Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
07.03.2021
42
149.348
45
Alle Kapitel
94 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
06.06.2020 3.305
 
P.o.V Hermine

Erleichtert atmete sie auf.

10:45 Uhr.

Sie hatten es gerade noch rechtzeitig durch den verdammten Londoner Stadtverkehr geschafft. Zum Glück, denn die einzigen Alternativen wären Apparieren und anschließend allein und voll bepackt durch die dunklen Wälder laufen oder Fliegen gewesen. Beides keine wirklich guten Varianten.

Sie war sich nicht sicher ob sie nach ihrer Schulzeit überhaupt noch einmal auf einen Besen steigen würde, doch wenn das der Fall wäre dann täte sie es sicherlich nicht freiwillig, soviel stand fest! Noch nie hatte Hermine verstehen können wie die Jungs nur so gerne in schwindelerregenden Höhen auf einem eigenwilligen und unberechenbaren Gefährt verbringen konnten und darüber hinaus im wahrsten Sinne des Wortes Hals- und Beinbruch riskierten, wenn sie Quidditch spielten. Und sie würde es auch nie! Weder die Regeln dieses eigenartigen Spiels noch den damit verbundenen Enthusiasmus ihrer Freunde.

Nachdem der Taxifahrer sich freundlicherweise mit ihrem Gepäck abgeplagt hatte und deshalb mit einem nicht wirklich geringen Trinkgeld zu seinem nächsten Kunden aufgebrochen war, wand Hermine sich dem Bahnhof Kings Cross zu und lief zielstrebig mit dem Gepäckwagen, welcher mit ihren Koffern beinahe voll beladen war, in Richtung Gleis 9 ¾.

Sie hatte gerade keinen Blick für die Geschäfte, das bunte Treiben der verschiedensten Menschen - magisch und nicht-magisch, deren Wege sich heute allesamt hier kreuzten. Den stetigen Lärmpegel der Massen blendete sie ebenso aus, wie die zahlreichen Schaufenster der Läden und Geschäfte im Bahnhof, deren farbenfrohe Aufmachung einzig und allein dem Zweck diente, die Menschen aller Altersklassen zum Kaufen der ausgestellten Waren zu animieren und so den Ladenbesitzern jährlich einen reichen Umsatz zu bescheren.

Trotz des Zeitdrucks, unter dem sie stand und der sie ihre Umgebung keines Blickes würdigen ließ, spürte sie langsam aber sicher die Nervosität in sich aufsteigen. Wer würde dort sein? Was würde sie erwarten? Hatte sich nach den Wiederaufbaumaßnahmen viel verändert? Welche Lehrer kamen wieder, welche wurden abgelöst? War es richtig zurückzukehren?

Die Frage überschlugen sich geradezu ihn ihrem Kopf, doch Hermine versuchte sie abzuschütteln. Sie hatte keine andere Wahl als ihr letztes Jahr zu beenden. Sie brauchte Abstand um mit allem abzuschließen, und so paradox es auch klingen mochte, am Ort der Schlacht erhoffte sie sich mehr Ruhe zu finden als im zugegebenermaßen komplett überfüllten Fuchsbau - in dem Molly Weasley seit Freds Tod immer mehr zur Helikopter(zieh)mutter mutierte und einem jegliche Ruhe und Privatsphäre raubte - oder ihrem leeren Elternhaus, welches sie immer an ihre Unfähigkeit, ihren Fehler zu richten, erinnerte. Die Einsamkeit, die dort vorherrschte, würde sie den Verstand verlieren lassen, bliebe sie auch nur eine Woche länger dort, und das konnte sie nicht zulassen.

Ihr Verstand war das einzige was ihr im Moment geblieben war. Über ihn hatte Hermine sich die letzten Jahre definiert, er machte sie aus. Von ihrer Umgebung wurde ihre Person stets mit Vernunft und Intelligenz assoziiert, etwas worauf sie immer stolz war – bis jetzt. Doch was brachte ihr dieser Ruf, wenn sie in Wirklichkeit nicht einmal fähig war, den selbst ausgeführten Obliviate von ihren Eltern zu nehmen? Wem half ihr Intellekt, wenn sie ihn im wahren Leben außerhalb der Schule nicht anzuwenden verstand? Wie sollte sie den Erwartungen der magischen Bevölkerung gerecht werden, wenn die Selbstzweifel sie seit ihrer Rückkehr aus Australien innerlich auffraßen? Hermine war schon immer ehrgeizig, versuchte stets optimistisch zu bleiben. Wieso sollte das Glas halbleer sein statt halbvoll? Ein Teilerfolg war auch ein Erfolg.

Nun, so dachte die Hermine vor dem Krieg, vor den Kämpfen. Aber nun war es anders. Sie sah die Welt wie sie war, nicht bunt und farbenfroh, sondern grau und eintönig. Ungerecht. Hart. Es gab nicht immer ein Licht am Ende des Tunnels, einen Ausweg aus allen Situationen. Sie war schon immer recht rational, doch nun fehlte der frühere Optimismus, der ihre Welt heller gemacht hatte. Sie war erwachsen geworden, stellte sie fest. Gezeichnet - wie ihre gesamte Generation – von sinnlos verursachten Kämpfen.

Bald erreichte sie den Pfeiler, durch den sie in die magische Welt gelangen würde und blickte sie vorsichtig nach Beobachtern um, bevor sie durch ihn hindurchtrat.

Kaum das sie das Tor zwischen der magischen und der nicht-magischen Welt passiert bremste Hermine scharf ab und versuchte so schnell wie möglich den Wagen seitwärts zu steuern. In den letzten sieben Jahren war sie schon oft genug Zeuge diverser Zusammenstöße geworden und sie hegte nicht wirklich das Verlangen, ihr letztes Jahr mit einem solchen zu beginnen.

Ihr letztes Jahr. Kaum zu glauben wie schnell die Zeit, die vergangenen Jahre, einfach vorbeigezogen waren. Einfach? Nein, einfach war ihr Leben bisher sicherlich nicht gewesen, aber wer wusste was nach diesem Abschlussjahr auf sie zukommen würde? Sie nicht. Die sonst so durchgeplante Hermine Granger hatte keine Ahnung was sie nach dem Abschluss auf Hogwarts machen würde, weder beruflich noch privat. Sie war in jeder Hinsicht planlos.

Als sie den Zusammenstoß-gefährdeten Bereich verlassen hatte, bahnte sie sich mühsam einen Weg durch die aufgewühlte Menschenmasse. Sie spürte, dass die Stimmung hier anders war als die anderen Jahre über. Sie sah mehr weinende Mütter als damals, mehr Väter mit angespanntem und besorgtem Gesicht. Und irgendwo tief in den hintersten Ecken ihres Herzens schmerzte es sie.

Hermines Eltern hatten sie nie hierherbringen können und das würden sie auch nie. Nie würde ihre Mutter sie in den Arm nehmen und sie mit so besorgten Blicken bedenken. Und Molly, die über die Jahre wie eine zweite Mutter für sie geworden war, fehlte heute ebenfalls.

Und erst jetzt begriff Hermine was sie wirklich in Mitten dieser Massen schmerzte.

Sie war allein. Ganz allein.

Kein Harry, kein Ron, keine Weasleys und keine Eltern warteten hier, um sie zu verabschieden.

Ihr wurde die Luft knapp und zum ersten Mal seit Kriegsende musste sie wieder mit den Tränen kämpfen. Gegen sie kämpfen. Zuhause war es egal ob sie weinte, dort sah es keiner. Aber hier, mitten auf dem Bahnsteig, wäre das Resultat ein mindestens zweieinhalb-seitiger Artikel von Rita Kimmkorn, der vor Spekulationen über Skandale, Affären und sonstigem Schund nur so triefte.

Das Geräusch der magisch aktivierten Lautsprecher riss Hermine aus ihren Gedanken.

So ein Drachenmist, in genau drei Minuten würde der Hogwartsexpress abfahren. Rasch wischte sie sich über die Wangen, um die wenigen Tränen zu vertreiben, die sich unbemerkt einen Weg in ihr Gesicht gebahnt hatten, atmete tief durch und begann sich erneut durch die Menschenmassen zu kämpfen. Nach einer weiteren Minute fand sie endlich einen Waggon, der nicht gänzlich überfüllt war und erinnerte sich selbst innerlich an den Grund für ihr frühes Auftauchen die letzten Jahre, denn nun war ihr klar weshalb sie einen solchen Stress immer vermeiden wollte. Die meisten Schüler waren bereits eingestiegen und standen nun winkend am Fenster ihres jeweiligen Abteils, ihre Eltern verabschiedend, während sie selbst sich damit abmühte, ihre Koffer durch die engen Waggontüren zu quetschen.

Gerade hatte sie den erste seitlich im Gang platziert und sie umgewandt, den anderen ebenfalls zu holen, als sie urplötzlich das Gleichgewicht verlor. Wild ruderte sie mit den Armen, suchte, einen spitzen Schrei des Erschreckens unterdrückend, nach Halt, jedoch vergeblich.

Wie in Zeitlupe schloss Hermine die Augen und wartete auf den Aufprall. Es schienen ihr Sekunden vergangen zu sein, doch sie spürte nichts. Beinahe zaghaft öffnete sie ihre Augen wieder.

Sie war nicht gefallen. Nein, vielmehr wurde sie von zwei starken, durchtrainierten Armen gehalten. Langsam, darauf bedacht sich nicht zu hastig oder ungelenk zu bewegen, richtete sie sich wieder auf und blickte in das Gesicht des Mannes, der sie vor dem Sturz bewahrt hatte.

Und Gesetz des Falles, dass sie bisher noch nicht rot geworden war, würde sie es spätestens nun sein.

Sie war so gut wie erledigt.

Merlin!

P.o.V Draco

Er hatte ursprünglich geplant nach Hogsmeade zu apparieren und von dort aus mit dem Besen nach Hogwarts zu fliegen, da sein Kamin erst in der kommenden Woche für Reisen freigeschaltet werden sollte. Und er hatte sich bereits hoch in der Luft befunden, als ihn plötzlich eine eigenartige nostalgische, teils auch melancholische Stimmung erfasste.

Trotz all den Geschehnissen würde dies sein letztes Jahr in seinem `Zweitwohnsitz´ werden und er wollte es, dieses letzte Jahr, ganz traditionell beginnen und nach Möglichkeiten ebenfalls so abschließen, auch wenn er normalerweise nicht viel von Traditionen hielt. Wobei es auch möglich – ja, sogar wahrscheinlicher – war, dass sich diese Aversionen eher auf Reinblüter-Traditionen bezog.

Salazar sei Dank war er aus diesen dämlichen Kreisen raus, zumindest im Moment.

Nachdem er seinen Entschluss gefasst hatte war er kurzerhand umgekehrt, nach Kings Cross appariert und zum Gleis geeilt. Er hatte gerade mal zwei Minuten Zeit, wenn überhaupt!

So schnell wie möglich schob er sich durch die drängende Ansammlung von ihm fremden Personen auf die letzte noch geöffnete Waggontür zu.

Verwundert registrierte er den herrenlosen Koffer, welcher zu seiner Rechten auf dem Bahnsteig stand, unmittelbar neben der Tür. Gerade wollte er nach ihm greifen und im inneren des Waggons nach seinem Besitzer suchen, als plötzlich jemand in seinem vorderen Sichtfeld erschien.

Doch bevor er auch nur anheben konnte zu sprechen geriet die Person ins Straucheln und wäre um ein Haar gestürzt, hätte er seine Arme nicht rechtzeitig um die schlanke Taille des Mädchens gelegt.

Augenblicklich wehte ihm leicht der Duft ihres Shampoos entgegen. Elegant, aber nicht übertrieben oder aufdringlich. Es war etwas leichtes, frisches, doch so sehr er sich auch bemühte war er nicht fähig ihn zu identifizieren. War es etwas blumiges, fruchtiges?

Er kannte ihn, sehr gut sogar, soviel wahr sicher. Und urplötzlich, ohne wirklich einen Blick auf die Person in seinen Armen geworfen zu haben, wusste er ganz genau wer hier in seinen Armen lag. Mal wieder.

Immer noch überrumpelt vom plötzlichen Zusammenstoß blickte er auf die zierliche Gestalt in seinen Armen, die noch einen weiteren Moment reglos in seiner Umarmung lag, ehe sie sich zu rühren begann. Vorsichtig begann sie sich aufzurichten, bevor sie ihren Blick, der zuvor noch starr am Boden gehaftet zu haben schien, langsam über seine Gestalt gleiten ließ.

Er beobachtete sie dabei wie sie ihren Fokus vom Boden langsam über seinen Körper nach oben hin zu seinem Gesicht wandern ließ. Je höher ihre Augen wanderten, desto mehr konnte er von ihrem Körper ausmachen. Als sich ihre Blicke letztendlich trafen konnte er sich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren. Niemals hätte er damit gerechnet, dass es sich bei der Person, die sich unbewusst weiterhin an ihn geklammert hielt wirklich um Hermine handelte. Vielmehr war er davon ausgegangen, seine Vermutung rühre eher von seinem Wunschdenken her.
Aber sie war es!

An ihren sich weitenden Augen sah er ihr an, dass sie ebenfalls mit der aktuellen Situation überfordert war, wodurch ein Schmunzeln den Weg auf seine Züge fand. Als Draco jedoch ihre Reaktion darauf bemerkte konnte er nicht anders als in schallendes Gelächter auszubrechen. Ihr verstörter und ungläubiger Blick gab ihm den Rest.

Woher sollte sie auch wissen, dass er ganz anders war als sie dachte? Sie hatte ihn nie so kennengelernt.
Obwohl - doch, das hatte sie. Aber sie wusste es nicht mehr.

Im Gegenteil...

Sofort erstarb sein Lachen. Ja, sie kannte ihn so nicht. Sie kannte ihn im Prinzip gar nicht, trotz der gemeinsamen Schulspanne von an die sieben Jahren. Sie wusste nicht, was er wusste. Vermutlich ging sie davon aus er würde sie gerade verspotten. Er musste die Situation retten. Irgendwie. Und nach Möglichkeiten sollte er das sofort tun.

„Hey Granger, wie geht’s? Beendest du auch dein letztes Jahr in Hogwarts?“

Super.

Einfach klasse! War er nun vollkommen verrückt geworden?

Ja, das fragte er sich und ihrem Blick nach zu urteilen war er damit nicht mal der einzige. Salazar! Er war doch sonst nicht so. Wenigstens schien sie für einen Moment ihr Misstrauen ihm gegenüber zu vergessen. Anstelle des prüfenden Ausdrucks in ihren Augen war die Verwirrung über seine Worte getreten. Er konnte förmlich hören was sie sich dachte. Er redete mit ihr, und dann beleidigte er sie nicht einmal! Wenigstens hatte er es geschafft sie instinktiv mit ihrem Nachnamen anzusprechen. Ja, anderenfalls würde sie sich den Tag vermutlich rot im Kalender einrahmen.

Oder ihn zum Nervenheiler des St. Mungos schicken.
 
Mit einem Mal wurde ihm klar, dass sie immer noch auf dem Bahnsteig standen, wobei der Zug in weniger als einer Minute abfahren sollte. Seine Gedanken wurden vom dröhnenden Pfeifen aus den Lautsprechern bestätigt. Ohne eine Antwort ihrerseits abzuwarten - die er vermutlich ohnehin nicht so schnell bekommen hätte – griff er nach ihrem Koffer, während er darauf achtete, dass ihm sein eigenes Gepäck nicht von den Schultern rutschte und bedeutete ihr endlich einzusteigen.

Ungläubig blickte sie ihn an und machte keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Draco seufzte. Ihm wurde bereits jetzt, genau in diesem Augenblick klar, dass er noch viel Arbeit vor sich hatte bis er sie dazu gebracht haben würde, ihm zu vertrauen.
Aber genau das würde ihre Arbeit miteinander fordern - Vertrauen.

Er war nicht dumm. Auch wenn ihm der Professor nicht verraten hatte, um wen es sich bei seinem weiblichen Pendant handelte, war er sich darüber bewusste, dass es Hermine sein musste. Immerhin gab es - seiner Ansicht nach - niemanden, der ihr auch nur annähernd das Wasser reichen konnte.
Keiner war geeigneter für diesen Job als sie.

Ihr aus dem Weg zu gehen war keine Option, soviel stand nun fest. Wobei er sich auch überhaupt nicht sicher war, ob er das könnte. Er wollte eine Basis für sie schaffen, egal auf welcher Ebene, und dazu würde er wohl die treibende Kraft sein müssen.

Und den ersten Schritt gehen.

"Komm schon Granger, wir haben noch exakt", ein Blick auf seine Armbanduhr, "46 Sekunden bis zur Abfahrt des Zuges."

Mit unschlüssiger Mine stand sie vor ihm, ging zögerlich einen Schritt zurück in den Zug. Noch einen. Noch einen. Sie spürte die Wand in ihrem Rücken.

P.o.V Hermine

Sie spürte die Wand in ihrem Rücken.

"Ich nehme mal an, deine Freunde kommen nicht zurück?" ergriff Malfoy erneut das Wort. Doch Hermine war nicht fähig, ihm zu antworten.

Es war schlichtweg surreal. Diese Situation, sein Verhalten, ihr Verhalten.

Was war nur mit ihr los? Sonst war sie doch auch nicht auf den Mund gefallen. Und was war, Merlin nochmal, mit Draco Malfoy geschehen?

Der Mann vor ihr, das war eindeutig er. Aber er war so anders. Doch das verwirrendste an der ganzen Sache war, dass nicht er oder sein Auftreten sie so sehr aus der Bahn brachten, sondern sie selbst.
Ihre Reaktion auf ihn, um genau zu sein.

Doch sie würde jetzt nicht anfangen zu ergründen, warum sie sich in seiner Gegenwart anders fühlte als befürchtet - warum sie nicht mehr wachsam, sondern fast schon naiv vertrauensselig auf ihn reagierte. Warum sie keine bösen Absichten hinter seiner Handlung erkennen konnte?

Ihr war noch nicht einmal der Gedanke gekommen, er könnte etwas Negatives beabsichtigen.

Wieso?

"Wenn du möchtest kannst du dich mit ins Schülersprecherabteil setzen. Vorausgesetzt dich stört meine Anwesenheit nicht."
Ein charmantes Zwinkern. Perplex riss sie die Augen auf. War das wirklich Draco Malfoy? Der Vorzeige-Slytherin schlechthin, der sie und ihre Freunde die letzten Jahre immer mit Verachtung gestraft hatte? Oder war die Person vor ihr jemand ganz anderes? Aber wer sollte sich bitte mithilfe von Vielsafttrank oder ähnlichem als er ausgeben – und sie dann noch so behandeln, wie er es eben tat!

Hermine räusperte sich: "Aber... Ich bin doch überhaupt keine Schulsprecherin. Wir können da doch nicht einfach hineinspazieren? Die Schulsprecher wollen das bestimmt nicht."

Hatte sie das gerade wirklich gesagt?

Sie sah ihn an, wusste nicht wie er darauf antworten würde. Würde er sich nun über sie lustig machen, weil sie wirklich geglaubt hatte, er meinte sein Angebot ernst?
Aber nichts folgte. Kein hämisches Gelächter, keine Beleidigungen.
Lediglich ein leichtes Schmunzeln lag auf seinen Lippen und seine Augen zeigten nichts als pure Ehrlichkeit.

"Ich bin mir sicher, dass ich nichts dagegen habe, mit dir in unserem Abteil zu sitzen. Und mal davon abgesehen; wer sollte Schulsprecherin werden, wenn nicht du."

Eins musste sie ihm lassen, er war ziemlich von sich selbst überzeugt. Doch das war es nicht, was sie gerade am meisten beschäftigte.

"War das gerade ein Kompliment, Malfoy?"

Aus dem Schmunzeln wurde ein verschmitztes Grinsen. Oh ja, dachte Hermine, irgendetwas lief hier ganz gewaltig daneben. Jedoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass dies gar nicht mal so schlimm war.
Draco Malfoy verhielt sich anders als sonst - im positiven Sinn. Und statt sich deshalb zu sorgen konnte Hermine sich des Gefühls nicht erwehren, dass es gut - das es richtig war.

Sie besaß zumeist eine Menschenkenntnis, um die viele Leute sie beneideten. Selten gelang es jemandem, sie zu täuschen.
Und nun hier zu stehen, vor dem Malfoyerben persönlich, mit ihm zu reden, ohne sich Beleidigungen und Anfeindungen gegenüberzusehen und dabei diese Aufrichtigkeit in seinen Augen zu sehen, ließ in Hermine Empfindungen aufkommen, die sie sich niemals im Zusammenhang mit ihm vorgestellt hätte.

Es war fast schon etwas wie... Sympathie?

Womöglich. Doch dadurch drängte sich wieder eine andere Frage in ihr Bewusstsein.

Wieso?

Wieso hatte er im Krieg so gehandelt, wie er es eben tat? Wieso wendete er sich im Endkampf ihrer Seite zu? Und vor allem; wieso war er so? Wer war er überhaupt? Kannte sie ihn wirklich?

Aus einer Frage wurden etliche, unmöglich sie nun alle zu beantworten. Sie wusste ja nicht einmal, wie er auf dieses Thema reagieren würde.

Zornig? Wütend? Kalt oder abweisend?
Oder würde er reden - offen und ehrlich?

"Granger? Hast du mir überhaupt zugehört?"

Völlig aus ihren Gedanken gerissen starrte sie ihn für einen Moment an. Was hatte er gerade gesagt? Sein fragender Gesichtsausdruck wechselte von abwartend zu skeptisch.

Spätestens nun wusste Hermine, dass es unsinnig wäre ihre Unaufmerksamkeit zu leugnen - Draco hatte sie längst durchschaut.

"Entschuldige bitte, ich war in Gedanken. Was hast du gesagt?"

"Ich sagte such es dir aus."

"Wie? Was meinst du?" fragte die junge Brünette verwirrt. Sie hatte zugegebenermaßen nicht die leiseste Ahnung, wovon er nun wieder sprach.

Offenbar war ihm diese Tatsache ebenso bewusst: "Vergiss es einfach. Kommst du nun mit oder willst du die ganze Fahrt über im Gang bleiben? Deine Entscheidung."

Sie blickte skeptisch zu ihm auf, immer noch nicht überzeugt von seiner Idee. Dass sich diese Unsicherheit nicht auf seine Anwesenheit bezog ignorierte sie geflissentlich.

Er hingegen schien ihr Verhalten komplett falsch aufzufassen. Mit prüfendem Blick und gehobener Augenbraue sah er sie an. Vermutlich bezog er es auf sich selbst.

"Keine Sorge, ich will und werde dir nichts tun. Es war nur eine einfache Frage." Mit diesen Worten drehte sich der Blonde um und war gerade im Begriff sich in Bewegung zu setzen, als sie ihn zurückhielt.

"Das ist es nicht. Ich bin lediglich nicht von deiner Idee überzeugt. Übrigens hoffe ich für dich, dass du im Argumentieren normalerweise besser bist. Nur durch ein großes Ego schreibst du keine guten Aufsätze."

Letzteres fügte sie mit einem sachten Lächeln hinzu, obwohl sie sich am liebsten innerlich gegen die Stirn klatschen würde.
Gegen ihre Intention, die Stimmung aufzulockern war ja nichts einzuwenden, aber so?!
Diese Aussage unterstrich wieder einmal hervorragend ihr Image als Streberin und Bücherwurm.

Der junge Mann vor ihr schien es allerdings mit Humor zu nehmen, wie sie seinem Lächeln entnahm - zum Glück.

"Keine Sorge, in Interpretationsaufsätzen bin ich einsame Spitze - mal abgesehen von dir. Und falls du mit dem Ego auf meine Aussage anspielst; Ich sage nur die Wahrheit. Vor die steht der diesjährige Schulsprecher."

Was?! Er war Schulsprecher?

"Woher weißt du das? McGonagall wird es doch erst beim Festessen in der großen Halle verkünden."

"Das ist kompliziert... Nicht so wichtig.
Kommst du jetzt?"

Ohne zu zögern nickte die junge Frau. Ihr eigenes Verhalten wollte sie nicht analysieren.
Und so gingen beide nebeneinander zum Abteil der Schülersprecher.
Hermines Hand auf Dracos Arm und ihren Koffer in der seinen, den er zu keinem Zeitpunkt abgesetzt hatte, nahm keiner der beiden wahr.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast