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Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
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23.08.2020 3.528
 
P.O.V. Hermine

Vollkommen entnervt saß Hermine am darauffolgenden Mittag im Büro der Schulleiterin. Zwei Tage war es nun her, dass Draco wortlos verschwunden war. Zwei Tage, in denen sie ihn weder im Unterricht gesehen noch eine Nachricht von ihm erhalten hatte. Zwei verdammte Tage!

Inzwischen war aus ihrer Unsicherheit Wut geworden. Sie versuchte auszublenden, was sich zwischen ihnen abgespielt hatte, wollte ihre persönlichen Angelegenheiten möglichst aus ihrem kollegialen Verhältnis heraushalten. Und was tat er? Er verschwand – einfach so – und ließ sie mit einem Haufen Arbeit allein.

Merlin, wenn er sich doch wenigstens um die Pläne kümmern würde! Komplett übermüdet saß sie im Unterricht, weil sie seit seinem Verschwinden kaum vor halb fünf ins Bett kam. Immerhin machten sich die organisatorischen Dinge nicht allein. Sich dazu auch noch täglich die Probleme anderer anhören zu dürfen machte es keineswegs besser.

McGonagall, welche Hermine gegenüber auf der anderen Seite des wuchtigen Schreibtisches Platz genommen hatte, blickte nicht minder zermürbt.

Als sie am Dienstagmorgen auf Hermine zugekommen war, hatte sie um ein Gespräch mit den Schulsprechern gebeten und Hermine angewiesen, ihren Kollegen nachmittags mit zum Büro zu bringen. Allerdings hatte sich dieser Plan rasch geändert, als Dracos Abwesenheit im Verwandlungs-Unterricht auffiel. Die Brünette hatte der Schulleiterin daraufhin eine fadenscheinige Erklärung abgegeben, laut der Lucius Urteil dem Blonden dermaßen zugesetzt hatte, dass er vollkommen zerstreut ins Manor gereist sei. Es sei bestimmt besser, ihn für ein oder zwei Tage in Ruhe zu lassen.

Ihre Hauslehrerin hatte Hermines Ausführung interessanterweise lediglich mit einem strengen, aber auch leicht sorgenvollen Blick zur Kenntnis genommen, ihr zugenickt, und war anschließend aus dem Klassenraum verschwunden. Hermine war allein mit ihren Gedanken zurückgeblieben.

Sie hatte selbst nicht gewusst, weshalb sie ihm auch noch den Rücken stärkte. Vielleicht, weil er es für sie auch getan hatte? Möglich wäre es. Doch als Draco auch heute nicht zum Unterricht erschienen war, wurde Hermine – mitten in Kräuterkunde wohl gemerkt – in einem ähnlichen Szenario aus dem Klassenraum eskortiert, wie ihr Kollege am vergangenen Montag. Sie wollte sich dir Gerüchte, die nun kursieren würden, gar nicht erst ausmalen.

McGonagalls Seufzen erklang, als sie sich frustriert die Schläfen massierte. Jeder in diesem Raum wusste, dass die Situation mehr als unglücklich war. Ja, selbst die sonst so neugierigen Portraits blickten überall hin, außer zu ihnen. Wahrscheinlich waren ihre Ohren dafür umso spitzer.

„Miss Granger. Sie wissen, dass ich viel von Ihnen und Ihrem Kollegen halte, aber das bedeutet noch lange nicht, dass Sie mir auf der Nase herumtanzen können. Ich schätze Sie beide. Allerdings muss ich Konsequenzen daraus ziehen, wenn Sie mein Wort missachten. Glauben Sie mir! Nur, weil ich einmal über Ihre Verfehlung hinweggesehen habe, kann ich es nicht jedes Mal tun.“

Verblüfft sah Hermine ihr Gegenüber an. Wusste McGonagall etwa von ihrem Besuch bei Harry? Sie wüsste nicht, was sonst mit einer Verfehlung gemeint sein könnte. Die Professorin schien ihren Blick richtig zu deuten.

„Ich war während Ihrer Abwesenheit in Ihrer Unterkunft, um es Ihnen persönlich zu erklären. Als ich niemanden antreffen konnte, wusste ich, was Sie getan haben, und so ritterlich Mister Malfoys Einsatz für Sie auch gewesen sein mochte. Die Rußspuren in Ihren Haaren haben Sie verraten, ebenso wie Ihr gelassenes Auftreten. Ich kenne Sie. Hätten Sie Mister Potter nicht gesehen, wären Sie mir gegenüber unfassbar wütend aufgetreten, ungeachtet Ihrer Kontenance.“

Die Brünette musste schlucken. Jetzt ergab das seltsame Verhalten ihrer Lehrerin endlich einen Sinn. Sie wusste, dass ihre Schulsprecher sie ein Stück weit hintergangen hatten. Hermine betete innerlich, der Boden solle sich auftun. Egal, was sie in den vergangenen Wochen von McGonagall gedacht hatte – dieser Auftritt war ihr unsagbar peinlich. Am liebsten wollte sie dieses Thema möglichst schnell umschiffen, doch ihre Neugier machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Unsicher rutschte sie auf dem Stuhl umher, als die Worte förmlich aus ihr herausplatzten. „Warum haben Sie mir verboten, Harry zu besuchen. Ich meine, Sie kennen uns doch. Sie wissen, dass ich eine solche Bitte nicht grundlos vortrage.“

McGonagall hielt festen Blickkontakt, als Hermine ihre Frage äußerte. Der wiederum wurde erst jetzt klar, dass sie damit ein indirektes Geständnis abgeliefert hatte. Langsam spürte sie, wie sich ihre Wangen erwärmten. Merlin, war ihr die Situation unangenehm.

Auf die Lippen ihre Schulleiterin hingegen schlich sich ein leichtes Lächeln.

„Sie haben recht, Miss Granger. Allerdings muss ich in meinem Amt vollkommen unvoreingenommen urteilen. Die Schulregeln besagen, dass kein Schüler innerhalb der Schulzeit selbstständig das Schulgelände verlassen darf, unabhängig davon, wie ich selbst die Dringlichkeit seines Ersuchens beurteile. Mister Malfoy verfügt im Gegensatz zu ihnen über eine Sondergenehmigung, die es ihm erlaubt, täglich nach Unterrichtende das Schloss zu verlassen, sofern er am kommenden Morgen pünktlich zurück im Schloss ist. Gegen diese Richtlinien hat er jedoch verstoßen, indem er dem Unterricht unentschuldigt fernblieb und das Gelände während der Schulzeit verließ.“

Ein vages Nicken war alles, was Hermine zustande brachte. Wie sie die Worte der Schulleiterin einschätzte, erwartete den Blonden ein kleines Donnerwetter. Sie sah an den Augen der Professorin, dass sie ihm die Situation durchaus nachfühlen konnte, doch sie verstand auch, dass McGonagall ab einem bestimmten Punkt keine Wahl mehr hatte.

Hermines Stimme klang rau, als sie die Frage stellte, die sich in ihre Gedanken eingebrannt zu haben schien. „Und was bedeutet das Ganze für ihn?“

Ein mattes Lächeln erschien auf den Zügen der Älteren, als sie die Sorge in Hermines Worten hörte, bevor ihr Ausdruck erneut ernst wurde. „Es bedeutet, dass Sie, Miss Granger, das Schloss verlassen werden. Diesmal mit meiner Erlaubnis. Reisen Sie ins Manor und bringen Sie Mister Malfoy zu mir. Ich habe noch einiges mit Ihnen zu besprechen. Mit Ihnen beiden!“

~⦁●⦁~

Eine halbe Stunde später wuselte die brünette Gryffindor immer noch durch ihre Unterkunft. Immer wieder suchte sie etwas, nur, um ihre Abreise weiter hinauszögern zu können. Sie hatte sich umgezogen, was ihr allerdings kaum vier Minuten eingebracht hatte. Dann hatte sie begonnen, ihre Tasche aufzuräumen, was immerhin einen Zeitgewinn von zehn Minuten erbracht hatte. Momentan war sie auf die Suche nach ihrem Handy.

Das letzte Mal hatte sie es in den Händen gehalten, als sie ihre Koffer ausgepackt hatte. Da es in Hogwarts und Umgebung ohnehin keinen Empfang gab, hatte sie es achtlos liegen lassen. Nur wo? Im Koffer war es nicht mehr. Auch dem Nachttischchen lag es nicht, ebenso wenig in der dazugehörigen Schublade. Hatte sie es zwischen ihren Kleiderbergen liegen lassen? Oder war es im Schreibtisch? Der Schreibtisch!
Keine zwei Minuten später hielt sie ein kleines, angestaubtes Mobiltelefon in der Hand. Es hatte wirklich in der hintersten Ecke der Schublade gelegen. Hoffentlich hatte der Akku im komplett ausgeschalteten Modus zumindest ein wenig Restenergie behalten, schoss es ihr durch den Kopf, als sie den kleinen Button am Rand des Gerätes betätigte. Es war ein ungewohntes Gefühl, wieder ein Stück ihrer Muggelheimat in Händen zu halten.

Unsicher sah sie sich um. Sie wollte nicht gehen – noch nicht. Andererseits wusste sie, dass die Schulleiterin umso mehr toben würde, sollte sie mitbekommen, dass Hermine ihre Aufgabe immer weiter hinauszögerte. Ein resigniertes Seufzen ertönte, als sie sich umblickte. Ein letztes Mal strafte sie die Schultern und griff nach ihrer Tasche, als sie sich auf den Weg zum Kamin machte.

Oben angekommen griff sie mit deutlich mehr Überzeugung, als sie eigentlich besaß, in das Pulvergefäß. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf sie den Inhalt ihrer Hand in die Flammen, die daraufhin umso heller aufleuchteten. Nun gab es kein zurück mehr, war ihr letzter Gedanke, mit dem sie in den Flammen verschwand, nur um Sekunden später rußgeschwärzt und taumelnd förmlich aus dem Kamin ausgespuckt zu werden.

Orientierungslos klopfte sie sich die Rückstände von der Kleidung, bevor sie sich umwand. Unentschlossen, was sie nun tun sollte, begann sie, nervös durch den Raum zu laufen. Was hatte sie sich dabei bloß gedacht? Warum sagte sie McGonagall nicht einfach, er wäre krank. Eine Erkältung, Drachenpocken – irgendetwas wäre ihr doch wohl eingefallen! Doch nun war es zu spät.

Was sollte sie denn bitte zu Draco sagen? Sollte sie ihre nächtliche Annäherung ignorieren? Ihm einfach sagen, was die Professorin verlangt hatte und anschließend verschwinden? So wie er es getan hatte? Oder sollte sie erst diese Dinge mit ihm klären, bevor sie zum „Geschäftlichen“ kamen?

Ohne genauer darüber nachzudenken, hatten ihre Beine sie erneut zum Kamin getragen. Wieder blieben ihre Augen wie magnetisch angezogen an Dracos Kinderbilder haften. Irgendwie hatten sich seine Züge kaum verändert. Natürlich war sie inzwischen wesentlich maskuliner, reifer, doch es war unverkennbar, wer das Kind auf den Fotografien war. Neugierig beugte sie sich ein Stück weiter vor, als sie plötzlich erstarrte. Etwas stimmte nicht! Aber was?

Immer wieder scannte sie die Bilder ab, versuchte zu verstehen, was sie daran so sehr störte, bis sie es sah. Es war das Bild, auf dem eine lachende Narzissa den kleinen Jungen auf den Armen hielt. Die blonde Frau trug darauf ein weit ausgeschnittenes Haute-Couture-Kleid, welches den Blick auf ihre rechte Schulter freigab. Die Schulter, auf der sich eine gut fünf Zentimeter lange Narbe befand. Eine Narbe, die ihr in der Schlacht um Hogwarts zugefügt worden war.

Hermine erinnerte sich genau, wie man Narzissa damals in der großen Halle notdürftig behandelt hatte. Es hatte ihr unweigerlich Respekt abgewonnen, als sie gesehen hatte, wie die Malfoy-Gattin komplett regungs- und tonlos dasaß und die Behandlung über sich ergehen ließ. Dabei war ihre Wunde tief gewesen.

Wie also kamen ein Draco im Kleinkindalter und eine Narzissa, die erst vor wenigen Monaten derart verletzt wurde, gemeinsam auf eine Fotografie? Und noch etwas anderes wurde ihr mit einem Mal klar. Der Junge auf dem Bild hatte Locken. Draco hingegen hatte allenfalls leicht gewellte Haare. Was es Zufall? Es war ihr unmöglich, den Blick abzuwenden. Ihre Gedanken überschlugen sich. Entweder sie wurde paranoid, oder hier lief etwas falsch.

War das der Grund, weshalb der Blonde damals so seltsam auf ihre Aussage reagiert hatte? Was, bei Merlin, verschwieg er ihr bloß? Und warum? Vertraute er ihr nicht, oder steckte etwas größeres dahinter?

Ein Klingeln riss sie aus ihren Überlegungen. Hecktisch schoss Hermine herum, als sie begriff, woher der Ton kam. Ihr Handy! Merlin, da nahm sie es einmal außerhalb des Schulgeländes mit und schon ging der Telefonterror los.

Hastig fischte sie das Mobilgerät aus ihrer magisch vergrößerten Tasche und entsperrte das Display. Zahlreiche entgangene Anrufe, Nachrichten und Mitteilungen ploppten plötzlich in der Anzeigeleiste auf. Einige wenige von ihren Muggelfreunden, doch der Großteil stammte von ihrem Vater. Ihr Vater?

Unwillkürlich überfiel sie eine Gänsehaut. Ihr Vater wusste doch, dass sie auf Hogwarts keinen Empfang hatte. Hatte er es schlichtweg vergessen oder war etwas passiert? Was, wenn ihm oder ihrer Mutter etwas zugestoßen war? Mit zittrigen Fingern öffnete sie ihre Nachrichten, doch was sie zu lesen bekam gab ihr keinerlei Auskünfte, warum er sie zu erreichen versuchte. Meistens schrieb er, sie solle sich bitte melden, wenn sie seine Nachrichten oder Anrufe sah, dass er sich sorgen mache und sie liebte.

Einen Moment wankte sie. Sollte sie ihn zurückrufen, oder ihm nur eine Nachricht hinterlassen? Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als nur Sekunden später eine bekannte Nummer auf dem Display erschien. Ihr Vater!

Schnell nahm sie den Anruf an und lauschte gespannt, aber auch nervös auf seine Stimme am anderen Ende der Leitung. „Papa? Papa, bist du dran?“ fügte sie an, als sie lediglich ein Knacken in der Leitung vernahm. Die Verbindung hier schien alles andere als ideal zu sein, aber immerhin bestand sie.

„Liebling? Gott, endlich hast du Empfang. Ich versuche seit fast einem Monat, dich zu erreichen. Kam dieses Federvieh nicht an?“ Die ruhige Stimme ihres Vaters sendete ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken, während sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.
Das „Federvieh“ war ein kleiner Waldkauz, den sie ihren Eltern bei ihrem letzten Besuch geschenkt hatte. Aber nachdem Urga – den Namen hatte sicherlich nicht Hermine ausgesucht – ihrem Vater in einer bühnenreifen Eulen-Beiß-Attacke die Hand zerpickt hatte, hegte der wenige Sympathien für den Vogel.

„Tut mir leid. Ich bin mittlerweile wieder auf dem Schloss. Du weißt doch, dass wir dort keinen Empfang haben, und der Vogel ist noch nicht eingetroffen. Wann habt ihr ihn denn abgeschickt? Und woher weißt du, dass ich jetzt erreichbar bin? Warum rufst du überhaupt an? Ist etwas passiert?“

Ein raues Lachen ertönte am anderen Ende der Leitung. Sie konnte sich das amüsierte Gesicht ihres Vaters nur allzu gut vorstellen. „Ruhig Blut, Liebling. Also, in der Reihenfolge: Der Vogel ist am Samstag losgeflogen. Als du wieder erreichbar warst kam eine Nachricht und nein, es ist nichts passiert. Nichts dramatisches zumindest.“

Skeptisch kniff sie die Augen zusammen. „Wie meinst du das?“

„Wir haben die Kisten auf dem Speicher sortiert. In vieles haben wir damals ja nicht mehr geschaut. In einem Karton ziemlich weit hinten lag ein Briefumschlag – mit deinem Namen als Adressat.“

„Ok. Und?“

„Hermine…“ irritiert sah sie auf den edlen Fußboden, als sie hörte, wie ihr Vater tief die Luft ausstieß. „die Schrift… Es ist deine Schrift. Dabei lag ein Zettel mit zwei verschiedenen Adressen. Außerdem liegt die Bitte bei, diesen Brief an die Obere zu schicken, sobald er gefunden wird. Hermine, warum schreibst du dir selbst und deponierst den Brief dann hier?“
Hermine fühlte sich wie gelähmt. Wovon sprach er da bitte? „Bist du dir sicher, dass es wirklich meine Schrift ist?“ überging sie seine Frage.

Das empörte Schaupen, das ihr nur Sekunden später zu Ohren kam, war Antwort genug. „Liebling, ich erinnere mich vielleicht nicht mehr alles, was wir zusammen unternommen haben. Aber ich erkenne meine Tochter! Sie, ihre Stimme und auch ihre Schrift. Dieser Brief ist eindeutig von dir.“

In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie hatte keinen Brief geschrieben, da war sie sich sicher. Das könnte sie niemals einfach vergessen. Was hatte es also mit diesem mysteriösen Schriftstück auf sich? Irrte sich ihr Vater. Oder hatte jemand ihre Schrift gefälscht? Aber wer sollte so etwas tun? Und weshalb?

„Hermine?“ Kurz schüttelte sie den Kopf. Sie musste sich jetzt zusammenreißen! „Ja?“

„Was hast du jetzt vor? Soll ich dir den Brief zuschicken?“

Für einen Moment dachte sie wirklich über sein Angebot nach, doch schnell verwarf sie es. Irgendetwas war merkwürdig and der ganzen Sache. Was, wenn wirklich mehr hinter dem Schreiben steckte, als sie ahnte? Entschieden schüttelte sie den Kopf, bis ihr klar wurde, dass ihr Vater nicht in der Lage war, sie zu sehen. Vor ihrer eigenen Nervosität genervt verdrehte sie die Augen.

„Nein. Ich schau, dass ich euch demnächst mal wieder besuche. Vielleicht kann ich bis dahin auch etwas bei Mama erreichen.“ Plötzlich klang ihre Stimme viel schwächer als sonst. Ihre Mutter. Sie stellte eines der Themen, die Hermine nur ungern ansprach. Ihr Versagen.

„Mach dir keinen Kopf, Liebling. Du wirst es schaffen, da bin ich mir sicher.“ Die Brünette blieb ihm eine Antwort schuldig. Sicherlich war es schön zu wissen, dass er an sie glaubte, doch diese Floskel hatte sie inzwischen einfach zu oft gehört. Wieder meldete sich ihr Vater zu Wort, der wohl bemerkt hatte, dass sich ihm nicht antworten würde. „Weißt du, Hermine. Ich habe mich in letzter Zeit oft mit deiner Mutter unterhalten. Auch über dich. Sie glaubt dir, Liebling, wirklich! Aber sie hat Angst. Sie weiß nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen soll und das macht es ihr schwer. Sie fühlt sich selbst schuldig, weil sie so mit dir umgeht, aber…“

Sie verstand es. Sie verstand, was ihr Vater ihr sagen wollte. Sie verstand ihre Mutter. Aber das alles machte es kaum leichter. Was wäre, wenn sie es wirklich nie schaffen würde, den Zauber von ihr zu nehmen? Es war furchtbar, ihrer Mutter gegenüber zu stehen und jedes Mal distanziert zu bleiben, weil keiner von beiden wusste, wie er sich verhalten sollte. Würde es immer so bleiben?

Sie schluckte. Ihr war klar, dass sie ein solches Verhältnis nicht würde ertragen können. Sie war vielleicht neunzehn, doch sie war auch nur ein Kind. Ein Kind, dass seine Eltern nach seinen traumatischen Kriegserlebnissen brauchte.

„Hör zu, Papa. Es tut mir leid, wenn ich dich abwimmeln muss, aber ich muss dringend etwas erledigen. Ich melde mich bei dir, sobald ich weiß, wann ich komme. In Ordnung.“ Ein zustimmendes Grummeln erklang.

„Gut. Bis dann. Ich hab dich lieb!“ Langsam nahm sie das Telefon vom Ohr und war gerade dabei, das Gespräch zu beenden, als seine Stimme erneut – diesmal wesentlich leiser – an ihr Ohr drangen.

„Hermine!“ hielt er sie im letzten Moment auf. Verwundert blickte sie auf das Gerät in ihren Händen. „Ja?“

„Alles Gute nachträglich, mein Liebling!“

Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sie hatte es ihm nicht gesagt. Er erinnerte sich selbstständig.

„Danke Papa!“

Ohne eine Antwort abzuwarten legte sie auf, denn wenn sie eines wusste, dann, dass sie sich anderenfalls nicht würde verabschieden können. So war es schon immer. Keiner von beiden wollte auflegen. Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf, als sie daran dachte, wie oft sie die anderen damit an den Rand der Verzweiflung getrieben hatten.

Ohne wirklich zu wissen, woher sie plötzlich den Mut nahm, trat sie entschlossen auf die Tür zu. Sie würde es einfach hinter sich bringen, die Dinge so nehmen, wie sie kamen. Aber wo sollte sie Draco suchen? Bei einem Anwesen dieser Größe schienen die Möglichkeiten schier endlos. Sie beschloss, sich auf der untersten Ebene umzusehen. Sie wusste, dass die Malfoys nach wie vor Hauselfen angestellt hatten. Womöglich könnte ihr eine von ihnen sagen, wo sie ihren Kollegen finden würde.

Ihre Schritte hallten von den Wänden wider, als sie zielstrebig die breite Haupttreppe ansteuerte. Immerhin schien sie sich einen Teil der Wege hier noch von ihrem letzten Besuch gemerkt zu haben. Kurz überlegte sie, wie der Blonde wohl reagieren würde, sobald er sie sah, doch schnell verwarf sie den Gedanken. Sie war nicht freiwillig hier! Also hatte er sich auch nicht zu beschweren, wenn es ihm nicht passte. Sie würde ihn einfach an McGonagall verweisen.

Nachdem sie der Treppe bis in eine Etage, die scheinbar das Erdgeschoss bildete, gefolgt war, blickte sie sich suchen um. Sie stand in einer Art Foyer. Kurz entschlossen sah sich um. Wohin sollte sie nun gehen?

Unschlüssig trat sie einige Schritte nach vorn, als plötzlich eine kleine Gestalt auf sie zukam. Ein Elf.

„Wenn Finki fragen dürfte; was machen die Miss hier?“ Irritiert blickte Hermine das kleine Geschöpf an. Die Hauselfe musste zweifelsohne recht jung sein.

„Guten Tag, Finki. Mein Name ist Hermine Granger. Könntest du mir sagen, wo ich deinen Herrn finde? Bitte.“ Mit großen Augen sah die Elfe sie an, ehe sie begann, euphorisch mit den Ohren zu wackeln.

„Sicher, Sicher. Miss kann sich voll und ganz auf Finki verlassen!“ Ohne eine Reaktion abzuwarten, hatte das Geschöpf Hermine an der Hand gepackt und zog sie umstandslos durch die Gänge, während sie munter vor sich hinplapperte. Eigentlich war ihr Auftritt niedlich und die Gryffindor hätte sicherlich darüber gelacht – wäre in ihr nicht plötzlich diese unerklärliche Übelkeit aufgestiegen. Sie versuchte, das Geplapper auszublenden, sich nur auf das Atmen zu konzentrieren, als sie bemerkte, dass sie eine bestimmte Tür ansteuerten.

Unwillkürlich blieb sie stehen und wand sich Finki zu. „Ist er dort drinnen?“ Die Elfe nickte eilig. Vorsichtig kniete sich Hermine neben sie. „In Ordnung. Vielen Dank, dass du mich hierhergebracht hast, aber den Rest schaffe ich allein.“ Sie wusste nicht genau, weshalb, doch sie wollte nicht, dass man die Elfe sah – dass sie wussten, wer sie geführt hatte.

Hermine beobachtete, wie ihre Wegweiserin fröhlich kehrt machte und sich hopsend immer weiter entfernte, bis sie hinter einer Biegung verschwand. Seufzend stand sie auf, zog ihre Kleider zurecht und atmete tief ein, bevor sie ihre Hand vorsichtig auf die Türklinke legte und sie hinunterdrückte.

Vor ihr erstreckte sich ein riesiger Saal, der sie von seiner Einrichtung her am ehesten an ein Wohnzimmer erinnerte. Die späte Herbstsonne sendete orangefarbenes Licht durch die breiten Fenster, die fast die gesamte Stirnseite des Saales einnahmen. Die Wände waren mit zahlreichen Stuck- und Marmorornamenten verzieht, der Boden aus edelstem Holz. Jedem noch so kleinen Detail in diesem Raum war es anzusehen, wie hochwertig er war. Doch es war nicht die prunkvolle Ausstattung, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Es waren die Gestalten zweier junger Erwachsenen, die ihren Blick gefangen hielten. Durch eine Sitzlandschaft halb vor ihr verborgen stand Draco, den Rücken zu ihr gewandt. Er lachte. Einige Meter weiter stand eine brünette Schönheit, ebenfalls lachend. Hermine fasste sie scharf ins Auge. Das Mädchen wirkte, als sei sie in ihrem Alter – vielleicht etwas jünger. Wer war sie?

Die Gryffindor wusste nicht, weshalb sie plötzlich dieses Stechen wahrnahm, als sie beide zusammen sah. War es ihr offensichtliches Amüsement? War es das Aussehen der Fremden, die offensichtlich alles hatte, was ihr selbst fehlte? War es die Situation; Draco so vorzufinden, nachdem er wortlos abgehauen war, obwohl - oder weil? - sie sich nähergekommen waren?

Sie spürte, wie sie innerlich zu schäumen begann, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Jemand anderes. Es war, als fehlte ihr auf einmal der Sauerstoff zum Atmen. Aus einem Impuls heraus schnappte sie nach Luft.  

Sie sah den kleinen Jungen, der etwas ungelenk auf Draco zu taumelte. Er glich dem Kind auf den Fotografien wortwörtlich bis auf Haar. Draco, der sich inzwischen hingekniet hatte, schoss herum, als er sie bemerkte, doch Hermines Blick blieb starr auf das Kind gerichtet.

Niemand sagte ein Wort, bis Hermines schockiertes Flüstern die Stille durchbrach.

„Scorpius!“
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