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Frost und Donner

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Het
22.05.2020
24.04.2021
25
47.600
7
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01.01.2021 1.669
 
Als Bernsteinfrost erwachte, fühlte sie sich, als ob etwas neben ihr fehlte. Für einen Moment schaute sie sich verwirrt im Ältestenbau des SchattenClans um, dann vielen ihr die Ereignisse des gestrigen Tages wieder ein. Ihre Augen fielen auf das plattgedrückte Moos direkt neben ihr, und ein bisschen Enttäuschung kroch in ihre Brust.

Liliensturm hatte diese Nacht dort gelegen, eng an sie gekuschelt. Sein weiches Fell hatte sie gewärmt. Und Bernsteinfrost hatte ich gut gefühlt, genau wie damals, als sie noch ein unbesorgtes Schülerleben geführt hatte. Doch in die süße Erinnerung der letzten Nacht schlich sich auch ein wenig Unsicherheit. Sie hatte das nicht gewollt. Sie hatte alle ihre Vorsätze aufgegeben, Liliensturm nicht mehr an sich ranzulassen.

Ihre Gefühle für ihn in der hintersten Ecke ihres Kopfes zu verbannen. Doch als er gestern zu ihr gesprochen hatte – der Schmerz in seiner Stimme hatte ihr nicht nur aufgezeigt, was sie so lange für Wahrheiten ignoriert hatte. Er hatte sie auch wieder ihrer tiefsten Gefühle und Sehnsüchte bewusst gemacht. In den letzten Monden hatte sie sich so sehr nach ihm gesehnt – danach, einfach eng an ihn gepresst einzuschlafen, seinen Geruch in die Nase zu saugen und sein Schnurren an ihrem Ohr zu hören. Gestern hatte sie ihrer Sehnsucht nachgegeben.

Bernsteinfrost erhob sich und trat aus dem Bau heraus. Draußen saß Liliensturm, und beobachtete das erwachende SchattenClan-Lager. Er hatte den Schweif ordentlich um die vier Pfoten gewickelt. Als er Bernsteinfrost hinter sich hörte, wandte er den Kopf um und blinzelte ihr freundlich zu. Anschließend deutete er auf eine halb gegessene Maus, die vor ihm lag. „Guten Morgen. Möchtest du etwas essen?“

Die Kätzin nickte. Nachdem sie sich mit etwas Abstand neben ihn gesetzt hatte, nahm sie einen Bissen des Beutetiers. Sie kaute so langsam wie möglich. Sie wollte nicht reden.

„Hast du gut geschlafen?“

Bernsteinfrost nickte knapp, und kaute weiter. Liliensturm benahm sich fast wie damals, als sie noch seine Gefährtin gewesen war. In den Augen des Katers konnte sie erkennen, dass er genau das wieder wollte.  

Das Fleisch auf der Maus neigte sich langsam dem Ende zu. Lange würde Bernsteinfrost ein ernsthaftes Gespräch nicht mehr herauszögern können. Umso dankbarer war sie, als plötzlich die Schülerin von gestern ankam, die Bernsteinfrost als Nadelpfote erkannte.

Sie wirkte leicht schüchtern – oder einfach nur misstrauisch? „Schwarzstern sagt, ihr sollt gleich aufbrechen. Eschenkralle und Lichtfell werden euch zurück zur Grenze begleiten.“

Genauso schnell, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder. Bernsteinfrost schluckte den Rest der Beute hinunter, leckte sich mit ein paar Zungenstichen das Fell glatt und erhob sich dann. „Na dann. Lass uns gehen.“

Liliensturm nickte. Schweigend liefen die beiden zum Lagereingang, wo bereits zwei Katzen warteten. Der zweite Anführer begrüßte sie mit einem Nicken, Lichtfell schenkte ihnen ein kurzes Nicken. „Lass uns aufbrechen.“

Den ganzen Weg zurück zur DonnerClan-Grenze über herrschte eine unangenehme Stille zwischen den vier Katzen. Liliensturm versuchte ein paar Mal, ein lockeres Gespräch anzufangen, aber weder Lichtfell noch Eschenkralle schienen sonderlich erpicht darauf, Banalitäten mit den DonnerClan-Katzen auszutauschen. Und diese hatten auch eher weniger Lust, ihre Beziehung vor zwei feindlichen Kriegern zu diskutieren. Deshalb schwieg auch Bernsteinfrost, darauf bedacht, ihren Abstand von Liliensturm und den SchattenClan-Katzen zu halten.

Sie spürte, wie Liliensturm merklich aufatmete, als die DonnerClan-Grenze endlich in Sicht kam. Auch Eschenkralle und Lichtfell schienen erfreut zu sein.

„Da sind wir. Der SchattenClan bedankt sich noch einmal dafür, dass ihr die Jungen zurückgebracht hat.“, sagte Eschenkralle.
„Das ist eine Selbstverständlichkeit.“, betonte Liliensturm erneut. „Wir danken euch für die Unterkunft für die Nacht.“

Nachdem noch ein paar knappe Abschiedsworte ausgesprochen waren, befanden sich Liliensturm und Bernsteinfrost kurz danach wieder auf DonnerClan-Territorium, allein.

Nervös peitschte die Kätzin mit ihrem Schweif hin und her, während sie etwas hinter Liliensturm herlief. Gerade eben war die Stille unangenehm gewesen, doch jetzt umso mehr.

„Wieder auf DonnerClan-Territorium. Fühlt sich gut an, oder?“

„Bernsteinfrost. Was soll das?“, fauchte Liliensturm.

„Was?“

Der Kater seufzte. „Gestern sagst du mir, du hättest mich vermisst, kuschelst dich an mich, tust so, als wäre alles wieder gut. Und heute bist du so distanziert wie eh und je.“, miaute er, ein ungeduldiger Ton schwang in seiner Stimme mit. „Was willst du?“

Bernsteinfrost starrte den Kater an. Sie sollte ihm sagen, wie kompliziert das alles für sie war. Dass sie Zeit brauchte, um ihre Gefühle über ihn zu ordnen. Sie sollte sich nochmal entschuldigen, dass die in den letzten Monden so abweisend war, und ihm sagen, dass er Recht hatte. Endlich über all das sprechen, was nach dem Unfall zwischen ihnen vorgefallen war. Aber nichts davon kam über ihre Lippen. „Gestern war ein Versehen.“

Liliensturm schluckte. „Aha.“ Bernsteinfrost konnte sehen, wie sein Blick sich verhärtete, während er wieder geradeausblickte. Er zog sein Tempo an und ließ die Kätzin hinter sich, und sie machte keine Anstalten, sich wieder auf die gleiche Höhe zu setzen wie er.
Bernsteinfrost musste nun fast rennen, um dem Kater folgen zu können. Wie in Starre blickte sie dabei auf seine weiße Schwanzspitze, die voller Wut von der einen zur anderen Seite peitschte. Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen. Wieso hatte sie das eben gesagt?

Trotzig hob die Kätzin den Kopf. Wahrscheinlich war es eh besser so. Ihre Beziehung mit Liliensturm hatte in der Vergangenheit nichts als Schmerz mit sich gebracht, und es würde in der Zukunft nicht anders sein.

In Gedanken versunken hatte sie nicht bemerkt, wie nahe sie dem Lager gekommen waren. Als sie durch den Lagertunnel schlüpfte, schauten sie einige Katzen bereits in freudiger Erwartung an.

„Ich erstatte Brombeerstern Bericht.“ Liliensturms Stimme war kalt, als er zu Bernsteinfrost sprach.

„Ich kann auch mitkommen.“, erwiderte diese. Er war kaum älter als sie, außerdem hatte sie die Jungen an der Grenze aufgespürt. Sie sah keinen Grund, weshalb Liliensturm die Berichterstattung alleine übernehmen sollte.

Der Kater fauchte. „Nein, ich gehe allein.“

Mit einem Knurren wandte sie sich ab. Es machte ja doch keinen Sinn, Liliensturm wollte anscheinend jetzt gar nicht mehr mit ihr reden. Sie stolzierte von ihm weg.

Die vier Schüler balgten sich gerade vor dem Schülerbau und Blattpfote sah so aus, als wäre sie kurz davor, zu Bernsteinfrost zu rennen und sie über jedes einzelne Detail ihres Abenteuers auszufragen. Rußpelz sonnte sich im Eingang der Kinderstube, ihr Bauch war prall und angeschwollen. Na toll, dann hätte Löwenglut ja auch mit zum SchattenClan kommen können.

Die Kätzin beschloss, zu Wurzellicht zu gehen und sie über den Stock auszufragen, um ihre Gedanken von Liliensturm abzulenken und den Fragen einer gewissen schildpattfarbenen Schülerin zu entkommen, die gerade auf sie zu gerannt kam. Als sie durch den Farntunnel zum Heilerbau schlüpfte, schlug ihr der würzige Geruch der Kräuter entgegen, und der süße der Katzenminze, die Wurzellicht gerade zum Trocknen auf einem Stein ausbreitete.

„Bernsteinfrost! Wie schön, dass du mich besuchen kommst.“, miaute die Kätzin und schaute von ihrer Arbeit auf. Die Kriegerin gab ein Lächeln zurück und setzte sich neben ihre Freundin, bedacht darauf, die Kräuter nicht durcheinander zu bringen. „Ich bin noch gar nicht richtig dazu gekommen, dir zu deiner Ernennung zu gratulieren. Dein neuer Name ist echt schön.“

„Danke.“ Bernsteinfrost neigte verlegen den Kopf. „Mir gefällt er auch.“

„Und ich habe gehört, du warst heute Nacht beim SchattenClan?“

„Ja. Ein paar Junge haben sich auf unser Territorium verirrt und wir mussten sie zurückbringen. Die Jungen waren echt süß, aber ich frage mich immer noch, wie sie es aus dem SchattenClan-Lager bis zur Grenze geschafft haben, die Strecke ist echt lang.“ Wohl bedacht darauf, den Namen Liliensturm möglichst aus ihrer Erzählung fernzuhalten, beschrieb sie ihre Begegnung mit den Jungen, wie frech Zedernjunges, clever Wieseljunges und mutig Seejunges gewesen war. „Auf deren Mentoren kommt bestimmt noch einiges zu.“

Wurzellicht schnurrte. „Zedernjunges erinnert mich daran, wie ich früher war. Ich habe immer versucht, möglichst jede Regel zu brechen und ohne Hummelstreifs Vernunft wären wir drei bestimmt auch das ein oder andere Mal auf SchattenClan-Territorium gelandet.“

Bernsteinfrost fiel in ihr Schnurren mit ein. „Das kann ich mir gut vorstellen.“

Sie beugte sich vor und stieß dabei einige Blättchen Kamille von einem ordentlichen Stapel. Schnell bemühte sich, die Kräuter wieder aufzustapeln und fragte währenddessen Wurzellicht nach dem eigentlichen Grund, wieso sie hier war. „Ich hab mich letztens an den Stock erinnert, von dem du mal erzählt hast. Den, den Häherfeder so sehr geliebt hat.“ Sie bemühte sich, so beiläufig wie möglich zu klingen, konnte aber ein angespanntes Zittern ihrer Stimme nicht verhindern. „Was genau hat er damit eigentlich gemacht?“ Sie sollte zwar nichts über die Verwendung des seltsamen Stücks Holz rausfinden, aber sie war neugierig. Donnerstern hatte ihr nicht verraten, was sie machen wollten, sobald sie fündig geworden war. Er wusste definitiv mehr, als er zugab.

Wurzellicht wirkte überrascht. „Also soviel mehr weiß ich auch nicht. Ich war nicht unbedingt Häherfeders Nummer eins Gesprächspartner.“ Sie schwieg einen Moment, als würde sie nachdenken. „Aber nachdem er den Stock losgeworden ist, wirkte er irgendwie traurig. Als würde er irgendetwas vermissen.Was weiß ich, so sehr habe ich damals nicht auf Häherfeders Gefühlsregungen geachtet.“

Bernsteinfrost nickte. „Alles gut, es hat mich nur mal so interessiert.“

Wurzellicht lächelte, auch wenn es ein bisschen gequält wirkte.

„Soll ich dir noch bei deinen Übungen helfen?“

Das Gesicht der braunen hellte sich sofort auf. „Das wäre sehr nett. Lass uns raus auf die Lichtung gehen.“

Die Zeit bis Sonnenhoch verbrachte Bernsteinfrost damit, mit Wurzellicht einen Moosball hin und her zu werfen, einige Verteidigungstechniken mit ihr zu üben und sich dabei immer wieder über ihre Schnelligkeit und Gelenkigkeit zu wundern. Doch obwohl die fröhlichere Art der Kätzin erfrischend waren, konnte Bernsteinfrost ihre Gedanken nicht davon abhalten, immer wieder zu Donnerstern zu wandern.

Was hatte der Kater vor? Hatte Häherfeder damals mit dem Stock das gleiche versucht, und wieso hatte er sein Vorhaben aufgegeben? Verschwieg Donnerstern ihr etwas?

Und wie, beim heiligen SternenClan, sollte sie neben diesen Sorgen auch noch mit ihren Gefühlen für Liliensturm klarkommen?

-.-


Leeeeute, es tut mir sooo Leid, dass so lange kein Kapitel kam.  Ich war einfach... faul.
Anyway, ich wünsche allen ein Frohes Neues Jahr 2021 :)
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