Das Leben des Schatten I

von VAPIID
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16
23.05.2020
23.05.2020
1
9.288
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
23.05.2020 9.288
 
Das Unglück nahe Dunshaw – Wiedergeburt


Und wieder mal, am zwanzigsten Jahrestag meiner unglücklichen Existenz auf diesem Planeten, fühlte ich mich dazu gezwungen, mich abermals daran zu erinnern, was vor nun genau fünf Jahren geschah. Denn es war nicht so, als würde es mich nicht schon ohnehin jeden Tag und jede Nacht verfolgen. In meinen Träumen und noch weit darüber hinaus. Das Feuer. Die Flammen. Eine unbeschreibliche Hitze die meine Lungenflügel füllt und mich bei jedem weiteren Atemzug tötete. Bei lebendigem Leibe ersticken ließ. Gepaart mit dem Lärm, aufheulender Luft und einstürzenden Wänden. Und doch, fühlte ich mich lebendiger den je. Umgeben vom Tod, von schlechten Erinnerungen und jahrelanger Demütigung. Fühlte ich diesen einen, kleinen Funken von unbeschreiblicher Stärke in mir auflodern, der auch noch Jahre... verdammt, sogar Jahrzehnte lang über die Menschheit, wie in einem niemals endenden Waldbrand hinweg wehen würde. Einen Funken der in der Lage war, alles um mich herum auszulöschen. Jeder, der mir nach jener Nacht des zehnten Dezember 1995 auch nur im Ansatz weh tun würde, dem hatte ich geschworen, ihn auf schrecklichster Weise, langsam und elendig verrecken zu lassen. Und ich halte Versprechen. Meistens.
Aber ich gehe einmal davon aus – jetzt, wo ich schon damit angefangen habe, würde mich nichts mehr davon abhalten, meine Geschichte noch einmal in voller Bandbreite Revue passieren zu lassen. Immerhin bin ich den größten Teil meines Lebens sowieso alleine. Tagsüber, sollte ich mich nicht in einem Wald verkrochen haben um zu schlafen oder zu trainieren, ist mir daher unheimlich langweilig. Ein Selbstgespräch mehr oder weniger wird es auch nicht ändern... aber, fangen wir dort an; an jenem Moment, an dem mein Leben da erste mal den Bach hinunter ging. Meine Geburt.

Unglück. Das ist ein interessantes Wort. Was bedeutet Unglück eigentlich? Gehen wir mal davon aus, dass es die ersten zwei Buchstaben sind, welche Unglück und Glück voneinander trennen. Ist es deswegen das Gegenteil davon? Nein. Oh nein. Denn das Gegenteil von tot, ist ja auch leben und nicht untot. Darüber habe ich mir schon lange Gedanken gemacht. Für mich ist Unglück eher, das Nichtvorhandensein von Glück. Was bei genauer Betrachtung, einen Normalzustand vermuten lässt, da Menschen nicht immer Glück haben. Deswegen, würde ich bei meiner Geburt auch nicht von einem Unglück reden –  wie es alle Zeitungen und restliche Schundblätter im späteren Verlauf unverschämter Weise vermuten lassen. Es glich eher einer puren Katastrophe. Keine sofortige Katastrophe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Und so geschah es, dass am zehnten Dezember 1980, die kleine Zoelle Baker das Tageslicht erblickte. Hineingeboren, in etwas ärmlichen Verhältnissen... um es so auszudrücken. Ein paar Monate zu früh, als hätte sie irgendetwas in dieser Welt zu tun gehabt. Oh ja, süß war das Kind. Kohlschwarzes, langes Haar, blasse Haut, schwarze Augen voller Hoffnung, Hilfsbereitschaft, Naivität und Lebensfreude. Zoelle, kurz Zoe – später auch bekannt als die Inkarnation der Pest, der menschgewordene Tod, wahlweise auch die Tyrannin der Nacht oder Königin der Mörder, das Grauen selbst... Gott. Aber in aller Munde auch bekannt durch das etwas gängigere Pseudonym 'Schatten'.
Jedenfalls, schien damit das... nennen wir es diesmal Glück und nicht Unglück – der Eltern noch nicht vorbei. Circa ein Jahr und ein paar Monate vergingen und James Baker und Loreen Visser bekamen abermals Nachwuchs. Einen Jungen. Ein süßer, kleiner Wonneproppen mit wuschigem, kastanienbraunen Haar und einer riesigen Zahnlücke, namens Brian. Also, er hieß Brian, nicht die Zahnlücke.
Gesegnet mit einem Lächeln, welches den dunkelsten Raum und sogar die Vergänglichkeit selbst zum erstrahlen bringen und mit seiner frechen Art gleichzeitig zum Narren halten konnte. Und somit hatte ich einen kleinen Bruder, den ich über alles liebte und beschützte. Dass ich, schon solange ich mich erinnern konnte als 'groß' bezeichnet wurde; 'große Schwester', 'großes Mädchen', auch als ich nur ein laufender Meter war; ich glaube das hat mich damals schon sehr geprägt. Verantwortung zu übernehmen, alles im Blick haben zu wollen. Disziplin beizubehalten. Auf mich selbst zu verzichten um anderen zu helfen. Kombiniert mit einem kleinen... Kontrollzwang und einem naiven Sinn von Gerechtigkeit. Ich war ein harmloses Ding, dass sich vielleicht mehr eingebildet hat als eigentlich da war. Mir einbilden zu können ein Vorbild zu sein. Immerhin hatte ich nur einen kleinen Bruder und die Zeiten waren hart. Hatte, ist dabei übrigens ein gutes Stichwort. Aber eines nach dem anderen.  
Zoe lebte also mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einem Wald. Ich weiß bis heute nicht einmal genau wie es dazu kam. Anscheinend war mein Vater ein paar Jahre zuvor, um 1970 herum aus Gott weiß welchen Gründen, von Großbritannien in den Süden der USA nach Louisiana, illegal ausgewandert. Dort hat er dann meine Mom kennengelernt. Eine entzückende, gutherzige Dame und... verdammt, diese Erzählung hätte nicht so einen üblen Nachgeschmack, wenn ich sie nicht beide umgebracht hätte.
Aber naja, sie waren beide zufällig im gleichen Moment obdachlos, Liebe auf den ersten Blick bla bla. Wie man es nun mal aus geschmacklosen Geschichten und Märchen kennt. Sie ließen sich in einem großen, verlassenen Betonhaus mitten im Wald, Meilen von der nächsten Zivilisation entfernt nieder, damit sie auch ja nicht entdeckt wurden. Aber das war mehr oder weniger egal. Wenn es eine Sache gibt, die ich im Leben gelernt habe, ist es die, wie wenig sich Menschen um andere Menschen, außerhalb ihres direkten Umfeldes kümmern. Es interessiert sie nicht. Die Polizisten, welche diese Welt zu einem 'sicheren' Ort machen sollen. Es sind die Gleichen, welche auch an kleinen, mickrigen, bettelnden Kindern vorbei gehen und... nichts tun. Sie scheren sich einen Dreck um die 'schwachen Bürger'. Die 'schwachen Menschen'. Erst, wenn sie so stark werden, als dass sie sich rächen können, ihre eigenen Familien und ihren Lebensstandart bedrohen können, dann werden sie relevant. Dann werden sie abgeknallt oder in Gefängnisse gesteckt; weggesperrt, auf dass die Normalen, Unbeschwerten ihre inhaltslosen, unwichtigen Leben in einem Scheinfrieden weiterleben können. Weiter auf die hilflosen zu spucken und sich in Materialismus sicher zu wiegen. Benzin über den Scheiterhaufen zu kippen, auf dem sie irgendwann einmal stehen werden. Wie ich sie alle hasse.

Der Betonhaufen, den ich später die 'Folterkammer' taufte – und der um einiges besser brannte als erwartet –, stellte zumindest im entferntesten Sinne eine Unterbringung da. Sofern man das Ungeziefer, die Ratten, die feuchten, schimmelnden Wände und den zum Einkrachen verurteilten Obergeschoss außer acht lies, war es... nett? Man hatte... Privatsphäre, welche es auf der Straße oder unter einer Brücke nicht gab. Ich hatte sogar ein eigenes Zimmer, obwohl dieses nur aus einer dreckigen, versifften Matratze bestand, welche ich mir doch mit Brian teilte. Die Winter waren in diesem Teil der Welt zwar wirklich ertragbar, aber wenn es schneite, dann schneite es... auch Innen. Naja, was konnte man auch ohne Fenster erwarten. Im Nachhinein war es aber vielleicht doch eine gute 'Vorbereitung', da ich im späteren Leben einen sehr großen Teil meiner Zeit im Freien verbringen würde. Es sogar mögen und der Bequemlichkeit vorziehen würde.
Ich würde diesen Start ins Leben keinem empfehlen; es gab doch Nächte, in denen ich mich in den Schlaf geweint habe. Aber zu meinen, es hätte nur schlechte Aspekte gehabt, wäre eine dreiste Lüge. Jede kleine Freude und Geste war ein unvergessbares Highlight. So erinnerte ich mich daran, wie mein Bruder und ich an einem Sommertag durch den Wald liefen, auf Bäume kletterten und fangen spielten, als wir am Rande eines kleinen Baches einen vergessenen Korb fanden, indem sich eine Polaroid Kamera befand. Gott, wir hatten keine Ahnung was das war. Es wirkte so fremd, fast schon außerirdisch. Wir hatten so etwas noch nie gesehen, geschweige den in der Hand gehabt. Wir nahmen die Kamera samt Korb und stürmten nach Hause, wo meine Mom schon auf den Treppenstufen saß.
Sie kam aus relativ normalen Verhältnissen, dennoch waren alle ihre Verwandten und anderen Bezugspersonen gestorben. Der Staat hatte den Rest erledigt und ihr aufgrund von weitervererbten Schulden das Dach vom Kopf genommen. Das machte sie etwas anhänglich und unüberlegt. Ja, man konnte sie als naiv bezeichnen, aber sie war dennoch eine gute Mutter. Und sie war schön, hatte Verstand und das Herz am rechten Fleck. Sie hatte die Fähigkeit, egal wie schlecht unsere Gesamtsituation auch schien, mit einem strahlenden Lächeln darüber hinwegzusehen. Uns Hoffnung und positive Gedanken zu schenken, die wir auch wirklich brauchten. Meiner Meinung nach hätte sie alles in der Welt haben können, wäre sie nicht bei meinem Dad geblieben.

Nachdem wir ihr versichern konnten, dass wir die Kamera auch wirklich, wirklich nicht geklaut hatten, erklärte sie uns was es war und was es machte. Wenig später knipste sie jeweils ein Foto von mir und von Brian. Unsere Augen beobachteten fast schon hypnotisiert, wie das Stück Papier aus dem Apparat glitt und langsam ein Bild zu erkennen gab. Und ich lächelte auf dem Bild über beide Ohren. Das weiß ich, ich besitze es immer noch. Vielleicht das einzige Bild, was jemals von mir... vor allem in einem unschuldigen Kontext, gemacht wurde. Eine Erinnerung an härteren, aber meiner Meinung nach besseren Zeiten.
Was ich von diesem Tag noch weiß war, dass mein Vater wie fast jeden Tag, spät am Abend vom Betteln nach Hause kam. Brian und ich umarmten ihn wie immer sofort, zeigten stolz unseren Fund.

Mein Vater, großer Mann, kantiges Gesicht, schwarze Haare, die meinen glichen, wie immer körperlich am Ende und in den dreckigsten Klamottenfetzen, nahm die Kamera an sich und fragte liebevoll, ob er sie vielleicht verkaufen könne. Dass sie ohne weitere Investition sowieso bald zu nichts zu gebrauchen sein würde und so weiter. Brian fing gleich an zu weinen, aber ich erklärte ihm schnell, dass es das Richtige war. Auf mich würde er hören. Er glaubte mir. Mein Vater war damals auch kein Tyrann. Nein. Ich dachte mir schon im Hinterkopf, dass es zumindest einen kleinen Trost geben würde. Und so, bekamen wir etwas von dem Geld; gerade genug, um in den Genuss des puren Luxus zu kommen, der daraus bestand in die Stadt zu gehen und uns eine Kleinigkeit zu kaufen. Süßigkeiten. Einen Beutel bunter Kugeln, von denen ich nur eine zum Probieren nahm, bevor ich den Rest an meinen kleinen Bruder verschenkte, der sich daran glatt ein paar Milchzähne hinaus biss. Irgendwie machte es mich traurig ihn so zu sehen. Ihn... anzusehen. Er war für sein alter so dünn, so klein. Ihm fehlte es an allem. Er konnte kaum laufen. Und obwohl ich möglicher Weise genau so – wenn nicht schlimmer aussah, was von dem Polaroid-Foto genügend bestätigt wurde, gaben ich und meine Mutter ihm sehr oft unser weniges Essen ab. Beziehungsweise, gab meine Mutter uns beiden von sich ab und ich verzichtete auf meinen Teil. Das machte sie stolz. Sie war wirklich immer stolz auf uns. Wie wir aufeinander acht gaben und miteinander umgingen.
Aber die Süßigkeiten waren nicht das einzige Geschenk, was wir in jenem Jahr von unserem Vater bekamen. Das nächste Highlight meiner jungen Jahre bestand daraus, dass mein Dad eines Tages früher nach Hause kam. Aber nicht alleine, sondern mit einem Hund. Ein Geschenk an Brian zu seinem vierten Geburtstag. Nichts Besonderes, nur einen Streuner – einen Labrador glaube ich – den mein Vater aufgegabelt, im nächstgelegenen Fluss gewaschen und mit nach Hause gebracht hat. Aber für Brian, der Tiere ohnehin schon über alles liebte, war dieser Hund – der beinahe so groß war wie er selbst – das Beste, was dieser Planet zu bieten hatte. Er taufte ihn Buddy. Dieser Hund war eines der Dinge, die uns den sonstigen Verzicht verdrängen ließen.

Das war eine der vielen Schattenseiten. Der Verzicht. Ich und mein Bruder haben nie einen Arzt besucht. Einen Kindergarten, einen Spielplatz. Eine Schule. Obwohl das bei Brian... andere Gründe hatte. Wir haben nie wirklich die Welt gesehen. Die Möglichkeiten. Der Wald war unser Zuhause. Als würden wir hier geboren werden um hier zu sterben. Als Außenseiter. Es war selten, dass wir in der nächstgelegenen Kleinstadt Dunshaw umherliefen, sei es aus Angst, Desinteresse, fehlender Beschäftigung oder weil unsere Mom immer sehr nervös wurde, wenn wir es erwähnten. Verständlich, wenn man bedachte, dass sie uns nur vor bösen Blicken schützen wollte; von Leuten, die uns – vor allem meinen Vater – sowieso als gescheiterte Existenzen bezeichneten. Was ironisch ist, da ich es nun bin, die ihn so nennt.
Apropos Schimpfworte. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich mit Brian auf der Matratze lag. Wie ich ihn umklammerte, damit er endlich einschlief. Und das meinte ich auch. Ich bemerkte schon in jungen Jahren, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Im guten Sinne, meiner Meinung nach. Die Menge an Informationen, die dieses kleine ADHS-Bündel in seinem Schädel behalten, sortieren und analysieren konnte war... bemerkenswert. Man konnte ihn zum Beispiel aus dem Nichts über die Arten von Bäumen befragen, an denen man an jenem Tag vorbeigelaufen ist. Und obwohl er keine Ahnung hatte, wie die Baumarten hießen, erklärte er mit außergewöhnlichem Detail jede Blattform, jede Frucht, Beere, Einkerbung in der Rinde. Jede noch so kleine Besonderheit und Konstellation. Er konnte sie selbst mit einen Stecken in den Dreck zeichnen, wenn man ihm nicht glaubte. Und es stimmte immer. Jedes mal. So genau wusste er Bescheid, ohne sich überhaupt anzustrengen. Und das nicht nur über visuelle, sondern über auditive und sensorische Reize. Es gab nichts, was ihm entging. Er war sehr clever und fand immer die besten Methoden um Probleme aller Art zu lösen, seien sie noch so schwer. Er löste sie auch nicht auf 'direktem' Wege, sondern fand immer Hintertürchen und besondere Kniffe. Und er redete darüber. Sehr oft und viel. Er sprach wie ein Wasserfall über alle möglichen Dinge, über die ich nicht in hundert Jahren nachgedacht hätte. Er inspirierte mich. Beschäftigte mich. Und obwohl ich wusste, wie sehr er zu mir empor schaute, ich bewunderte ihn vielleicht noch viel mehr. Er hatte das Potential aus diesem Wald auszubrechen und etwas Großes zu werden. Ich hatte alle meine Hoffnungen in ihn gelegt. Sogar unsere Eltern wussten, um was für einen Wunderknaben es sich handelte. Er war der 'Lichtblick' der Baker, wenn man es so will.
So kam es, dass wir eines Nachts auf der Matratze lagen und er endlich seine Augen schloss und kurz davor war ein zunicken. Da flüsterte er:

''Zoe. Kannst du mir ein böses Wort sagen?''
''Böses Wort? Wieso? Böse Worte darf man nicht sagen. Sie tun Menschen weh... schlaf bitte.''
''Penner!'', richtete er sich trotzig auf.
''W-Wie bitte?'', überrascht und aus dem Halbschlaf erwacht, setzte ich mich ebenfalls hin.
''Penner!! Penner, Penner, Penner, Penner!!'', schrie er noch einmal lauter, sodass ich ihm aus Reflex den Mund zuhielt. Er sabberte hinein.
''Shhh! Sonst hört Mama dich Brian! Du weckst noch alle auf... Was ist los mit dir??'' Das war übrigens eine allgemeine Frage. Ich nahm meine Hand runter und Brian legte sich wieder ruhiger den je und etwas angeschlagen hin: ''Also ist das ein böses Wort. Zoe, warum nennen uns die Menschen so? Ich hab das heute gehört. Sie haben Papa so genannt. Er hat doch nichts getan...''
Ich legte mich wieder hin und nahm Brian fester. Es war einer dieser Fragen, die mir mein Bruder stellte, auf die ich wirklich keine Antwort wusste. Heute wäre meine Antwort vielleicht etwas in die Richtung: ''Damit sie besser mit sich selbst Leben können.'' Aber damals schien die Antwort länger zu dauern.
''Brian, du darfst so etwas nie, nie wieder sagen, weißt du? Das sagen nur böse Menschen. Und du bist kein böser Mensch. Genau wie Papa. Wir sind unschuldig, ja? Und die Menschen, die so etwas zu uns sagen; die werden irgendwann bestraft. Von Gott. Und wenn du sie auch mit bösen Wörtern beschimpfst, dann wirst du auch bestraft. Dann bist du nicht besser.'' Ein kurzer Moment Stille entstand, was bei dem Jungen immer hieß, dass er nachdachte.
''Zoe? Kann man Gott austricksen? Wenn ich jemanden anderen dazu bringe, sie für mich zu sagen. Werde ich dann dafür bestraft?''
''… Was?''
''Ach nichts! Gute Nacht Zoe.''
''Gute Nacht, hab dich lieb. Du bist kein Penner...''
''Was bin ich dann?''
''Mein kleiner Bruder...''  

Brian starb... wenige Monate später. Auf einmal war er... nicht mehr da. Es war die schwerste Zeit meines Lebens. Das Leben, welches genau dadurch nie wieder so sein würde wie vorher. Weil dieses Ereignis eine Kettenreaktion ungeahnten Ausmaßes verursachen würde. Und es war so plötzlich. So unerwartet. Ein Autounfall.
Es gab da diese Lichtung im Wald. Nichts weiter, als ein kleines Stückchen Wiese auf dem wir hin und wieder Ball spielten. An jenem Tag, war sogar unsere Mutter dabei. Als hätte sie irgendetwas geahnt. Sonst lies sie Brian und mich immer alleine, sie vertraute uns. Und auch wenn Brian dank seiner Tollpatschigkeit sehr oft stolperte und sich leicht verletzte, steckte er es immer relativ gut weg, weswegen Mom sich nicht weiter Sorgen machte. Aber diesmal war sie da. Sei es Zufall oder Intuition. Jedenfalls wusste ich noch – meine Erinnerungen an diesem Tag sind eine Mischung aus gestochen scharf und in purem Terror verschwommen. Ich weiß noch, dass ich und meine Mom auf der Wiese standen und uns einen Ball zuwarfen. Meine Mutter war nicht die Gelenkigste, Stärkste oder Schnellste. Dank einiger Schläge des Schicksals, schmerzte ihr Rücken ununterbrochen. Sie konnte nicht lange stehen oder laufen; auch ein Grund, warum sie meistens Zuhause blieb. Weswegen sie nicht betteln ging, wie mein Vater. Oder weswegen sie auch diesmal nur halbherzig mit mir mithielt. Ich war damals schon ein ausdauerndes Energiebündel, was man meiner Statur nicht gerade nachsagen konnte. Aber sie versuchte ihr Bestmögliches.
Brian hingegen, empfand viel mehr Interesse darin, uns beim Spielen zu beobachten. Wie wir uns bewegten und welche Kurven der Ball flog. Währenddessen saß er im Gras und streichelte Buddy, der ihm oftmals quer über das Gesicht leckte, was bei ihm immer wieder einen Lachanfall auslöste. Sein Lachen war so ansteckend. Man konnte einfach nicht anders als selbst zu lächeln, wenn man es hörte, weil einem jedes mal dabei das Herz aufging. Und der Hund, der so gut wie jedem Menschen direkt in die Seele zu blicken schien, erkannte das ebenfalls. Er wich bis zuletzt nicht von seiner Seite.
Es war nur wenige Minuten später, dass ich den Ball warf; und ich warf ihn unabsichtlich etwas zu weit. Nein... eigentlich, wenn ich ehrlich bin, war es mit Absicht. Ich wollte mir nur einen Spaß erlauben. Bisschen provozieren. Ich weiß noch genau, wie ich dabei lachte, als mich Loreen mit schüttelndem Kopf aber dennoch amüsiertem Lächeln anblickte. Mich darum bat, den Ball doch wieder zu holen, der zu diesem Zeitpunkt schon auf die schmale Landstraße neben der Lichtung gerollt war. Es wäre übertrieben, sie aufgrund dessen als 'unverantwortlich' zu bezeichnen. Ich selbst hatte noch nie ein Auto hier vorbeifahren gesehen. Geschweige denn in einem Tempo, in dem man nicht vorgewarnt war.
Aber, da das Schicksal anscheinend andere Pläne für mich hatte, meldete sich obgleich Brian zu Wort. Er stand auf und meinte, dass er es schon tun würde. Er stand auf, nahm Buddy – welcher im Nachhinein betrachtet auf einmal sehr nervös schien und rannte ohne zwei mal zu schauen in Richtung Straße. So wie ich ihn kannte, hätte er es eigentlich bemerken können. Er hätte es... verhindern können. Womöglich war es meine Schuld. Dass er mir zu sehr vertraute. Dass ich den Ball in erster Linie zu weit geworfen habe. Dieser eine Gedanke, ''was wäre gewesen wenn?'' Es verfolgt mich. Selbst wenn ich mir immer wieder und wieder einrede, dass niemand es wirklich hätte wissen können. Die Welt war damals noch so unschuldig. So einfach. Aber als hätte Gott einen Schalter umgelegt, änderte sich das.  

Das ist der Moment indem meine Erinnerungen in sich verschwimmen. Teilweise sogar Logiklücken aufweisen, welche ich mir bis heute nicht erklären kann. Als hätte der Terror und das Grauen, welches die Familie Baker an jenem Tag ereilte, einen sehr großen Teil an Informationen geschluckt. Ich erinnere mich nur noch an das Heulen eines Motors, welcher immer näher kam. An ein weit entferntes Hupen. Ein Bellen. Ein Schrei, welcher noch Ewigkeiten in der unerträglichen Stille danach zu hallen schien. Ich erinnere mich daran zum ersten mal Blut zu sehen. Richtig viel Blut zu sehen und wie taub sich auf einmal alles anfühlte. Dass alles, was man ab jenem Zusammenstoß sah, hörte, fühlte und dachte... so unerträglich weit entfernt schien. Ich musste wie festgefroren dagestanden sein. Nicht mit einer Wimper zuckend, erfasst von einem ganz plötzlichem Maß an Realität. Während meine Mutter hin lief und dem Auto, welches sich nun im noch schnelleren Tempo immer weiter von uns entfernte, nach heulte. Ihrem Sohn, welcher einfach nur da lag. Blutete. Zuckte. Mit unzähligen gebrochenen Knochen und offenen Wunden, von dem Fahrzeug, welches ihn erbarmungslos überrollt hatte. Selbst Buddy, welcher noch mit aller Kraft versucht hatte den Jungen beiseite zu stoßen, wurde erfasst. Er überlebte gerade noch so, im Gegensatz zu ihm.
Ich glaube nichts hat sich an diesem Tag so sehr in mein Gedächtnis eingeprägt, wie die weinenden Schreie meiner sonst über allen Schmerz hinweg lächelnden Mutter. Es zerbrach sie. Es zerstörte ihre gesamte Psyche. Hinterließ nichts weiter als den verkümmerten Fetzen einer Seele, die nur noch vor sich her lebte, um der Lebens Willen. Sie gab sich die Schuld an allem.
Die vorhin angesprochenen Logikfehler bestanden daraus, dass wenige Minuten später ein Krankenwagen kam. Wir besaßen kein Telefon. Noch seltsamer aber war es, dass sie ihn für immer mitnahmen. Ein zerbrochener Körper, der einst eine lebende Hülle für meinen kleinen Bruder darstellte, für den ich jeder Zeit mein eigenes Leben eingetauscht hätte. Weggetragen, auf einer weißen Liege, die sich durch den Blutverlust schnell rot färbte. Das war das Letzte, was ich von Brian sah. Vom Krankenhaus kam auch anscheinend – so sagte es meine Mutter – nie eine Nachricht oder ein Lebenszeichen. Das er noch leben würde, schien ausgeschlossenen. Aber die Tatsache, dass wir ihn ganz plötzlich nie wieder sehen konnten, dass es nie eine Beerdigung oder einen angemessenen Abschied gab, das machte vor allem meine Eltern fertig. Ich war noch zu jung, als das ich mir um solche Dinge Gedanken machen konnte. Brian wäre es aufgefallen. Die Logikfehler meine ich. Er hätte gewusst was los war. Er wusste immer die Antwort. Ohne ihn fühlte ich mich nicht mehr dazu in der Lage zu denken. Auf einmal war Zoe Baker nicht mehr 'groß'. Sie war allein.
Es war der Anfang einer immer weiter hinab laufenden Spirale, die in einer Vendetta an der gesamten Weltbevölkerung enden würde.

Das erste mal, dass mein Vater nach Hause kam und ihn nur noch ein Kind umarmte. Als er erfuhr was los war; ich hatte ihn noch nie so wütend gesehen. Man spürte, dass es etwas in ihm auslöste. Ein wiederkehrendes Trauma. Ein durchgerissener Faden. Ein Knick in der Wahrnehmung. Er war ein anderer Mensch. In dieser Nacht schlug er zum ersten mal meine Mutter. Er gab ihr ebenfalls die Schuld. Die Liebe war vorbei. Sie hatte ihm einen Wunderknaben genommen. Die einzige Chance vielleicht doch einmal aus diesem gottverdammten Rattenloch hinaus zu kommen. So hatte er es jedenfalls formuliert. Als wäre ich doch ein nichts. Währenddessen versuchte ich in meinem Zimmer alles zu verarbeiten. Nachdem ich Buddy's gebrochenes Bein mit einem Ast stützte, weinend; ich glaube das war der Moment, wo ich Zoelle zum ersten mal hörte. Also, diese Stimme in meinem Kopf die ich schon seit Jahren nicht mehr los werde. ''Es ist deine Schuld. Es ist deine Schuld. Es ist deine Schuld!'', zusammen mit den immer wiederkehrenden Bildern vom Lächeln meines Bruders. Gott habe ich geweint. Manchmal, wenn ich schlafe und daran denke, weine ich heute noch. Obwohl ich versuche die Vergangenheit so gut wie möglich ruhen zu lassen und stärker zu werden... es ist und bleibt ein tiefer Schmerz. Ich habe in meinem Leben viel verloren und ich bin mir sicher, dass ich noch einiges mehr verlieren werde. Aber dieser Verlust war der Startpunkt von allem.
In den Wochen danach, hatte ich mir auch sehr oft überlegt einfach abzuhauen. Schlimmer schien es nicht werden zu können, aber hätte ich gewusst, dass ich meine Eltern bald ebenfalls zum ersten mal verlieren würde. Ich wäre sicher gegangen. Und mit 'zum ersten mal verlieren' meinte ich nicht den Tod. Eher den seelischen Zerfall der Personen, die mir genau in diesem Augenblick eigentlich am meisten zur Seite hätten stehen sollen.

Loreen, die sowieso schon immer ein eher ruhiges Gemüt hatte und nur dann sprach, wenn es wirklich notwendig schien, hörte ganz auf zu reden. Ich sah sie oft unten, in unserer provisorischen Küche sitzen. Auf einem hölzernen Schemel, wie sie durch das nicht-vorhandene Fensterglas in den Vorhof schaute. Dort wo die kleine Hundehütte war, in der sich Brian oft versteckt hatte um nachzudenken. Die mein Vater eigentlich für Buddy baute. Minuten, Stunden, Tage. Sie saß da und schaute ins Leere. Gebrochen, nicht mehr in der Lage geradeaus zu denken. Antriebslos, taub. Ich hatte sie nie wieder wirklich Lächeln gesehen. Nur einmal noch, kurz vor unserem Abschied. Und wenn sie dann doch mit mir sprach, dann glich es einem schwachen Hauchen. Sie tätschelte mir den Kopf; sagte, sie würde mich lieben, bevor sie wieder abschaltete. Leere Worte, meiner Meinung nach. Sie spielte sie ab wie ein kaputtes Tonband, ohne genau zu wissen, was diese Worte eigentlich bedeuten... bedeutet hatten. Einmal nannte sie mich dabei Brian, ohne es überhaupt wahrzunehmen. Es brach mir das Herz. Ich wusste nicht warum.

Hätte ich doch zu diesem Zeitpunkt eine Grundschule besuchen sollen. Mit anderen Kindern in meinem Alter auf dem Spielplatz spielen sollen. Stattdessen fühlte ich mich allein gelassen in dieser Welt und dachte über so einiges nach. Über Sachen, die jedes Kinderwesen schlagartig trüben würden. Ohne jemanden zu haben, der mich davon ablenken würde.
Oh nein, warte. Da war jemand. Mein Vater. Er lenkte mich und meine Mutter in den folgenden Jahren sehr oft von den psychischen Schmerzen ab. Worauf ich damit hinaus will, ist mir aber nun viel zu lästig, um es im Detail zu beschreiben. Und dennoch, obwohl ich nur mit steigendem Ekel in diese Zeit zurückschaute... es waren immerhin an die zehn Jahre meines Lebens.
Kurzgefasst lässt sich dazu sagen, dass mein Vater sich als eine sehr 'instabile' Persönlichkeit herausstellte. Kurz nach Brian's Tod lies er alles fallen; lies uns fallen. Verbrachte den ganzen Tag bettelnd auf der Straße in Dunshaw, nur um das ohnehin schon wenige Geld in der Nacht in irgendwelchen Bars an Alkohol zu verschwenden. Um sich noch weiter der Betäubung und dem Abgrund hinzugeben, in dem er ohnehin schon steckte. Manchmal kam er auch nach Hause und ich konnte mich noch erinnern wie erbärmlich er stank. Nach Zigaretten und billigem Alkohol. Das war auch der Moment, indem ich mir geschworen hatte meine Finger von Drogen zu lassen, komme was wolle. Diese Substanzen, die einen nur schwach, dumm und aggressiv machen. Es widert mich an, genau so wie die Leute, die sie zu sich nehmen. Weil sie mich so sehr an meinen Vater erinnern und wie er sich damals verhielt.
Es schien fast so, als würde er nur nach Hause kommen um nachzuschauen, ob wir noch lebten; um meine Mutter anzuschreien. In den seltenen Fällen in denen sie zurück schrie, wurde sie geschlagen, bis sie wieder ruhig war. Gott bewahre, wenn ich nur für eine Sekunde mein Maul aufgetan habe. Es dürfte keinen Zeitpunkt in dieser Phase meines Lebens gegeben haben, in der ich nicht von blauen Flecken und Platzwunden überseht war. Es war eine bedrückende Zeit. Das einzige Lebewesen auf das ich mich noch einigermaßen verlassen konnte, war Brian's hinterlassenes Haustier Buddy. Der Hund war – obwohl ich mich schon damals nicht als sehr Tier-affin bezeichnen würde – immer ein sehr treuer Begleiter. Der Labrador mit schmutzigem, weißen Fell; er war das Einzige, was mir von Brian übrig blieb. Naja, da war noch eine Sache. Die Polaroid-Fotos, welche ich unter meiner Matratze verstaute und fast jede Nacht – soweit es mir schlecht ging – wieder hinaus kramte. Diese zwei Dinge waren es, die mir diese Stimme in meinem Kopf, welche mit jedem Jahr lauter und penetranter wurde, einigermaßen vom Hals hielten.  

So verlief es für die nächsten fünf Jahre, bis es um 1990 eine weitere, nennenswerte 'Veränderung' gab. Ich war an die zehn Jahre alt, als meine Mutter mich bat selbst zum Betteln nach Dunshaw zu gehen. Es war ein vergleichsweise harter Winter und mein Vater war ständig Zuhause und besaufte sich. Als hätte er nicht einmal mehr den Antrieb in die Stadt zu gehen um für sein Geld zu 'arbeiten'. Die letzten paar Dollar investierte er zu seinem eigenen Vergnügen, anstatt für genügend Brot und Wasser, für die Familie zu sorgen, die ohnehin schon am Verhungern war. Ich konnte nicht einmal mehr an mir herabschauen, ohne angewidert von dem Skelett zu sein, welches sich durch meine transparente Haut drückte. Die Ausrede meines Vaters: ''Die Bakers sind nun einmal Versager.'' Das sagte er oft. Allein das zeigte schon, wie er sich selbst aufgegeben hat. Meine Mutter und mich eingeschlossen. Als wäre Brian – über den man in unserem Haushalt zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr ein Wort verlieren durfte ohne bestraft zu werden – der einzige Lichtblick gewesen. Der Rest bestand sowieso nur noch aus Versagern. Ich war zehn. Ich konnte weder lesen noch schreiben. Mein Körper und Geist schienen beide gleichermaßen zurückentwickelt, sodass ich kurz davor war dem was mein Vater sagte glauben zu schenken. Ich war nicht wie mein Bruder von Geburt an mit einem besonderen Intellekt gesegnet. Auch schien ich nicht stark. Alle Fähigkeiten, die ich nun besitze, musste ich mir mit selbstständigem, intensivem Training hart erarbeiten. Dazu gehören auch Dinge wie Lebenserfahrung. Und davon hatte ich immer sehr, sehr viel. Mehr als man es einem Kind, welches gerade mal einen Wald und wenige Gassen irgendeiner Kleinstadt irgendwo in Louisiana gesehen hat, zutrauen möchte. Immerhin entsteht ein sehr großer Teil der Lebenserfahrung eines Menschen aus Leid und die Verarbeitung und den Umgang mit Leid. Davon hatte ich mehr als genug. Alleine schon das Betteln. Die größte Demütigung, die ich jemals erfahren habe.
Es ging ganz in der früh –  manchmal sogar erst kurz nach Sonnenaufgang – los. Das schließt die zwei Stunden Fußweg natürlich nicht mit ein, die es von dem Betonklotz in die Innenstadt benötigte.
Als normales Kind, würde ich wahrscheinlich schon längst in der Schule sitzen... aber ich saß einfach nur da auf der Straße. Neben mir lag ein Schild, von dem ich keine Ahnung hatte was drauf stand und in meiner Hand eine kaputte Tasse, die sich mit der Zeit immer schwerer und schwerer anfühlte. Weniger aufgrund von Geld, häufiger durch meine nicht-existenten Muskeln, die meine dürren Knochen zum Vorschein brachten.
Je höher die Sonne stand, desto mehr Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Ich starrte nur zu Boden. Ich konnte den Leuten aus Eigenscham nicht einmal in die Augen sehen. Ich sagte nichts und rührte mich nicht. Noch nie in meinem Leben, habe ich so viele von diesen 'bösen Worten' gehört. Bis zu dem Punkt an dem ich mir sicher war, dass alle Menschen in dieser Stadt von Grund auf böse sein mussten. Hin und wieder blieben Passanten stehen und schmissen Münzen in meine Tasse. Ich reagierte aber nicht darauf. Mir war das einfach nur peinlich und ich wollte nach Hause. Jedes verdammte mal. Aber schon mit der Zeit wurde aus einem ''Kannst du nur einmal selbst in die Stadt gehen? Dein Papa fühlt sich nicht gut.'' ein ''Gehst du heute wieder?'', bis hin zu einem ''Sag bloß, du gehst heute nicht? Kannst du dir nicht mehr... Mühe geben?''.
So wurde aus einem einzigen mal, einmal pro Woche; zweimal, dreimal. Jeden Tag. Schon faszinierend, woran sich Menschen alles gewöhnen, ohne es überhaupt zu merken, nicht wahr? Und sie verteidigte ihn noch. Meine Mutter verteidigte meinen Vater noch. Das war das Schlimmste daran.  
Ich bettelte fünf Jahre. Jeden. Verdammten. Tag. Ich ging in der früh vor Sonnenaufgang los, kam nach Sonnenuntergang halbtot vor Müdigkeit nach Hause. Den Großteil des Geldes trieb mein Vater natürlich gleich ein. Es war das Erste was er jedes mal machte, wenn ich nach Hause kam. Am besten noch mit einem Spruch alla: ''Diesmal so wenig? Was kannst du eigentlich Zoelle...'' Die ersten paar Male habe ich ihn deswegen zur Rede gestellt. Nach den Bestrafungen die darauf folgten nie wieder. Ich war einfach nur froh als er das Geld nahm, noch ein bisschen – was gerade noch für ein Essen für mich und meine Mutter reichte – übrig lies und verschwand. Ich konnte ihn nicht ansehen. Manchmal stellte ich mir sogar vor, wie er sich mit seinen Saufgenossen in Bars traf und mit irgendwelchen Weibern herumknutschte. Übertönt von der Stimme, die mir sagte mich selbst umzubringen und alles und jeden zu hassen. Wie gerne hätte ich es getan, aber meine Mutter mit ihm alleine zu lassen? Ugh.
Natürlich gab es Zeiten, in denen ich regelrechte Wutattacken auf beide Elternteile hatte. Fand mich aber schnell wieder im Dilemma, dass ich meine Mom doch irgendwie liebte. Dass sie mir wegen meinem Vater im gewissem Maße leid tat. Dass ich es ihr nicht antun könnte wegzulaufen oder mich umzubringen, obwohl ich nicht einmal mehr sicher war, ob sie es bemerkt hätte. Vielleicht erst dann, wenn sie selbst verhungerte.
Nein. Es gab auch diese Momente, meistens an meinen Geburtstagen, an denen sie in mein Zimmer kam und sich bei mir entschuldigte. Für alles. Diese kleinen Momente, in denen sie sich daran erinnerte, dass ich existierte. Wenn sie an mein Bett kam und mich zudeckte. Mir einen Kuss gab. Mich sogar schwach anlächelte. Sie versuchte zu lächeln, was ich ihr damals wie heute sehr hoch anrechnete, obwohl es doch auch nichts gebracht hat. Es war nicht einmal ehrlich. Wäre sie ehrlich gewesen, hätte sie wie so oft einfach nur geweint. Heute bin ich der festen Überzeugung, dass sie mir oder sich selbst geholfen hätte, wenn ihr wirklich etwas an ihrer Tochter liegen würde. Die zuvor erwähnten 'kleinen Gesten', die dem Leben in Armut eine kleine Daseinsberechtigung verpasst hatten, hatten schon längst ihren Zauber verloren.  

Die gesamte Situation spitzte sich wie schon erwähnt in der Nacht des 10. Dezembers 1995 aka meinem fünfzehnten Geburtstag zu. In jener Nacht, in der meine Mutter nicht in mein Zimmer kam, was mir nicht viel ausmachte. Immerhin war ich vom betteln körperlich sowieso schon kurz vor einem Zusammenbruch und spürte den Großteil meiner Gliedmaßen nicht mehr. Gerade noch genug um Buddy in die Arme zu nehmen, wie ich es damals mit Brian getan hatte. Ich wurde erst wieder richtig hellhörig, als das vertraute Knarren der Haustür im Erdgeschoss zu hören war. Wie so oft hielt ich vor Furcht den Atem an im Wissen, dass mein Vater nach Hause gekommen war. Aber diesmal war es anders. Er stritt mit meiner Mutter viel lauter als er es sonst tat, brüllte in einem Anfall von Raserei auf sie ein, was selbst Buddy zum winseln brachte. Wieder einmal füllten sich meine Augen mit Tränen und mein Herz stockte, als irgendetwas im Wohnzimmer auf dem Boden viel. Es war nichts Neues, dass er sie halbtot prügelte, aber diesmal hatte ich aus irgendwelchen Gründen besonders Angst. Ich stand von meiner Matratze auf und schaute drunter, wo ich die zwei Fotografien herausnahm. Einfach um sie – wie einen Schutzschild – an mir zu haben. In dieser Nacht entschied ich mich einzugreifen.
Alles was in diesen vielen Jahren geschehen war, war für mich einfach zu viel. Mir wurde mein ganzes Leben geraubt ehe es überhaupt angefangen hatte. Ich wollte doch einfach nur versuchen, dass alles wieder so wird, wie es einmal war; selbst wenn es zu spät schien.
Die Schnapsidee, den 'Retter der Situation' zu spielen, beschreibe ich heute als einer der schlimmsten und gleichzeitig besten Ideen die ich je hatte... und ich hatte schon sehr viele fantastisch schlechte Ideen.
Die nicht-mehr-so-kleine, aber immer noch entzückende Zoe Baker, entschloss sich also wie immer das Richtige zu tun und lief in leisen Schritten und vor Angst zitternd, die kalten Treppen des Hauses hinunter. Buddy folgte selbstverständlich. Er folgte ihr überall hin. Dieser alte, gutherzige Flohteppich, der es im Leben ähnlich schwer gehabt hat wie sie. Ein Überbleibsel. Eine Erinnerung an Brian und die längst verlorene Liebe eines echten Vaters.  

Jener Vater, den Zoe an diesem Tag zu Gesicht bekam, war einer, der jahrelang keinen anderen Mehrwert für die Gesellschaft hatte, als zwei weiteren, unschuldigen, Kreaturen, ihr nutzloses Leben zur Hölle zu machen. Hinkend, verdreckt, mit einer Fresse welche nur dazu einlud zusammengeschlagen zu werden. Groß, dürr, zerpflücktes schwarzes Haar, welches nun mehr einem Vogelnest glich; verbreitete er seinen beißenden Gestank in der Luft, der sich gerade noch durch die eisige Kälte der verschneiten Nacht in Grenzen hielt. So stand er auch am 10. Dezember kurz vor Mitternacht über meiner Mutter gebeugt im Wohnzimmer und schrie sie an. Packte sie am Kragen des versifften Wollpullovers und rüttelte sie hin und her. Er musste wieder einmal besoffen sein. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Loreen nicht einmal etwas zu ihm gesagt hatte, oder dass genau das der Auslöser des Ganzen war. Nichts weiter als eine Kleinigkeit. Was Zoe sofort auffiel war, dass ihre Mom heftiger blutete als sonst. Ihre gräulich-blonden Haare wurden regelrecht davon verklebt. Dass das, was zuvor den Lärm verursacht hatte, nichts weiter als geworfene Steine waren, welche auf sie eindroschen, war naheliegend bei all dem Schotter, der hier rumlag und...

Mhh, es ist ziemlich anstrengend über die Vergangenheit zu reden. Bevor ich damit angefangen hatte, hatte ich noch gute Laune. Ja, ich war sogar ein bisschen euphorisch an diesen Punkt anzukommen. Der Nostalgie wegen. Aber nun, nun, da ich hier angekommen bin, kotzt es mich selbst fast schon an. Vielleicht hätte ich gleich zu diesem Punkt kommen sollen. Nach dem ''Was nicht ist, kann ja noch werden'', weil es das wirklich wird. Manchmal zählt doch nicht der Weg, sondern das Ziel. Vielleicht würde es mich aufheitern stattdessen über... naja, irgendetwas anderes zu reden. Ich habe was Gesprächsstoff angeht leider nicht sehr viel Auswahl muss man wissen. Wenn es nicht gerade über Mord und Totschlag geht, schlafe ich meistens und träume von Mord und Totschlag. Aber... abgesehen davon, würde ich mich doch als eine interessante, facettenreiche  Persönlichkeit bezeichnen und- Ach egal. Ich glaube es wäre besser und einfacher, wenn wir jetzt weitermachen.

Nun stand mein Vater also da und bemerkte mich erst, als Buddy anfing zu knurren. Das war es, was mich aus meinem ersten Schock löste. Ich hatte ihn noch nie knurren gehört. Erst als ich aus der Schockstarre erwachte, trafen meine Augen zum ersten mal die meines Dad's. Dieses... Monster, anders konnte ich ihn nicht beschreiben, lächelte mich an: ''Na? Willst du nicht auf dein Zimmer gehen Zoelle?“ Diesen Namen. Zoelle. Mein Vater hatte ihn übrigens für mich ruiniert. Ich stellte mich seither nur noch als Zoe vor, da es sich sonst anfühlte als hätte er immer noch eine gewisse Macht, einen Einfluss über meine Identität.

''L-Lass uns in Ruhe, d-du Monster... du- Lass sie Leben!“
Er kam näher, was das Knurren von Buddy in ein aggressives Bellen verwandelte. Mich konnte man nicht als so mutig bezeichnen. Ich stolperte aus Angst regelrecht zurück. Meine Augen nun mit Tränen auf den blutigen Knüppel gerichtet, den er im Gehen vom Boden aufhob. Anders als vermutet, schlug er aber nicht mich damit. Er kam nicht dazu. Denn noch bevor er in meiner unmittelbaren Nähe war, sprang ihn Buddy wie aus dem Nichts an und biss ihm mit aller Wucht ins Bein. Er schrie auf, als er versuchte den 'verdammten Köter' von sich abzuschütteln. Verdammter Köter. Das war alles, was er noch in ihm sah. Das war der Moment, in dem Zoe Baker erkennen sollte, dass man sich auch auf andere Weise, viel effektiver wehren konnte. Keine Verteidigung. Angriff.
Aber noch war es nicht so weit. Die Grundlage war da, der Gedanke. Der Hass. Das was noch fehlte war ein ganz bestimmter Reiz. Ein Anstoß. Die Fingerbewegung, die den ersten Dominostein anstoßen würde.
Zum Glück, ließ auch dies nicht lange auf sich warten, als mein Vater den Knüppel gegen Buddy – das letzte Verbindungsstück zu meinem verstorbenen Bruder und mein einziger Freund – in die Luft hob, den Faden meiner Geduld kappte und somit sein eigenes Schicksal besiegelte. Es fühlte sich an, als würde Brian zum zweiten mal sterben.

Ich machte gerade rechtzeitig meine Augen zu und- Das Geräusch von einem schweren Stück Holz, wie es einen Schädel zerknackte, gefolgt von einem Hundewinseln. Weitere Schläge ließen nicht auf sich warten, bis das Winseln leiser und leiser wurde. Und als ich meine Augen wieder öffnete, war auch er nicht mehr da. Es war nur noch ein toter Kadaver, der schlaff von meinem Vater beiseite geschoben worden war. Um ehrlich zu sein; ich konnte nicht mehr schreien. Ich konnte auch nicht mehr weinen. Ich war heiser, hatte keine Tränen mehr zu vergießen, als ich da an der Treppenschwelle stand. Dieser gesamte Anblick, scheiße man...
Dann sah er mich an. Er sah mich so an, als würde er es auch gleich mit mir zu Ende bringen wollen. Aus welchen Gründen auch immer, ich war doch... unschuldig? Ich war doch immer gutherzig und wollte nur das Richtige tun. Unschuld. Dieses Wort hatte mit noch vielen anderen Worten im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren. Außerdem, war meine Mutter wirklich unschuldig? Ist es das Gegenteil von Schuld? Oder das Nichtvorhandensein dessen? Kann man auch schuldig sein, wenn man nichts tut um Leid zu verhindern? Und überhaupt. Im Leben... im Leben zählt doch nicht wer schuldig ist, wer unschuldig ist, verdammt! Am Ende ist es doch nur wichtig, wer überlebt, nicht wahr!? Das ist doch wichtiger, als jedes dahingestellte 'Prinzip'. Aber wie dem auch sei.

Ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich war so tief drin in meiner ganzen Panik. Jede einzige Sekunde, fühlte sich in diesem Augenblick an wie eine Stunde. Ich versuchte nachzudenken, was ich als nächstes machen würde. Ich dachte einfach nur nach.
Und eine Sache, die mir beim Nachdenken – vor allem mit jenem Ausblick von den Treppenstufen, an mir herunter, auf den Boden zu Buddy, in den Gang zu meinem Vater oder ihm Wohnzimmer zu meiner Mutter hinüber – auffiel war, dass ich absolut rein gar nichts mehr zu verlieren hatte. In diesem Moment, als ich all diese Fakten innerhalb von Millisekunden immer und immer wieder in meinem Kopf wiederholte, sprang tief in mir eine Sicherung durch. Die Sicherung, die mich jahrelang davor bewahrt hat, etwas zu tun, von dem ich weiß das es falsch ist. Nein, nicht nur falsch; absolut unvorstellbar. Und somit schloss ich meine Augen und lies sie durch. Zoelle. Die Stimme der Verzweiflung. Des Hasses. Der inneren Stärke und Entschlossenheit, kurz vor der absoluten Selbstzerstörung. Die Inkarnation von allem, was ich in den vorigen Jahren in mir angesammelt habe. Womöglich war es aber auch nur ein schneller Vorwand, meine inneren Triebe – die ich schon lange in mir zugunsten anderer zurückentwickelt habe – zu guter Letzt in einer riesigen, schlagartigen Explosion freien lauf zu lassen. Und das tat ich.

Wie aus dem Nichts lösten sich meine vor Angst erstarrten Glieder und sprangen meinen Vater an. Ich war nicht schwer, dennoch war er anscheinend betrunken genug, als dass es ausreichte ihn zu Boden zu ringen. Für den kurzen Augenblick, indem er den Knüppel überrascht locker ließ, riss ich ihn aus seinen Händen und fing aus Reflex an, so stark es ging auf den Kopf einzuschlagen. Auf einmal sah und hörte ich nichts mehr, außer das weit entfernte Schreien meiner halbtoten Mutter. Ich schlug einfach immer und immer weiter, gefangen in meinem Tunnelblick und gefesselt von dem elektrisierenden Gefühl der Erleichterung jedes mal, wenn ich seinem Körper Schmerzen zufügte. Aber mein Vater gab sich nicht leicht zu schlagen. Es dauerte nicht lang, bis er mich von seinem Torso warf; wieder die Oberhand zu erlangen schien. Egal wie entschlossen ich gewesen war, mein Wille war um einiges stärker als der Körper in dem er steckte. Wie sehr ich auch schlug, es war einfach nicht stark genug. Dachte ich jedenfalls. Bevor er sich also aufrichten konnte, ergriff ich die Chance seiner kurzweiligen Verwirrung und stürmte in die Küche, so schnell mich meine schlotternden Beine trugen, nahm ein Messer und-
''Was willst du denn damit? Huh? Willst du mich jetzt umbringen Zoelle? Und was dann?? Was... machst du dann!? Was-''
Er brach brüllend zusammen, bei dem Versuch aufzustehen und weinte vor Schmerz, mit den Augen purer Aggression und Hass gegen mich. Ich schien ihn doch ziemlich zugerichtet zu haben. Sein Kopf blutete in strömen. Sein Bein war ohnehin schon verletzt. Ich hätte es dabei belassen können. Wenn es nicht das erste mal seit Jahren gewesen wäre, dass ich lächelte. Ihn so zu sehen; es machte mich glücklich. Wirklich. Es füllte einen Platz in meinem Herzen, welcher zu lange zu leer gewesen schien. Das große Küchenmesser in der Hand, es erfüllte mich mit Euphorie und Tatendrang. Ich fand Gefallen daran über das Leben und den Tod eines Lebewesens entscheiden zu können. Einmal in meinem Leben; ein Hauch von Kontrolle. Echter Kontrolle. Es ließ meine Adern kochen. Es war nicht mehr kalt um mich herum. Und so, ging ich ohne auch nur zu antworten, Schritt für Schritt auf ihn zu. Langsam, um den Moment in all seiner Schönheit aufzusaugen.

Er, der das bemerkte; versuchte sich noch trotz seiner Verletzungen aufzurichten. Aber für ihn war es schon längst zu spät.
Er kam nach vorne schunkelnd und an der Wand klammernd in die Küche geschlurft. Versuchte mich zu packen um wer weiß was mit mir anzustellen. Doch bevor er mich greifen konnte, stach ich mein Messer in seinen Bauch. Die Haut brach, schneller und leichter als ich es erwartet hatte. Und auf einem Schlag, wich die ganze Anspannung aus seinem Körper. Nur wenige Sekunden später lag er dann am Boden. Mit weit offenen Augen und dem Ausdruck des puren Hasses. Um Gottes Willen habe ich mich gut gefühlt. Jeder weitere Stich in seinen scheiß Körper, befreite meinen von all dem Schmerz, den ich mein Leben lang erfahren hatte. Es fühlte sich besser und richtiger an, als ein Leben in Angst und Gehorsam.
Noch bevor er gänzlich ausgeblutet war, stand ich auf und lief zu meiner Mutter. Sie tat mir immer noch irgendwo Leid, wie sie da saß, in der Ecke. Die Augen, die sonst immer in die Leere starrten nun glasklar auf den Mann gerichtet, den sie einst liebte. Für den sie ein Leben in Bequemlichkeit gänzlich aufgegeben hatte. Sie hätte alles haben können. Das war alles, was jetzt davon übrig war. Das war die Summe ihres Lebens. Und komischer Weise, schien ich nun auch ganz plötzlich wieder zu existieren.
„H-Hol Hilfe. Bitte. Geh nach Dunshaw, hol Hilfe... Zoe?“, sie konnte nur noch hauchen. Hatte sie etwa Angst vor mir? Vielleicht lag es auch an ihren Verletzungen aber- nein; sie hatte definitiv Angst vor mir. Ich legte sogleich das Messer weg und kniete mich zu ihr hin. Umarmte sie sogar. Einfach nur als eine, dieser 'kleinen, netten Gesten und Freuden'. Dieser 'Highlights'. Ich lachte im Stillen über mich selbst. Dieser kleine Flimmer an Zweifel. Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell verfliegen würde. Dann wurde meine Miene wieder todernst: „Nein Mutter. Das werde ich nicht tun. Ich werde dich jetzt umbringen. Du wirst heute Nacht sterben. Spätestens wenn ich alles hier abbrenne, wirst du tot sein. Und ich will, dass du das weißt. Dass du diesmal, wirklich Schuld bist. Aber selbst wenn nicht; es spielt keine Rolle mehr, weißt du? Du musst verstehen, dass ich so nicht leben kann. Ich kann nicht leben, wenn ihr am Leben seid. Ist das für dich nachvollziehbar?''
''Ja...'', wieder wich der Blick der Frau ins Leere ab. Obwohl ich wusste, dass sie sterben wird, erfüllte es mein Herz kaum mit Trauer. Immerhin war sie schon um einiges länger tot. Sie starb, als sie ihren Sohn und somit ihre Seele verlor. Ich beendete es mit einem Längsschnitt in die Pulsader. Schaute ihr langsam beim Übertritt auf die andere Seite zu. Es war totenstill. Ich hatte wirklich vor es einigermaßen ehrenvoll und besonnen zuende gehen zu lassen. Aber leider hatte meine liebe Mutter andere Vorstellungen.

Mit letzter Kraft, flüsterte Loreen Visser – 43 Jahre zum Zeitpunkt ihres Ablebens – meinen Namen, als würde sie mir noch etwas ganz Wichtiges sagen wollen.
Sie schaute mir nun tief in die Augen und hauchte ihre letzten Worte: ''Du hast die Augen deines Vaters und du bist... keinen Deut besser als er...'' Ich schaute sie emotionslos an, mit meinen Gedanken schon längst beim nächstgelegenen Benzinkanister im Keller und stand letztendlich auf. Ich dachte mir, dass das schon das Ende ihres Satzes war. Was könne dieses Stück toten Fleisches mir jetzt noch Relevantes sagen? Unerwarteter Weise, fügte sie ihrem Satz dann doch noch etwas hinzu:

''Aber genau wie bei deinem Vater... glaube ich immer noch an Gutes in dir... Zoe. Ich hoffe, du wirst ein gutes, erfülltes Leben haben. Ein Leben, dass von Liebe und nicht vom Hass bestimmt ist. Ich liebe dich. Vergiss das nicht.''
Sie brachte ein letztes Lächeln hervor. Ich kann nicht genau sagen, wie oft ich dieses Lächeln schon sah. Diesmal, wirkte es aber anders. Es war ehrlich. Sie wünschte mir das Beste für mein Leben. Vom ganzen Herzen. Hinter dem Lächeln verbarg sich weder Trauer, noch Frust und schon gar kein Leid. Obwohl sie genau wusste, dass ihre Zeit um war. Sie war bereit zu sterben. Sie schaute mich an, wie eine liebevolle Mutter ihr Kind nun mal anschaut. Sie liebte mich. Und ich hatte sie getötet. Ich vergaß es nicht. Und das war es, was mich brach. Ihr letzter Satz ist der Grund, dass sich dieser Tag immer... und immer wieder in meinem Schädel abspielt. In meinen Träumen, in meinen Gedanken, in Halluzinationen und Panikattacken. Wieso ich eben doch nicht immer auf die Stimme in meinem Kopf höre. Das ist der Grund. Dass ich den Schalter nie gänzlich umlegte und auch seither dagegen ankämpfe. Gegen den Wahnsinn. Gegen diesen Teil von mir, der nicht meinen Vater, sondern sie umbrachte! Es war wie ein Fluch. Als hätte meine Mutter in den letzten Minuten ihrer Existenz einen Fluch auf mich erlassen. Der mich seither verfolgte und jeden Tag daran erinnerte, wie zerrissen ich eigentlich bin. Aber es würde mir egal sein. Ich würde nicht damit aufhören Menschen zu töten. Selbst wenn es mir manchmal keine Freude bereitete oder Erfüllung schenkte. Ich tue es aus Prinzip. Aus purer Rache. Aus Frust. Das mir so viel genommen wurde. Eben weil es so unfair war. Das Leben ist nicht fair. Es wird immer Menschen geben, die einen Leiden sehen wollen. Die einen immer wieder zu Boden dreschen. Nur um selbst besser mit sich klar zu kommen. Und wenn du nicht das Opfer dieser Menschen bist, bist du einer davon. Das ist Gesetz. Du bist einer davon. Ich bin einer davon. Jetzt jedenfalls. Mir ist es aber egal. Genau wie allen anderen auch. Denn das Wichtigste auf diesem Planeten, ist nicht nur das Überleben und Ertragen. Es ist das Leben selbst. Das Gefühl am Leben zu sein. Und dort, wo eine Person von diesem Gefühl erfüllt ist, leiden andere dafür. So ist es nun einmal. Ich kann das nicht ändern. Ich kann nur mit dem Strom schwimmen und dabei zusehen, dass ich gefälligst an vorderster Stelle stehe. Weil mir andere egal sind.
Heute kann ich aus viel Erfahrung sagen, dass die allerletzten Momente im Leben einer Person, ihr wahres Gesicht zum Vorschein bringen. So war es bei meinem Vater, bei meiner Mutter, sowie bei jedem anderen auch. Und genau aus dieser Erfahrung kann ich sagen, dass mich die meisten Menschen einfach nur anwidern. Sie sind schwach. Genau wie er. Genau wie sie. Nichts, für das es Wert ist zu leiden. Das Einzige was diesen Wert besitzt, bin ich.

Dass ich damals noch nicht wusste, wie sehr ihre letzten Worte mein weiteres Leben beeinflussen würden, sei dahingestellt. Ihr Lächeln war mir in jener Nacht, im Adrenalinrausch, jedenfalls ziemlich egal. Da sie mich in ihren letzten Worten aber mit meinem Vater verglich, ging ich nochmals zu ihr hin und schnitt ihr die Kehle auf. Es war eine Beleidigung, egal ob sie es lieb meinte oder nicht. Ich war nicht so wie er... und ich will auch nie so sein wie er. Ich will nicht einbrechen und zerfallen, wenn es einmal hart wird. Nicht auf diese Weise. Ich werde immer wieder aufstehen. Weitermachen. Um meinen Thron in dieser Welt ringen; bis der Tod mich wieder mit meinem kleinen Bruder vereint. Genau deswegen hatte ich auch keine Angst vor dem Tod. Es wirkte fast schon wie eine nette Erlösung. Und dennoch, ich würde um mein Überleben kämpfen, bis es so weit war. Es dabei mit einem Gefühl von Leben zugunsten anderer füllen. Das war ich mir selbst schuldig. Ich habe das alles nicht durchgemacht um kurze Zeit später zu sterben; meine Rache an den Menschen einfach zu versäumen. Nein. Ich hatte... Dinge zu tun. Der Name Zoe Baker würde in den nachfolgenden Jahrzehnten immerhin nicht ohne ein bisschen Arbeit in die Geschichte eingehen. Aber fangen wir erst einmal dort an, wo alle guten Geschichten anfangen. Ein großes, unerwartetes Ereignis. Ein Unglück. Dramatik. Ein Licht. Action. Ein unvergessliches Statement. Ein Zeichen, welches sich wortwörtlich in die Kruste dieser Erde und in die Erinnerungen derer, die betroffen waren, einbrennt. Im Zentrum dessen, eine einzigartige Hauptfigur mit geheimnisvoller Vorgeschichte; ein Phantom. Ein Schatten. Ein neuer, unbekannter Mörder, der die Bühne betretet und sofort alle im Publikum in den Bann reist. Ja... so könnte man es auch ausdrücken. Das 'Unglück von Dunshaw', der 'Waldbrand Dezember 95', wie es in Zeitungen in und über die USA hinaus bekannt werden würde. Sich vom Haus aus in einem Lauffeuer auf eine riesige Fläche ausbreitend, bis es sogar in die angrenzende Kleinstadt gelangt, wo es noch ein paar dutzend Menschen, die am Wald angrenzend wohnten, im Schlaf verschluckt.

Was die Polizei, die am nächsten Morgen ihre Investigation des Falles auf Hochtouren gestartet hatte vorfand? Ein Meer aus Zerstörung. Unbekannte, verstümmelte Leichen, die keiner vermisste. Einen verkohlten, liebevoll platzierten Hundekadaver im Vorhof einer nichts-sagenden Ruine, in der doch 'unmöglich' Menschen gelebt haben können. So berichteten sie es der Presse. Als wären sie überrascht, geradezu geschockt gewesen. Diese scheinheiligen Lügner.
Sie fanden sogar das angebrannte schwarzweiß Foto am Herzen des Hundes liegen; auf dem bei genauerem Betrachten gerade noch ein lächelnder Junge zu sehen war. Und das wars. Sie dachten es wäre vorbei. Ein größerer Mord, wie viele andere auch in diesem Land, welches bis auf die Knochen als verrotten galt. Dabei hat damit diese Geschichte gerade erst angefangen. Immerhin fängt jeder Krieg zunächst mit einer gewaltigen Kriegserklärung an. So auch dieser. Mit dem; und mit einem nahezu verkrüppelten Mädchen namens Zoe Baker, welches im Schnee um Punkt Mitternacht des nun 11. Dezember 1995, im Wald nahe der Stadt Dunshaw, irgendwo in Louisiana – ein kleines Geburtstagsständchen singend, ein einziges, kleines Streichholz aus den Händen entgleiten lässt. Vor den zehn Meter hohen Flammen einer untergehenden Vergangenheit steht...
Und sich wie neu geboren fühlt.
Review schreiben