Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Long way to happiness

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
29.11.2020
34
118.647
26
Alle Kapitel
76 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.08.2020 3.610
 
P.O.V. Hermine

Seit ihrem Besuch bei Harry waren bereits mehr als zwei Wochen vergangen. In dieser Zeit hatte sie sich allmählich in ihrem neuen Alltag eingelebt. Morgens und mittags besuchte sie den Unterricht, nachmittags war sie Ansprechpartnerin für alle Schüler, die mit Problemen auf sie zukamen. Wie sie es damals mit Draco abgesprochen hatte, blieb er jeden Mittwoch über Nacht auf Hogwarts – was vor allem taktische Gründe hatte. Denn im Gegensatz zu ihr selbst hatte sein Kurs mittwochs Astronomie.

Oftmals hatten sie zusammen in ihrer Unterkunft gesessen und einfach nur geredet. Dabei sprachen sie über alles Mögliche. Ihre Kindheit beispielsweise. Die Suche nach den Horkruxen. Ernste, aber auch harmlosere Thematiken. Randinformationen. Immer häufiger beschlich sie das Gefühl, er würde sie um einiges besser kennen als angenommen.

Aber auch sie erfuhr einiges von ihm. Er berichtete von seiner Kindheit, dem Verhältnis zu seinen Eltern, seiner Zeit unter Voldemort. So erfuhr sie unter anderem auch, dass er Hogwarts im vergangenen Schuljahr – entgegen ihrer Annahme – ebenfalls verlassen hatte. Er erzählte ihr von seinem Pakt mit Pansy und anderen Dingen, die er mit seinen Freunden angestellt hatte. Vieles ließ sie Schmunzeln, doch immer wieder hatte sie das Gefühl, als hätte sie bei einigen Unterhaltungen ein Déjà-vu.

Diese Empfindungen, die sie spürte, wenn sie so vertraut nebeneinandersaßen und sich über Gott du die Welt unterhielten, kamen ihr verdammt bekannt vor – allerdings konnte sie nicht einordnen, weshalb.

Den Vorfall, der sich auf dem Manor zugetragen hatte, hatte keiner von beiden seither noch einmal erwähnt. Irgendwie war sie ihm dafür sogar sehr dankbar. Natürlich hatte sie ihre Worte, die sie Harry gegenüber geäußert hatte, ernst gemeint. Sie stand dazu.

Allerdings war ihr dieser Zusammenbruch, der schon so lange auf sich hatte warten lassen, unangenehm. Nicht nur, dass sie sich von ihrer verletzlichsten Seite gezeigt hatte; sie wurde mitten im Manor von Erinnerungen und Emotionen überrannt. Sie hatte Draco angesehen, wie ihn das schlechte Gewissen beinahe auffraß. Merlin sei Dank hatte sich ihr Umgang miteinander – entgegen ihrer Befürchtungen – nicht verändert.

Nachdem McGonagall sie in ihrer Unterkunft praktisch überfallen hatte, durften sie sich einen ihrer ausführlichen Belehrungen über Pflichtbewusstsein, Verantwortung und Zuverlässigkeit anhören. Hermine hatte damals wirklich mit sich ringen müssen, die Augen nicht zu verleiern.

Ansonsten blieb dieser Tag glücklicherweise ohne Folgen. Ginny war gegen Abend zurückgekehrt, woraufhin Hermine sie zur Seite genommen hatte, um sich für ihr Verhalten am Morgen zu entschuldigen. Die Rothaarige hatte in einer großzügigen Geste lediglich abgewunken.
Zudem erhielt sie seitdem zwei- bis dreimal in der Woche einen Brief von Harry, in dem er ihr – ohne etwas zu beschönigen oder herabzuspielen – berichtete, wie es ihm ging.

Ein Klirren brachte sie dazu, sich umzuwenden. Eine Sitzreihe hinter ihr hatte Neville sein Messer fallen lassen. Typisch, dachte sie, während sie sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Das verzweifelte Kopfschütteln, mit dem Seamus seinen Hausgefährten bedachte, machte es nicht gerade besser.

Seit inzwischen knapp einer Stunde war ihr Kurs nun schon damit beschäftigt, das Euphorie-Elixier herzustellen – mit gemischten Ergebnissen. Denn während der Trank bei einem Jungen aus Hufflepuff einen dunklen, lilafarbenen Ton angenommen hatte, brodelte Hermines eigener beunruhigend vor sich hin. Dabei hatte sie sich genauestens an die Formel gehalten – eigentlich.

Immerhin stimmte die Farbe, ermunterte sie sich innerlich. Professor Slughorn lief in typischer Manier mit einem entzückten Gesichtsausdruck durch das Klassenzimmer, wobei ihm nicht aufzufallen schien, dass er seine Schüler so nur weiter von ihrer Arbeit abhielt. Der sarkastische Teil Hermines fragte sich unterdessen, wann wohl der erste Trank hochgehen würde.

Doch noch bevor sie diesen Gedanken vertiefen konnte, wurde die Tür plötzlich kraftvoll aufgestoßen, nur um Sekundenbruchteile später von Minerva McGonagall durchschritten zu werden. Was tat die Schulleiterin hier? Für gewöhnlich war es nicht ihre Art, einfach in den Unterricht eines anderen Lehrers hineinzuplatzen.

Slughorn, der inzwischen das Erscheinen seiner Kollegin bemerkt hatte, lief eilig auf sie zu, einen besorgten Ausdruck in den Augen, doch noch bevor er sie vollends erreicht hatte, sprach die Hauslehrerin der Gryffindors.

„Horance, bitte verzeihen Sie die Störung. Es wäre allerdings von äußerster Wichtigkeit. Könnten Sie Mr. Malfoy für eine Weile entbehren?“

Verwundert richtete Hermine ihren Blick auf Draco, doch dem Slytherin war anzusehen, dass er selbst ebenfalls keinen blassen Schimmer hatte, worum es wohl gehen mochte. So wie die Lehrerin ihn anblickte, schien es nicht unbedingt etwas Erfreuliches zu sein, doch es lagen weder Wut noch Tadel in ihren Augen. Vielmehr … Besorgnis? Mitleid?

Die Stille, die sich seit der Ankunft der Schulleiterin über die anwesenden Schüler gelegt hatte, wurde beinahe erdrückend. Hermine überlegte fieberhaft. Vielleicht ging es ja um eine Schulsprecherangelegenheit. Aber warum hatte man dann nicht auch nach ihr verlangt? Unsicher wie sie sich verhalten sollte machte sie Anstalten, sich auf ihren Amtskollegen, der die Lehrkraft inzwischen erreicht hatte, und die beiden Professoren zuzubewegen, allerdings kam sie kaum einen Meter weit.

„Ms. Granger. Sosehr ich ihren Arbeitseifer auch wertschätze – dies hier betrifft sie nicht im Geringsten. Wenn Sie also so freundlich wären, sich weiterhin um ihren Trank zu kümmern, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Ich denke, Mr. Malfoy wird auch ohne Sie zurechtkommen.“

Ihr Ton war keinesfalls harsch gewesen, dennoch hatte Hermine das Gefühl, dass es unklug wäre, in irgendeiner Weise anders zu reagieren, als ihre Hauslehrerin es ihr durch diese Worte suggeriert hatte.
Sie konnte das Verhalten, das McGonagall ihr in den vergangenen Wochen entgegenbrachte nicht wirklich einordnen.

Mit einem knappen Nicken in Richtung ihres Kollegen und einer raschen Bewegung, mit der sie Draco bedeutete, ihr zu folgen, verschwand selbige aus dem Klassenzimmer. Wie auf Knopfdruck setzte mit dem Zuschlagen der Tür das Gemurmel ein. Viele spekulierten, der junge Schulsprecher hätte etwas angestellt, stellten die wildesten Theorien auf, doch Hermine wand den Blick nicht von der Tür ab.

Sorge hatte sie ergriffen. Eine Sorge, deren Ursprung sie zwar nicht benennen konnte, doch von der sie instinktiv wusste, dass sie begründet war.

Was, bei Merlin, war passiert?


P.O.V. Draco

Irritiert folgte Draco der Professorin, die ihn wenige Minuten zuvor ohne eine weitere Erklärung aus dem Unterricht genommen hatte. Ihr Verhalten verwirrte ihn. Seitdem sie den Klassenraum verlassen hatten, hatte die Ältere keinen Ton mehr verlauten lassen. Sie blickte ihn nicht einmal an.

Inzwischen hatten sie das weitläufige Freigelände der Schule erreicht. Was wurde hier nur gespielt? Seine fragenden Blicke ignorierend, lief die Hauslehrerin der Gryffindors weiter in Richtung des Tores. Moment! Der Blonde runzelte die Stirn. Wollte McGonagall etwa das Schulgelände verlassen?
Aber weshalb sollte er sie dann begleiten?

Er begriff absolut nichts, doch er war nicht gewillt, ihr blind zu folgen. Er verlangsamte seine Schritte immer weiter, womit er seine Begleiterin letzten Endes dazu zwang, ebenfalls stehen zu bleiben.

Das erste Mal, seit sie – für ihn ins Ungewisse – aufgebrochen waren, sah sie ihn an. Was er dabei in ihrem Blick zu lesen glaubte, gefiel ihm nicht im Geringsten.

„Wohin gehen wir, Professor?“

Sie hielt seinem Blick noch einige Sekunden stand, bevor sie sich abwandte. Es war offensichtlich, dass sie abwog. Abwog, ob sie ihm die Wahrheit sagen sollte oder lieber abwartete. Er verstand nicht, Salazar nochmal! Was könnte denn bitte so schlimm sein, dass sie ihm nicht einfach die gewünschte Auskunft gab?

Erneut blickte sie ihn an, als sie zu sprechen anhob. „Wir befinden uns auf dem Weg nach Hogsmeade, Mr. Malfoy. Dort wartet jemand auf Sie, der sie dringend über einige … wie soll ich sagen … Umstände informieren muss.“

Stumm setzte sie sich wieder in Bewegung, sodass ihm nichts anderes übrigblieb, als ihr zu folgen. Sie würde ihm nicht mehr erzählen, dass wusste er.

Auf dem Weg hing er seinen Gedanken nach. Miteinander sprechen würden sie sowieso nicht – zumindest ging er nicht davon aus.
Von wem McGonagall wohl gesprochen hatte? Und warum begleitete sie ihn? Er war nun wirklich alt genug, um sich allein mit wem-auch-immer zu treffen. Warum also dieser Aufwand? Und weshalb sagte sie ihm nicht einfach, worum es ging? Wenn er ihren Blick richtig gedeutet hatte, schien sie besorgt. Fast so, als wisse sie, dass ihm das Gespräch nicht gefallen würde. Warum warf sie ihn dann praktisch ins kalte Wasser?

„Dürfte ich Sie etwas fragen, Mr. Malfoy.“ Ihre Worte ließen ihn aufhorchen. Nun wollte sie doch sprechen? Er war eigentlich davon ausgegangen, dass sie das Schweigen vorziehen würde. Ihm wurde mulmig zumute. Höchstwahrscheinlich würde ihm ihre Frage nicht gefallen, dennoch nickte er zögerlich.

„Nun ja. Wie Sie sicherlich wissen, obliegt es mir als Professorin ebenfalls, die Sicherheit meiner Schüler zu gewährleisten. Wie mir scheint war die Entscheidung, Sie und Ms. Granger zu Schulsprechern zu ernennen, dem mehr als zuträglich. Sie leisten gute Arbeit, Mr. Malfoy. Jeder von ihnen für sich, aber auch im Team.“

Abwartend sah sie zu ihm auf, doch wieder nickte er lediglich. Was sollte er schon dazu sagen. Vielmehr bereitete er sich innerlich darauf vor, was nun kommen mochte. Zudem schrie dieser Satz geradezu nach einem „aber“!

„Allerdings sind mir in den vergangenen Wochen einige Dinge bewusst geworden.“ Erneut schwieg sie. Dachte sie nach? War es eine Kunstpause? Oder wollte sie ihn vielmehr auf die Folter spannen?

„Ihr öffentliches Ansehen ist durch Ihre Arbeit um einiges gestiegen, aber eines verstehe ich nicht, Draco.“ Nun waren sie also beim Vornamen angelangt?

„Warum verschweigen Sie Ihre wahre Rolle? Sie wissen, sowohl ich als auch Ms. Granger hätten in einem Verfahren für Sie ausgesagt – was, Merlin sei Dank, nicht nötig war. Also warum geben Sie sich, als hätten Sie nie für unsere Seite gearbeitet. Sie haben damals immerhin alles aufs Spiel gesetzt.“

„Wenn öffentlich wird, dass ich den dunklen Lord hintergangen habe, werden die verbliebenen Todesser eine Hetzjagd auf mich und meine Familie veranstalten. Außerdem kennen die, die wichtig sind, den wahren Sachverhalt. Wie Sie selbst bereits sagten; eine Absolution durch die Gesellschaft ist auch anders zu erhalten.“ Sprach er ruhig, ohne jegliche Emotionen in der Stimme, doch in seinem Inneren wütete ein Sturm.

Hoffentlich kaufte sie ihm diese mehr als nur hinkende Begründung ab. Immerhin wusste sie, dass er sich bereits während der Schlacht öffentlich gegen den Lord gewendet hatte, womit er automatisch ins Fadenkreuz der Todesser geraten war. Doch er konnte sich gerade nichts Besseres ausdenken.

Draco war innerlich wie erstarrt. McGonagalls Frage war berechtigt. Bis heute wusste kaum jemand von seiner Tätigkeit als Spion für den Orden. Selbst dessen Mitglieder waren nicht eingeweiht. Allerdings wusste er etwas, das die Professorin nicht wusste; dass Hermine keine Ahnung mehr von ihrer Zusammenarbeit hatte. Er erschauderte. Hätte sie diese Thematik vor Hermine ausgesprochen, wäre er fällig gewesen.

Verdammt! Allmählich rückten die unsichtbaren Wände, die ihn umgaben, immer näher – zumindest erschien es ihm so. Erst die Fragerei seiner besten Freunde, dann die Enthüllung seiner Mutter, und schließlich seine Professorin. Nicht zu vergessen er selbst. Er hatte Hermine vom Cottage erzählt. Von ihrem gemeinsamen Cottage. Salazar, irgendwie hatte er gehofft, es würde etwas in ihr auslösen.

Doch durch seine eigenen Gedanken und die Worte der Schulleiterin wurde dem Blonden eines klar. Er hielt dieses Schweigen nicht mehr aus. Seitdem er wieder mit Hermine zusammenarbeitete, brachte er sich selbst immer wieder in Situationen, die das Auffliegen seines Geheimnisses geradezu provozierten. Er gestand sich mittlerweile ein, dass er wollte, dass sie die Wahrheit erfuhr. Er sprach es nicht aus, aus Angst vor den Konsequenzen, doch eines war sicher.

Würde Hermine Granger die Wahrheit per Zufall erfahren, würde sie ihm niemals vergeben. Er hatte nur eine Möglichkeit, diesen sonst gewissen Ausgang vielleicht doch noch abzuwenden.

Er musste es ihr sagen. Und das, bevor ihm alles aus den Händen gleiten würde.

~⦁●⦁~

Die letzten Minuten hatten sie schweigend verbracht. Draco war der Blick, mit dem ihn seine Begleitung immer wieder von der Seite bedachte, nicht entgangen. Skepsis, aber auch Verwunderung waren deutlich darin zu sehen.

Vor dem „drei Besen“ angelangt, bedeutete sie ihm, einzutreten. Eine Aufforderung, der er nur mit leichtem Widerwillen Folge leistete. Nun würde er erfahren, worum es bei der ganzen Sache ging. Wobei er sich inzwischen nicht einmal mehr sicher war, ob er es wirklich wissen wollte.

Es sah zu seiner Professorin, die wiederum den Blick durch das Gasthaus schweifen ließ. Ihre Augen blieben an einer Gestalt hängen, die, den Rücken zu ihnen gewandt, am Tresen lehnte und sich mit einer distanziert dreinblickenden Wirtin unterhielt. Der Mann kam Draco eigenartig bekannt vor, doch ohne das Gesicht dieser nun an ihrem Whiskey nippenden Person zu sehen, war es ihm unmöglich, diese einzuordnen.

McGonagall, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, schritt geradewegs auf die Gestalt zu. Draco hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Als der Fremde bemerkte sie bemerkte, drehte er sich langsam zu ihnen um. Und plötzlich wusste Draco, woher er den untersetzten Mann mit dem akkurat zurechtgestutzten Schnauzer, den mittellangen, kohlschwarzen Haaren und den kleinen, verschlagen dreinblickenden Augen kannte.

„Mr. Cunningham. Sie haben um ein Treffen gebeten. Da wir nur wenig Zeit haben, bitte ich Sie, sich kurz zu fassen.“ Die Stimme der Schulleiterin war kalt, ihr Blick eisig, doch der Mann reagierte auf die Worte lediglich mit einem falschen Lächeln.

Erneut setzte er das Glas an, anstatt auf die Forderung der Professorin einzugehen. Doch Draco wollte nicht hören, was dieser Mann sagen würde. Er ahnte es bereits.

Denn die Person vor ihm war niemand anderes als der schmierige Anwalt seines Vaters.


P.O.V. Hermine

Den ganzen Tag über war sie unruhig. Sie hatte Draco seit heute Vormittag nicht mehr gesehen. Überall hatte sie nach ihm Ausschau gehalten, doch es schien, als sei er vom Erdboden verschluckt worden. Weder in der Bibliothek noch in ihrer Unterkunft oder auf den Ländereien hatte sie ihn finden können.

Dabei suchte sie ihn nicht nur, weil sie ihre gemeinsamen Pflichten erledigen mussten. Sie hatte ein schlechtes Gefühl. Ein sehr schlechtes sogar.

McGonagalls Auftritt hatte die große Runde gemacht, sodass spätestens nach dem Mittagessen jeder Bescheid wusste. Die Theorien, die daraus resultierten, waren eine absurder als die andere. Dass die Professorin nun wieder durch die Gänge eilte und ihren Unterricht abhielt, während Hermines Kollege immer noch spurlos verschwunden war, heizte die Spekulationen noch weiter an.

Einige behaupteten, Dracos Mutter sei etwas zugestoßen. Andere erzählten, das Ministerium hätte ihn ich Gewahrsam genommen, um seine Verhandlung neu aufzurollen. Wieder andere sagten, er wäre von der Schule geworfen worden oder er läge nach einem Unfall im St. Mungos.

Hermine hasste dieses sinnlose Getratsche. Hatten die Schüler nichts Besseres zu tun, als sich das Maul über andere zu zerreißen? Sie war sich sicher, ihre Schule würde fast ausschließlich Eiserschüler beherbergen, würden die entsprechenden klatschbesessenen Personen die Zeit, die sie ins Tratschen investierten, stattdessen ins Lernen stecken.

Doch ihr Ärger darüber löste ihr Problem keinesfalls. Wo war Draco?

Sie hatte überlegt, ihre Hauslehrerin auf seinen Verbleib anzusprechen, doch sie wollte kein Unglück heraufbeschwören. Immerhin verhielt die ältere Hexe sich ihr gegenüber in letzter Zeit ziemlich merkwürdig. Zudem wollte sie Draco nicht in Schwierigkeiten bringen, sollte er ohne Erlaubnis unterwegs sein.

~⦁●⦁~

Inzwischen war es später Abend. Hermine saß, ein aufgeschlagenes Buch über die altmagischen Hochkulturen zu Zeiten der Antike auf ihrem Schoß, mit ausgestreckten Beinen und einer angebrochenen Flasche Rotwein auf der Couch im Wohnbereich. Immer wieder huschten ihre Augen vom Text des Buches, den sie allerdings nicht wirklich wahrnahm, zum Gemälde, das den Eingang zu ihrer Unterkunft bildete. Innerlich hoffte sie, der Durchgang würde sich öffnen, nur um ihr einen Blick auf den Slytherin zu ermöglichen, doch sie wusste, wie unwahrscheinlich es war.

Sie bezweifelte stark, dass der Blonde jetzt noch kommen würde. Egal, was geschehen war – es war ein Montag und somit war er höchstwahrscheinlich irgendwie ins Manor gelangt. Sollte sie selbst eventuell dorthin reisen? Nur um kurz nachzusehen – sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Dass alles in Ordnung war.

Frustriert strich sie erneut die Strähne hinter ihr linkes Ohr, die ihr permanent wieder ins Gesicht fiel. Sie könnte nicht zu ihm flohen. Das käme sicherlich seltsam an. Als wäre sie eine aufdringliche, verknallte Teenagerin. Überführsorglich und die Personifikation einer Klette.

Seufzend schüttelte sie den Kopf, zwang sich, ihre Augen erneut auf das Buch vor sich zu richten, doch sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Merlin, was war bloß mit ihr los?!
In den letzten Tagen wurde ihr bewusst, wie dominant Draco ihre Gedanken beherrschte. Es war erschreckend. Es passte absolut nicht zu ihr! Trotzdem konnte sie es einfach nicht ändern.

Aber wollte sie das überhaupt?

Was auch immer momentan mit ihr los war, es fühlte sich nicht schlecht an. Es war beinahe wie eine … Verliebtheit? Eigentlich konnte es nicht sein. Nicht bei ihrer Vorgeschichte. Nicht bei dieser kurzen Zeitspanne. Nicht bei einer so rational veranlagen Person wie ihr.

Doch wenn sie ehrlich mit sich selbst war, sprachen ihre Gedanken und Träume für sich.
Ja, sie träumte von ihm. Obwohl, waren es Träume? Dafür fühlte es sich streng genommen viel zu real an – als wären die Begebenheiten, die ihr durch den Kopf geisterten, wirklich geschehen.

Resigniert legte sie ihr Lesezeichen in das Buch, bevor sie es vorsichtig schloss. Sie strich sanft über den Einband. Es stammte aus der malfoyschen Bibliothek. Sie hatte in einem ihrer Gespräche erwähnt, dass es eines der Werke war, die sie faszinierten, doch es war weder bei „Flourish und Blotts“ noch in der Schlossbibliothek vorhanden. Bei seinem Alter und der Seltenheit kein Wunder – zumal es eine horrende Summe kostete. Als Draco ihr am nächsten Tag wortlos dieses Exemplar auf den Schoß legte, war sie ihm praktisch um den Hals gefallen.

Auch wenn sie es niemals offen zugeben würde, sie genoss den Körperkontakt. Bei ihm fühlte sie sich auf unerklärliche Weise geborgen. Vielleich war sie in dieser Hinsicht spätpubertär, wer wusste das schon. Als er ihr auch noch sagte, sie könne das Buch behalten, setzte ihr Herz beinahe aus. Sie war sich sicher, dass sie es nicht tun würde – immerhin war es ein kleines Vermögen wert – doch diese Geste rührte sie irgendwie.

Plötzlich erfüllte ein schleifendes Geräusch den Raum. Das war doch nicht möglich, oder? Doch als sie aufblickte, sah sie ihn wirklich. Was machte Draco um diese Uhrzeit hier?

Noch etwas anderes erregte die Aufmerksamkeit der Brünetten und die Sorge, die mit seinem Erscheinen von ihr abgefallen schien, war plötzlich wieder allgegenwärtig.
„Hey!“

Der junge Mann wankte leicht auf sie zu, ließ sich schwerfällig neben ihr auf der Couch nieder und schloss entkräftete die Augen. Sorgenvoll lagen ihre Augen auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, die Bewegungen wirkten unkoordiniert und steif.

Plötzlich öffnete ihr Gegenüber die Augen und sah sie träge an „Was ist? Frag schon, was du wissen willst.“

Seine Augen erwiderten glasig ihren Blick, als er die Worte schwerfällig nuschelte. Es war offensichtlich. Er war betrunken und das nicht zu knapp. Die Gryffindor musste schlucken. Sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dieses Verhalten vollkommen untypisch für ihn war. Er hasste es, wenn Leute sich sinnlos betranken – weil sein Vater es immer getan hatte, nur um ihm und seiner Mutter das Leben noch schwerer zu machen.

Sie sprach leise, sanft, doch die Dringlichkeit in ihren Worten war nicht zu überhören. „Was ist passiert, Draco?“

Er antwortete nicht. Minutenlang starrte er ins Leere, schien tief in die Strömungen seiner Gedanken gezogen zu werden. Hermine wendete ihren Blick nicht ein einziges Mal von ihm ab. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Natürlich, sie lebten nicht einmal einen Monat zusammen, doch auch in den vorangegangenen sieben Jahren, in denen es ihm zeitweise zweifelsohne furchtbar ergangen war, hatte er nie solch einen niedergeschlagenen, wenn nicht sogar zerstörten Eindruck auf sie gemacht, wie es jetzt der Fall war.
Immer noch blieb er ihr eine Antwort schuldig. Sie öffnete den Mund, wollte ihn ein erneutes Mal ansprechen, doch er kam ihr zuvor. Doch nicht, indem er zu sprechen begann, nein!

Er zog sie in seine Arme! Wie ein kleiner, verletzlicher Junge schmiegte er sich an sie, das Kinn auf ihre Schulter gelegt.

„Er kommt frei, Hermine. Er kommt wirklich frei! Ich hab er zwar immer befürchtet, aber … Verdammt, er hat so viel Leid verursacht und trotzdem sperren sie diesen Mistkerl einfach nicht weg.“ Es lag pure Verzweiflung in seinen Worten. Instinktiv wusste sie, von wem er sprach. Lucius.

Ein bitteres Lachen entkam seiner Kehle. „Hausarrest. Was für eine Strafe soll das sein? Er macht alles kaputt. Immer wieder macht er alles kaputt. Er ist eine Gefahr für meine Familie - und trotzdem kann ich nichts tun!“
Sie spürte, wie sich die Verzweiflung in seinem Inneren in Wut verwandelte. Seine Gefühle schienen sich zu überschlagen. Dabei verstand sie ihn sehr gut. Jemand wie Lucius war es – ihres Erachtens nach – nicht einmal wert, in Vater zu nennen. Allenfalls Erzeuger. Eine Haltung, die sie offenbar zusammen mit Draco vertrat.

Langsam strich sie ihm über den Rücken, versuchte ihn zu beruhigen. Sie spürte, wie er versuchte, sich unter der Berührung zu entspannen, doch sein Körper zitterte nach wie vor vor Anspannung. Vorsichtig hob sie ihre Hand, umfasste sanft seine Wange, ehe sie sein Gesicht zu ihrem drehte. Seine Augen flackerten unruhig, bis sie letztlich auf ihre trafen.

„Hey. Hey! Hör mir jetzt mal ganz genau zu. Dein Vater kann euch nichts mehr anhaben. Hausarrest bedeutet, dass ihm der Einsatz von Magie verboten ist. Er hat keinen Zauberstab. Wenn er irgendetwas tun sollte – magisch oder physisch – ist er schneller in Askaban als er „Crucio“ sagen kann. Weder dir noch deiner Mutter wird irgendetwas passieren. Hey, verstehst du mich? Er kann nichts tun!“ Sie sprach die Worte eindringlich, beinahe beschwörend, obwohl sie kaum mehr als ein Flüstern waren. Doch die Verzweiflung in seinen Augen verschwand kaum.

„Du hast keine Ahnung Hermine. Nicht die geringste Ahnung, worum es hier eigentlich geht.“ Der Schmerz in seinen Worten war erschreckend.
„Was genau meinst du damit?“ Es war lediglich ein unsicheres, irritiertes Wispern.

„Es tut mir leid!“

Und noch ehe sie ihn fragen konnte, was genau er damit meinte, lagen seine Lippen plötzlich auf ihren.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast