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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
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27.09.2020 3.760
 
P.O.V. Hermine

Nun lag sie hier, allein in ihrem Bett. Allein in dieser Unterkunft. Sie hatte Draco zuletzt bei ihrem Zusammenstoß gesehen – vor drei Tagen. Seither schien der Blonde wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Es erinnerte sie an seine Abwesenheit, bevor sie im Manor die Wahrheit erfuhr. Er schlief nicht hier, kam nicht zum Unterricht oder ihren abgesprochenen Aufgaben. Es war wie damals – mit einem Unterschied: McGonagall.

Hermine selbst hatte sich surrealer Weise schnell Sorgen um ihren Kollegen gemacht – was er selbst wohl kaum glauben würde, nachdem sie ihn in der letzten Zeit so behandelt hatte, als wäre sie ihn am liebsten los. Und sie hatte mit sich gerungen, ob sie sich wirklich an die Professorin wenden sollte - immerhin könnte ihm das immense Schwierigkeiten einbringen. Letztendlich hatte ihre Besorgnis gesiegt, weshalb sie McGonagall gestern auf die Abwesenheit Dracos angesprochen hatte.

Beklommen hatte sie ihrer Hauslehrerin gegenübergesessen, die Hände geknetet und inständig gehofft, dem Blonden keine zusätzlichen Probleme bereitet zu haben – umsonst. Die einzige Antwort, die die besorgte Gryffindor erhalten hatte, lautete, dass alles seine Richtigkeit hatte.

Immer noch fassungslos über diese Aussage schüttelte sie den Kopf. Alles hatte seine Richtigkeit? Verdammt, nichts war richtig. Der Vater ihres Sohnes war spurlos vom Schloss verschwunden, sie selbst hatte nicht einmal mehr die Möglichkeit, ihre Diskrepanzen richtigzustellen und zu allem Überfluss herrschte in ihrem Inneren nach wie vor dasselbe Chaos, dass sich seit ihrem letzten Gespräch einfach nicht zu legen schien.

Würde es nun immer so laufen? Und noch wichtiger: hatte sie ihre Chance verspielt? Im Nachhinein verstand sie selbst nicht, was sie geritten hatte. Draco hatte alles getan, was sie von ihm verlangte. Er kümmerte sich trotz allem zuverlässig um ihre amtlichen Pflichten – übernahm sogar ihren Part, wenn sie in extrem schwierigen Phasen nicht in der Lage dazu war. Er ließ ihr Zeit, ohne sie aufzugeben. Merlin, er hatte ihr sogar ein magisches Bild ihres Jungen zukommen lassen, wollte ein Treffen zwischen ihnen organisieren und ihr von Scorpius´ Leben berichten – und sie hatte ihn jedes Mal ignoriert.

Sie war schlecht – in vielerlei Hinsicht. Eine schlechte Freundin, eine schlechte Kollegin, eine schlechte Partnerin und vor allem eine furchtbare Mutter. Seit Wochen verwehrte sie sich ihrem Sohn. Alles aus Angst. Angst vor einer ungeplanten, nun ungewissen Zukunft. Angst vor Verlusten. Angst zu versagen.

Und damit schadete sie nicht nur sich, sondern allen Menschen, die ihr wichtig waren. Verzweifelt aufstöhnend rollte sie sich auf die andere Seite ihres Bettes – wie schon so oft in den letzten Minuten. Sie war rastlos, verwirrt und vollkommen verzweifelt. Die aufgehängten Fotografien, die ihr in vergangenen Zeiten so oft Mut gemacht hatten, schienen sie nun stumm zu verurteilen – ihr all ihre Fehler vorzuwerfen.

Fehler… Sie hatte so viele gemacht.

Man nehme da nur den Obliviate, den sie auf ihre Eltern angewandt hatte und den zurückzunehmen sie nun nicht im Stande war. Oder Harry, dem sie nicht geholfen hatte mit seinem Erlebten fertig zu werden – immerhin wäre er wohl kaum im Mungos, wäre sie nicht so egoistisch und unfähig, oder? Ginny, die sie mit ihren Problemen allein ließ. Molly und Arthur Weasley, die sie nach der Schlacht gemieden hatte, statt ihnen in ihrer Trauer beizustehen. Draco… Scorpius…

So viele Fehler – und sie kam nicht umhin sich zu fragen, ob sie eventuell selbst einer war. Sie hatte so viel Leid zugelassen, so vielen mutwillig geschadet - und es wurde ihr erst jetzt bewusst!

Unwillkürlich richtete sie sich auf, schwang die Beine über die Bettkante, während ihre linke Hand unbewusst zu ihrer Stirn wanderte, als könnte sie die Gedanken, die dahinter unablässig Karussell zu fahren schienen, stoppen. Vergebens.

Es fühlte sich an als würde ihr Schädel platzen, beinahe als hätte sie in den letzten Tagen viel zu viel Alkohol konsumiert, dabei hatte sie keinen Tropfen angerührt. Nein, der Grund ihrer unablässigen Kopfschmerzen war ein anderer – ihr inneres Chaos.

Es war einer dieser schier unzählbaren Gedanken, der sich immer wieder vor ihrem geistigen Auge manifestierte – sie vermisste sie. Draco. Scorpius, obwohl sie ihn nicht kannte. Ja, sie vermisste… ihre Familie? Resigniert seufzte sie auf. Hatte sie überhaupt das Recht, die beiden als solche zu bezeichnen?

Ein Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Enerviert ließ sie den Kopf auf ihre Knie sinken, während sie die Arme um ihre Beine schlang. Der Laut war aus Richtung des Eingangsportals erklungen. Vermutlich waren es wieder ein Paar Zweitklässler, schoss es ihr frustriert durch den Kopf.

Allein gestern Abend wurde sie bereits dreimal – dreimal, bei Merlin – von einer Art Gesandtschaft aufgesucht, nachdem ein Streit der beiden „Möchtegern-Hauschefs“ komplett eskaliert war. Und als hätte dieser Umstand nicht gereicht hatte sie sich erschöpft und völlig übermüdet auch noch anhören müssen, weshalb die Herrschaften sich derart verkracht hatten, dass einiges an Inventar des Gemeinschaftsraumes selbst mit Magie nicht mehr zu retten war. Quidditch!
Die Herren hatten sich gestritten, wer der geeignetere Teamchef wäre – was natürlich keinesfalls auf den jeweils anderen zutraf.

Und sie? Sie hatte geschlichtet, den Gemeinschaftsraum so gut es ging wiederhergestellt und den Streithähnen eine deftige Strafe angekündigt – beim ersten Mal.
Beim zweiten Mal hatte sie erneut versucht, sich möglichst diplomatisch zu geben, auch wenn ihre Wut deutlich spürbar gewesen sein musste, wenn man von den Blicken einiger Schüler ausging.
Beim dritten Mal… Nun, beim dritten Mal hatte sie die beiden wortlos am Genick gepackt, in die jeweiligen Schlafsäle verfrachtet und mit einem – für die Jungen viel zu komplizierten – Zauber darin eingeschlossen. Eine Reaktion, die im Nachhinein eventuell etwas übertrieben anmutete, doch ihre Nerven lagen blank.

Dieser Vorfall hatte ihr gleich mehreres vor Augen geführt.

Zum einen war sie absolut überarbeitet und zum anderen … komplett unfähig im Umgang mit Kindern.

Sie schüttelte den Kopf, krampfhaft versuchend, diesen ewigen Teufelskreis an Gedanken zu überwinden, und stand entschlossen auf. Wer auch immer vor dem Portrait gestanden hatte, wartete entweder geduldig auf sie oder hatte es inzwischen aufgegeben, stellte sie bei genauerem Hinhören fest. Innerlich betete sie zu Merlin, das letzteres der Fall war.

Gemessenen Schrittes lief sie auf ihre Zimmertür zu, die sie gestern in der Befürchtung, nochmal aus dem Bett geklopft zu werden, lediglich angelehnt hatte. Der Gang war leer. Natürlich war er das, schoss es ihr niedergeschlagen durch den Kopf. Weshalb sollte es auch anders sein?

Lustlos schlurfte sie weiter, bis sich allmählich der Wohnbereich vor ihr auftat. Alles war so, wie sie es gestern zurückgelassen hatte. Alles – bis auf den Schatten, der im Türrahmen stand. Im ersten Moment überlegte sie noch, wer außer ihr selbst, der Schulleiterin und Draco die Zugangslosung kannte, doch als das Gesicht des Neuankömmlings aus den Schatten der Eingangsnische hervorkam, erstarrte sie, unfähig ihren Gedanken zu beenden.

Im Eingang, die linke Seite komplett von den hervorstehenden Mauern verdeckt, stand mit verwuschelten blonden Haaren und einem unendlich müden Ausdruck auf dem Gesicht ihr Kollege.
Er schien sie überhaupt nicht zu bemerken, wie er vorsichtig im Türrahmen stand, den Blick offenbar in Gedanken vertieft auf den Boden gerichtet. In seiner Rechten hielt er eine große Sporttasche. Auch seine Kleidung ließ darauf schließen, dass er das Schloss erst vor Kurzem erreicht hatte. Statt der klassischen Schulrobe trug er eine ausgeblichene Jeans, ein aufgeknöpftes, bereits ziemlich zerknittertes Hemd und ein hellgraues Shirt. Grau wie seine Augen, ging ihr in der hintersten Ecke ihres Bewusstseins auf.

Urplötzlich strömten all die Fragen, die sie für einen Moment unterdrückt geglaubt hatte, wieder auf sie ein. Was machte er hier? Warum war er weg? War etwas passiert? Wo war er? Warum hatte er ihr nichts gesagt? Hatte sie es nun endgültig verspielt?

Doch noch bevor sie auch nur eine einzige Frage äußern konnte, trat er weiter in den Raum hinein. Nun war es ihr möglich, seine ganze Person zu betrachten. Dracos Kopf ruckte herum als er ihr Keuchen vernahm, doch sie wir nicht in der Lage, ihren Blick von der Gestalt, die er auf seiner linken Hüfte trug, zu lösen.

Scorpius.

Bisher hatte der Mauervorsprung seinen kleinen Körper verborgen, doch nun sah sie ihn deutlich. Das schlafende Abbild des Mannes, der nun bewegungslos vor ihr verharrte – offensichtlich unwissend, wie er weiter mit dieser Situation verfahren sollte.

Hermine schluckte schwer. Noch vor wenigen Minuten hatte sie noch darüber fantasiert, wie sehr sie die beiden Malfoys vermisste und nun? Nun wusste sie beim besten Willen nicht, wie sie reagieren sollte. Stumm starrten sie sich an, bewegungslos. Es fühlte sich an als wäre jeder Muskel ihres Körpers – selbst jene, die sie nie zuvor wahrgenommen hatte – aufs Äußerste angespannt. Krampfhaft durchforschte sie ihr Hirn nach einem geeignetem Gesprächseinstieg, einem, der möglichst unverfänglich war, doch vergeblich.

Im Augenblick waren nur zwei Ideen einer Begrüßung in ihrem Kopf. Entweder gab sie Draco eine Ohrfeige, weil er sie so lange wortlos mit ihren Sorgen allein gelassen hatte, oder aber sie warf sich ihm vor Erleichterung an den Hals. Keines von beidem war eine Variante, die sie zu wählen bereit war.

Letztendlich war er es, der den Anfang machte – nur leider anders, als sie es sich erhofft hatte.

„Granger.“ Fahrig nickte er ihr zu, den Blick konsequent von ihr abgewandt. Wieder spürte sie ein Stechen in ihrer Brust, das immer stärker zu werden schien, als er Anstalten machte, sie im Wohnbereich stehen zu lassen. Unsicher öffnete sie den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. Was auch immer über ihre Lippen kommen würde, wäre vermutlich nicht hilfreich.

Immer weiter entfernte sich der Blonde energischen Schrittes von der Tür und Hermines Verzweiflung stieg. So hatte sie sich ihr Wiedersehen definitiv nicht vorgestellt. Inzwischen befand sich Draco ungefähr auf ihrer Höhe und noch bevor sie überhaupt darüber nachdachte, was sie hier eigentlich tat, trat sie entschlossen vor ihn – zu spät.

