt du noch?? Nein. Warte. Du hast genug gesagt. Halt die Klappe!“
„Ethan?? Du hast einen Bruder?? Du hast doch gesagt, du wärst Einzelkind… Scheint nicht so, als wäre Zoe die Einzige, die Partner anlügt.“

„Ohh verdammt nochmal…“, jammerte Ethan. Ich schniefte nur kurz und redete weiter:
„Zoe war schon immer weich… in diesem Punkt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dir mit deinem Bruder doch geholfen hat. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was daraus geworden ist. Tja. Weil das ihre Achillesferse ist. Du kannst dir sicher nicht vorstellen, wie sie drauf war, als sie erfahren hat, dass ihrer noch am Leben ist. Es war einfach zu schnell zu viel. Und das hat Dinge aus ihr heraus geholt, die schon immer da waren. Und… wenn du sie kennst und mit ihr Schluss gemacht hast, dann weißt du das auch. Dann kennst du Zoelle.“ Ethan ließ mich los und schaute nachdenklich zu Boden, als hätte ich den Nagel auf den Kopf getroffen. „Zoelle…“ Aber er ließ einfach nicht locker, dieser Idiot. „Das ist mir egal. Ich brauche sie, um meinen Kult anzuführen! Wenn die kleine Chance besteht, dass Zoe noch da drin is, dann prügle ich sie meinetwegen heraus!“ Ethan drehte sich um und ich bemerkte, wie er gerade gehen wollte. Das konnte ich natürlich nicht zulassen und ich hielt in an der Schulter fest: „Du verstehst es einfach nicht. Du wirst Madison in Ruhe lassen.“

Ethan schaute zu Boden, dann hörte ich ein kleines auflachen, dass schnell verschwand. Er schaute über die Schulter. Sein Auge blitze auf: „Mh. Werde ich nicht. Du solltest etwas über mich wissen, Doktor. Der Schatten ist der Einzige, der mir Befehle geben kann.“
„Das…“, ich lächelte ihm zu, in meinem Inneren voller Hass und Trauer, als Zoe´s… Ex mich anblickte, „Können wir ändern-“ In diesem Moment, griff ich seine Kehle, drehte mich, lies ihn über mein Bein stolpern und knallte ihn über den Wohnzimmertisch, der unter seinem Gewicht einbrach. Der Revolver landete etwas weiter Abseits. Doch auch der schwerfällige Ethan blieb lange nicht auf dem Boden liegen. Mit einer schnellen Bewegung, die doch sehr untypisch für seinen Körperbau war, rollte er sich ab und landete am anderen Ende auf beiden Beinen: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Glaubst du, du bist der Einzige, der mit ihr trainiert hat? Dann komm doch her du Ratte.“ Und das tat ich. Während Louis Abstand nahm und panisch dem Geschehen folgte, fing ich an mit Ethan zu kämpfen; was spannend war, alleine schon weil wir beide von derselben Person trainiert worden sind, aber Ethan eindeutig als Angreifer. Und ich als Verteidiger. Er hat gelernt wie Zoe zu kämpfen. Ich habe gelernt gegen Zoe zu kämpfen. Und genau deswegen, war mir von Anfang an klar; einen Zweikampf, würde ich gewinnen. Denn eines war sicher. Egal wie gut er war. Ethan war nicht Zoe. Bei weitem nicht.

