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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
21.02.2021
41
144.386
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13.12.2020 3.894
 
P.O.V. Narzissa

Ausdruckslos verharrte ihr Blick auf der magischen Fotografie in ihren Händen. Ein Bild, dass beinahe so alt war, wie ihr Sohn selbst. Die Erinnerungen an diesen Tag waren immer noch so präsent, als wären erst wenige Stunden vergangen, doch die glückliche, frisch gebackene Familie aus dieser Zeit existierte längst nicht mehr.
Ihre Fingerkuppen berührten das kühle Glas kaum, als sie fast schon sanft die Konturen der abgebildeten Personen nachfuhr.

Sie waren so zufrieden gewesen, grinsten geradezu vor Freude strotzend in die Kamera. Wie hatte sich ihr gemeinsames Leben nur in einen solchen Albtraum verwandeln können? Wie konnte es sein, dass der so verliebt wirkende junge Mann, der seine Arme liebevoll um sie und ihren Sohn geschlungen hatte und sie selig lächelnd von der Seite betrachtete, kein Jahr später zu einem Monstrum, einem beispiellosen Scheusal wurde?

Wenn sie heute in das Gesicht dieses Mannes sah, spürte sie nichts als Abscheu und Hass in sich aufsteigen, doch sobald sie dieses jüngere Ich sah… überkam sie eine Sehnsucht, die sie einfach nur beschämte. Wie konnte sie diesen Mann nur vermissen? Nun, vielleicht lag die Antwort wirklich auf der Hand – für sie waren es zwei verschiedene Personen. Einmal Lucius, ihr Mann und Vater ihres Sohnes, und auf der anderen Seite das Scheusal, dass mit ihm abgesehen von seinem Äußeren nichts gemein hatte.

Sie hatte schon so oft versucht, ihren Mann gehen zu lassen, ihn zusammen mit den Bildern und Erinnerungen aus ihrem Leben zu streichen, doch sie brachte es einfach nicht über sich. Es kam ihr selbst absolut falsch und krank vor, aber was sollte sie machen? Sie wehrte sich gegen ihre Gefühle so gut sie es eben konnte, bemühte sich, endlich weiterzuziehen – und hatte jedes Mal den Eindruck, ihren Mann zu betrügen. Einen Mann, den es nicht gab. Nicht mehr.

War es möglich, dass Kingsley wirklich recht hatte? Sie wusste es nicht, aber irgendetwas in ihr hielt den Gedanken für weniger abwegig, als sie es sich selbst Glauben machen wollte. Sie durfte nicht an Lucius hängen, egal wie er in ihrem Kopf existierte. Genau aus diesem Grund hatte sie Draco verboten, ihr beim Auspacken zu helfen. Dass ihr Sohn sie niemals verurteilen würde war ihr mehr als klar, aber er würde versuchen auf sie einzureden – was er nicht musste, weil sie wusste, wie falsch ihr Verhalten doch war. Er würde ihr seine Hilfe anbieten, die Bilder an sich zu nehmen, wenn nicht sogar zu vernichten, und ein kleiner, aber nicht unbedeutender Teil von ihr sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen.

Wie sie es auch drehte und wendete, sie blockierte sich selbst den Weg in ein freies und vor allem glückliches Leben – womit sie wieder bei Kingsley war. Seit Stunden drehten sich ihre Gedanken immer wieder in den gleichen Mustern und Spiralen, die immer nur einen Ausgangspunkt zu kennen schienen – ihr Gespräch.


———- vier Tage zuvor ———-

Unsicher, was sie von Hermines Aktion halten sollte, blickte sie der Brünetten nach, die mit einem letzten Schmunzeln in ihre Richtung die Tür der Unterkunft zuzog, nachdem sie ihren Sohn zuvor aus dem Zimmer komplimentiert hatte. Narzissa hatte den Eindruck, Dracos Murren förmlich bis hierher hören zu können, was bei der Bauweise dieses Hauses gar nicht mal so abwegig war, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich zog – genauer gesagt; jemand anderes.

Ein Mann, den sie vor über einem Monat das letzte Mal gesehen hatte, wobei sie damals sicher nicht im Guten auseinandergegangen waren. Sie hatte ihn aus ihrem Kopf, ihren Gedanken verdrängt, war dabei so viel erfolgreicher als sie es bei Lucius war. Warum musste er nun hier aufkreuzen? Noch dazu vor ihrem Sohn und ihrer möglichen Schwiegertochter-in-spe.

Merlin was tat er überhaupt hier? Woher wusste er, wo sie sich aufhielt? Fragen über Fragen, die die metaphorischen Zahnräder in ihrem Kopf förmlich durchdrehen ließen. Stück für Stück setzen sie eine Theorie nach der anderen in Umlauf, doch die Einzige, die ihr wirklich schlüssig schien…

Wut wallte in ihr auf, als sie geradewegs in das ruhige Gesicht des Mannes vor ihr blickte. Konnte es wirklich sein…? Aber so sehr sie sich auch gegen die Erkenntnis sperrte – es passte alles. Das Ministerium war zweifelsohne in alles verwickelt und wer hatte wohl mehr Macht als der Zaubereiminister persönlich?

„Was führt Sie zu mir, Minister?“ Sie verzichtete bewusst auf höfliche Floskeln, als sie ihn mit kalter Stimme direkt ansprach und sie sah genau, wie sehr sie ihn damit aus der Bahn warf. Warum das wohl so war? Glaubte er etwa, sie würde vor ihm buckeln, nun, da man sie praktisch aus ihrem Haus vertrieben hatte?

Sie hörte sein Aufseufzen, sah das geradezu nachsichtige Kopfschütteln und besäße sie nicht eine derart ausgeprägte Selbstbeherrschung, er säße schon längs auf der Straße, übersäht von Eiterbeulen. Das er es wirklich wagte, sie wie ein kleines, unreifes Kind zu behandeln!

„Narzissa, ich…“

„Für Sie immer noch Lady Malfoy!“ unterbrach sie ihn harsch, doch der gewünschte Effekt blieb aus.

„Weißt du, ich habe wirklich geglaubt, du würdest dich wieder beruhigen – rational an die Sache herantreten, sobald etwas Gras darüber gewachsen ist.“ Sein Tonfall brachte sie zum Kochen. Was bildete er sich eigentlich ein?

Sobald etwas Gras über die Sache gewachsen war? Als wäre diese Situation etwas Banales – etwas  Nichtiges. „Was glaubst du eigentlich? Dass ich über alles, was das Ministerium meiner Familie angetan hat hinwegsehe? Dass ich dich mit offenen Armen empfange, obwohl du dein Versprechen mir beizustehen gebrochen hast?“

„Du hast mich weggeschickt!“ „Und du bist widerstandslos gegangen!“

Mittlerweile schien auch Kingsley nicht mehr ruhig bleiben zu können, als er, frustrierend die Hände zu Fäusten ballend, einen Schritt auf sie zu trat. „Hör auf damit! Hör auf, mir permanent die Schuld für Dinge zuzuschieben, für die ich nichts kann! Du hast es doch selbst gesagt: das Ministerium hat entschieden – es waren Richter, nicht ich!
Weißt du, ich habe in den letzten Wochen alles aufs Spiel gesetzt, um an der ganzen Sache noch irgendetwas zu drehen, obwohl mich das meinen Job kosten kann. Dabei weiß ich ganz genau, dass sich nichts ändern wird, egal ob diese Bemühungen Früchte tragen oder nicht.
Du wirst immer ihn wählen – du hast es damals schon getan. Und wie damals muss ich das akzeptieren, egal wie krank es ist. Er ist nicht mehr dein Mann, Narzissa.“

Unsicher trat die Blonde zurück. Wie waren sie an diesen Punkt gelangt? Zu diesem Thema? Sie wusste es nicht, und die Wendung, die ihr Gespräch gerade nahm Gefahr ihr überhaupt nicht, aber sie würde alles, was in diese Richtung verlief, unterbinden. Krampfhaft versuchte sie, ihre Wut aufrecht zu erhalten. „Das hat nichts damit zu tun, dass…“

Resigniert senkte er seinen Blick, als er ihr das Wort abschnitt. „Erspar uns das einfach, ja? Ich bin nicht dumm, Narzissa! Du versuchst mich mit aller Kraft von dir zu stoßen und dazu ist dir jedes Mittel recht.“

Sprachlos stand sie da, fasste ihn ungläubig ins Auge. Mit seinen Worten hatte er ihr regelrecht den Wind aus den Segeln genommen. Irgendwie war ihr klar, dass zumindest ein Fünkchen Wahrheit hinter dieser Aussage steckte, aber sie wollte es nicht. Weder die Richtigkeit dahinter noch die aufkommende Erinnerung an längst vergangene Zeiten.
Das Einzige, was sie in diesem Moment wirklich wollte, war, dass er endlich ging und es blieb nur eine Möglichkeit, wie sie ihn dazu bringen konnte.

„Warum bist du hier?“ entkam es ihr flüsternd, doch zu mehr war sie nicht imstande. Ja, wenn er einfach vorbrachte, was ihn hierhergeführt hatte, würde ihn nichts mehr hier halten – hoffte sie zumindest.

„Ich habe lange auf die entsprechenden Verantwortlichen einwirken müssen, aber ich konnte Lucius‘ Strafe wenigstens abändern lassen. Es bleibt beim Hausarrest, allerdings soll der nicht mehr auf dem Manor abgesessen werden. In einer Woche wird dein Mann“ verächtlich spie er das letzte Wort geradezu, „in ein anderes Anwesen überführt. Es bleib euch überlassen, ob ihr ein anderes auswählt oder direkt ein neues kauft, wobei letzteres vermutlich besser wäre. Ich habe mit den bestehenden Sicherheitslücken argumentiert, die ein Arrest in heimischer Umgebung mit sich bringt.“

Ohne eine Entgegnung ihrerseits abzuwarten stand er plötzlich auf und schritt zielstrebig auf die Tür zu, die ihr Zimmer vom Gang abgrenzte. „Am besten gibst du deinem Sohn Bescheid, damit er alles in die Wege leiten kann.“

Seine Hand legte sich fest auf den Griff der Tür und mit einem Mal überrollte sie eine Welle der Angst. Was, wenn er nun wirklich ging – für immer? Eigentlich war ja genau das ihr Ziel gewesen, aber… Das durfte nicht passieren. Ihr Mund war schneller als ihr Verstand „Kingsley!“

Sie sah, wie er mitten in seiner Bewegung verharrte, doch er wandte sich nicht um. Einzig sein Schweigen nahm sie als Aufforderung zu sprechen – dabei wusste sie selbst nicht, wieso sie ausgerechnet diesen Punkt richtigstellen wollte. „Ich… ich habe die Scheidung eingereicht.“

Und sie hatte mit vielem gerechnet. Damit, dass er sich umwand, auf sie zukam, oder aber wortlos den Raum verließ. Dennoch traf sie die Worte, die er noch während er die Tür öffnete an sie richtete, vollkommen unvorbereitet. „Du solltest endlich herausfinden, was du wirklich willst!“

Und das letzte was sie vernahm, war das unbarmherzige Zuschlagen der Tür, bevor ihre Beine nachgaben und die einst so stolze Frau auf ihrem Bett zusammenbrach. Nein, keine Träne verließ ihre Augen, doch ihr Blick sprach mehr als tausend Worte.
Sie hatte ihr Ziel erreicht – sie hatte Kingsley Shaklebolt gerade aus ihrem Leben gestrichen, ihn wortwörtlich daraus vertrieben.

Aber warum fühlte es sich an, als bohrten sich abertausende kleine Scherben in ihr Herz? Nun, wahrscheinlich, weil sie gerade den einzigen Menschen von sich gestoßen hatte, der ihr immer kompromisslos zur Seite gestanden hatte.



P.O.V. Hermine

Ungläubig taxierte sie den Brief, der aufgeschlagen vor ihr auf dem Haustisch der Slytherins lag, doch die Buchstaben, die das leicht vergilbte Papier bedeckten, änderten sich nicht, vollkommen egal, wie oft sie blinzelte. Sie spürte an ihrer Schulter wie Draco schwer schluckte, als auch er die Botschaft hinter den Worten zu realisieren schien. Rastlos strichen seine Finger ihre Taille herab, während er gedankenverloren auf seinen Sohn blickte. Normalerweise hätte Hermine die Geste als verfrüht, als zu intim betrachtet angesichts der Tatsache, dass sie ihre Verbindung erst vor wenigen Minuten offiziell gemacht hatten, doch sie schwieg.

Merlin, es lag nichts Sexuelles in ihrer Berührung, aber das Tuscheln und Starren der anderen Schüler hatte kaum abgenommen, nun, da sie ihre öffentliche Distanz zumindest ein Stück weit aufgegeben hatten. Dabei war dies allein den momentanen Umständen geschuldet – weder sie noch Draco waren Menschen, die mit ihrer Beziehung hausieren gingen, aber im Augenblick brauchten sie sich.

Dracos gemurmelte Worte drangen plötzlich an ihr Ohr, was sie ihren Kopf erneut in seine Richtung drehen ließ. „Was hat das zu bedeuten?“
Tja, dass würde sie selbst nur zu gerne wissen, und doch musste sie gestehen: sie hatte keinen blassen Schimmer. Sowohl Blaise als auch Pansy hatten sich inzwischen neugierig zu ihnen hinübergebeugt, aber keiner von beiden schien sich einen Reim auf die Neuigkeit machen zu können – zumindest soweit Hermine es ihrer Mimik entnehmen konnte. Ratlos zuckten sie mit den Schultern, als sie dem fragenden Blick der Gryffindor begegneten.

Enttäuscht und nicht minder unsicher spiegelte sie die Bewegung der beiden. „Ich habe absolut keine Ahnung, aber an sich ist es doch eine gute Nachricht für uns, oder?“
Kaum merklich zuckte sie zusammen, als Draco plötzlich künstlich auflachte, aber nicht die Geste selbst war der Auslöser für ihre Reaktion. Nein, es war die Bitterkeit, die sie mehr als deutlich heraushörte, das Entsetzen in seinem Blick.

Aber warum? Natürlich kam diese Wendung mehr als nur überraschend, aber was sah Draco darin, dass es ihn dermaßen erschütterte? Hermine verstand es einfach nicht. Unsicher wrang sie ihre Hände.

„Diese Nachricht ist vieles, aber ganz sicher nicht gut. Überleg doch mal: ich bin bei ihm, er droht mir und eine Woche später wird er verlegt?! Tut mir leid, wenn ich deinem Optimismus einen Dämpfer verpassen muss, aber ich traue dem ganzen keinen Millimeter, Mine. Da stimmt was nicht!“ insistierte Draco und nun, wo sie es hörte…
Vollkommen unschlüssig war seine Ausführung nicht, aber irgendein Puzzleteil passte nicht ins Bild – sie konnte nur nicht benennen, was es war.

„Aber warum sollte er seine eigene Überführung erwirken wollen? Das ergibt doch keinen Sinn! Er kennt das Manor besser als irgendjemand sonst, von dir und deiner Mutter mal abgesehen. Damit gibt er praktisch seinen Heimvorteil auf.“ war es diesmal Blaise, der sich, einen ungewöhnlich ernsten Ausdruck auf dem Gesicht, zu Wort meldete.

Ein Scheppern erklang, nur um kurze Zeit später vom Husten eines Zweitklässlers ersetzt zu werden, der sich mit rotem Kopf hastig abwandte, während seine Freunde eindringlich zu tuscheln begannen. Unwohl spannten sich die Muskeln in Hermines Körper an. Merlin, sie mussten leiser sprechen – immerhin hatten selbst Hogwarts Wände Ohren!

Sie sah, wie ihr Freund der kleinen Gruppe einen eindringlichen Blick zuwarf, die sich daraufhin peinlich berührt von ihnen fortdrehte, jedoch war jedem der Runde klar, dass ihr Vorhaben, die Sache unauffällig zu besprechen, hiermit nichtig war. Nun ja, es war zugegebenermaßen auch nicht gerade clever gewesen, ein solches Thema hier anzuschneiden.
Ihre Gedanken drehten sich weiter, stoppten jedoch unwillkürlich, als ihre Augen auf ihrem Sitznachbar liegen blieben. Nachdenklich hatte Draco eine Augenbraue gehoben bis sein Blick schlagartig ernst wurde. Ernst… und kalt? „Vielleicht ist es diesmal ja gar nicht von ihm ausgegangen.“

„Wie meinst du das?“ kam es entgeistert von Pansy, die immer noch nicht ganz verdaut zu haben schien, was sie in den letzten Minuten alles erfahren hatte.

„Naja, Blaise hat recht. Er verliert seinen Heimvorteil. Lucius würde niemals einen Trumpf ablegen. Vermutlich geht er selbst davon aus, dass wir seine Verlegung zu verantworten haben – was Scorpius in seinen Fokus rückt. Wenn er wirklich glaubt, ich habe mich über seine Anweisung hinweggesetzt, wird er den Druck erhöhen.“

Sein undurchdringlicher Blick traf Hermine… Und sie begriff.

~⦁●⦁~
Ihr war übel. Nein, mehr noch! Der bittere Geschmack in ihrem Mund und das bedrohliche Brodeln in ihrem Inneren waren Indiz genug, und es verlangte ihr einiges ab, vor Übelkeit nicht direkt auf den Tisch vor ihr zu erbrechen. Aber sie riss sich zusammen.

Dieser Tag war einfach schrecklich. Scorpius, der Brief, Dracos Vermutung – das alles war schlichtweg zu viel für ihre Nerven, zumindest ging sie davon aus. Anders konnte sie sich das beklemmende Gefühl in ihrer Kehle nicht erklären. Seit über einer halben Stunde klammerte sie sich förmlich an die Tüte in ihren Händen – sicher war sicher.
Und beim besten Willen, sie verstand einfach nicht, warum sie ausgerechnet jetzt im Schulleiterbüro antanzen sollten. „Sie“ implizierte Draco, der ihr vor wenigen Minuten gebeichtet hatte, dass McGonagall ihn bereits vor über einer Woche um ein Gespräch gebeten hatte.

Entnervt hatte sie die Augen geschlossen und aufgestöhnt. Er hätte es eben vergessen, hatte er gesagt. Wunderbar! Einfach klasse! Das letzte, was sie im Augenblick gebrauchen konnte, war eine Predigt – wirklich! Wobei die winzige Hoffnung, diese Unterhaltung wäre auf die Gedenkfeier in fünf Tagen bezogen, aktuell ihrem metaphorischen Grashalm entsprach.
Nun, die ruhige Miene, mit der die Ältere ihre Schulsprecher angesprochen hatte, sprach zumindest ein wenig für diese Theorie.

Ein Poltern riss sie aus ihren Gedanken. Irritiert wand sie den Kopf zum Blonden, der nach wie vor die Buchrücken einiger Werke studierte, die in dem ausladenden Möbelstück platzgefunden hatten. Immer wieder hörte sie die leise gemurmelten Titel, und wäre ihre gesundheitliche Verfassung eine andere hätte sie sicherlich schon mehr als einmal nach Luft geschnappt, angesichts der seltenen und vor allem unfassbar teuren Ausgaben, die an diesem Ort versammelt standen. Wobei – es war nichts im Vergleich zu dem, was im Haus ihres Freundes zu finden war!

Doch das Geräusch, das sie erst wieder in die Gegenwart geholt hatte, schien nicht von ihm ausgegangen zu sein, wenn sie seinen fragenden Blick richtig deutete.

„Miss Granger, Mister Malfoy. Bitte setzen Sie sich doch.“ McGonagall. Hermine hatte nicht einmal bemerkt, wie ihre Hauslehrerin den Raum betreten hatte, geschweige denn, dass sie sich inzwischen auf die andere Seite des Schreibtisches begeben hatte. Verdammte Übelkeit! Normalerweise wäre ihr so etwas sicherlich nicht entgangen!

Auch Draco hatte mittlerweile seinen Weg auf den Platz zu Hermines Rechten gefunden. Sie spürte seinen besorgten Blick auf sich, versuchte tapfer, ihm ein besänftigendes Lächeln zu präsentieren, doch sie scheiterte kläglich. Beruhigend strich seine Hand über ihren Oberschenkel, liebkoste ihn, und der Druck, den sein Knie an ihrem ausübte ließ sie ihr Unwohlsein vergessen – zumindest für den Moment.

Irgendwie stellte sich mit diesen körperlichen Seelenstreichlern auch Erleichterung ein, immerhin schien auch er ihre Nähe zu suchen – aber das gehörte nun eindeutig nicht hierher.

„Sie fragen sich sicherlich, weshalb Sie hier sind, nicht?“ Ein tonloses Nicken war alles, was Hermine zustande brachte, von ihren vorherigen Gedanken noch viel zu sehr eingenommen, doch auch Draco ging es nicht anders. Nun, McGonagall schien davon wenig beeindruckt.

„Wie Sie wissen ziehe ich es vor, mein Privatleben auch privat zu halten, aber ich denke, dass ich Ihnen beiden eine Erklärung schuldig bin. Eine Erklärung für mein Verhalten. Deshalb habe ich sie hergebeten.“

Sie musste Draco nicht ansehen um zu wissen, dass er seine Augenbraue in genau diesem Augenblick irritiert aber auch skeptisch gehoben hatte. Ja, ihr ging es ähnlich. Worauf spielte McGonagall da an? Ging es hier immer noch um die Sache mit Harry?

„Alles begann, als ich kurz nach meinem Abschluss einen Mann kennenlernte – einen Muggel. Ich war damals kaum älter als sie beide es nun sind. Vielleicht kennen Sie meinen familiären Hintergrund. Mein Vater hatte jahrelang keinerlei Ahnung von der Existenz der Magie, geschweige denn davon, dass meine Mutter eine Hexe war, bis er es schließlich durch meine ersten magischen Erfahrungen erfuhr. Seit diesem Tag hatte er nichts als Ablehnung für uns übrig. Er hielt uns für anormal – für krank.“
Ihre Professorin schluckte schwer. Was sollte das? In wiefern hatte es etwas mit ihren Entscheidungen zu tun?

Das freudlose Auflachen, das plötzlich aus Richtung der Älteren erklang, ließ Hermines Verwirrung ins Unermessliche wachsen. „Es war wahrlich befreiend, als ich mich auf Hogwarts nicht mehr zu verstecken brauchte. Aber irgendwann kam der Tag, an dem ich glaubte, mich zwischen meiner Freiheit und meiner Liebe entscheiden zu müssen. Ich habe die Möglichkeit, ihn einzuweihen, niemals in Betracht gezogen. Naja, Sie können sich sicherlich denken, welche Wahl ich getroffen habe. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ Sie blieb stumm, unwissend, wie sie mit den Offenbarungen ihrer Lehrerin umgehen sollte. Warum erzählte sie ihnen das?

„Was er nicht wusste war, dass ich selbst ein Kind erwartete – sein Kind, verstehen Sie? Ich bekam es, begann mit dem Studium… Ich habe viele Fehler gemacht, Fehler, die Ihnen nicht unterlaufen und das zu sehen brachte eine Wut auf mich selbst hervor, die ich leider viel zu oft an Ihnen ausgelassen habe. Ich habe studiert, während ich nebenbei ein Kind hatte – nicht umgekehrt! Meine Prioritäten lagen falsch, schon immer.“

Sie war fassungslos – absolut fassungslos. McGonagall hatte… was?!

„Als mein Sohn, Seginus, alt genug war, machte er sich auf die Suche nach seinem Vater, aber der lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Das hat er mir nie verziehen. Dass ich ihm seinen Vater vorenthalten habe, die Möglichkeit, ihn kennenzulernen – dass er nicht einmal von der Existenz unseres Kindes wusste, als er starb. Seginus wand sich damals endgültig von mir ab, nachdem ich meinen ehemaligen Vorgesetzten heiratete. Ich weiß nicht, wo er sich aufhält, wie es ihm geht oder ob er inzwischen selbst eine Familie gegründet hat.
Ich weiß, dass ich seinen Zorn verdiene, aber das macht es nicht einfacher zu akzeptieren, dass ich ihn aufgrund meines Egoismus für immer verloren habe.“

Die Hauslehrerin der Gryffindor wurde von ihren eigenen Worten sichtlich aufgewühlt, schluckte schwer, bis… sich tatsächlich eine Träne aus ihrem Augenwinkel stahl. Merlin, dieses neue Wissen um die Schulleiterin war einfach – erschütternd, ja, das beschrieb am ehesten, was Hermine gerade fühlte.
Wie sollte ausgerechnet die Frau vor ihr, die sich seit Jahrzehnten streng aber auch liebevoll um ihre Schüler kümmerte, so als Mutter versagt haben? Das passte einfach nicht zusammen.

Sie vernahm das Räuspern, wusste, dass sich die Andere krampfhaft um Fassung bemühte.
„Sie werden meinen Fehler nicht wiederholen, da bin ich mir absolut sicher. Trotz ihres Alters und der Umstände sind Sie schon jetzt tausendmal bessere Eltern, als ich es in meinem gesamten Leben je war, und leider schmerzt genau diese Erkenntnis. Ich habe es an Ihnen ausgelassen. Ich will, dass Sie wissen, weshalb ich mich derart unangebracht verhalten habe – insbesondere dann, als unser Besucher frisch hier eingetroffen ist. Allerdings bitte ich Sie, nie wieder ein Wort über diese Unterhaltung zu verlieren!“

Irgendwie wusste sie, dass die Worte der Hexe nur der Hälfte der Wahrheit entsprachen – sie sah es in ihren Augen. McGonagall wollte, musste sogar darüber reden. Hermine wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es ihr wirklich ging. Scheinbar hatte sie all ihren Kummer in sich versteckt, sich niemandem anvertraut.

Und obwohl sie hier und jetzt die Möglichkeit hätte, der Älteren beizustehen – sie konnte es nicht. Nicht jetzt, wo es ihr körperlich so schlecht ging. Nicht jetzt, während ihr Sohn bei Dracos Freunden auf die Rückkehr seiner Eltern wartete. Nicht jetzt, wo sie so viel mit Lucius, ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Eltern und Freunden um die Ohren hatte.
Also tat sie nichts, außer stumm zu nicken – wieder einmal.
Machte sie das zu einem schlechten Mensch? Vielleicht, allerdings war sie eben einfach überfordert und außerdem… lag McGonagall mit ihrer Einschätzung daneben, denn auch Hermine selbst hatte zu Beginn nicht so zu ihrer Familie gestanden, wie sie es hätte tun sollen.
Sie schluckte schwer, krampfte ihre Hand  immer fester um Dracos, ohne es wirklich wahrzunehmen, als der Schwindel sie wie aus dem Nichts überkam.

Sie realisierte kaum mehr wirklich, was geschah. Nicht die unsichere Geste, mit der ihre Schulleiterin sie entließ, nicht die Abschiedsfloskeln ihres Freundes, die er selbst aus Verunsicherung heraus gebrauchte. Selbst ihren Aufbruch zum fünften Stock und das Erreichen der Treppen bemerkte sie kaum.
Da war nur noch eins.

Sie spürte, wie ihre Beine immer stärker unter der Belastung erzitterten, krallte sich krampfhaft am Treppengeländer fest, doch egal wie oft sie versuchte, tief durchzuatmen – es brachte nichts. Die schwarzen Schatten, die Hermines Sichtfeld begrenzten, breiteten sich immer weiter aus und allmählich wallte Panik in ihr auf. Was war hier los?  

Das Dröhnen in ihrem Kopf wurde unerträglich. Sie öffnete den Mund, wollte sich an Draco wenden, allerdings schien ihr Sprachzentrum ihrem stummen Befehl einfach nicht Folge zu leisten. Kein Laut verließ ihre Kehle. War es die Angst, die ihr den Hals so plötzlich zuschnürte?
Das Bild vor ihren Augen verschwamm immer weiter, ihr Atem ging hektischer. Merlin, warum?
Und dann….

Ihre Beine brachen unter der Last ihres eigenen Körpers zusammen und das letzte was sie spürte waren Dracos Finger, die verzweifelt nach ihrem Handgelenk griffen – vergeblich. Dunkelheit umging sie…
und sie fiel.

————————————
Einen frohen dritten Advent euch allen!
Vielen lieben Dank für euer Verständnis und die lieben Rückmeldungen, ich habe mich sehr darüber gefreut ;)

Beim Bearbeiten meiner Puffer ist mir etwas aufgefallen, was euch sicherlich interessieren dürfte; diese Geschichte neigt sich allmählich dem Ende zu.
Je nachdem, wie detailliert ich auf einige Aspekte eingehen werde, gehe ich aktuell grob von fünf bis zehn Kapiteln aus (allerdings ohne Gewähr ;) )
Ich dachte mir, dass ihr das wissen solltet.
Hoffentlich gefällt euch dieses Kapitel, auch wenn zugegebenermaßen nicht viel passiert - in den Kommenden wird es anders aussehen. Vielleicht finden einige von euch den Exkurs zu den anderen Nebencharakteren ja auch ganz interessant, wer weiß?

Ganz liebe Grüße und bis demnächst!
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