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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
21.02.2021
41
144.386
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28.12.2020 3.725
 
P.O.V. Hermine

Stimmen erklangen. Stimmen, die Hermine für den Moment nicht einordnen konnte.

„Wir wissen doch, wie sehr dich das alles mitnimmt, aber Hermine wird schon wieder. Du hast Madame Pomfrey doch gehört! Worüber wir uns jetzt Gedanken machen sollten ist der kommende Prozess. Wie wollt ihr das bewerkstelligen?“

„Es ist egal was wir planen. Sollte es wirklich zu einer neuen Verhandlung kommen, haben wir kaum eine Chance. Lucius wird die Richter schmieren.“

„Dann legen wir Widerspruch ein. Oder wir fordern einen anderen Vorsitzenden…“
„… den Lucius wegen Befangenheit anfechten wird. Jeder von uns hat irgendwen im Krieg verloren. Wer sich nicht von ihm schmieren lässt, werden er und sein Anwalt kategorisch ablehnen. Wir können nicht gewinnen. Unsere einzige Chance besteht darin, dass die Richter ein Aufrollen der Verhandlung von vorneherein ablehnen.“

Merlin, ihr Kopf dröhnte. Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen? Sekunden verstrichen, in denen Bilder auf sie einprasselten. Bilder, die sie am liebsten vergessen würde – wobei, nein, das wollte sie nicht. Nicht nochmal.

Sie hatte es sich in schier unzähligen Variationen und Szenarien ausgemalt. Ausgemalt, wie ihre „verschwundene“ Vergangenheit wohl ausgesehen hatte, und trotzdem lagen alle ihre Theorien jenseits jeder Wirklichkeit. Aber wer hätte auch mit so etwas gerechnet?
Der Schmerz nahm zu, drohte immer weiter, sie zu zerreißen und für den Moment hätte sie nicht benennen können, woher diese Empfindung eigentlich rührte – vom Sturz oder von der Wahrheit.


Es war dunkel, schwül, neblig – unmöglich, überhaupt eine Tageszeit bestimmen zu können. Überall hingen diese dicken, trägen, tiefgrauen Nebelschwaden, verdeckten Bäume, Sträucher und selbst den Weg zu ihren Füßen vor ihrem Blick und schrien ihr so förmlich entgegen, wie dumm sie doch war. Ja, das war sie – entsetzlich dumm, sich in diese Situation zu manövrieren. Draco würde sie in Zukunft wohl nur an einen Stuhl gefesselt zurücklassen, sollte er jemals erfahren, was sie hier getan hatte.

Aber was sollte sie schon tun? Zuhause hielt sie es einfach nicht mehr aus! Es war, als würde ihr jeden Augenblick die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fallen und selbst die sonst so heimeligen schützenden Wände schienen sie immer weiter zu erdrücken.

Maximal vier Stunden, hatte er gesagt. Vier Stunden bis er wieder zurück wäre. Diese Frist war bereits vor einem halben Tag verstrichen.

Es war nichts ungewöhnliches, dass er mitten in der Nacht vollkommen überraschend zu einem Treffen gerufen wurde, nein, und bisher war auch immer alles gut gelaufen – zumindest sofern man das im Kontext des dort geschehenden so sagen konnte. Sie hatte ihn schon einmal gefragt, warum es immer nachts sein musste, zu einer Zeit, in der die Angst sie noch stärker auffraß als ohnehin schon. Aber irgendwie war es schlüssig. Die Menschen mieden die Straßen bei Dunkelheit – und inzwischen auch bei Tag. Und wie hieß es so schön: in der Nacht sind alle Katzen grau. Sie bot ihnen Schutz.

In letzter Zeit kam es immer häufiger zu diesen Treffen, von denen sie inzwischen wusste, dass sie hier in Newland, unweit der walisischen Grenze, auf dem Gelände einer alten, von einem Friedhof umgebenen Kirche stattfanden. Ihr erster Gedanke war damals gewesen, dass sie den Todessern niemals einen solchen Hang zur Theatralik zugetraut hätte, aber im Nachhinein – einen besseren Schutz gab es wohl kaum, oder? Wer ging schon nachts auf den Friedhof.

In ihrem Bauch rumorte es unaufhörlich. Jetzt stand sie hier, mitten im Nirgendwo, auf einer verlassenen und von den letzten Ausläufern eines Waldstückes umgebenen Straße, genauso unwissend wie zuvor. Sie konnte nicht ins Dorf, so viel stand fest – die Gefahr entdeckt zu werden war ohnehin schon viel zu groß. Merlin, in ihrer Sorge war sie dumm genug gewesen, in ihrem Zustand zu Apparieren – ein weiterer Fehler, wie ihr die unruhigen Tritte ihres „Innenlebens“ zeigen.

Vielleicht war Draco inzwischen ja längst wieder zuhause?

Seufzend atmete sie aus. Nein, dass war er nicht, das spürte sie. Und selbst für den Fall, dass diese Empfindung sie täuschen sollte – er hätte ihr mittlerweile eine Nachricht zukommen lassen. Irgendwas. Ein Memo, einen Patronus, ein Münzspruch – aber solang er bei ihnen war, wäre das unmöglich.

Es war amtlich: ihr nicht existenter Plan war absolut für die Tonne, denn heute hatte etwas ihren sonst so rationalen Verstand ausgeschaltet – ihre Gefühle. Sie konnte nichts tun, verdammt!
Unwillkürlich wanderte ihre Hand zu ihrem Unterleib, legte sich beruhigend auf die inzwischen nicht zu verachtende Rundung ihres Bauches, doch die Tritte nahmen nicht ab. Etwas, das allerdings auch nicht verwunderlich war, wenn man den Büchern glauben schenkte, die beschrieben, wie prägnant die Auswirkungen der mütterlichen Empfindungen auf einen Embryo ausfielen.
Panik und Machtlosigkeit schwappten wie Wellen über ihr zusammen, nahmen ihr die Luft zum Atmen. Was sollte sie nun tun, wenn…

Ein Knacken in ihrem Rücken ließ sie herumfahren – zu spät. „Wen haben wir denn da?“

Nein! Nein, nein, nein! Alles, nur das nicht? Schockstarr blickte sie geradewegs auf die dunkel gekleidete Gestalt, deren Umrisse mit der Umgebung nahezu zu verschmelzen schien. Das Einzige, was sie glasklar wahrnahm war die leuchtende Spitze des Zauberstabes, die zielsicher auf sie gerichtet war – ausweichen unmöglich. Instinktiv wollte sie nach ihrem eigenen Stab greifen, doch noch bevor ihre Finger auch nur in die Nähe des kühlen Holzes kamen, hielt sie die schnarrende Stimme ihres Gegenübers auf. „Das würde ich mir sehr genau überlegen, Süße.“

Immer laute hörte sie die Schritte der Gestalt, die sich unaufhaltsam näherte, und je weiter er die Distanz verkürzte, desto mehr Einzelheiten konnte Hermine ausmachen. „Was macht ein junges und hübsches Ding wie du nachts allein auf dieser Straße. Hast du mich etwa gesucht?“ Bei den schleimigen Worten des Mannes konnte sie nicht anders, als ihr Gesicht zu verziehen. Merlin, der Typ war sowohl innerlich als auch äußerlich einfach nur schmierig.

Er musste kaum größer sein als sie selbst, vielleicht Mitte vierzig, mit dreckig-blonden Haaren, die dünn und strähnig in den breiten Nacken fielen. Hervorstehende Augen unter buschigen Brauen, wulstige, zu einem frivolen Grinsen verzogene Lippen und eine schiefe Nase. Seiner Kleidung nach gehörte dieser Mann wohl kaum zur inneren Riege – also Wächter, höchstens!

Übelkeit stieg in ihr auf, als er plötzlich mit dem Stab herumwedelte, ihren Bauch unverhohlen anstarrend. „Hä? Bist du ‘ne Schlampe oder so? So alt siehst du gar nicht aus. Wer lässt sich denn sonst freiwillig in dem Alter anbumsen?“ Widerlich! Einfach nur widerlich. Aber…

Sie sah es. Sah, wie dieser schmierige Mistkerl für dem Moment mehr auf ihren Umstand fixiert war als auf sie selbst. Das war ihre Chance – wahrscheinlich ihre einzige. Schweiß brach auf ihrer Stirn aus, als sie versuchte, möglichst unauffällig nach dem Holz in ihrem Gürtel zu tasten. Merlin, warum musste sie ihn auch immer in ihrem Rücken verstauen? Jetzt, unter den Blicken dieses Mannes war es schier unmöglich, den Stab mit ihren schweißnassen Fingern aus seiner Halterung zu fischen. Verdammt!

Immer wieder rutschte sie ab, immer weiter neigte sich das Holz in ihrem Rücken, drohte zu fallen. Bitte nicht, schalte es immer wieder durch ihren Kopf, doch es schien aussichtslos, bis…

Sie hatte ihn! Es war alles, woran sie denken konnte. Sie ignorierte die entsetzten Rufe ihres Gegenübers, als er seinen Fehler zu bemerken schien, machte Anstalten zu Apparieren, weg hier, Hauptsache in Sicherheit!
Immer schneller drehte sie sich um die eigene Achse, während das Blut in ihren Ohren so laut rauschte, dass sie seine Worte längst nicht mehr verstand.
Und genau in den Moment, in dem ihre Umgebung verschwamm und sie aus der Wirklichkeit gerissen wurde, traf sie der Fluch.

Schmerzen. Unendliche Schmerzen. Sie spürte den Aufprall im Wohnzimmer des Cottages kaum – er war nichts im Vergleich zu dem Gefühl, dass sich in ihrem Bauch ausbreitete.

„Scheiße! Mine. Mine! Oh verdammt, was hast du gemacht?!“

Draco! Er war hier und es ging ihm gut. Aber die Erleichterung hielt nicht an, als er schlitternd neben ihr zum Stehen kam. Er sah furchtbar aus und die Panik, die von ihm ausging, war nicht zu übersehen. Sie wollte ihn fragen, was passiert war, wollte ihn fragen, woher das Blut an seinen Händen kam, aber kein Ton kam aus ihrer Kehle. Das Einzige, wozu sie in der Lage war, war es, nach Luft zu schnappen. Sauerstoff, sie brauchte Sauerstoff!

Ihr Unterleib verkrampfte immer stärker, die Tritte spürte sie längst nicht mehr. Da war nur noch ein Gedanke – und die Angst, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Es war zu früh!
„Draco, sie kommen!“


Sie wollte sich aufrichten, wollte ihn anschreien, am liebsten um sich schlagen, dabei reichte ihre Kraft gerade nicht einmal aus, um zu blinzeln. Das bleierne Gefühl in ihren Gliedern hatte sich also immer noch nicht verflüchtigt, ging ihr dumpf auf. Vermutlich hatte ihre Schulheilerin ihr einiges an Schmerzmitteln verabreicht, immerhin war auch mit einem Treppensturz nicht zu spaßen, und auch dieses benebelte Gefühl, dass ihre Gedanken beinahe ihrem Körper gleich lähmte, würde für diese Annahme sprechen. Dumm nur, dass ihre Dosis offenbar nutzlos war, sobald es um ihren Kopf ging.
Sie konnte es nicht wissen, nein, denn derartig gewalttätigen Sportarten – und Sport im generellen – hatte sie bisher nie etwas abgewinnen können, doch wenn man sie jetzt fragen würde, wie sich wohl ein Kampf oder vielmehr eine Niederlage gegen den Schwergewichts-Meister im Kickboxen anfühlen musste, wäre ihr aktuelles Befinden das erste, worauf sie wohl verweisen würde.

Heiß bahnten sich die Tränen ihren Weg über ihre Wangen, ihren Kiefer, aber es war ihr egal. Merlin, ihr war gerade alles egal. Was hatte sie getan, dass sie von ihrem Leben so gestraft wurde? Was? Sie wollte die Starke mimen, wollte auf keinen Fall schwach wirken, aber irgendwie… irgendwie glaubte sie nicht, dass es jetzt noch einen Unterschied machen würde, vor allem, da ihr inzwischen klar war, wer sich um ihr Bett versammelt hatte.

Wie hatte sie das vergessen können? Wie?!

„Jungs, ich glaube sie wacht auf!“

Eine Hand, viel größer als ihre eigene, umfasste ihre, drückte fest zu, ermutigend, dabei war diese Nähe gerade das letzte, was sie wollte. Er hatte es ihr verschwiegen. All die Monate! Nicht einmal eine einzige Andeutung hatte er gemacht, als wäre es egal – als wäre es nur ein unwichtiger Tropfen im Meer ihrer Erinnerungen, dabei war es so viel mehr. Warum sie sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte? Sie wusste es nicht, aber es war egal, zumindest für den Augenblick.

Vorsichtig drehte sie ihren Kopf, weg von der Seite, auf der sie Draco vermutete, versuchte, endlich ihre Augen zu öffnen, wenn auch zunächst nur mit mäßigem Erfolg. Warum war es auch so grell?

Ihre Stimme klang rau, schwach, beinahe so, als hätte sie tagelang nicht gesprochen, dabei war sie sich sicher, erst heute hierhergekommen zu sein, denn allesamt trugen sie nach wie vor dieselbe Kleidung wie in der großen Halle. Unfassbar, wie anstrengend selbst das Sprechen gerade schien. Es war kaum mehr ein Flüstern. „Pansy, Blaise, könnt ihr Scorpius bitte mitnehmen. Von… von mir aus bleibt heute Nacht in unserer Unterkunft, aber wir haben etwas zu klären. Er sollte das nicht mitbekommen.“

Oh ja, sie konnte die verwirrten und fragenden Blicke förmlich auf sich spüren, fühlen, wie sie sich sengend in ihre Haut einbrannten, aber sie überging es, mied den Augenkontakt konsequent, erwiderte nicht einmal die Abschiedsfloskeln der Slytherins, nein. Sie regte sich erst wieder, als das Portal hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Laut. Unheilvoll. Endgültig.

„Was ist los, Hermine?“ kam es besorgt von Draco, und sie hasste es. Besorgt! Wie konnte er jetzt seelenruhig vor ihr sitzen, obwohl er all die Dinge wusste, über die sie selbst nicht im Bilde war – weil er es so wollte. Es machte sie wütend, so unsagbar wütend. Und warum, Merlin verdammt, fühlte sie bei dem Gedanken an ihre neuste Erinnerung nichts?

Konnte es sein… war sie wirklich so kaltschnäuzig, ohne es zu wissen? Gleichgültig und egoistisch? Wo blieb die Trauer, die Verzweiflung? Sie kam sich so dumpf vor, so dumpf! Leer. Sie war eine schreckliche Mutter, oder? Sollte das stimmen, dann… Verdammt, in ihrer Wut hatte sie nicht einmal ihr Kind verabschiedet. Dabei war es genau diese Emotionslosigkeit- diese Achtlosigkeit- , die sie zerriss. Merlin, sie war ein Scheusal!

Es tobte ein Sturm in ihr, den sie selbst nicht in seinen Ausmaßen erfassen konnte. Sie war gebrochen und genau so klang sie auch, als sie ihre Hand kraftlos aus Dracos Umklammerung zog. „Du hast mir versprochen, mich niemals anzulügen. Niemals, hörst du?! Noch bevor ich von uns… von all dem hier wusste. Und was machst du?! Du hast mich verraten, Draco! Du hast mein Vertrauen missbraucht, obwohl ich vorbehaltlos hinter dir gestanden habe!“
Verdammt, sie hatte nicht so weinerlich klingen wollen, so hilflos, aber… genau das war sie. Hilflos und verwirrt.

Sie beobachtete sein Minenspiel, wie es von besorgt zu überrascht, ungläubig und verwirrt wechselte -  bis die Erkenntnis einzusetzen schien. Er öffnete die Lippen einen Spalt, schloss sie wieder, und beinahe erinnerte er sie an einen gestrandeten Fisch, der außerhalb des Wassers verzweifelt gierend nach Sauerstoff schnappte. Sie kannte dieses Verhalten. Er wich aus! „Ich habe dich niemals belogen.“

„Du hast mir die Existenz unserer Tochter verschwiegen! Du hast sie verleugnet, und das werde ich dir niemals verzeihen!“ schoss es übergangslos hysterisch aus ihr hervor, aber sie würde es nicht zurücknehmen wollen. Er sollte wissen, dass sie die Wahrheit kannte, zumindest zum Teil. Draco schluckte schwer und es machte sie rasend, diesen Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen. Schmerz, Trauer, Angst, Reue, Erleichterung. Wie… wie konnte er nur?! „Du wirst mir meine Erinnerungen wiedergeben. Jetzt!“

Fassungslosigkeit trat in seinen Blick, als er energisch den Kopf schüttelte. „Hermine, ich…!“ Aber weiter kam er nicht. Oh nein, sie wollte seine Ausflüchte nicht hören!

„Halt. Den. Mund! Es reicht mir! Ich habe genug davon, immer darauf zu warten, dass du irgendwann bereit dazu bist, mir ein weiteres Puzzleteil zuzuwerfen, dass am Ende lose auf der Fläche liegen bleibt, weil die Verbindungsstellen fehlen. Wenn es nach dir geht werde ich die endgültige Wahrheit nämlich nie erfahren.“ Es stimmte und das wussten sie beide. Dass sie von Scorpius erfahren hatte war einem Zufall geschuldet gewesen. Draco hatte ihr nicht einmal freiwillig von seinen Beweggründen erzählt. Nein, vermutlich hätte er weiter geschwiegen.
Es ergab plötzlich alles Sinn!

Er blieb stumm, begegnete ihrem Blick, als hätte sie ihn geschlagen – fast schon pikiert. Als wäre sie es, die etwas getan hatte! Und er besaß tatsächlich die Unverfrorenheit, es abzustreiten. „Das ist nicht wahr! Ich habe dir erklärt, warum ich es dir nicht sagen konnte.“

„Und genau das hat mich dazu gebracht, dir immer wieder diese Zugeständnisse zu machen, ohne an die Konsequenzen für mich selbst zu denken – und damit ist jetzt Schluss! Wie soll ich dir vertrauen, wenn du mir solche Dinge vorenthältst?!“

Stoisch hielt sie den Augenkontakt, sah die Regungen, die in seinem Blick aufflackerten, aber auch er wollte nicht einknicken. Natürlich nicht. Wenn sie eines gemein hatten, dann ihre unendliche Sturheit. Resigniert stieß sie Luft aus ihren Lungen „Gut, es ist deine Entscheidung. Entweder du gibst mir meine Erinnerungen noch heute zurück, oder ich bin weg. Mit Scorpius. Es liegt ganz bei dir.“

Pures Entsetzen, das beschrieb seine Reaktion wohl am ehesten. „Du kannst nicht gehen und du kannst ihn mir auch nicht nehmen! Hier liegen die Dinge anders, Hermine.“

Mühevoll zwang sie sich ein gekünsteltes Lächeln auf die Lippen – er hatte recht, das wusste sie. Sollte es hart auf hart kommen, stünde er in dieser männerdominierten Welt eindeutig mit besseren Karten da, als sie selbst es täte. Außerdem war er ein Reinblut, hatte Gold. Gold… und Erfahrung mit Kindern – jedenfalls mehr Erfahrung als sie selbst.
Alles in allem waren die Umstände für sie eher suboptimal, vorsichtig ausgedrückt.

„Du hast mir bereits meine Vergangenheit genommen. Ich werde nicht zulassen, dass mein Sohn ebenfalls auf diese Liste kommt!“ Oh, es war ein Schlag unter die Gürtellinie, das wusste sie, und es war ihr gleich. Er hatte doch angefangen, diese Karte auszuspielen, oder?

Es war ein lautloser Kampf, den sie ausfochten – grau und braun. Warm und kalt. Sie gewann. Er kapitulierte. „Gut. Gut, ich mache es! Aber denk immer daran, dass ich dich nur schützen wollte, Hermine. Ich liebe dich. Manchmal ist es besser gewisse Dinge nicht zu wissen.“

~⦁●⦁~

Vor gut einer halben Stunde hatte er den Krankenflügel verlassen. Er müsste etwas mit McGonagall klären – dass sie nicht lachte. Wahrscheinlich suchte er einfach nur eine Möglichkeit, dass unvermeidliche wieder einmal hinauszuzögern. Was ging es McGonagall schon an?

Er wollte, dass sie im Krankenflügel blieb, sich weiter ausruhte – nun, sie pfiff auf seinen Willen. Noch bevor die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, hatte sie damit begonnen sich ihre Sachen anzuziehen, was länger gedauert hatte als gedacht. Diese Kopfschmerzen brachten sie um!
Und jetzt? Jetzt stand sie auf dem Gang, unsicher wie sie nun weiter verfahren sollte.

Merlin, sie wusste, dass sie irrational und unfair agierte, dass er dieses Verhalten trotz allem nicht verdiente, dass er seine Gründe hatte, aber in ihrem Kopf herrschte ein unaufhaltbares Chaos. Sie… sie hatte eine Tochter, sie hatte… Es war so surreal.
Wieso empfand sie bei dem Gedanken daran nichts? War es der Schock?

Und wo war sie? Was war passiert? Wieso hatte niemand etwas erwähnt? Es half nichts, sich jetzt den Kopf zu zermartern, dessen war sie sich sehr wohl bewusst, aber sie konnte es einfach nicht abstellen. Was, wenn…? Sie schluckte schwer, als sich eine neue Theorie immer weiter in den Vordergrund schob. Was, wenn die Todesser sie irgendwie bekommen hatten? Oder, wenn sie…

„Na, wenn das nicht das Schlammblut Granger ist! Und? Wie hast du es geschafft, den einst so stolzen Draco Malfoy zu verarschen? Ihm dieses Balg von Bastard unterzujubeln?“ ertönte es jäh hinter ihr.
Sie erstarrte mitten in der Bewegung, unfähig sich umzudrehen. Was?!
Ungläubig weiteten sich ihre Augen, als sie den jungen Mann sah, der sich ihr mit hallenden Schritten ins Sichtfeld geschoben hatte, die Arme arrogant vor der Brust verschränkt und sie mit einem derart herablassenden Blick bedenkend, dass ihn wohl nicht einmal seine Hauselfen je zu Gesicht bekommen hatten. „Mit seinem Verstand scheint sich sein Stolz mit verabschiedet zu haben. Aber naja, vielleicht hat er sich ja unbedingt eine eigene Familie gewünscht, wo seine eigene ja kläglich versagt hat. So sehr, dass er sogar deinen Dreck übersieht! Es ist einfach nur erbärmlich! Eine Schande!“

Fassungslos starrte sie den Jungen an, unverwandt. Wie alt mochte er bitte sein? Fünfzehn? Es war erschreckend, wie selbstverständlich er seine antiquierten Ansichten herausposaune, ohne sie überhaupt zu kennen. Und es war erschreckend, dass sie allein durch diese wenigen Worte alles über ihn wusste. Reinblut, verzogen, reich und dennoch von seinen Eltern unbeachtet. Schrecklich und unreflektiert. Salopp gesagt: er plapperte alles nach, was ihm seit seiner Geburt eingebläut wurde, ohne auch nur für einen Augenblick seinen Kopf anzustrengen.
Irgendwie war das schlimme an der ganzen Sache, dass er vermutlich nicht mal etwas davor konnte, ein solches Arschloch zu sein. Er hatte es so gelernt.

Aber sie hatte er auf dem falschen Fuß erwischt, als dass sie jetzt distanziert an die Sache herangehen konnte. Herablassend hob sie die Augenbrauen, um ihrerseits die Arme vor der Brust zu verschränken. „Und du bist…? Warte, ich will es gar nicht wissen, immerhin scheint sich deine Intelligenz dermaßen in Grenzen zu halten, dass dein Name wohl kaum merkenswert ist. Wenn du jetzt also die Güte hättest mich vorbeizulassen. Ich habe heute wirklich noch besseres zu tun, als mir dein niveauloses Geschwafel anzuhören.“

Sie war verrückt. Einfach nur verrückt, schrie ihr die Stimme in ihrem Inneren zu. Nun, vielleicht auch etwas lebensmüde, dachte sie dumpf, als sie den Stab in seiner Linken bemerkte. Er war zwar jünger als sie, aber sie bezweifelte irgendwie, dass ihn dieser Umstand davon abhalten würde, die muggelstämmige Schulsprecherin zu verfluchen. Der Blick ihres Gegenübers war auf jeden Fall mörderisch.
„Du bist es nicht wert dieselbe Luft zu atmen wie wir, Schl…“

„Wenn du nicht sofort verschwindest, landest du schneller bei deinem Vater, als du dieses Wort auch nur denken kannst, Sobolew.“ Draco. Natürlich, ihr Retter in der Not! Der kindische Teil in ihr wollte ihn zurechtweisen, ihm zurufen, sie hätte seine Hilfe nicht nötig, aber sie schwieg als sie Scorp in den Armen seines Vaters erkannte. Anders als Sobolew, der das Kleinkind schlichtweg ignorierte, als er sich feixend an den Blonden wandte und scheinbar freundlich die Arme ausbreitete.

„Der große Draco Malfoy. Was ist nur aus dir geworden?“

Oh, dieses Grinsen! Am liebsten würde sie es ihm aus dem Gesicht fluchen. Ein Wunder, dass Draco so ruhig blieb. Mehr noch, er überging die hämische Bemerkung einfach. Merlin, in diesem Moment wünschte sie sich eine Kontenance, wie sie ihrem Freund angeboren zu sein schien. „Ich nehme an, dir ist der Weg in den Speisesaal bekannt, also verzieh dich! Du hast auch hier Auflagen zu erfüllen, dass sollte dir klar sein. Noch einmal ein Wort in diese Richtung und du fliegst.“

Mit jedem Wort verwischte das selbstgefällige Grinsen dieses Idioten ein Stück mehr – oh ja, was für eine Genugtuung! Zu sehen, wie Überheblichkeit und Arroganz einem leichenblassen Ausdruck wichen, einfach herrlich! Es war offensichtlich, dass der Junge trotz seines Betragens ziemlichen Respekt vor Draco haben musste, wenn auch auf eine andere Art, als sie es zunächst angenommen hatte. Ein letzter sturer Blick in ihre Richtung, bevor er sich wortlos umwandte und den Gang mit hallenden Schritten hinabschritt. An wen erinnerte sie dieses Verhalten bloß?

„Erik Sobolew. Seine Familie zählt zu den ältesten Reinblutfamilien Osteuropas. Sie waren kurz davor in den inneren Kreis aufgenommen zu werden, als ihr Voldemort endgültig gestürzt habt. Er wurde aus Durmstrang verstoßen, weil der die Ansichten seines Vaters nach wie vor überzeugt vertreten hat, obwohl seine Eltern seither in Askaban schmoren. Hogwarts hat ihn im Namen des Resozialisierungsprogrammes aufgenommen – ein Fehler, wenn du mich fragst!“ beantwortete er die nicht gestellte Frage.

Freudlos lüpften sich ihre Mundwinkel. Small-Talk? Ernsthaft? „Mir ist egal, wer er ist. Tu, was ich von dir verlange, Draco. Der Rest interessiert mich nicht.“ Sie wollte zurückrudern, aber nicht jetzt, denn… irgendwie hatte sie Angst. Angst, er würde ihr Einknicken auch auf ihren Wunsch beziehen – ihr den letzten Rest der Wahrheit weiter verschweigen. „Ich hoffe, du warst nicht wegen dem Denkarium bei McGonagall. Ich will nicht deine Erinnerungen sehen, sondern meine wiederhaben.“

„Nein. Ich habe sie nur nach der Erlaubnis gefragt, das Gelände zu verlassen. Wir reisen ins Cottage – mit Scorp.“ kam seine lakonische Entgegnung. Ins Cottage? Was sollte das? Was wollte er dort?

Ihr spukten viele Fragen durch den Kopf, unglaublich viele, dennoch stellte sie nur eine einzige. „Und dann?“

„Dann fangen wir an.“
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