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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
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05.09.2020 3.563
 
P.O.V. Draco

Schock. Angst. Wut. Verzweiflung. In ihm tobte es. Hoffnung. Erleichterung. Dankbarkeit. Alles stürzte über ihm zusammen. Unsicherheit. Wie sollte er reagieren? Er starrte sie an, unfähig, sich zu rühren. Warum tat sie nichts? Was hatte sie hier zu suchen? Wieso verhielt sie sich ihm gegenüber so … kalt? Nun, vermutlich, weil er sie sitzengelassen hatte. Aber warum regte sie sich nicht? Er käme mit allem besser zurecht; Gekreische, anklagende Blicke, ja, selbst mit Schlägen könnte er besser umgehen als mit diesem Schweigen. Es war furchtbar, dass sie ihn immer noch nicht beachtete – obwohl es wahrscheinlich eine Schonfrist war.

Sie kannte seinen Namen! Sie kannte den Namen ihres gemeinsamen Sohnes. Zwar konnte er in ihren Augen deutlich Schock, Wut und allem voran Verwirrung sehen – Verwirrung über die Situation. Verwirrung um ihre eigenen Worte. Doch wenn sie sich nach nur einem Blick erinnern konnte, wie lange würde es dann erst dauern, bis weitere Bruchstücke folgen würden?

Das Chaos, dass nach ihrer Annäherung in seinem Inneren geherrscht hatte war nichts verglichen mit dem, welches sich nun in ihm abspielte. Warum? Warum, bei Salazar, musste sie hierherkommen? Er wollte es ihr doch sagen – hatte es sich sogar fest vorgenommen! Ihm schien es, als hätten sich alle Mächte der Erde gegen ihn verschworen. Ach, vermutlich sogar des gesamten Universums!

Sie sollte es nicht so erfahren! Nicht hier, nicht jetzt. Wahrscheinlich hätte er längst etwas tun sollen – irgendwas – aber es schien, als wäre er in einer nicht endenden Schockstarre gefangen. Er bewegte sich nicht, ebenso wenig wie sie. Ihr Blick galt einzig und allein Scorpius, der nach wie vor die Beine seines Vaters umklammert hielt, während er stolz zu ihm hochsah. Doch Draco konnte den Blick nicht erwidern. Viel zu sehr hielt ihn die Gestalt am Eingang des Saales gefangen.

Er nahm nicht wahr, wie Scorpius seinem Blick folgend Hermine bemerkte, spürte nicht, wie Astoria, die inzwischen hinter ihn getreten war, ihm beruhigend die Hände auf die Schultern legte. Alles, was er sah, war sie.

Endlose Augenblicke mochten vergangen sein, als ihn eine Bewegung endlich aus seiner Starre riss. Scorpius! Fassungslos beobachtete der Blonde, wie sein Sohn mit unsicheren Schritten auf seine Mutter zuwankte. Warum tat er das? Normalerweise war sein Junge viel vorsichtiger im Umgang mit Fremden. Lag es an ihrer Art – ihrer Ausstrahlung? Oder war vielmehr eine Art Mutter-Kind-Bindung der Ursprung seiner Vertrauensseligkeit?

Schlagartig wurde dem Slytherin eines klar.

Wenn er Hermine nicht verlieren wollte, endgültig verlieren wollte, musste er verhindern, dass sie Scorpius auf irgendeine Weise näherkam – zumindest für den Moment. Denn eines wusste er genau. Er konnte vielleicht nicht sagen, was genau ihre Erinnerungen auslöste, doch sollte sie die Wahrheit nicht durch ihn selbst erfahren, würde sie ihm das nie verzeihen.

Schnell richtete er sich aus der Hocke auf. Als seine Stimme erklang, kam sie ihm plötzlich ungeheuer fremd vor. Rau, doch in ihr schwang etwas Undefinierbares mit. „Scorp! Bleib hier!“

Mit einem verwirrten Ausdruck sah der Kleine seinen Vater an. Es kam wirklich selten vor, dass Draco diesen Ton anschlug, wenn es um sein Kind ging, doch gerade wusste er sich nicht anders zu helfen. Noch bevor er sich in Bewegung setzen konnte, um Scorpius von Hermine fortzuziehen, trat plötzlich Astoria an seine Seite.

Eindringlich sah sie ihn an, beinahe beschwörend, als sie für die anderen unhörbar flüsterte: „Dray, beruhig dich! Ich kümmere mich um den Kleinen, in Ordnung? Klär du das hier, aber bleib ruhig! Sonst endet es nicht gut.“
Vollkommen überfordert erwiderte er den Blick, bevor er zögerlich nickte. Wie, Salazar, sollte er diese Situation klären? Mit einem Anflug von Panik beobachtete er, wie die Brünette auf seinen Sohn zuschritt, sich zu ihm hinunterbeugte und ihn vorsichtig auf den Arm nahm. Hermine mit einem knappen Lächeln bedenkend nickte sie ihr zu, drehte sich um und kam wieder auf den Blonden zu. Ein verschmitztes Grinsen hatte sich auf ihr Gesicht geschlichen.

„Sie ist es, oder?“ Er konnte ihr nicht antworten. Es ging einfach nicht! Stattdessen strich er seinem Sohn ein letztes Mal über den Kopf. „Bring ihn hier raus. Geht von mir aus spielen oder spazieren. Ich möchte nicht, dass er etwas mitbekommt.“

Doch noch bevor Astoria sich in Bewegung setzen konnte, kam ihnen plötzlich Hermine dazwischen. Sie musste ihr Gespräch mitbekommen haben, schoss es ihm durch den Kopf. Aber statt zu fragen, was das alles hier solle, was Astoria meinte oder weshalb Scorpius wegsollte, forderte sie etwas ganz anderes. „Stopp! Er bleibt hier und du“ aufgebracht deutete sie auf ihr weibliches Gegenüber „lässt gefälligst die Finger von ihm.“

Nun war es an Astoria, die Gryffindor vollkommen verwirrt anzusehen. Die Ablehnung in Hermines Augen war mehr als deutlich zu sehen. Was hatte sie so plötzlich gegen Astoria? Und wieso reagierte sie so giftig? Normalerweise blieb sie trotz einer abweisenden Haltung immer diplomatisch, doch im Moment schien sie sich eher auf einer Vorstufe zur Löwin zu befinden. Waren das … Muttergefühle? Oder sprach Eifersucht aus ihren Worten? Salazar, dazu hätte sie nun wirklich keinerlei Grund!

Obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, irgendetwas zu tun oder auf eine andere Weise ihren Zorn auf sich zu ziehen, hob Draco beschwichtigend die Arme und schritt langsam auf Hermine zu. Er hatte nicht viel zu verlieren. Nur sie, wisperte irgendeine Stimme in der hintersten Ecke seines Kopfes sarkastisch, doch er versuchte es auszublenden. Er würde sie nicht verlieren. Er durfte sie einfach nicht verlieren!

„Hermine, bitte! Ich … Lass uns das hier vernünftig angehen, ja? Ich erkläre dir alles, aber er“, er deutete auf ihren Sohn, der immer noch verwirrt zwischen den Erwachsenen umherblickte „sollte es wirklich nicht mitbekommen. Er ist noch ein Kind und ich befürchte, diese Unterhaltung wird ziemlich laut werden. Das ist nichts für Scorp.“

Erneut kam ihr Blick auf ihm zum Liegen, doch dabei war er kaum freundlicher als jener, den Astoria einstecken musste. Hermine schien innerlich zu kochen. Draco kannte sie! Er wusste, dass ihre Emotionen gerade ein einziges Chaos bildeten. Er wusste, dass diese Flut an Gefühlen und Eindrücken der Grund war, weshalb sie so heftig reagierte. Was er jedoch nicht wusste war, wie er sie würde beruhigen können.

Bei Salazar, Merlin und allen mächtigen, die kommenden Stunden würden die Hölle werden, soviel stand fest.

„Ich kann ihn mitnehmen.“ Erschrocken, aber nicht minder erleichtert bemerkte Draco seine Mutter, die offenbar erst vor wenigen Augenblicken den Saal betreten hatte. Und so oft er ihre schnelle Auffassungsgabe auch schon verteufelt hatte, so dankbar war er ihr nun dafür. Vermutlich hatte sie gerade zumindest einen Eskalationspunkt entschärft.

Mit einem fragenden Ausdruck wandte sich Narzissa an Hermine, die sich immer noch nicht vom Fleck bewegt hatte. „Ich denke, dass wäre auch in Ihrem Sinne, nicht, Hermine?“
Am Rande registrierte er, wie Astoria den Kleinen ohne zu zögern an die Blonde übergab, bevor sie sich mit einem unsicheren Nicken verabschiedete, ohne eine Antwort der Gryffindor abzuwarten. Mit einem letzten aufmunternden Blick verschwand sie durch die Terrassentür, durch welche ihr Dracos Muttern nur Sekunden später wortlos folgte.
Kein Wort hatte sie an ihn gerichtet, nicht einmal einen Blick. Sie hatte ihn einfach allein hier zurückgelassen – in der sprichwörtlichen Höhle des Löwen, wie ihm schien.


P.O.V. Hermine

In ihr kochte es, obwohl sie nicht einmal im Ansatz erahnen konnte, weshalb. So vieles strömte auf sie ein – zu viel, als dass sie es hätte ordnen, geschweige denn analysieren können. Sie sprach, ohne darüber nachzudenken, wobei sie im Nachhinein nicht minder verwirrt gewesen war, als die anderen Anwesenden. Sie hatte die Blicke registriert, genauso wie sie gemerkt hatte, dass dieses andere Mädchen ihr gegenüber offenbar aufgeschlossen und freundlich auftrat. Dennoch hatte sie mehr als heftig auf sie reagiert.

In ihrem Kopf herrschte ein einziges Chaos. Gedanken schwirrten umher, ohne dass sie auch nur den Hauch einer Chance hatte, jeden von ihnen zu fassen. Weshalb kannte sie den Namen des Kindes? Wie stand es zu Draco? Warum blieb der Slytherin der Schule fern? Mied er sie etwa? Wer war das Mädchen? Was hatte sie gemeint, als sie fragte, ob Hermine „sie“ sei? Was wurde hier bloß gespielt? Und warum, bei Merlin, sah sie immer wieder diese Bilder?

Solange der Junge – Scorpius – hier gewesen war, lag ihr Fokus auf ihm. Sie hatte das unerklärliche Gefühl, dass mehr hinter dieser Sache steckte. Beinahe, als trüge er die Antwort auf all ihre Fragen in sich – als sei er der Schlüssel. Doch der Schlüssel wozu?

Ihr Blick glitt zu Draco, als sie plötzlich von einer ihr unerklärlichen Wut übermannt wurde. Seine Reaktion! Er musste wissen, worum es bei all dem ging! Er musste ihr all diese Antworten vorenthalten! In seinen Augen spiegelten sich ihre eigenen Emotionen, dennoch sah sie auch etwas anderes. Panik, Schuld, Reue, aber auch Erleichterung und Hoffnung.

Sie wollte ihn anschreien, wollte ihn zwingen, endlich reinen Tisch zu machen, doch es war ihr, als sei sie stumm. Kein Wort kam über ihre Lippen. Sie wusste nicht, ob ihr schlichtweg die Worte fehlten, ihr Empfinden auszudrücken, oder ob ihr Gehirn den Sprachbefehl einfach nicht weiterleitete – ob sie nicht sprechen konnte! Innerlich kämpfte sie. Die Stille, die sie beide umgab, schien ihr erfüllt mit den unausgesprochenen Dingen, die zwischen ihnen standen, während sie versuchte, all ihre Gefühle in ihren Blick zu legen. Ein Blick, unter dem Draco erzitterte.

Warum sagte er nichts? Er hatte es ihr versprochen! Stattdessen sah er sie an – suchte ihren Blick – nur um sich nach einigen Sekunden wieder abzuwenden. Hermine war sich sicher, dass er genauso überfordert war, wie sie.

Vor dem Krieg war sie niemals so gewesen. Nie hatte sie aus Verunsicherung, Angst und Verwirrung heraus Wut entwickelt. Nie hatte sie eine ihr fremde Person so angegangen. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Was war nur aus ihr geworden?!

Sie spürte, wie ein Teil ihrer Wut verrauchte, nur um durch erneut aufsteigende ersetzt zu werden. Mit jeder verstreichenden Sekunde war sie sich sicherer, dass Draco niemals von sich aus beginnen würde. Und es wäre eine maßlose Untertreibung zu behaupten, es würde sie nur verärgern, dass ausgerechnet sie nun den ersten Schritt machen sollte. Würde er ihr einfach die Dinge verschweigen, nach welchen sie nicht konkret fragte? Sie traute ihm – aus welchem Grund auch immer – nicht zu, sie nun anzulügen, erst recht nicht, wenn sie den Ausdruck in seinen Augen sah. Aber andererseits; hatte er nicht genau das getan? Zumindest in Bezug auf die Bilder hatte er gelogen und die Grenzen zwischen Verschweigen und Lügen waren in manchen Punkten fließend.

Und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Zusammenarbeit spürte Hermine, wie sie die Aufrichtigkeit des Blonden ernsthaft infrage stellte. Sie brauchte Antworten. Jetzt!

„Wer ist Scorpius? Was macht dieses Mädchen hier? Warum bist du abgehauen?“ Ihre Stimme wurde immer schneidender, was ihr Gegenüber dazu brachte, den Blick abzuwenden. Aber nein, so würde sie ihn nicht davonkommen lassen! Irgendwo, ganz tief in ihrem Innern, spürte Hermine, dass diese Begegnung wichtig war. Und so paradox es auch klang; sie hatte das Gefühl, als wüsste sie mehr, als sie es wirklich tat.

„Draco!“

Er machte einen niedergeschlagenen Eindruck, wie er so verzweifelt vor ihr stand und versuchte, sich zu sammeln. Warum empfand sie selbst Mitleid und sogar Reue bei diesem Anblick? Schnell räusperte sie sich, straffte die Schultern und sah ihn durch zusammengekniffene Augen an. Sie durfte solchen Gedanken nicht haben – nicht jetzt! Und noch weniger durfte sie nun weich werden, zumindest dann nicht, wenn sie Antworten wollte.

Silbergraue Augen trafen auf ihre, als er plötzlich ihren Blickkotakt wieder aufnahm. Doch anders als vorhin, konnte sie nun kaum eine Gefühlsregung in ihnen erhaschen. Er hatte seine Mauer hochgezogen! Als ob sie das aufhalten würde, dachte sie spöttisch. „Woher kennst du seinen Namen? Hast du uns belauscht. Und was hast du überhaupt hier zu suchen?“

Hermine kam es vor, als hätte er sie geschlagen. Anstatt ihr die versprochenen Antworten zu geben, kam er mit einer Gegenfrage – und viel schlimmer, einer Unterstellung. Was bildete er sich eigentlich ein?! Draco wollte ablenken, dass war ihr klar, doch er überspannte den Bogen gerade gewaltig.

Gepresst kam ihre Antwort. „Ist das verdammt nochmal dein Ernst? Als hätte ich nichts Besseres zu tun, als dir und deiner Schnalle nachzustellen. McGonagall hat mich hierhergeschickt, also glaube ja nicht, dass ich euch aus Jux und Tollerei mit meiner Anwesenheit beehre. Mir ist es nämlich furchtbar egal, was du mit dieser … diesem Mädchen anstellst.“

Verdammt! Sie klang wie eine eifersüchtige Klette und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es gar nicht so weit hergeholt war. Sie war eifersüchtig. Und wie!

„Salazar, Granger! Halt dich, verdammt nochmal, zurück! Astoria ist ganz bestimmt nicht meine Schnalle – wie du es so schön ausgedrückt hast.“ Seine Worte trieften geradezu vor Sarkasmus, während er plötzlich sein Selbstbewusstsein wiedergefunden hatte. Aber nicht mit ihr!

„Es ist mir egal, wer sie ist. Du kannst tun und lassen, was du willst. Ich will nur wissen, wer der Junge ist!“ unterbrach sie ihn harsch. Es war gelogen. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust, wenn sie daran dachte, was er wahrscheinlich mit dieser Astoria so machte. Beide wirkten mehr als nur vertraut. Die Tatsache, ihn hier so vorzufinden, nach allem, was zwischen ihnen passiert war, machte es keineswegs leichter für sie. Allein bei diesem Gedanken, nahm die Enge in ihrer Brust schlagartig zu.

Zu keinem Zeitpunkt unterbrachen sie ihren Blickkontakt und für den Bruchteil einer Sekunde hatte Hermine den Eindruck, als würde etwas in Draco brechen. Aber was? Oder war es einfach nur eine Einbildung? Was fehlte ihm schon? Er hatte doch alles, was man sich wünschen konnte und sie selbst: sie stand vor den Scherben einer gerade erst beginnenden Freundschaft, lebte auf einem anderen Kontinent als ihre Eltern und konnte nicht mit ihren Freunden über ihre Probleme sprechen, da diese selbst genug um die Ohren hatten.

„Ich frage dich jetzt ein letztes Mal. Wer ist er?!“ Ihre Stimme zitterte bei dem Versuch, ruhig zu bleiben. Auch die Anspannung, die plötzlich ihren gesamten Körper ergriffen hatte, konnte sie sich nicht erklären. Es fühlte sich an, als wäre dieser Moment unfassbar bedeutsam – auch für ihr weiteres Leben. Aber warum, dachte sie verzweifelt.

Dracos Antwort war kaum mehr als ein raues Flüstern, doch trotz seines offensichtlichen Anflugs von Panik fixierte er sie umso stärker. Als die Gryffindor begriff, was ihr Gegenüber gesagt hatte, entkam ihr ein fassungsloses Keuchen. Es war wie ein Schlag in die Magengrube und doch unendlich schlimmer. Sie starrte ihn an – konnte einfach nicht fassen, was er da gerade behauptete.

„Er ist mein Sohn, Hermine. Meiner … und deiner!“

~⦁●⦁~

Sie war gerannt. Wortlos hatte sie sich umgedreht und war aus dem Manor geflüchtet. Das war doch alles ein schlechter Witz! Er wollte sie verspotten, so musste es sein! Ihr Sohn … pah! Als ob das möglich wäre. Als ob sie so etwas mal eben vergessen könnte. Immerhin ging es allein zeitlich überhaupt nicht. Wie alt war dieses Kind denn? Ein Jahr? Vor einem Jahr war sie mit Harry und Ron auf der Suche nach Horkruxen gewesen – sie konnte damals kein Kind bekommen haben.

Hysterisch schüttelte sie den Kopf, während sie weiterlief, ohne auf den Weg zu achten. Was dachte sie da überhaupt? Das alles war kompletter Schwachsinn, also warum verschwendete sie ihre Energie darauf, weiter darüber nachzudenken. Sie wüsste ja wohl, wenn sie schwanger gewesen wäre. Sie wüsste ja wohl, wenn sie mit Draco geschlafen hätte. Sie war Jungfrau, verdammt nochmal! Keine Mutter eines Kleinkindes!

Immer wieder musste sie an den Blick denken, den der Blonde ihr zugeworfen hatte. Wie er, verzweifelt die Hände nach ihr ausstreckend auf sie zugekommen war, als sie fassungslos – vielmehr hysterisch – den Kopf schüttelnd auf den Boden des Manors sah. Wie er sie beruhigend an den Schultern gepackt hatte, nur um sich eine Ohrfeige einzufangen. Hermine hatte ihn angeschrien. Er würde lügen, sie würde ihn hassen und weitere Dinge, auf die sie trotz allem keinesfalls stolz war. Und sie war gerannt. Vor ihm, seinen Worten. Sie hatte sich nicht umgedreht – war schlussendlich sogar in ihrem Zustand appariert, als er ihr unablässig gefolgt war.

Und nun? Nun lief sie ziellos umherirrend durch die Straßen Muggellondons. Sie wusste nicht, warum sie hierher gesprungen war, genauso wenig wie sie wusste, was sie nun tun würde. Hätte sie ihm zuhören sollen? Energisch schüttelte sie den Kopf. Nein! Er log, also gab es nicht zu besprechen. Sie hatte richtig gehandelt! Vor Verzweiflung liefen ihr Tränen über das Gesicht, doch sie spürte es nicht.

Nach Hogwarts konnte sie nicht. Sie konnte ihn jetzt einfach nicht sehen und dort würde er vermutlich als erstes nach ihr suchen. An McGonagall und ihren Auftrag verschwendete die Schulsprecherin erst garkeinen Gedanken. Es war ihr egal. Merlin, im Moment wäre es ihr sogar egal, sollte sie von der Schule fliegen. Ihr!
Ins Haus ihrer Eltern konnte sie ebenfalls nicht, immerhin lag der Schlüssel sicher in der Schublade ihres Nachttisches. Hermine wollte weder zu den Weasleys noch zum Grimmauldplace. Im Fuchsbau würde sie das Gegenteil von dem finden, was sie eigentlich suchte – Ruhe – und das einzige, was ihr Harrys Haus bescheren würde, wäre eine ordentliche Lungenentzündung. Aber wo sollte sie hin?

Der einzige Ort, der ihr sonst in den Sinn kam, war das neue Haus ihrer Eltern – in Australien. Sie wollte die Grangers doch ohnehin besuchen, um diesen ominösen Brief in Augenschein zu nehmen. Plötzlich kam ihr etwas anderes in den Sinn. Hermine dachte scharf nach. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie ihren Eltern erst in den letztjährigen Sommerferien die Erinnerungen an sie nahm. Die wiederum waren erst Ende August nach Australien gezogen. Wer auch immer also diesen Brief im Dachgeschoss ihres Hauses deponiert hatte, musste es zu dem Zeitpunkt getan haben, als sie längst mit Ron und Harry unterwegs war.

Ohne zu begreifen, was sie eigentlich tat, blieb sie plötzlich stehen und blickte sich um. Keine zehn Yards von ihr entfernt fand sie eine Bank, die den Parkweg, den sie gerade entlanglief, begrenzte. Eilig lief sie darauf zu und setzte sich, griff mit einer Hand in das Außenfach ihrer Handtasche, nur um Sekunden später ein kleines Gerät daraus hervorzukramen. Ihr Handy. Was ritt sie bloß, dass sie diesen Wahnsinn überhaupt in Erwägung zog? Sie dachte nicht weiter darüber nach, als sie Harrys Nummer wählte. Nahm sie einmal – natürlich rein hypothetisch – an, Draco sagte die Wahrheit, dann müssten ihre Freunde etwas wissen.

Es tutete zweimal, als Hermine plötzlich die Stimme des Schwarzhaarigen vernahm. „Ja? Hermine?“

Erleichtert wollte die Angesprochene aufatmen, doch dieses Gefühl hielt nicht lange an. Harry war ihr einziger Anhaltspunkt. Ihre einzige Hoffnung! Sie wusste, dass er immer für sie da wäre, dennoch hielt sie etwas davon ab, ihm von Dracos Behauptung zu berichten. Sie grübelte. Wie sollte sie die Sache am besten angehen?

„Hermine?“ Unwillkürlich biss sie sich auf die Unterlippe, als sie realisierte, dass ihr Freund immer noch auf eine Antwort ihrerseits wartete. „Entschuldige bitte, Harry. Ich … ich weiß, das kommt jetzt überraschend, aber es gibt etwas, was du mir dringend beantworten musst. Ich erkläre dir alles, sobald ich kann, aber im Moment brauche ich einfach eine Antwort von dir. Keine Sorge, ich stecke nicht in Schwierigkeiten, wenn du das denkst.“ Den letzten Teil fügte sie schnell an, als ein unsicheres Brummen Harrys einzige Antwort blieb. Vor ihrem inneren Auge sah sie bildlich, wie der Gryffindor gerade skeptisch die Stirn runzelte.

Erleichtert sog sie Luft in ihre Lungen, die sie offenbar vor Anspannung angehalten hatte, als sie das resignierte Seufzen ihres Gesprächspartners vernahm. „Na gut, was willst du wissen?“

„Wir – also Ron, du und ich – waren seit Beginn der Sommerferien auf der Jagd nach Horkruxen, richtig? Wir waren die ganze Zeit zusammen.“ Wie auf glühenden Kohlen sitzend rutschte sie unruhig auf der Sitzfläche umher, doch auch nachdem einige Augenblicke vergangen waren, erklang die Stimme ihres besten Freundes nicht. Warum antwortete er nicht? Eine furchtbare Ahnung beschlich die brünetten Gryffindor.

„Harry?“ sie konnte ihn schwer schlucken hören. „Harry, bitte antworte mir! Waren wir den ganzen Sommer zusammen, oder nicht?“

„Du hast uns verboten, darüber zu reden, Hermine. Also was soll das?“ Ihr war, als würde ihr Blut in den Adern gefrieren. Sie hatte was? Wovon sprach Harry? Mit jedem Wimpernschlag schwanden ihre Hoffnungen darauf, Dracos Aussage einfach widerlegen zu können.

„Bitte stell jetzt keine Fragen, Harry! Ich brauche nur diese eine Antwort. Bitte!“ Sie klang jämmerlich, wie sie mit flehender, zutiefst verzweifelter Stimme ins Telefon sprach. Doch selbst die neugierigen Blicke der Passanten waren ihr egal. Vermutlich hielten sie sie ohnehin für verrückt.

Mit einem letzten Seufzten erbarmte sich Harry schließlich, doch Hermine war sich nicht sicher, ob es ihr doch lieber wäre, er hätte es nie getan.

„Nein. Du bist in einem eigenständigen Auftrag des Ordens unterwegs gewesen – das hast du uns zumindest gesagt. Wir haben dich am ersten Oktober das erste Mal seit Beginn der Sommerferien wiedergesehen – als du uns verboten hast, dir gegenüber jemals diese Zeit zu erwähnen. Du bist gegangen und am nächsten Tag wieder zu uns gestoßen. Seit damals haben weder du noch wir jemals davon gesprochen.“

Was? Hermine war schwindelig. Hatte sie sich Harrys Worte eingebildet? Hecktisch sog sie die Luft in ihre Lungen, doch die Sterne vor ihren Augen blieben. Sie wollte um sich schlagen, schreien und gleichzeitig einfach nur gehalten werden, denn eines wurde ihr gerade bewusst.

Ihr letztes Lebensjahr schien eine einzige Lüge zu sein. Sie reagierte nicht auf Harrys Stimme, als sie den Anruf wortlos beendete. Sie reagierte nicht auf das Klingeln ihres Handys, als jemand sie verzweifelt erreichen wollte. Sie war wie in Trance.

Eine Trance, die jäh durch eine ihr nur allzu bekannte Stimme unterbrochen wurde. „Hermine?“
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