Und so verwüsteten wir innerhalb von kurzer Zeit meine gesamte Wohnung. Glasscheiben gingen in die Brüche, das Sofa wurde komplett in Stücke gerissen, Schränke zerlöchert, Tische und Stühle zerdeppert. Es wurde mit Waffen gekämpft, dann ohne, dann wieder mit. Hin und wieder mit Haushaltsgegenständen… und das in jedem Geschoss. Ich konnte einfach keine guten Treffer landen. Abblocken ging einfach, genauso wie ausweichen, weil Ethan im Gegensatz zu mir träge war und spät reagierte… doch wenn er traf, wie einmal direkt in meine Magengrube mit seiner bloßen Faust, dann war es fast schon schlimmer als bei Zoe. Naja zugegeben, Zoe hatte bei mir immer noch etwas erbarmen gezeigt. Ethan nicht. Aber da im Krieg und der Liebe alles erlaubt war, kam mir nach kurzer Zeit schon eine Idee. Denn das war mein zweiter Vorteil. Eben weil ich automatisch reagierte, konnte ich in jeder Kampfsituation gut nachdenken und einen kühlen Kopf bewahren. Auf dem Dach angekommen, sperrte ich Ethan also für einen kurzen Moment aus und verschaffte mir mit der Zeit, die es benötigte das Fensterglas einzubrechen und durchzusteigen, genug Freiraum, um nach unten zu stürmen, wo ich meine Tasche mit meinen Folterinstrumenten hatte. Verätzen konnte ich ihn nicht mehr – leider, aber dafür nahm ich mir meine übergroße Knochenzange, ging ins Wohnzimmer, wo ich den wartenden Louis antraf. Er schaute mich nur mit großen Augen an: „Och man! Ist er gestorben? Hey man ich habe echt versucht ihn aufzuhalten oder zum Nachdenken zu zwingen. Tut mir leid, dass wir in dein Haus eingebrochen-“

„Oh es wird dir leidtun.“, ich ging schon deutlich verletzt und mit blutender Nase auf ihn zu und hob im Vorbeigehen noch Ethan´s Revolver vom Boden auf. „Hey- Hey- yo- leg das runter! Ich weiß doch auch nicht, was hier abgeht- mich abzumurksen wird dir rein gar nichts bringen!“
„Ihr nervt.“, ich setzte den Revolver an seinem Hals an, er bewegte sich jetzt nicht mehr. Kurze Zeit später kam Ethan die Treppen hinuntergetrampelt: „Ich bring ihn um! Ich bring ihn um!“ Er kam ins Wohnzimmer: „Louis, wohin ist die kleine Ratte abgehaue-“ Nun sah er uns, ich winkte ihm mit meiner Knochenzange zu: „Überraschung!“ Ethan blieb für einen kurzen Moment angespannt stehen, dann lockerte sich sein ganzer Körper. Er verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue: „Und? Was soll das werden?“
„Ich werde ihn erschießen.“
„Mach doch.“
„Ethan!“
„Oder… vielleicht geht dir erschießen ja zu schnell und schmerzlos. In diesem Fall trenne ich ihm einen Finger nach dem anderen ab, während du zusiehst.“ Ethan kaute auf seiner Zunge, betrachtete die gesamte Szene dann von oben bis unten. Louis merkte, dass Ethan es für seine Verhältnisse viel zu locker sah: „Ethan!!!“, drängte er abermals.
„Jajaja.“, Ethan schaute wieder zu mir, „Außer ich mache…?“ „Außer du lässt Zoe in Frieden… und wartest auf weitere Befehle – von mir.“ Plötzlich fing Ethan an zu lachen: „Bahaha! Und was zur verfickten Hölle, qualifiziert – dich – dazu? Wir sind absolut gleich gestellt. Nein, im Gegensatz zu dir bin ich nicht auf die Tricks von so einem geisteskranken Teenager reingefallen.“ „Das glaube ich nicht. Ich kenne Brian jetzt genug, um zu wissen, dass er dich getroffen und über den Tisch gezogen hat… bevor du zu mir gekommen bist. Ich glaube sogar er hat dich zu mir geschickt, um mich zu nerven.“
„Was laberst du denn da für einen Scheiß? Weißt du eigentlich wie schwer es ist, mich zu verarschen, Junge?“ Ich dachte an Zoe´s erstem Treffen mit ihm zurück. Der Typ war wirklich dümmer als die Polizei erlaubt. Dann merkte aber unerwarteter Weise Louis etwas an: „Hat dir vor ein-zwei Monaten so ein mehr oder weniger tätowierter Freak nicht das Motorrad an der Tanke gestohlen?“ Auf Brian´s Geistesgestörtheit konnte man sich – immer – verlassen. „Ach ist das so?“ Ich schaute selbstgefällig zu Ethan rüber: „Tätowiert also? Lass mich raten, lang, dünn, braune Haare. Immer am Lächeln? Das war ihr Bruder, von dem ich dir gerade erzählt habe. Hast du die ganze Gerichtsverhandlung heut Morgen eigentlich mit dem Arsch angehört? Und weißt du was, er hat auf dich gewartet. Und er wollte, dass wir uns hier treffen. Aus irgendeinem Grund, der uns noch überhaupt nicht bekannt ist. Ich weiß das einfach. Ich kenne ihn!“

Brian´s Sicht:

So. Genug geweint für heute. Genug Nachrichten für heute. Genug zusammenfallende Baustelle. Es war so eine schöne Nacht. Und schon wieder mit einem Schattenkind geplaudert, das zündeln wollte. Hach ja. Ich legte mich in meinem alten Zimmer auf eine Matratze. Mir fielen fast die Augen zu. Schattenkinder. Schattenkinder… Aber irgendwas hatte ich dann doch vergessen. Irgendwas… Wie auch immer. Seit ich meine Schwester und alles was sie einmal war, hinterrücks erschossen habe, ist die ganze Welt wieder im Lot und so viel Platz in meinem Kopf. Keine Pläne, keine Verknüpfungen, kein Stress durch Konsequenzen mehr. Mir geht es super. Ich habe mich noch nie besser gefühlt. Ganz im Ernst. Und Vincelchen kümmert sich um den gesaaamten Rest. Mh. Vincent. Schattenkinder. Vincent. Schatten… Ich frag mich nur ob- Ohhhhh. Oh. Verdammt. Ethan. Ups. Ja. Das wollte ich nicht. Ups. Naja… Egal. Dann habe ich eben schon wieder einen Fehler gemacht, der einen Menschen den ich mag in Todesgefahr bringt. Mh. Was solls?

Mir geht es fabelhaft.

Vincent´s Sicht:

„Ich sag dir doch, er ist ein böses Genie! Und du bist mittendrin. Genau in die Falle gelaufen! Genau. Und du hast es nicht einmal bemerkt!“
„Alter was laberst du, ich hab nur getankt, reg dich ab! Na und? Dann war es ihr Bruder… Jetzt lass den Vollidioten los, damit ich dich weiter verprügeln kann!“ Er schlug seine Faust in die Handfläche.
„Du kennst die Bedingung. Und nein, wir sind nicht gleichgestellt. Sonst hätte Zoe mit dir zusammengearbeitet. Sie brauchte eben jemanden mit Hirn. Jemanden, der mehr konnte, als ihr nachzuplappern. Der eigene Entscheidungen treffen kann. Und ich entscheide, dass du Madison nicht aufsuchen und für immer aus dieser Stadt verschwinden wirst sonst-“
Ich klemmte einen von Riveras Fingern zwischen meine Knochenzange, gerade so, dass er ein bisschen aufschrie: „Ethan! Hör einfach auf ihn verdammt! Doktor, Schatten – ist doch alles dasselbe! Hilf mir hier weiter man!“ Ich sah zum Zähne-zusammenbeißenden Ethan. Oh Scheiße, wirkte er wütend. Aber anscheinend nicht, weil ich im Inbegriff war seinen Freund zu foltern. Jedenfalls nicht direkt: „Weißt du Doc, ich weiß zwar nicht, was du über mich oder meine Familie weißt. Oder was dir Zoe erzählt hat und was nicht. Aber wenn ich eine Sache von meinem Vater – diesem Mistkerl – mitgenommen habe, dann ist es niemals. Niemals… auf solche Drohungen einzugehen. Wenn man einmal einknickt, tanzt dir irgendwann jeder auf der Nase herum. Also los. Mach doch. Um ehrlich zu sein- Es ist mir scheißegal.“

Was? Dabei dachte ich die Schattenkinder wären seine gesamte Existenz. Aber er musste doch auch einen weichen Kern haben. Naja. Falls er glaubte irgendwelche Tricks mit mir spielen zu können, dass ich lockerlasse, hatte er sich geschnitten. Und so schaute ich ihm ein letztes Mal in die Augen, bevor ich meine Zange zudrückte: „Und du willst ein Anführer sein?“ Zack. Ohrenbetäubend-qualvolle Schreie von Louis waren zu hören. Sein linker Daumen fiel zu Boden, als er aufheulte und es ihm gleich machte. Ich kniete mich hin, den Revolver immer Griffbereit und auf Ethan blickend, der weiterhin still stand. Meine Stimmung wurde gleich besser. Vielleicht zu gut. Zack. Der nächste Finger. Ich schaute wieder zu Ethan, er blickte nur vor sich auf den Boden, weg von der Szene, aber den Schreien konnte er kaum ausweichen. „Und der Nächste!“, sagte ich euphorisch und schnitt den Mittelfinger durch. „Und der Nächste!! Haha!!“ Zack. „Weißt du Ethan? Es gibt da noch einen Grund, warum mich Zoe ausgewählt hat statt dir! Moment, was tu ich hier eigentlich? Wieso nicht bei jedem Finger dreimal zuschneiden? Und der Nächste!!!“ Zack. Zack. Zack. Ich brach den Knochen des kleinen Fingers noch mehrmals mit der Zange, bevor ich ihn in Etappen hinunterschnitt. Mein Adrenalin, schoss unkontrollierbar in die Höhe, als ich mich vor diesem nervigen Menschen beugte – das erste Mal morden seit der langen Haft und es fühlte sich an, als würde man mir eine Droge wieder geben, von der ich zu lange abhängig gewesen war. Ich nahm die nächste Hand und brach sie durch, bevor ich mich than widmete, den ich schon fast vergessen hatte:
„Es ist wie ein Schalter- einmal angefangen…. Bin ich komplett Gaga!!! Wieso nur die Hände?? Ich schneide ihm seine Ohren ab! Und dann die Lippen und dann reiß ich ihm die Augen und Nase heraus!!! Ich werde ihn ganz langsam umbringen!!!“, meinte ich lachend. Ich hob meine Zange in die Luft, kurz bevor sie auf das Gesicht raste, rief Ethan: „Nein!“ Die Zange kam zum Stehen und ich bemerkte zum ersten Mal meinen aufgeregten Atmen und mein wie verrückt schlagendes Herz: „W-W-Was meinst du mit nein- i-ich werde ihn jetzt töten! Ich-“
Louis lag heulend am Boden, blutete wie verrückt von der linken Hand, auf der sein Schattenkindersymbol und nun kein Finger mehr war. Ich konnte mein Gesicht fast gar nicht von seinen schmerzerfüllten Augen lassen. „Ja… genau das wollte ich schon mit ihm machen, als er mir zugewinkt hat. Und Ethan. Du hast keine Ahnung, was ich am liebsten mit dir machen würde… Diese verdammten weißen Rosen, die du mir ins Krankenhaus geschickt hast… Die würde ich dir am liebsten…“
Ich schaute zu Ethan, er ging einen Schritt zurück: „Welche… Rosen…? Ich war doch gar nicht beim…“  Dann schüttelte er seinen Kopf und kniete sich hin: „Egal. Du hast gewonnen. Und mich überzeugt. Ich kann dich zwar nicht ausstehen und würde dich am liebsten selbst töten aber… Wenn Zoe mit sowas wie dir zusammenarbeiten konnte, werde ich das auch. Nagut. Du bist der Boss. Lass meinen Freund in Ruhe. Bitte… Doktor.“, knirschte er mit den Zähnen widerspenstig hervor. Ich stand mit schlotternden Knien auf und taumelte zu einem Schrank. Schoss Louis im Vorbeigehen eine der Kugeln von Ethan´s Revolver ins Bein, was Rogers aufzucken ließ. Ich wusste aber nicht wirklich, ob es mehr wegen Rivera oder der Verschwendung einer guten Kugel war.
„Na geht doch…“ Ich öffnete die Schublade, schüttelte dann verwirrt meinen Kopf und schlurfte stattdessen zu meiner Tasche im Gang, wo ich einige Tabletten von meinem Vorrat rausholte. Ich kam ins Wohnzimmer, nahm eine Hand voll und schmiss den Rest der Dose zu Rivera auf den Boden: „Hier. Friss. Dann ist der Schmerz weg. Zu viel, dann ist er für immer weg. Kannst selbst herausfinden, was die richtige Menge ist…“ Er zappelte rum, versuchte einige der Pillen mit seiner gebrochenen, rechten Hand zu heben, bevor er sie einfach vom Boden aufleckte. Es bereitete mir Freude das zu sehen. Aber scheiße… der Typ wird nie wieder sein Maul aufreißen oder Lachen können. Ich ließ mich auf die zerrissene Couch fallen und legte angestrengt und nun selbst schmerzerfüllt meine Hände vor das Gesicht, um in der Dunkelheit für einen kurzen privaten Moment, gegen meine Krankheit klarzukommen. Zur Überraschung, als ich meine Hände wieder runter nahm, kniete Ethan immer noch. „Hab ich… was verpasst, solltest du nicht gehen… und deinem Freund irgendwie helfen?“

