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Waffenbrüder Staffel 1 - 3. Instinkt

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Athos D'Artagnan
22.05.2020
22.05.2020
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Hallo, meine lieben Leser!

Heute habe ich noch eine Kurzgeschichte für Euch, die sich auf die Serie bezieht, nämlich auf die Ereignisse aus 1x03 „Schatten der Vergangenheit“. Ich habe an den Ereignissen kaum etwas verändert, nur etwas ergänzt; wichtig ist es mir, die Inneneinsicht, die Emotionen der Protagonisten in Worte zu fassen, da sie in meinen Augen für den weiteren Handlungs-Bogen von „Waffenbrüder“ sehr wichtig sind.

Wie in der Woche zuvor auch kann man, wenn man das gerne möchte, bei dieser Geschichte das Slash-Rating ignorieren; es wurde gewählt, weil „Waffenbrüder“ letztlich darauf ausgelegt ist.

Bei einer guten Tasse Kaffee oder Tee – oder alternativ einem leckeren Eis, passend zur Temperatur – wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen!

LG

Ann

Waffenbrüder

Instinkt

geschrieben am 28.01.2020


Sein neues Leben gefiel d’Artagnan außerordentlich.

Paris war eine aufregende Stadt, so völlig anders als die beschauliche, ländliche, abgelegene Gegend, in der er aufgewachsen war.

Während seines Dienstes für Tréville kam er immer wieder in die Nähe des Königs und der Königin - Gestalten, die in seinem bisherigen Leben für ihn so weit entfernt und unerreichbar gewesen waren wie Gott selbst. Deren Macht und Reichtum alles weit überstrahlte, was er sich in seinem jugendlichen Geist jemals auch nur hatte vorstellen können. Und nun entdeckte er, dass sie letztlich doch nur Menschen waren, mal launisch, mal wohlwollend, angreifbar, verletzlich und schutzbedürftig. Und dank seiner neuen Stellung als Anwärter bei den Musketieren war er nun einer der Männer, deren Aufgabe es war, ihren Schutz zu gewährleisten.

Nach wie vor wohnte er bei dem Tuchhändler Bonacieux und dessen zauberhafter Frau. Dass Monsieur Bonacieux häufig geschäftlich verreist war, kam seiner Freundschaft mit Constance zu Gute. D’Artagnan war durchaus bewusst, dass sie verheiratet war und somit tabu für ihn sein sollte - doch Constance war anders als andere Frauen, die er je kennengelernt hatte; voller Abenteuerlust, Mut und von scharfem Verstand, und er war sich sicher, dass sie die harmlosen Flirts und die anregenden Gespräche mit ihm genauso genoss wie er selbst.

Doch das Wichtigste in seinem neuen Leben waren die Musketiere. Er fühlte sich ausgesprochen wohl in Trévilles Garnison. Und das war vor allem der Verdienst seiner drei Freunde. Jeder von ihnen sorgte auf seine besondere Weise dafür, dass d’Artagnan schon nach kurzer Zeit das Gefühl hatte, ein neues Zuhause gefunden zu haben.

Natürlich schmerzte der Tod seines Vaters immer noch, durchbohrte die Erinnerung ihn in völlig unerwarteten Augenblicken wie ein Dolch, doch da er so gut wie nie allein war, musste er auch nicht allein mit diesem Schmerz fertig werden.

Da war Porthos mit seiner polternden Fröhlichkeit, der trotzdem immer genau spürte, wenn es einem seiner Freude schlecht ging und der dann für Ablenkung sorgte - auch wenn er dafür eine kleine freundschaftliche Rauferei beginnen musste.

Aramis wirkte auf den ersten Blick wie ein Lebemann, dem es vor allem auf sein Vergnügen mit den Damen ankam. Doch sehr schnell hatte d’Artagnan erkannt, welch freundliche und feinfühlige Seele hinter dem scheinbar eitlen Auftreten steckte. Ein aufrichtiger Freund, der immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für ihn hatte.

Und Athos...

...sein Wesen hatte d’Artagnan noch nicht völlig greifen können. In den vielen Wochen, die er nun schon beim Regiment verbrachte, hatte er noch nicht einmal erlebt, dass dessen ruhige, fast schon stoische Fassade auch nur einen Riss bekommen hätte.

Wollte man wissen, was Athos bewegte, musste man schon sehr genau hinschauen. Und allmählich glaubte d’Artagnan, ihn zu verstehen.

Denn immer wieder waren es seine Augen, die ihn verrieten.

Die zu schmunzeln schienen, wenn Porthos wieder einmal einen Rotgardisten beim Kartenspiel ausnahm.

Die resigniert und doch amüsiert blitzten, wenn Aramis vom seinem letzten amourösen Abenteuer berichtete.

Die im Trainingsgefecht hochkonzentriert auf d’Artagnan ruhten, jede Schwäche erkannten, die er dann in seiner ruhigen Art zu korrigieren suchte, genauso aber jeden Fortschritt wahrnahmen, den er mit sparsamen und daher umso kostbareren Worten lobte.

Und die voll tödlicher Kälte strahlen konnten, wenn jemand seine Freunde bedrohte.

Dass Athos sein Freund war - das war das Einzige, dessen d‘Artagnan sich bei diesem Mann absolut sicher war. Hätte ihn jemand um eine Begründung gebeten, um einen Beweis, wäre er ihn schuldig geblieben. Doch Athos‘ ganzes Verhalten, die subtile Art, wie er d’Artagnan forderte und zugleich förderte sprachen eine deutliche Sprache. Die unendliche Geduld, die er dem gascognischen Temperament gegenüber aufbrachte, das freundschaftliche Leuchten in dessen Blick, wenn sie sich über Tag begegneten, und die ruhige Sicherheit, die er ausstrahlte, wenn sie Seite an Seite fochten waren dem jungen Mann Beweis genug.

D’Artagnan fühlte sich wohl in seiner Nähe. Er wusste instinktiv, dass der Ältere immer sein Bestes im Sinn hatte. Dass er sich blind auf Athos verlassen konnte. Dass er stets sicher war, wenn dieser ihm den Rücken deckte.

 

D’Artagnan dachte also, er würde den Freund inzwischen kennen.

Und dann kam der Tag, an dem sie den Hochstapler Bonnaire von Le Havre nach Paris eskortieren sollten...

Diese Mission, die so einfach erschien, stand von vorne herein unter keinem guten Stern. Denn niemand hatte sie darüber informiert, dass Bonnaire von verschiedenen Parteien aus unterschiedlichen Gründen gejagt wurde. Und als sie später dazu noch herausfanden, dass Bonnaire plante, in den Sklavenhandel einzusteigen – ein durchaus legales und lukratives Geschäft, das die vier Unzertrennlichen mit Porthos als Freund allerdings für moralisch unerträglich erachteten – waren weitere Spannungen unausweichlich.

Dass Athos sich ausgerechnet diesen Tag aussuchte, um seit langem wieder einmal in seine schweigsame Düsternis einzutauchen, erleichterte das Unterfangen ebenfalls keineswegs.

D’Artagnan hatte diese seltsame Schwermütigkeit in ihrer vollen Ausprägung erst zweimal erlebt. Nie war es während ihres Dienstes, immer nur abends in der Taverne, wenn Aramis und Porthos schweigend und mit ergreifender Selbstverständlichkeit bereit standen, um den nahezu bis zur Besinnungslosigkeit betrunkenen Freund sicher nach Hause zu bringen.

Am nächsten Tag hatte niemand ein Wort darüber verloren. Erst auf d’Artagnans vorsichtige Nachfrage hin hatte Aramis mit einem Seufzen zugegeben, dass solche Exzesse bei ihrem Freund zwar in letzter Zeit seltener, aber alles in allem nichts Außergewöhnliches waren. Irgendein düsteres Geheimnis in seiner Vergangenheit weckte von Zeit zu Zeit alte Dämonen, die Athos dann im Wein zu ertränken suchte.

Mehr wussten Porthos und Aramis auch nicht, und es wäre ihnen niemals in den Sinn gekommen, den Freund zu bedrängen, Details preiszugeben.

Jeder von ihnen hatte schließlich einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit, den er lieber vergessen wollte...

 

Erst im Nachhinein ging d’Artagnan auf, dass die Schwermut seinen Freund an diesem besonderen Tag erst ergriffen hatte, als sie auf dem Rückweg von Le Havre durch Bonnaires hartnäckige Verfolger zu einem Umweg gezwungen worden waren und sich deshalb mit einem Mal in der Nähe von Saint-Gobain, nordöstlich von Paris befanden.

Und dann wurde Porthos verwundet.

Schwer.

Sie hatten Bonnaires Verfolger letztlich besiegt und sie zur Waffenruhe gezwungen, doch zuvor hatte einer der Männer Porthos, der ausgerechnet Bonnaire verteidigt hatte, seine Axt tief in die Schulter geschlagen. Während Athos mit dem Anführer der Gruppe verhandelte - Bonnaires altem Geschäftspartner, der von dem Halunken übers Ohr gehauen worden war und nun verständlicher Weise Entschädigung oder wenigstens Genugtuung verlangte - kümmerte sich Aramis um ihren am Boden liegenden Freund.

D’Artagnan stand besorgt daneben.

Kein Lachen, nicht einmal ein Fluchen kam über Porthos‘ Lippen, seine dunkle Haut wies einen besorgniserregend blass-grauen Unterton auf. Und ein Blick in Aramis‘ Gesicht bestätigte d‘Artagnans schlimmsten Befürchtungen.

„Er ist schwer verwundet“, erklärte Aramis zutiefst besorgt, als Athos zu ihnen heran trat.

„Kann er reiten?“, war Athos‘ einzige Antwort, und d’Artagnan sah den Freund verblüfft an. Das war nicht die übliche unerschütterliche Ruhe, die Athos gerade in Krisen wie dieser zum informellen Anführer ihrer kleinen Gemeinschaft machte - die Frage war in starrer Kälte gestellt, und so reagiert Aramis auch ungewohnt heftig, als er angespannt erwiderte: „Nein. Ich muss die Wunde schnellstmöglich nähen, sonst verblutet er.“

Athos warf nicht einmal einen Blick auf Porthos, als er knapp erklärte: „Er muss bis Paris durchhalten. Wir müssen Bonnaire...“

Und zum ersten Mal erlebte d’Artagnan, wie Aramis sich wutentbrannt gegen Athos stellte.

„Ist dir sein Leben nichts wert?“, fuhr er voller Zorn den Älteren an - und mit einem Mal schien es, als erwache Athos aus einer Art Erstarrung. Endlich sah er Porthos an, nahm seinen Zustand zum ersten Mal wirklich wahr - und eine seltsame Resignation schwang plötzlich in seiner Stimme mit, als er erklärte: „Ich weiß, wo wir hin können...“

 

Athos‘ Haus.

Es war wie ein Schock für d’Artagnan, als sein Freund zugab, das verlassene Château, zu dem er sie geführt hatte, und die umliegenden Ländereien seien sein Besitz.

Der des Grafen Olivier d‘Athos de la Fère.

D’Artagnan war schon lange bewusst gewesen, dass Athos von noblerer Herkunft war als sie anderen drei. Doch der Freund hatte nie besondere Rechte wegen seines Standes eingefordert, hatte niemals auf andere herab geblickt und auch nie über seine Vergangenheit gesprochen, weshalb d’Artagnan sich auch keine weiteren Gedanken über die Tatsache gemacht hatte, woher genau Athos stammen könnte.

Es war schlichtweg unwichtig für ihr Leben als Musketiere - für die Freundschaft der vier Unzertrennlichen.

Und nun waren sie in seinem alten Zuhause, und es war mehr als offensichtlich, dass Athos nicht hier sein wollte. Dass dieser Ort etwas Furchtbares in ihm auslöste. Erinnerungen, die besser vergraben geblieben wären. Doch sie waren hier. Porthos‘ Zustand verlangte, dass sie wenigstens mehrere Stunden hier ruhten, bis der Freund soweit zu Kräften gekommen war, um den Rückweg nach Paris zu überstehen.

Aramis war so sehr mit dem verletzten Freund beschäftigt, dass er keinen Blick dafür hatte, was mit Athos gerade geschah. Deshalb übernahm d’Artagnan es, ihn im Auge zu behalten.

Und so erfuhr er von Thomas.

Athos‘ jüngerem Bruder.

Der tot war.

Nun - das erklärte vielleicht, weshalb Athos schon in der Nähe dieses Hauses in Düsternis verfiel. Doch d’Artagnans Instinkt sagte ihm, dass noch mehr dahinter steckte.

Er sollte allerdings keine Gelegenheit erhalten, weiter zu forschen, denn Athos schickte ihn am Nachmittag zusammen mit Aramis und Porthos zurück nach Paris, damit sie Bonnaire dort ablieferten.

D’Artagnan hatte kein gutes Gefühl dabei, den Freund allein zurückzulassen, doch Athos hatte darauf bestanden, noch etwas klären zu müssen und später nachzukommen. Mit Porthos und Aramis konnte d‘Artagnan nicht darüber reden - Porthos brauchte all seine Kraft und Konzentration, um im Sattel zu bleiben, und Aramis musste seine Aufmerksamkeit zwischen dem verletzten Freund und dem verhassten Sklavenhändler aufteilen, dem Porthos am liebsten an die Gurgel gehen wollte...

Meile um Meile näherten sie sich Paris - und entfernten sich zugleich von La Fère und dem Château.

Und mit jeder zurückgelegten Meile wurde d’Artagnan unruhiger.

Es war keine echte Vorwarnung - keine Vision. Er träumte nicht, sah keine beängstigenden Bilder oder hörte irgendwelche Stimmen. Und doch wuchs die unerklärliche Furcht in ihm stetig, bis er schließlich schwer atmend seine Stute mit einem scharfen Ruck zum Halten brachte und mit erstickter Stimme rief: „Aramis!“

Die drei vor ihm Reitenden hielten ebenfalls an, und der Angesprochene wendete sein Pferd, um zu sehen, was los war. D’Artagnan trieb La Belle voran, bis sie neben Aramis‘ Stute stand, sah dem Freund fest in die Augen und erklärte lediglich: „Mit Athos stimmt etwas nicht - ich muss zurück!“

Aramis musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen - ihr Befehl war eindeutig, und Athos niemand, der nicht alleine zurechtkam. Und doch sah der Ältere etwas in d’Artagnans Miene - eine Dringlichkeit, die beinahe an Verzweiflung grenzte - die ihn einen kurzen Blick mit Porthos tauschen ließ, bevor er langsam nickte.

Mit mehr Sicherheit, als er verspürte erklärte er: „Von hier aus sind es vielleicht noch zwei Stunden bis Paris. Wir schaffen das.“ Und Porthos, der trotz seines Zustandes die Sorge ihres jüngsten Freundes ebenfalls erkannte, nickte mit einem schiefen Grinsen und ermutigte ihn: „Bring den Idioten sicher nach Hause.“

„Was ist los?“, wollte Bonnaire wissen, wurde von Porthos aber nur mit einem einzigen finsteren Blick zum Schweigen gebracht.

D’Artagnan nickte den beiden Freunde seinen Dank zu, wendete La Belle und trieb sie zu einem flotten Kanter an, den die Stute nach den Stunden des eintönigen Dahintrottens willig aufnahm. So brauchte er für die Strecke zurück nicht mal ein Drittel der Zeit. Dennoch dämmerte es bereits, als er durch das Dorf La Fère ritt. Um eine Scheune, die wie die Dorfschmiede aussah, drängten sich einige Menschen, doch d’Artagnan kümmerte sich nicht weiter darum, war er doch begierig, zurück zum Herrenhaus zu kommen.

