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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
26
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20.10.2020 3.851
 
P.O.V. Draco

Er hatte immer gewusst, welche Empfindungen von Wut der Gedanke an seinen Erzeuger in ihm auslöste, doch selbst er hatte niemals damit gerechnet, dass allein der Klang seiner Stimme einmal derartige Wogen von Verachtung und Ekel hervorrufen würde. Lieblingssohn, pah! Er schnaufte verächtlich. Der Mann hinter ihm war kein Vater. Höchstens ein Schlächter!

Alles in ihm sträubte sich dagegen, sich der Gestalt zuzuwenden, doch genauso wenig wollte er ihn in seinem Rücken haben. Er wollte fort. Fort vom Manor, fort von Lucius und fort von allem, was ihn je an seinen Erzeuger erinnerte. Doch es war keine Option.

Inzwischen hatte er den Körper soweit umgewandt, dass Lucius im Zentrum seines Blickfelds erschienen war. Draco schluckte. Die Gestalt vor ihm hatte kaum etwas mit dem ehemals so mächtigen Oberhaupt der Malfoy-Dynastie gemein. Sie war ausgemergelt, wirkte schwach und kränklich. Tiefe Augenringe zeichneten das eingefallene Gesicht, dessen Blässe selbst für einen Malfoy ungewöhnlich war. Die einst so stolze, selbstbewusste Haltung war einem gekrümmten Rücken gewichen. Die silbergrauen Haare waren strähnig, verfilzt und ungepflegt, ebenso wie der stopplige Bart, der zunehmend von weißen Härchen durchsetzt wurde.

Nein, dieser Mann hatte nichts mehr mit dem stolzen Aristokraten zu tun. Er sah aus, wie ein umherstreunender Landstreicher. Und doch war es unverkennbar Lucius Malfoy. Das verschlagene, listige und abgrundtief sadistische Glitzern in seinen Augen war Beweis genug.

Kalt blickte Draco seinem affektiert grinsenden Gegenüber direkt ins Gesicht, während er seine inneren Unruhen mühsam zu unterdrücken versuchte. „Was soll das? Warum bin ich hier?“

Ein tadelndes Schnalzen war die Antwort, doch Lucius erhielt sein lauerndes Grinsen aufrecht. „Aber, aber! So habe ich dich sicherlich nicht erzogen, mein Junge.“

„Ich bin nicht dein Junge. Wir haben rein Garnichts, was uns verbindet, Lucius.“ Draco spie die Worte regelrecht, doch so gut sein Pokerface normalerweise auch saß, so miserabel versagte es, sobald er diesem Mann gegenüberstand. Einzig seine Verachtung blieb.

Der Ältere quittierte seine Aussage lediglich mit einem Heben der Augenbraue, doch sein Spiel setzte er fort. „Na, na! Ich verlange Respekt, Draco. Ich habe zwar befürchtet, dass ich deine Mutter nach meiner Abwesenheit wieder – einnorden – muss, doch damit, dass auch du deinen Platz vergisst, hatte ich nicht gerechnet. Ich bin wirklich enttäuscht.“ Draco zitterte vor Wut und Abscheu.

„Fahr zur Hölle!“ Er musste hier weg. Nur weg! Egal, wie oft er versuchte, sich einzureden, er würde diese Konfrontation durchstehen – es ging nicht. Denn auch wenn er wusste, welches Scheusal er vor sich hatte, auch wenn er diesen Mann aus tiefster Seele verabscheute und hasste – er blieb sein Vater. Ein winziger Teil von ihm wusste, was das schmerzhafte Ziehen in seiner Brust bedeutete, der sich bei diesem Gedanken bemerkbar machte, doch er war zu winzig, als dass Draco es hätte verstehen können. Und vielleicht war es auch besser so. Besser, dass er dachte, nur diese negativen Gefühle in Bezug auf Lucius zu empfinden – denn es war einfacher.

Die Worte seines Gegenübers waren unverkennbar die des Monsters, doch seine Erscheinung weckte eine Erinnerung in Draco. Eine Erinnerung, die er lieber weiterhin tief in seinem Gedächtnis begraben gehabt hätte.
Es waren Fetzen einer Begebenheit, die er als kleines Kind nur in einem Denkarium gesehen hatte. Erinnerungen seiner Mutter – an seinen Vater. An den Mann, der er damals noch gewesen war. Ein junger Slytherin, lebensfroh, emphatisch und magisch talentiert, der sich auf seine Ehe mit der Frau, die er liebte, ebenso gefreut hatte, wie später auf seinen Sohn. Diesen Mann hatte es gerade einmal bis wenige Monate nach Dracos Geburt gegeben – und plötzlich war er weg, einfach verwandelt in den Lucius, mit dem er hatte aufwachsen müssen. Den, der heute vor ihm stand.

So weit lagen seine eigene Erinnerung zurück, und die Erinnerung aus eben jener noch so viel weiter. Seine Mutter hatte sie ihm einmal gezeigt, nachdem Lucius ihn gequält hatte. Minuten, die sich angefühlt hatten wie Stunden. Sie hatte eingegriffen und sich zwischen sie gestellt – wie immer – und Lucius hatte sie dafür um ein Vielfaches härter bestraft – wie immer!

Es ging nicht! Es erforderte eine ungeheure Kraftanstrengung von ihm, sich nicht einfach hektisch umzudrehen und den Saal im Laufschritt zu verlassen. Diese Blöße konnte, wollte und durfte er sich nicht geben.

Krampfhaft darum bemüht, scheinbar ruhig zu bleiben, wand er sich ab und schritt mit zielsicheren Schritten in Richtung Tür. Der Knoten in seinem Hals drohte ihm die Luft abzuschnüren und er betete, der Schritt über die Schwelle würde diesen metaphorischen Knoten platzen lassen. Er kam nicht einmal vier Yards weit.

„Wenn du nicht willst, dass unsere Familie in den nächsten Tagen Besuch bekommt, würde ich dir raten, stehen zu bleiben.“

Ein spöttisches Lachen entkam ihm, doch kein Funken von Belustigung steckte darin. „Die Zeiten, in denen du mich zu etwas zwingen konntest, sind längst vorbei, Lucius.“

Draco hätte mit allem gerechnet. Mit einem Wutausbruch, Beleidigungsströmen oder körperlichen Angriffen seines Erzeugers. Allem, außer dem wölfischen Grinsen, dass sich auf dem Gesicht seines Gegenübers ausbreitete.

„Junge, sei nicht so töricht und hüte lieber deine Zunge. Schließlich wollen wir nicht, dass deinem Bengel von Bastard etwas zustößt, oder?“


P.O.V Hermine

Mit einem unterdrückten Aufstöhnen riss sie sich nach schier endlosen Sekunden vom Anblick des Portraitloches los, durch das der junge Blonde ihre gemeinsame Unterkunft erst kurz zuvor verlassen hatte. Nun war sie allein. Allein mit ihrem Sohn. Merlin!

Egal wie sehr sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, spürte sie plötzlich einen Anflug von Panik in sich aufsteigen. Nein, sie würde jetzt nicht hyperventilieren! Sie konnte das, oder? Draco hatte gesagt, er glaube fest daran – außerdem hatte sie sich doch schon öfter um ihre Cousine gekümmert, als deren Vater die Familie von einem Tag auf den Anderen verlassen hatte. Gut, vielleicht war Kate da schon einige Jahre älter als Scorpius, aber im Prinzip müsste es doch ähnlich funktionieren.

Sie straffte die Schultern. Sie konnte das – Punkt!

Mehr oder weniger überzeugt lief sie auf ihren Sohn zu, der sie mit großen Augen anblickte. Die Augen seines Vaters. Einmal mehr fragte sie sich, was das Ministerium überhaupt von Draco wollte und warum er dafür ausgerechnet zum Manor kommen sollte. Ob es mit dem überstürzten Auszug zusammenhing? Vielleicht wollte man auch nur finanzielle Angelegenheiten klären, wer wusste das schon? Die Erkenntnis, dass sie es schonmal nicht tat, stieß ihr sauer auf.

Und offenbar sah man ihr genau das auch an. Scorpius Glucksen ertönte und als ihr verwirrter Blick auf sie fiel konnte sie nicht anders als ebenfalls zu lächeln. Draco hatte recht. Ihr Sohn war ein wahrer Sonnenschein.

Irgendwie war es, als würde seine Lachen all ihre Ängste und Distanzbestreben in Sekundenschnelle schmelzen. Ohne groß darüber nachzudenken hob sie ihn aus seinem Stuhl am Esstisch heraus um ihn anschließend auf ihre Hüfte zu setzen. Es ging immer leichter, je öfter sie es tat.

Gedankenverloren strich sie ihm eine Locke aus der Stirn. Die Struktur seiner Haare war wirklich das einzige, worin er äußerlich nach ihr kam. Irgendwie wusste sie nicht, wie sie das finden sollte. Natürlich hatte er einen mehr als nur gut aussehenden Vater – Scorpius würde in seinem künftigen Leben sicher noch das ein oder andere Herz brechen – , aber es wäre schön, würde man ihrem Sohn die Verwandtschaft mit ihr ebenfalls ansehen. Aber vielleicht… vielleicht hätte sie in ein paar Jahren ja die Möglichkeit, einmal ihr Ebenbild im Arm zu halten. Vielleicht.

Eigentlich war es erstaunlich, wie glücklich sie dieser Gedanke plötzlich machte, obwohl sie sich vor wenigen Wochen noch nicht einmal vorstellen konnte, überhaupt ein Kind zu haben. Aber jetzt hatte sie eins. Mit Draco. Und wenn er es ernst meinte, wenn sie sich Zeit nahmen und er sich eine Zukunft mit ihr vorstellen konnte – was sprach denn dagegen?

Es war unbestreitbar, dass es noch viel zu früh wäre, diese Idee zu äußern, doch sagte man nicht, die Gedanken seien frei? Sie dachte die ganze Zeit Dinge, die sie nicht im Kopf haben sollte, also was sprach nun dagegen, sich eine mögliche, wenn auch ferne Zukunft zu erträumen? Eine, die ihr sonst so rationaler Verstand erstmals als realistische Möglichkeit in Betracht zog.

Hermine schluckte. Sobald sie die Chance hatte, würde sie mit Draco sprechen. Sie glaubte ihm, auch in Bezug auf seine Gefühle und sie hatte ihm einen – ihrer Meinung nach nicht zu übersehenden – Wink mit dem Zaunpfahl gegeben, wie es um ihre stand. Trotzdem verunsicherte es sie, dass er nichts dazu gesagt hatte. Was waren sie? Vielleicht war es eine ihrer Macken, doch sie wollte, nein, musste es von ihm hören. Dann hätte sie Gewissheit.

Nachdenklich blicke sie auf Scorpius herab. „Was stellen wir zwei Hübschen jetzt an? Dein Papa hat mir erzählt, dass du ganz tolles Spielzeug hier hast, weil er es extra hergebracht hat. Was hältst du davon, wenn wir uns das mal ansehen?“

Er grinste schief. Heiser lachte Hermine auf. Er kam ganz auf seinen Vater.
„Na dann wollen wir mal rüber gehen, Süßer!“

Mit einem letzten Handgriff fasste sie die Trinkflasche ihres Kleinen, bevor sie langsam in Richtung Dracos Zimmer lief. Sie wusste, dass er all die Spielzeuge in einer speziell verzauberten Truhe am Fußende seines Bettes verstaut hatte, doch er hatte ihr gegenüber erwähnt, dass einiges davon noch nicht für Kinder in Scorps Alter geeignet war – was Narzissa scheinbar nicht davon abhielt, die Super-Oma raushängen zu lassen. Hermine schaffte es nicht, ein Schmunzeln zu unterdrücken.

Vielleicht kannte sie die blonde Aristokratin nicht wirklich, dennoch war sie ihr mehr als nur sympathisch. Irgendwie wurde die Gryffindor das Gefühl nicht los, die Großmutter ihres Sohnes hätte ebenfalls gut in ihr Haus gepasst – eine Löwin, die ihre Familie bis aufs Blut verteidigte. Schnell schüttelte sie den Kopf. Sie wusste nicht genug, um sich ein Urteil zu irgendetwas anzumaßen, das war ihr klar.

Aber wo sie doch schon einmal bei Narzissa war… vielleicht könnte sie Scorpius ja mit dem Hogwartsexpress bespaßen, den die Ältere ihm geschenkt hatte. Laut Draco liebte der Kleine diesen Zug.
Kurz entschlossen setzte sie das Kind auf das Bett ihres Mitschülers und wand sich dem hölzernen Möbelstück zu, dass ihr gesuchtes Objekt beherbergen sollte. Und tatsächlich schwebte eine knappe Minute später ein kleines Replikat des Hogwartsexpresses auf sie zu. Erstaunlich! Für einen Moment bewunderte sie die detailgetreue Ausarbeitung, bevor sie das Spielzeug mit einem einfachen Wink des Zauberstabs zum Leben erweckte.

Sie nahm wahr, wie Scorpius große Augen sofort auf der Bahn lagen, während er begeistert in die Hände klatschte.

Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Möglicherweise wären die nächsten Stunden doch nicht so nerv-raubend, wie sie befürchtet hatte.

~⦁●⦁~

Genau ein Spruch schoss ihr gerade durch den Kopf; ⟫Ein Satz mit x…⟪ . Ja, vor einer dreiviertel Stunde dachte sie noch, dieser Mittag würde ein entspannter werden. Mitnichten! Trotz aller Faszination war die Lok nach zehn Minuten uninteressant geworden – ebenso wie die anderen Spielzeuge. So kam es, dass sie jetzt bereits das neunte Unterhaltungsgerät – in diesem Fall ein bunter Stapelturm aus Holz – beiseite legte.

Verzweifelt aufstöhnend fuhr sie sich fahrig durch ihre Lockenmähne, die inzwischen in alle Himmelsrichtungen abstehen musste. Bei Draco sah es immer so einfach aus! Er saß neben Scorpius oder hatte ihn auf dem Schoß , während der Kleine sich beschäftigte – mal allein, mal mit seinem Vater. Merlin, warum funktionierte es bei ihr nicht auch so unkompliziert?

Alles schmerzte. Ihr Rücken, weil sie seit einer gefühlten Ewigkeit auf dem unbequemen Holzboden hockte. Ihre Beine, weil sie inzwischen mehrfach eingeschlafen waren. Ihr Kopf pochte vom anhaltenden Wimmern und Quengeln, das ihr Sohn von sich gab. So hatte sie ihn noch nie erlebt.

Ihre Gedanken kreisten immer wieder um denselben Punkt. War sie schuld? Schlichtweg zu unfähig, sich um ihren Sohn zu kümmern? Äußerlich sah man ihm nichts an. Er war nicht gefallen, hatte sich nichts eingequetscht oder sich anderweitig verletzt, also was war los? Sie hatte alles versucht, aber irgendwie war sie gerade mit ihrem Latein am Ende.

Innerlich ging sie die letzten Minuten erneut durch. Sie hatten gespielt, bis das Wimmern plötzlich angefangen hatte – wie aus dem Nichts. Sie hatte ihn gewickelt und Scorpius Flasche neu gemacht. Sie hatte ihm gesagt, dass Draco bald wieder her wäre, ihn beruhigend in den Arm genommen, aber nichts hatte geholfen.
Kurz überlegte sie, ob sie ihn ins Bett legen sollte, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es noch zu früh wäre. Außerdem brachte Draco ihn immer erst nach dem Essen ins Bettchen.

Von sich selbst genervt schlug sie sich gegen die Stirn. Natürlich! Er hatte Hunger! Warum war ihr der Gedanke noch nicht früher gekommen? Ihn auf dem Arm überwand sie schnellstmöglich die geringe Distanz in den Wohnbereich. In einen freien Teil des Regals hatte Draco verschiedene Breigläschen gestellt. Ihre Rettung!  

In Windeseile schnappte sie sich eines der Gläser, ebenso einen Löffel, bevor sie ihren Sohn rasch in seinen Hochsitz verfrachtete. Vermutlich hatte sie noch nie in ihrem gesamten Leben so gehetzt und gestresst gewirkt – und das sollte was heißen!

Mit einem Schwenker des Zauberstabes erwärmte sie den Brei, ehe sie die Temperatur an ihrem inneren Handgelenk prüfte. Sobald ihr Sohn den ersten Löffel sah, war er plötzlich mucksmäuschenstill und… öffnete umstandslos den Mund!

Ein fassungsloses Prusten entkam Hermine. Sie hatte einen Vielfraß zum Sohn! Na toll. Sie konnte gar nicht gucken, wie schnell der Kleine das Gläschen geleert hatte. Unfassbar! Gleichzeitig schlich sich ein Grinsen auf ihr Gesicht – von wem ihr Sohn das wohl hatte?
Kaum hatte er gefuttert, war er handzahm. Na, wenn dass bei seinem Vater auch so klappen würde…

Kurz überlegte sie, ob sie weiter mit ihm spielen sollte, doch sie entschied sich dagegen. In einer der wenigen hier vorhandenen Lektüren zum Thema kindliche Entwicklung und Erziehung hatte sie gelesen, wie wichtig feste Abläufe und Rituale waren. Wenn Draco ihn nach dem Essen immer ins Bett brachte, dann würde sie das jetzt auch tun.

Kurzentschlossen stellte sie das Glas beiseite, doch gerade als sie Scorpius aus seinem Stuhl hebe wollte ertönte ein Geräusch aus Richtung des Eingangs zu ihrer Unterkunft. Hermine stutzte. Um diese Uhrzeit müssten die meisten Schüler eigentlich auf dem Weg zum Mittagessen in der großen Halle sein. Gab es einen Notfall?

Zielsicher schritt sie auf die Rückseite des Portraits zu. Wer auch immer dort auf sie wartete – sie würde ihn fragen, worum es ging und wie wichtig es wirklich war. Schlimmstenfalls müsste sie Blaise und Pansy bitten, sich um ihren Sohn zu kümmern – wobei sie dann Gefahr laufen würde, ihnen erklären zu müssen, dass Scorpius ihrer war. Wenn sie ehrlich war, würde sie diese Aufgabe lieber auf Draco abwälzen.

Am Eingang angekommen öffnete sie , doch als sie sah, wer genau vor ihr stand, wünschte sie sich augenblicklich, es nicht getan zu haben. Warum jetzt? Warum hier?

„Jungs?“

Vor ihr standen Harry und Ron. Ausgerechnet! Nicht, dass sie sich nicht freuen würde, ihre besten Freunde zu sehen, aber… doch nicht jetzt!

„Hey, Mine!“ Als sie das Lächeln auf Rons Lippen sah, wurde ihr augenblicklich schlecht. Es war wie eine böse Vorahnung – diese Begegnung konnte nicht gut ausgehen. Ihre Hände wurden schwitzig, als sie sich buchstäblich am Türrahmen festkrallte, um ihr Zittern zu kaschieren.

„Was macht ihr denn hier?“ Hermine biss sich auf die Unterlippe. Allein ihre Stimme verriet sie!

Auch Harry schien es zu merken, als er sich mit gerunzelter Stirn erstmals in ihr Gespräch einschaltete. „Du hast uns geschrieben und um ein Treffen gebeten, also sind wir hier. Ist alles okay?“

„Ja, ich… Ihr habt nicht geantwortet. Ich dachte nur, dass ihr nicht könnt oder die Eule nicht ankam – was auch immer. Alles gut soweit.“ Sie zwang sich, zu lächeln. Für einen Moment standen sie sich wortlos gegenüber.

„Können wir dann reinkommen? Du wolltest doch etwas mit uns besprechen, oder? Ich glaube nicht, dass der Gang ein passender Ort dazu ist.“ Versuchte Ron zu scherzen, doch auch ihm schien die angespannte Atmosphäre nicht entgangen zu sein. Es war immer wieder erstaunlich, wie extrem er sich im letzten Jahr entwickelt hatte. Aus dem unbeholfenen Tollpatsch war ein empathischer, weitsichtiger junger Mann geworden – was Hermine selbst, wenn die ehrlich war, nie für möglich gehalten hätte.
„Das ist gerade etwas ungelegen. Wir haben… nicht aufgeräumt, ja, und außerdem darf ich euch nicht reinlassen. Ihr wisst schon – geheime, schulinterne Dokumente und so.“

„Du hast auch schon besser gelogen, Hermine. Jeder Schüler darf theoretisch zu euch kommen wenn er Probleme hat. Außerdem hat McGonagall uns zu dir geschickt, also wird sie wohl kaum etwas dagegen haben. Wenn dir die Unordnung neuerdings auch vor uns peinlich ist, dann denk einfach an das Chaos, das wir immer verursachen.“ Belustigt grinste der Rothaarige an. So ein Mist!

„Aber ich…“

Ohne sie ausreden zu lassen, seufzte Ron gespielt traurig auf und blickte zu Harry, der verschmitzt lächelte. „Plan B?“ Ein Nicken folgte. „Plan B!“

„Wovon redet ihr, Merlin nochmal? Was…“ weiter kam sie nicht. Unter Harrys schallendem Gelächter hatte Ron die Brünette gepackt, über seine Schulter geworfen und mit wenigen Schritten die Unterkunft der Schulsprecher betreten.

Game Over! Hermine spürte die Tränen in sich aufsteigen, dabei hatte es noch gar nicht angefangen! So hatte sie das nicht geplant. Sie wollte ihre Freunde langsam an das Thema heranführen – die vergangenen Monate aufarbeiten – aber nun… nun würde sie die Jungs ins kalte Wasser werfen müssen. Eskalation vorprogrammiert!

Noch hatte keiner der beiden Scorpius bemerkt. „Also so unordentlich finde ich es hier gar nicht, Hermine.“ Der Schwarzhaarige sprach die Worte versöhnlich aus, doch sie konnte sehen, wie er sich nachdenklich am Kinn kratzte. Sie wusste, dass es in seinem Kopf arbeitete.

Sie schluckte. „Ron. Bitte lass mich runter.“ Offenbar hörte man ihre Verzweiflung, denn anders als sonst tat er wortlos, worum sie ihn bat. Kein kesser Spruch, kein Feixen und Scherzen. Er hob sie einfach runter, stellte sie vorsichtig auf den Boden und drehte sacht ihr Kinn in seine Richtung, als sie seinen Bick mied. „Was ist hier los, Mine? Du verschweigst uns was, oder?“

„Ich…“ sie brach ab. Wieder war es Harry, der das Wort ergriff. „Du wolltest etwas mit uns besprechen, etwas Wichtiges, also sind wir hier. Aber du musst es uns auch wirklich sagen wollen. Ginny meinte schon, dass es dir wahrscheinlich schwerfallen wird, aber wir sind hier, oder? Wir sind da, du kannst uns alles sagen. Ich meine, wir haben einen Krieg zusammen überstanden.“
Für einen Moment fror sie in ihren Bewegungen ein. Ginny? Ihre ehemals beste Freundin hatte sich also einmal mehr in Hermines Leben eingemischt. Wut wallte in ihr auf, doch sie schob sie beiseite. Momentan hatte sie wahrlich andere Probleme.
Noch standen beide ihr zugewandt und damit den Rücken zu Scorpius gerichtet. Wenn wie gehen würde, vielleicht kämen sie ihr nach, ohne ihren Sohn zu bemerken? Aber andererseits… zum einen war es unumgänglich, ihnen die Wahrheit zusagen, zum anderen konnte sie Scorp nicht allein lassen.

Sie straffte die Schultern und atmete tief durch. „Dreht euch um!“ Ohne auf eine Antwort zu warten lief sie zwischen ihren besten Freunden hindurch, geradewegs auf ihren Sohn zu. Zeit für die Wahrheit.
Im ersten Moment schien beiden nichts aufzufallen, doch plötzlich wurde Harry blass. Rons Gesichtszüge erstarrten - sie fragte erst gar nicht, weshalb. „Wer ist das, Hermine? Was geht hier vor?“

Sie schluckte, räusperte sich in der Hoffnung, den weinerlichen Unterton aus ihrer Stimme verdrängen zu können, doch vergebens. „Ich wollte euch das ganze eigentlich anders beibringen. Scorpius, er… er ist Dracos Sohn.“

Irritiert blickte der Schwarzhaarige auf. „Was hat das mit uns zu tun?“

„Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter, Harry. Und ich bin seine.“


P.O.V. Draco

Er stand starr, vollkommen unter Schock, während die Worte des Älteren unablässig in seinem Kopf widerhallten. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Wie? Wie hatte Lucius von Scorpius Existenz erfahren können?
Er konnte nicht mehr klar denken. Alles raste in seinem Inneren – sein Puls, seine Gedanken – und egal wie sehr er sich bemühte, seine Maske saß nicht.

Es war unmöglich. Viel zu unvorbereitet hatte ihn die Aussage seines Erzeugers getroffen. Viel zu lange hatte er sein Pokerface schon abgelegt – wegen Hermine.

Er versuchte es, doch je mehr Druck er verspürte, desto unmöglicher wurde es.

„Wovon, bei Salazar, redest du?“ Er hatte entnervt klingen wollen, als wären die Worte seines Gegenübers vollkommen absurd, doch er schaffte es nicht. Seine Stimme klang rau, hohl – als wäre etwas in ihm zerbrochen.

Und möglicherweise war dieser Gedanke gar nicht so abwegig.

Lucius hatte ihn längst durchschaut. Dieser Anblick… er war das Bild, dass ihn in seinen kindlichen Albträumen immer heimgesucht hatte. Von Triumph und Sadismus funkelnde Augen, ein lüsternes, wölfisches Lächeln…

„Du brauchst dich nicht dümmer zu stellen als du bist, Junge. Wir wissen beide, was ich meine. Oder sollte ich lieber sagen – wen?“

Draco sah, wie die Mundwinkel des anderen einmal mehr zuckten. Ihm wurde übel. So übel, dass er den Blick abwenden musste. Seine Fäuste ballten sich. Sein Albtraum war real.

„Ich fasse es nicht. Du hast tatsächlich geglaubt, du könntest dein schmutziges Geheimnis vor mir verborgen halten, oder?“

Er konnte nicht heraushören, ob Lucius Überraschung gespielt oder echt war, aber machte das einen Unterschied?
Sein Erzeuger, Lucius Großvater, nach Voldemort der abgrundtief böseste, verschlungenste und sadistischste Mistkerl, den Draco je hatte kennenlernen müssen, wusste jetzt um seinen Enkel.

Scorpius war ab sofort immer in Gefahr – wenn nicht sogar seit einer ganzen Weile. Der Gedanke ließ ihn in Schweiß ausbrechen. Seine Hände wurden zittrig, sein Atem ging unkontrolliert. Einen Moment kämpfte er mit der Panik. Nicht vor Lucius!

Hier ging es um mehr als sein bloßes Ego. Je heftiger er reagierte, desto mehr Macht räumte er ihm ein – und desto attraktiver wurde Scorpius als Geisel oder Druckmittel für den Älteren.

„Du bist genauso naiv wie deine Mutter. Hast du wirklich geglaubt, man könnte mich hermetisch abschotten? Dass mich niemand informieren würde?“ er lachte höhnisch auf. „Was denkst du ist der Grund, dass man dich hierher bestellt hat? Du bist hier, weil ich es so will. Und wenn du nicht willst, dass deinem Kleinen tragischerweise etwas zustößt, dann tust du genau, was ich dir sage, Junge!“

Lucius Worte trieften vor Sarkasmus, doch die Drohung dahinter war nicht zu überhören. Er meinte es ernst, das wusste Draco.

„Er ist dein Erbe. Du kannst ihn nicht töten!“

Lucius grinsen verwandelte sich zu einer irren Fratze. „Nicht töten, nein. Das wäre doch auch viel zu einfach.“

„Was willst du? Soll ich dir einen Zauberstab besorgen? Hogwarts infiltrieren? Das Ministerium? Oder soll ich gleich den dunklen Lord erwecken?“ Es war ihm egal, wie hasserfüllt er die Worte ausspie. All seine Gedanken, dass Lucius tief im Inneren immer noch sein Vater war, hatten sich in Luft aufgelöst, denn jetzt sah er nur noch eines in ihm – eine Bedrohung für Scorpius.

„Das mit dem Zauberstab wird nicht nötig sein, denke ich. Das Ministerium wird mir meinen persönlich aushändigen, wenn du deine Aufgabe erfüllt hast. Du sollst mich nur hier raus holen.“

Er schnaubte spöttisch, doch innerlich spürte er seine Verzweiflung immer stärker aufwallen. „Das ist unmöglich.“

„Oh, ich habe nicht vor auszubrechen.“ Ein amüsiertes Glitzern lag plötzlich in Lucius Blick, doch Draco konnte nicht sagen weshalb. Vielleicht hatte der Ältere einfach den Verstand verloren? Nach einem Aufenthalt in Askaban war dieser Gedanke gar nicht mal so abwegig. „Ach nein?“

„Nein. Das muss ich gar nicht, denn du wirst für mich aussagen!“
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