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Frost und Donner

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Het
22.05.2020
19.04.2021
24
45.119
5
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08.04.2021 1.988
 
Bernsteinfrosts Augen waren fest auf die Uferböschung gerichtet, während sie auf dem kleinen Streifen am See entlanglief. Sie machte sich keine großen Hoffnungen, hier auf Beute zu stoßen. Ein kühler Wind kam vom FlussClan-Territorium her und kein Tier mit funktionierendem Temperatursinn würde das Seeufer dem geschützten Wald vorziehen. Doch Bernsteinfrost suchte nicht nach Beute, ihr Vorhaben war viel wichtiger, als den Clan mit Fressen zu versorgen.

Die groben Kiesel, durch die die Kätzin laufen musste, waren nicht unbedingt der ideale Untergrund. Ihre Pfotenballen waren wund von den harten Steinen und immer wieder blieb der ein oder andere Kiesel zwischen ihren Zehen stecken. Wenn eine besonders starke Böe über den See pfiff, wurden ihre Pfoten von kalten Wellen übergossen, bei denen sie jedes Mal erneut zusammenzuckte. Bei jedem Schritt sank sie tiefer in das Kieselbett ein, bei jedem Schritt musste sie mehr Kraft aufwenden, bei jedem Schritt nahm ihr Verlangen zu, diesen kalten, nassen Ort hinter sich zu lassen und sich in ihr warmes Nest zu flüchten. Dorthin, wo süße Träume auf sie warteten.

Doch Donnerstern würde nicht erfreut sein, wenn sie ihm von ihren mickrigen Fortschritten bei ihrer Mission erzählte. Er hatte sie in der letzten Nacht nicht gesehen, denn im SchattenClan-Lager hatte sie einen tiefen, traumlosen Schlaf gehabt. Und heute würde sie ihm berichten müssen, dass sie noch nichts gefunden hatte, keinen einzigen Hinweis, und dass sie, anstatt nach dem Stock zu suchen, über ihre Beziehung mit Liliensturm nachgesinnt hatte. Sie schnaubte, verärgert über sich selbst.

Der Himmel über ihr hatte sich bereits in einem blassen Orange gefärbt, das am fernen Horizont in ein trübes Grau überging. Der Blick auf die untergehende Sonne blieb ihr durch die hohen Bäume im DonnerClan-Territorium verwehrt. Es wäre an der Zeit, heimzukehren.

Bernsteinfrost warf einen letzten Blick auf den See, dann sprang sie den kleinen Abhang am Seeufer hinauf und flüchtete sich zurück unter die Bäume. Sie beeilte sich, zum Lager zurückzulaufen und auf dem Weg den Specht mitzunehmen, den sie auf dem Hinweg gefangen hatte. Die Beute würde ihr langes Fehlen rechtfertigen.

Nachdem sie im Lager angekommen war und die Beute auf den Frischbeutehaufen gelegt hatte, wollte Bernsteinfrost eigentlich sofort schlafen gehen. Doch sie sah Lichtherz auf sich zukommen, das Gesicht voller Neugier und Sorge.

„Bernsteinfrost! Ich habe gehört, du musstest beim SchattenClan übernachten? Wie geht es dir?“ Fürsorglich strich ihre Mutter der Kriegerin über die Flanke.

„Ganz okay. Ist halt der SchattenClan.“ Bernsteinfrost zuckte gleichgültig mit dem Schwanz.

„Und Liliensturm? Er war doch mit dir da?“

„Mama, ich bin müde. Ich möchte jetzt nicht über Liliensturm sprechen.“ Sie riss ihr Maul zu einem weiten Gähnen auf, um ihre Aussage zu unterstreichen. Zwar würde sie am liebsten nie mit ihrer Mutter über Liliensturm sprechen, aber früher oder später würde es sich nicht vermeiden lassen. Aber jetzt, wo die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden war und Donnerstern bestimmt bereits ungeduldig auf sie wartete, war auf gar keinen Fall der richtige Zeitpunkt.

„Okay.“ Lichtherz lächelte leicht. „Du hattest bestimmt einen anstrengenden Tag hinter dir.“

Bernsteinfrost nickte zur Bestätigung. „Dann Gute Nacht.“

„Gute Nacht meine Süße.“

Bevor Lichtherz noch etwas sagen konnte, schlüpfte die Kätzin durch den Eingang des Kriegerbaus. Einige Katzen hatten sich schon in ihre Nester gelegt, sodass sie sich durch herausragende Pfoten und Schwänze schlängeln musste, um zu ihrem Nest zu gelangen. Sie ärgerte sich ein wenig, sich am Morgen nicht die Zeit genommen zu haben, das alte, kratzige Moos gegen Neues auszutauschen, denn jetzt musste sie eine weitere Nacht in einem muffig riechenden Nest verbringen.

Sie schüttelte den Kopf. Was machte es für einen Unterschied, ob sie in einem bequemen oder unbequemen Nest schlief. Ihre Träume würden sie an den gleichen Ort tragen. Sie rollte sich zusammen, legte den Schweif über die Schnauze und bald wurde sie von Dunkelheit umhüllt.


Leises Vogelgezwitscher drang an Bernsteinfrosts Ohren, zusammen mit dem Rauschen des Windes in den Baumkronen über ihr. Die warme Luft, die in ihre Lungen drang und ihren Körper umhüllte, war ein angenehmer Kontrast zu den immer noch recht kühlen Temperaturen am See. Freudig zuckten ihre Schnurrhaare, und sie schaute sich nach Donnerstern um.

Als hätte sie ihn mit ihren Gedanken gerufen, tauchte der massige Kater hinter einem der Baumstämme auf und lief zielstrebig auf sie zu. Die beiden Katzen begrüßten sich mit einer kurzen Berührung der Nasen. Als Bernsteinfrost den fragenden Ausdruck im Gesicht ihres Gegenübers bemerkte, fing sie an zu sprechen.

„Ein paar SchattenClan-Junge haben sich gestern in unser Territorium verirrt, und ich wurde dazu auserkoren, sie in ihr Lager zurückzubringen. Ich musste dann auch dort schlafen.“

„Und wie es aussieht, kann ich dich außerhalb des Lagers nicht so gut erreichen.“ Donnerstern nickte. „Aber schön zu hören, dass der SchattenClan immer noch so inkompetent ist wie zu meinen Zeiten.“

Bernsteinfrost schnaubte belustigt.

„Wie sieht’s mit dem Stock aus? Irgendetwas herausgefunden?“

Die Kätzin schüttelte den Kopf. „Leider nein. Ich habe Wurzellicht danach gefragt, aber sie weiß auch nicht sonderlich viel darüber. Dann habe ich etwa die Hälfte des Seeufers auf unserem Territoriums nach dem Stock abgesucht, aber gefunden habe ich nichts.“

Donnerstern legte den Kopf schief, seine Augen nachdenklich zusammengekniffen. Bernsteinfrost meinte, einen Funken Ärger darin zu erkennen, doch als er sprach, war seine Stimme neutral, von Ruhe gefärbt. „Dann such einfach morgen weiter. Hoffen wir, dass der Stock sich noch auf DonnerClan-Territorium befindet und nicht irgendwo beim FlussClan im Schilf feststeckt.“

Die Kätzin nickte bekräftigend. „Wollen wir noch ein wenig Trainieren? Ich würde gerne nochmal meinen Kopf freikriegen.“

„Wie wär’s: Wir gehen auf die Ebene und jagen ein paar Kaninchen hinterher. Dann trainieren wir deine Ausdauer und vielleicht kommt am Ende noch ein leckerer Fang bei raus.“ Als der Kater Bernsteinfrosts Lächeln sah, setzte er sich in Bewegung und bedeutete der Kätzin mit einem Schwanzschnippen, ihm zu folgen.

Sie liefen durch einen Laubwald, in dem sie beide schon viele Male gemeinsam das Jagen und Kämpfen trainiert haben. In der Mitte einer Lichtung stand eine hohe Eiche, an der Bernsteinfrost schon einige Male das Klettern trainiert hatte. Sie überquerten einen Bach, in dem sie einst versucht hatten, zu fischen (es blieb bei Versuchen, denn schließlich waren sie beide DonnerClan-Katzen, die lieber nichts mit dem Wasser zu tun hatten), und der einige Baumlängen weiter in einen kleinen See mündete, in dem man das Tauchen üben konnte.

Während der Wald langsam lichter wurde und Bernsteinfrost schon das Ende des Waldes erkennen konnte, genoss sie den Frieden, den dieser Ort ausstrahlte. Er war so ganz anders, als alles was Efeusee je vom Wald der Finsternis berichtet hatte. Statt bedrohlichen Kiefern und Tannen waren die Wege hier von kräftigen Birken und Buchen gesäumt, die immerzu eine grüne Krone trugen. Vom Himmel strahlte die Sonne herab und warf so ganz natürliches Licht und Schatten auf dem Waldboden. Das war ganz sicher nicht der unnatürlich leuchtende Himmel, von dem die Mentorin ihres Bruders gesprochen hatte.

Überall lief fette Beute herum, die nur darauf wartete, von einer Katze gefangen zu werden, es wurde nie Blattleere. Hätte sie Donnerstern sie nicht eines besseren belehrt, hätte Bernsteinfrost gedacht, sie befände sich beim SternenClan. Nur die Wälder, in denen sie sich in den ersten Tagen verirrt hatte und dem Fuchs begegnet war, darauf würde die Beschreibung Finsterer Wald passen. Aber wo waren sie jetzt? Sie wollte gerade den Kater danach fragen, als die beiden aus dem Wald auf die grasbewachsene Ebene hinaustraten und Donnerstern stehen blieb.

„Bereit zu Rennen?“

„Absolut.“

„Dann schau mal, dort oben auf dem Hügel.“ Er deutete auf einen kleinen Kamm, auf dem ein Kaninchen hockte und wohl gerade einen Bau scharte. „Versuchen wir, uns so nah wie möglich heranzuschleichen. Und falls es uns bemerken sollte, rennen wir einfach hinterher.“

„Alles klar.“ Bernsteinfrost konnte ein freudiges Zucken ihrer Ohren nicht vermeiden, als sie sich in eine lockere Jagdhaltung fallen ließ. Seite an Seite schlichen sich die Katzen auf ihr Opfer zu. Eine warme Brise trug ihnen den würzigen Geruch des Tieres zu, sodass der Kätzin das Wasser im Maul zusammenlief. Sie hatte lange kein Kaninchenfleisch mehr gegessen.

Je näher die beiden an das Tier kamen, desto mehr achtete Bernsteinfrost darauf, das Gewicht gleichmäßig auf ihre vier Pfoten zu verteilen und jeden Schritt so sanft und lautlos wie möglich zu absolvieren. Die Beute sollte sie nicht zu früh bemerken.

Sie waren kaum drei Fuchslängen von dem Kaninchen entfernt und noch schien es völlig ahnungslos. Mit seinen Vorderläufen scharte es in der Erde, wahrscheinlich, um einen neuen Gang für seinen Bau freizulegen. Doch plötzlich änderte sich die Windrichtung und mit einem kräftigen Windstoß wurde der Beute der Geruch der Katzen zugetragen. Schneller, als die beiden reagieren konnten, hob es den Kopf und war in die entgegengesetzte Richtung davongerannt.

„Los, hinterher!“, fauchte Donnerstern.

Das ließ sich die Kätzin nicht zweimal sagen. Mit einigen kräftigen Sprüngen setzte sie dem Tier nach, über den Kamm, hinter dem es verschwunden war. Sofort erblickte sie den braunen Pelz ihres Opfers und nahm die Verfolgung auf.

