Jäger

von Suiren
GeschichteKrimi, Thriller / P18 Slash
Hideyoshi Nagachika Ken Kaneki Nimura Furuta Rize Kamishiro
21.05.2020
21.05.2020
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3.882
 
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›Phantom schlägt wieder zu – Polizei gelähmt‹, las Ken laut die Schlagzeile, die in dicken, schwarzen Lettern über einer abgedruckten Zeichnung prangte, ›Heute in den frühen Morgenstunden wurde im Hinterhof eines Wohnhauses der reglose Körper einer Frau aufgefunden. Der Händler, der auf dem Weg zur Arbeit den unheimlichen Fund gemacht hatte, alarmierte augenblicklich die Feiergesellschaft eines nahegelegenen Wirtshauses. Ein zufällig anwesender Arzt konnte jedoch nur den Tod der armen Frau feststellen. Laut mehreren Augenzeugen wies die noch nicht identifizierte Tote wie die anderen Mordopfer in den letzten Monaten grausame Verstümmelungen auf. Offenbar ist sie damit ein weiteres Opfer des Phantoms, das seit August die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Doch obwohl es immer wieder verdächtige Sichtungen gibt und das Phantom seit Monaten mitten unter uns eine unschuldige Frau nach der anderen tötet, hat die Polizei noch immer keine nennenswerte Spur zum Täter. Was schon länger auf den Straßen und in den Wirtshäusern gemunkelt wurde, wird immer offensichtlicher: Die lokale Polizei ist entweder nicht fähig, oder nicht willig, unsere Frauen und Töchter vor der mordenden Bestie zu schützen. Während die Beamten untätig in ihren gemütlichen Wachzimmern verharren, schließen sich immer mehr besorgte Bürger der neugegründeten Bürgerwehr an, um unser einst so friedliches Viertel aus den blutigen Fängen des Mörders zurückzuerobern.‹

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend überflog Ken den Artikel ein weiteres Mal, bis er aus dem Augenwinkel seinen besten Freund erblickte und seufzend die Zeitung sinken ließ.
»Das ist nicht gut…«, murmelte er.
»Wer schreibt denn so einen Mist?«, schnaubte Hide.
»Nimura Furuta vom ›Boulevardjournal‹...«
»Ach, dieses Käseblatt nimmt doch keiner ernst… Und überhaupt… wohnt der Kerl nicht auch in dieser miesen Gegend oder von welchem ach so friedlichem Viertel spricht er in dem Artikel? Dieser Ort war schon vorher ein verkommenes Rattennest… der Schandfleck des Kaiserreiches…«
»Tja, ich weiß auch nicht…«
Die Zeitung raschelte laut, als Ken sie wieder zusammenfaltete und auf den staubigen Boden segeln ließ.
»Aber könnt ihr den Kerl nicht einfach verhaften? Ich meine, es klingt ja fast so, als würde er die Bewohner gegen die Polizei aufhetzen…«
»Wir können nichts tun. Auch, wenn es die Situation nur noch schlimmer macht, die Kompetenz der Polizei zu hinterfragen und die Bürger zum Selbstschutz zu motivieren ist ja nicht strafbar…«
»Ach so«, seufzte Hide.
Er stellte zwei leere Porzellantassen und eine Kanne mit dampfendem Tee auf den kleinen runden Tisch ab und setzte sich dann neben seinen Freund aufs Bett.
Besorgt musterte er Ken, der bereits die Hose und das weiße Hemd seiner Polizeiuniform trug. Im flackernden Schein der schwachen Öllampe wirkte er umso niedergeschlagener.
Hide legte seinem Freund einen Arm über die Schulter und zog ihn dichter an sich.
»Hey, vergiss dieses Schandmaul. Die klügeren Bürger wissen, dass ihr tut, was ihr könnt«, versuchte er Ken aufzumuntern, »Ohne euch wäre das Viertel schon längst im kriminellen Sumpf versunken…«

Der Dunkelhaarige seufzte leise und legte seinen schweren Kopf auf die Schulter seines Freundes. Er schloss die Augen und spürte, wie ihm Hides von der Arbeit rissige und schmutzige Finger tröstend durchs Haar zu streicheln begannen.
»Wollen wir noch einen Happen essen? Ich habe von einem Kunden einen Sack Gemüse geschenkt bekommen.«
»Danke, Hide, dass du dich immer so um mich kümmerst…«
Im schwachen Licht betrachtete er die dicke, weiche Strähne von Kens schwarzem Haar zwischen seinen wunden Fingern mit den dreckigen, abgebrochenen Nägeln. Vorsichtig tauchte Hide seine Nasenspitze in Kens Haar, das ganz schwach nach Kaminrauch und kalter Haut roch und sein Lächeln verschwand. Wäre er mutiger, hätte er sich getraut, Ken auf den Scheitel oder die Stirn zu küssen… oder vielleicht sogar auf den Mund.
»Ist doch selbstverständlich«, antwortete Hide schließlich kratzig, »Ich kann gar nicht anders.«
Als hätte man eine Öllampe schwächer gedreht, wurde es plötzlich finsterer in ihm.
»…Immerhin liebe ich dich doch… so sehr«, flüsterte er, obwohl er bereits wusste, wie Ken jetzt reagieren würde. Die kurze Haarlocke entglitt seinen Fingern.
»Hör… bitte auf, so etwas zu sagen. Ich hab dir schön öfter gesagt, dass es mir Angst macht«, antwortete der Polizist leise und setzte sich etwas aufrechter hin, sodass ihre beiden Körper einander nicht mehr berührten. Als wollte Ken damit von der unangenehmen Situation ablenken, griff er nach der schweren Porzellankanne, um sich und Hide heißen Tee in die Tassen einzugießen.

»Auch, wenn du es nicht hören willst, ich werde es dir so oft sagen, bis meine Worte dich erreichen«, sagte der Blonde leise. Ken presste seine zitternden Lippen zusammen, doch plötzlich sprangen sie wieder auseinander.
»Du solltest es nicht sagen und niemand sollte es hören! Hide, dein unmöglicher Wunsch wird dir sonst nur Unglück bringen. Du musst ihn aufgegeben, denn wenn es jemand erfährt, wirst du gemeldet und vielleicht…«
Sein Freund sprach es nicht aus, aber Hide wusste auch so, was er meinte.
»Denkst du auch, dass etwas nicht mit mir stimmt?«, fragte er.
»Ich will nicht, dass du weggesperrt wirst«, wich Ken aus, »Ich möchte, dass wir weiterhin zusammen leben… Das ist doch genug?« Als er die halbvolle Teekanne auf den runden Tisch zurückstellte, war dieses Geräusch so endgültig wie eine ins Schloss fallende Tür.
Hide wusste, dass er nun aufstehen und gehen musste. Er nahm seine Tasse und durchquerte mit ruhigen Schritten den Raum, um sich auf sein eigenes Bett an der gegenüberliegenden Wand zu setzen. Er lehnte seinen Rücken gegen die kühle lehmgraue Mauer und zog die dünne, raue Wolldecke über seine Beine. Es war ein bisschen tröstend, wie der weiße Dampf, der von dem duftenden Tee aufstieg, seine geröteten Wangen erwärmte, während er schweigend aus dem Fenster blickte.
Hinter dem trüben, dünnen Glas, durch das die Herbstkälte ins Zimmer kroch, konnte er in der Dunkelheit die wenigen schwachen, flackernden Lichter der Stadt erkennen. Er hörte das Klappern von Pferdehufen auf Kopfsteinpflaster, Schritte und Stimmen von der nächtlichen Straße hinaufwehen und fühlte sich dennoch seltsam weit entfernt in dieser kargen, bescheidenen Einzimmerwohnung.

Die wenigen Gegenstände ihres Besitzes dienten alle dem Gebrauch des alltäglichen Lebens, abgesehen von den Büchern, die Ken von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte und die nun das schmale Bücherregal füllten.
Hide trank einen Schluck Tee und die Wärme begann sich von seinem Magen aus angenehm in seinem Körper auszubreiten.
Das leise Rascheln von Kleidung ließ ihn im Augenwinkel nach Ken sehen, der aufgestanden war und soeben die schwarze Jacke der Polizeiuniform von der Lehne des schäbigen Stuhls nahm und in die Ärmel schlüpfte. Bedächtig schloss er von unten nach oben einen der silbernen Knöpfe nach dem anderen und mit jedem fühlte Hide sich elender. Ken griff nach seiner Polizeimütze, die immer auf der Sitzfläche des Stuhls lag, wenn er nicht im Dienst war. Hide graute vor dem Tag, an dem die Sitzfläche leer bleiben und Staub ansetzen würde.
»Bitte quittiere deinen Dienst«, sprach der Blonde seinen Gedanken plötzlich laut aus.
»Was?« Ken drehte sich auf dem Absatz um, um seinem Freund fassungslos ins Gesicht zu sehen. Der Blonde schluckte schwer, doch er wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab.
»Ich meine… Meine Arbeit als Lieferjunge ist einfach und schlecht bezahlt, aber was macht das schon? Wir könnten davon leben und das ist doch das einzige, das zählt…«

»Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst«, sagte Ken leise, obwohl ihn bereits eine Vorahnung beschlich. Sein Freund seufzte tief.
»Na schön, dann werde ich eben deutlicher: Ihr werdet mit Lampe, Knüppel und Pfeife zu einzeln in diese finsteren Straßen auf Patrouille geschickt. Aber es geht nicht mehr nur um illegale Prostitution, Diebstahl und betrunkene Schlägereien. Das Monster, das ihr jagt, reißt wehrlose Frauen in Stücke, während sich im Haus nebenan eine Feiergesellschaft befindet… Was wird es dann erst mit seinen Häschern machen?«
»…Aber Hide, wenn die Polizei vor dem Monster kuscht, hat es gewonnen. Jemand muss doch zumindest alles versuchen, die Menschen hier zu beschützen.«
»Ja, jemand muss es tun. Aber doch nicht du... Wir wollten doch sowieso nicht ewig hierbleiben. Warum nehmen wir diese Sache nicht als Anlass, um Shiranohara endlich zu verlassen und aufs Land zu ziehen?«
Ken schwieg einen Augenblick, aber dann setzte er seine Mütze auf.
»Tut mir leid, ich muss los«, sagte er, »Reden wir später weiter, ja?«
»Pass auf dich auf, Ken.«
»Ja. Du auch auf dich. Sperr hinter mir gut ab und versuch ein bisschen zu schlafen. Du hattest einen langen Tag…«
Bekümmert sah Hide seinem Freund nach, bis die Tür hinter Ken ins Schloss gefallen war. Dann ließ sich Hide seitlich auf seine Strohmatratze fallen und zog die Beine an.
»…Verdammt…«, murmelte er in sein Kissen.



Während Ken durch die dunkle Gasse patrouillierte, bildete sein Atem kleine weiße Wolken, die mit dem leichten Nebel verschmolz. Rauchschwaden zogen wie graue Wolken über den nachtschwarzen Himmel und das leise Quietschen, das der Griff der schwach leuchtenden Öllampe bei jedem seiner Schritte von sich gab, hallte zwischen den hohen, stillen Gebäuden wider.
Es war jetzt sieben Wochen her, seit einer von Kens Kollegen das erste Mordopfer in einer ganz ähnlichen Gasse entdeckt hatte. Ihm schauderte bei dem Gedanken daran, dass er in dieser Dunkelheit jeden Moment über ein Bündel stolpern könnte, das sich nachher als menschlicher Körper herausstellte.
Ken zog seine Taschenuhr aus seiner Uniformjacke und warf einen Blick darauf, bevor er seine Schritte beschleunigte. Als die Gasse vor ihm endete, bog er in eine etwas breitere Straße ein, die vom Licht einer Kneipe schummrig beleuchtet war. Das Lachen und der Gesang, die gedämpft durch die Mauern auf der Straße erklangen, vermittelten dem Polizisten den Hauch des Gefühls von Normalität und trügerischer Sicherheit. Ken atmete aus und entspannte sich ein wenig.
Zügig näherte er sich der Kneipe und als er sie fast erreicht hatte, konnte er im nebligen Schein einer Laterne die Silhouetten zweier Menschen erkennen. Es schien sich um einen Mann und eine Frau zu handeln, die dicht beieinanderstanden. Sie lehnte mit dem Rücken gegen eine hohe Backsteinmauer, während er halb vor ihr stand und sich leise mit ihr zu unterhalten schien.
Obwohl sie so vertraut wirkten, beschlich Ken ein mulmiges Gefühl.
»Guten Abend«, sprach er das Pärchen laut an, »Entschuldigen Sie bitte, ich bin von der Shiranohara Polizei und muss bei Ihnen eine Personenkontrolle durchführen.«

Die beiden hoben ihre Köpfe und entfernten sich ein wenig voneinander. Ken blieb vor ihnen stehen und hielt seine Lampe so vor seinen Körper, dass das Pärchen seine Uniform erkennen und er ihre Gesichter sehen konnte. Den Mann, dessen Gesicht im Schatten seiner Hutkrempe gelegen hatte, kannte er nicht, doch er wirkte viel jünger, als Ken erwartet hatte. Er hatte ein gutaussehendes Gesicht mit eleganten Mandelaugen, einem kleinen Muttermal unter dem rechten und einer schmalen Nase. Sein Atem wehte eine leichte Fahne Alkohols in Kens Gesicht.
»Wachtmeister Kaneki, wie schön Sie wiederzusehen«, riss die freundliche Frauenstimme Ken vom Anblick des Mannes los. Er drehte den Kopf zur Seite und erstarrte daraufhin, weil er nicht damit gerechnet hatte, Rize hier zu treffen. Er hatte sie schon ein paar Mal im Kaffeehaus nahe seiner Wohnung gesehen und sich ein wenig in sie verliebt. Immer saß sie alleine an einem der kleinen Tische und las in ihren vergilbten Groschenromanen, während er ihr heimlich Blicke zuwarf. Im Grunde war die Hoffnung, ihr wieder zu begegnen der Grund, dass er überhaupt so oft ins Kaffeehaus ging, dabei war sie schon länger nicht mehr dort gewesen.
»Geht es Ihnen gut?«, brachte er mit rauer Stimme über die Lippen.
»Natürlich. Ihnen hoffentlich auch«, lächelte die junge Frau sanft.
»Seien Sie bitte vorsichtiger. Es ist gefährlich, nachts alleine durch die Straßen zu ziehen und sich von fremden Männern ansprechen zu lassen.«
»Wegen dem Mörder meinen Sie?«, fragte Rize besorgt.
»Auch, aber nicht nur…«, antwortete Ken ernst.

Im ersten Moment wirkte die junge Frau wie erstarrt, dann kicherte sie höchstamüsiert und schließlich begann auch der junge Mann an ihrer Seite leise zu lachen. Gerade als Ken zwischen ihnen verwirrt hin und her sah, beugte sich Rize näher zu ihm vor. Er schaudert kurz, als er ihre feinen Haarsträhnen über seine Wange streicheln fühlen konnte und der schwere Stoff ihres auslandenden Kleides gegen sein Bein drückte.
»Halten Sie mich etwa für ein loses Mädchen, das sich von fremden Männern in eine finstere Seitengasse locken lässt, Herr Wachtmeister?«, flüsterte sie dicht an seinem Ohr und sein Herz begann fest zu klopfen. Ken konnte immer noch ihren typischen Rosenduft riechen, obwohl er sich jetzt ein bisschen mit dem Geruch von Alkohol und Zigarettenrauch vermischte.
»Tze, also du hast wirklich keinen Grund dich zu beschweren«, meinte der Mann in gespielt beleidigtem Ton, »Dich hält er nur für ein loses Mädchen. Ich hingegen werde verdächtigt, das mordende Phantom zu sein. Willst du nicht tauschen?«
Kichernd lehnte Rize sich wieder zurück an die Wand und streifte sich mit ihrer behandschuhten Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht hinters Ohr. Obwohl es sogar unter der Laterne noch ein wenig düster war, konnte Ken erkennen, dass Rize gerötete Wangen hatte. Sie war wirklich wunderschön...
»Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Herr Wachtmeister«, sagte sie etwas ernster, »Ich gehe nicht mit fremden Männern mit. Das hier… ist mein Lebensgefährte. Er ist ein Lügner und ein Trottel, aber ansonsten völlig harmlos.«
»Na, herzlichen Dank«, schnappte der junge Mann beleidigt in ihre Richtung und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie lieblich kicherte, »Und du bist eine miserable Köchin, Rize.«

Ken versuchte, sich seine bittere Enttäuschung darüber, dass seine Traumfrau bereits vergeben war, nicht anmerken zu lassen.
»Können Sie sich ausweisen?«, unterbrach er das Necken des Paares.
»Natürlich.« Seufzend kramte der junge Mann in der Tasche seines langen schwarzen Mantels und zog schließlich einen Ausweis aus dickem, gelblichem Papier heraus, den er dem Polizisten übergab.
Ken nahm das Papier an sich und faltete es auseinander. Es war ein von der Stadt ausgestellter Ausweis mit einer Schwarzweißfotografie, die eindeutig den jungen Mann vor ihm zeigte.
»Nimura Furuta… Etwa der, der für das ›Boulevardjournal‹ arbeitet?«, fragte Ken überrascht, während er das Ausweisdokument seinem Besitzer zurückgab.
»Oh ja, der bin ich. Der eine und einzige«, lächelte Furuta freudig, »Sind Sie etwa ein Fan? Ich kann Ihnen gerne ein Autogramm geben, aber leider habe ich nur einen Bleistift dabei…«
»Machen Sie sich keine Umstände«, sagte Ken ruhig, während Furuta erneut in seinen Manteltaschen zu tasten angefangen hatte.
»Nicht doch, ich werde ständig nach Autogrammen gefragt, nur leider nie, wenn meine Freundin dabei ist, wahrscheinlich wirkt sie abschreckend auf meine weibliche Fangemeinde… Siehst du, Rize? Du wolltest es mir nie glauben, aber ich habe sehr wohl Bewunderer…«
»Ich glaube kaum, dass Wachtmeister Kaneki ein Fan von dir ist, Nimura«, warf Rize amüsiert ein, »Es wäre ein Wunder, so, wie du in deinen Artikeln immer über die Polizei herziehst…«
»Ach nein? Wie schade«, seufzte der junge Mann, doch sowohl sein Gesichtsausdruck als seine Stimme zeigten nicht den kleinsten Hauch Bedauern. Furuta zog seine leeren Hände aus den Taschen und ließ sie neben seinem Körper hängen.

»Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, mein lieber Herr Polizist. So verkauft sich die Zeitung eben besser und ich mache halt auch nur meinen blöden Job bei einem Scheißboss«, meinte er nach einem Moment des Schweigens, »Dafür haben Sie sicher Verständnis? Aber ich bin kein übler Kerl, wissen Sie… Ich lasse Rize weder alleine nachhause gehen, noch alleine schlafen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Lächelnd legte der Reporter vor Kens verletztem Blick Rize einen Arm um die Hüften und schob sie etwas dichter an sich. Ken wollte gehen.
Nicht nur wegen Situation, sondern vorallem weil er wusste, dass es hier nichts mehr für ihn zu tun gab und er seine Patrouille fortsetzen musste.
»Dann halte ich Sie nicht länger auf und wünsche Ihnen eine gute Nacht«, sagte er schnell.
»Gute Nacht, Herr Wachtmeister! Schön, Sie getroffen zu haben«, flötete Rize und winkte dem Polizisten zu, der ebenfalls kurz die Hand hob und halbherzig winkte. Er wollte sich gerade umdrehen, als die gedämpften Hintergrundgeräusche aus der Kneipe von einem schrillen Pfeifen übertönt wurden – das Signal, dass einer von Kens Kollegen Verstärkung brauchte. Augenblicklich rannte der Polizist los, in die Richtung, aus der er das Pfeifen vermutete. Die Öllampe in seiner Hand warf unregelmäßige Lichtflecken auf die Kopfsteinplatten und scheuchte damit die futtersuchenden Ratten auf, die daraufhin alle Richtungen stoben, um in dunklen Ecken ein Versteck zu finden.
Der Polizist hatte die Gasse fast hinter sich gebracht, als er zufällig im Augenwinkel die Silhouette eines Mannes an seiner Flanke erblickte.

Im ersten Moment zuckte Ken erschrocken zusammen, doch dann erkannte er den Mann als Furuta und blickte beruhigt wieder nach vorne.
»Was tun Sie hier?«, fragte er keuchend.
»Als Reporter bin ich immer auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile, natürlich komme ich zu einem Polizeieinsatz mit!«, schnaufte der junge Mann.
»Und Rize?«
»Sie ist wieder die Kneipe gegangen.«
Als die Gasse vor ihnen in einer grauen Hausmauer endete, bremste der Polizist abrupt ab. Furuta kam hinter ihm schlitternd zu stehen und rang um Atem.
»Und jetzt?«, fragte er, während Ken unschlüssig nach links und rechts blickte und fieberhaft überlegte, welchen Weg er nehmen sollte, um zu seinem Kollegen zu gelangen.
Einen Augenblick lang war es still, dann ertönte das schrille Pfeifen erneut.
»Es kam von links!«, meinte Furuta und sprintete wieder los. Ken schloss zu ihm auf.
»Meinetwegen kommen Sie mit, aber bleiben Sie hinter mir… hah… und wenn es gefährlich wird, laufen Sie weg, verstanden?«
»Selbstverständlich«, schnaufte Furuta und drosselte sein Tempo ein wenig, sodass er wieder an der Flanke des Polizisten lief, »Ich spiele keinesfalls den Helden, schon gar nicht, um Ihnen zu helfen.«
»Gut!«, entgegnete Ken und begann die breiten Kirchenstiegen am Ende der Straße hochzulaufen. Obwohl seine Oberschenkel zu brennen begannen und das Seitenstechen immer mehr zunahm, dachte der Polizist nicht daran, langsamer zu werden. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal und stolperte in der Dunkelheit beinahe über die Letzte, aber schließlich hatte er den Platz vor der Kirche erreicht und das Pfeifen, das jetzt ertönte, erklang laut, von ganz nah.

Gehetzt, die eine Hand am Griff des Knüpppels, der an seinem Gürtel hing, hob Ken den anderen Arm mit der Öllampe und blickte um sich. Da entdeckte er zwei Personen seitlich der Kirche, eine von ihnen auf dem Boden liegend, die andere neben ihr knieend. Ohne zögernd rannte Ken zu ihnen und kaum, dass er sie erreicht hatte, erkannte er seinen Kollegen Juuzou. Er war der jüngste ihrer Polizeieinheit.
»Ken!«, rief der Weißblonde sofort, »Die Frau hier blutet, aber sie lebt. Bleib bei ihr, ich verfolge den Täter!«
Bevor Ken antworten konnte, hatte Juuzou den schmalen Oberkörper der Verletzten auf das Kopfsteinpflaster abgelegt und war losgerannt. Im Laufen bließ er weiterhin in seine Pfeife, um weitere Kollegen herbeizurufen. Der Dunkelhaarige blickte ihm nach, bis er in einer schmalen Straße zwischen zwei Häusern verschwunden war. Ken stellte die Öllampe auf den Boden und kniete sich neben die Frau.
»Können Sie mich hören?«, fragte er und die blasse, zitternde Frau nickte steif. Der Polizist blickte über seine Schulter, wo er glaubte, die Silhouette des neugierigen Reporters in der Dunkelheit ausmachen zu können.
»Herr Furuta?«, fragte er laut, »Laufen Sie bitte diese Straße rechts hinunter. In dem Haus vor dem großen Baum wohnt Dr. Kanou, schicken Sie ihn her!«
»Jawohl, mein lieber Polizist!«
Als Ken hörte, wie sich Furutas schnelle Schritte weiter entfernten, wandte er sich wieder an die junge Frau. Obwohl er sicher war, dass sie es in der Dunkelheit nicht sehen konnte, schenkte er ihr ein Lächeln.
»Keine Sorge, Hilfe ist unterwegs. Sie sind jetzt in Sicherheit«, sagte er beruhigend, »Wie heißen Sie?«

»T-Tooru Mutsuki…«
»Freut mich, Tooru… Mein Name ist Ken«, antwortete der Polizist und versuchte, das Zittern seiner Stimme zu unterdrücken. Er wollte möglichst behutsam mit dem verstörten Mädchen umgehen, aber er wusste, dass er gleich versuchen musste, möglichst viele Informationen zu erhalten, falls das verletzte Opfer später nicht mehr im Stande sein sollte, auszusagen.
»Kannst du mir sagen, was passiert ist?«, fragte er leise.
»Ich kam aus der Kirche… Ich habe nicht aufgepasst, da bin ich mit diesem Mann zusammengestoßen«, begann die junge Frau zu erzählen, »Ich wollte mich entschuldigen, aber da hat er mich gepackt. Er hat mir den Mund zugehalten. Plötzlich tat mein Bein weh. Er hat zugestochen, zweimal, glaube ich…«
»Was ist dann passiert?«
»…Ich glaube, er hat den Polizisten gesehen. Plötzlich hat er mich losgelassen und ist gerannt… Dann war der Polizist bei mir.«
»Weißt du, wer der Angreifer ist, Tooru?«, fragte Ken angespannt.
»…Nein… Ich kenne ihn nicht… Muss ich jetzt sterben, Herr Wachtmeister?«
Ken schluckte schwer. Die ängstliche Stimme des armen Mädchens ließ die Tränen in seinen Augen wie Säure brennen.
»Nein«, antwortete er mit brüchiger Stimme, »Der Doktor ist gleich da… Ich glaube, ich sehe ihn schon da hinten.«
In Wahrheit konnte er niemanden sehen, doch er wollte Tooru beruhigen. Er hoffte inständig, dass Doktor Kanou sich beeilen würde, während er mit der Befragung weitermachte.
»Tooru, wie hat der Angreifer ausgesehen? Sag mir bitte alles, woran du dich erinnern kannst. Das ist sehr wichtig.«
»Er war groß… weder dick, noch dünn.«
»Was hatte er an?«
»Ich glaube… einen normalen langen Mantel und einen Hut… Tut mir leid, mehr habe ich nicht gesehen.«
»Nicht doch, du machst das gut… Würdest du den Mann wiedererkennen, wenn du ihn siehst?«
»…Ich… Ich weiß nicht… Es war dunkel und es ging so schnell…«

Ken ließ den Kopf hängen. Schon wieder hatte es einen Angriff gegeben und wieder waren die Hinweise zu klein, zu ungenau, zu wenig, um damit dem Täter auf die Spur zu kommen. Juuzou hatte zwar die Verfolgung aufgenommen, aber bei dem Vorsprung, den der Flüchtende hatte, war er sicherlich entkommen. Der einzige Lichtblick war, dass zumindest dieses Mal das Opfer dieses Angriffs überlebt hatte. Dieses Mal war die Polizei nicht zu spät gekommen. Die verstärkten Patrouillen hatten also Wirkung gezeigt und vielleicht ein Leben gerettet…
»Du bist wirklich tapfer, Tooru…«, sagte Ken leise, »Ich bin so froh, dass du lebst…«
»Lieber Herr Polizist!«, hörte Ken plötzlich Furutas atemlose Stimme rufen und blickte auf. Im schwachen Licht einer Straßenlaterne sah er den Reporter und einen anderen Mann näherkommen und atmete erleichtert auf.
»Schau mal, Tooru, der Doktor ist endlich da«, sagte er und stand dann auf, um dem Mediziner Platz zu machen. Als der Polizist die Öllampe nahm und vom Boden aufhob, zog ihr Gewicht viel stärker als sonst an seinem kraftlosen Arm. Er hielt den schwachen Lichtschein über den Körper der jungen Frau, sodass der herbeieilende Arzt besser sehen konnte.
»Guten Morgen«, sagte Dr. Kanou und kniete sich mit seinem Arztkoffer in der Hand an die Stelle, an der eben noch Ken gesessen hatte, »Wo bist du verletzt?«
»Ihr Bein«, antwortete Ken noch vor Tooru, die schwach ihren zittrigen Arm hob und auf ihren linken Oberschenkel deutete. Der Arzt beugte sich über das Mädchen, hob das Bein vorsichtig und schob den Rock nach oben an, um die Verletzungen begutachten zu können.
»Wird sie wieder gesund?«, fragte Ken angespannt.
»Bestimmt. Die Wunden sind nicht so tief«, antwortete Dr. Kanou ruhig und blickte zu dem Polizisten auf, »Hier, halten Sie das Bein hoch, damit ich die Wunde verbinden kann.« Er legte Toorus Kniekehle in Kens Hand und drückte das Bein ein wenig nach außen, ehe er seinen Arztkoffer öffnete und einen langen dünnen Stoff herauszog, den er zügig um die verletzte Stelle des Oberschenkel wickelte.
Ken sah dem Arzt so konzentriert zu, dass er Juuzous Anwesenheit erst bemerkte, als der junge Polizist niedergeschlagen seufzte: »Schlechte Neuigkeiten. Er ist mir leider entwischt.«