Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
26
Alle Kapitel
76 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.10.2020 3.856
 
P.O.V. Hermine

„Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter, Harry. Und ich bin seine.“

Ihre eigenen Worte hallten in ihrem Kopf nach – immer und immer wieder. Dennoch war die Stille, die sich in diesem Raum ausgebreitet hatte, schier unerträglich – und dabei schien nicht nur sie so zu empfinden. Während sie sich mit zittrigen Händen hinter ihren Sohn gestellt hatte, stand Harry nach wie vor unbewegt in einer vollkommenen Schockstarre gefangen am Eingang, wohingegen Ron, der in diesen Sekunden mit der kompletten Welt überfordert zu sein schien, unablässig von einem Bein auf andere drippelte. Merlin!  

Hermine wand ihren Blick von ihren Freunden ab. Das hier war richtig, das wusste sie, aber es war so unendlich schwer! So sollte es nicht sein. Nicht unvorbereitet zwischen Tür und Angel. Sie hatte sich in Hogsmeade mit den Jungs verabreden und sie langsam an das Thema Draco heranführen wollen. Sie wollte, dass sie ihn kennenlernten – sein wahres Ich. Und jetzt?

Jetzt betete sie einfach nur, ihre Freunde würden sie nicht verstoßen. Genau in diesem Moment hätte sie so dringend einen Halt gebraucht – Ginny, Mira, Draco… irgendwen! Aber niemand war da. Mit jeder verstreichenden Sekunde fühlte es sich an, als würde sie ungebremst auf eine Katastrophe zusteuern. Scharf sog sie die Luft ein, als sie plötzlich die Stimme des Rothaarigen vernahm. Seine Worte stachen wie tausende kleiner Scherben in ihr Herz.

„Das ist ein Witz, oder? Mensch, Hermine! Ich freu mich ja, wenn du deinen Humor wieder hast, aber wir müssen echt dringend an ihm arbeiten. Ich meine…“ Sie hörte es. Hörte, wie verzweifelt und gezwungen die vereinzelten Lacher ihres besten Freundes waren. So war er eben – so war Ron.
So war er schon immer gewesen, denn sie kannte ihn nicht anders. Es war typisch für ihn, Dinge, mit denen er nicht umgehen konnte, als Scherz abzustempeln und ihr war klar, was nun folgen würde.

Sobald sie ihm antworten würde, dass sie es ernst meinte, würde er durchdrehen. Er würde alle Hinweise, Indizien und Aussagen ihrerseits ignorieren, verdrängen und verleugnen und dann… dann würde er fliehen – vor ihren Worten, der Wahrheit und ihr selbst.

Am Rande nahm sie wahr, dass Harry einen Schritt auf den jüngsten Weasley-Sohn zugemacht hatte, doch er sprach weiterhin kein Wort. Selbst dann nicht, als sie zu einer Erwiderung ansetzte. Sie fühlte sich leer, dumpf und doch so voller Verzweiflung – und Erleichterung? Es musste einfach aus ihr heraus, auch wenn sie die ganze Situation allmählich in Panik versetzte. „Ich meine es ernst, Ron. Es ist kein Witz. Scorpius ist mein Sohn. Meiner und Dracos.“

„Nein! Verdammt, Harry, bitte sag mir, dass sie den ersten August vorverlegt hat.“ Hermine schluckte. So verzweifelt wie in diesem Augenblick hatte sie ihren besten Freund selten erlebt – eigentlich nie. „Ron, du meinst den ersten April und ich glaube nicht, dass sie uns aufs Korn nehmen will. Sieh sie dir doch mal an! Sie ist vollkommen fertig.“ Selbst Harrys Stimme zitterte bei seinen Worten, doch Hermine zwang sich zu einem dankbaren Lächeln. Er verurteilte sie nicht – noch nicht! Das alles war ein einziges, großes Desaster!

Ron schnaufte. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Für einen Moment wusste sie nicht, wen der Gryffindor meinte, doch relativ schnell wurde ihr klar, dass er es selbst nicht zu wissen schien. Er stand kurz vorm Hyperventilieren. Atemlos sah sie, wie er sich gestresst in die Nasenwurzel kniff, als sein eisiger Blick plötzlich auf ihr zum Liegen kam.
„Du willst uns also ernsthaft erzählen, dass du dir von diesem Mistkerl ein Kind hast machen lassen? Dann schau dir den Jungen doch mal an! Wie alt ist er – ein Jahr? Das… das kann doch gar nicht sein!“

Hilflos wandte er sich an Harry, während sein Blick den Schwarzhaarigen förmlich um Bestätigung anflehte, doch Hermine wusste, dass er sie nicht erhalten würde. Harry blieb stumm, doch seine gerunzelte Stirn zeigte unverkennbar, dass sich die Gedanken in seinem Kopf geradezu überschlugen.

Fassungslos beobachtete sie, wie Ron plötzlich und ohne jede Vorwarnung aufschrie, während er brachial gegen den ihm am nächsten stehenden Gegenstand trat – ein Stuhl des Esszimmertisches. Mit einem Mal geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Drei Gestalten betraten unangekündigt die Schulsprecherunterkunft, doch Hermine hatte gerade absolut keinen Blick für sie. Stattdessen griff sie eilig nach Scorpius, der bei Rons Ausbruch zu weinen begonnen hatte und presste ihn ohne groß darüber nachzudenken an ihre Brust, während sie mit ihrer Rechten sein Ohr verdeckte und ihm zugleich über die blonden Locken strich. „Hey, mein Schatz! Alles ist gut, hörst du? Alles gut! Ich bin ja da…“
Es funktionierte! Tatsächlich schien sich der Kleine mit jedem weiteren Schlag ihres Herzens zu beruhigen. Ihn nach wie vor leicht umherschaukelnd lenkte sie ihren Blick erneut auf ihren besten Freund, doch diesmal schienen die Rollen vertauscht zu sein. Wütend funkelte sie ihn an, während Ron kaum fähig war, diesen Blick zu erwidern. Schock und Resignation standen ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Neuankömmlinge immer noch ausblendend legte die Brünette einen Stillezauber um ihren Sohn, bevor sie ihrer Wut freien Lauf ließ. „Bist du eigentlich vollkommen des Wahnsinns? Du kannst doch keine Möbel durch die Gegend kicken, nur weil du gerade mit der Situation überfordert bist! Was denkst du wäre passiert, wenn Scorp den Stuhl abbekommen hätte? Du hast sie doch echt nicht mehr alle beisammen! Wenn du denkst, für mich ist das alles hier ein Zuckerschlecken, dann täuscht du dich gewaltig! ICH habe einen einjährigen Sohn, von dem ich bis vor Kurzem nichts wusste. ICH verliere meine Freunde, weil sie nicht damit umgehen können. ICH habe gerade niemanden außer Draco, mit dem ich über meine Situation reden kann. ICH muss damit klarkommen, dass die letzten Jahre so nur in meinem Kopf existieren. Also wage es ja nicht, dein Gefühlschaos an meinem Sohn auszulassen!“

Das erstickte Keuchen, das aus der Ecke des Raumes ertönte, drang kaum durch den Nebel, den der Zorn in ihr hatte aufkommen lassen. Tief atmete sie ein, krampfhaft darum bemüht, ihre Fassung wieder zu erlangen. „Ich weiß, dass das alles schwer zu verkraften ist, okay? Aber ich sehe nicht ein, dass du meinen Sohn deshalb in Gefahr bringst. Genauso wenig sehe ich ein, dass du Draco von einem Moment auf den anderen wieder verabscheust und sogar vor unserem Sohn beleidigst. Als ich dir von unserem Amt erzählt habe hast du noch dermaßen verständnisvoll reagiert, dass ich für einen Moment nicht fassen konnte, dass wirklich du derjenige warst, der mir gegenübersaß, und jetzt?“

Ihr Gegenüber hab trotzig den Kopf. „Du kannst wohl kaum von mir erwarten, dass ich das Wissen, dass du uns Monate lang belogen hast, einfach so hinnehme! Außerdem ist die Tatsache, dass ihr miteinander arbeitet nicht damit vergleichbar, dass ihr ein Kind habt!“

„Das mag ja sein, aber du hast dennoch keinen Grund, so zu reagieren. Mal davon abgesehen, dass es allein meine Entscheidung ist, von wem ich mir ⟫ein Kind machen lasse⟪!“

Sie kochten innerlich – alle beide – und Hermine wappnete sich bereits für die nächste Runde eines verbalen Schlagabtausches, doch dazu sollte es nicht kommen. Unerwarteterweise war es Harry, der sich in die Streiterei seiner Freunde einklinkte. Vermutlich wäre das auf ewig sein Part – ihren Streitschlichter spielen.

„Jetzt beruhigt euch mal! Und zwar alle beide!“ Er machte eine undefinierbare Handbewegung in den Raum hinein. „Das alles führt doch zu nichts, verdammt! Also reißt euch jetzt, Merlin nochmal, am Riemen. “

Er kam jedoch nicht dazu, seine Ansprache zu beenden, als Ron wütend aufbrauste. „Sie hat uns das gesamte letzte Jahr über hintergangen, wenn nicht sogar noch länger. Du tust gerade so, als wäre es dir vollkommen egal! Kapierst du nicht, worum es hier geht? Du müsstest doch genauso ausflippen wie ich, bei Merlins verdammten Unterhosen. Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“

Harrys Antwort folgte prompt, doch der Sarkasmus hinter seinen Worten jagte Hermine einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. „Tabletten, mein Guter. Ich wurde komplett ruhiggestellt, damit ich heute überhaupt raus durfte. Wenn es den Herrn allerdings beruhigt: vermutlich erwartet mich heute Abend der nächste Anfall, sobald mein Gehirn wieder in der Lage ist, dieses Theater zu begreifen.“ Er klang so abgedroschen und gleichgültig, beinahe, als würde er vom Wetter reden. Sie sog zischend die Luft ein als ihr klar wurde, dass der Schwarzhaarige wohl doch tiefer in diesem Sog aus Angst und Vergangenem steckte, als sie es nach ihrem letzten Treffen zunächst angenommen hatte.

„Harry, ich…“ „Nicht jetzt, Mine. Wir haben gerade echt größere Probleme. Also folgendes: Ron, wir machen draußen einen Spaziergang um unsere Nerven zu beruhigen. Hermine, du kümmerst dich um den Jungen und fährst wieder etwas runter. Was der Rest von euch macht ist mir relativ egal.“

Erst jetzt wurde Hermine bewusst, dass ihr unbekannter Besuch alles mitbekommen hatte – wirklich alles! Alles in ihr verkrampfte, doch sie zwang sich, langsam den Kopf in Richtung der kleinen Besucheransammlung zu drehen. Verflucht!

Hermine blickte geradewegs in die fassungslosen Gesichter von Pansy, Blaise und … Ginny? Was machte die Rothaarige hier? Was machten sie alle hier? Merlin, warum ausgerechnet jetzt? Erst als das Zuschlagen der Tür zu vernehmen war, realisierte sie, dass die Jungs wirklich verschwunden waren. Wie lange sie wohl brauchen würden, das alles zu verdauen? Stunden? Tage? Womöglich sogar Wochen, wenn man von Ron ausging.

Es war wie damals, als er sie auf ihrer Suche nach den Horkruxen verlassen hatte. Er floh, wenn er mit etwas nicht fertig wurde und dabei achtete er für gewöhnlich nicht auf die Gefühle jener Menschen, die er zurückließ. In diesem Fall: sie selbst.

Sie spürte etwas Feuchtes an ihrer Wange. Irritiert wischte sie mit ihrer Hand über ihren Augenwinkel. Eine Träne! Für einen Moment rang sie um Fassung. Sie würde jetzt nicht weinend und schluchzend zusammenbrechen – nicht vor ihren Besuchern.

Sie schluckte schwer, räusperte sich, während sie insgeheim nichts wollte, als ihre Ruhe und Draco. Sie hoffte inständig, dass der Blonde bald auftauchen würde, denn er war momentan das einzige, was sie brauchte.

„Was wollt ihr hier? Draco ist nicht hier, das wisst ihr doch. Und du? Wolltest du dir ansehen, wie ich auch die Freundschaft der Jungs verliere? Reicht es nicht, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst?“ Sie klang ungehalten, aber es war ihr lieber, als dass man ihr Verletzlichkeit und Resignation anhören könnte. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen!

Ginny stand da, als hätte Hermine sie geschlagen und für einen Moment überkamen sie Schuldgefühle. Allerdings hielten die nur so lange, bis sie sich an Harrys Worte zurückerinnerte. Ginny hatte ihre besten Freunde geradewegs zu ihr geschickt und damit all ihre Pläne zunichte gemacht. Es war von vorne herein klar, dass eine Eskalation unvermeidlich war. Gerade als ihre Gefühle von Wut und Verrat erneut in ihr aufflammten, erregte plötzlich etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Jemand anderes.

„Narzissa hatte also tatsächlich recht!“ Irritiert blickte die Gryffindor ihre schwarzhaarige Mitschülerin an. Blaise, der bis jetzt wie versteinert hinter den Mädchen gestanden hatte, schien nicht minder verwirrt. „Wovon redest du, Pans?“

Pikiert blickte die Angesprochene ihren Hauskameraden an. „Ich bitte dich. Nur weil ihr Jungs immer ewig braucht, bis ihr endlich aus den Federn kommt, gilt dasselbe nicht auch für uns weiblichen Wesen. Sie hat mir beim Frühstück von ihrem – nennen wir es – Verdacht erzählt.“ Ihr Blick blieb an Hermine hängen, wobei ihre Augen die Brünette förmlich zu durchdringen schienen. Die Gryffindor wandte sich unwohl ab. Pansy wirkte keineswegs wütend, kalt oder berechnend – vielmehr kam sie ihr mit jeder Begegnung aufgeschlossener vor. Sie schien nie wirklich das leichte Mädchen gewesen zu sein, die Draco wie ein treudoofer Dackel nachgerannt war. Trotzdem war die gesamte Situation mehr als nur unangenehm.

„Welches Frühstück?“ „Ehrlich, Blaise! Manchmal frage ich mich, wie du deinen Abschluss schaffen willst.“ Wäre alles nicht so furchtbar absurd, hätte Hermine über das entnervte Augenverdrehen Pansys schmunzeln müssen. „Nachdem wir unseren kleinen Spatz kennengelernt haben! Narzissa meinte damals schon, dass für sie nur eine als Mutter infrage kommt.“

„Und das sagst du mir jetzt?!“ Eine Antwort erhielt der Slytherin nicht, von einem Gemurmelten Fluch seitens Pansy einmal abgesehen. Irgendwie waren die beiden eine amüsante Mischung. Und plötzlich merkte Hermine, wie nahe sie Draco wirklich stehen mussten. Vielleicht war diese Konstellation eine Art Pendant zu ihrem „goldenen Trio“, wer wusste das schon, doch die Parallelen sah sie mit einem Mal deutlich. Obwohl ihr Trio zeitweise eher ein Quartett war. Sie sah zu Ginny, die immer noch tonlos an Ort und Stelle verharrte. Ihre Haltung wirkte plötzlich so kraftlos. Hatte Hermine sich in ihrer Wut verrannt?

„Wir wollten nach Scorp sehen, Granger. Draco hat nicht erwähnt, wer auf ihn Acht gibt, deshalb sind wir hier. Ich denke ihr zwei…“ ihr Finger schwenkte zwischen den beiden Gryffindors hin und her „habt noch einiges zu klären. Um den kleinen Fratz kümmern wir uns solange gerne – keine Sorge, ist nicht das erste Mal.“

Alles in Hermine sträubte sich dagegen, Scorpius abzugeben. Es fühlte sich an, als hätte sie versagt. Mal davon abgesehen; wer garantierte ihr, dass die Slytherins wirklich gut auf ihn aufpassten? Ihre Zweifel mussten ihr deutlich ins Gesicht geschrieben stehen, denn selbst Blaise war mit einem Mal ernst. „Sie hat recht, Granger. Wir haben uns unter der Woche manchmal um Scorpius gekümmert, wenn Draco zu viel mit den Plänen beschäftigt war. Ihm passiert schon nichts. Wenn es dir lieber ist, dann bleiben wir einfach hier. Ein Stillezauber und ihr könnt alles besprechen, während wir den Kleinen bespaßen.“

Sie zögerte. „Draco vertraut uns. Glaub mir, das tut er nicht leichtfertig.“

Es war absurd, dass ausgerechnet dieses Argument den Schalter in ihrem Kopf umlegte. Langsam nickte sie. Blaise´ Worte entsprachen der Wahrheit. Draco war ein sehr vorsichtiger Mensch, insbesondere dann, wenn es ihren Sohn betraf. Wenn er ihnen vertraute, dann tat sie das auch. Etwas, was sie Dracos besten Freunden auch genau so ins Gesicht sagte.

Womit sie jedoch nicht gerechnet hatte war deren Reaktion. Während Blaise grinste wie ein Honigkuchenpferd, kam Pansy schnurstracks auf sie zu und zog sie fest in die Arme. Für die anderen unhörbar flüsterte sie Hermine Worte ins Ohr, die ihr eine Gänsehaut bescherten – im positiven Sinn.

„Ich weiß zwar nicht, was das zwischen euch ist, Granger, aber ich habe Dray lange nicht mehr so glücklich gesehen, wie in den letzten Tagen, und ich bin mir sicher, dass du einen nicht geringen Teil dazu beigetragen hast. Was auch immer also noch auf euch zukommt, ich bitte dich einfach, ihm weiter beizustehen, denn das wird sicherlich noch das ein oder andere Mal nötig sein.
Ich sehe dir an, dass er dir nicht egal ist und wenn du das wirklich willst und nicht bloß mit ihm spielst, dann wünsche ich euch alles Glück der Erde, denn eins weiß ich: Er liebt dich und würde dich immer auf Händen tragen.“

Unfähig etwas zu sagen nickte sie lediglich bestätigend, als das andere Mädchen sich von Hermine löste. „Ich verspreche es.“

Ein zufriedenes Grinsen schlich sich auf Pansys Lippen als sie zu einer Erwiderung ansetzte – diesmal allerdings so laut, dass die anderen beiden es ebenfalls hören konnten. „Du hast Glück, dass ich heute gnädig bin, Granger. Sonst hätte ich dich schon längst ausgequetscht. Aber du kannst dich darauf verlassen, dass dein Freund nicht so glimpflich davonkommen wird, wenn er mir das nächste Mal über den Weg läuft. Uns sowas zu verheimlichen!“ Gespielt entrüstet schüttelte sie den Kopf, ehe sie Hermine ihren Sohn einfach aus den Armen heraus schnappte.

„So, mein Spatz. Ich würde sagen, dass wir Onkel Blaise jetzt ein wenig das Leben schwer machen, bis deine Eltern wieder einsatzbereit sind. Was sagst du dazu?“ Das schiefe Lächeln, das Scorpius daraufhin zeigte, entsprach eins zu eins dem seines Vaters. „Na dann! Schwing die Hufe, Blaise.“

Der leidende Gesichtsausdruck des Schwarzhaarigen sprach Bände, doch er folgte Pansy widerspruchslos – offenbar hatte sie ihn wirklich gut im Griff, wie Hermine mit einem leichten Schmunzeln feststellen musste.

Das änderte sich jedoch, als sie plötzlich allein Ginny gegenüberstand. Die Stimmung war mehr als drückend und doch verwirrte Hermine, dass die frostige Ausstrahlung, die in der letzten Zeit von der Rothaarigen ausgegangen war, fehlte. Krampfhaft durchwühlte sie ihren Kopf, doch all die Aussagen und Worte darin schienen ihr auf einmal so furchtbar unpassend. Frustriert stöhnte sie auf, als die Fragen einfach ihren Mund verließen. Unsicher biss sie sich auf die Zunge als sie merkte, dass sie viel vorwurfsvoller geklungen hatte, als beabsichtigt.

„Warum hast du das gemacht, Ginevra? Dir muss doch klar gewesen sein, dass es eskaliert, wenn Ron es so erfährt. Es ist für mich schon schwer genug, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, aber musst du mir die Jungs, bei Merlin, auch noch nehmen? Hasst du mich wirklich so sehr? Warum? Weil ich es dir nicht direkt gesagt habe?“

„Glaubst du das wirklich? Das ich sauer war, weil du es mir nicht direkt erzählt hast? Wenn das so ist, dann kennst du mich verdammt schlecht!“ Ein weinerliches Schluchzten entkam Ginny. Egal was vorgefallen war, es tat Hermine unendlich weh, ihre langjährige Freundin so zu sehen. Das sie an Ginnys Zustand einen Anteil hatte, machte die Situation nicht gerade leichter.

Auch ihre Stimme klang belegt, als sie antwortete. „Du hast mich ignoriert! Sobald ich einen Schritt auf dich zugegangen bin, hast du mich abgewiesen. Jetzt schickst du Harry und Ron zu mir, ohne mich vorzuwarnen und dass, obwohl Scorp hier ist. Er soll sowas nicht mitbekommen. Also was auch immer das Problem ist – trag es unter uns aus und zieh meinen Sohn nicht mit rein!“

„Aber ich wusste doch gar nicht, dass er hier ist, Merlin verdammt. Ich wollte nur, dass du es mit den Jungs klärst, bevor sie es wie ich anders herausfinden! Natürlich war ich verletzt, dass du mir nichts gesagt hast, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich dich ignoriert habe!“ Sie wurde immer verzweifelter.

„Was war es dann?“

„Das du verdammt nochmal nicht mehr du warst, Hermine. Ich hab es dir doch schon in Hogsmeade gesagt! Du hast dein Kind und seinen Vater im Stich gelassen! Als Robert deine Tante und Kate verlassen hat warst du außer dir. Du hast dich um sie gekümmert und versucht sie abzulenken. Du hast gesagt, ein Mensch, der sich gegen seine Familie entscheidet, ist ihre Liebe nicht wert.
Ich habe Draco gehört, Hermine. Ich habe sein Gesicht nicht sehen müssen, um zu wissen, wie sehr ihn das alles mitgenommen hat. Mit deiner Entscheidung hast du dich auf eine Stufe mit deinem Onkel gestellt – einer Person, die du für ihre Tat abgrundtief verabscheust.
Die Hermine, die ich damals gesehen habe, war nicht meine beste Freundin!“

Hermine schluckte, als Ginnys Worte zu ihr durchdrangen. Die Rothaarige hatte recht. In diesen drei Wochen, in denen sie ihre Mutterschaft verdrängt hatte, war sie keinen Deut besser als dieser Mann gewesen.

Sie erinnerte sich noch genau an diesen einen Tag im Dezember 1993. Damals hatte sie die Ferien anlässlich des vierzigsten Geburtstags ihrer Mutter zuhause in ihrem Elternhaus verbringen wollen. Es hatte so schön angefangen und doch so furchtbar geendet. Wenige Tage nach den Feierlichkeiten, knapp eine halbe Woche vor Weihnachten war Robert Lancester wortlos verschwunden. Keine Nachricht, kein Abschied. Nur das Fehlen eines Koffers, einiger weniger Wertgegenstände und seine verschwundene Kleidung zeugten laut Polizei davon, dass er freiwillig gegangen sein musste.

Sämtliche Suchaktionen verliefen im Sand und wurden bereits nach wenigen Tagen wieder eingestellt, woraufhin seine damals fünfjährige Tochter Kate einfach abgehauen war. Man fand sie erst im Morgengrauen des darauffolgenden Tages nahe der Brücke, an die ihr Vater zu ihrer Geburt ein Metallschloss gekettet hatte. Ihren kindlich-naiven Sucheifer zahlte sie mit einer schweren Unterkühlung, in Folge derer sie eine schwere Lungenentzündung bekam – viel hatte damals zum Beatmungsgerät nicht mehr gefehlt.

Robert war immer Kates großer Held gewesen und doch hatte er seine Familie einfach im Stich gelassen. Ja, Hermine hasste ihn nach wie vor dafür und die Erkenntnis, sich zumindest für einen Moment ähnlich verhalten zu haben, brachte in ihr plötzlich einen bis dato nicht gekannten Selbsthass hervor.

Ihre eigenen Worte stießen ihr bitter auf. „Du hast recht. Ich hab damals nicht weiter gedacht als daran, dass ich mir kein Kind zutraute. Ich war absolut überfordert und beide mussten darunter leiden. Was das angeht, muss ich dir vermutlich sogar dankbar sein. Wer weiß, ob ich ohne deine Worte jemals den Mut gefunden hätte, auf Draco zuzugehen.
Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du mich danach weiterhin hast abblitzen lassen.“

Ein mattes Lächeln erschien auf den Lippen der Rothaarigen. „Ich wollte wieder mit dir reden, sobald du dich endlich um dein Kind kümmerst, aber ich habe nicht mitbekommen, dass du das Schloss verlassen hättest. Draco war weg, also dachte ich, dass du weiterhin kneifst. Das hat mich einfach unfassbar wütend und enttäuscht gemacht. Ich konnte ja nicht wissen, dass ihr euren Sohn inzwischen auf das Schloss geholt habt.“

Hermine schwieg. Ginnys Aussage war schlüssig. Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann passte dieses Verhalten auch viel eher zu ihrer Freundin. Immerhin hatte Ginny ihr bereits in Hogsmeade gesagt, was sie von Hermines Handlungen hielt.
Vielleicht war dieses Gespräch ein Schritt zurück in die richtige Richtung.

„Draco war weg, weil es einige Probleme mit Lucius und dem Ministerium gab. Deshalb lebt Scorpius momentan auch hier. Wir wissen allerdings noch nicht, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergehen soll. Die Betreuung zu stemmen und sich gleichzeitig um Unterricht und Schulsprecheraufgaben zu kümmern ist manchmal echt ein Drahtseilakt.“

Wie aus heiterem Himmel begann Ginny verschmitzt zu grinsen. „Ich glaube, dass ihr beide das gut meistern werdet. Was mich gerade aber viel mehr interessiert ist die Frage, was jetzt eigentlich zwischen euch läuft.“

Peinlich berührt blickte Hermine zur Seite. Diese Frage war so typisch Ginny. „Wollen wir uns nicht lieber setzten und du erzählst mir, wie es deiner Familie geht?“ Ein Augenrollen der Rothaarigen war Antwort genug.

„Punkt eins: ich setze mich einfach. Punkt zwei: es ist auch deine Familie, immerhin bist du so gut wie adoptiert. Punkt drei: deine Ablenkversuche werden von Mal zu mal schlechter, also rück einfach mit der Sprache raus! Ich will dir nicht immer alles aus der Nase ziehen müssen.“

Frustriert seufzte die Brünette, als sie es ihrer besten Freundin gleich tat und es sich widerstrebend auf der Couch gemütlich machte. Ginnys vor Neugier funkelnde Augen brannten sich geradezu in ihre Gestalt.

„Ich meine es ernst, Ginny. Da läuft nichts, wir…“

Ein lautes Rumpeln unterbrauch sie mitten in ihrem Satz, unmittelbar gefolgt von einem dumpfen Schlag. Was, bei Merlin war den nun schon wieder los? Zuerst dachte sie noch, der Lärm käme von den Slytherins in Dracos Zimmer, doch ihr wurde schnell klar, dass dies nicht der Fall war. Zum einen waren sie magisch vor Geräuschen geschützt, zum anderen erklang es aus einer vollkommen anderen Richtung.

Plötzlich keimte eine unheilvolle Befürchtung in ihr auf. Ohne auf Ginnys Rufe zu reagieren, erhob sie sich hastig, wobei sie fast über die Ecke des Teppichs gestolpert wäre, und eilte zielstrebig auf den Eingang ihrer Unterkunft zu. Ohne weitere Zeit zu verlieren riss sie die Tür in Form des Portraits auf. Der ihr nun entgegentaumelden Gestalt konnte sie nicht mehr ausweichen.

Schmerzvoll stöhnte sie auf, als sie unangenehm Bekanntschaft mit dem Holzboden des Wohnraumes machte. Ginny brachte genau auf den Punkt, was auch ihr selbst gerade durch den Kopf schoss. „Was ist denn jetzt los?“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast