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.^~°~^. Zinos Abenteuerbuch

von - Leela -
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Zino
21.05.2020
13.05.2022
30
37.778
2
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21.11.2021 1.421
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für die »Wochen-Challenge« von Sira-la geschrieben. Die Vorgaben sind zur Vermeidung von Spoilern am Ende des Kapitels.
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Manchmal gerät man in Situationen, die man verschieden deuten kann. Wenn man eine Bedeutung nicht kennt, dann bleibt einem aber nichts anderes übrig, als in die andere Richtung zu denken. So ging es auch Zino in dieser Geschichte. Und das mit einem - fast - fatalen Ausgang. Aber lassen wir ihn selbst erzählen.
      (Anm. d. Aut.: Ein »In-die-ferne-Ferne-Gucker« ist ein Fernrohr.)

Verliebt in Corona

Wie leicht man sich in die Nesseln setzen kann, das erlebte ich erst kürzlich einmal mehr. Wie leicht ich mich in die Nesseln setzen kann, sollte ich besser sagen. Aber wie wäre es euch an meiner Stelle gegangen?
      Ich bemerkte es an der Stelle, als Boo wutentbrannt bei mir aufschlug, und mich anherrschte, was mir denn einfallen würde, irgendwelche Lügengeschichten über ihn zu verbreiten. Ich wußte gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Und dabei war ich es gewesen, der entsetzt über ihn gewesen war.
      Aber beginnen wir die Geschichte von Anfang an.
      Ich hatte eigentlich nur vorgehabt, Boo auf einen Abend zu besuchen. Die Situation stellte sich mir wie folgt dar: Ich kam bei seinem Haus an, ging in die Werkstatt und sah mich nach ihm um. Im ganzen Haus. Ich fand ihn schließlich auf dem Dach, wo er mit seinem »In-die-ferne-Ferne-Gucker« saß, einer überaus nützlichen Erfindung von ihm, mit der man Dinge beobachten konnte, die ganz weit von einem entfernt sind, und sich von mir gar nicht stören ließ. Ich fragte ihn in meiner Neugierde, was er da machen würde. Und er sagte, ohne sich überhaupt von mir beeindrucken zu lassen, er beobachte Corona.
      So. Was hättet ihr jetzt an meiner Stelle gedacht?
      Ich war so entsetzt über diese stumpfe Rückmeldung, daß ich gar nicht wußte, was ich sagen sollte. Ja, es war einer der wenigen Momente im Leben, wo ich mal richtig sprachlos war! So etwas hatte ich Boo nicht zugetraut! Ihm am allerwenigsten von allen.
      Ich ließ die Ohren sinken und sah zu, daß ich den Rückzug antrat. Ich wollte ja nicht stören! Aber das Ereignis ließ mir noch tagelang keine Ruhe. Ich konnte nicht anders. Ich mußte mit jemandem darüber reden. Daß es ausgerechnet Alanta war, hatte ich nicht steuern können. Wir hatten uns zufällig beim einkaufen getroffen, und hatten an der Kasse nicht vermeiden können, daß sie hinter mir stand.
      Ich nahm ihre sarkastische Bemerkung, die mindestens einmal bei einem Zusammentreffen mit mir kommen mußte, nicht einmal wahr. Ich war immer noch nicht darüber hinweg, daß mein bester Freund abends auf dem Dach seines Hauses saß und Frauen bespannte. Als sie merkte, daß ich nicht reagierte, wurde sie aufmerksam. In den meisten Fällen konnte ich nicht anders als irgendwie zu kontern. Es war ein Spiel, das seinen eigenen Regeln folgte. Heute aber hatte etwas den Spielablauf unterbrochen.
      Sie sah, daß meine Ohren hingen. Kunststück. Ich wollte keinen Freund haben, der in seiner Freizeit heimlich Frauen nachspionierte, um sich daran zu ergötzen. Ich meine, mal ehrlich, hatte er nicht schon ein tolles Hobby, mit seiner Erfinderei? Er hatte es doch gar nicht nötig, sich im Niveau so weit herabzulassen! Auf so eine Idee wäre ja nicht einmal ich gekommen, und ich hatte schon ein sehr lässiges Verhältnis zu Frauen im allgemeinen.
      Jedenfalls erkundigte sich Alanta, und das meinte sie ernst, ob es mir gut ging. Wenigstens das mußte man ihr lassen. Wenn es ernst war, dann konnte sie private Befindlichkeiten auch mal beiseite schieben.
      Ich zögerte kurz. Aber vielleicht war sie genau die richtige, mit der ich über diese Sache reden konnte. Und so erzählte ich ihr, daß es da eine Sache gab, die mich belastete. Ich wollte aber nicht unbedingt an der Kasse darüber reden.
      Wir warteten also, bis wir fertig waren, und ich erzählte ihr draußen vor dem Laden, wo wir unter uns waren, von meinem Dilemma. Sie hörte mir sehr erstaunt zu. Ganz offensichtlich hätte sie so etwas auch nie von Boo gedacht. Sie überlegte sehr nachdenklich, daß er wohl sehr einsam sein mußte. Ich meine, okay, das war eine Theorie, aber deswegen mußte man noch lange nicht zum Spanner werden, finde ich. Wenn er da irgendwelche Bedürfnisse hatte, konnte er auch andere Maßnahmen ergreifen, und ich hätte ihn eigentlich auch so eingeschätzt, daß er eher ehrenwerte Wege ging, als sich auf so ein Niveau herabzulassen.
      Naja. Es hatte gut getan, sich ein wenig darüber aussprechen zu können. Helfen konnte Alanta natürlich nicht. Und so überlegte ich, wie ich nun weiter machen wollte. Einen Freund, der so drauf war, wollte ich eigentlich nicht haben. Aber Alanta hatte Recht, vielleicht sollte ich mit Boo darüber sprechen. Wenn wirklich gerade etwas in seinem Leben über Kopf ging, dann konnte ich ihm vielleicht helfen, auf einen besseren Pfad zurückzukehren.
      So weit kam es gar nicht mehr. Denn wie der Zufall es wollte, traf Alanta Boo zuerst. Und da ihr die Geschichte ebenfalls nahe ging - immerhin, sie hatte sich wohl vorgestellt, sie wäre diejenige gewesen, die von Boo heimlich bespannt wurde - hatte sie meinen Freund auf die ganze Sache angesprochen, und ihm nahegelegt, eine Therapie zu machen.
      Das wußte ich noch nicht, als Boo wutentbrannt vor meiner Haustür stand. Das erzählte er mir erst, als ich ihn fragte, was er überhaupt meinte, mit »Lügengeschichten«. Mir flogen förmlich die Ohren hoch. Also konfrontierte ich ihn jetzt auch noch mal mit dem Sachverhalt, und klatschte ihm um die Ohren, daß er es doch gewesen war, der auf dem Dach gesessen und Corona beobachtet hatte. Und was er denn meinen würde, wie das in der Bevölkerung - und unter seinen Freunden - ankam, wenn er heimlich und ungefragt Frauen aus dem Hinterhalt beobachtete.
      Ich werde nie diesen Gesichtsausdruck vergessen. Im ersten Augenblick dachte ich noch, warum er so überrascht war. Er hatte mir doch selber erzählt, was er da auf dem Dach trieb. Vielleicht hatte er noch gedacht, sein bester Freund würde es verstehen. Daß es nicht so war, mußte er sich dann aber gefallen lassen, denn ich war ein ehrenwerter Gayaner! Dann schüttelte er den Kopf und konnte sich da schon ein hilfloses Grinsen nicht mehr verkneifen, als er mich fragte, ob ich das ernst meinen würde.
      Er wußte, daß ich es ernst meinte. Dafür kannten wir uns lange genug. Er sackte ein Stück in sich zusammen und erklärte mir resingiert, daß er keine Frauen beobachtet hätte. Was ich nicht wußte war, daß Corona die Bezeichnung für runde Strukturen auf der Oberfläche anderer Himmelskörper war, wenn sie nicht durch einen Einschlag entstanden waren. Und genau das, war es, was Boo an dem Abend beobachtet hatte. Einen anderen Stern am Himmel, der eben solche Strukturen hatte.
      Ich meine, mal im Ernst, so etwas muß man wissen! Boo konnte mir doch nicht einfach vorklatschen, er beobachtet Corona, ohne mir zu erklären, was es damit auf sich hatte!
      Naja. Er fragte mich erschöpft, ob mir aufgefallen sei, daß er den In-die-ferne-Ferne-Gucker nach oben in den Himmel gerichtet hatte, und nicht auf den Boden, wo er irgendwelche Frauen hätte beobachten können, und daß sein Haus so weit abgelegen draußen auf einer Klippe in den Bergen fernab jeglicher Zivilisation über einem tiefen Abgrund lag, daß die Wahrscheinlichkeit, daß er dort irgendwelche Frauen hätte beobachten können, gleich Null war.
      Mir sackten die Ohren ab. Nein, das hatte ich nicht bedacht. Ich scharrte etwas verlegen mit dem Fuß über den Boden. Das war ja eine schön peinliche Vorstellung gewesen. Ich glaube, ich muß die Tage noch mal mit Alanta reden…


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Die Vorgabe für Kalenderwoche 46/2021 von mir war:
      Schreibe eine Geschichte mit Corona, aber NICHT mit dem Virus, und auch nicht mit irgend einem anderen Virus! (Beispiele: Die Band namens Corona [»Rhythm of the night«], das Bier namens Corona, Corona als Frauenname…) Die Geschichte soll den Grundtenor Corona haben, aber eben in dem Zusammenhang, den ihr auswählt, und der Name soll auch im Titel vorkommen.
      Damit soll einmal daran erinnert werden, daß es auch andere, normale, schöne und vor allem ältere Dinge gibt, die man mit dem Begriff verbinden kann.
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