Long way to happiness

GeschichteRomanze / P18
Draco Malfoy Hermine Granger Scorpius Malfoy
21.05.2020
27.09.2020
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25.07.2020 3.203
 
P.O.V Hermine

Ausdruckslos starrte sie in die Leere. Ginnys Schluchzen drang nach wie vor durch den Raum, doch es kam Hermine vor, als sei es furchtbar weit von ihr entfernt. Die gemurmelten Satzfetzen ihrer Freundin, die Umarmung seitens Draco, die sie beruhigen sollte – das alles schien sich in einer anderen Welt abzuspielen.

Erneut entkam ihr ein Keuchen. Harry?!

Hatten Ginny und Ron ihr nicht noch gestern Abend versichert, es ginge ihm gut? Dass sich sein Zustand - vor allem seit seiner Einweisung - allmählig besserte? Was, bei Merlin, sollte das Ganze dann?

Ihr Blick wanderte zurück zur Rothaarigen, die inzwischen weinend auf dem Boden kauerte. Ihre Beine hatte sie angewinkelt, die Arme darum geschlungen, während sie sich immer wieder verzweifelt mit einer Hand die Haare raufte. Der zerknitterte Brief lag unbeachtet wenige Zentimeter neben der jungen Frau.

Doch so schwer es Hermine auch fiel, Ginny Weasley in diesem Zustand zu sehen, so wütend war sie auch. Hatten sie sie gestern angelogen? Ging es Harry niemals so gut, wie ihre Freunde es behauptet hatten? Es musste etwas wirklich Ernstes sein, denn Ginny war praktisch noch nie in dieser Verfassung anzutreffen gewesen. Ihr war klar, dass dieser Moment vermutlich der einzige wäre, in dem sie Antworten erhalten würde. Echte Antworten!

„Was geht hier vor sich, Ginevra? Und wag es ja nicht, mir etwas anderes erzählen zu wollen als die Wahrheit!“ Hermines Stimme klang kalt. Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb sie ihr selbst absolut fremd zu sein schien. Doch was würde es ihr bringen ruhig zu bleiben – die Stimme nicht zu erheben? Sie hatte es niemals getan, und was hatte es ihr gebracht?! Jedenfalls keine Antworten, dachte sie ironisch.

Sie nahm den entsetzten Blick Ginnys durchaus wahr, ebenso wie die Tatsache, dass sich Draco auf ihre harschen Worte hin deutlich versteifte. Doch es war ihr egal! Auch wenn sie sich innerlich selbst fragte, was so plötzlich mit ihr los war – diese Wut bahnte sich ihren Weg nach außen. Und selbst Gesetz des Falles, dass sie es hätte unterdrücken wollen – es wäre ihr nicht möglich gewesen.

Die Rothaarige schwieg weiterhin, den Blick voller Schock und Fassungslosigkeit auf ihre Freundin gerichtet. In ihr tobte es immer stärker. „Rede! Ich will verdammt nochmal wissen, was hier eigentlich abgeht! Gestern habt ihr noch seelenruhig behauptet, alles wäre gut. Also solltest du mir das hier“ sie deutete auf die Szenerie vor sich, die sich ihr bot „ganz schnell erklären. Anderenfalls muss ich nämlich davon ausgehen, dass ihr mich nach Strich und Faden verarscht habt.“

Hermine nahm ein Blitzen in Ginnys Augen wahr, doch bevor sie etwas hätte sagen können schob sich urplötzlich eine Gestalt vor sie. Draco.

Er hatte seine Arme von ihr gelöst, allerdings nur, um ihr nun die Hände sanft, aber bestimmt auf die Schultern zu legen. Sein Blick war eindringlich, während er unablässig versuchte Blickkontakt zwischen ihnen herzustellen. Und so sehr sich Hermine auch sträuben wollte, wanderten ihre Augen wie magnetisch angezogen zu den tiefgrauen Seen, in welchen sie immer wieder zu versinken drohte.

Ein Teil ihrer Wut fiel augenblicklich von ihr ab, doch stattdessen setzte der Schock ein. Die aktuelle Situation zehrte bereits an ihren Nerven, doch vor allem schockierte sie ihr eigenes Verhalten.

„Hermine! Ich weiß, dass du wütend bist – meinetwegen auch enttäuscht, verwirrt oder besorgt – aber das hier, das bist nicht du!“ Seine rechte Hand wanderte zu ihrer Wange, hielt vorsichtig ihr Gesicht fixiert, doch das wäre überhaupt nicht nötig gewesen.

Er hatte recht, das wusste sie. Sie war ja selbst nicht im Stande nachzuvollziehen, was eben geschehen war. Umstandslos ließ sie zu, dass er sie auf die Couch navigierte, bevor er zurück zu Ginny lief. Erst als er ihr vom Boden aufgeholfen hatte und alle drei nun dicht nebeneinandersaßen, erhob er wieder die Stimme.

„Ginevra, wie wäre es, wenn du versuchst von Anfang an zu erzählen, was überhaupt los ist? Es hat mit Harry zu tun, so weit sind wir schon, aber was hat es damit auf sich?“ Er sprach ruhig, ohne jegliche Spuren von Aufregung oder Vorwürfen in der Stimme – und wieder mal konnte Hermine ihn nur für diese ruhige und doch so kraftvolle Ausstrahlung bewundern. Warum hatte er diese Seite an sich jahrelang vor anderen versteckt?

Doch bevor sie sich weiter in diesen Gedanken verirren konnte erklang Ginnys Antwort – leise, rau von den teils noch ungeweinten Tränen.

„Ich… Als ich aufgewacht bin… “ ein Räuspern unterbrach das Gestammel. „Ich bin von einem Geräusch am Fenster wach geworden. Es war Pigwidgeon. Ich… Ich habe mich noch gewundert, weshalb Ron mir schreiben sollte – wir haben uns ja gestern erst gesehen und du kennst ihn selbst, Hermine. Ron schreibt eigentlich nie. Aber der Brief war nicht von Ron. Er hat ihn mir nur weitergeleitet. Der Brief ist vom Mungos.“

Erneut stockte sie, sog tief Luft in ihre Lungen, doch trotz ihrer Ungeduld wagte Hermine es nicht, die Gryffindor zu unterbrechen. Sie musste sich nur sammeln, das war verständlich. Würde man sie jetzt bedrängen bekäme die Brünette vermutlich überhauptkeine Antworten.

Ein langes Ausatmen war von der jüngsten Weasley zu vernehmen. „Du hast recht, Hermine. Wir haben dir nicht die ganze Wahrheit erzählt, aber wir wollten dich nicht beunruhigen!“ ihr Blick war flehend, doch als sie sah, wie die Angesprochene etwas entgegnen wollte sprach sie schnell weiter.

„An dem Tag, an dem Harry sich einweisen ließ hatte er wieder eine Panikattacke. Aber diesmal war es so viel schlimmer als sonst. Es hat angefangen wir immer; der Schweiß, das Zittern, der paralysierte Blick, die Verkrampfung. Aber es hat nicht aufgehört! Er hat immer wieder gesagt, dass ihm schlecht ist. Dann würde ihm abwechselnd heiß und kalt. Irgendwann hat er keine Luft mehr bekommen. Es… Es war so schlimm, dass er das Bewusstsein verloren hat.“

Wieso wusste sie nichts davor? Hermine war fassungslos. Sie selbst hatte einmal mitbekommen, wie Harry eine leichte Panikattacke hatte, doch niemand hatte ihr gegenüber erwähnt, dass es häufiger vorkam. Sie hatte immer gedacht, es wäre das einzige Mal gewesen. Und nun? Nun saß sie hier und konnte nur den Kopf über sich selbst schütteln. Wie naiv war sie bloß gewesen!

„Sie haben ihn im Mungos durchgecheckt, aber natürlich war nichts zu finden. Bis einem Heiler auffiel, dass alles auf eine starke Panikattacke hindeutete. In der magischen Welt sieht es wohl mit der Medikation schwieriger aus, genauso wie in Bezug auf die Therapie. Sie haben ihm nahegelegt sich stationär behandeln zu lassen. Ich glaube diese Angst – die Angst zu ersticken – war der einzige ausschlaggebende Grund, weshalb er es wirklich gemacht hat.
Ich habe dich nicht angelogen als ich sagte, dass es ihm in der letzten Zeit besser ging. Aber in dem Brief steht, dass er heute Nacht wohl einen erneuten Rückfall, Anfall – wie auch immer – hatte. Und ich weiß einfach nicht, was ich tun soll!“

Inzwischen liefen der jungen Frau abermals unablässig die Tränen über das Gesicht. Hermine verstand es. Sie fühlte sich selbst machtlos. So machtlos, dass sie ihrer Freundin für den Moment nicht einmal Vorwürfe machen konnte.

Minuten verstrichen, ohne dass einer der drei Anwesenden auch nur einen Ton von sich gab. Es wusste schlichtweg niemand, was man hätte sagen können. Allen war bewusst, wie ernst eine solche Sache werden konnte. Letztendlich war es Draco, der zögerlich das Schweigen brach.

„Ich nehme an du möchtest zu ihm, Ginny?“ Ein Nicken folgte prompt, kaum dass er die Frage vollends ausgesprochen hatte. „In Ordnung. Hermine, willst du sie begleiten?“ Erneut erfolgte die vorherige Geste. „Gut, wartet hier. Ich spreche mit McGonagall. In Anbetracht der Tatsache, dass heute Samstag ist wird sie wohl kaum etwas dagegen haben. Versucht euch etwas zu beruhigen, ich bin in zwanzig Minuten wieder da.“

Noch bevor der Blonde ausgesprochen hatte war er bereits aufgestanden und ging nun zügig auf das Portrait, das den Eingang zur Unterkunft markierte, zu. Und in diesem Moment fiel es Hermine deutlich auf.

Er war ein unfassbar empathischer Mensch, insbesondere wenn man auf die vergangenen Jahre zurückblickte. Wo war der Slytherin, der sie für ihre Herkunft diskriminierte? Der, der die Weasleys für ihren sozialen Stand in seiner Gesellschaft niedermachte, ebenso wie ihren besten Freund?
Sie sah ihn nicht. Vielleicht gab es ihn auch nicht – oder nicht mehr?

Der junge Mann vor ihr war mitfühlend, setzte sich für andere ein – auch für die, die er jahrelang verachtet hatte. Er hatte kein negatives Wort mehr verloren, seit sie sich am Bahnhof wieder begegnet waren. Er machte sich nicht über Harrys Zustand lustig, schien vielmehr sogar ein wenig besorgt zu sein. Und erneut wurde ihr bewusst, wie sehr er sich verändert hatte.

Und wie sehr sie ihn dafür… schätzte? Sich vielleicht sogar angezogen fühlte?

Sie schüttelte den Kopf. Es war eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken. Seine Hand berührte kaum den Rahmen des Bildes, als sie ihn aufhielt.

„Draco!“ sein fragender Blick traf auf ihre braunen Iriden, als er sich zu ihr umwandte. „Danke. Tausend Dank!“

Ein letztes Nicken, begleitet von einem sanften Lächeln, ehe er sich endgültig von ihnen abwandte und die Wohnung verließ.


P.O.V. Draco

Eine viertel Stunde nachdem er die jungen Frauen verlassen hatte eilte Draco mit einem grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht zurück. Was bildete McGonagall sich eigentlich ein?!

Er hatte das „Glück“ gehabt, den Professor direkt in ihrem Büro anzutreffen. Nachdem er ihr in einigen knappen Sätzen den Sachverhalt erläutert hatte, war er dazu übergegangen, ihr sein eigentliches Anliegen zu bekunden. Mit welchem Erfolg? Nun, zunächst garkeinem.

Vielmehr hatte sie ihm eine Predigt halten wollen, Hogwarts sei kein Bahnhof, von dem die Schüler jederzeit verschwinden könnten, wie es ihnen passe. Erst auf seine Argumentation hin, sie würde Potter und seine Anhängerschaft wohl mehr als gut kennen und wissen, dass sie – allen voran Hermine Granger – nicht grundlos eine solche Erlaubnis von ihr erbitten würden, hatte sie eingelenkt und Ginny Weasley das Verlassen des Schlosses gestattet.

Und genau hier lag der Knackpunkt. Ginny Weasley. Nicht aber Hermine Granger. Er wusste genau, wie sie reagieren würde, doch kein Argument hatte bei der Schulleiterin gezogen. Vielleicht war diese grenzenlose Sturheit ja eine Hauskrankheit, dachte er sarkastisch. Wenn er einmal so genau darüber nachdachte waren wirklich alle – ausnahmslos alle – Gryffindors, die er kannte so stur, dass sie dem sprichwörtlichen Esel Konkurrenz machten.

Er bog um die letzte Ecke des Gangs. An dessen hinterem Ende konnte er das Gemälde ausmachen. Unwillkürlich verlangsamten sich seine Schritte. Wie sollte er das Hermine beibringen? Doch noch bevor er sich auch nur einen Satz hätte zurechtlegen können öffnete sich der Eingang zu ihrer gemeinsamen Unterkunft. Salazar, das würde unangenehm werden.

Hermines Kopf erschien im Rahmen. „Merlin, Draco. Beeil dich, verdammt!“ Er konnte nicht anders als den Kopf zu schütteln. Trotz der Situation konnte er sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. So war sie eben.

Kaum war er zu ihr in den Wohnbereich getreten, als auch Ginny plötzlich neben ihm stand. „Und? Was hat sie gesagt? Können wir jetzt zu Harry? Und wie kommen wir hin?“

„Ruhig Blut! Ginny, du sollst in zehn Minuten am Schulleiterbüro sein. Beeil dich, sie hat heute offenbar keine gute Laune.“ Schneller als er hätte gucken können hatte die Rothaarige ihre Arme um den verdutzten jungen Mann geschlungen und in fest an sich gedrückt. Eine Eigenschaft, die sie zweifelsohne von ihrer Mutter übernommen hatte. „Vielen Dank Draco. Du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir bin.“

Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen hatte sie auch schon vom Blonden abgelassen und war durch das immer noch offenstehende Portraitloch nach außen geschlüpft. Als Hermine jedoch Anstalten machte, ihrer besten Freundin zu folgen hielt er sie vorsichtig am Oberarm zurück.

„Was ist? Du hast gesagt wir haben nur zehn Minuten, ich muss mich beeilen, Draco.“ Sie sprach ruhig, die Dankbarkeit und die Erleichterung waren klar in ihrer Stimme zu vernehmen und doch war die Bestimmtheit nicht zu überhören.

„Falsch.“ Salazar, wie blöd war er denn bitte? Er hätte sich wirklich freundlicher ausdrücken können, dessen war er sich eindeutig bewusst. Hermine hingegen bedachte ihn nur mit einem verwirrten Blick. „Bitte was?“

Er seufzte resigniert. „Ginny soll in zehn Minuten im Büro sein. McGonagall hat nur ihr erlaubt, Harry zu besuchen. Ich hab alles versucht, aber ich konnte nichts machen! Laut ihr bräuchte er ja sicherlich eh Ruhe – und da du ja ´nur´ seine beste Freundin bist und hier für die Ballplanungen heute Abend gebraucht wirst, erlaubt sie es dir nicht. Ich habe ihr auch gesagt, du wärst bis spätestens heute Nachmittag wieder da, aber keine Chance.“

Hermines Blick, der während seiner gesamten Ausführung durchgehend auf ihm gelegen hatte, wandelte sich von Verwirrung zu Unverständnis, Wut und Fassungslosigkeit. Beinahe hatte er die Sorge, dass diese Wut ihm gelten würde, doch kaum, dass sie begonnen hatte wie ein Rohrspatz zu schimpfen wurde ihm wenigstens diese Sorge genommen.

„Diese…! Ist das ihr verdammter Ernst? Ich arbeite seit ich in diesem Amt bin zuverlässig – eigentlich seit ich diese Schule besuche. Sie weiß ganz genau, wie wir alle und besonders ich selbst ticke. Harry ist mein bester Freund. Eine Bitte – eine einfache, kleine Bitte – und sie schlägt sie einfach so aus?! Und dass auch noch, ohne eine auch nur ansatzweise vernünftige Begründung zu haben! Das ist doch…“

Sie hatte begonnen unruhig durch den Raum zu wandern. Er verstand ihren Zorn. Mehr als gut sogar, denn sie hatte recht – mit allem, was sie sagte. Doch was konnten sie tun? Er hatte bereits während seines Gespräches mit der Schulleiterin bemerkt, dass sie heute nur sehr schwer zu überreden wäre. Ein erneutes Bitten war also zweifellos unnötig. Sie würde nicht einlenken. Unbemerkt würde sie sich ebenfalls nicht vom Gelände schleichen können – nicht am helllichten Tage  um die Mittagszeit.

Er beobachtete sie. Es war offensichtlich, dass die Entscheidung des Professors Hermine in Rage versetzte. Zudem wusste er, wie schlecht es der Brünetten innerlich gehen musste. Die Offenbarung des wahren Zustandes ihres Freundes hatte sie mehr getroffen als es augenscheinlich der Fall war. Doch wenn man sie kannte wusste man, dass sie es sich sehr zu Herzen nahm. Vermutlich gab sie sich die Schuld – etwas, was sie häufig tat.

Es musste doch etwas geben, was er tun konnte! Irgendwie mussten sie sie aus dem Schloss bekommen, ein Alibi würde er ihr dagegen relativ problemlos verschaffen können. Doch wie sollte sie das Gelände verlassen? Sie hasste es zu fliegen – und selbst wenn sie es versuchen sollte, die Gefahr entdeckt zu werden war schlichtweg zu groß. Über die Geheimgänge würde er zu lange dauern, außerdem wusste keiner, wie sicher die nach der Schlacht überhaupt noch waren. Über den Kamin konnte sie aus mehreren Gründen nicht. Zum einen war der nur für das Manor freigeschaltet und es würden zweifelsohne zu viel Zeit in Anspruch nehmen, den Zauber abzuändern, wobei sei auch hier ein hohes Risiko eingehen würden, entdeckt zu werden. Zum anderen wäre es für ihn eine zu große Gefahr, sie ins Manor zu lassen.

Oder? Wieder sah er sie an, sah die Verzweiflung, die sich allmählich auf ihrem Gesicht abzeichnete – und ihm wurde klar, dass er es riskieren musste. Für sie. Theoretisch könnte er das Risiko sie könnte Scorpius sehen minimieren, indem er vor ihr den Kamin passierte. Er bräuchte nur eine Ausrede, die ihm eine Minute Zeit verschaffen würde, mehr brauchte er gar nicht.

„Hermine, ich hätte vielleicht eine Idee.“ Augenblicklich sah sie ihn an, Hoffnung und Neugier in den Augen. Sie machte es ihm praktisch unmöglich, an die Risiken zu denken – realistisch abzuwägen. Was sollte schon schief gehen? Sie müsste ihm nur seine Ausrede abkaufen.

„Die einzige Möglichkeit dich ungesehen sicher aus dem Schloss zu bekommen ist über den Kamin. Du könntest zum Manor reisen. Ich müsste vorher nur den Schutzzauber so verändern, dass du nicht als Eindringling erkannt wirst. Das dürfte nicht länger als ein bis zwei Minuten dauern. Als Hausherr kann ich die Appariersperre für dich außer Kraft setzen. So könntest du vom Manor direkt ins Mungos. Anschließend apparierst du zurück und wir flohen zusammen wieder hierher. Was sagst du?“

Ihre Augen waren nachdenklich zusammengezogen während sie wieder einmal ihre Unterlippe malträtierte. Wie oft hatte sie das schon getan, wenn sie vollkommen in Gedanken versunken war? Es war eine ihrer typischen Eigenarten. Eine, die er nicht missen wollen würde.

Es mochten Sekunden vergangen sein, die ihm wie Minuten vorkamen, als sich ein Lächeln auf Hermines Lippen ausbreitete. Er wusste genau, was das hieß. Sie war einverstanden. Es bedurfte keiner Worte, ihn das wissen zu lassen.

Stumm umfasste er ihre Hand und zog sie zum wiederholten Male an diesem Tag hinter sich her. Diesmal jedoch führte er sie zum Kamin im Arbeitszimmer. „Hör zu, ich gehe zuerst. Gib mir zwei Minuten, um die Zauber auszuführen, dann komm nach, in Ordnung?“

„In Ordnung!“

„Gut. Wir sehen uns dann.“ Er griff in das vasenähnliche Gefäß, welches neben dem Kamin stand und nahm eine Handvoll Flohpulver. Es würde alles gut gehen, sagte er sich, ehe er das Pulver in die magisch entfachten Flammen warf.

Der Strudel, der ihn erfasste riss ihn zum zweiten Mal an diesem Tag durch den Raum. Im Arbeitszimmer angekommen klopfte er sich die Asche von der Kleidung. Ein Nebeneffekt der Kaminreise, auf den er meist lieber verzichten würde.

Hinter ihm ertönte ein Klirren. Narzissa. Seit wann hielt sich seine Mutter im Arbeitszimmer auf? Normalerweise war dies einer der Räumlichkeiten des Manors, die sie zu meiden suchte.

„Mutter? Was tust du hier?“

Die Ältere fuhr herum, einen ertappten Ausdruck in den Augen. „Ach.. ähm.. Liebling! Was machst du denn hier, Schatz.“ Unwillkürlich zog der Blonde die Augenbraue nach oben? Hier war eindeutig etwas faul. Erst jetzt registrierte er die Scotchflasche, die sein Gegenüber in der Linken hielt. Scotch? Seine Mutter hasste Scotch! Er sah sich um, doch Scorpius konnte er nirgends entdecken.

„Wo ist Scorp?“ Er würde das Thema dieses Aufeinandertreffens nicht vergessen, dessen war er sich sicher, doch bei seinem Zeitlimit gab es wichtigeres zu klären. Vorerst.

„Der hält seinen Mittagsschlaf, ganz so, wie du es mir eingetrichtert hast.“ Das süffisante Lächeln auf ihren Lippen war ihm nicht entgangen, ebenso wenig ihr Unterton.

„Nagut. Würdest du bitte den Raum verlassen? Ich erkläre dir Später alles, aber jetzt musst du wirklich gehen.“ Der Blick, den er von der Blonden erntete, strapazierte seine Nerven merklich. Warum war seine Mutter ihm gegenüber immer so provokant?

„Natürlich, Schatz.“ Absichtlich langsam bewegte sie sich mit anmutigen Schritten auf die Tür des Raumes zu, ihn über ihre Schulter nicht aus dem Auge lassend. Und gerade als sie die Tür erreichte und er kurz davor war, erleichtert aufzuatmen, stoben die Flammen im Kamin erneut auf.

Aus den Flammen trat Hermine. Salazar, er war geliefert! Warum traf es eigentlich immer ihn?

Narzissas süffisantes Lächeln hingegen hatte sich in ein ausgewachsenes Grinsen verwandelt. Eines, das für ihn nichts Gutes bedeuten konnte. „Wie dem auch sei, Liebling. Ich hoffe du stellst mir deine reizende Freundin vor - sobald ihr Zeit dafür findet.“

Gequält schloss er die Augen. Die Anspielung, die seine Mutter gerade gebracht hatte war so offensichtlich, dass sie nicht einmal mehr als Unterton zu betiteln war. War es eigentlich die Hauptaufgabe dieser Frau, ihn zu blamieren? Ein Blick zu Hermine zeigte ihm, wie er vermutlich selbst auf andere wirken musste.

Peinlich berührt. Vielleicht auch mit der Situation absolut überfordert...

Salazar, irgendwann würde er seiner Mutter alles heimzahlen. Doch vorerst musste er Hermine aufklären. Und zwar nicht in der Hinsicht, auf die seine Mutter angespielt hatte.
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