Als er sich endlich näherte roch er es.

Feuer.

Und sein Herz, dass die ganze Zeit schon unruhig in seiner Brust geschlagen hatte pochte mit einem Mal doppelt so schnell. Unwillkürlich trieb er La Belle in einen scharfen Galopp, bog um die Kurve der Zufahrt - und sah, wie die ersten Flammen aus den Fenstern des Château leckten.

Noch aus dem Galopp sprang er vom Rücken der Stute, blieb dann aber wie erstarrt stehen - wo zur Hölle sollte er in diesem verdammten riesigen Gebäude mit der Suche beginnen? Ob Athos überhaupt in dem Haus war - daran zweifelte er seltsamer Weise keinen Augenblick...

„Athos! - Athos, hörst du mich!“, schrie er gegen die Flammen, und seine Stimme klang scharf aus Furcht um den Freund. Er durfte ihn einfach nicht verlieren... Nicht auch noch Athos... Warum nur hatte er nicht früher auf seinen Instinkt gehört, warum nur war er nicht früher umgekehrt - oder besser überhaupt gar nicht erst weggeritten...

Verzweifelt nach irgendeinem Zeichen suchend lief er vor der Fassade des Château hin und her, rief erneut den Namen des Kameraden, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm: Ein Reiter in wehendem Umhang, der in gestrecktem Galopp das brennende Anwesen hinter sich ließ. Verwirrt starrte er ihm hinterher.

Eine Frau...

Nicht Athos!

Entschlossen wandte er sich wieder dem Haus zu und stürzte zum Haupteingang. „Athos!“ Seine Stimme überschlug sich fast, als er mit aller Kraft gegen das Brüllen der sich unaufhaltsam weiter ausdehnenden Flammen immer und immer wieder nach dem Freund rief - und endlich meinte er, eine Antwort zu hören. Schwach, kaum vernehmlich - aber er war sich sicher. Nichts hielt ihn mehr, und er versuchte, sich einen Weg durch die Flammen zu bahnen, den linken Arm dabei zum Schutz vor dem beißenden Rauch vor den Mund gepresst.

„Athos!“, rief er noch einmal voll dringlicher Verzweiflung - und hörte nun deutlich, wenn auch halb durch Husten erstickt eine unverständliche Antwort. Links von ihm, im Erdgeschoss. Obwohl er nun die ungefähre Richtung wusste, war es doch mehr ein glücklicher Zufall, dass er in dem immer dichter werdenden Rauch der Feuerhölle den Freund fand. Hilflos am Boden liegend, so dass d’Artagnan für einen winzigen, entsetzlichen Augenblick glaubte, zu spät zu kommen - bis die Gestalt sich mühsam herumdrehte und ihn ansah wie einen Geist.

„Athos - ich bin es, d’Artagnan!“, rief er in einer Mischung aus Sorge und abgrundtiefer Erleichterung. Keuchend warf er sich neben ihm auf die Knie, zerrte an ihm, um ihn auf die Beine zu bringen und fluchte und flehte abwechselnd - bis der Ältere sich endlich mit seiner Hilfe aufrappelte und sie sich schwankend und hustend gemeinsam den Weg nach draußen erkämpften.

Erst etliche Schritte vom Haus entfernt ließ d’Artagnan Athos endlich zu Boden sinken, wo dieser kraftlos kniete und mit einem erschreckend abwesenden Blick in die Flammen starrte, denen sie nur so knapp entronnen waren. Hastig rannte d’Artagnan zu La Belle, die durch den Brandgeruch beunruhigt vom Haus zurückgewichen war, griff nach seiner Wasserflasche und kehrte sofort zu Athos zurück. Dieser schien wie betäubt, wehrte sich nicht dagegen, dass d’Artagnan das Wasser über seinen Kopf schüttete und hastig mit der bloßen Hand das Gesicht des Freundes abwusch um feststellen zu können, ob er verletzt war oder einfach nur unter Schock stand.

„Was ist passiert? Wer war diese Frau?“, versuchte er voller Besorgnis die Starre seines Freundes zu durchdringen.

Ohne ihn anzusehen, wie in Trance weiter auf das brennende Haus starrend erklärte Athos in schleppendem Tonfall: „Seit wir hier sind, spüre ich ihre Anwesenheit. Überall... Ich dachte, es wäre Einbildung...“

Zutiefst besorgt über den erschreckenden Zustand seines Freundes packte d’Artagnan mit einer Hand das Revers seiner Jacke und verlangte voller Eindringlichkeit: „Wer war das? - Wer?“

Athos kniff in plötzlichem Schmerz die Augen zusammen, und mit einer Qual in der Stimme, die d’Artagnan mehr ängstigte als alles, was er heute erlebt hatte antwortete er schließlich: „Meine Frau.“ Und als wäre das nicht erschütternd genug, ließen Athos‘ nächste Wort das Blut in d’Artagnans Adern gefrieren: „Sie ist tot. Vor fünf Jahren, da habe ich sie töten lassen.“ Er atmete einmal zitternd ein und fuhr fort, als sei ein Damm gebrochen, als müsse er nun, da er einmal begonnen hatte, all seine Qual los werden: „Sie war eine kaltblütige Mörderin. Ich ließ sie aus dem Haus holen und an dem Ast eines Baumes...“

D’Artagnan ertrug es nicht länger. Dieser stoische, unverwüstliche Mann, sein Mentor, sein Freund - sein Vorbild in allem - sprach von wandelnden Toten? Er packte ihn nun mit beiden Händen, zog an ihm und befahl scharf: „Sieh mich an - sieh mich an!“ Und als Athos dem endlich nachkam, sein wunder, resignierter Blick dem entsetzten des Jüngeren begegnete erklärte d’Artagnan scharf: „Denkst du, der Geist deiner toten Frau hat versucht, dich umzubringen?“

Kein Wahnsinn lag in Athos‘ Blick, sondern ein solch abgrundtiefer Schmerz, eine solche Trostlosigkeit, dass die nächsten Worte d’Artagnan direkt ins Herz trafen: „Sie ist nicht tot, d’Artagnan. Sie hat überlebt.“

Diese Eröffnung war ein weiterer Schock - doch immer noch besser, als würde Athos mit einem Mal Tote sehen, und so war d’Artagnans Stimme zum ersten Mal nicht von drängender Furcht getrieben, als er lediglich grimmig nachhakte: „Das war ihre Rache?“

Athos Blick, nur wenige Zentimeter vor d’Artagnans Gesicht, brannte sich voller Intensität in den seinen. Und als wolle er den Jüngeren überzeugen, als suche er Vergebung, die er sich selbst niemals gewähren würde bemühte er sich mit hilfloser Trauer in der Stimme zu erklären: „Es war meine Pflicht. Ich musste Recht über sie sprechen. Ich musste die Frau, die ich liebte, zum Tode verurteilen... Fünf Jahre lernen, in einer Welt ohne sie zu leben.“ Damit löste er sich aus d’Artagnans Griff, sank kraftlos zu Boden und starrte den Freund verzweifelt an, als er voll abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit hervorstieß: „Was mache ich denn jetzt?“

D’Artagnan fand keine Worte. Was er in den letzten Minuten erlebt und gehört hatte, wühlte ihn zutiefst auf. Doch instinktiv wusste er, dass Athos ihn jetzt brauchte. Seine Kameradschaft, seine Rückendeckung, seine Nähe. Und so legte er ohne Nachdenken seine Hand auf Athos Knie, drückte sacht zu, und als der Ältere nur erschöpft den Kopf sinken ließ, schob er sich näher und legte einen Arm um den Freund.

Auch das ließ Athos widerstandslos geschehen, lehnte sich sogar gegen den Jüngeren, als schöpfe er Kraft und Mut aus dessen Berührung. Eine ganze Weile saßen sie so stumm beieinander.

„Was magst du nur von mir denken...“, brummte Athos schließlich, löste sich zugleich aus der freundschaftlichen Umarmung, doch seiner Stimme fehlte jede Kraft. Der Alkohol, die Ereignisse des Tages und des Abends forderten ihren Tribut, und d’Artagnan wurde sich klar darüber, dass sie so keinesfalls den Weg nach Paris antreten konnten. Athos benötigte einige Stunden Ruhe - und wenn er ehrlich war, dann gestand er sich ein: Er selbst auch. Doch hier konnten sie nicht bleiben. So nah an dem unseligen Haus würde keiner von ihnen zur Ruhe kommen. Und so fasste er einen Entschluss, atmete tief durch und erwiderte ruhig: „Nichts Schlechteres als noch gestern, falls es das ist, was du meinst.“

Athos Kopf fuhr hoch und sein Blick forschte in d’Artagnans Gesicht. Doch er fand nichts als Aufrichtigkeit, leise Sorge und dieselbe freundschaftliche Zuneigung darin, die er in den letzten Wochen so zu schätzen gelernt hatte.

Ungläubig schüttelte er den Kopf und merkte dann leise an: „Du bist ein wirklich ungewöhnlicher junger Mann...“

D’Artagnan atmete ein weiteres Mal tief durch, lächelte dann verhalten und erwiderte mit trockenem Humor: „Ich nehme das einfach mal als Kompliment...“ Er freute sich unbändig, als seine Worte ein kaum wahrnehmbaren Funken Humors in Athos‘ Augen aufblitzen ließen.

Entschlossen rappelte d’Artagnan sich auf, hielt Athos dann seine Hand hin und half ihm auf die Beine. „Lass uns von hier verschwinden!“, schlug er vor. „Wir sollten ein paar Meilen hinter uns bringen und dann eine Stelle zum Lagern suchen.“

„Einverstanden“, erwiderte Athos grimmig, und d’Artagnan war zutiefst erleichtert, endlich wieder einen Funken Entschlusskraft im Verhalten seines Freundes zu erkennen.

Gemeinsam wandten sie dem brennenden Haus den Rücken, um ihre Pferde einzusammeln. Sie stiegen in die Sättel, und ohne einen Blick zurück zu werfen ritten sie in einvernehmlichen Schweigen davon.

 

Am nächsten Tag würde Athos d’Artagnan bitten, die Geschehnisse und die Geschichte um seine totgeglaubte und wiederauferstandene Frau für sich zu behalten. Und nach einem langen, intensiven Blick würde d’Artagnan ihm dies zusichern.

Düstere Geheimnisse wie dieses hatten oft die verheerende Wirkung, Freundschaften auseinander brechen zu lassen, zu zerstören.

Doch dieses Mal sollte sich das nicht bewahrheiten.

Die Freundschaft, die Verbundenheit zwischen Athos und d’Artagnan ging gestärkt aus dieser Feuerprobe hervor, brachte sie einander noch näher...

 

 

Diese Folge hat eine Handlung, die auch in der Serie die Beziehung zwischen d’Artagnan und Athos verändert. Deshalb gehört sie für mich unabdingbar in den Waffenbrüder-Zyklus hinein.

Für mich ist es immer sehr schwer abzuwägen, wie viel und wie wenig ich zu den einzelnen Folgen hier niederschreibe. Für die, die die Serie noch frisch im Gedächtnis haben, ist einiges vielleicht langweilige Wiederholung; für die dagegen, bei denen das Schauen länger zurückliegt, oder die die Serie vielleicht gar nicht kennen, ist es manchmal vielleicht sogar zu wenig...

Gerade hier bin ich offen für Anregungen und Kritik um zu erkennen, was ich wo verbessern könnte.

Nächste Woche stellt das übrigens kein Problem dar, da wir es erstmals mit einer Kurzgeschichte zu tun haben werden, die vollständig meiner Phantasie entstammt und keinerlei Bezug zu irgendeiner Folge haben wird :-)!

Habt bis dahin ein schönes Wochenende und eine gute Woche!



LG

Ann
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