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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
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13.09.2020 3.863
 
P.O.V. Draco

Mit hängenden Schultern sah er auf die Dokumente, die sich vor ihm auf dem Schreibtisch stapelten, herab. Es war nicht so, dass ihm nicht bereits bewusst war, dass er heute wieder einmal länger im Schloss würde bleiben müssen, doch das Memo, das ihn gerade erreicht hatte, ließen seine letzten Hoffnungen endgültig zerplatzen. Hogsmeadeaufsicht!

Frustriert stöhnte er auf, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Seit nunmehr fast drei Wochen quälte McGonagall ihre Schulsprecher mit Nichtachtung – was an sich kein Problem für ihn darstellen würde. Wären da nicht die zahlreichen Zusatzaufgaben, die sie ihnen per Memo oder Patronus zukommen ließ. Mal waren es „freiwillige“ Nachhilfestunden, mal die Aufsicht über die Nachsitzer. Nun saß er hier - samstagmorgens – und arbeitete an den verdammten Sitzungsplänen für die Gedenkfeier, anstatt wie geplant mit seinem Sohn einen Muggelzoo zu besuchen. Er hasste es!

Einen Tag nach Dracos und Hermines Gespräch, hatte auch die Schulleiterin Wind davon bekommen, dass die Gryffindor wieder auf dem Schloss war. Die Predigt, die er sich hatte anhören müssen, war nichts im Vergleich zu jener, die sie Hermine gehalten hatte. Letztendlich hatte sie ihnen beiden ordentliche Strafen aufgebrummt. Jeden Abend sollten sie durch das Schloss patrouillieren. Wieder kam Wut in ihm auf, als er daran dachte, wie verzweifelt er McGonagall gebeten – ja, beinahe schon angebettelt - hatte, sich etwas anderes auszudenken, doch sie hatte es, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, abgetan. Das Inventar seines Zimmers hatte an diesem Tag schwer unter seinem Ausbruch zu leiden. War es nicht nachvollziehbar, dass er so reagiert hatte? Immerhin bedeutete es, dass er Scorpius kaum sah. Faktisch war nun genau der Fall eingetreten, den Draco zu Beginn seines Schulbesuches befürchtet hatte: ihm fehlte die Zeit für sein Kind. Meistens kam er, wenn der Kleine schlief und ging, kaum dass er wach war.

Hermine hatte ihre Strafe mit ausdruckslosem Blick zur Kenntnis genommen, genickt und sich anschießend wortlos in ihr Zimmer zurückgezogen. Ja, wortlos. So trat sie ihm ja neuerdings gegenüber, dachte er resigniert.

Die Pläne, die er bearbeiten sollte, hatte er längst vergessen – wie so oft, wenn seine Gedanken zu ihr abdrifteten.

Nachdem er ihr die Wahrheit erzählt hatte, kam anfänglich die Hoffnung auf, sie würde sich zumindest um ihren gemeinsamen Sohn kümmern wollen, doch mit jedem Tag schwanden sie mehr. Hatte sie nicht gesagt, sie wolle nicht ersetzt werden? Implizierte das nicht, dass sie ihre Rolle einnehmen wollte? Offenbar nicht, denn seit diesem Tag mied sie ihn – schlimmer als die Pest. Sie reagierte weder auf Themen, die ihre gemeinsame Arbeit betrafen, noch auf Aussagen bezüglich ihres Sohnes. Nicht einmal, als Draco ihr angeboten hatte, ein Treffen der beiden zu arrangieren, hatte sie ihn beachtet. Warum? War sie einfach nur wütend auf ihn? Wütend, weil er ihr partout nicht hatte sagen wollen, worum es sich genau bei ihrem Versprechen gehandelt hatte? Dabei hatte es doch nichts mit ihr zu tun! Es war nur eines der wenigen Dinge, über die er einfach nicht sprechen konnte. Noch nicht. Nicht einmal Narzissa wusste, was damals vorgefallen war.
Hatte Hermine vielleicht auch beschlossen, sich doch von allen Malfoys abzuwenden? Eigentlich konnte er sich kaum vorstellen, dass sie wirklich so weit gehen würde. Sie war weder egoistisch noch herzlos. Ohne einen driftigen Grund würde sie Scorpius niemals im Stich lassen, denn eines war Draco klar: egal, ob sich Mutter und Sohn kannten oder nicht, eine enge Beziehung schienen beide von Beginn an zu haben.

Der Blonde hob den Kopf, als ein Geräusch, das aus Richtung der Fenster erklungen war, seinen Gedankengang unterbrach. Missmutig stand er auf. Sollte McGonagall nun auch noch dazu übergegangen sein, ihnen neue Aufträge per Eule zu schicken, würde er langsam anfangen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Egal wie gut er die Schulleiterin verstand, mit ihrem neuerlichen Verhalten hatte sie sämtliche Sympathiepunkte seinerseits schneller verloren, als sie „Quidditch“ hätte sagen können.

Doch als er das noch leicht beschlagene Fenster öffnete, erschien ein Tier im Spalt, dass ihm nur allzu bekannt vorkam. Felix! Es war Astorias junge Schneeeule, die nun erhaben ihre Schwingen ausstreckte, um die letzten Meter in den Raum hinein zu überbrücken.

Nur Sekunden später spürte Draco Panik in sich aufwallen. Was, wenn Scorpius etwas passiert war?

Hastig überwand er die letzten Yards, die ihn vom gefiederten Boten trennten, der sich inzwischen auf seinem Bett niedergelassen hatte. Etwas in ihm drängte, direkt ins Manor zu reisen – nachzusehen, ob alles in Ordnung war – doch er riss sich zusammen. Niedergeschlagen schüttelte der Blonde den Kopf. Manchmal würde er sich am liebsten selbst durchrütteln, wenn er wieder einmal derart überzogen reagierte, doch es würde nichts ändern. Vielleicht war es der Krieg, der ihn übervorsichtig hatte werden lassen. Vielleicht waren es aber auch nur seine eigenen Erfahrungen, die ihm gezeigt hatten, wie ein Vater sich nicht verhalten sollte. Lucius hatte sich nie um ihn gesorgt. War das der Grund? Dass er nicht so werden wollte, wie sein eigener Erzeuger? Womöglich.

Bemüht ruhig nahm er der Eule den Brief ab. Als er jedoch las, was auf dem Pergament geschrieben stand, konnte er nicht anders, als irritiert dreinzublicken. Astoria bat ihn um ein Treffen – heute!

Verwirrt starrte er das Schriftstück an. Die Brünette wusste doch, dass er heute nicht ins Manor kommen würde. Was war also bitte so wichtig, dass es nicht bis morgen warten konnte? Und warum schrieb sie ihm ausgerechnet jetzt? Wusste sie etwa, dass er heute Schicht im Ort hatte? Unwillkürlich seufzte er auf. Das war absoluter Schwachsinn. Woher sollte sie es denn wissen, wenn er selbst es erst vor einer Stunde erfahren hatte?

Unentschlossen wechselte sein Blick immer wieder zwischen Felix und dem Inhalt seiner eigenen Hand hin und her. Sollte er zusagen? Einerseits wollte er wissen, was Astoria mit ihm zu besprechen hatte, aber andererseits fürchtete er die Konsequenzen, die ihr Treffen nach sich ziehen würde, sollte McGonagall davon erfahren. Ein privates Treffen innerhalb seiner Aufsicht würde die Schulleiterin wohl kaum gutheißen.

Kurzentschlossen schritt er zu seinem Schreibtisch, um auf ein bis dato unbeschriftetes Blatt Pergament in knappen Sätzen eine Antwort zu kritzeln. Was kümmerte ihn seine Professorin? Seine momentane Lage könnte sie wohl kaum verschlimmern!

Schnell, ohne weiter darüber nachzudenken, band er den Brief an das Bein der Schneeeule. Er hielt sich selbst davon ab, seine Entscheidung zu hinterfragen, als er in der untersten Schublade seines Nachttischens nach einer Packung Eulenkekse suchte. Eilig scheuchte er den gefiederten Boten seiner Halbschwester aus dem Zimmer, nachdem er ihm einige der Leckereien zugeschoben hatte. Lange sah er ihm nach, wie er der aufsteigenden Sonne entgegenflog und doch sperrte er sich gegen seine Gedanken, die ihm immer wieder aufzeigten, was seine Entscheidung verursachen könnte.

Er würde das Treffen wahrnehmen, davon konnte ihn niemand abhalten!

~⦁●⦁~

Entnervt stapfte der Blonde den zunehmend von Laub verdeckten Weg entlang, längst in dem Wissen, das ein Zuspätkommen seinerseits unvermeidbar war. Wie auch? Immerhin waren er und Astoria vor über zwanzig Minuten im „Drei Besen“ verabredet gewesen. Und nun? Nun passierte er gerade einmal den Ortsrand.

Verdammte McGonagall, verdammte Hermine und vor allem verdammte Hufflepuffs! Er war nicht im Stande, ein wütendes Schnaufen zu unterdrücken, doch er wollte es auch überhaupt nicht. Offenbar hatten sich heute einmal mehr alle Mächte gegen ihn verschworen.

Erst die Schulleiterin, die ihm diesen Dienst aufgehalst hatte, dann Hermine, die ihn nach wie vor ignorierte und ihm die verdammten Pläne ernsthaft unter der Türritze durchgeschoben hatte, um nicht mit ihm sprechen zu müssen, und zu guter Letzt eine Gruppe Hufflepuffs, die offenbar nie gelernt hatten, die Uhr zu lesen.
Das Ergebnis des Ganzen: ein mies gelaunter, unter Zeitdruck stehender Slytherin, der missgelaunt durch Hogsmeade stakste.

Die konnten ihn alle mal!

Hätte seine Amtskollegin mit ihm gesprochen, wäre ihm bereits viel früher klar gewesen, wie die neuen Ausflugsregeln aussahen – geschweige denn, dass es sie gab! Aber so? Es hatte fast eine viertel Stunde gedauert, bis ein überaus motivierter Professor Slughorn ihn aufgeklärt hatte, dass – entgegen Dracos Erwartung – er selbst die Teilnehmerlisten kontrollieren sollte, was auch bedeutete, dass er anders als sonst als letzter losgehen musste. Insgeheim ahnte er, dass es nur ein weiterer Punkt auf McGonagalls Bestrafungsliste war.

Letztendlich verlief dennoch alles in allem recht glimpflich – bis eine Gruppe von sechs jungen Hufflepuffs trotz ihrer Anmeldung einfach nicht auftauchte und somit auch den Blonden selbst am Aufbruch hinderte. Minutenlang war er in der Eingangshalle hin und her gewandert, während er mit zunehmender Uhrzeit immer mehr nicht ganz jugendfreie Flüche ausgestoßen hatte. Salazar, als die Schüler mit einer halben Stunde Verspätung gackernd aufgetaucht waren, hätte er ihnen am liebsten den Hals umgedreht. Ohne wenn und aber war er auf sie zumarschiert, hatte zwei von ihnen am Kragen gepackt, sie angeblafft und anschließend in Richtung des Eingangsportales gezerrt, wobei er seinem Patenonkel in Sachen Einschüchterung in nichts nachgestanden hatte. Merlin, ein Schüler, den er spontan als Dritt- oder Viertklässler einschätzen würde, sah so aus, als würde er sich augenblicklich in die Hosen machen.

Allmählich tauchten die zahlreichen Geschäfte vor ihm auf, doch er beachtete sie nicht weiter. Hoffentlich war Tori überhaupt noch da. Er könnte es ihr jedenfalls nicht verübeln, sollte sie längst wieder aufgebrochen sein.

Immer wieder fragte er sich, warum sie eigentlich auf diese Verabredung bestand. In den letzten Wochen hatte sie während seiner Anwesenheit im Manor kaum Anstalten gemacht, ihn sprechen zu wollen.

Missmutig schnalzte er auf, als ihm bewusst wurde, dass diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach. Astoria wie auch Narzissa waren immer wieder auf ihn zugegangen. Er war es, der sie ein ums andere Mal abblitzen ließ. Er war derjenige, der sich von allen zurückzog. Nicht nur von ihnen, auch Pansy und Blaise war er in den vergangenen Wochen Großteils aus dem Weg gegangen.

Der Blonde seufzte unterdrückt auf. Sie alle machten sich Sorgen, das wusste er, doch er wollte nicht reden. Reden, pah! Ein verächtliches Lächeln spielte kurz um seine Mundwinkel. Bisher hatte diese Idee ihm nichts als Ärger und Verlust gebracht.

Wenige Yards vor ihm konnte er inzwischen die Lokalität ausmachen, in der er schon vor einer halben Stunde hatte sein wollen. Ob sie noch da war? Das war die eine Frage, doch eine andere – nicht minder bedeutende – schwirrte ihm plötzlich ebenfalls durch den Kopf. Wollte er wirklich wissen, was sie zu sagen hatte?
Mit zögerlichen Schritten näherte er sich der Eingangstür.

Im Inneren des Gasthauses herrschte bereits jetzt – nachmittags - ein reges Treiben, was nicht zuletzt auf das Konto der zahlreichen Schüler ging, die die Tische belagert hatten.

Draco ließ seinen Blick schweifen. Im ersten Moment konnte er Astoria nirgends entdecken. Sie schien wirklich gegangen zu sein. Auch im hinteren, von hier schlecht einzusehenden Teil konnte er sie nicht ausmachen.

Kurzentschlossen steuerte er den Tresen an, um dort nach der Brünetten zu fragen, doch noch bevor er zwei Schritte in dessen Richtung gegangen war, spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Unwillkürlich fuhr Draco zusammen, bis ein ihm nur allzu vertrautes Kichern erklang. Tori!

„Hey, du Super-Spion. Warst du schon immer so schreckhaft?“

Ihre neckischen Worte quittierte er lediglich, indem er seine Augenbraue warnend anhob, doch es schien die Greengrass nicht im Geringsten zu beeindrucken. Im Gegenteil! Ihr Gekichere nach zu, bis es sich zu einem nicht wirklich damenhaften Prusten entwickelte.

„Verdammt, du hättest dein Gesicht sehen sollen, Dray!“ Krampfhaft versuchte er, seine Mimik finster zu halten, doch ohne Erfolg. Das breite Lächeln hatte sich längst auf seine Züge geschlichen. Das war typisch Astoria – wie sie leibt und lebte. Diese Unbeschwertheit war eine ihrer Eigenschaften, um die er sie oft beneidete. Diese Fähigkeit, in allem das Gute zu sehen – etwas, was sie mit Hermine gemeinsam hatte.

Seinen Mundwinkel senkten sich bei dem Gedanken an die brünette Gryffindor. Bevor er gedanklich erneut in einen Strudel fallen konnte, wandte er sich an seine Halbschwester, die immer noch halb in seinem Rücken stand. Er drehte sich zu ihr. Draco sah, wie ihre eigene Mimik einfror, als sie sein Gesicht vollständig sehen konnte.

„Was willst du hier, Tori? Ich muss eigentlich die Aufsicht schieben, also hoffe ich, es ist wichtig. Wenn ein Lehrer uns erwischt, bekommt McGonagall nur wieder einen Anfall – und darauf kann ich, bei Salazar, liebend gerne verzichten!“ Am Rand nahm er wahr, dass die Worte viel harscher Klangen als er es beabsichtigt hatte.

Die Jüngere verdrehte die Augen. „Du wirst eine richtige Drama-Queen, mein Lieber! Würdest du dich nicht immer von jedem abkapseln, hätte ich auch warten können, bis du morgen zurückkommst. Du vergisst wohl, dass du es bist, der kaum Scorpius Zimmer verlässt – wenn du überhaupt mal da bist!“

Draco hörte, wie sein Gegenüber aufseufzte, doch er blickte sie nicht an. Sie hatte ja Recht. Dennoch, konnte man ihm sein Verhalten wirklich vorwerfen? Er hatte kaum mehr Zeit für seinen Sohn, Hermine ignorierte ihn und McGonagall hatte die Schulsprecher auf dem Kicker. Er hatte mehr als genug um die Ohren!

Wieder spürte er ihre kleine Hand, die sie sanft auf seinen Oberarm legte, während sie seinen Blick suchte. Er hasste diesen Blick! Darunter kam er sich jedes Mal vor, als wäre Astoria seine Mutter – und er ein vierjähriger, kleiner Junge. Unwohl huschten seine Augen durch den Raum.
„Draco. Ich kann mir vorstellen, dass diese ganze Situation alles andere als leicht für dich ist, okay? Aber manchmal kann es helfen, sich jemandem mitzuteilen. Denkst du es wird besser, wenn du alles in dich hineinfrisst? Ich sag dir, was dann passiert; nichts! Du igelst dich nur immer weiter ein, bis niemand mehr an dich ran kommt.“

Der Blonde schluckte, doch Toris Worte waren nicht der Grund. Wie waren sie so schnell an diesen Punkt gelangt? Schnell sah er sich um. Der Gasthof war inzwischen brechend voll. Keiner der anwesenden Schüler schien sie zu beachten, viel mehr waren augenscheinlich alle in Gespräche, Gedanken oder ihre Getränke vertieft. Doch er wusste es besser, denn leider war es so, wie Blaise es gesagt hatte: der Buschfunk funktionierte besser denn je.

Hier könnten sie nicht sprechen. Ohne den Blick von der Schülerschaft zu nehmen, richtete er erneut Worte an seine Begleiterin – wobei er ihre Ansprache geflissentlich überging. „Was willst du trinken, Tori?“

Ein frustriertes Aufstöhnen blieb die einzige Reaktion, die er erhielt. Gespielt gleichgültig zuckte er mit den Schultern. „Bitte, es ist deine Entscheidung! Aber ein Butterbier gehört eigentlich zum obligatorischen Hogsmeadebesuch.“

„Dray, wirklich! Ich will damit nur sagen, dass…“ doch weiter kam sie nicht. Blitzschnell hatte er den Blickkontakt wiederhergestellt, versuchte, sie vielsagend anzublicken. „Ich weiß, okay? Aber hier ist eindeutig nicht der richtige Ort.“ Ohne seine Augen von ihren zu lösen machte er eine unbestimmte Handbewegung in der Hoffnung, sie möge die Geste richtig deuten. Mit Erfolg!

Ein stummes Blickduell folgte, bis die Brünette sich letztendlich geschlagen gab. Entnervt stöhnte sie auf. „Na gut! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, merk dir das! Nachher bist du fällig.“ Schnell biss er sich auf die Zunge, bevor seine Gedanken den Weg aus seinem Mund herausfanden. Als wäre ihm diese Tatsache nicht bewusst gewesen! Stattdessen beschränkte sich seine Antwort auf ein knappes Nicken. Salazar, hätte er ihr doch bloß abgesagt!

Ein zufriedenes Grinsen umspielte die Lippen der Jüngeren. „Wunderbar! Jetzt hol uns doch zwei deiner eben so hochgelobten Butterbier!“

Missmutig drehte er sich um und stapfte weiter in Richtung Theke, während der ein oder andere Fluch über seine Lippen kam. Draco schüttelte frustriert den Kopf. Irgendwann, da war er sich sicher, würden ihm die Frauen seines Lebens den Verstand rauben!

Vermutlich sogar früher, als er dachte!

~⦁●⦁~

Eine knappe Stunde und zwei Butterbier später verließ das Gespann die Gaststätte. Inzwischen waren die ersten Schüler zum Schloss zurückgekehrt, doch wieder musste Draco warten, bis die Letzten den Rückweg antreten würden. Wobei Astoria wohl kaum zulassen würde, dass er sich vor ihrem Gespräch drückte – Aufgabe hin oder her.

Statt sich also schnellstmöglich aus dem Staub zu machen, trottete der Blonde nervös neben seine Halbschwester her. Warum waren alle Frauen, die er kannte, so darauf versessen, alles zu zerreden? Und warum, Salazar, schien jede von ihnen genau zu wissen, wenn er ihnen etwas vorflunkerte? War er einfach ein schlechter Lügner? Wohl kaum, sonst wäre er mit Sicherheit längst tot.

Je länger sie durch die spärlich beleuchteten Gassen schlenderten, desto interessanter kam ihm der kopfsteinbepflasterte Weg vor. Er fühlte sich wie ein Schaf, das seinem Henker vorgeführt wurde. Schnell schüttelte er den Kopf, als könne er seine Gedanken damit vertreiben. Welchen Mist dachte er da? Er hatte schon bei weitem schlimmere Unterhaltungen durchgestanden. Naja: mehr oder weniger.

Unsicher hob er den Kopf, um seine Begleiterin anzusehen – das erste Mal, seit sie aufgebrochen waren. Astoria hingegen betrachtete eingehend ihre Umgebung. Beinahe schien es ihm, als würde sie nach etwas suchen. Oder nach jemandem? Bevor er richtig begreifen konnte, was geschah, packte sie ihn plötzlich am Arm und zog ihn unablässig hinter sich her. Was zum Kuckuck hatte sie vor?

„Tori?“ Sie reagierte nicht. Immer weiter zog sie ihn durch das Gewirr der Gassen und er kam nicht umhin sich zu fragen, ob dieses Dorf schon immer so groß gewesen war. In diesen Ecken war er noch nie gewesen! Erneut tat sich vor ihnen eine schmale Hauslücke auf. Doch bei genauerer Betrachtung sah er die in der Dunkelheit kaum auszumachenden Hauswände, die sie von drei Seiten begrenzten. Eine Sackgasse! Unbeirrt zog die junge Frau ihn in den engen Gang. Unmittelbar vor der hintersten Mauer blieb sie so ruckartig stehen, dass er beinahe in sie hineingelaufen wäre. Gespielt gelassen drehte sie sich um und lehnte ihren Rücken gegen die steinerne Barriere. Ihr Gesicht lag im Schatten, als sie ihn wortlos betrachtete. Offenbar wartete sie darauf, dass er den Anfang machte.

„Was wollen wir hier?“

„Ich dachte das wäre offensichtlich? Du wolltest erst reden, wenn wir unsere Ruhe haben. Also bitte: ich denke nicht, dass du irgendwo in diesem Ort einen ruhigeren Fleck findest als eine dunkle Seitengasse.“ kam es neckisch zurück.

Skeptisch hob er die Augenbraue, doch bei genauerem Denken musste er ihr recht geben. Die Gasse war schmal, dunkel und von hohen Wänden geschützt, die einen hervorragenden Schallschutz boten. Ihre Gestalten wären für Passanten nur schemenhaft zu erkennen – wenn überhaupt – und welcher Schüler würde sich schon hier herumtreiben? Jeder, der die parallele Gasse durchqueren wollte, müsste zwangsläufig an ihnen vorbei.

Resigniert legte er den Kopf in den Nacken. Nun galt das alt bewehrte Motto: Augen zu und durch. „Also schön, was willst du wissen?“ Seine Stimme glich einem Knurren, allerdings wusste er nur zu gut, dass er Tori damit nicht im Geringsten beeindrucken konnte – leider! Er war sich sicher, dass er in ihrem Blick ein verärgertes Funkeln finden würde, könnte er ihn nun sehen.

„Was ich wissen will? Es geht nicht darum, was ich wissen will! Es geht darum, was passiert ist, dass du dich so von allem und jedem distanzierst!“ Er hörte sie seufzen.

„Ich weiß, dass du inzwischen mit Granger geredet haben musst und da du nichts erzählt hast gehen wir davon aus, dass es mit dieser Unterredung zusammenhängt.“ Sein Mund öffnete sich ohne, dass er richtig darüber nachdachte, doch bevor auch nur ein Laut seine Lippen verließ, schnitt sie ihm das Wort ab. Beinahe so, als hätte sie ihn sehen können. Verflucht, sie kannte ihn wirklich zu gut!

„Fang gar nicht erst an, abzulenken! Wir heißt Narzissa und ich. Im Übrigen war deine Mutter so nett, mich über eure Verbindung aufzuklären. Immerhin redet der Herr ja nicht mehr mit mir.“ klang es schnippisch, doch er konnte den verletzten Unterton deutlich heraushören. Eine Welle von Schuldgefühlen kam in ihm auf. Astoria zählte seit jeher zu seinen engsten Freunden und seit sie die Wahrheit über ihre Verbindung kannten, hatte sich dieses Band nur weiter vertieft. Sie wusste Dinge über ihn, die keiner sonst wusste – nicht einmal Blaise.

Plötzlich war ihm egal, dass er nicht darüber sprechen wollte. Er konnte nicht einmal mehr nachvollziehen, weshalb er sich überhaupt so anstellte. Die Brünette wäre die letzte Person, bei der er irgendetwas zu befürchten hatte – außer ihre schonungslose Ehrlichkeit.

Als er begann, hörte er wieder einmal, wie hoffnungslos er eigentlich klang. Ein Gefühl, das ihn in den letzten Wochen verdammt häufig erfüllte. „Du hast recht. Ihr habt recht! Ich…“ er schluckte „als sie wiederkam… wir haben über alles geredet. Aber… ich dachte wirklich, sie will für uns da sein – oder zumindest für Scorpius, aber sie ignoriert mich. Ich weiß auch nicht! Ich dachte, es wäre gut gelaufen, aber sie geht mir aus dem Weg, sie spricht nicht mehr mit mir… selbst, wenn es um ihn geht! Tori, ich dachte sie braucht einfach Zeit, aber jetzt sind es fast drei Wochen! Was, wenn sie uns wirklich allein lässt?“

Stockend atmete er aus, wobei er verblüfft bemerkte, wie seine Hände zitterten. Ja, verdammt, es nahm ihn mehr mit, als er sich selbst zugestehen wollte. Minutenlang schwiegen sie beide, bis es schließlich Astoria war, die die Stille brach.

„Weißt du, ich bin die Letzte, die dir und Scorpius nicht wünscht, dass es mit euch dreien klappt. Aber für mich hört es sich an, als hättest du etwas ganz entscheidendes Übersehen, Dray. Es gibt eine Grenze dazwischen jemandem nachzutrauern und zu tolerieren, wenn jemand Zeit braucht. So leid es mir für euch tut, aber ich befürchte, dass du gerade dabei bist, diese Grenze zu überschreiten. Vielleicht solltest du dich mit dem Gedanken vertraut machen, dass diese Sache mit euch nicht so wird, wie du es dir wünscht. Vielleicht solltest du anfangen, weiterzumachen.“

Sie sprach mit einer Nachsicht, die ihn beinahe rasend machte. Wie konnte sie so etwas sagen? Wie konnte sie von ihm verlangen, Hermine aufzugeben? Er kochte vor Wut, doch in der hintersten Ecke seines Herzens wusste er, wie recht sie doch hatte. Eine Erkenntnis, die ihn nur weiter verzweifeln ließ.

„Wie kannst du das sagen? Wie kannst du mir vorschreiben, dass ich sie aufgeben soll? Hermine ist die Mutter meines Sohnes! Wenn jemand es verdient hat, dass ich auf sie warte, dann ist sie diese Person. Ich würde jahrelang auf sie warten!“

Auch sie klang merklich abgekühlt, als sie ihn harsch unterbrach. Insgeheim tat es ihm leid, sie derart angefahren zu haben, doch er unterdrückte es. Sie würde es ihm nicht übelnehmen, immerhin wusste sie, dass ihre Worte seine größte Angst auf den Punkt brachten. Sie zu hören löste ein unbeschreiblich schmerzhaftes Stechen in seiner Brust aus.

„Ich weiß, wie wichtig sie dir ist! Aber so hart er nun mal klingt: Scorpius kam sein Leben lang ohne seine Mutter aus. Was er braucht ist sein Vater – glücklich! Ich meinte auch nicht, dass du von heute auf morgen anfangen sollst, sie wie Luft zu behandeln und andere Frauen zu daten, in Ordnung?“

Sie brach ab, doch ihre nächsten Worte kamen ihm vor wie ein weiterer Schlag. „Ihr müsst das klären, Dray. Morgen bringe ich Scorpius zu dir.“

Er war fassungslos. „Was?! Warum?“

Er hatte Mühe, ihr Flüstern zu verstehen, doch was er vernahm ließ sein Blut in den Adern gefrieren. „Der Zeitaufschub wurde abgelehnt, Draco. Die Verhandlung wurde wieder aufgenommen. Lucius wir am Montag ins Manor überführt.“

Vollkommen unfähig sich zu rühren starrte er auf die Silhouette vor sich, während sich eine tiefe Verzweiflung in ihm breit machte. Erst als er spürte, wie Astoria ihn in ihre Arme nahm, reagierte er, indem er sie näher zog. Still umschlungen standen sie in der engen Gasse.

Die Gestalt, die im Schatten der Quergasse eilig an ihnen vorbeihetzte, bemerkte keiner der beiden.
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