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Es gibt eine Welt

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Bossuet / Lesgle Enjolras Grantaire Joly
21.05.2020
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Es gibt eine Welt

Die Welt ist scheiße. Streicht das. Alles ist scheiße. Vor allem, und davon ist Grantaire überzeugt, weil er zu nichts fähig ist. Und gewisse Personen in seinem Leben – Spoiler Alarm: Enjolras – können nicht damit aufhören, es ihm unter die Nase zu reiben.
Stöhnend fällt Grantaire mit dem Gesicht voran auf sein Bett. Wen hatte er mit seiner Geburt verärgert, dass man ihn verflucht hatte? Egal, was er anfasst, alles geht immer schief. Sein Studium, seine Kunst und selbst seine Freundschaften. Er ist ein Nichtsnutz.
Seine Freunde hingegen sind perfekt. Feuilly ist furchtbar clever, Bossuet hat das gütigste Herz, das in eines Menschen Brust schlagen könnte, und Courfeyrac wird von jedem geliebt. Von Enjolras sollte er am besten gar nicht erst anfangen.
Grantaire zieht sein Kissen an sich heran. Mit einem lauten Stöhnen verbirgt er seinen Kopf in den flauschigen Daunenfedern. Die Welt entschwindet in Dunkelheit und er schreit. Er schreit, bis er keine Luft mehr hat. Reglos liegt er in seinem Bett und denkt über nichts und über alles nach. Um ihn herum ist es komplett still. Er ist allein.
Joly und Bossuet sind gewiss noch immer bei dem Treffen. Jenes Treffen, aus welchem ihn Enjolras rausgeschmissen hatte. Warum zur Hölle geschieht es ständig? Liegt es an ihm oder ist es Enjolras?
Nein, nein! Das ist steht außer Frage. Es liegt definitiv an ihm. Es wäre äußerst unvorstellbar, dass er zur Abwechslung nicht dafür verantwortlich wäre. Und ebenso unvorstellbar, dass Enjolras an irgendetwas Schuld ist. Er ist perfekt.
Ein leises Summen zerstört die Stille und mit ihr Grantaires fragiles Gedankenkonstrukt. Er dreht sich auf seinen Rücken und versucht die Fliege zu erspähen, doch, ebenso wie seine geistige Gesundheit, ist sie zu klein, um sie in der Dunkelheit auszumachen. Unstetig wird das Summen leiser und lauter. Es raubt Grantaire den Verstand. Er zieht sich das Kissen über seinen Kopf und presst es fest auf sein Gesicht. Eine verlockende Vorstellung. Stöhnend lässt er die Arme fallen.
Dämliche Gedanken. Aus welchem Grund versucht sein eigener Kopf ihn ins Unheil zu stürzen? Liegt es daran, dass draußen vor dem Fenster die Sintflut herrscht? Oder weil sein dämliches Hirn unterfordert ist und nur zur Idiotie fähig ist? So viele Fragen und keine einzige Antwort weit und breit.
Grantaire entscheidet sich zur einzig möglichen Lösung dieses Konfliktes. Er greift nach rechts zu seinem Nachtschrank und zieht die Weinflasche hervor. Schwerfällig rutscht er in seinem Bett nach oben und lehnt sich gegen das Kopfteil. Mit einem leisen Plopp entkorkt er die Flasche und augenblicklich strömt ihm der verheißungsvolle Duft in die Nase. Er kann es kaum erwarten und da er ein Sklave seiner Instinkte ist, hebt er die Flasche an seine Lippen und nimmt einen großen Zug. Schluck um Schluck versinkt er in der heilen Welt, welches ihm seine Medizin eröffnet. Viel zu früh, bevor der Spaß wirklich losgeht, erreicht er den Boden der Flasche.
Zu seiner Erleichterung hatte er beim letzten Einkauf vorgesorgt. Achtlos lässt er die leere Flasche fallen und lehnt sich erneut nach rechts. Er muss etwas suchen, doch schlussendlich findet er das Objekt seiner Begierde. Während er sich zurücklehnt, dreht er den Verschluss des Whiskeys ab und fährt fort, womit er begonnen hatte.
Dieses Mal setzt der Effekt schneller ein. Sein Körper fühlt sich angenehm leicht an, als wären alle Sorgen von ihm abgefallen. Zufrieden leckt er sich über die Lippen, auf denen sich ein feines Lächeln ausbreitet. Wenn er Enjolras jetzt sehen würde, dann würde er ihm gehörig den Marsch blasen. Niemand hat das Recht ihn runterzumachen, egal wie viel großartiger und überlegener er ihm ist. Selbst Enjolras hat keinerlei Berechtigung. Er ist nur ein Mensch, genau wie er selbst. Ein Mensch mit Fehlern. Ein Mensch mit Problemen. Doch im Gegensatz zu ihm hatte es Enjolras geschafft im Leben voranzukommen. Er, im Gegensatz, stagniert.
Trotzdem hätte es Enjolras verdient, einen Nachschlag ihrer vorherigen Diskussion zu erhalten. Blind tastet Grantaire auf seinem Nachtschrank nach seinem Handy. Seine Finger rutschen über das raue Holz, stoßen gegen etwas Glattes und werfen es zu Boden. Klappernd rollt es davon. Fluchend schiebt er seine Hand weiter vorwärts, bis er endlich sein Handy zu fassen bekommt. Er öffnet seinen Nachrichtenverlauf mit Enjolras, es ist witzig genug, dass jener überhaupt existiert, und starrt auf das freie Feld. Tausende Möglichkeiten stehen ihm zur Verfügung. Er könnte Enjolras beleidigen, verfluchen, lobpreisen oder ihm seine Liebe gestehen. Keine dieser Varianten klingt allerdings wirklich verlockend. In seiner Ratlosigkeit fährt er mit dem Trinken fort.
Umso leerer seine Flasche wird, umso trostloser fühlt sich Grantaire in seinem Inneren, als würde er selbst all seinen Lebenssaft aussaugen. Dennoch schafft er es nicht seinem Gehirn Einhalt zu gebieten. Es ist wohl zu viel verlangt, endlich etwas Ruhe zu bekommen. In diesem Moment wandern seine Gedanken zu seinen heiß geliebten Medikamenten, welche ihn immer zuverlässig über solch schwierige Zeiten bringen.
Etwas ungelenkt rollt er sich auf seine Seite und rutscht an den Rand seines Bettes. Seine Stirn runzelt sich. Er ist sich sicher, dass er die Dose auf dem Schrank abgestellt hatte. Er ist kurz davor sich wieder zurückzudrehen, als ihm das Klappern in den Sinn kommt. Das Licht seines Handys zur Hilfe nehmend, sucht er den Boden ab. Ein Aufblitzen erweckt seine Aufmerksamkeit. Er richtet die Lampe darauf und erkennt die Tablettendose, die einen halben Meter vor dem Bett ruht.
Dies ist der Moment, in dem es schwierig wird. In der einen Hand hält er sein Handy und in der anderen seine Whiskeyflasche. Er hat absolut keine Kapazität, um die Tablettendose aufzuheben. Möglicherweise will ihm das Schicksal etwas sagen. Wenn dem so ist, wird er jetzt nicht anfangen, darauf zu hören. Er wirft das Handy hinter sich. Mit unkoordinierten Bewegungen lehnt er sich aus seinem Bett und hebt die Dose auf. Wie er es schafft, dabei nicht hinzufallen ist ihm ein Rätsel. Die Dose wie eine Trophäe haltend, rollt er sich zurück auf sein Bett, bis er eine bequeme Position erreicht hat.
Er dreht die Dose in seiner Hand. Obwohl nur eine Woche alt, sind nicht mehr viele Tabletten in ihr. In den letzten Tagen hatte er sie häufiger gebraucht, als er es sich gewünscht hätte. Noch etwas, das er in seinem Leben nicht unter Kontrolle hat. Klappernd rutschen die Tabletten hin und her.
Er muss nur eine nehmen und dann sind seine Probleme für die nächsten acht Stunden hinfällig. Danach wacht er auf und wird von einem neuer Tag begrüßt. Gekonnt schnipst er den Deckel von der Dose. Er klemmt die Whiskeyflasche zwischen die Oberschenkel und schüttet eine Tablette auf seine Handinnenfläche. Zumindest ist es so geplant, denn stattdessen blickt er auf neun der gesegneten, weißen Tabletten. Er tauscht die Tablettendose wieder gegen den Whiskey ein. Schnauben betrachtet er die Gegenstände in seinen Händen. Und sein Arzt erzählt ihm immer, dass Alkohol schädlich für seine Leber sei. Von der Wirkung der Medikamente hat er wohl keine Ahnung.
Er erreicht die Halbzeit in der Leerung seiner Flasche und im Zustand dieser vollkommenen Benommenheit trifft Grantaire eine wirklich dämliche Entscheidung. Er wirft sich die Tabletten in den Mund, schluckt sie herunter und spült mit einer angemessenen Portion Whiskey nach. Er setzt die Flasche ab und starrt sie an. Im Hintergrund kann er seine Uhr ticken hören. Das Ticken wird lauter und lauter und mit jedem Schlag langsamer. Er öffnet seine Augen.
„Scheiße.“
Wieso hatte er es getan? Er weiß genau, dass Alkohol und Medikamente keine empfehlenswerte Kombination sind. Das machen nur Menschen, die ihre letzten Stunden auf dieser Erde verleben wollen. Und das will er nicht. So oft ihm dieser Gedanke durch den Kopf schießen mag, er ist noch nicht bereit diese Welt zu verlassen.
„Ich muss die Tabletten loswerden“, nuschelt er.
Grantaire rutscht an sein Bettende. Er stellt die Füße auf den Boden und steht auf. Einen Moment später fällt er dem Boden der Tatsachen entgegen. Normalerweise hätte es ihm wenigstens einen Laut des Unbehagens entlockt, doch dank seiner gedämpften Sinne, bemerkt er erst einige Sekunden später den Positionswechsel.
Bis ins Bad wird er es definitiv nicht schaffen. Er hätte Joly anrufen sollen, doch sein Handy liegt auf seinem Bett und ist damit unerreichbar. Er kann nur hoffen, dass seine beiden Freunde bald nach Hause kommen und nach ihm sehen. Wenn nicht, sieht es äußerst düster für ihn aus. Ebenso düster wie der schwarze Rand, welcher sich stetig in sein Blickfeld schleicht und seine Sicht verdüstert. In einem letzten Aufbäumen der Vernunft steckt er sich zwei Finger in den Rachen. Mit seinem eigenen Würgen als Hintergrundmusik verliert Grantaire das Bewusstsein.

Grantaire befindet sich im Nichts. Es ist weder hell, noch dunkel, es ist einfach nur Leere. Zumindest fast, denn vor ihm steht Enjolras. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Es wirkt geheimnisvoll, als wüsste er etwas, von dem Grantaire keine Ahnung hat. Das wäre nichts Neues, doch zum ersten Mal verspürt Grantaire bei diesem Anblick Geborgenheit. Von seinen goldenen Locken scheint ein Licht auszugehen, welches seinen ganzen Körper umspannt. Gepaart mit dem weißen Frack ist der Anblick blendend. Grantaire kann den Blick nicht abwenden.
„Komm mit mir.“
Enjolras’ Mund bewegt sich nicht. Stattdessen scheint die Stimme von überall her zu kommen. Eine wohlige Wärme durchströmt Grantaire und unbewusst entspannt er sich. Enjolras reicht ihm seine Hand. Bereitwillig streckt Grantaire seinen Arm aus, bis ihn nur wenige Zentimeter von Enjolras’ Fingern trennen. Es erinnert ihn an Michelangelos Erschaffung Adams, doch im Gegensatz zu dem Deckenfresko springt bei ihm der Lebensfunke nicht über. Die Wärme, welche er vor kurzem verspürt hatte, verschwindet mit jedem überwundenen Zentimeter zu Enjolras. Dessen Stirn runzelt sich.
„Was ist los?“
„Irgendetwas stimmt nicht.“
„Du hast recht. Mit diesem Ort stimmt etwas nicht. Er ist nicht gut für dich. Er bringt dir nichts außer Schmerz und Dunkelheit. Doch ich kenne eine Welt, in der die Sonne immer schient. Glaub mir, Grantaire. Es gibt eine Welt, in der es dir besser geht. Der Schmerz wird vergehen. Du und ich, wir werden frei sein. Nimm meine Hand und ich zeige sie dir.“
Grantaire schüttelt den Kopf. Irgendetwas ist furchtbar falsch. Enjolras würde ihm nichts vormachen, er würde ihn niemals belügen und er würde ihn niemals mit dieser Liebe ansehen. Das ist nicht Enjolras.
„Du bist nicht er.“
Enjolras zieht seine Hand zurück. Wie in Trauer senken sich seine Mundwinkel. „Aber ich könnte er sein.“
„Mache ihn nicht zu etwas, das er nicht ist. Er könnte mich niemals lieben.“
„Komm mit mir und ich beweise es dir.“
Wie zur Umarmung streckt Enjolras die Arme von sich. Grantaire würde es nie gestehen, doch in diesem Moment würde er nichts lieber tun, als in die schützenden Arme von Enjolras zu fallen. Er tritt auf ihn zu.
„Ich würde dir überall hin folgen.“
Breit grinst Enjolras. Sein Lichtschein erstrahlt heller als zuvor und beginnt Grantaire zu umhüllen.
Eine Hand legt sich auf seine Schulter. Verwirrt wendet sich Grantaire um. Hinter ihm erstreckt sich nichts außer Dunkelheit, doch er könnte schwören, dass er für einen Moment eine vertraute Gestalt gesehen hatte.
„Enjolras?“
„Ich bin hier.“
Ungeduldig wippt Enjolras auf seinen Füßen auf und ab. Ein Tick, welchen Grantaire mit Hingabe vor jeder Rede verfolgt. In diesem Moment wirkt er vollkommen fehl am Platz.
„Ich sollte umkehren.“
„Und wohin?“
„Ich weiß es nicht.“
„Grantaire, egal, was hinter dir liegt, nichts ist besser, als der Ort, an den ich dich bringen werde. Vertrau mir.“
„Genau hier liegt das Problem. Das tue ich nicht.“
Grantaire wendet sich um und läuft in die alles einnehmende Dunkelheit.
„Das ist ein Fehler.“
Er dreht sich nicht um, bleibt dennoch stehen.
„Vielleicht“, sagt er schließlich. „Doch es fühlt sich richtig an.“

„Komm schon, Grantaire! Mach die Tür auf.“
Zum wiederholten Mal klopft Bossuet an Grantaires Zimmertür, doch es regt sich nichts.
„Ach komm, R. Das ist doch lächerlich.“
Obwohl die Worte an Grantaire adressiert sind, ist Jolys Blick konstant auf Enjolras gerichtet. Jener blickt betreten zu Boden. Er weiß, dass er einen Fehler begangen hatte. Einen, den ihm Joly nicht allzu schnell verzeihen wird.
„Das ist deine Schuld“, zischt Joly zur Bestätigung.
„Ich weiß“, murmelt Enjolras. Mit erhobener Stimme wendet er sich der Tür zu. „R, bitte mach die Tür auf. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.“
Er erhält keine Antwort. Joly verschränkt die Arme vor der Brust.
„Was ich gesagt habe, war dämlich“, gesteht Enjolras. „Bitte lass mich rein, damit wir darüber reden können.“
Die drei Freunde warten, ob aus dem Raum ein Geräusch dringt, doch es herrscht absolute Stille. Enjolras wirft die Hände in die Luft.
„Hat denn keiner einen Schlüssel?“
„Wir hatten einen, doch ich habe ihn verloren. Frag nicht.“
Das hatte Enjolras nicht vorgehabt. Bossuet würde ihm nur eine weitere abstruse Geschichte erzählen, von welcher er weiß, dass sie unglaublich, aber wahr ist.
„Und was jetzt?“, fragt er stattdessen.
„Ich weiß es nicht.“ Nervös kaut Joly auf seiner Unterlippe. „Was ist, wenn er die Tür nicht aufmachen kann?“
„Das würde er nicht tun!“, protestiert Bossuet.
„Es wäre nicht das erste Mal.“
Enjolras trifft eine Entscheidung. „Aus dem Weg.“
Mit diesen Worten der Erhabenheit, welche nur ein wahrer Anführer in seine Stimme legen kann, schreitet Enjolras auf die Tür zu. Joly und Bossuet springen aus dem Weg. Enjolras wendet der Tür den Rücken zu und mit voller Wucht gibt er ihr rücklings einen Tritt. Ein lautes Knacken ertönt und die Tür springt auf. Mit großen Augen verfolgen Joly und Bossuet, wie Enjolras die Tür öffnet und eintritt.
Ein Schrei ertönt.
Sofort setzen ihm die beiden hinterher. Jolys Blick fällt zuerst auf Grantaires Bett, auf welchem eine beinahe leere Whiskeyflasche neben einer definitiv leeren Weinflasche ruht. Dazwischen liegen vereinzelte Tabletten verstreut. Sie kommen ihm schmerzlich vertraut vor. Die Folge, welche aus der Mischung der beiden Substanzen entstanden ist, findet er auf dem Boden vor dem Bett liegend.
„Grantaire!“
Joly lässt sich auf Grantaires linke Seite fallen. Sein Blick kreuzt kurz den von Enjolras. Dessen Augen spiegeln die Angst wider, welche er selbst verspürt.
„Ich ruf einen Krankenwagen“, sagt Bossuet und zieht zeitgleich sein Handy aus der Hosentasche.
Das wird bitter nötig sein. Es dauert nur eine Millisekunde, bis Joly feststellt, dass Grantaire nicht atmet. Nur die Rettung seines Freundes im Blick, entfernt Joly so gut er kann das Erbrochene aus Grantaires Mund.
„Ich brauche deine Hilfe“, weist Joly Enjolras an.
Er rutscht an Grantaires Brust heran, legt ihm die Hände auf die Brust und beginnt Druck auszuüben. Nachdem er seinen Rhythmus gefunden hat, blickt er auf. Er stellt fest, dass Enjolras nicht auf ihn reagiert hatte und nur unentwegt auf Grantaires Gesicht starrt.
„Enjolras!“ Enjolras zuckt zusammen und wendet sich zu Joly um. „Du musst seinen Kopf überstrecken, damit seine Atemwege frei liegen.“
„Okay“, antwortet ihm eine schwache Stimme, welche überhaupt nicht nach Enjolras klingt. Seine Hände zittern, als er sie an Grantaires Kinn und Stirn legt und den Kopf nach hinten neigt. „Soll ich ihn beatmen?“
Was soll Joly darauf antworten. Natürlich wäre es für Grantaires Überlebenschance am besten, wenn Enjolras diese Aufgabe übernimmt, doch er würde verstehen, wenn es Enjolras nicht macht. Grantaire hatte kurz zuvor erbrochen und selbst seine Ekelgrenze würde stark ausgereizt werden. Bevor er Enjolras antworten kann, nimmt ihm jener die Aufgabe ab.
„Dreißig“, sagt Enjolras. Joly überrascht es nicht, dass er mitgezählt hatte. Automatisch hält Joly inne. Enjolras holt Luft, legt seine Lippen auf die von Grantaire, während er seine Nase zuhält, und presst Luft in Grantaires Lunge. Der Brustkorb hebt und senkt sich einmal und kurz darauf ein zweites Mal, als Enjolras den Vorgang wiederholt. Augenblicklich fährt Joly mit der Brustmassage fort. Ein paar Minuten später, nachdem Jolys Arme längst angefangen haben zu brennen, wechselt er mit Bossuet die Position. Schwer atmend stützt er seine Hände auf die Knie und betrachtet die Szenerie vor sich.
Wie konnte er es nur so weit kommen lassen? Wie viele Chancen hatte er verpasst, mit R zu reden, bevor er diese Entscheidung getroffen hatte? Was hatte ihn nur dazu getrieben? Joly hatte versagt. Er war für seinen Freund nicht da gewesen und nun muss er mit den Konsequenzen leben.
Ein Poltern im Flur lässt ihn aufblicken. Zwei Sanitäter stürmen in das kleine Zimmer, dicht gefolgt von dem Notarzt. Er dankt Bossuet gedanklich, dass jener geistesgegenwärtig die Türen geöffnet hatte. Joly fühlt sich momentan nicht in der Lage, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
„Er atmet nicht“, sagt er an die Sanitäter gewandt. „Wir reanimieren ihn seit etwa sieben Minuten, aber wir wissen nicht, wie lange er nicht geatmet hat. Ich schätze, er hat eine Alkoholvergiftung und er hat Schlaftabletten genommen.“
Mit diesen Informationen im Hinterkopf beginnen die Rettungskräfte mit ihrer Arbeit. Den drei Freunden bleibt nichts anderes übrig, als beiseitezutreten und zuzusehen. Fest umklammert Bossuet Jolys Hand. Das Zittern seiner leisen Schluchzer überträgt sich auch auf Jolys Körper. Vielleicht sind es aber auch seine eigenen Tränen, die es verursachen.
„Denkst du, er schafft es?“, bringt Bossuet schließlich hervor.
„Ich weiß es nicht“, gesteht Joly.
Er drückt Bossuets Hand, in der Hoffnung, dass es ihn etwas tröstet. Er reißt seinen Blick von Grantaire los und sieht zu Enjolras, der zwei Schritte neben ihm steht. Sein Gesichtsausdruck ist unleserlich. Die marmorne Maske, wie Grantaire sie gerne bezeichnet, verdeckt jegliche Gefühlsregung. Joly streckt seine Hand nach ihm aus und verschränkt seine Finger mit Enjolras’. Eine Träne rollt über Enjolras’ Wange.

Grantaire weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Von einem Moment auf den nächsten verschwindet die Dunkelheit und ein grelles Licht dringt durch seine Augenlider. Ihm entweicht ein leises Stöhnen. Was zur Hölle ist passiert? Hatte ihn ein Laster überfahren?“
„Grantaire?“
Jolys Stimme dröhnt in seinem Kopf und hinterlässt einen pochenden Schmerz. Eine Hand legt sich auf seine Wange. Sofort dringt die Wärme in seinen Körper und er findet die Kraft seine Augen zu öffnen. Trotz der verschwommenen Sicht kann er Joly erkennen, der auf ihn hinabsieht. Das Lächeln in seinem Gesicht steht im starken Kontrast zu seinen aufgequollenen und von dunklen Ringen umrandeten Augen. Ein Schluchzen entweicht ihm, während er seinen Kopf auf Grantaires Schulter fallen lässt. Verwirrt hebt jener die Hand und streicht seinem Freund durchs Haar.
„Ich dachte, ich hätte dich verloren.“
Bei diesen Worten wird Grantaire bewusst, was er getan hatte. Was er seinen Freunden angetan hatte.
„Es tut mir leid.“
Joly setzt sich auf. Er fährt sich mit dem Handrücken über die Wange. „Das sollte es auch. Aber mir tut es auch leid.“
„Wieso?“
„Ich hätte ein besserer Freund sein müssen. Ich hätte für dich da sein müssen.“
„Was? Nein, nein, Joly, dich trifft keine Schuld. Ich war dämlich. Es war eine Kurzschlussentscheidung. Ich habe nicht nachgedacht.“
„Du brauchst Hilfe, Grantaire.“
„Ich weiß.“
„Ich stehe immer an deiner Seite.“
Grantaire ergreift Jolys Hand und drückt sie fest. „Ich weiß.“
Erneut beugt sich Joly zu ihm herunter und zieht ihn in eine Umarmung. „Wenn du das noch mal machst, kann ich für nichts garantieren.“
Grantaire zieht es vor zu schweigen. Stattdessen legt er seine Arme um Joly und hält ihn fest.

Ein Klopfen reißt Grantaire aus der Melancholie des trübsinnigen Krankenhausalltages. Gespannt blickt er auf, in der Hoffnung, dass ihn endlich einer seiner Freunde besuchen kommt. Obwohl dies der Fall ist, ist die Person im Türrahmen wohl die einzige, welche Grantaires Herzfrequenz über das gesunde Maß hinaustreiben kann. Zum Glück steht er nicht unter konstanter Monitorüberwachung.
„Enjolras“, begrüßt er den Engel, der nun an sein Bett tritt.
Unschlüssig bleibt Enjolras stehen. Grantaire räuspert sich und deutet auf den freien Stuhl, der neben seinem Bett steht. Enjolras tritt an ihn heran und lässt sich fallen. Grantaire erwartet, dass er augenblicklich mit einer fertig erarbeiteten Rede über die Sinnlosigkeit von Suiziden beginnt, doch entgegen seiner Erwartung starrt Enjolras auf seine Hände. Grantaire verlegt sich darauf ihn zu beobachtet, doch da Enjolras selbst nach zwanzig langen Sekunden keine Anstalten macht das Wort zu erheben, übernimmt Grantaire diese Aufgabe.
„Ich muss mich für meine Worte in unserem letzten Treffen entschuldigen.“ Enjolras blickt mit großen Augen auf, doch Grantaire ignoriert es. Stattdessen findet er die blauen Streifen seines Bettzeuges furchtbar interessant. „Du hattest recht. Ich habe mich kindisch verhalten und wollte nichts anderes, als das Treffen vermasseln.“
„Rede nicht weiter, Grantaire!“
Laut kratzen die Stuhlbeine über den Boden, als Enjolras näher an das Bett heran rutscht. Grantaire blickt auf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Enjolras seine Hand ergreift. Erneut ist er erleichtert, dass kein EKG auf dem Monitor angezeigt wird.
„Der Einzige, der sich entschuldigen muss, bin ich. Wir beide wissen, wer für deine Handlungen an dem Abend verantwortlich war. Vielleicht nicht ausschließlich, doch wahrscheinlich habe ich daran einen signifikanten Anteil.“
Etwas Nasses tropft auf Grantaires Haut. Mit einem Blick in Enjolras’ Gesicht kann er die Tränen verfolgen, die über seine Wangen rollen. Grantaire ist entsetzt. In all den Jahren, in denen er Enjolras kennen durfte, hatte er ihn noch nie weinen sehen. Nicht ein einziges Mal. Und nun sitzt er hier und vergießt Tränen. Für ihn.
„Du sollst wissen, wie wichtig du mir bist, Grantaire. Trotz unserer Auseinandersetzungen bist du mir wichtig und ich betrachte dich als einen meiner besten Freunde. Du gehörst von Anfang an dazu und auch wenn du nicht der Eifrigste in der Verteidigung unsere Anliegen sein magst, trägst du dennoch deinen Teil dazu bei. Ob es nun deine Witze sind, die die Anspannung vor einem anstehenden Protest lösen, oder deine Verbesserungsvorschläge. Du wirst geschätzt und geliebt, Grantaire, mehr als es dir womöglich bewusst ist. Und es tut mir leid, dass ich dir nicht das Gefühl vermittelt habe, dass ich dich unterstütze. Ich habe nicht erkannt, wie sehr du mit dir selbst zu kämpfen hast. Doch du bist nicht mehr allein. Ich bin für dich da. Wir alle sind für dich da.“
Schwer schluckt Grantaire. Enjolras’ Worte sind einerseits genau jene, die er schon immer hören wollte und andererseits der Beweis, dass er wirklich Mist gebaut hat. Er schüttelt den Kopf.
„Ich bin nichts, für das sich das Kämpfen lohnt.“
„Du magst dieser Ansicht sein, doch wie immer liegst du falsch.“
Die Worte entlocken Grantaire ein leises Schnauben. Erschöpft lehnt er sich zurück. Wer hätte gedacht, dass er jemals eine derart lange Unterhaltung mit Enjolras führen kann, ohne dass die Fetzen fliegen.
„Ich weiß deine Versuche zu schätzen, doch es gibt Dinge, die selbst du nicht retten kannst.“
„Wir werden es nicht erfahren, wenn wir es nicht versuchen. Und wie du vielleicht weißt, habe ich ein sehr ausdauerndes Durchhaltevermögen.“
Grantaire beginnt auf seiner Unterlippe zu kauen. Egal, was er jetzt sagt, er ist sich sicher, dass Enjolras nicht aufgeben wird. Er hat ihn längst in seine Liste für Rettungsaktionen eingetragen. Gleich hinter der Freiheit und Gleichberechtigung für alle.
„Mache mich nicht verantwortlich, wenn du enttäuscht wirst“, sagt er schließlich.
„Der einzige Mensch, der nicht enttäuscht werden sollte, bist du. Und dafür werde ich sorgen.“
Das Feuer in Enjolras’ Augen verheißt Grantaire eben jenes Licht einer besseren Zukunft, dass er so verzweifelt sucht. Vielleicht gibt es tatsächlich eine Welt, in der er glücklich werden kann. Eine, die in dieser Raumzeit existiert. Und obwohl dies ungewiss ist, ist sich Grantaire sicher, dass er mithilfe seiner Freunde alles erreichen kann. Er muss nur beginnen daran zu glauben.
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