Erinnerungen

GeschichteAllgemein / P18
Blaise Zabini Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
01.08.2020
13
41.687
12
Alle Kapitel
35 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
01.08.2020 3.752
 
P.O.V. Hermine

Sie hatte seine Anweisungen befolgt, beinahe die Sekunden gezählt, doch niemals hätte sie damit gerechnet, Narzissa Malfoy zu begegnen. Warum auch, dachte sie selbst ironisch. Es war ja nicht so, als ob die ältere Frau dort lebte.
Genaugenommen hatte Hermine überhaupt nicht weiter darüber nachgedacht, was es bedeutete auf Dracos Vorschlag einzugehen.

Und nun befand sie sich hier, im Manor. Ein Ort, den sie eigentlich für den Rest ihres Lebens meiden wollte. Warum war ihr nicht vorher bewusst geworden, dass sie sich mit der Reise hierher ihren Dämonen würde stellen müssen?

Zugegeben, Narzissas Worte waren offen ausgesprochene Anspielungen, die der Gryffindor im Normalfall die Gesichtsfarbe einer Tomate verpasst hätten. Selbst Draco schien mehr als nur peinlich berührt zu sein, doch irgendwie war Hermine seiner Mutter ein Stück weit dankbar. Immerhin hatte sie es geschafft, dass die junge Frau vor Scham ihre düsteren Gedanken und Erinnerungen vergessen konnte – zumindest für den Moment.

Das Schweigen, dass jedoch mit dem Abgang der Blonden eingesetzt hatte schien nicht enden zu wollen. Es war offensichtlich, dass die beiden zurückgebliebenen Anwesenden krampfhaft nach Worten suchten – allerdings erfolglos. Was sollte man nach solch einem Auftritt auch sagen?

Hermine schüttelte den Kopf, besann sich auf den Grund, aus welchem sie hierhergereist waren.

„Und? Hat alles funktioniert?“ Dracos verwirrter Blick war ihr Antwort genug. Tadelnd hob sie die Augenbrauen „Der Apparierzauber?“

Erkenntnis zeichnete sich auf dem Gesicht des Blonden ab. „Ach so, dass meinst du. Sorry, meine Mutter hat mich abgelenkt.“

Bei diesen Worten konnte sich die Gryffindor ein Schmunzeln nicht verkneifen. Zwar war ihr nicht bewusst, weshalb Narzissa ihren Sohn offensichtlich so gerne aufzog, doch seine Reaktion war einfach göttlich. Fast schon … süß?

Sie erschrak bei ihren eigenen Gedanken, doch so schnell es ihr möglich war versuchte sie es mit einem Lachen zu kaschieren. „Das hab ich gemerkt. Vergiss einfach, was sie gesagt hat. Je schneller ich hier weg bin, desto weniger wirst du dir anhören müssen.“

Zugegebenermaßen glaubte sie es selbst nicht. Etwas, was sie seinem Blick nach zu urteilen gemeinsam hatten. Wie sollte es auch anders sein? Wenn sie die Blonde bereits jetzt so einschätzte, dass sie keine Gelegenheit ungenutzt ließ, sich einen Spaß zu erlauben, was sollte dann Draco erst befürchten – immerhin kannte er seine Mutter um Welten besser.
Dennoch blieb der junge Mann ihr einer Antwort schuldig, als er sich – wenn auch murrend – daran machte, die Appariersperre für sie aufzuheben.

Hermine wand ihren Kopf und sah sich um. Der Raum, in welchem sie sich befanden war ihr gänzlich unbekannt – was allerdings kein Wunder war. Immerhin war sie bisher erst einmal „Gast“ innerhalb dieser Mauern gewesen und hatte dabei sicherlich nicht diese Räumlichkeiten besucht.

Sie war froh, dass Draco ihr die Möglichkeit gab, Harry trotz McGonagalls Ablehnung zu besuchen. Genauso wie es sie erleichterte, dass er sie nicht allein im Manor stehen ließ. Eigentlich war sie sich bewusst, dass er sie niemals in den Raum, in dem ihr diese grausamen Dinge widerfahren waren, gebracht hätte. Und doch war es das gewesen, was sie im ersten Moment befürchtet hatte. Sich am Ende ihrer Reise genau dort oder in einem ähnlichen Zimmer wiederzufinden.

Im Hintergrund hörte sie Dracos leises Gemurmel, doch darauf konzentrierte sie sich nicht. Vielmehr senkte sie ihren Fokus auf die hier befindliche Ausstattung.

Das Mobiliar dieses Raumes stand im krassen Gegensatz zu dem, an welches sie sich noch von damals erinnern konnte. Es war heller und wirkte – trotz seines offensichtlichen Alters – um einiges moderner. Ein Schreibtisch, eine Minibar, eine Sitzlandschaft. Deckenhohe Regale. Irgendwie unspektakulär.

Natürlich, ein solches Zimmer befand sich nicht in jedem Haushalt. Allerdings entsprach es genau dem, was man von einem reichen, traditionsbewussten Geschäftsmann hielt, der bestimmt einigen Dreck am Stecken hatte. Er repräsentierte die Erhabenheit, den Einfluss und die Macht des Hausherrn.

Hermine war sich sicher, dass Lucius Malfoy hier residiert haben musste. Hier passte absolut nichts zu Draco oder Narzissa. Das einzige, was dem Raum eine persönliche Note verlieh, waren die Bilder auf dem Kaminsims. Erneut wandte sie sich um, ging mit langsamen Schritten auf das wuchtige Portal zu, dass ihr dem Weg hierher ermöglicht hatte. Eines musste sie den Erbauern des Manors lassen; prinzipiell ließe sich aus diesem Ort ein wundervolles Anwesen machen.

Natürlich, hier und dort fehlte etwas Farbe, doch wären die alten Möbel nicht so sperrig und dunkel gehalten, so wäre die Atmosphäre, die hier vorherrschte, gleich um einiges freundlicher. Zudem war sie sich sicher, dass dies hier eines der letzten Zimmer war, die Narzissa noch nicht „überarbeitet“ hatte. Ihr Kollege hatte ihr gegenüber bereits einmal erwähnt, mit welch großem Eifer seine Mutter versuchte, die negativen Spuren der Vergangenheit durch stilistische Umänderungen zu beseitigen. Wer wollte es ihr übelnehmen?

Ihre Fingerglitten über den kühlen Marmor vor ihr. Der kunstvoll gearbeitete Kamin hatte zweifelsohne seinen eigenen Charme. Zart rankten sich verspielte Ornamente um die Feuerstelle. Es musste eine halbe Ewigkeit in Anspruch genommen haben, dieses Kunstwerk fertigzustellen. Ihr Blick glitt weiter.

An den Außenseiten des Kaminsimses standen zwei große Leuchter. Dazwischen befanden sich wiederum ein vasenförmiges Gefäß, in welchem das Flohpulver aufbewahrt wurde und die zahlreihen Bilderrahmen. Erst jetzt fiel Hermine auf, dass sich interessanterweise kein Familienportrait über dem Kamin befand. Auch die magischen Fotografien zeigten lediglich Draco und Narzissa.

Die meisten von ihnen konnten nicht sehr alt sein, aus mehreren Gründen. Zum einen waren beide schon älter abgebildet, zum anderen wirkten sie oftmals … erleichtert. Glücklich?
Nur zwei Bilder zeigten Draco als kleinen Jungen. Sanft strichen Hermines Fingerspitzen über die Bilderrahmen.

Die erste Fotographie zeigte den Blonden in den Armen seiner Mutter. Narzissas Lächeln war ausgelassen. Allgemein wirkte sie glücklich, wenn sich auch etwas Wehmut in ihrem Blick erkennen ließ. Auf dem zweiten Bild war hingegen nur der blonde Lockenschopf zu erkennen, der mit einem verschmitzten Grinsen die Fahrt einer Miniaturlock verfolgte. Es war der Hogwartsexpress.

„Ich wäre soweit. Was machst du da?“ Unbemerkt von der Brünetten hatte sich ihr Draco immer weiter genähert, sodass er nun bis auf wenige Zentimeter an sie herangetreten war. Hermine spürte ihn deutlich hinter sich, obwohl sie sich auf keinerlei physische Weise berührten.
Und obwohl sie selbst nicht verstand, weshalb sie es tat, lehnte sie sich immer weiter nach hinten. Augenblicklich schlang der Slytherin seine Arme um sie, hielt sie, während er sie verblüfft lächelnd anblickte.

„Du warst wirklich ein süßes Kind.“ Verträumt wanderten ihre Augen zu ihm. In der Zwischenzeit hatte er selbst begonnen, die Bilder zu betrachten, doch in seinen Augen spiegelten sich andere Emotionen, als sie es erwartet hätte.

„Das warst du mit ziemlicher Sicherheit auch, oder?“ Auch sein amüsierter Blick konnte sie nicht darüber täuschen, dass er das Thema zu umschiffen suchte. Sie schluckte.

Sie hatten sich ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen, an das er sich eben offenbar zu halten versucht hatte. Ein Versprechen, das sie nun halten würde. Wenn er nicht darüber reden wollte, dann war es ok – auch wenn sie es nicht wirklich verstand. Noch nicht.

„So sehr ich deine Anwesenheit auch schätze, meine Liebe, solltest du dich dennoch bald auf den Weg machen. Du weißt, dass McGonagall uns nachher noch sprechen will. Außerdem werdet ihr einiges zu besprechen haben.“

Sie blickte ihn an. „Ja, vielleicht hast du recht.“

„Gut. Von hier aus müsstest du nun ungehindert apparieren können. Ich warte hier auf dich. Wenn etwas ist, melde dich einfach. Und Hermine … sei nicht zu streng mit ihnen. Was sie gemacht haben war vielleicht falsch, aber sie wollten dir nie etwas Böses.“

Zögerlich nickte sie. Was er sagte entsprach der Wahrheit, dass wussten sie beide. Langsam, wenn auch etwas widerwillig löste sie sich von ihm und schritt gemächlich in die Mitte des Raumes. Ein letztes Mal blickten sie sich in die Augen, als Draco im Begriff war, sich abzuwenden.

„Draco, warte!“ Erstaunt wandte der blonde sich um, doch noch bevor er hätte reagieren können, hatte sie ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und ihn fest an sich gepresst. „Danke!“
Wie aus dem Nichts drückte sie ihm plötzlich einen zarten Kuss auf die Wange, ehe sie sich abwandte und schlussendlich zum Mungos apparierte.

Zurück ließ sie einen perplexen Draco, der selig lächeln und mit der Hand ungläubig seine Wange berührend in die Leere blickte.

~⦁●⦁~

Die Empfangsdame an der Anmeldung des magischen Krankenhauses St. Mungos hatte ihr mit mürrischer Miene die Zimmernummer entgegengezischt, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Dementsprechend entnervt stand Hermine nun in einem der magischen Aufzüge und wartete darauf, endlich den sechsten elften Stock und damit die Abteilung für psychische Erkrankungen zu erreichen.

Immer wieder wanderten ihre Augen rastlos durch die enge Kabine. Immer wieder knetete sie nervös ihre Hände, während sie sich abwesend auf die Unterlippe biss.
Was würde sie erwarten?

Sie wusste es nicht. Das einzige, was sie wusste, war, dass sie kurz davor stand, die Nerven zu verlieren. Seit dem Krieg hasste sie Krankenhäuser. Und so ungern sie es auch zugab – sie würde in diesem Moment einiges darum geben, Draco an ihrer Seite zu haben.
Ein Klingen ertönte, als der Fahrstuhl sein Ziel erreichte. Noch könnte sie theoretisch zurück. Doch sie wusste selbst, dass sie das eigentlich überhaupt nicht wollte. Was ihr Sorgen bereitete war ihr Verhalten, welches sie heute Morgen noch an den Tag gelegt hatte.

Sie hatte ein unfassbar schlechtes Gewissen. Niemals hätte sie Ginny so angehen dürfen. Sie selbst konnte nur mutmaßen, weshalb sie so reagiert hatte, doch eigentlich war es vollkommen egal. Es war schlichtweg falsch gewesen.

Ihre Schritte hallten durch die sterilen Gänge. Sie blickte sich um.

Das gelbliche Licht, das flackernd von den Deckenlampen aus den Raum erhellte ließ es einem Bewohner dieser Abteilung noch einiger Zeit wohl unmöglich werden, sein Zeitgefühl zu behalten. Zwar schien alles sauber und gepflegt zu sein, doch bei dem Gedanken, dauerhaft hier bleiben zu müssen erfasste Hermine eine tiefe Gänsehaut.

Irgendwie konnte sie verstehen, weshalb Harry sich so lange gegen eine stationäre Behandlung gesträubt hatte.

Die Zimmernummern, welche auf den Türen angebracht waren verschwammen allmählich vor ihren Augen. Hier sah einfach alles identisch aus.

„Entschuldigen Sie, Miss. Kann ich ihnen helfen?“

Hermine fuhr herum. Hinter ihr hatte sich eine zierliche Schwester aufgebaut, die sie zuvorkommen anlächelte. Die Frau schien mittleren Alters zu sein. Neben ihrer typischen Arbeitskleidung trug sie eine Aktentasche bei sich. Aus dem strengen Dutt ragten vereinzelt lose Strähnen heraus. Offenbar war sie gerade dabei, in ihren wohlverdienten Feierabend zu gehen.
Nun, wie es aussah gab es hier doch noch Personal, das seinen Beruf gern ausübte und wusste, wie man mit Menschen umzugehen hatte, dachte sie bei sich.

„Ohh. Vielen Dank, Miss …“ ein Blick auf das Namensschild der Dame folgte, doch er war völlig überflüssig.

„Misses Peterson. Eleonor Peterson ist mein Name, meine Liebe.“

„Misses Peterson. Ich suche einen ihrer Patienten. Sein Name ist Harry James Potter. Können Sie mir sagen, wo ich sein Zimmer finde? Ich habe mich wie es aussieht ziemlich verlaufen.“ Hermine unterstrich ihre Worte, indem sie das Lächeln ihres Gegenübers kopierte. Irgendwie schaffte es diese Frau, sie zumindest für den Moment etwas zu beruhigen.

Während die Schwester antwortete, verdeutlichte sie jede ihrer Ausführungen mit den entsprechenden Gesten. Es war offensichtlich, dass sie besonders diese Aufgabe ihres Arbeitsbereiches liebte. „Natürlich. Folgen Sie einfach dem Gang. An der nächsten Abzweigung gehen sie nach rechts, geradeaus und drei Abschnitte weiter biegen sie in den linken Gang ein. Das Zimmer des Patienten befindet sich auf der rechten Seite, vierte Tür.“

Wenn das mal nicht ganz einfach zu finden war, dachte sie ironisch. Aber was sollte man bei einem magisch vergrößerten Gebäudekomplex wie dem des Mungos auch erwarten? Es war das größte magische Krankenhaus Großbritanniens und verfügte über zahlreiche Fachabteilungen, in denen die Koryphäen schlechthin arbeiteten.

„Vielen Dank. Ihnen einen schönen Feierabend.“

Schnell wand sie sich ab. Je länger sie nun hier verharren würde, desto mehr würde sie an ihrem Entschluss zweifeln.
Mit festen Schritten eilte sie den Gang hinab, folgte den Anweisungen der Frau. Ihr fiel auf, dass ihr auf dem gesamten Weg zu Harrys Zimmer nicht eine einzige Person begegnete.

Vor der gesuchten Tür stoppte sie. Im inneren des Raumes waren leise Stimmen zu vernehmen. Natürlich! Ginny war mit Sicherheit bereits vor einiger Zeit hier angekommen. Tief atmete sie ein letztes Mal ein, bevor sie die Hand hob und anklopfte.

Eine Zeit lang blieb alles still, bis sie plötzlich hörte, wie sich Schritte der Tür näherten. Nur wenige Sekunden später blickte sie geradewegs in das überraschte Gesicht Ginnys.

„Hermine? Was machst du denn hier? Ich dachte, Mcgonagall hat dir verboten Harry zu besuchen.“ Noch während sie sprach zog sie die Brünette in eine feste Umarmung, doch Hermine konnte sich nicht darauf konzentrieren, als sie hinter ihrer besten Freundin eine weitere Person ausmachte.

Die schwarzen Haare des jungen Mannes lagen wirr auf seinem Kopf. Seine Brille verdeckte ebenfalls schief die müden Augen, in denen sich jedoch offensichtlich die Freude über seinen neusten Besuch erkennen ließ. Hermine musterte die hagere Gestalt, die sich nun – ebenfalls ein schmales Lächeln auf den Lippen – in Bewegung setzte. Direkt auf sie zu.

„Harry!“


P.O.V. Draco

Es waren erst wenige Minuten vergangen, seit Hermine aufgebrochen war. Trotzdem kam es ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Er war immer noch nicht in der Lage zu begreifen, was sie vor ihrem Abschied getan hatte.

Sie hatte ihn geküsst! Sie hatte ihn wirklich geküsst!

Er konnte nicht sagen, wann er das letzte Mal aufgrund einer solchen Geste so glücklich gewesen war. Natürlich war es nur ein Kuss auf die Wange gewesen, doch es war ein Anfang. Ein Anfang, von dem er niemals gedacht hätte, dass er so schnell gemacht werden würde.

Das Grinsen, welches seitdem auf seinen Lippen lag, konnte er einfach nicht mehr ablegen. Wieso auch? Sollte man doch sehen, wie glücklich er war. Es war lang genug anders gewesen.

Pfeifend schritt er durch die Gänge und Korridore des Anwesens. Solange Hermine im Mungos wäre könnte er sich eine weile mit seinem Sohn beschäftigen. Immerhin hatte er heute ursprünglich genau das vorgehabt.

Gut, vielleicht würde aus ihrem Vater-Sohn-Tag heute nichts mehr werden, doch es gab genügend Dinge, die sie zusammen würden anstellen können. Sie könnten ja im Pool baden? Es war heiß draußen, die Sonne schien und Scorpius liebte es, zu planschen. Allzu lange würden sie vermutlich ohnehin nicht im Wasser bleiben können.

Bei der Gelegenheit könnte er einmal nachsehen, was seine verehrte Mutter überhaupt anstellte, dass sie vorhin so ertappt gewirkt hatte.

Ertappt. Ein Zustand, in welchem er seine Mutter so gut wie nie erlebt hatte. Genaugenommen erinnerte er sich nur an eine Begebenheit, die seiner Mutter damals wirklich peinlich war. Damals hatten Blaise, Pansy und er im Garten gespielt. Als sie anschließend im Herrenhaus auf dem Weg in sein Zimmer waren, liefen sie seiner Mutter über den Weg. Seiner nackten Mutter, die ohne Zauberstab und frischer Kleidung duschen gegangen war.

Und nach eigener Aussage war für sie das einzig peinliche an der ganzen Situation, das Blaise es abends auf dem Empfang seiner Eltern herumposaunt hatte. Immerhin wären sie selbst ja noch Kinder gewesen, Pansy selbst ein Mädchen. Zudem habe er sie ja schon mehr als einmal nackt gesehen, auch wenn er sich nicht an alles erinnern könne.

Tja, dementsprechend musste Narzissa irgendetwas angestellt haben, wenn sie so reagierte.

Erst als er vor der Zimmertür halt machte bemerkte er, dass er unbewusst seinen Schlafraum aufgesucht hatte. Leise drückte er die Klinke nach unten und öffnete die Tür Stück für Stück. Der fahle Lichtschein, der sich zusammen mit ihm seinen Weg in den sonst abgedunkelten Raum bahnte, traf nach wenigen Sekunden auf das schlafende Kind.

Vorsichtig näherte sich Draco seinem Sohn, nahm neben ihm auf der Bettkannte Platz, ohne das Kind aus den Augen zu lassen. Der Kleine hatte den Mund leicht geöffnet. In seiner kleinen Hand hielt er sein Lieblings-Kuscheltier fest an sich gedrückt. Es war eines der wenigen Dinge, die er von seiner Mutter bekommen hatte.

„Er sieht dir wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. Selbst ich könnte manchmal glauben, dass du es eigentlich bist, wenn er in meinen Armen liegt.“

Langsam wandte der Slytherin den Blick ab, nur um seine Augen zu der Gestalt im Türrahmen wandern zu lassen. Narzissa lehnte mit einem sanften Lächeln am Holz, während sie ihren Blick immer wieder von ihrem Sohn zu ihrem Enkel und zurück wandern ließ.
Draco wusste nicht, was er antworten sollte. Wollte seine Mutter überhaupt eine Antwort hören? Er war sich nicht sicher. Vorerst war es etwas anderes, das sein Interesse erregte.

„Was sollte das vorhin, Mutter? Wolltest du mich einfach aufziehen oder war es direkt dein Ziel, mich zu blamieren?“ Er merkte selbst, dass er sich anhörte wie ein trotziger Fünfjähriger, doch irgendwie nagte dieser Auftritt ihrerseits an ihm. Welches Bild Hermine nun von ihnen hatte? Vielleicht wollte er es gar nicht so genau wissen.

Narzissas Mimik blieb währenddessen bestehen, wobei sich ihr Lächeln in ein Grinsen verwandelte. Etwas, dass in der letzten Woche recht häufig geschah. Nun, sollte ihr Gesicht jemals so stehen bleiben – was er jedoch bezweifelte – wäre er es, der schallend lachen würde.
So waren sie eben. Sie schenkten sich in diese Beziehung nichts.

„Wieso fragst du mich den so etwas, Schatz? Du weißt doch, dass ich dich niemals blamieren würde. Erstrecht nicht vor einer jungen Dame, an der mein Sohn offensichtlich Gefallen gefunden hat.“

Es war ihm, als würde er sich an seiner eigenen Spucke verschlucken. Mit erschrocken aufgerissenen Augen starrte er sie an, ein Husten krampfhaft unterdrückend.

„Wie bitte?! Wie kommst du denn auf den Blödsinn? Und überhaupt, warum hast du vorhin so ertappt ausgesehen, als ich nachhause kam. Ich habe dir heute Morgen angekündigt, früher wieder da zu sein. Und seit wann trinkst du Scotch? Ich meine … “ doch weiter kam er überhaupt nicht.

Narzissa wank lediglich mit einer hochnäsigen Mine ab, als sie ihn unterbrach.

„Ich bitte dich, Draco. Im Ablenken warst du auch schonmal besser. Um deine Frage zu beantworten; ich trinke immer noch keinen Scotch. Genauer gesagt hasse ich dieses verfluchte Zeug, allerdings hatte ich Besuch. Deshalb habe ich die Flasche geholt.“

Besuch? Seine Mutter hatte Besuch? Wenn diese Person Scotch trank, so war sie sicherlich nicht weiblicher Natur. Salazar, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Wenn sie nun begann, mit irgendwelchen Männern anzubandeln wäre sein Leben ein endgültiges Chaos.

Doch andererseits …
Hatte sie es nicht verdient, endlich glücklich zu werden? Immerhin war sie jahrelang in einer arrangierten Ehe gefangen, die sie letztendlich beinahe ihr Leben und ihre Freiheit gekostet hatte.

Sicher, er wollte seine Mutter beschützen, doch hatte er überhaupt einen Grund dazu? Allerdings wollte er zumindest wissen, auf wen sich seine Mutter offenbar einließ. „Welche Art von Besuch?“ er klang misstrauisch. Etwas, dass ihm selbst nicht wirklich gefiel. Als der Blick der Blonden jedoch begann, unruhig durch den Raum zu gleiten, wurde aus diesem Misstrauen ausgewachsene Skepsis.

„Nur ein alter Schulfreund. Er hat außerdem einiges mit mir besprechen müssen. Du weißt schon – wegen deines Vaters. Immerhin steht bald seine Verhandlung an. Und… ich habe die Scheidung eingereicht.“

„Wer?“ Verwirrt blickte sie ihren Sohn an.

„Was meinst du? Ich erzähle dir, dass ich vorhabe, mich von deinem Vater scheiden zu lassen und du reagierst überhaupt nicht darauf.“

Belustigt hob Draco eine Augenbraue. Sie wusste doch, was er von seinem Vater hielt. Was erwartete sie also? Dementsprechend trocken antwortete er: „Herzlichen Glückwunsch. Wer war der Besuch?“

Tadelnd blickte seine Mutter ihn an, doch er ging nicht darauf ein. „Der Zaubereiminister.“

„Bitte was? Du bandelst mit Kingsley Shacklebolt an?!“ Alles was er als Antwort erhielt war ein entnervtes, für sie vollkommen untypisches Schnaupen.

„Nun mach dich mal nicht lächerlich. Ein einfaches Treffen zwischen zwei Menschen bedeutet nicht immer, dass sie direkt eine romantische Beziehung zueinander pflegen.“

„Sagt die Frau, die mir heute Morgen noch indirekt ´vorgeworfen´ hat, gleich Hermine im Arbeitszimmer zu vernaschen.“

Ein entsetztes Keuchen kam von Narzissa. Sie selbst nahm zwar kein Blatt vor den Mund, doch ihren Sohn auf eine solche Art und Weise reden zu hören war ihrer Meinung nach etwas vollkommen anderes. Eigentlich ganz schön scheinheilig, dachte Draco.

„Also bitte, ich möchte wirklich nicht wissen, was ihr in eurer Freizeit miteinander anstellt.“

Der Blonde reagierte nicht auf die Worte. Egal, was er nun sagen würde, er könnte seine Mutter niemals von ihrer Überzeugung abbringen, sie beide hätten ein Verhältnis. Wobei – so falsch lag sie da vielleicht gar nicht.

Sein Blick sank wieder zu seinem Sohn, der sich im Schlaf – leise vor sich hin brabbelnd – gedreht hatte. Die blonden Locken des Kindes fühlten sich unter seinen fingern wie kleine Wolken an.
Er bemerkte nicht, wie Narzissa sich langsam von ihm abwandte. Als sie jedoch ein letztes Mal das Wort ergriff, war ihre Stimme komplett verändert. Sie wirkte ernster, tiefgründiger.

„Weißt du, ich hinterfrage einige deiner Handlungen nicht. Du bist alt genug, um selbst Entscheidungen treffen zu können. Allerdings gibt es zwei Dinge, die du wissen solltest.
Zum einen habe ich mich nicht derartig geäußert, um dich in Verlegenheit zu bringen. Allerdings war er offensichtlich, dass Ms. Granger sich mehr als nur unwohl fühlte – was in Anbetracht dessen, was ihr hier widerfahren ist, kein Wunder ist. Ich wollte sie lediglich ablenken.
Zum anderen weiß ich zwar nicht, weshalb du Scorpius verheimlich, doch ich kenne dich. Und ich weiß, dass Scorpius seine Locken nicht von dir hat – ebenso wenig wie seine Sommersprossen und das Muttermal hinter seinem linken Ohr. Ich kenne nur eine andere Person, die diese Merkmale aufweist und deren Initialen mit denen auf dem Plüschotter übereinstimmen. Sollten meine Annahmen also richtig sein, möchte ich, dass du weißt, dass du immer mit mir reden kannst.
Ich bin nicht dumm. Und auch, wenn vieles ungereimt bleibt, kann ich mir meinen Teil denken.“

Ohne eine Antwort abzuwarten hatte die großgewachsene Frau den Raum verlassen. Zurück blieben  ihr vor Schock erstarrten Sohn und das friedlich schlummernde Kind.

--------------------------------------------------------------------------
Hey, endlich geschafft!
Ich wünsche allen, die wie ich ihre (letzten) Sommerferien genießen eine schöne Zeit. Auch denen, die noch arbeiten müssen oder anderweitig verplant sind wünsche ich einen wunderbaren Sommer.
Durch den Beginn der Ferien sollte ich nun auch die Möglichkeit haben, wie versprochen auch zwischendrin das ein oder andere Kapitel hochzuladen.

Ich hoffe, in diesem Kapitel passiert wieder etwas mehr als in den Letzten. Die Stunde der Wahrheit rückt immer näher, ihr könnt also gespannt bleiben. Da das Nebenpairing-Voting abgeschlossen ist, habe ich mich in dieser Geschichte für ein eher untypisches Paar entschieden. An dieser Stelle vielen Dank nochmals an RomyFee, die mir ihren Segen für die Verwendung dieses Couples gegeben hat. Ich hoffe, es würdig umsetzen zu können.

Ansonsten bleibt mir nichts anderes zu sagen übrig, als dass ich hoffe, dass es euch gefällt. Liebe Grüße und einen schönen ersten August!

Euer Bücherwurm ;)
Review schreiben