Waldgeister

von Deira
GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P16
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
20.05.2020
23.05.2020
2
1.901
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
23.05.2020 1.144
 
Auch hier geht es mit dem nächsten Kapitel weiter. Ich wünsche euch viel Spaß beim Weiterlesen dieser Geschichte. Vielen Dank für die beiden bisherigen Reviews und die Favo-Einträge. Und drei Sternchen. Ich freue mich wirklich. Fühlt euch alle geknuddelt. Virtuell darf man das auch in Corona-Zeiten, von denen ich hoffe, dass ihr sie alle gut übersteht.


Hans, der Holzfäller



„Vorsicht, Baum fällt,“ rief Hans, ein mit einem Holzfällerhemd bekleideter Mann und er und seine Kollegen gingen in Deckung.
Dies war für heute der letzte Baum und am nächsten Tag würde man die gefällten Bäume abholen und ins Holzfällerwerk bringen. Dann würden sie irgendwann zu Möbeln verarbeitet werden, aber damit hatte Hans nichts mehr zu tun. Sein Teil der Arbeit war nun erledigt.

Nachdem der Baum gefallen war sahen sich die fünf Männer erleichtert an. Es war an der Zeit, Feierabend zu machen.

Hans packte seine Motorsäge weg, während seine Kollegen bereits in den Kleinbus stiegen, der sie zurück zu ihrer Firma bringen würden.
„Ich muss noch mal hinter einem Baum verschwinden,“ rief Hans, der Druck auf der Blase spürte, seinen Kollegen zu, die ihn ein wenig ungeduldig ansahen.
„Mach schnell“, forderte einer von ihnen, während Hans grinsend hinter einen Baum schlüpfte.

Er grinste noch einmal, als einer der Kollegen die Hupe betätigte, wahrscheinlich, um ihn zur Eile anzutreiben.

Nun, jetzt würde er sich extra viel Zeit lassen. Hetzen ließ er sich nicht.

Daran dachte er, als er in einiger Entfernung etwas beobachtete. Ein Mensch, wahrscheinlich ein junger Mann, noch dazu unbekleidet, erhob sich vom Boden und schleppte sich mühsam auf einen großen, bereits recht alten Baum zu und er schien Schmerzen zu haben, denn er blieb stehen und krümmte sich kurz zusammen.

Hans hatte sein Geschäft mittlerweile beendet und ging auf den Fremden zu. Hatte er sich verletzt? War er überfallen worden und hatte man ihm seine Kleidung gestohlen? Er griff bereits nach dem Handy in seiner Hosentasche, um die Polizei zu informieren, als sich der junge Mann gegen den alten Baum lehnte und langsam mit diesem zu verschmelzen schien.

Schließlich war nur noch der Baumstamm zu sehen und Hans blieb reglos stehen.

Litt er unter Halluzinationen? War er vielleicht doch nicht rechtzeitig in Deckung gegangen und war ihm der gefällte Baum auf den Kopf gefallen? Anders konnte er sich das Gesehene eigentlich nicht erklären.

„Hans, jetzt komm endlich! Ich will Feierabend machen und muss meinen Zug bekommen!“, brüllte einer seiner Kollegen unterdessen und Hans wandte sich von dem Baum, den er die ganze Zeit über anstarrte ab, um zu den anderen zurückzukehren.
Er stieg in den Bus und die anderen bemerkten, dass etwas nicht stimmte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte Dieter, einer der Kollegen, mit dem er manchmal nach Feierabend ein Bier trank. „Du siehst aus, als hätte ein Baum mit dir gesprochen!“

Hans lächelte schwach und er sah auf seine zitternden Hände. „Nahe dran,“ murmelte er leise und versuchte, sich zu beruhigen. Wenn er jetzt etwas von Menschen erzählte, die mit Bäumen verschmolzen, würde man ihn unweigerlich für verrückt erklären und sich wahrscheinlich bis zu seiner Rente über ihn lustig machen.

Am Abend saß Hans nachdenklich in seinem Wohnzimmer, während seine Frau und seine Tochter, die gerade ihr Abitur gemacht und jetzt eine Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen hatte, sich zu ihm gesellten.
„Papa, ist alles in Ordnung?“, fragte die junge Frau ihren Vater und wiederholte ihre Worte noch einmal, als er nicht reagierte, sondern statt dessen gedankenverloren vor sich hinstarrte.

Ein solches Verhalten war ungewöhnlich für ihn und sie begann sich Sorgen zu machen. Er verhielt sich bereits den ganzen Abend merkwürdig.

„Emilia, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur ein bisschen müde. Heute haben wir sehr viele Bäume gefällt. Wir haben doch im Moment diesen Großauftrag“, sagte Hans, aber seine Tochter schüttelte ein wenig empört den Kopf.
„Ihr holzt diesen schönen alten Wald ab. Das mag ich nicht. Ich habe heute auf einer Unterschriftenliste dagegen unterschrieben. Die hing in der Berufsschule aus. Fast die ganze Schule hat unterschrieben.“

Hans seufzte. Solche Gespräche führte er mit seiner Tochter nicht das erste Mal. „Dein jugendlicher Idealismus ja in allen Ehren, aber wir leben von dem Gehalt dass ich durch diese Arbeit verdiene. Du solltest nicht immer alles so schwarz weiß sehen.“
Sie sah ihren Vater empört an. Emilia war keine fanatische Umweltschützerin, aber die Natur war ihr dennoch wichtig.„Mache ich gar nicht. Wenn ein Wald weg ist, dann gibt es kein Schwarz und Weiß mehr, sondern nur noch ein „weg“ oder „noch da“!“
„Vom ganzen Wald kann ja gar keine Rede sein! Wir sind heute fertig geworden und es sind noch genügend Bäume da!“, verteidigte sich Hans und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er dies tat.

Bislang hatte seine Tochter von seinem Geld und den Überstunden die er häufig machte, um einmal im Jahre eine Woche Urlaub mit der Familie zu machen, auch gut gelebt.“
Seine Frau Regina setzte sich auf seine andere Seite und begann, seinen Rücken ein bisschen zu massieren. „Geh morgen zum Arzt und lass dich ein paar Tage krank schreiben.

„Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Vielleicht brauche ich wirklich ein wenig Ruhe. Sonst fange ich noch an, kleine Wichtel zu sehen“, sagte er und Regina legte ihm eine Hand auf die Stirn. „Also Fieber hast du zum Glück nicht. Daher solltest du keine Wichtel sehen.“

Sie lachte bei diesen Worten und Hans entspannte sich ein wenig. „Ich dachte heute im Wald, als ich gerade Feierabend machen wollte, ich hätte einen nackten Mann gesehen, der mit einem Baum verschmolz.“
Regina sah ihn verständnislos an. „Laufen jetzt schon Exhibitionisten durch den Wald, die kräftige bärtige Holzfäller erschrecken? Eigentlich dachte ich nicht, dass ihr die Hauptzielgruppe solcher Leute seid.“

Zu seiner Erleichterung nahm Regina die Geschichte nicht allzu ernst und jetzt, wo er mit ihr darüber sprach, erschien ihm das Erleben nicht mehr ganz so merkwürdig zu sein. Vielleicht hatte es sich ja wirklich um einen Jogger gehandelt, der dem Freikörperkult frönte. Es gab schließlich nichts, was es nicht gab.

Auf der anderen Seite hatte der Mann gewirkt, als sei er verletzt. Aber vielleicht war er auch einfach nur beim Joggen verschwunden und dann nicht mit einem Baum verschmolzen, sondern hinter diesem Baum und einigen Büschen verschwunden.

Mit dieser Erklärung fühlte er sich deutlich wohler.

Hans und Regina lachten und er drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange, während Emilia aufstand. „Ich gehe in mein Zimmer, ich schreibe ein bisschen mit Ella“, kündigte sie an und hielt ihr Handy hoch.

Aber Emilia wollte keine Nachrichten mit ihrer besten Freundin austauschen, obwohl sie sich dies für einen späteren Zeitpunkt durchaus vorbehielt. Statt dessen stand nun eine Internetrecherche an, denn etwas kam ihr merkwürdig an der Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt hatte, vor. Sie hatte etwas derartige schon einmal irgendwo gelesen, als sie sich intensiver, damals im Rahmen eines Schulprojekts mit dem Thema Wald beschäftigte.
Review schreiben