Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
21.02.2021
41
144.386
32
Alle Kapitel
89 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
29.11.2020 3.343
 
P.O.V. Hermine

Sie fühlte sich wie gerädert. Taub und dumpf. Sekündlich rasten erneute Schmerzwellen durch ihren förmlich von Schweiß gebadeten Körper, doch inzwischen war sie selbst zu schwach, um aufzuschreien. Sie nahm kaum noch etwas wahr. Das Stimmengewirr, der Schmerz, ihre Erschöpfung – das alles war in den Hintergrund getreten. Nur eines spürte sie in diesem Moment mehr als deutlich.
Es lief nicht, wie es sollte. Etwas war hier falsch.

Sie wusste nicht, was es war, aber es machte ihr panische Angst. Die Stimmen wurden immer lauter, immer verworrener, schienen zusehends besorgter und heftiger zu erklingen, aber sie verstand die Worte nicht. Sie hatte keine Kraft mehr.

Warum, bei Merlin, hatte sie nicht gehört? Warum jetzt?
Schwach kippte ihr Kopf nach links. Dort saß er, ihre Hand umklammert und völlig am Ende. Seine Haare waren zerzaust, seine rechte Wange von einigen noch frischen Striemen bedeckt, während sich allmählich tiefer werdende Ringe unter seinen grauen Augen abzeichneten. Draco.
Ihr Draco.

Ihm war anzusehen, wie sehr er litt – natürlich nicht auf dieselbe Art wie sie, aber mental.
Sie wusste nicht, zum wievielten Mal die Schmerzen sie überrannten, aber diesmal war es so viel heftiger als zuvor. Erstickt keuchte sie auf, blendete die Worte aus, die die Mittfünfzigerin am unteren Ende ihres Bettes murmelte, und klammerte sich praktisch mit letzter Kraft an die Hand ihres Partners.

Warum hörte sie die Schreie nicht? Was war hier los? Tränen rannen über ihre Wangen, doch es war ihr egal. Niemals hatte sie eine derartige Angst verspürt, wie sie es in diesem Moment tat. Es zerriss sie innerlich.

Sekunden, die sich wie Minuten und Stunden anfühlten, verstrichen, bis sie endlich das hörte, worauf sie so lange hin gezittert hatten. Ein erstickter Ton, einem Lachen ähnlich, entkam ihr. Schwach, doch mit gehobenen Mundwinkeln blickte sie den Blonden an, der immer noch mit der Situation zu kämpfen schien – bis sich ein strahlendes Grinsen auf seinen Zügen breit machte. Ein ehrliches Grinsen.

Merlin, sie waren komplett. Endlich.
Seine warmen Lippen berührten ihre Stirn, ihre Schläfen, Wangen und Lippen, während er ihr immer wieder diese süßen Worte zuflüsterte.

Und sie hatte geglaubt, nicht glücklicher sein zu können. Die Muggelärztin war es letztlich, die Draco ihren Sohn übergab.

Schluchzen erfüllte den Raum.


Unwillkürlich schreckte sie auf, im ersten Moment völlig orientierungslos. Ihre Hand fuhr zittrig über ihr Gesicht, als sie sich langsam aufrichtete. Schmerzvoll zuckte sie zusammen, als sich ein Stechen in ihrem Nacken bemerkbar machte. Nur langsam trat die Erkenntnis ein.

Sie war eingeschlafen, genau. Sie hatte Scorpius zum Mittagsschlaf gelegt, als sie ihn endlich beruhigen konnte und war kurz darauf selbst erschöpft am Schreibtisch eingenickt.
Seit Tagen schlief ihr Kleiner unruhig, weinte häufig und aß schlecht. Inzwischen schien er sogar Fieber entwickelt zu haben, was sie allerdings erst vor wenigen Stunden bemerkt hatte. Wieder haderte sie mit sich.
Der Weg zum Krankenflügel war nicht weit, doch ihr Kollege hatte sich gegen einen Besuch bei der Medihexe ausgesprochen.

Nun, Draco war nicht hier. Blaise hatte irgendetwas mit ihm besprechen wollen, weshalb er heute am Unterricht teilgenommen hatte. Eigentlich war geplant gewesen, Scorpius nach Möglichkeit einfach mitzunehmen, damit keiner von ihnen zu hohe Fehlstunden bekam, aber in seinem Zustand… Außerdem wusste nach wie vor niemand außer ihren Freunden der Lehrerschaft von der Existenz und Anwesenheit ihres Sohnes.

Merlin, es kam ihr vor, als wären schon Monate vergangen, dabei waren Draco und Scorpius erst vor exakt einer Woche aufs Schloss gekommen.
Eine Woche, seit sie ihren Sohn kennenlernte.
Fünf Tage, seit sich ihr Leben durch Lucius, ihre Freunde und die Nacht mit Draco erneut geändert hatte.
Vier Tage, seit sie die Wahrheit über den Grund seines Handelns kannte.

Und jetzt? Jetzt saß sie hier, unsicher, was sie tun sollte. Eigentlich wollte sie bereits am Montag zu Madame Pomfrey gehen, doch der Blonde hatte sie abgehalten. Es wäre doch ganz normal – nicht schlimm. Dass sie nicht lachte. Es waren drei Tage vergangen, ganze zweiundsiebzig Stunden, und absolut nichts hatte sich geändert, geschweige denn gebessert.
Inzwischen war sie schon kurz davor, einfach zu Poppy zu gehen – egal was Draco sagte. Fieber, verdammt! Das konnte nichts Harmloses sein.
Aber andererseits; es wäre ein enormer Vertrauensbruch, dass wusste sie.

Ihr Blick glitt zu ihrem Sohn, der sich unruhig in seinem Bettchen wand. Sie hatten den Möbelzauber nicht aufgehoben, obwohl sie seit dieser einen Nacht nicht mehr hier übernachtet hatte. Scorpius müsste lernen, auch allein zu schlafen, hatte Draco behauptet. Nun, die Tatsache, dass sie selbst seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr dazu in der Lage war, hinterließ in diesem Kontext einen mehr als nur bitteren Beigeschmack. Manchmal hatte sie schwer mit sich zu kämpfen, nicht einfach aufzustehen und sich zu ihm zu legen, sich an ihn zu schmiegen, wenn sie von Träumen verfolgt nicht in der Lage war, Ruhe zu finden.

Allgemein hatte der Slytherin keinerlei Anstalten gemacht, sich ihr auf irgendeiner Weise körperlich zu nähern. Keine Küsse, kein Rummachen und erst recht keinen Sex. Merlin, nicht mal zu einer Umarmung war es seither gekommen – allenfalls Händchenhalten.

Vielleicht war das ja seine Art ihr zu zeigen, für wie falsch er diese… Sache… zwischen ihnen hielt, nahm sie dumpf an. Im selben Moment hasste sie sich für ihre Unsicherheit. War es nicht genau das, was sie ihm im Stillen ankreidete? Dass er ihr nicht genug vertraute? Dass er im Bezug auf sie derart unsicher war?
Was, wenn er ihr einfach Zeit lassen wollte, ohne zu wissen, dass sie die nicht brauchte? Warum konnte keiner von ihnen den Mund aufmachen und einfach klar äußern, wo sie eigentlich standen?
Schwer atmete sie aus, während sie ihrem Sohn eine verirrte Strähne aus der Stirn strich.

„Deine Eltern sind echt kompliziert, oder?“ Scorpius reagierte kaum auf ihre Ansprach. Kein Wunder. Nur seinen Kopf drehte er im Schlaf grummelnd von ihr weg. Merlin, sein Anblick erinnerte in diesem Moment unglaublich an seinen Vater, stellte sie schmunzelnd fest.
Und je mehr Zeit sie mit ihrem Sohn verbrachte, desto öfter erkannte sie den Slytherin in ihm.

Eigentlich war es unfair. Da trug man monatelang ein neues Leben in und mit sich, erduldete sämtliche mit der Schwangerschaft einhergehende Leiden, wurde bei der Geburt mit kaum auszuhaltenden Schmerzen gequält – und am Ende kam das Kind voll und ganz auf den Herrn der Schöpfung. Nun, manchmal war man als Frau und Mutter wirklich gestraft!
Ihre Gedanken glitten zurück zu ihrem Traum. Inzwischen kam es immer häufiger vor, dass sie sich an diese Traumbilder erinnerte – aber waren sie das überhaupt? Träume? Irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen, diese… Visionen… einfach als Fantasien abzustempeln. Nein, dazu fühlten sie sich viel zu real an. Oft raste ihr Herz, sobald sie aufwachte, oder sie verspürte Empfindungen, die sich nicht allein mit einer Illusion erklären ließen. Immer mehr drängte sich ihr die Vermutung auf, es könnten wirklich… einige ihrer Erinnerungen sein.

Hieß es nicht, dass gewisse Grenzen und Schwellen beim Träumen sanken? War es dann nicht auch möglich, dass sie unterbewusst durchaus auf ihre Vergangenheit zugreifen konnte – wenn auch nicht gezielt? Draco hatte selbst gesagt, dass er ihr niemals ihr Gedächtnis nehmen wollte.
Wenn er den Zauber also wirklich schwach genug ausgeführt hatte, wäre es möglich, dass diese Bilder ihres letzten Schlafs ihr die Geburt ihres Sohnes zeigten.

Und dennoch; irgendetwas an der Szene hatte sie verwirrt – sogar sehr stark. Sie war nicht imstande zu sagen, was es gewesen war, aber…

Abwesend streichelte sie die schlafende Gestalt ihres Sohnes. Wie er nun so hier lag, rief ihr immer wieder ins Gedächtnis… dass sie wirklich Mutter war. Etwas, was sie zwar wusste, aber immer noch nur schwer realisieren konnte. Er sah aus wie damals, klein, zerbrechlich und unschuldig.

Nur die hitzig geröteten Wangen und die glühende Stirn passten nicht ins Bild. Innerlich rügte sie sich. Ihrem Sohn ging es nicht gut, und sie fantasierte über ihre Träume? Sie sollte endlich handeln, Merlin nochmal. Aber was konnte sie tun, ohne Dracos Vertrauen zu missbrauchen? Hermine überlegte fieberhaft, doch keine ihrer Ideen brachte sie einem Ergebnis näher, bis…

Ein unsicheres Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Ja, mit genau diesem Plan würde sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – sollte er aufgehen. Ihr inneres Teufelchen vollführte förmlich einen Freudentanz, während sie die Stimme ignorierte, die ihr kaum hörbar zuflüsterte, sie sollte es lieber lassen.
Ihr Entschluss stand fest!


P.O.V. Draco

Seufzend ließ sich Draco auf die hölzerne Bank fallen, die den Haustisch der Slytherins flankierte. Sein Blick durchschweifte die große Halle, während er sich langsam die schmerzenden Schläfen rieb. Er sah, wie die Schulleiterin energisch auf ihre Kollegen einredete, spürte deren Blicke auf sich, doch er wand sich schnell ab. Es war ihm egal – nun, da er wusste, worum es ging. Der Saal war voll, laut, und von überall her dröhnten die Stimmen der tratschenden Schüler auf ihn ein. Dabei wünschte er sich in Moment nichts sehnlicher als seine Ruhe.

Kurz sah er zu Blaise, der nach wie vor konzentriert auf seinen Teller blickte. Eigentlich hatte der Schwarzhaarige dringend mit ihm reden wollen, doch nun schien ihnen immer wieder etwas dazwischen zu kommen. Sein bester Freund hatte heute Morgen kaum den Mund aufgemacht, als es schon losging: eine Zweitklässlerin war auf der Treppe ausgerutscht und hatte sich dabei den Fuß gebrochen, sodass er sie – ganz seinem Amt als Schulsprecher entsprechend – zu Madame Pomfrey hatte tragen müssen. Als er endlich im Klassenraum saß, hatte er natürlich keine Möglichkeit mehr gehabt, mit Blaise zu reden. Als sie nach Verteidigung den Raum wechseln mussten, stand plötzlich Ginny Weasley vor ihm, die wohl angenommen hatte, seine Verspätung hätte etwas mit Hermine zu tun. Und so kurz diese Unterhaltung auch gedauert hatte – sein Zeitpuffer war dahin gewesen. Selbst jetzt, auf dem Weg zum Mittagessen, musste ihn selbstverständlich McGonagall abpassen, um ihn für ein Gespräch über Scorpius in Beschlag zu nehmen.

Kurz gesagt: der Tag war bereits jetzt mehr als anstrengend. Die Tatsache, dass sein Sohn bereits seit Tagen zahnte und dementsprechend nachts häufiger aufwachte, weinte und quengelte, machte es nicht wirklich besser. Salazar, vielleicht war es doch eine schlechte Idee gewesen, sein letztes Jahr auf Hogwarts zu wiederholen. Es war einfach ermüdend.

Hermine ging es ähnlich wie ihm, dass wusste er. Genau deshalb hatte er auch darauf bestanden, ihr Kind bei sich schlafen zu lassen, statt sich abzuwechseln, denn im Gegensatz zu ihm hatte sie eine derartige Situation noch nie mitgemacht. Er wollte ihr nur helfen, aber egal wie sehr er sich bemühte, ihr Dinge abzunehmen – es half nichts. Ihre Züge wurden von Tag zu Tag müder und sie machte keinerlei Anstalten, in irgendeiner Weise auf ihn zuzugehen.

Vielleicht überforderte sie das alles? Er schluckte kurz, als er den Blick auf das Glas Wasser in seiner Hand senkte. War es möglich, dass sie jetzt, wo sie bemerkte, wie anstrengend ein Kind sein konnte, versuchte, sich abzukapseln? Entschieden schüttelte er den Kopf. Allein der Gedanke war absurd. Merlin, sie hatte sich solche Sorgen gemacht, als Scorpius fast eine Stunde lang nur am Weinen und Wimmern war, weil ihn niemand beruhigen konnte. Und er selbst? Er konnte Hermine kaum beruhigen.

„Dray?“ Sein Kopf fuhr herum, direkt in Richtung der Person, die ihn so abrupt aus seinen Gedanken gerissen hatte. Blaise. Erst jetzt bemerkte er, dass sich inzwischen auch Pansy neben seinem besten Freund niedergelassen hatte. Beide sahen ihn abwartend an. Warum?

Ein undefinierbarer Laut, einem Brummen gleich, entkam seiner Kehle, doch das eigentlich abweisend wirkende Verhalten schien seine Freunde nicht im Geringsten zu beeindrucken. Lediglich Blaise´ Stirn kräuselte sich weiter. Auch Pansys Augen spiegelten ihre Sorge wider, als sie ihre Worte erneut an Draco richtete: „Was ist los? Du warst seit Tagen nicht mehr so in Gedanken wie heute.“

Er konnte nicht anders als sarkastisch aufzuprusten. Ja, was war los? „Du meinst mal davon abgesehen, dass Astoria frühestens in einer Woche hier einsteigen kann und wir deshalb enormen Stress mit der Betreuung haben, Scorpius zahnt, Hermine sich bis jetzt praktisch mit ihm vor den anderen Schülern verstecken musste, wir uns nebenbei noch im Kreis drehen, sobald es um unser Verhältnis geht und uns zu guter Letzt noch Lucius im Nacken sitzt?“
Er klang patziger als beabsichtigt, aber… hatte er nicht auch das Recht dazu? Gut, vielleicht sollte er es nicht an seinen Freunden auslassen, aber er wusste, dass sie ihn verstanden. Seine Nerven lagen einfach blank.

„Was das angeht, wollte ich eh mit dir reden. Als zum Thema Lucius.“ Unsicher blickte der Blonde seinen besten Freund an. Warum musste Blaise es ausgerechnet hier ansprechen? Der Schwarzhaarige schien seine Gedanken genau nachvollziehen zu können. „Ich weiß, dass es hier mehr als ungünstig ist, aber ich habe mal etwas nachgeforscht, woher Lucius vom Knirps wissen könnte. Mein Onkel hat sich im Ministerium mal umgehört…“

„Du hast doch gar keinen Onkel?“ Innerlich danke er Pansy, dass sie genau das ausgesprochen hatte, was auch ihm durch den Kopf geschossen war, doch irritierenderweise wank Blaise lediglich ab. „Genau genommen ist er der jüngere Bruder des sechsten Mannes meiner Mutter, aber das ist doch jetzt egal, Leute. Jedenfalls arbeitet er im Ministerium und laut ihm gibt es in den Akten zu deiner Familie keinen Hinweis oder Vermerk auf Scorp, Draco. Verstehst du? Derjenige, der Lucius informiert hat, ist kein einfacher Ministeriumsangestellter, der geschmiert wurde.“

„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“ Seine Stimme klang rau und kratzig, doch dieses neue Wissen überforderte ihn.
„Also laut Matthew kommen nur zwei Gruppen infrage. Die Lehrkräfte und die Schülerschaft Hogwarts – oder genauer: jeder, der Zugang zum Schloss hat.“

Empört schnitt Pansy ihrem Freund das Wort ab. „Aber das ergibt doch keinen Sinn. Die Schüler wissen nichts, und die, die es wissen, würden es niemals an Lucius weitergeben. Merlin, dann blieben nur die Lehrkräfte und ich kann mir nicht vorstellen, dass einer unserer Professoren korrumpiert wurde.“

Ein Teil von ihm gab Pansy recht, doch ein anderer – ungemein größerer – war sich da nicht so sicher.
Eine Nachwirkung des Krieges war, dass er für lange Zeit niemandem richtig über den Weg traute – mit Ausnahme der beiden Slytherins, die ihm nun gegenübersaßen. Dieser Zustand hatte sich in den vergangenen Wochen immer weiter gebessert – und nun fühlte es sich an, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Ausdruckslos wanderte sein Blick durch den Raum. Es schien, als wären sie unbeobachtet, aber… war das wirklich der Fall? Das Verhalten der Lehrer! War es vielleicht wirklich einer von ihnen? Gehetzt schloss er die Augen, ballte die Hände zu Fäusten und zwang sich, tief durchzuatmen. Er durfte jetzt nicht paranoid reagieren! Er durfte nicht…

„Verdammt!“ Vom Ausruf des Dunkelhäutigen irritiert öffnete er die Augen, doch der Blick des jungen Mannes lag starr auf dem Eingangsportal der Halle. Schlagartig wurde ihm schlecht, als er diesem Blick folgte, denn die Person, die energischen Schrittes geradewegs auf sie zukam war Hermine… die Scorpius auf dem Arm trug.

Ja, „verdammt“ traf es ziemlich gut.


P.O.V. Hermine

Die Stille, die sich mit ihrem Eintreten über die Halle gelegt hatte, wich schlagartig dem Getuschel der Schüler und sie nahm im Augenwinkel wahr, dass der Aufruhr auch den Lehrertisch erreichte, doch sie ließ sich davon nicht tangieren – versuchte, das Stimmengewirr einfach auszublenden.
Er kostete sie keine drei Sekunden, bis sie einen Blick auf den Blonden erhascht hatte, der ihr Ziel stellte. Draco hatte sie noch nicht bemerkt.

Je näher sie kam, desto deutlicher sah sie, dass er in Gedanken versunken schien. Ob es etwas mit dem zu tun hatte, was Blaise von ihm wollte? Noch bevor sie ihren Gedanken ausführen konnte, blickte sie plötzlich direkt ins Gesicht des Schwarzhaarigen. Unwillkürlich zuckte sie zusammen, als sich seine Züge verhärteten, doch ihre Beine trugen sie weiter in Richtung der Slytherins. Mit jedem Schritt schrumpfte ihre Entschlossenheit ein Stückchen weiter, aber das durfte sie sich nicht anmerken lassen! Merlin, vielleicht war es doch eine schlechte Idee gewesen, schoss es ihr durch den Kopf. Aber jetzt war es zu spät!

Ein merkwürdiges Bild entstand in ihrem Kopf. Es wirkte beinahe, als wären sie und Scorp die neuste Attraktion eines Exoten-Zoos, die nun von allen Seiten begafft und beobachtet wurde. Warum hielt sie das nochmal für eine gute Idee? Sie wusste es nicht mehr.

Kaum zehn Yards, bevor sie den Tisch erreichte, spürte sie, wie sich ein weiteres Augenpaar auf ihre Gestalt legte. Sie schluckte schwer. Draco hatte sie also entdeckt, und sein Blick – nun, er wirkte nicht sehr einladend. Vielmehr… schockiert und fassungslos!
Irgendetwas lag in seinen Augen, etwas, was sie nicht definieren konnte, aber es ließ sie ihren Sohn fest an sich pressen.

Regungslos saß der Blonde da, den Blick bemüht ausdruckslos und starr auf sie gerichtet, bis er plötzlich aufstand, als sie kaum eine Armlänge von ihm entfernt zum Stehen kam. Unsicher verharrte sie, als er die Distanz überbrückte.

„Was, verdammt nochmal, machst du hier? Noch dazu mit ihm?“ Etwas blitze in seinen Augen auf, und auch seine Worte trugen keinesfalls dazu bei, dass sie sich entspannte. Warum reagierte er so? Schämte er sich plötzlich für sie oder steckte etwas anderes dahinter, dass er auf Biegen und Brechen nicht wollte, dass man von ihnen wusste?
Ohne auf seine Fragen einzugehen drückte sie ihm ihren Sohn in den Arm. Ihre Nervosität bestmöglich herunterschluckend, wandte sie sich in Richtung des Publikums, das das Geschehen nach wie vor gebannt verfolgte.

Ja, sie hatte diese Heimlichtuerei sattgehabt, aber so hatte sie sich das Ganze nicht vorgestellt. Jetzt hieß es Augen zu und durch.
Sie spürte Dracos verwirrten Blick, als sie ihren Zauberstab zückte, doch auch diesmal ignorierte sie ihn. Mit einem unauffälligen Schlenker vollzog sie den Sonorus.

Ein letztes Mal atmete sie tief durch, versuchte, ihr wie wild rasendes Herz zu beruhigen – vergeblich.
„Ich weiß, dass in den letzten Sekunden vermutlich die absurdesten Theorien entstanden sind, was es mit dieser Situation auf sich hat. Und geradeheraus gesagt ist das auch der einzige Grund, aus dem ich jetzt zu euch spreche. Der Junge auf Dracos Armen ist unser Sohn. Aus gegebenen Umständen lebt er bei uns, weshalb wir ihn in den kommenden Tagen auch immer wieder mit in den Unterricht nehmen werden – er wird keinen von euch stören, keine Sorge. Viele von euch werden Fragen haben, aber das Ganze geht nur uns etwas an, daher würden wir euch bitten, uns einfach Zeit und Ruhe zu lassen. Danke.“

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es, als sie den Zauber beendete. Jeder saß erstarrt – einige geschockt, andere sprachlos oder verwirrt.
Ihr Innerstes verkrampfte. Irgendwie hatte sie es sich befreiender vorgestellt, die Wahrheit auszusprechen, aber nun, da sie sich Unverständnis und Entsetzen entgegensah…

Ihr Blick huschte zu Draco, der völlig überfordert auf die Bank zurücksank und sie die Nasenwurzel massierte, bis… ein Klatschen erklang. Irritiert drehten sich mehrere Köpfe in die Richtung, aus der das Geräusch erklungen war. Der Lehrertisch. Und vor ihm – McGonagall, die mit einem sanften Lächeln auf den Lippen… applaudierte? Es verstrichen Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten, als immer mehr Lehrkräfte mit einfielen, und schließlich auch Ginny, Blaise und Pansy.

Entgeistert ließ sie sich neben dem Blonden nieder, unwissend, wie sie mit der plötzlichen Wendung der Geschehnisse umgehen sollte, als sich ein Arm um sie schlang. Kurz schnappte sie nach Luft, als der warme Stoß ihr Ohr erreichte. „Was auch immer das hier sollte – darüber reden wir noch.“ Ein Schauder jagte über ihren Rücken, aber nicht zwangsläufig einer der unangenehmen Sorte. Gott, es kam ihr vor, als wären Jahre vergangen, seit er sie das letzte Mal so gehalten hatte, und ohne weiter darüber nachzudenken lehnte sie sich weiter an ihn.

Vergessen waren die anderen Schüler, die Lehrer oder sonstige Gestalten, die sich in dieser Halle tummelten. Es gab nur noch Draco, ihren Sohn und sie selbst. „Es ist wirklich raus. Kein Versteck-Spiel mehr.“

„Wir müssen vorsichtig sein, Hermine. Vielleicht sogar noch mehr als vorher.“ Warum war er nur so ein Pessimist? Sie öffnete den Mund, wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ein Schatten auf sie viel. Eine Eule? Irritiert griff sie nach dem Brief, den das Tier vor ihr abgeworfen hatte, und öffnete ihn.

Sie spürte Dracos Kinn auf ihrer Schulter ruhen, als er ebenfalls die Zeilen überflog. Ungläubig blickte sie ihn an. Was, bei Merlin, sollte das nun bedeuten?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast