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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
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11.10.2020 3.866
 
P.O.V Hermine

Sie spürte den Blick Dracos, der sich förmlich in ihre Seite zu brennen schien, doch sie überging ihn. Das hier war ihre Entscheidung. Sie stand hinter ihren Worten – und Taten! Nein, sie würde ihm nicht ihren Sohn in die Arme drücken und davon laufen. Sie würde hier bleiben – bei ihrem Kind und dessen Vater. Sie würde McGonagall weiterhin entschlossen in die Augen sehen.

Unwillkürlich musste sie sich ein Lächeln verkneifen. So absurd es in diesem Moment auch erscheinen mochte, sie war glücklich. Aus irgendeinem Grund schüttete ihr Körper derart viele Glückshormone aus, dass sie sich hier und jetzt wie berauscht fühlte.
Vielleicht lag es am Blick der Schulleiterin, die sie fassungslos anstarrte, unwissend, was sie sagen sollte – es war das erste Mal, dass sie den Professor sprachlos erlebte. Oder es war Scorpius, der, von der Situation völlig unbeeindruckt, fröhlich vor sich hin gluckste. Vielleicht lag es aber auch an Draco, der so dicht hinter sie getreten war, dass sie sich einbildete, seine Hitze in ihrem Rücken zu spüren. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, als er sie sacht zu sich drehte.

Er schien McGonagall für einen Moment vollkommen auszublenden und dennoch sprach er beinahe unhörbar leise, als er das Wort ergriff. „Was soll das? Du musst das nicht tun, okay?“

Hermine sah in seine Augen, doch was sie darin erblickte, ließ sie nur noch mehr strahlen. Unglaube, Freude, Bewunderung und Liebe… und ein Funken von Angst. Natürlich. Vermutlich fürchtete er, sie könnte einen Rückzieher machen, solange sie die Chance dazu hatte – auch wenn es seiner Meinung nach besser für sie wäre. Weshalb auch immer. Und mit jeder Emotion, die sie sehen konnte, wurde sie sicherer.

„Nein. Ich habe dir gesagt, wie ich dazu stehe. Ich sitze ab jetzt mit im Boot, Draco. Egal wovor du mich beschützen willst – es wird mich nicht abhalten.“ Sie sprach bewusst laut und auch er schien zu verstehen, was sie ihm damit zeigen wollte.

Es gab keinen Weg zurück. Sie wollte es so.

Mit einem letzten überzeugten Lächeln in seine Richtung wand sie sich erneut ihrer Hauslehrerin zu. Minerva McGonagall stand in unveränderter Manier im Türrahmen, doch Hermine sah ihr an, wie sehr sie gerade damit zu kämpfen hatte, die Worte ihrer Schülerin zu verarbeiten. Es wunderte sie keineswegs.

Man kannte sie als übergenaue Musterschülerin der Gryffindors. Der krasse Gegensatz zu dem jungen Mann, der in diesem Moment hinter ihr stand – in so vielerlei Hinsicht. Sie schienen die Personifikation von Gegensätzlichkeit zu sein.

Blond und brünett. Gryffindor und Slytherin. Muggelstämmige und Reinblut. Sie lernte stundenlang, ihm flog es zu. Sie liebte Regeln, er brach sie. Sie strebte soziale Reformen an, während er einer konservativen Gesellschaft entstammte.

So viele Unterschiede – und dennoch schien sie etwas immer wieder zusammen zu bringen. Sei es ein Krieg, ein Schulauftrag oder… ihr Kind.

Sie räusperte sich, als sie vorsichtig das Wort ergriff. „Professor? Ich weiß, dass das gerade etwas, sagen wir – unerwartet – kam. Und ich verstehe auch, dass Sie bestimmt einige Fragen haben. Allerdings ist nun kaum der richtige Zeitpunkt dafür. Ich würde Sie daher inständig darum bitten, dass wir diese Angelegenheit so schnell wie möglich klären.“

Der Blick der Angesprochenen schoss vom Kleinkind auf dem Arm der Gryffindor zu ebenjener. Hermine spürte deutlich, wie die Ältere um Fassung rang, doch sie kommentierte es nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass ihr Gegenüber sich erst nach mehrfachem Schlucken und weiteren vergangenen Minuten soweit gefasst hatte, dass sie ihrerseits antworten konnte.

„Meinetwegen. Allerdings wäre ich Ihnen für eine Erklärung sehr dankbar – zumindest sobald der Rest geklärt ist.“ Sie holte tief Luft.

„Ich hatte noch keine Zeit, mich mit dem Lehrerkollegium abzusprechen, immerhin kam das ganze recht unerwartet…“ Ihr tadelnder Blick traf auf Draco, der bisher ruhig geblieben war. Ohne auf eine Erwiderung zu warten fuhr sie fort, doch Hermine bekam immer mehr das Gefühl, dass die Professorin eher weniger mit ihr redete, als mit dem Blonden.
„Ich würde Sie daher bitten, sich in den nächsten Tagen etwas bedeckt zu halten. Sobald die Lehrerschaft alles besprochen hat, werde ich Sie über die Beschlüsse in Kenntnis setzen, doch bis dahin sollte die Schülerschaft möglichst nichts von der Anwesenheit ihres Sprösslings mitbekommen.“
Sie räusperte sich. „Unter den gegebenen Umständen wird es Ihnen nicht möglich sein, das Schloss täglich zu verlassen – aber das sollten Sie ja bereits wissen. Es wäre gut, wenn Sie sich mögliche Betreuer organisieren, die in Ihren Wahlfachstunden auf ihn achten. Ich bin mir sicher, Ihre Freunde wären dazu bereit. Allerdings wird das kaum etwas bringen. Wie sie wissen ist der Pflichtunterricht im Klassenverbund des entsprechenden Hauses angesetzt. Zu diesen Zeiten müssten Sie ihn also entweder mitnehmen oder dem Unterricht fern bleiben.“

Hermine wandte der Kopf, als sie eine Bewegung in ihrem Rücken spürte. Draco. Der Blonde schien bereits mit solchen Worten der Schulleiterin gerechnet zu haben, wurde Hermine klar, als sie seinen neutralen Gesichtsausdruck bemerkte.
Es war, als ginge ihr plötzlich ein Licht auf.

Deshalb war ihr Kollege so niedergeschlagen, als sie ihn auf das Kommende ansprach. Er wusste, dass es sich kaum mit seinem Unterricht vereinbaren ließ. Hermine musste Schlucken. In der Muggelwelt wäre es unter normalen Umständen wie einer Tagesschule schon schwierig, sich nebenbei um ein Kind zu kümmern, doch dieses Internatleben war dazu absolut nicht geeignet.

Sie wusste, was das hieß. Würden alle Stricke reißen, würde er die Schule abbrechen. Und das war etwas, was sie nicht zulassen konnte.

„Ich kann ihn übernehmen, notfalls auch zu Unterrichtszeiten.“ Sie hob ihren Blick, als sie McGonagall direkt ansprach. Draco hingegen blendete sie aus. Sie hatte schon gewusst, was er davon halten würde, bevor sie sein frustriertes Aufstöhnen vernommen hatte. „Sie wissen, wie es um meine Noten steht, Professor. Selbst für den Fall, dass ich die ein oder andere Stunde verpasse, kann ich alles mit ein wenig Zeitaufwand nachholen.“

Es war das erste Mal, dass sich der Slytherin in ihr Gespräch einschaltete. „Hör auf damit! Du weißt ganz genau, was du mir versprochen hast.“

„Ich habe die Briefe abgeschickt, Draco. Mehr als warten kann ich nicht! Ihr braucht mich und ich will helfen, also lass es auch zu. Bitte!“

Den verwirrten Ausdruck der Professorin übergingen beide.
Draco seufzte. „Ich mache das nicht, weil ich dich von ihm fernhalten will – und das weißt du auch. Aber was passiert bitte, wenn die anderen dich mit Scorp sehen? Nur weil Ginevra dichtgehalten hat, bedeutet das noch lange nicht, dass Finnigan oder Thomas es auch tun. Irgendeiner wird die Jungs informieren, so viel steht fest. Und egal wer es ist – solange du es nicht bist, werden sie es dir nicht so schnell verzeihen. Also hör einmal im Leben auf mich und warte ab, bis du mit ihnen gesprochen hast.“
Es folgte ein Starrduell, bei dem keiner von beiden nachgeben wollte. Hermine zitterte leicht, doch sie konnte selbst nicht sagen, weshalb. Vielleicht waren es seine Augen, die sie ablenkten und besänftigten, vielleicht war es aber auch diese kaum hörbare Stimme, die ihrem Gegenüber insgeheim beipflichtete.
Schließlich war sie es, die sich geschlagen gab. „Okay. Eine Woche! Aber sobald ich mit Harry und Ron geredet habe, übernehme auch ich die Aufsicht für Scorpius.“

Sie sah, wie Draco zufrieden nickte, doch sie war noch längst nicht fertig. „Wir machen alles offiziell. Kein Versteckspielen mehr. Wir sind seine Eltern und das kann auch jeder wissen. Ich will zu euch stehen, und das geht nur, wenn jeder es weiß. Also: Haben wir einen Deal?“


P.O.V Draco

Unsicher wanderte sein Blick immer wieder zwischen der Brünetten und seinem Sohn hin und her. Erstere saß seit einer schieren Ewigkeit gedankenversunken auf der Couch, wohingegen ihr Sohn – entsprechend seiner Frohnatur – lachend auf seinem neu angeschafften Kindersitz am Tisch thronte, enthusiastisch klatschend – warum auch immer. Ein Blinder hätte sehen können, dass Hermines Nervosität in den letzten Minuten exponentiell zugenommen hatte. Die Frage war nun, ob es berechtigt war…

Er konnte schlecht leugnen, wie angespannt er selbst war, jedoch war er sich nicht sicher, was der eigentliche Grund dafür war. Die Tatsache, dass er gleich seinem Erzeuger gegenüberstehen würde oder doch eher der Fakt, dass er seinen Sohn erstmals jemandem anderen als Astoria oder Narzissa überließ? Er wusste es nicht.

Das einzige, was er wusste, war, dass Hermines Gezappel und Gewippe keineswegs dazu beitrug, dass er ruhiger wurde. Wie sagten die Muggel: sie würde das Kind schon schaukeln, oder? Ihm war von Anfang an klar gewesen, wie übervorsichtig Hermine noch war, doch bestimmt würde es sich legen, sobald sie sich in ihre Rolle als Mutter eingefunden und Erfahrungen gesammelt hatte. Man brauchte sie nicht zu kennen um zu wissen, dass sie ihrem Sohn nie etwas zustoßen lassen würde.

Das, worüber er sich wirklich sorgen machte, war sie selbst. Egal wie oft er ihr angeboten hatte, Scorp zu seiner Mutter zu bringen – Hermine hatte immer abgelehnt. Und jetzt saß, kauerte – was auch immer – sie vor ihm. Heillos überfordert!

Trotzdem brachte er es nicht übers Herz, sie an seine Mutter, Astoria oder Blaise und Pansy zu verweisen, denn selbst wenn sie nur als Unterstützung da wären, würde Hermine sich scheußlich fühlen, so viel stand fest. Sie würde sich selbst einreden, versagt zu haben oder eine schlechte Mutter zu sein – und das wollte er auf jeden Fall verhindern.

Ihre Stimme zitterte kaum merklich, als sie ihn plötzlich ansprach. „Wann musst du los?“

Er blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. Ein Geschenk, das seine Freunde ihm zu seinem fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatten – sie hatten alle zusammengelegt. „Spätestens in einer viertel Stunde. Immerhin muss ich nach Hogsmeade laufen, bevor ich apparieren kann…“ Er brach ab.

Hermine blickte ihn immer noch nicht an, während sie fahrig nickte, nur um sich die dabei verrutschten Strähnen erneut aus der Stirn zu streichen. Ihre Knöchel knackten unangenehm laut, als sie nervös die Hände knetete. Unschlüssig blickte er sie an, ehe er seufzend auf sie zuschritt, nur um sich wenige Zentimeter neben ihr nieder zu lassen. Zögerlich umfasste er ihre Hände, nachdem er sie aus der Umklammerung gelöst hatte.

„Hey! Du machst das, okay? Ich bezweifle das nicht, also hör selbst damit auf. Es ist egal, wie wenig Erfahrung du hast. Ich hab dich in den letzten Tagen mit ihm umgehen sehen und du hast einen wunderbaren Job gemacht. Niemand, der es nicht besser wüsste, würde davon ausgehen, dass du ihn erst zwei Tage kennst!“

Seine Worte waren nicht gelogen, doch ganz wahr waren sie ebenfalls nicht. Was ihren Umgang mit Scorpius anging mochte es stimmen – sie schlug sich hervorragend. Dennoch waren ihr Unsicherheit – und manchmal auch Unbeholfenheit – oft anzumerken. Etwas, was sich mit der Zeit legen würde – da war er zuversichtlich.

Langsam hob die Gryffindor den Kopf in seine Richtung und er konnte ein erleichtertes Ausatmen nicht unterdrücken, als er ein zaghaftes, wenn auch leicht erschöpft wirkendes Lächeln auf ihren Lippen erblicken konnte. „Ich stell mich an, oder?“
Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Züge, als er beruhigend den Kopf schüttelte, doch ihr skeptischer Blick brachte ihn dazu, lachend einzulenken. „Na gut! Vielleicht ein klitzekleines Bisschen.“ Grinsend untermauerte er seine Worte, indem er mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand eine winzige Distanz andeutete. „Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich froh darüber. Ich müsste mir wohl eher Sorgen machen, wenn es nicht der Fall wäre.“

Mit einem empörten, nicht wirklich damenhaften Schnaufen knuffte sie ihn in die Seite, doch auch sie konnte nicht verhindern, dass sich ihre Mundwinkel verräterisch hoben.

Stille senkte sich über das Paar und unwillkürlich wanderten Dracos Gedanken weiter. In den letzten Tagen hatte er sich immer wieder gefragt, was das zwischen ihnen nun eigentlich war. Hermine hatte zwar angedeutet, mehr für ihn zu empfinden, doch sie hatten bisher keine weiteren Schritte aufeinander zu gemacht. Er selbst war sich inzwischen ziemlich unsicher, ob er ihre Worte falsch interpretiert hatte. Oder wartete sie etwa darauf, dass er diesmal die Initiative ergriff?
Er schluckte, als er sie vorsichtig von der Seite beobachtete. Hermine war nie wirklich die Person gewesen, die großartig auf andere zuging, auch wenn sie ein sehr sozial veranlagter Mensch war. Aber er wollte sie auch nicht verschrecken, indem er etwas unternahm, weil er ihre Worte oder Signale falsch deutete.

Irgendwie kam er sich momentan wie ein kleiner Schuljunge vor, der zum ersten Mal verknallt war und eben dieses Mädchen nun ansprechen sollte. Wie Hermine wohl reagieren würde, wenn er sie fragte, was das zwischen ihnen war? Wobei es klicheemäßig eher der weibliche Part war, der diese Frage aufwarf…

Trotzdem machte es ihn irgendwie verrückt, nicht zu wissen, was zwischen ihnen war. Sie waren sich nah, ja, und das nicht nur im körperlichen Sinne. Aber reichte das, was sie hatten, um erneut an den Punkt zu kommen, der sie hierher gebracht hatte? Er konnte nicht wirklich einschätzen, ob die Zuneigung, die sie ihm in Form von Küssen und Umarmungen gezeigt hatte, ihrem situationsbedingten Gefühlschaos geschuldet war, oder ob sie wirklich etwas für ihn empfand, was über bloße Anziehung und Verpflichtung hinausging.

Was er wusste war, dass ihm jeder Moment, den sie in dieser Nähe verbracht hatten, gezeigt hatte, dass seine Gefühle in den vergangenen Monaten nicht schwächer geworden waren – im Gegenteil. Eine Tatsache, die ihm allein bei dem Gedanke an eine mögliche Abweisung panisch werden ließ.

„Draco?“ Er schaffte es mehr schlecht als recht, ein erschrockenes Zusammenzucken zu unterdrücken, als ihre Stimme ihn aus seinen verzweifelten Gedanken riss. Mal wieder. Unwillkürlich schüttelte er unmerklich den Kopf, ehe er sie mit einem brummen aufforderte, weiter zu sprechen.

Sie zögerte. „Was… ich meine, was ist mit Lucius?“ Irritiert schoss sein Blick zur Brünetten an seiner Seite. Was meinte sie?

Sie verdrehte lediglich die Augen. „Es wird doch wohl einen Grund geben, weshalb das Ministerium dich einbestellt hat – ins Manor, wohlgemerkt. Ginge es um irgendeine Formalität, hätten sie dich auch ins Hauptgebäude bestellen können, also was soll das Ganze?“

Seine Mundwinkel zuckten, doch er biss sich auf die Zunge, um seinen Gedanken nicht laut zu äußern. Wann ergaben die Aktionen des Ministeriums schon Sinn? „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie haufenweise unbedeutende Mitläufer nach Askaban schicken, während sie ausgerechnet meinem Vater als einem der Hauptdrahtzieher Hausarrest aufdrücken. Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, Hermine. Egal wer den Krieg gewonnen hat, es sind noch viel zu viele korrupte Räder in dieser Maschinerie, als dass es jemals zu fairen Urteilen kommen könnte.“

Er spürte, wie sie sich plötzlich versteifte und zum ersten Mal ging ihm auf, dass sie wirklich genau das gedacht hatte. Dass diese Gesellschaft mit dem Tod des dunklen Lords stabilisiert wäre. Die Erkenntnis sorgte dafür, dass ihm zeitgleich nach lachen und weinen zumute war. Sie war so gutgläubig, aber eben auch so naiv!

„Glaubst du das wirklich, Draco? Immerhin hat dein Vater die Pläne Voldemorts mit seinen Fehlschlägen ziemlich häufig ins Wanken gebracht. Was, wenn er es mit Absicht gemacht hat? Du warst doch auch auf unserer Seite und so bedeutend kann er doch nicht gewesen sein. Ich meine, Voldemort wollte unangefochten an der Spitze stehen. Für ihn gab es nur Handlanger, keine Verbündeten.“

Bitter lachte er auf. Sie hatte wirklich absolut keine Ahnung und ein vollkommen verschobenes Bild der Todesser-Hierarchien. „Mein Vater ist ein Versager – nicht mehr und nicht weniger! Aber was glaubst du ist der Grund dafür, dass er dieses Versagen überlebt hat? Jeden anderen hätte der dunkle Lord derart qualvoll gefoltert, dass er sich den Tod herbeigesehnt hätte, aber Lucius kam mit einigen Stunden mittelschwerer Folter davon – und das ist verhältnismäßig geradezu barmherzig. Der einzige Grund, aus dem er überlebt hat, ist, dass er beinahe alle Angriffe auf Muggel, Muggelstämmige und Halbblüter koordiniert hat. Außerdem hat er dem Lord eine Unterkunft und die nötigen finanziellen und kontakttechnischen Mittel zur Verfügung gestellt. Allein in den letzten Jahren ist fast ein Drittel des gesamten malfoy´schen Vermögens in Schmiergelder für Ministeriumsangestellte und dergleichen geflossen. Das sind horrende Summen, Hermine.“

Er schluckte hart, als er seine zitternden Hände zu Fäusten ballte. Egal wie sehr er sich selbst einzureden versuchte, dass es nicht stimmte – es nahm ihn mit. Es nahm ihn mit, dass ausgerechnet der Mann, mit dem er die Hälfte seiner Gene teilte, ein derartiges Scheusal war. Es nahm ihn mit, dass er genau wusste, wie stark Scorpius zukünftig noch darunter würde leiden müssen. Und am schlimmsten war, dass er tief in seinem Inneren dennoch wusste, dass dieser ihm so verhasste Mann immer sein Vater bleiben würde – das konnte keine Magie jemals ändern.

„Ich weiß, dass du immer das Beste im Menschen sehen willst, aber in ihm steckt nichts Gutes. Er ist ein Narzisst. Ein sadistisches Schwein, das es liebt, andere leiden zu sehen – selbst seine Familie. Er genießt es. Das ist der Grund, weshalb der dunkle Lord kurz davor war, ihn zu seinem Stellvertreter zu ernennen. Es gab kaum jemanden in den Reihen der Todesser, der genauso folgsam und ergeben war.
Astoria, meine Mutter und ich haben so viele Beweise gesammelt und sie alle dem Richter vorgelegt – und trotzdem ist Lucius mehr frei als unfrei. Verstehst du? Es hat nie aufgehört! Weder Ungerechtigkeit noch Korruption.“

Er erhielt keine Antwort, doch damit hatte er auch nicht gerechnet. Seine Ausführungen musste ihr komplettes Bild dieser Nachkriegs-Welt bis in die Grundfesten erschüttert haben. Er hatte zwar in den letzten Wochen bemerkt, dass ihre Weltanschauung inzwischen viel – wie sollte er sagen – klarer und realistischer geworden war, doch mit diesem neuen Hintergrundwissen wurden die erkannten Abgründe nicht weniger.

„Aber es ändert sich nichts, wenn er von Scorpius erfährt, oder? Ich meine., was soll er schon machen?“ Sie lachte verzweifelt auf, doch das Beben in ihrer Stimme ließ ihn wissen, dass sie die wahre Antwort längst kannte. Lucius lange Arme reichten bis weit in die obersten Machtriegen.

„Er würde erst einmal Nachforschungen anstellen, wer die Mutter ist. Ihm wird sofort klar sein, dass sie muggelgebürtig oder sogar ein Muggel selbst ist, denn was Halbblüter angeht war unsere Familie bisher immer recht tolerant. Es bleibt also nur eine Frage der Zeit, bis er auf dich kommt… Und ab diesem Punkt ist er selbst für mich unberechenbar.“

Sie nickte, den Blick auf die Bodendielen geheftet. Er wusste, sie hatte Angst, und so schlimm es war – es war besser so. Wenn er eines gelernt hatte, dann, dass man Lucius besser überschätzen sollte, als das Gegenteil zu tun.

„Du musst los.“ Sie hatte recht. Er hatte sein Zeitlimit bis aufs äußerste ausgeschöpft. Inzwischen blieb ihm weniger als eine halbe Stunde, um nach Hogsmeade zu laufen, zu apparieren und die Ländereien des Manors zu überqueren.

Unsicher, wie er sich nun verabschieden sollte, stand er zögerlich auf. Ein einfacher Gruß? Eine Umarmung? Ein Kuss? Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als sie ihm ohne zu zögern folgte und sich an ihn presste. Schnell erwiderte er die Geste.

„Pass auf dich auf, ja? Und wenn irgendetwas ist, dann schick mir einen Patronus oder was auch immer. Und beeil dich!“ Leise und rau lachte er kurz auf, als er die Worte verarbeitet hatte, die sie in seine Halsbeuge nuschelte.

„Keine Sorge. Pass du lieber auf, dass dir und unserem Racker nichts passiert. Und denk dran: Ich glaub fest an dich und ich weiß, dass du diese Sache mit links packst.“

Vorsichtig löste sie sich von ihm und nickte. Er spürte ihren Blick, der ihm genau folgte, als er seinem Sohn einen letzten Abschiedsgruß auf den Schopf drückte. Mit entschiedenen Schritten steuerte er das Portraitloch an, als sie ihn ein letztes Mal innerhalten ließ. „Vielleicht hast du recht und ich packe das, aber wir brauchen dich trotzdem. Ich brauche dich! Also sei, bei Merlin, bitte vorsichtig!“

~⦁●⦁~

Genau zwanzig Minuten später stand er vor den breiten Innentoren des Anwesens, aus dem er erst in der Nacht zum Montag überstürzt aufgebrochen war. Das war vor fünf Tagen. Dennoch kam es ihm so vor, als wäre alles – die Ländereien, der Park und das Haus selbst – inzwischen vollkommen verwahrlost.

Es wirkte düsterer, feindseliger, und das, obwohl er wusste, dass es nur seine Psyche war, die ihm einen Streich spielte. Für einen der letzten Oktobertage war es überraschend sonnig, was eigentlich für Licht und warme Temperaturen sorgte. Nur dieser Landstrich Englands schien irgendwie davon ausgenommen zu sein.
Der Blonde schluckte, als er die Gartenanlage im Vorbeigehen betrachtete. Ihm war, als wäre das Gras in den letzten Tagen unkontrolliert zu einer grünen Wildnis entwuchert. Die Rosenrabatten seiner Mutter hatten längst ihre Blüten verloren, und selbst die Hagebutten schienen verdorrt zu sein – dabei waren die Blumen eigentlich so verzaubert, dass sie selbst im tiefsten Winter in voller Pracht und Farbe standen. Selbst das eigentlich pompöse Rauschen des meterhohen Mamorbrunnens klang plötzlich wie ein verzweifeltes, unheilverkündendes Gurgeln.

Jeder Schritt, mit dem er sich dem großen Portal des Haupthauses näherte, fühlte sich an, als ginge er ihn auf dem Weg zu seiner eigenen Exekution. Wo waren die Auroren? Wo waren die zusätzlichen Bannsprüche? Man schien nichts am dem Anwesen verändert zu haben.

Erst, als er sich dem Gebäude bis auf wenige Yards genähert hatte, überkam ihn das Gefühl, durch eine kalte Wand aus Wasser und Spinnenweben zu laufen. War das der einzige Schutzzauber, der vom Ministerium gewirkt wurde?

Ein letztes Mal atmete er tief durch, bevor er vor das Holzportal trat, die Schultern straffte, sich vollends aufrichtete und den Türklopfer betätigte. Nichts rührte sich. Irritiert runzelte er die Stirn. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Minuten mussten vergangen sein, als er schlurfende Schritte aus dem Inneren des Hauses vernahm.

Ein untersetzter, korpulenter Auror, der seine Zeit hauptsächlich hinter einem Schreibtisch abzusitzen schien, öffnete sichtlich entnervt die Forte. Seine Halbglatze, die aus nichts als ein paar partiell angeordneten grauen Fusseln bestand, glänzte ebenso fettig wie das tiefrote Gesicht, in dessen Zentrum eine fleischige Nase hervorstach. Das Namensschildchen, das an der Brusttasche des viel zu kleinen, fleckigen und wohl ehemals weißen Hemdes befestigt war, wurde halb von der aufgeschlagenen Zeitung verdeckt, auf die der Blick der Gestalt nach wie vor gerichtet war.
„Name?“

Draco verkniff sich eine patzige Antwort. Er wollte diese ganze Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Malfoy. Draco Lucius Malfoy.“

Ein abfälliges Grunzen war vom Mitarbeiter des Ministeriums zu vernehmen, als er sich wortlos umdrehte. Die Tür ließ er los, sodass es der Blonde nur seinen guten Reflexen zu verdanken hatte, sie nicht ins Gesicht bekommen zu haben. Inzwischen nicht minder enerviert, trat der junge Mann kurz entschlossen in die Eingangshalle. Auf eine Aufforderung könnte er wohl lange warten.

Er hielt sich nicht damit auf, die kaum veränderte Einrichtung zu studieren, als er dem Mann, der sich zwischenzeitlich wieder hinter seinen Schreibtisch gepflanzt hatte, letztlich genau mit der Frage konfrontierte, die ihn seit Eingang des Schreibens unablässig beschäftigte. „Warum bin ich hier?“

Bis auf ein Wort wurde er weiterhin ignoriert. „Hauptsaal!“

Innerlich bis drei zählend ballte er die Fäuste, bevor er sich wortlos umdrehte und in Richtung der angegebenen Räumlichkeit schritt. Er spürte eine weitere Barriere, als er die Schwelle überschritt.

Im ersten Moment sah er niemanden. Das Mobiliar war unverändert. Feuer brannte im Kamin und doch wirkte der gesamte Raum leblos. Die Tischchen waren leer oder wirkten drapiert. Die Kissen auf dem Sofa waren unangetastet. Zögerlich schritt er weiter in den Saal hinein, während er sich umsah.

Und dann geschah etwas, das ihn mitten in der Bewegung erstarren ließ. Sein Blut schien ihm in den Ader zu gefrieren, als er die gehässige Stimme in seinem Rücken vernahm. „Na, wenn das nicht mein Lieblingssohn ist!“
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