Auf freier Fläche zu rennen war anders als durch den Wald. Im DonnerClan-Territorium musste sie stets Bäumen und Büschen ausweichen und über Wurzeln und Steine springen. Hier stellte sich ihr nichts in den Weg, und das kurze Gras unter ihren Pfoten federte ihre Schritte ab, förderte ihre Sprünge.

Bernsteinfrost streckte ihre Beine so weit aus, wie sie konnte. So schnell rannte sie selten, und es fühlte sich nichts so gut an wie der Wind, der nun durch ihr langes Fell fuhr und die Welt, die nun rechts und links von ihr langsam verschwamm.

Das Kaninchen schlug einen Haken nach links, auf den die Kätzin nicht vorbereitet war. Sie strauchelte ein wenig, als sie versuchte, die Kurve zu kriegen, und wäre beinahe über ihre eigenen Pfoten gestolpert.

„Verflucht.“ Das Tier hatte sich durch seine Aktion wieder einigen Abstand zwischen ihm und seiner Jägerin erkämpft. Donnerstern, der zuvor einige Schwanzlängen hinter ihr gelaufen war, hatte nun zu ihr aufgeholt und spornte sie mit einem entschlossenen Knurren an.

Bernsteinfrost beschleunigte erneut ihr Tempo. Diesmal würde sie die Bewegungen des Tieres genau beobachten, damit sie mögliche Wendungen und Haken voraussagen könnte. Mit zusammengekniffenen Augen ging die Hetzjagd also weiter, das Einzige, was auf dem Feld zu hören war, war die schwere Atmung von Jägern und Gejagten, und zwölf Pfoten, die in ihrem ganz eigenen Rhythmus auf den Boden trommelten.

Zufrieden stellte die Kätzin fest, dass ihre Beute langsamer wurde. Zwar wurden noch ein paar Haken geschlagen, doch dieses Mal war sie vorbereitet und verlor keine einzige Schwanzlänge. Der Abstand verringerte sich Stück für Stück, gleich wäre sie nah genug dran, um den Sprung wagen zu können.

Plötzlich verschwand die Beute vor ihren Augen. Verwirrt kam Bernsteinfrost zum Stehen, wollte sich zu Donnerstern umdrehen, doch auch dieser war verschwunden. Der blaue Himmel verschwamm, der Boden unter ihren Füßen verblasste. Sie wachte auf.


„Bernsteinfrost!“

Jemand stand dort, über sie gebeugt, und rüttelte energisch an ihrer Schulter. Die Kätzin blinzelte kurz, um sich den Schlaf aus den Augen zu vertreiben und zu erkennen, wer sie aus ihrem Traum gerissen hatte. „Liliensturm? Was soll das?“

Der Kater trat einen Schritt zurück. „Glaub mir, ich habe genauso wenig Lust, dich aufzuwecken, wie du dich freust, von mir aufgeweckt zu werden.“, knurrte er „Aber wir müssen auf Patrouille.“
Seine Stimme war kalt, genauso wie die Luft, die durch die Ritzen des Kriegerbaus ins Innere drang.

Bernsteinpfote seufzte. Heute würde ein toller Tag werden.

-.-


Oh Mann... Es tut mir so Leid. Ich habe seit über drei Monaten kein neues Kapitel mehr hochgeladen. Den ganzen Tag vorm Computer sitzen kombiniert damit, dass es gefühlt nur drei Stunden am Tag hell war, hat mir ein wenig die Motivation geraubt.
Aber jetzt bin ich ja wieder da! :D Den Rest der Osterferien werde ich noch einmal richtig nutzen, um an dieser Geschichte zu arbeiten. Mittelfristiges Ziel ist es dann, das Ganze hier dann bis zum einjährigen Jubiläum am 22. Mai zu beenden.
Euch noch ein verspätetes Frohe Ostern & bis bald :)
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