„Ich erwarte präzise Befehle.“ Ich dachte nach. „Mh ok. So ist das. Also… ich versuch mich hier mal in Zoe hinein zu versetzten – Ethan – und vielleicht einen Kompromiss zu finden, der uns beide glücklich macht. Weil ich so gütig bin. Lass mich nachdenken. Naja, wie du weißt, ist Zoe sehr sicherheitsbedacht. Sie hat dir ja diese fünf Szenario-Dinger dagelassen, nicht ohne Grund. Sie hatte immer einen simplen Ausweichplan parat. Also würde ich einfach sagen, wenn das mit Madison nicht klappt und Zoelle rauskommt… dann… dann ist sie dein Problem. Falls es Zoe ist, umso besser für mich.“ „Und was heißt das?“
„Führt dann einfach Szenario 1 aus. Das, wo sie verrückt geworden ist und ihr ihr hilft oder wegsperrt, oder was weiß ich, was sie da zu dir gesagt hat.“ Ethan dachte nun nach und biss sich auf die Lippe: „Ich glaube nicht, dass das möglich sein wird. Die Schattenkinder haben absolut keine medizinischen Fachkräfte im Lager. Und die, die ein bisschen was können, sind so einer Horrorscheiße nicht gewachsen. Du hast recht, ich kenne Zoelle. Kannst du dir vorstellen, wie oft die versucht hat, mich im Schlaf umzubringen?“
„Anscheinend nicht oft genug…“, rollte ich mit den Augen, fand den Gedanken aber zehn Mal schlimmer, dass Ethan irgendwann einmal neben oder bei Zoe gepennt haben musste, um diese Erfahrung zu machen. Davon abgesehen was er… vorhin gesagt hatte…
Ich versuchte schnell an etwas anderes zu denken: „Ihr habt… keine medizinische Versorgung? Und was passiert dann mit Leuten wie dem da?“ Ich nickte zu Rivera runter, der immer noch lauthals stöhnte und heulte, jetzt aber durch die Schmerzmittel immer stiller ausblutete. Ethan blickte auch zu ihm rüber, zuckte dann mit den Schultern: „Er wird schon klar kommen. Schattenkinder sind mittlerweile so zahlreich und ersetzbar, dass es oft gar keinen Sinn hat sie zu behandeln. Ein Kopfschuss und gut ist es meistens. Bei Fällen wie dem hier, habe ich doch keine Ahnung. Und ein Schattenkind, dass so wertvoll und verletzlich war wie Rivera, wurde noch nie so schwer verwundet.“
„Na toll… Ich kann Zoe´s Frust mit eurer Unfähigkeit immer mehr nachvollziehen. Und wer hat deine Verletzung behandelt, nachdem dir das Blech auf den Kopf geschmettert wurde?“
„Tz. Da wo ich herkomme, hält einen sowas nicht lange auf. Ich hatte schon Schlimmeres aushalten müssen. Im Gegensatz dazu war das hier nur ein kleiner Klaps auf den Hinterkopf. Und deine Vorstellung gerade eben – nichts weiter als Kinderkram. Dort gibt es hunderte wie dich. Und das weiß sie auch. Ich habe mich dazu entschieden dir zu folgen, weil ich es mir gerade so überlegt habe. Nicht, weil du diesen Pfosten da ein paar Manieren beigebracht hast. Glaub mir, früher oder später hätte ich es selbst getan. Manche Menschen würden sich gut daran tun, öfters die Klappe zu halten und Befehle zu befolgen. Aber sag mal Doktor. Du bist doch so ein medizinisches Genie und hast Zoe´s Körper schon einmal zusammen geflickt. Warum zur Hölle machst du es also nicht einfach selbst nochmal und schiebst die Scheiße an uns ab??“
„Das ist ganz einfach Ethan. Wenn Zoelle wieder da ist, bin ich zu ein hundert Prozent tot.“ Ethan schnaubte: „Ah ja stimmt… macht Sinn.“
„Wenn du Zoe also nicht helfen kannst, dann finde einfach jemanden der es kann. Und streng dein eigenes Hirn bisschen an. Wenns sein muss, geh halt dahin wo es… deiner Meinung nach… hunderte von mir gibt. Hast du doch gerade eben gesagt, oder nicht?“ Ethan schaute kurz nachdenklich zu Boden, stand dann auf: „Na gut. Fein. So, keine Zeit mehr zum Plaudern. Rivera heul nicht rum und steh auf. Wir gehen.“ Louis wandte sich wie ein Wurm, immer noch am Boden, bis Ethan die Augen rollte: „Ihr und eure Wehwehchen macht mich alle krank…“, und Louis sich über eine Schulter warf und gerade zur Tür spazieren wollte. Da warf ich ihm seinen Revolver zu. „Hey. Sag mal. War eure Mission in Kalifornien zumindest ein Erfolg? Wie habt ihr Schluss gemacht? Warum?“ Er fing den Revolver mit einer Hand auf, drehte ihn gekonnt um seine Finger, bevor er ihn sich an seinen Gürtel steckte:

„Nein. War sie nicht. Weil Zoe ein paar Sachen wirklich besser kann als jeder andere. Sachen anfangen, ruinieren und abhauen. Das ist die Wahrheit hinter ihrem Vermächtnis. Nicht der Flächenbrand oder die ganze Medienrotze. Sie hinterlässt Menschen mit denen sie zu tun hat... Menschen, die sie meint zu lieben oder geliebt zu haben... als Wrack. Als ein psychisch-instabiler Haufen menschlicher Restmüll ohne Seele. Und die, die es nicht werden, sind schon vorher grausam daran verreckt. Um dem noch einen drauf zu setzten, macht die sich danach noch selbst kaputt. Diese Fotze. Darauf habe ich kein Bock. Deswegen. Doktor. Deswegen habe - ich - mich mit der Zeit dagegen entschieden, mit ihr zusammen zu arbeiten. Das ist ein schlechtes Geschäft. Jeder der mit ihr zu tun hat wird untergehen. Früher. Oder später. Die Lösung ist es, genug Abstand zu halten und das Ding nur hin und wieder wenn es nötig ist mit der Kneifzange anzufassen. Wie ich es mit den Schattenkindern mache. Ich bin nur fein aus der Sache rausgekommen, weil ich sowas wie gesagt schon gewohnt bin. Weil ich das handlen kann. Aber wenn ich du wäre, würde ich mich nicht so sehr darüber freuen, dass sie noch lebt. Ja. Du steckst wieder ganz schön tief in der Scheiße. Gerne ohne mich. Ja... wenn ich du wäre, würde ich jetzt einfach die restlichen Tabletten vom Boden lecken und die Sache schmerzlos hinter mich bringen. Bis... irgendwann. Oder auch nicht.“

Wenig später fiel meine Haustüre zu und ich war allein. In meinem leeren, verwüsteten, blutigen, dunklen Haus. Ich musste daran denken wie es mir ging. Wirklich. Ging. Bevor Zoe da war. Und was ich jetzt noch davon hatte. Faszinierend, wie ich diesen langsamen Übergangsprozess nicht einmal wahrnahm. Dasselbe bei Brian, welcher sich gerade alleine, ebenfalls in einem Schutthaufen die Illusion einredete, alles würde besser werden, während die Welt um uns alle herum buchstäblich abfackelte. Er sich insgeheim die Schuld daran gab. Genau wie ich. Schuld. Das war ihr Vermächtnis. Dabei schien sie noch nicht einmal fertig mit ihrem Werk zu sein. Und ich überlegte mir, ob es überhaupt noch schlimmer kommen könnte. Seufzte nur:

„Was du nicht sagst…“

Aber wie immer, ging ich blind das Risiko ein., denn ich dachte mir. Hey. Es wird schon funktionieren. Irgendwie.
Es war doch nicht einmal mehr Zoe. Es war...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast