Engelsaufstand

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
Aodhan Elena P. Deveraux Honor St.Nicholas/Ingrid Illium "Bluebell" OC (Own Character) Raphael
23.05.2020
25.05.2020
5
8.659
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23.05.2020 2.220
 
Zufrieden ließ Rahel sich auf das einladende Sofa mit rotem Samtüberzug zu ihrer Linken fallen. Sie ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Die Stimmung, die im Erotique herrschte, war verrucht, geheimnisvoll und gefährlich. Verglichen mit den anderen Clubs der Stadt, in denen Sterbliche und Unsterbliche aufeinandertrafen, war das Erotique sicher. Wobei, sicher hier bestimmt nicht das richtige Wort war. Die Luft summte vor Verlangen, Sex, Macht; Gewalt und allem Anderen, was die Unsterblichkeit sonst so mit sich brachte. Rahel schüttelte sich bei diesen Gedanken. Anders als in anderen Etablissements der Stadt, trafen sich hier meist mächtige und reiche Menschen und Vampire. Ganz selten verirrte sich sogar ein Engel in diese Räumlichkeiten. Der Club lag außerhalb des Vampirviertels und der eigentlichen Feiermeile, allerdings nahmen viele den Weg auf sich, da der Ruf dem Club vorauseilte. Rahel, die seit einem Jahr dort als Tänzerin arbeitete, konnte das nur bestätigen. Aber auch hier kursierten Drogen und Sterbliche wurden wie Ware behandelt. Wer an den Falschen geriet hatte Pech. Aber wo Sterbliche und Unsterbliche aufeinandertrafen, zogen Menschen nun mal den Kürzeren. Es war nicht schön, aber so war es nun mal. Auch Rahel war sterblich, aber als Tänzerin und somit Teil des Teams wurde stets darauf geachtet, dass ihr niemand dumm kam.

Rahel schaute sich um, liebte es zu beobachten was um sie herum geschah. Ihre Schicht hatte sie gerade beendet und wartete nun auf zwei Kolleginnen, die gleichzeitig ihre besten Freundinnen waren. Sie konnte sich bis heute nicht erklären weshalb sie sich an jenem Abend vor einem Jahr dazu entschieden hatte das Erotique zu betreten, aber sie bereute es nicht. Seit sie einen Fuß in den Club gesetzt hat, war dieser praktisch ihr Zuhause geworden. Ihre Kolleginnen und Kollegen waren Familie. Die Gedanken an diesen verdammt dämlichen Tag vor einem Jahr spuckten in ihrem Kopf herum und drohten ihre Laune zu versauen. Da sie aber alles andere als schlecht gelaunt sein wollte, weil ihre Freundinnen beschlossen haben heute gemeinsam mit ihr feiern zu gehen, schüttelte sie ihren Kopf und vertrieb die Gedanken.

Wie lange brauchen sie denn noch, fragte sich Rahel genervt. Sie setzte sich auf und begann damit ihre Kleidung zu inspizieren. Sie trug schwarze Heels, die bequemer waren als sie aussahen. Ihre Hose erinnerte an eine eng geschnittene Anzugshose, war schick und trotzdem praktisch. Das Oberteil war bauchfrei, dafür aber hochgeschlossen mit Rollkragenansatz und langen Ärmeln. Den Pullover hatte sie aus einer Laune heraus auf einem Flohmarkt erstanden. Erst im Nachhinein hatte sie genervt festgestellt, dass er ein Loch auf Höhe ihres Bauchnabels hatte. Kurzerhand hatte sie ihn abgeschnitten und umgenäht. Mit dem Ergebnis war sie sehr zufrieden. Es war ein typisches Rahel-Outfit, wie ihre Freundinnen es nannten. Elegant, praktisch und schwarz.

„Jellybean, warte! Der Sekt“, rief eine dunkelhaarige Schönheit einer Frau zu, die nur einige Meter vor ihr ging. Rahels Kopf fuhr hoch und sie entdeckte ihre Freundinnen. Eine der Frauen, die eiligen Schrittes auf Rahel zu gelaufen waren, stoppte abrupt ab und drehte sich zu der Sprecherin um. Durch ein Nicken zeigte sie, dass sie verstanden hatte und signalisierte mit ihren Händen, dass sie sich auch gleich darum kümmern würde. Sie drehte sich wieder um, wobei sie ihre langen roten Haare geübt über die Schulter warf, und machte sich auf in Richtung Bar. Gespannt wartete Rahel darauf, was ihre Freundin Jolene aka Jellybean, nun tun würde. Sobald der Barkeeper sie wahrnahm, beendete er sein Gespräch mit zwei hübschen Blondinen, die ihn ganz offen und schamlos anschmachteten. Rahel konnte zwar nicht verstehen was Jellybean mit dem Barkeeper besprach, sah aber wie sie sich über die Bar hinweg zu ihm herüber beugte, um ihm geheimnistuerisch etwas ins Ohr zu flüstern. Er zog daraufhin die Augenbrauen hoch und lächelte verschmitzt. Er wandte sich in Rahels Richtung und obwohl es samstags abends im Erotique immer gut gefüllt war sah er ihr über die Menschen- und Vampirmenge hinweg direkt in die Augen. Rahel neigte den Kopf und legte die Stirn gespielt theatralisch in Falten und wartete ab. Gut sah er aus, dachte sie sich. Die helle Haut, seine stahlblauen Augen, die kantigen Gesichtskonturen in Kombination mit diesem wilden Grinsen und seinen blonden Haaren, verliehen dem Barkeeper ein wölfisch wildes Aussehen. Er wusste welche Wirkung er auf die Damenwelt hatte und scheute sich nicht vor dem einen oder anderen Flirt, um sein Trinkgeld aufzubessern. In diesem Moment zwinkerte der Barkeeper jedoch Rahel zu und warf eine Kusshand, was er anschließend mit einem herausfordernden Lächeln quittierte. Ich glaub ich wird nicht mehr, was bildet sich das Wölfchen ein. Bevor Rahel die Chance hatte angemessen auf die Herausforderung des Barkeepers einzugehen, schob sich etwas in ihr Blickfeld.

„Was hat Jellybean Charles gerade erzählt?“, fragte Rahel nun ihre Freundin Hope, die sich neben sie auf das Sofa fallen ließ. Als Antwort bekam sie ein Schulterzucken und ein freches Lächeln, Hope liebte es sie zu ärgern. „Du weißt doch, wie kreativ unsere kleine Jolene sein kann, wenn es darum geht andere zu bestechen.“. Oh ja, genau deshalb wollte sie unbedingt erfahren, was ihre Freundin ihrem Kollegen gerade erzählt hatte. Bevor sie sich weiter darüber den Kopf zerbrechen konnte, stand Jellybean auch schon vor ihnen und präsentierte stolz ihre Errungenschaft. Eine Flasche Moet und drei Sektgläser. Rahel und Hope sahen sich an und verzogen kurz darauf anerkennend das Gesicht, um Jolene zu zeigen, dass sie ihre Jagdbeute zu schätzen wussten. „Freu dich nicht zu früh, ich habe Charles gesagt, dass deine Ich-bin-single-und-gehe-allen-Männern-erstmal-aus-dem-Weg-Krise nun vorbei ist. Außerdem habe ich verkündet, dass wir uns jetzt betrinken gehen. Charles meldet sich sobald seine Schicht zu Ende ist bei uns“, sagte Jolene mit einem gönnerhaften Grinsen im Gesicht, „du kannst mir später danken“. Rahel starrte ihre Freundin mit einer Mischung aus Unglauben und Empörung an. Zugegeben seit ihrer letzten Beziehung hatte Rahel den engeren Kontakt zu Männern gemieden. Eigentlich gab es keinen logischen Grund dafür. Obwohl sie sich selbst weder als schüchtern oder zurückhaltend bezeichnen würde, hatte sich bis auf ein paar harmlose Flirtereien einfach nichts ergeben. Vielleicht ist es an der Zeit. Denn während ihre Freunde sie an spannenden Geschichten rund um ihre Beziehungen teilhaben ließen, war ihr eigenes Liebesleben so gut wie nicht mehr vorhanden. Sowas von an der Zeit. Ein Korken knallte direkt neben ihrem Ohr uns riss sie unsanft aus ihren Gedanken.

Ihr Glas war leer und sie gab sich größte Mühe dieses auch heil auf dem Tisch vor sich abzustellen. Hope, wischte sich zur selben Zeit einen kleinen Tropfen Blut aus dem Mundwinkel. Sie war ein Vampir und genoss ihre Freiheit in vollen Zügen. Es schien den jungen Mann nicht zu stören, im Gegenteil, sein Gesichtsausdruck verriet freudige Erregtheit. Rahel fragte sich, ob der Arme wohl wusste, dass Hope sich im Erotique häufig einen kleinen Snack, wie sie es nannte, gönnte bevor sie feiern ging, was allerdings keineswegs bedeutete, dass der Spende weiterhin Teil ihrer Abendgestaltung sein würde. In diesem Moment bemerkte Rahel, wie Jellybean leicht angeheitert aufstoßen musste und mit betretenem Blick ihr Glas umdrehte, um zu zeigen, dass auch ihr Glas leer war, genau wie der Sekt.

Gemeinsam standen die drei Frauen auf und gingen Richtung Ausgang, dabei zogen sie die Blicke von Männern und Frauen, Vampiren wie Menschen gleichermaßen auf sich. Zugegeben, die drei Frauen boten einen ungewöhnlichen Anblick. Jellybean war die kleinste von ihnen. Ihre feurig roten Haare standen im Kontrast zu ihrer hellen, fast weißen Haut. Ihr Gesicht war voll und ganz mit Sommersprossen bedeckt, was ihr ein leicht elfenhaftes Aussehen verlieh, Rahel fand es passte zu der frechen Art ihrer Freundin. Neben Jellybean lief Hope. Sie bestach durch ihr Aussehen und ihre Ausstrahlung zugleich. Dunkle Haut, lockiges, dunkles Haar, das erst knapp über ihrem Hintern endete, verliehen ihr die Aura einer Latina. Sie wusste sich gezielt zu bewegen und scheute sich nicht davor ihren Körper einzusetzen, sollte sie sich einen Vorteil davon versprechen. Dann war da noch Rahel. Ihre Haut hatte die Farbe von Milchschokolade und bildete einen weichen Kontrast zu ihrem Haar, das von der Farbgebung stark an dunklen Kaffee erinnerte. Sie war größer als die meisten anderen Frauen, ihre Figur schmal, aber keineswegs dünn, man sah ihr an, dass sie sich regelmäßig bewegte. Auffällig war jedoch ihr Gesicht. Rahel hatte unglaublich hellblaue Augen, die von waldgrünen Zacken durchzogen waren. Niemand sonst hatte solche Augen, sie waren einzigartig. Aber es hörte nicht bei ihren Augen auf, auch ihre Haut hatte scheinbar eine Vorliebe für Farbspiele. Die Ärzte hatten Vitiligo diagnostiziert, eine Hautkrankheit, nichts Gefährliches oder Schmerzhaftes, aber auffällig war es. Sämtlichen Stellen an ihrem Körper fehlte einfach die Pigmentierung. Rahels linkes Auge war umrandet von einem faustgroßen hellen Fleck, der sich stark von der restlichen Haut abhob. Auch auf ihrer rechten Gesichtshälfte befand sich ein solcher Fleck. Dieser zog sich über den Hals hinunter bis zum Schlüsselbein. Rahel fiel in der Menge auf wie ein bunter Hund. Sie als schön oder hübsch zu bezeichnen wäre unpassend. „Auffallend einzigartig und so interessant. Ein erster Blick, ein zweiter Blick und danach werden sie dir zu Füßen liegen“, hatte die Besitzerin des Erotique zu ihr gesagt, als sie Rahel das erste Mal begegnete und einen Job anbot. Menschen, die sie das erste Mal sahen, starrten sie häufig an, aber auch Vampire, die schon alles Mögliche auf einer Skala von schön bis schräg gesehen haben, schauten sie fasziniert an. Rahel hatte sich mittlerweile daran gewöhnt und konnte ihr Aussehen als Teil ihrer selbst akzeptieren.

Als sich die Clubtür hinter ihnen schloss, nickte der vampirische Türsteher ihnen zu, sagte jedoch nichts. Seinen Blick ruhte woanders. Auch Rahel drehte ihren Kopf und wusste sofort wovon der Türvampir sich hatte ablenken lassen. Es war Ilium. Einer von Raphaels Sieben. Als Teil einer legendären Gruppe diente er direkt unter dem Erzengel Raphael. Auch wenn Rahel nicht viel über das unsterbliche Leben und die Strukturen der Unsterblichen wusste, zweifelte sie nicht daran, dass es eine Menge können benötigt, um Teil einer legendären Gruppe zu sein, die direkt unter einem Erzengel diente.  

Wow. Obwohl sie den blaugeflügelten Engel bereits das ein oder andere Mal im Erotique gesehen hatte, brachte seine Anwesenheit sie auch dieses Mal ein wenig aus der Fassung.  Jedes Mal warf sie ihm verstohlene Blicke aus der Entfernung zu, aber nie sprach sie ihn an. Er sah verboten gut aus. Reiß dich zusammen und hör auf zu starren, versuchte sich Rahel selbst zu ermahnen. Die blauen Federn mit silbernen Spitzen waren sein Markenzeichen und sorgten dafür, dass auch er auffiel wie ein bunter Hund. Seine Haare waren schwarz mit goldenen Spitzen und hoben sich scharf von seiner hellen Haut ab. Man wusste nicht wo man zuerst hinschauen sollte. Rahel wollte genauer hinsehen, mehr Einzelheiten wahrnehmen, wollte aber auch nicht zu auffällig in seine Richtung sehen. Aber auch Ilium schien sie zu bemerken und sah sie direkt an. Rahel fühlte sich leicht unwohl unter seinem Blick, denn obwohl er lächelte, fühlte sich Rahel als stände sie im Visier eines hungrigen Raubtiers. Sie konnte ihren Blick kaum abwenden so sehr hatte er sie in seinen Bann gezogen. Wild und sanft zugleich. Sie wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, sich in diesem Moment nicht an ihm sattsehen zu müssen, sie würden sich wiedersehen. Moment, was? Rahel verzog irritiert ihr Gesicht. Platsch. Rahel schaute nach unten, vor lauter Ilium hatte sie nicht darauf geachtet wohin sie lief und war prompt in eine Pfütze getreten. Ihr Gesicht verzog sich erneut. Toll, wirklich ganz toll. Was soll’s wird auch wieder trocknen. Leicht angeekelt von dem feuchten Gefühl an ihrem Fuß hob sie ihren Kopf und erhaschte noch einen letzten Blick auf das Gesicht des Engels, bevor sie aneinander vorbeigelaufen waren. Sein Gesicht gab nicht viel Preis, aber sie glaubte Neugierde wahrgenommen zu haben. Irgendwie abgelenkt und verwirrt von der Begegnung fragte sie ihre Freundinnen nach den Plänen für den restlichen Abend.

„Hör auf zu sabbern und lauf schneller. Pontus ist schon im Heaven und wartet auf uns.“, kam die spitze Antwort von Jellybean die sie ansah, als wüsste sie welche Gedanken Rahel zu einem bestimmten blaugeflügelten Engel gerade durch den Kopf geschwirrt waren. Als Jellybean den Namen ihres Ziels genannt hatte, beschlich Rahel ein ungutes Gefühl und eine innere Unruhe machte sich in ihr breit. Ohne sich weiter darüber Gedanken zu machen, nahm sie dankbar ein kleines Schnapsfläschchen von ihrer Freundin entgegen und trank es zügig. Fragend hob die Dritte im Bunde, Hope, eine Augenbraue. „Ich habe doch gesagt, dass wir uns heute betrinken und ich halte das was ich sage.“. Die Antwort klang dermaßen patzig, dass Hope lachen musste, „ich beneide euch dafür. Wenn ich eine Sache am Mensch-sein vermisste, ist es die Wirkung von Alkohol.“. Das stimmte, denn Rahels Freundin hatte sich schon oft darüber beklagt, wie unfair das sei, dass sie sich als Vampirin nicht mehr betrinken könne und das aber nirgends im Kleingedruckten gestanden habe, als sie ihren Vertrag mit den Engeln abschloss. Rahel spürte, wie der Schnaps begann zu wirken und sich in Form einer wohligen Wärme durch ihren Körper zog. Sei vernünftig, krank werden ist nicht, ermahnte sie sich und zog ihren blutroten Mantel enger um den Körper, um der kalten Nacht und dem elenden Sprühregen zu trotzen.

In der Ferne leuchtete eine große, kritische Leuchtreklame in Form eines H. Der Weg war nicht mehr weit.