Ihrem Gegenüber blieb keine Zeit, seine Schritte abzubremsen, wodurch er mit nahezu unverminderter Wucht mit ihr kollidierte. Erschrocken kniff Hermine die Augen zusammen. Da sah man mal wieder, auf welch bescheuerte Ideen sie neuerdings kam. Ein Rumpeln ertönte, doch sie spürte keinen Schmerz. Zögerlich blinzelte sie. Sie stand noch.

Und mit einem Mal bemerkte sie den Arm, der sich fest um ihre Taille geschlungen hatte. Ein Blick über ihre Schulter folgte. Die Sporttasche lag achtlos hinter ihr auf dem Boden. Zaghaft wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne und sah geradewegs in zwei paar graue Augen. Draco, der offenbar nicht wusste, war er von ihrer Aktion halten sollte – und Scorpius.

Mit großen Augen blickte der Kleine sie an, schien sie zu mustern, und obwohl sie wusste, dass er gerade mal ein Jahr alt war, kam es ihr vor, als wolle er sie ergründen. Sie fühlte sich plötzlich, als wäre sie von einer unsichtbaren Blase umgeben – der Realität entrückt. Unwillkürlich hob sie die Hand und strich ihm zärtlich über die blonden Locken, als eine Flut der Gefühle sie überrannte.

Verbundenheit, tiefe Zuneigung – Liebe. Pures Glück, Stolz, aber auch Schuld und Sehnsucht. Waren das Muttergefühle?

„Au.“ Erschrocken zog sie ihre Hand zurück und begann beinahe panisch, ihren Sohn von Kopf bis Fuß abzuscannen. War er verletzt?

„Alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Er sagt das immer, wenn etwas auf den Boden fällt. Ihm fehlt nichts.“

Langsam richtete sie ihren Blick auf Draco. Ihr war nicht entgangen, dass er es peinlichst vermieden hatte, sie direkt anzusprechen. Warum? Unmerklich schüttelte sie den Kopf. Nicht ihr größtes Problem!

Zögerlich befeuchtete sie ihre Lippen, während sie überlegte, was sie nun tun sollte. Natürlich, sie hatte ihren Mitschüler erfolgreich aufgehalten, doch das bedeutete nicht, dass er nun ewig hier bei ihr stehen bleiben würde – schweigend.
Sie räusperte sich. „Wieso?“

Als Antwort erntete sie lediglich einen irritierten Blick ihres Gegenübers. Leicht beschämt biss sie sich auf die Unterlippe und wand sich zu ihrem Kind. Ihre Unwissenheit war ihr mehr als nur unangenehm, doch sie wollte es wissen.

„Wieso sagt er es, obwohl ihm nichts fehlt? Dieser Ausruf hat doch nichts mit fallenden Dingen zu tun.“

Skeptisch, fast schon missbilligend hob Draco die Augenbraue, doch dann seufzte er auf. „Er ist knapp ein Jahr. Kinder in seinem Alter sprechen für gewöhnlich nicht in Sätzen. Sie benutzen Wörter, Laute oder Silben, die sie von seiner Umgebung aufschnappen.
Scorpius hat zum Beispiel gelernt, dass er sich von Feuer und Herden fernhalten soll, also bezeichnet er alles, was gefährlich ist, als heiß. Astoria ist einmal ein Buch auf den Fuß gefallen. Seitdem sagt er eben au, wenn etwas fällt.“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, doch in seinen Augen erkannte sie deutlich, wie sehr ihn diese Unterhaltung aufwühlte.

Sie stöhnte resigniert, als sie sich vorsichtig ein Stück entfernte und beobachtete, wie Scorpius seinen Kopf an die Brust seines Vaters schmiegte, der ihr leicht wippte. Dieser Anblick löste so vieles in ihr aus.

„Warum warst du weg? Ich… ich habe mir mit Sorgen gemacht – wirklich!“ Sein ungläubiger Gesichtsausdruck schmerzte. „Ich weiß, ich habe Fehler gemacht – wobei du nicht bestreiten kannst, dass das auch für dich gilt. Ich meine, du hast ihn mir verheimlicht und …“

Sie zuckte schuldbewusst zusammen, als er sie unterbrach. Verdammt! Sie hatte ihm doch gar keine Vorwürfe machen wollen! Doch entgegen ihrer Befürchtungen schien er nicht wütend zu sein. „Granger! Wir klären das, in Ordnung? Aber nicht vor ihm!“

Sein bedeutungsschwangerer Blick ließ sie einmal mehr zusammenfahren. Natürlich hatte er recht. Sie hatte zwar keine Ahnung, wie viel ein Kind spürte und verstand, doch es war unerheblich – dieses Gespräch war sicherlich nicht für die Ohren ihres Sohnes bestimmt!

„Ja, du hast recht. Ich… Es tut mir leid. Ich wollte dir keine Vorwürfe machen.“

Ein langsames Nicken folgte. „Gut. Ich bringe ihn und unsere Sachen in mein Zimmer. Sobald er schläft können wir reden.“

Ohne auf eine Antwort ihrerseits zu warten, schob der Blonde sie vorsichtig zur Seite, beugte sich und griff umstandslos nach der Tasche, die – von ihr fast vergessen – immer noch auf dem Holzboden lag. Hermine beobachtete ihn, wie er ihr Kind dabei scheinbar mit spielerischer Leichtigkeit in einem Arm balancierte und augenblicklich fühlte sie sich umso unbeholfener.

Ihre Augen folgten seinen Schritten, die immer weiter verklangen, als ihr plötzlich etwas gewahr wurde. Ihre Augen wurden groß, doch zugleich keimte Hoffnung in ihr auf.

Draco hatte sie die gesamte Zeit über gehalten.

~⦁●⦁~

Mit jeder Minute, die sie gewartet hatte, war sie nervöser geworden. War durch den Raum getigert, hatte aus dem Fenster gesehen und versucht ein Buch zu lesen – erfolglos. Jede im Raum gedrehte Runde ließ sie ungeduldiger werden, der Ausblick auf die Ländereien kratzte sie zusätzlich auf und die Worte ihres Buches waren immer wieder vor ihren Augen verschwommen, so abgelenkt war sie.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie bereits zwanzig Minuten wartete. Bereits oder erst? Wie lange brauchte so ein Kind, bis es einschlief? Unruhig knetete sie ihre Hände, überlegte, was sie sagen könnte – und sollte. Sie wollte ehrlich sein, ihre Karten auf den Tisch legen, denn eines durfte ihrer Meinung nach nie wieder vorkommen – ein derart angespanntes Verhältnis zwischen ihr und Draco. Aber konnte sie ihm einfach sagen, was sie wollte? Ihn und ihren Sohn.

Unsicher schüttelte sie den Kopf. Das wäre zu missverständlich, oder? Andererseits entsprach es der Wahrheit. Sie hatte genügend Zeit, nachzudenken. Sie wusste inzwischen, was sie fühlte. Sollte sie es also wagen?

Schritte rissen sie aus ihrer Grübelei. Seine Schritte. Augenblicklich nahm ihre Nervosität ab, nur um durch neue ersetzt zu werden. Die nächste Hürde stand an: der Gesprächseinstieg.

Unentschlossen blickte sie den Vater ihres Sohnes an, der sich ihr zwischenzeitig bis auf wenige Yards genähert hatte. Ihre Hand vollführte eine unbestimmte Geste. „Sollen wir uns setzen?“ Er sah sie an, als er ebenfalls zögerlich zustimmte. Beide nahmen sie auf der Couch Platz, jedoch mit wesentlich mehr Abstand als üblich. Schweigen erfüllte den Raum, bis Hermine es brach.

„Wo schläft er eigentlich? Hast du ihm ein Bett gezaubert?“ Für den Moment konnte sie selbst nicht sagen, ob sie sich am liebsten dafür loben würde, den ersten Schritt gemacht zu haben oder ob sie sich für ihre Frage ohrfeigen sollte. Ihr Gegenüber schien nicht minder irritiert.

„Nein. Er schläft in meinem Bett?“ es klang mehr nach einer Frage, doch sie beachtete es nicht. Vielmehr wallte plötzlich eine unerklärbare Sorge in ihr auf. Sie biss sich auf die Lippe.

„In deinem Bett? Aber was, wenn er runterfällt? Er könnte sich verletzen, wenn wir nicht aufpassen und…“

Sie beobachtete, wie sich Draco frustriert an die Nasenwurzel fasste. „Ich habe die Matratzen mit Kissen begrenzt. Keine Sorge, ich weiß was ich tue.“

Niedergeschlagen seufzte sie. „Und ich nicht, ich weiß. Es tut mir leid.“ Sie konnte hören, wie er schwer schluckte, doch sie hielt ihren Blick weiterhin von ihm abgewandt. Es tat weh.

„Nein, mir tut es leid. Du kannst nichts dafür. Eigentlich sollte es mich freuen, dass du dir überhaupt Gedanken machst.“ Seine Stimme klang rau und entgegen seiner Worte war nicht der geringste Hauch von Freunde oder Erleichterung darin vorzufinden. Sie wirkte … kalt. Gefühllos. Unnahbar.

Sie spürte, wie ihre Verzweiflung wieder aufkam. Wäre es nun immer so zwischen ihnen? Kalt und distanziert? Sie wollte das nicht – nicht so. Krampfhaft überlegte sie, wie sie ihr Verhältnis thematisieren könnte, ohne ihn versehentlich anzugreifen. Ihre Hände zitterten, als sie sich an eines der Kissen klammerte.

„Warum bist du überhaupt noch hier? Entfallen die Verteidigungsstunden?“ kam es plötzlich von ihrem Mitschüler, doch sie konnte nicht wirklich einordnen, ob ihn seine Frage ernsthaft interessierte oder ob er einfach etwas hatte sagen wollen.

Sie schüttelt den Kopf, wohl wissend, welches Theater ihr vermutlich bevorstand, sobald die Schulleiterin davon erfuhr. „Nein. Ehrlichgesagt ist mir aber gerade egal, ob ich schwänze oder nicht. Wir müssen das klären – und das besser früher als später.“

Ein gegrummelter Laut erklang aus seiner Richtung. Sie schluckte. „Was macht er hier? Und wo warst du?“

„Er ist hier, weil das Manor nicht mehr sicher ist. Ich war die letzten Tage mit ihm bei meiner Mutter – in einem Hotel. Es gab einiges, was ich regeln musste.“

„Wie meinst du das? Also, dass das Manor nicht mehr sicher ist? Wurde eingebrochen?“

Verwirrt hob er den Kopf und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung stellten sie Blickkontakt her. Grau und Braun. Doch sein Blick war so nichtssagend, dass es ihr kalte Schauer über den Rücken jagte. Er zögerte. „Lucius wurde vorgestern verurteilt. Du weißt, welche Strafe vorgesehen war.“

Unbewusst nickte sie. Natürlich wusste sie, was das Ministerium für Lucius Malfoy vorgesehen hatte. Niemals könnte sie vergessen, wie mitgenommen Draco an diesem Abend gewesen war – und was sich damals noch ereignet hatte. Irgendwie war dieser Gedanke gleichsam paradox, bedachte man, dass sie ihr eigenes Kind vergessen hatte.

„Weiß McGonagall davon? Dass er hier ist, meine ich.“ Er ruckte wortlos mit dem Kopf. Die Schulleiterin wusste es.

„Auch, dass ich…“ „Nein.“ Sie schwieg.

Wieder breitete sich Stille zwischen ihnen aus, doch keiner von beiden brach sie. Jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen, doch in Wahrheit tobte es in Hermine. Warum war er so? Sie hielt es nicht mehr aus, als letztendlich all ihre Verzweiflung und Verletztheit aus ihr herausplatzten. „Warum bist du so? Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe, okay? Ich hätte euch nicht allein lassen dürfen, dass weiß ich und ich hasse mich dafür. Aber du kannst doch nicht für den Rest unseres Lebens so abweisend bleiben, wenn es um mich geht.“ Tief atmete sie durch. „Ich versuche es doch – ich versuche es wirklich. Als ich gesagt habe, dass ich seine Mutter sein will, habe ich es auch so gemeint, egal wie lange ich gebraucht habe, das zu verstehen.“

Er blickte sie durchdringend an, ohne etwas zu erwidern. Mit jeder Sekunde stieg ihre Anspannung um ein Vielfaches, während ihr das Ticken der Uhr durch Mark und Bein zu gehen schien.

„Bitte, Draco. Gib mir eine Chance. Uns.“

Er seufzte. „Und dann? Bemerkst du nach diesem Gespräch wieder, dass du es nicht kannst, nicht willst – was auch immer? Lässt du uns dann wieder allein?“ Er wandte sich ab, schluckte, und zum ersten Mal sag sie wieder eine Regung auf seinem Gesicht. Schmerz, Angst, Trauer. Resigniert sprach er erneut, seine Augen wieder fest mit den ihren verhakt. „Noch hast du die Möglichkeit auszusteigen, Hermine. Aber ich werde nicht zulassen, dass du Scorpius zerstörst, indem du immer wieder in seinem Leben ein und aus gehst – das kann ich nicht zulassen! Genauso wenig wie ich jetzt zulassen kann, dass ich mir wieder Hoffnungen mache, die du am Ende zerschellen lässt.“

Seine Augen schimmerten, als er seinen Blick senkte und Hermine spürte, wie ihr selbst Tränen über die Wange rannen. Sie unterdrückte ein Schluchzen, doch ihre Stimme verbarg kein bisschen, wie es in ihr aussah. Sie fühlte sich absolut elend. „Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid. Glaub mir, wenn ich die letzten Wochen ändern könnte, würde ich es tun. Ich weiß, was du, verdammt nochmal, alles für mich getan hast, aber ich war einfach wütend. Wütend, verletzt und komplett überfordert. Und ich bin mir darüber im Klaren, dass es für mein Verhalten absolut keine Entschuldigung gibt. Das einzige, das ich nun versuchen kann, ist, für euch da zu sein. Und das will ich wirklich.“

Ein Ton kam über ihre Lippen. Sie hatte verloren – den Kampf, gegen ihre Tränen. Das Letzte, was sie zu tun imstande war, war es, ihm die Wörter zu zu hauchen, die sich in der letzten Zeit immer wieder in ihre Gedanken geschlichen hatten. „Wahrscheinlich ist es viel zu früh, etwas Derartiges zu sagen, aber ich will diese Familie, Draco. Ich will, dass wir eine Familie sind, denn ich bin mir sicher, dass ich nicht nur unseren Sohn liebe.“

Sie atmete tief durch. Es war ihre letzte Idee, die letzte Möglichkeit und gleichzeitig genau das, was sie gerade am dringendsten wollte. Sie stand auf und beobachtete, wie ein Anflug von Panik in Dracos Augen aufflackerte. Panik, sie würde nun endgültig verschwinden – doch das würde sie nicht. Niemals.

Es war die Wahrheit. Sie wollte das hier. Sie wollte Scorpius … und Draco. Fest entschlossen lief sie auf ihn zu und ließ sich umstandslos auf seinem Schoß nieder. Sie spürte, wie er erstarrte und doch zeitgleich einen Arm um sie schlang. In diesem Moment wusste sie, dass sie der Blonde vor ihr, der sie mit ungläubigem Blick anstarrte, niemals von sich stoßen würde. Ein zufriedenes, nicht minder glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

Ja, sie hatte viele Fehler gemacht, doch das hier war einfach nur richtig. Perplex öffnete Draco den Mund als er spürte, wie sie sich immer näher an ihn schmiegte, doch noch bevor auch nur ein Laut über seine Lippen kam, wurden sie verschlossen.

Dieser Kuss war so viel inniger, so viel berauschender als jener, den sie noch Wochen zuvor geteilt hatten und es fühlte sich an, als würde er mit jedem verstrichenen Augenblick noch besser.

Und zum ersten Mal seit einer ihr endlos vorkommenden Zeit hatte Hermine wieder das Gefühl, angekommen zu sein.
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