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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
26
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20.09.2020 3.781
 
P.O.V. Hermine

Schon seit Stunden wälzte sie sich unruhig im Bett herum.

Genaugenommen seit sie sich überhaupt hingelegt hatte. Starrte für ihr unendlich lang erscheinende Sekunden auf den Wecker der auf ihrer Kommode stand, nur um ihren Blick anschließend über die zahlreichen an ihrem Bettpfosten und den Zimmerwänden aufgehängten Bilder schweifen zu lassen, die sie aufgrund der zugezogenen Vorhänge in der Dunkelheit gerade mal schemenhaft erahnen konnte.

Dennoch wusste sie genau, um welches Motiv es sich bei der jeweiligen Fotografie handelte. Die einzigen vorhandenen magischen Bilder ihrer Eltern, ein Bild welches zu ihrem dritten Weihnachtsfest im Fuchsbau geschossen worden war und zahlreiche Abbildungen ihrer Freunde.

Das Einzige, was sie momentan noch von Draco und Scorpius hatte, hing ebenfalls - wenn auch vor neugierigen Blicken versteckt - hinter dem ihrer Eltern. So waren die Menschen, die ihr am wichtigsten waren, immer an einer Stelle zu finden, auch wenn es in der Realität anders aussah.

Die meisten Schnappschüsse zeigten sie allerdings vor allem von Harry, Ron und Ginny.

Ginny…

Ein Seufzen bahnte sich den Weg über ihre Lippen. Drei Tage war es nun her, dass sie sich gestritten hatten. Furchtbar gestritten hatten. Und Hermine tat es unendlich weh, denn jetzt hatte sie nicht nur Dracos Verlust hinzunehmen, sondern auch den ihrer besten Freundin.

Normalerweise vertrugen sie sich spätestens am Tag nach der Zankerei, doch diese Auseinandersetzung handelte nicht von irgendwelchen Nichtigkeiten, nein! Ginny kannte nun die Wahrheit.

Die Wahrheit über Hermines Wandlung in den letzten Wochen. Die Wahrheit über ihr Verhältnis zu Draco. Die Wahrheit, dass sie selbst – Hermine – ihren engsten Freundeskreis beinahe seit Beginn des Schuljahres belogen hatte. Ihnen Dinge verheimlicht hatte und ihr so unwillentlich suggeriert hatte, kein Vertrauen in diese Menschen zu haben.

Seitdem herrschte eisiges Schweigen zwischen den Mädchen. Wenn sie versuchte auf Ginny zuzugehen, ignorierte diese sie vollkommen - blickte sie nicht einmal an.

Wieder drehte sich Hermine in der Hoffnung, ihren Körper so in eine bequemere Position zu bringen.

Vergeblich.

Seufzend dachte sie zurück an die Begebenheiten der vergangenen Tage.

--------------- drei Tage zuvor; Sonntag (18. Oktober) -----------

Sie wollten sich um 10:00 Uhr vor der großen Halle treffen.

Hogsmeadewochenende.

Eigentlich hatte Hermine keine Lust sich in das Dorf zu schleppen, nur um von Ginny durch die Läden gezogen zu werden. Sie schlief wieder schlechter seit sie versuchte, sich von Draco zurückzuziehen. Doch sie brauchte den Abstand um nachzudenken. Und es war schwer sich aus dem Weg zu gehen, wenn man sich die Unterkunft teilte.

Mittlerweile ging er nicht mehr auf sie zu, versuchte ihr den Raum zu geben, den sie benötigte, und sie war ihm dankbar dafür. Doch anstatt über ihre Situation und mögliche Auswege nachzudenken drehten sich ihre Gedanken lediglich darum, wie sehr sie den jungen Mann vermisste, der gerade mal ein Zimmer weiterschlief.
Erst jetzt wurde ihr das Ausmaß der Gefühle, die sie für ihren Kollegen empfand, wirklich bewusst. Es war keine Schwärmerei, wie sie ursprünglich geglaubt hatte – oder sich zumindest einreden wollte. Es war auch keine Verwirrtheit über sein „neues“ Auftreten, dass ihr den Eindruck vermittelte, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Es waren genau jene Gefühle, die sie noch zu Beginn des Schuljahres niemals mit ihm in Verbindung gebracht hätte – obwohl sie sie schon so lang empfand.

Verbundenheit, Geborgenheit, Wärme. Liebe… Allesamt Dinge, die sie empfand, sobald sie seine Anwesenheit spürte, in seine eisgrauen Augen sah oder nur an ihn dachte.

Sie schüttelte die Gedanken ab.

Es war inzwischen viertel vor zehn und sie stand aufbruchbereit in ihrem Zimmer. Trotz akuter Unlust und der Übelkeit, die sie seit über einer Woche täglich quälten, versuchte sie sich selbst für den kleinen Ausflug zu motivieren.

Vielleicht würde Ginny es schaffen, sie von ihren Gedanken und Sorgen abzulenken.

Ungeachtet der noch verhältnismäßig milden Temperaturen warm eingepackt, machte sie sich auf den Weg zum abgemachten Treffpunkt.

Es waren viele Schüler unterwegs, die wohl das gleiche Ziel hatten wie sie. Schüler der verschiedensten Häuser, die dennoch zusammen auf den Fluren standen und sich weitestgehend friedlich unterhielten. Erneut fielen Hermine die Veränderungen auf, die seit Ende des Krieges in der magischen Welt begonnen hatten.

In gemäßigtem Tempo lief sie über die Korridore, ehe sie um die Ecke bog, die sie vom Eingangsportal der großen Halle trennte. In Gedanken versunken bemerkte sie die Gruppe anderer Schüler ihres Jahrgangs nicht, was zur Folge hatte, dass sie in einen von ebenjenen hineinlief.

Reflexartig krallte sie sich an der Person fest, dennoch einen Sturz erwartend, doch er blieb aus. Ohne die Arme, die um ihre Taille geschlungen lagen zu beachten, blickte sie auf und erstarrte.

Es kam ihr vor wie ein Déjà-vu.

Ein schlechter Scherz.

Und es war ein uraltes Klischee.

Doch das einzige, worauf sie sich konzentrieren konnte, waren die eisgrauen Augen, die sie fixierten. Irgendwo in ihrem Hinterkopf explodierte gerade ihr inneres Engelchen – oder war es das Teufelchen? Egal! Sie verlor sich in seinem Blick, unfähig sich aufzurappeln, ihn von sich zu stoßen und möglichst schnell das Weite zu suchen, wie sie es eigentlich hätte tun sollen.

Sie war wie fest geschweißt. Vielleicht hatte auch jemand einen Klebefluch auf sie losgelassen, sie wusste es nicht. Aber diese Augen…

„Du solltest besser aufpassen, Granger!“

Die raue, tiefe und ihr so bekannte Männerstimme schaffte es nur bedingt, den Nebel in ihrem Kopf zu vertreiben.

Ohne eine Antwort ihrerseits abzuwarten stellte Draco sie aufrecht auf die Beine und zog noch beinahe im selben Moment seine starken Arme zurück. Fast wäre Hermine ohne seine Stütze gefallen, so weich waren ihre Knie. Und einmal mehr fragte sie sich, wie sie die kommenden Ereignisse ohne ihn durchstehen sollte, wenn sie ihm schon so verfallen war.

Er hatte sich längst umgedreht, stand mit dem Rücken zu ihr und dennoch konnte sie sich einfach nicht von ihm abwenden. Erst Ginny, die laut rufend und mit wild in der Luft wedelnden Armen auf sie zuschritt holte sie aus ihrem Lethargie-ähnlichen Zustand, zumindest, soweit es in Dracos Nähe möglich war.

„Hermine! Merlin wo bleibst du denn?! Ich rufe dich schon bestimmt seit zwei Minuten. Sonst bist du nie so unpünktlich!“

Der tadelnde Blick seitens Ginny blieb Hermine nicht verborgen, doch sie konnte nicht darauf eingehen. Zwei Minuten. Stand sie wirklich schon so lange reglos hier? Außerdem verletzte sie das Verhalten des jungen Blonden. Granger. Sie waren also wieder beim Nachnamen angekommen. Und sein Blick. Der Blick, der vor wenigen Wochen, als er ihr die Wahrheit und seine Gefühle gestand, noch liebevoll und zärtlich und mit dem unausgesprochenen Versprechen auf ihr lag, immer bei ihr zu bleiben, sie zu beschützen und auf ewig zu lieben, war nun auch ihr gegenüber kalt und emotionslos, und das machte sie fertig. Sie könnte besser damit umgehen, wenn er sie anschrie, sie beleidigte oder die halbe Schulsprecherunterkunft zertrümmerte. Aber diese Gefühlskälte schmerzten sie mehr als jeder Crutianus - mehr als Bellatrix´ Folter und alles, was sie sonst erlebt hatte.

Die Rothaarige trat besorgt auf ihre Freundin zu - ihr abwesender Gesichtsausdruck und die kurz in ihren Augen aufblitzende Verzweiflung waren ihr nicht verborgen geblieben.

„Hey! Ist alles in Ordnung? Du siehst gerade nicht wirklich aus, als ginge es die gut.“, kam direkt die besorgte Frage Hermines bester Freundin. Diese räusperte sich, sie wollte nur noch hier weg.

„Jaja, lass uns gehen. Wir wollen doch nicht als letztes unten ankommen. Es ist wirklich alles in Ordnung. Alles bestens.“, fügte Hermine auf den Blick Ginnys - der unverhohlene Skepsis zum Ausdruck brachte – hinzu.



Ja, im Nachhinein wusste Hermine, dass sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt schon längst hätte umkehren sollen. Sie hätte sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren sollen. Doch nachher war man wohl immer schlauer als vorher, oder? Sie war die Geschehnisse dieses Tages in den letzten Stunden schon oft durchgegangen, hatte darüber nachgedacht, was sie hätte anders machen können, anders machen sollten. Doch sie hatte inzwischen eines begriffen.

Sie hätte von Beginn an ehrlich sein sollen. Sie hatte niemandem von sich und Draco erzählt, weil sie Angst vor der Reaktion ihrer Freunde hatte, dabei kannten sie ihn überhaupt nicht. Sie hätte versuchen müssen, ihn zu verstehen – denn obwohl sie nach wie vor tief verletzt war, dass er ihr alles verschwiegen hatte, glaubte und vertraute sie ihm. Sie hatte ihn aus Trotz immer wieder von sich gestoßen, obwohl sie eigentlich das Gegenteil wollte. Sie wollte verstehen. Und jetzt, wo Hermine ihn und vermutlich auch ihre Freunde verlieren würde, hasste sie sich dafür.

Sie war mit Ginny nach Hogsmeade gegangen in der Hoffnung sich ablenken zu können, doch stattdessen hatte dieser Tag alles nur noch schlimmer gemacht.


Der Marsch nach Hogsmeade verlief schweigend, beide Mädchen hingen ihren Gedanken nach. Ginny machte sich Sorgen um Harry und Hermine wusste das. Trotzdem konnte sie ihr in ihrer eigenen momentanen Lage nicht helfen. Viel zu sehr hatte das vergangene Aufeinandertreffen vor dem Speisesaal sie aus der Bahn geworfen. Sie war eine schlechte Freundin, ja, das wusste sie selbst. Aber wem brachte sie aktuell etwas? Sie war konzentrationslos, verzweifelt und - wie ihr plötzlich klar wurde, auch inmitten der ihr bekannten Menschen – allein.

Keiner ihrer Freunde wusste um Scorpius´ Existenz. Draco hingegen ging sie seit seiner Offenbarung strikt aus dem Weg – was allerdings weder an ihren Gefühlen für ihn noch an der Gesamtsituation etwas änderte. Selbst McGonagall, die als einzige Person auf ganz Hogwarts außer dem Schulsprecherpaar selbst über einen Teil ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Bilde war, wäre wohl kam die richtige Ansprechpartnerin. Zu guter Letzt blieben lediglich Narzissa und Astoria. Beide kannten ihre Geschichte, beide wussten von ihrem Sohn, doch auch mit ihnen konnte Hermine wohl kaum sprechen. Narzissa war schließlich Dracos Mutter und Astoria … Nun ja, die Gryffindor kam einfach nicht drum herum sich fürchterlich für ihr Verhalten zu schämen, welches sie bei ihrer ersten Begegnung an den Tag gelegt hatte – Erstrecht nun, wo sie doch die Wahrheit über ihr Verhältnis zu den Malfoys kannte.

Ein Husten riss sie aus ihren wie üblich negativen und viel zu pessimistischen Gedanken. Sie sah sich um und erkannte plötzlich den drei Besen unmittelbar vor ihnen. Waren sie wirklich durch den halben Ort gelaufen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, ein Schaufenster zu beachten oder auf irgendeine ihnen bekannte Person zu treffen?
Nach kurzem Zögern setzte Ginny zum Sprechen an: „Lass uns rein gehen. Ich glaube ein Butterbier tut uns beiden ganz gut.“ Hermine nickte bestätigend, wohl wissend, dass ein Butterbier für sie nicht in Frage kam. Sie hatte nach wie vor genug vom Alkohol und wollte gar nicht erst in Versuchung geraten, ihre Probleme durch ihn ertränken zu wollen.

Das Wirtshaus war - wie Hermine es erwartet hatte - gut besucht. An den Tischen tummelten sich die Schüler, ebenso am Tresen. Doch mit mehr Glück als Verstand bekamen sie und Ginny gerade noch so einen Tisch im hintersten Eck des Raumes, bevor die Gruppe von Ravenclaws, die unmittelbar nach ihnen hereingekommen waren, den Platz ebenfalls entdeckten. Es dauerte über eine viertel Stunde bis die Bedienung endlich Zeit fand, ihre Bestellung aufzunehmen.

Die Gryffindor war nervös - und das aus mehreren Gründen. Zum einen konnte sie den bohrenden Blick ihrer Freundin und Hausgenossin deutlich auf sich spüren, auch wenn sie versuchte ihm auszuweichen. Zum anderen betraten immer mehr Nachzügler aus dem Schloss die Schenke, sodass es vermutlich nur eine Frage der Zeit war, bis eine gewisse blonde Person hier auftauchen würde.

Nach weiteren drei Minuten, in denen sie immer noch auf ihre Getränke warteten, brach Ginny das Schweigen.

„Was ist los Hermine? Du bist den ganzen Weg bis hierher ruhig gewesen, total in Gedanken! Das passt überhaupt nicht zu dir. Und wage es ja nicht mir erzählen zu wollen, dass alles in Ordnung ist! Ich kenne dich, mir kannst du da nichts vormachen und das weißt du. Du kannst mir vertrauen!“ Den letzten Teil hatte die Rothaarige schnell hinterhergeworfen, als sie sah, dass ihre Freundin Anstalten machte sie zu unterbrechen.

„Es ist nichts Ginny, ich … ich bin im Moment nur ziemlich durcheinander“.
Hermine sah in den Augen ihrer Sitznachbarin, dass diese ihren Worten kein bisschen Glauben schenkte. Aber was sollte sie machen? Sie konnte ja schlecht zu Ginny gehen und ihr mal eben sagen, dass ein Großteil der letzten Wochen von Lügen seitens Hermine geprägt war.

Als wäre ein Gespräch nach dem Motto ´Augen zu und durch´ die beste Lösung, dachte sie sarkastisch. Hermine wusste, dass sie den Absprung schon längst verpasst hatte. Sowohl bei Ginny als auch bei ihren übrigen Freunden. Und erst recht bei Draco. Sie hätte ihm längst entgegenkommen sollten, vor allem da sie wusste, dass er sie in Bezug auf seine Gefühle und ihre Vergangenheit bei ihrem letzten Gespräch keinesfalls angelogen hatte. Aber was sollte sie machen?! Ihre verzweifelten Gedanken überschlugen sich.

Von einem frustrierten Aufstöhnen wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie hatte aufgegeben zu zählen, wie oft ihr so etwas allein am heutigen Tag passiert war. Verblüfft blickte sie vor sich auf den Tisch und das Glas Kürbissaft was eben definitiv noch nicht dort gestanden hatte.

Sie nahm ihr Getränk in die Hand und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Hausgenossin. Ginny schien von irgendetwas enttäuscht zu sein.

„Was hab ich nur getan, dass du mir so misstraust?“ murmelte sie, bevor sie ihr Butterbier an die Lippen setzte und einen kräftigen Schluck trank. Sie hatte eindeutig nicht beabsichtigt Hermine diese Worte hören zu lassen, doch das hatte diese.

Was meinte Ginny? Hermine vertraute ihr bedingungslos, dass sollte die Rothaarige eigentlich wissen. Und ihre Zerstreutheit der letzten Zeit konnte keine solche Reaktion der Enttäuschung auslösen, da war sie sich sicher.

Noch bevor sie ansetzen konnte ihre Freundin zu fragen, hob diese ihren Blick an und starrte ihr sekundenlang in die Augen. Ausdruckslos. Das beschrieb ihren Blick am besten. Und dennoch konnte Hermine in eben jener Ausdruckslosigkeit so viel lesen, dass sie unwillkürlich schlucken musste. Irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht, da war sich die Gryffindor sicher.

„Lass uns schnell austrinken, ich will zurück“. Ohne auf eine Antwort zu warten leerte die Jüngste der Weasleys ihr Glas, schnappte sich ihre Tasche und bezahlte die Getränke, bevor Hermine überhaupt in irgendeiner Art und Weise reagieren konnte.

Von dem ungeduldigen Verhalten ihrer besten Freundin verunsichert schüttete sie den letzten Rest ihres Saftes hinunter, ehe sie hastig aufstand und Ginny folgte. Deren Verhalten machte sie ausgesprochen nervös.
Zurecht, wie sie schnell merken sollte.


~⦁●⦁~

Die kühle Abendluft raubte Hermine im ersten Moment den Atem, als sie Ginny aus dem drei Besen in die verlassenen Gässchen Hogsmeades folgte.

Wieder einmal erstaunte sie die Kürze der Tage, die mit der inzwischen angebrochenen Jahreszeit stetig abnahmen und den Zeiten wich, in denen die Sonne sich immer seltener zeigte, während das gesamte Land inzwischen nicht nur morgens mit einer dicken Frostschichten bedeckt wurde. Ebenso war sie verblüfft von der Geschwindigkeit, mit der dieses Jahr umzugehen schien.

Ein Jahr, in dem bereits in solch kurzer Zeit, so wenigen Wochen, ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt wurde. Sie verstand mittlerweile, dass es aus der Situation, in der sie sich gerade befand, nie einen Ausweg gegeben hatte, den zu vertreten sie moralisch im Stande war. Nie könnte sie sich von Scorpius abwenden, nur weil sie keine Erinnerungen an ihre Schwangerschaft und seine Geburt hatte. Ebenso wenig, wie sie Draco jemals den Rücken kehren könnte.

Wie ihr künftiges Leben wohl aussehen mochte? Das wusste vermutlich nur Merlin selbst. All ihre sorgsam gemachten Zukunftspläne waren nun im metaphorischen Eimer, aber was brachte ihr pessimistisches Denken? Natürlich, nichts war perfekt oder gut so wie es war, ebenso wenig war sie über das Geschehene hinweg, aber sie würde einen Weg finden, auch wenn sie schlussendlich als alleinstehende Teeniemutter dastehen würde, sollte sie ihre Verhältnisse zum Vater ihres Sohnes nicht allmählich ordnen. Nein, er würde Scorpius niemals aufgeben, aber würde er auch wirklich ewig auf sie warten? Und hatte sie selbst überhaupt einen Grund, ihn warten zu lassen?

Sie hatte Angst, große Angst. Sie wusste nicht, wie ihr Umfeld reagieren würde, käme die ganze Wahrheit erst ans Licht, ob sie verachtet, gemieden, gar gehasst werden würde oder ob ihr die Unterstützung der Anderen zuteilwerden würde. Hermine hoffte nach wie vor auf letzteres, auch wenn sie sich bei mehr Personen sicher war, sie würden es nicht akzeptieren, als umgekehrt.

Sie registrierte wie Ginny an einer morsch wirkenden Bank am Rande des Waldes stoppte, bevor sie sich darauf niederließ. Während des gesamten Marsches durch das Dorf und das angrenzende Gelände hatte die rothaarige Gryffindor ihre Freundin keines Blickes gewürdigt, schien versunken in ihren eigenen Gedanken.

Erst nachdem die Schulsprecherin neben ihr Platz nahm, wandte sie ihren Fokus auf sie und blickte Hermine so durchdringend an, dass jene sich am liebsten zusammengekauert hätte. Ihr Ausdruck blieb nichtssagend, als sie sich nach einigen Minuten des Schweigens an die Braunhaarige wandte.

„Wir kennen uns jetzt acht Jahre. Acht Jahre! Das entspricht unserer halben Kindheit, Hermine. Und trotzdem vertraust du mir nicht. Mehr noch, du lügst mir ins Gesicht.“ Hermine schluckte, als sie die bemüht ruhige und doch zittrige Stimme ihrer Freundin vernahm. Das Schlimmste an der gesamten Situation waren nicht Ginnys Worte – nein – es waren die Emotionen, die deutlich in ihnen mitschwangen. Trauer, bodenlose Enttäuschung, unterschwellige Wut, Bitterkeit.

Der Älteren stockte der Atem, als ihr klar wurde, was die Rothaarige überhaupt sagte. Sie hatte vieles getan. Sie hatte Ginny mit ihrer Sorge um Harry alleingelassen. Sie hatte sich von den Weasleys abgekapselt. Sie hatte seit Wochen niemanden an sich herangelassen. Aber ein Stechen in der Brust sagte ihr, dass Ginny sich keineswegs darauf bezog. Angelogen hatte sie ihre Freunde nur in einem Punkt…

Panik wallte in Hermine auf, während sie entsetzt ihre Augen aufriss. Was sollte das Ganze? Ginny konnte nichts wissen … Oder? Unzählige Gedanken schossen ihr durch den Kopf, einer verwirrender und beängstigender als der andere.

Sie wollte den Mund aufmachen. Sprechen. Ginny fragen, was sie denn überhaupt meinte – doch kein Wort kam ihr über die Lippen.

Nicht, dass es nötig gewesen wäre, denn die Rothaarige ignorierte sie vollkommen. Ihr Blick lag inzwischen klar auf die dämmrige Landschaft gerichtet, als sie ihre Kunstpause beendete.

„Ich habe dir wirklich die Möglichkeit gegeben, es selbst anzusprechen. Ich habe dich mehr als einmal gefragt, was dir auf dem Herzen liegt. Ist es nicht genau das, was von einer Freundin erwartet wird? Für den anderen da zu sein? Also was, bei Merlin, habe ich falsch gemacht?“

Hermine schluckte schwer, als sie sah, wie sich eine einzelne Träne den Weg über die gerötete Wange ihrer Freundin bahnte. Ihr Hals fühlte sich kratzig an, als sie sprach, doch sie war sich sicher, dass keine beginnende Erkältung der Auslöser war. Und obwohl sie wusste, wie dumm und töricht es war, tat sie dennoch als hätte sie keinen blassen Schimmer, was die jüngste Weasley überhaupt ansprach. „Wovon redest du, Ginny? Du weißt ganz genau, dass ich dir vertraue wie kaum jemandem sonst!“

Die Augen der Angesprochenen schossen zu ihr und Hermine zuckte unwillkürlich zusammen, als sie die Wut darin sah.

„Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht ganz genau, wovon ich spreche! Wann hattest du vor, mir von der Sache mit Malfoy zu erzählen? Wann wolltest du mir sagen, dass du verdammt nochmal ein Kind hast?!“

„Ich … Ich hätte noch, ich meine ich wollte … Ginny, ich…“ Ein spöttisches Schnaufen unterbrach ihr wirres Stottern.

„Komm mir nicht damit! Du weißt es seit Wochen. Wochen!“

Ihre Stimme glich einem verzweifelten Heulen. „Aber ich wusste nicht wie! Ich … Ich will dich nicht verlieren! Ich will euch nicht verlieren, ich… Ich weiß doch selbst nicht, wie es passieren konnte, aber es ist Draco! Ich wusste, ihr würdet mich hassen.“

Ein Schluchzen entkam ihr, doch sie kämpfte dagegen an. Es war genau das eingetreten, was sie befürchtet hatte. Ihre beste Freundin verachtete sie – etwas, das Harry und Ron vermutlich ebenfalls tun würden, wenn sie die Wahrheit wussten. Hermine sprang auf, doch etwas hielt sie ab, sich endgültig von Ginny zu entfernen. Unruhig lief sie vor der Bahn hin und her, den Blick auf den Boden geheftet.

Doch plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ein Gedanke, der es erstmals für einen Moment schaffte, das Chaos in ihrem Kopf zum Stillstand zu bringen. Steif wandte sie sich an ihr Hausgenossin.
„Woher weißt du überhaupt davon, Ginny?“

Die Angesprochene lachte hysterisch. „Das ist alles? Woher ich es weiß? Das kümmert dich gerade am meisten?“

Fassungslos den Kopf schüttelnd blickte Ginny sie an. „Ich hab es aufgeschnappt. Gestern – in Hogsmeade. Ich hab Malfoy mit einer jungen Frau gesehen; hübsch, etwas größer und brünett. Ich kannte sie nicht, aber sie war keine Schülerin, da bin ich mir sicher. Jedenfalls sind sie irgendwann verschwunden – Merlin weiß, wohin. Als ich auf dem Rückweg war, hab ich die Abkürzung durch das Straßengewirr genommen. Und dann waren da plötzlich diese Stimmen. Weißt du, wessen Stimme? Dracos – und die des Mädchens. Ich habe alles gehört. Alles!“

Ausdruckslos lag Hermines Blick erneut auf dem erdigen Grund. Ein Mädchen? Draco war mit einem Mädchen unterwegs gewesen. Irgendetwas in ihr verkrampfte. Wer war sie wohl? Und wieso erzählte er ihr diese Geschichte? Urplötzlich überkam sie eine Angst, die sie in der letzten Zeit erfolgreich unterdrückt hatte - zumindest, sobald es um ihn ging. Verlustangst? Was, wenn sie ihn zu lange hatte warten lassen? Was, wenn er nun weiter machte - ohne sie? Warum hatte sie das alles nur getan?

Ginnys Worte rissen sie aus ihren Gedanken und augenblicklich wurde ihr bewusst, dass sie gerade ganz andere Probleme hatte.

„Weißt du, was das Schlimmste ist, Hermine? Das Schlimmste ist, dass ich nicht einmal wütend auf dich bin, weil du es mir nicht gesagt hast. Natürlich bin ich verletzt, aber ich weiß, dass man über manche Dinge einfach nicht reden kann. Das Schlimmste ist es, zu sehen, was du ihnen damit antust! Malfoy war verzweifelt. Absolut verzweifelt. Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht, aber um ehrlich zu sein halte ich ihn diesmal nicht für den Bösen dieser Geschichte.“

Stille. Sie spürte den bedeutungsschweren Blick auf sich, als würde er ihre Haut versengen. Es fiel ihr augenblicklich schwer, zu atmen. Ja, was tat sie ihnen eigentlich an? Ihnen allen. Jeder litt unter ihrer Sturheit – sogar sie selbst – und wofür? Damit sie sich ihren Ängsten nicht stellen musste?

Sie bemerkte kaum, wie Ginny sich aufrichtete und allmählich von der Bank entfernte. Bilder geisterten durch ihren Kopf. Scorpius, ihr Sohn! Draco, sein Vater, ihr Kollege … und vielleicht sogar mehr? Warum verbaute sie sich das?

Und es waren die letzten Worte der Rothaarigen, die Hermine endlich ins Bewusstsein riefen, was sie hier tat. Wer sie war – und was sie nun zu tun hatte!

„Das bist nicht du. Wo ist das Mädchen, das ihren Onkel vor vier Jahren aufs Tiefste für das verachtet hat, was er seiner Familie antat, als er sie verließ? Wo ist die junge Frau, die verantwortungsbewusst und selbstlos agiert? Die Hermine, die ich kenne – meine beste Freundin - würde einem Kind niemals die Mutter nehmen. Deinem Kind! Also sag mir endlich, wo sie ist? Wo?“
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