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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
21.02.2021
41
144.386
32
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Dieses Kapitel
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10.01.2021 3.448
 
P.O.V. Draco

Bewegungslos verharrte er vor dem Anwesen, in dem sie einen Großteil des letzten Jahres gemeinsam verbracht hatten. Seit seinem letzten Besuch hier hatte sich wirklich nicht viel geändert – nicht einmal Spuren des Jahreszeitenwechsels konnte er auf den ersten Blick ausmachen.
Unverändert und doch so anders.

Immer wieder huschte sein Blick zur Brünetten an seiner Seite. Merlin, das hier war eine ganz schlechte Idee, und dabei war er sicherlich nicht der Einzige, der sich darüber im Klaren war. Hermine war eine schlechte Schauspielerin – schon immer gewesen – und er kannte sie gut genug um ihre lausigen Versuche, ihre Schmerzen zu verstecken, zu durchschauen.
Ihr Kopf hatte beim Sturz einiges abbekommen und in Verbindung mit dem Erinnerungszauber würde noch manches auf sie zukommen – wahrscheinlich würde es sie sogar ausknocken. Sie war körperlich einfach noch nicht in der Lage hierfür, warum sah sie das denn nicht ein? Gryffindorstolz?

Er verstand es nicht. Irgendetwas musste sich während ihrer Bewusstlosigkeit ereignet haben, nur was? Ihre Worte ergaben einfach keinen Sinn…
Sie hatte ihm von ihren Flashbacks erzählte, ja, aber die hatten sich bisher eigentlich immer auf ihn bezogen – warum sollte sich das ausgerechnet jetzt geändert haben?

Salazar, diese Situation war viel zu verfahren! Wenn sie wirklich von dem sprach, wovon er ausging… Merlin, er war komplett überfordert. Es… es durfte einfach nicht sein!

„Wie lang willst du noch hier stehen bleiben?“ kam es unerwartet von ihr, doch er konnte sie nur stumm anblicken. Es war eine gute, berechtigte Frage, auf die er ehrlich gesagt keine Antwort kannte, aber Fakt war, dass er dieses Haus nicht betreten wollte. Zu viele Erinnerungen wurzelten hier – und zu viel stand auf dem Spiel, sobald er ihrem Willen entsprechen würde. Aber er hatte keine Wahl, das hatte sie ihm unmissverständlich deutlich gemacht.

Mit steifen Bewegungen näherte er sich der Eingangstür, seinem persönlichen Höllenportal, wie es ihm schien, zuckte unter dem Klicken des Schlosses kaum merklich zusammen, was Hermine allerdings lediglich mit einem genervten Augenrollen quittierte. Kein Wunder, immerhin wusste sie nicht, was sie drinnen erwarten würde – ganz im Gegensatz zu ihm.

Der lichtdurchflutete Gang, der sich augenblicklich vor ihnen auftat und sie direkt in einen geräumigen, mit modernen Möbeln ausstaffierten Wohnbereich führte, sah – von der leichten Staubschicht einmal abgesehen – immer noch genau so aus, als wären sie erst vor wenigen Minuten aufgebrochen. Ein paar Schuhe stand ordentlich aufgereiht zu ihrer Linken, Jacken hingen an Kleiderhacken, die an der hellgestrichenen Wand angebracht waren. Dabei war es schon so lange her…

Wie gebannt hing Hermine an den magischen wie auch nicht-magische Fotografien, die sich im Laufe ihres damaligen Aufenthalts auf der schwarzen Kommode und der angrenzenden Wand angesammelt hatten. Sie zeigten so viele Stationen ihres Lebens: Ihre Familien und Freunde, der Einzug, Ultraschallbilder. Hermine an ihrem achtzehnten Geburtstag – hochschwanger. Trotzdem waren es viel zu wenige, als dass sie alles hätten abbilden können, immerhin bargen selbst diese wenigen Bilder ein enormes Risiko.
Er schluckte. Es war bitter, wirklich bitter.
Er kannte zu ausnahmslos jedem Bild die Geschichte, erinnerte sich an die Begebenheiten, als wäre kaum ein Tag verstrichen, aber Hermine… Für sie war alles in diesem Haus fremd. Es war kein Zuhause mehr.

Immer wieder huschte ihr Blick zu ihrem Sohn, den er ihr inzwischen wieder abgenommen hatte, als versuche sie zu begreifen, dass dieser kleine Junge das Kind war, das auf zahlreichen Bildern nur durch den Umfang ihres Bauches zu erahnen war.

Er wusste genau was sie dachte, als sie nach mehreren verstrichenen Minuten im Wohn-Essbereich ankamen – weil er sich an jedes Wort erinnerte, das sie beim ersten Mal gesagt hatte. Sie war der Meinung gewesen, der moderne Stil passe nicht zum Haus, vor allem da sie selbst eher älteres Holzmobiliar bevorzugte. Trotzdem hatte sie sich mit der Einrichtung angefreundet und das Cottage innerhalb weniger Tage durch Umdekoration zu dem gemacht, was es heute war.
Ein freundlicher, heller, sicherer Ort, an dem sie sich in naiv-optimistischen Stunden eine Zukunft ausgemalt hatten, die sie niemals haben konnten.

Er beobachtete, wie sie die Buchrücken im Regal studierte, wie ihre Finger wenige Meter weiter vorsichtig über den Tisch glitten, federleicht, beinahe als fürchte sie, alles könne sich bei einer unbedachten Berührung auflösen. Sie musterte ihre Umgebung neugierig und doch zurückhaltend.

Merlin, wieder mit ihr hier zu sein fühlte sich gleichermaßen befreiend wie auch schrecklich an. Er musste die Stille durchbrechen, er musste einfach! „Es gibt etwas, worüber wir reden müssen, Mine. Und zwar bevor du dich wieder erinnerst.“

Verwirrt begegnete sie seinem ernsten Blick, immer noch sichtlich zerstreut. „Warum?“

„Weil es Dinge gibt, die du damals falsch gesehen hast. Dinge, von denen ich will, dass du sie vorher weißt. Vielleicht… Vielleicht bringt es dich von deiner Haltung ab.“ Seine Stimme klang fest und klar in seinen Ohren, dabei sah es in ihm vollkommen anders aus. Nein, in seinem Inneren tobte ein gewaltiger Sturm – wie so oft in den letzten Wochen.
Mir einer ruhigen Geste bedeutete er ihr, auf dem Sofa platz zu nehmen, ehe er selbst ihrem Beispiel schwerfällig folgte. Ihr verbissener Gesichtsausdruck entging ihm jedoch nicht.

„Ach, auf einmal willst du reden? Und dann?“ schenkte sie ihm einen herablassenden Blick, der es langsam aber sicher in ihm brodeln ließ. Er kannte ihre Fassade gut, wusste, dass sie eigentlich nur ihre Unsicherheit zu verstecken suchte, ihn nicht persönlich angriff, aber... Immer wieder stellte sie sich in der Opferrolle dar, ohne je zu bedenken, dass sie nicht die Einzige war, die in diesem Spiel etwas verloren hatte. Es machte ihn rasend, dass sie immer ihm die Schuld für Dinge gab, die sie nicht einmal verstand!
Ja, es war verständlich, dass sie jemanden brauchte, dem sie die Schuld geben musste, aber warum sollte er immer den Sündenbock spielen? Sah sie denn nicht, was diese Situation mit ihm machte?
Verzweifelte Wut wallte in ihm auf, die er mühsam zu unterdrücken versuchte.

„Du machst es dir verdammt einfach, Hermine. Als wäre das Ganze nur ein Scherz für mich! Du hast doch gar keine Ahnung, was es auch mit mir macht – was wir durchmachen mussten. Du kannst dich dahinter verstecken, absolut nichts zu wissen, und glaub mir: das ist wesentlich leichter, als mit der Wahrheit leben zu müssen!“

Er bereute seine Worte noch bevor er sie beendet hatte, denn er sah es genau – Hermine war verletzt, genauso wie er selbst. Immer wieder wanderte ihr Blick gehetzt durch den Raum, suchte Scorpius, während sie ihre Hände unablässig wrang. Verletztheit, Überforderung, Angst, Unsicherheit – das war es, was sie ausstrahlte. Tief durchatmend versuchte er sich zu beruhigen.

Mit Erfolg. „Es geht um Mira.“
Überrascht flog ihr Kopf in seine Richtung, doch er wich ihr aus. Was nun kommen würde war alles andere als schön, und allein der Gedanke daran riss tiefe, nie wirklich verheilte Wunden auf. Aber wie sollte er es auch verarbeitet haben? Nein, er hatte immer nur verdrängt, denn das konnte er wunderbar, schoss es ihm bitter durch den Kopf. „Du kennst sie?“

Oh ja, er kannte sie. Aber er wusste, dass Hermine und er nicht von derselben Person sprachen. Und das musste er ihr jetzt beibringen. Verzweifelt fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare, bemerkte kaum, dass sich seine Knie bereits vor Minuten selbstständig gemacht hatte und nun unablässig auf und ab wippten. „Ich…“

Er konnte das nicht. Merlin, er konnte das nicht! Wieso?! Wieso, bei Salazar, konnte sie die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen, wenn sie ohnehin nichts als Schmerz brachte? Warum waren Menschen – und insbesondere Gryffindors – so neugierig, dass sie sich nicht auf das Urteil anderer verließen? Hermine würde über dieses Wissen nicht mehr verfügen wollen, sobald sie es hätte – er musste nicht weissagen können, um es zu wissen. Es hatte sie schon einmal fast zerstört.

Und trotzdem: er konnte auf sie einreden, ihr Versprechungen machen und Kompromisse aushandeln, wie er wollte – sie würde niemals nachgeben. Bis es zu spät wäre. So sehr er sie auch beschützen wollte, sie, Scorpius und sich selbst – er hatte einfach keine Wahl. „Ich spreche nicht von deiner besten Freundin, Hermine. Ich spreche von unserer Tochter.“
Er wollte nicht drum herumreden. Wozu auch? Die Botschaft blieb in jedem Fall gleich.

Wie eingefroren verharrte die Brünette regungslos in ihrer Position, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, während Emotionen über ihr Gesicht huschten, die er ehrlich gesagt nicht erwartet hätte. „Es stimmt also wirklich? Aber wie…?“ sie brach ab.

Sie wirkte so… resigniert. Als hätte sie es irgendwo tief in sich gewusst. Wut, Verzweiflung und Schmerz fehlten. Nein, ihre Miene war – in Anbetracht ihrer neusten Entdeckung – verdammt neutral. Er schluckte schwer, unsicher, wie er nun weiter verfahren sollte. Was wäre wohl ratsam? Ihr alles zu erzählen? Er wartete. Auf eine Aufforderung, einen Ausbruch – auf irgendeine Reaktion, doch nichts geschah. „Wenn du willst erwähle ich dir alles, aber ich will, dass du mir ruhig zuhörst, Hermine. Bitte.“ Und er tat es. Er erzählte.

Merlin, dieser Tag war wohl zugleich der schönste und der schrecklichste seines gesamten Lebens gewesen. Der Tag, an dem er Vater geworden war. Der Tag, an dem er zugleich gewonnen und verloren hatte.

Hermine tat, was er von ihr verlangte, lauschte seinen Worten stumm, ohne jeglichen Einwurf und so sehr er sich auch bemühte, ihr Mienenspiel zu deuten – nichts. Er erkannte einfach nichts. Sie wirkte so gleichgültig und abwesend, als hätten all diese Dinge nicht den geringsten Bezug zu ihr.
Eine schiere Ewigkeit musste vergangen sein, bis er seine Erzählungen beendete, eine Ewigkeit, bis sie die Stille brach. Und wieder einmal überraschte ihre Entgegnung, denn urplötzlich schien sie wütend. Verdammt wütend.

„Immer wenn ich glaube, dass du endlich ehrlich zu mir bist und mir die komplette Geschichte erzählst stellt es sich im Nachhinein als Irrtum heraus. Weißt du wie das ist? Immer angelogen zu werden? In Wahrheit hast du mir noch nie vertraut, oder?“ sprach sie mit rauer Stimme, blankem Zorn in den Augen, während sie sich mit geballten Fäusten vor ihn stellte. Beinahe, als würde sie ihn zutiefst verabscheuen. Es tat so unfassbar weh, so von ihr angesehen zu werden. Sie glaubte, er vertraute ihr nicht?! Es machte ihn unsagbar wütend.

„Das ist nicht wahr! Du hast doch keine Ahnung, wie diese Zeit war! Was wir alles durchmachen mussten!“ keifte er fast schon zurück, nur um es im nächsten Moment zu bereuen. Warum waren sie so? Sie stritten sich kaum, aber wenn… dann schaukelten sie sich so unglaublich schnell hoch, dass die Situation unweigerlich eskalieren musste – weil sie beide zu stolz waren, um einzulenken. Er hasste es. Merlin, immer machte sie ihm dieselben Vorhaltungen und Vorwürfe, dabei hatte sie doch überhaupt keine Ahnung, worum es hier eigentlich ging! Sie sollte ihm dankbar sein! Er hatte immerhin alles für sie getan, während Hermine…

Beinahe hektisch ruckte er mit dem Kopf, doch der Gedanke verschwand einfach nicht. Salazar, er wollte nicht so von ihr denken, verdammt! Aber… Manchmal glaubte er wirklich, dass es für sie so am einfachsten war. Hermine hatte sie aufgeben müssen, sicher, aber sie konnte neu anfangen, ohne mit dem Wissen zu leben, das ihn tagtäglich quälte.

Er war unvermeidlich, dass die Emotionen bei diesem Thema überkochten, bei ihm wie auch bei ihr.

„Du hast alles und jeden von dir gestoßen, hast dich sogar geweigert, Scorpius zu halten, ihn zu stillen! Was denkst du, weshalb Potter und Weasley dir die Schwangerschaft nicht angesehen haben? Ich sag dir, weshalb: weil du keinen Bissen mehr zu dir genommen hast. Du hast dich in zwei Wochen heruntergemagert! Weißt du wie es ist, das mit ansehen zu müssen und absolut nichts tun zu können?“

Verständnislos fixierte sie ihn mit einem Blick, als wäre er vollkommen verrückt. Verurteilend. Enttäuscht. Und das schlimmste war, dass er sehr wohl nachvollziehen konnte, dass sie sich verraten fühlen musste.

Es war ein Reflex, zur Verteidigung anzusetzen. „Ich hatte Angst, okay?! Angst um dich, weil du manchmal gewirkt hast, als ob du wirklich… Als ob du dir etwas antun würdest. Du hast keinen Schimmer, wie das war, Hermine!
Mir wurde im Krankenhaus gesagt, ich sollte mich darauf einstellen, es allein zu verlassen, verstehst du? Die Ärzte haben euch kaum eine Chance zugesprochen, keinem von euch! Dein Blutverlust war hoch, es dauerte zu lange, bis sie ihn stoppen konnten und für eine operative Entbindung warst du zu weit. Dabei hat dir die verdammte Kraft gefehlt, erst recht für eine Zwillingsgeburt. Sie meinten, ihr überlebt das nicht. Was denkst du, wie es mir damit ging?“

Er wusste damals nicht, wie er fühlen sollte, und wenn er ehrlich mit sich selbst war, wusste er es selbst heute nicht, denn sobald er sich über die Geburt seines Sohnes freute, kam es ihm wie ein Verrat an seiner Tochter vor – als wäre ihm ihr Tod egal, als wäre sie unwichtig, und das war sie nicht. Trauerte er aber um seine Tochter, fühlte er sich verdammt nochmal undankbar für das Überleben der anderen beiden. Wie er es drehte und wendete – keine Reaktion war angemessen.

Als er sie damals im Arm gehalten hatte – sie war bildhübsch gewesen. So zerbrechlich, nahezu winzig mit ihrer süßen Stupsnase und den Hamsterbäckchen. Wie sie dalag machte es beinahe den Anschein, als würde sie schlafen. Aber sie hatte nicht geschlafen – sie würde es nie. Sie war tot. Einfach weg.
Er hätte nicht sagen können, wie lange er sie einfach nur mit Tränen in den Augen gewiegt hatte, als könne er sie dadurch wieder lebendig machen. Seine kleine Mira.
Er würde niemals erleben, wie sie zum ersten Mal lachte, wie sie ihre ersten Zähne bekam, ihre ersten Schritte machte. Nie würde sie morgens auf das Bett ihrer schlafenden Eltern springen, ihn durch ihren Trotzkopf, Diskussionen, Widerworte, kindliche Streiche oder ihren ersten Freund in den Wahnsinn treiben.
Die Ärztin hatte es erst nach einer kleinen Ewigkeit geschafft, sie ihm abzunehmen, indem sie ihm stattdessen seinen Sohn gereicht hatte. Seinen Sohn, der als einziges seiner Kinder eine Zukunft hatte. Eine Zukunft, die wegen seiner eigenen Familie auf Messers Schneide stand.

Hermine erlitt einen Zusammenbruch, als sie vom Tod ihrer Tochter erfuhr – so schlimm, dass man ihr ein starkes Beruhigungsmittel verabreichen musste – und als sie wieder aufwachte… sie war nicht mehr dieselbe. Tagelang hatte sie kein einziges Wort gesagt, mied ihn und ihren Sohn, lag stumm, reglos und mit tränennassen Augen im Bett, den Blick apathisch aus dem Fenster gerichtet. Sie aß nicht mehr, wurde immer wieder von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt, aber was er auch getan hatte, sie hatte ihn weggestoßen.
Der Abend, an dem sie ihm das Versprechen abgenommen hatte, alles zu tun, was sie von ihm verlangte, um ihr überlebendes Kind zu schützen – es war das erste Mal gewesen, dass sie seit ihrem Verlust wieder mit ihm gesprochen hatte. Merlin, in diesem Moment hätte er ihr alles versprochen – und er hatte es auch, ohne es zu wissen.

Als sie ihm gesagt hatte, was sie von ihm verlangte… es gab keine Worte für das, was er in diesem Moment empfunden hatte. Entsetzen, Unglauben, Wut, Angst, Verzweiflung, Ohnmacht. Nichts davon traf es perfekt und doch war es so viel mehr gewesen. Und ihre Worte…
Sie wolle nicht auch noch Scorpius auf dem Gewissen haben.
Voller Unglauben traf er auf ihren Blick, der Überzeugung, Schmerz und Selbsthass ausstrahlte. Es traf ihn heftiger als jeder Crucio.

Inzwischen verstand er. Sie gab sich die Schuld, weil sie ihm – trotz ihres Versprechens – gefolgt war. Ihre Angst vor der Prophezeiung hatte ihr Übriges getan, sodass sie ihren Sohn am Ende vor dem schützen wollte, wovon ihrer Meinung nach die größte Gefahr ausging – ihr selbst. Dabei war es kompletter Schwachsinn. Merlin, wenn jemand etwas dafür konnte, dann doch er selbst. Er wusste doch, wie sie war. Hätte er ihr einfach eine Nachricht zukommen lassen oder sich Bellatrix Anordnung, sich in den Muggeldörfern zu versammeln, widersetzt! Dann hätte Hermine niemals einen Grund gehabt, ihn zu suchen. Der Fluch hätte sie nie getroffen und… ihre Tochter würde wahrscheinlich noch leben.
Ja, es war allein seine Schuld und er war nicht einmal in der Lage gewesen, sie wieder aus dem Loch zu holen, in welches er sie durch seine Kopflosigkeit gestoßen hatte. Er hatte versagt, auf allen Ebenen. Als Freund, als Vater…

Ein schrecklicher Gedanke, der langsam in ihm aufkeimte, ließ ihn schwer schlucken. War es also wirklich seine Angst um sie, die ihn dazu getrieben hatte, Mira aus Hermines Leben herauszuhalten, oder war es sein Egoismus? Seine Angst, sie zu verlieren, sollte sie erkennen, wer wirklich Schuld trug? Denn jetzt… jetzt hatte Hermine ihre Freunde, die ihr beistehen konnten, wenn er versagte. Vielleicht war es ja genau das, was er insgeheim fürchtete. Nicht, dass sie ihren Sohn verließ oder sich mit Schuldgefühlen plagte, sondern dass sie ihn… absägte.

Stumm richtete er seinen Zauberstab auf die Schulsprecherin, wappnete sich innerlich für das, was nun auf ihn – sie beide – zukommen würde, zumindest sofern es möglich war. Er musste es jetzt tun, anderenfalls… er hielt diese Gedanken nicht mehr aus.

„Memento perditum.“

~⦁●⦁~

Es dämmerte bereits, als er zwei Stunden später neben Hermine auf ihrem gemeinsamen Bett saß, den Oberkörper an das breite Kopfende gelehnt, während er der immer noch Bewusstlosen zärtlich über die Wangen strich. Scorpius lag inzwischen seelenruhig schlummernd in seinem Kinderbettchen, sodass einzig und allein das penetrante Picken aus Richtung des Fensters die friedliche Atmosphäre störte.

Trotz allem weigerte er sich standhaft, dem armen Vogel das Fenster zu öffnen, denn es war sonnenklar, wem das Tier gehörte und welche Botschaft es brachte. Sie sollten zurück zum Schloss kommen, immerhin wäre der Gedenkball in wenigen Tagen. Aber eine Rückkehr war zumindest momentan ausgeschlossen. Hermine war ja noch nicht einmal wach und selbst wenn sie es wäre hätte sie genügend zu verdauen. So wenig er auch davon hielt, sich McGonagall trotz allem, was sie ihnen ermöglicht hatte, zu widersetzen, so unausweichlich war es nun. Seine einzige Hoffnung ihren Zorn zu schmälern lag nun also darin, sie in dem Glauben zu lassen, die Eule habe ihr Ziel nicht gefunden – hoffentlich kaufte sie ihm das ab.

Den Vogel zu ignorieren verlangte ihm hingegen kaum Überwindung ab. Viel zu sehr war er in Gedanken versunken – oder zermarterte sich vielmehr den Kopf. Die Zweifel, die ihn seit seinem Zauber umtrieben, verschwanden einfach nicht. Es war ein Fehler, ganz sicher, rief ihm eine innere Stimme unablässig zu. Er würde sie verlieren, er würde…
Augenblicklich schüttelte er den Kopf, versuchte, seine Gedanken zu klären – mit demselben Ergebnis wie bei den zahlreichen Malen zuvor.

Sie wusste nun alles, wirklich alles, und eines stand fest – selbst, wenn man einmal von ihren privaten Belangen absah: vieles, was nun wieder präsent war, würde ihr überhaupt nicht gefallen. Und dann die Sache mit Mira… So oder so, es brachen harte Zeiten an, das stand fest.

Es war erstaunlich. Monatelang hatte er das Schicksal seiner Tochter in den hintersten Bereich seines Kopfes gesperrt, ausbruchssicher durch metaphorische Stahlbeton-Mauern. Und jetzt? Jetzt ging sie ihm nicht aus dem Kopf – und mit jeder Erinnerung kam der Schmerz.
Er konnte das nicht. Er konnte Hermine nicht helfen, wenn er selbst nicht damit zurechtkam. Das war wohl der Nachteil der Verdrängung, nahm er an – irgendwann holte einen alles wieder ein.

Damals, als alleinerziehender Vater und Spion hatte er niemals Zeit gehabt, sich wirklich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Er musste funktionieren. Und nun rächte es sich. Nein, er war noch lange nicht darüber hinweg. Ging das überhaupt? Konnte man den Verlust eines Kindes irgendwann… vergessen? Tat es irgendwann nicht mehr weh? Kaum vorstellbar.

Etwas regte sich neben ihm – jemand. Hermine. Ein schmerzerfülltes Stöhnen entkam ihr. Salazar, nicht auszumalen wie heftig ihre Kopfschmerzen sein mussten. Lautlos griff er nach dem kühlen Holz, welches er vorhin achtlos auf den Nachttisch zu seiner Rechten geworfen hatte. Wenn er ihr die Schmerzen schon nicht nehmen konnte, war ein Linderungsversuch das Mindeste, was er tun konnte.

Vorsichtig, darauf bedacht, sich möglichst ruhig zu verhalten, führte er den sachten Wink aus, die Brünette weiterhin taxierend. Wie würde sie reagieren, sobald sie wieder klarer wäre? Vehement wehrte er sich gegen die aufsteigende Panik. Egal, was sie nun tun würde, er würde es aushalten – für sie, denn er war es ihr trotz allem schuldig.

Langsam drehte sie den Kopf, orientierungslos, als wüsste sie nicht, wie zum Henker sie hierher gekommen war, begegnete ihm verwirrt, doch mitten in der Bewegung erstarrte sie, als die Erinnerungen der vergangenen Stunden sie überrennen mussten.

Abermals trafen sich ihre Blicke, wortlos, bis plötzlich ein Zittern durch ihren Körper ging, immer und immer wieder. Ein Schluchzen ertönte und es zerriss ihn zu sehen, wie sie sich vollkommen verstört in seine Umarmung legte. Sie schien nicht wütend, nur… verzweifelt. So unendlich traurig.
Am Rande registrierte er, wie sie sich immer enger an ihn schmiegte, doch er war viel zu überfordert, um groß darauf einzugehen, denn mit dieser Reaktion hatte er niemals gerechnet. Aber er begriff.

Sie setzte ihre Hoffnungen auf ihn… und diesmal würde er sie nicht enttäuschen!
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