Olympos

von harmonic
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
20.05.2020
30.06.2020
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19.035
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30.06.2020 1.772
 
Der Sternenkreuzer löst sich aus den Nebeln der Zwillingsplaneten Castor und Pollux. Er taucht aus ihnen hervor, wie einer der Sandwale, aus den Wüsten Fortunas. Weit genug von jenem magischen Ort entfernt, ist sie vermutlich die einzige, die die Assoziation vor dem inneren Auge hat. Die Anderen sehen in ihm nur das, was er auch wirklich ist. Ein metallenes Ungetüm mit mehr Waffen an Bord, als sich vor tausend Jahren auf der Erde befanden.Die zierliche Frauengestalt ist zum Panoramafenster aus Kristallglas gewandt. Ihr Blick verfolgt den Schein der sterbenden Sonne aufmerksam.

„Was haben Sie gesehen?", fragt die raue Stimme aus dem Schatten hinter ihr.
Der hochgewachsene Mann tritt näher. Das rotgoldene Licht verleiht seiner Haut die Farbe purer Bronze. Er trägt ebenfalls die dunkelgraue Uniform der Akademie, dem Polizeiorden, der immer mehr zu einer Armee wurde. Lediglich das Schulterstück verrät, dass er über ihr steht.

„Es ist ein Virus.", entgegnet sie monoton.
„Ist es das?" Er zieht die Stirn in Falten und stellt sich neben sie. „Das ist der Grund, weshalb im Tartaros keine lebende Seele mehr ist?"
„Seele ist ein so schwacher Ausdruck. Passend für euch Lebewesen aus Kohlenstoff."
Er seufzt. „Derzeit besitzt du ebenfalls einen Körper."
„Ich bin nicht darauf angewiesen."
Ein Grinsen huscht über sein Gesicht. „Wir bald auch nicht mehr. Mit deiner Hilfe werden wir die wahren Götter dieses Universums werden. Mit der Fertigstellung der Matryoshka."

„Sie schmeicheln mir, General Marcus Antonius."„Und du faszinierst mich. Jeden Tag aufs Neue, Omnia. Solange alles nach Plan läuft."
„Das tut es. Schon seit viel zu langer Zeit tut es das."
„Und wohin wirst du es als nächstes führen?"
„Dorthin, wo auch er ist. Er und diese Gefängniswärterin ... sie waren doch die einzigen, deren Leichen nicht identifiziert wurden. Das heißt, sie befinden sich auf der Flucht. Dabei ist er der einzige, der uns jetzt noch gefährlich werden kann."
Er tritt einen Schritt zurück und reicht ihr die Hand. "Dann werden wir ihn so schnell wie möglich unschädlich machen, koste es, was es wolle."
Sie fängt ebenfalls an, sich umzudrehen, doch –


Die Welt zerläuft, wie die Farben auf der Palette eines Künstlers. Ich reiße die Augen auf, springe hoch und schaffe es erst nach ein paar Minuten, mich davon zu vergewissern, keine gestaltlose Beobachterin zu sein.Was war das? War es ein Traum? Ich möchte schreien, mir den Kopf raufen und wie verrückt umherlaufen, nur in der Hoffnung, etwas Klarheit zu gewinnen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und merke, wie die Bilder immer mehr in Vergessenheit geraten.

„Scheiße!"
„Was zur Hölle machst du da?" Es ist Caesar.
Er lehnt im Türrahmen und mustert mich verwirrt. Anstelle von Türen gibt es nur Vorhänge aus heller Seide. Was hat er gehört?
„Du hast geschrien.", stellt er ausdruckslos fest.
„Habe ich nicht!" Er tritt an mich heran. Sein Blick trifft meinen.
„Was hast du gesehen?"
„Nichts." Ich weiche seinem Blick aus, will zur Tür gehen. Sein Griff umschließt mein Handgelenk, schmerzhaft fest.
„Was hast du gesehen?"
„Ach jetzt bist du auf einmal interessiert?", zische ich wütend, „Die letzten zwei Wochen hast du dich doch auch nicht blicken lassen! Ich dachte, du wärst ohne mich abgehauen."

„Ich habe es dir doch erklärt: Ich muss einen Plan ausarbeiten."
„Und wie sieht der Plan aus?"
„Das ist in diesem Moment zweitrangig. Was hast du gesehen, Anara?"
Wie oft hat er meinen Namen bereits gesagt? Es fühlt sich seltsam an, ihn aus seinem Mund zu hören. Nicht anders, als einer der vielen Flüche. Ich spüre das Bedürfnis, ihn alleine deswegen schlagen zu wollen.
„E-es war ein Traum. Was gehen dich meine Träume an!" Ich werde rot, will ihn am liebsten anschreien. Verdammt, warum kann er es nicht einfach darauf beruhen lassen?
„Wenn sie in deinen Träumen war, dann alles."
„Lass mich los!"
„Omnia ist mächtig. Du könntest von dem Virus infiziert sein und-"
„LASS MICH LOS!" Ich ziehe meine Hand ruckartig zurück und überwältige ihn mit einem der Verteidigungsgriffe, die wir in unserer Ausbildung gelernt hatten. Meine Faust schnellt, rein aus Reflex, zu seiner Magengrube. Wenige Millimeter davor halte ich inne. Ich ziehe sie zurück, mein Blick bohrt sich in den Seinen.
„Ich habe dich gewarnt.", zische ich.

Doch in seinen Augen liegt nur Belustigung, bevor er in ein leises Lachen verfällt. „Du hast also tatsächlich was drauf. Habe mich schon gewundert, wie du diesen Job bekommen hast. Aber gegen die Monster in deinem Kopf wirst du so nicht gewinnen können."
„Ich habe keine –"
„Du hast von ihr geträumt, nicht wahr? Omnia war da."
Er tritt wieder näher, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Was ist eigentlich dein Problem?", spucke ich die Worte aus, „Ich habe dich nicht darum gebeten, zu fragen! Bring uns hier einfach weg! Mehr verlange ich doch gar nicht!"
Er beugt sich vor. Ich spüre seinen kalten Atem in meinem Gesicht. „Glaub nicht –"
„Du redest hier von Menschlichkeit ... dabei bist du es selbst schon lange nicht mehr.", stelle ich fest.
„Ich bin auch kein Gott."
„Nein." Ich stoße ihn weg. „Aber du hast dich auch darauf eingelassen. Warum bist du nicht schon lange tot, obwohl du doch immer davon redest, dass wir Menschen sind? Menschen sterben! Wir nicht!"
„Weil ich nicht die Ansichten meines Vaters teile." Seine Stimme ist kalt. „Weil ich ein Feigling bin. Aber genau das macht mich zu einem Menschen. Genauso wie du und–"

„Nicht genauso wie ich! Du bist lediglich ein Krimineller! Bis jetzt hast du mir doch immer noch nicht gesagt, warum ich das nicht glauben sollte!"
„Ich habe dir bereits gesagt, dass es schwer zu erklären ist."
„DANN VERSUCH ES DOCH WENIGSTENS!" Mein Herz rast. „Du saßt nicht grundlos so lange in dieser Zelle."
„Du gibst nicht auf, was?" Er spricht leise, beinahe drohend. „Was hast du denn gehört, über mich? Was glaubst du denn, was ich getan habe?"
In Wahrheit weiß ich es. Ich kenne die Geschichte, jeder kennt sie. Zumindest das, was die Geschichtsschreiber uns weismachen wollen. Dennoch hatte ich gehofft, dass es genau das war. Eine Geschichte.
„Du ..." Ich balle die Hände zu Fäusten. „Du bist der Grund für die Königskriege. Damals, als du eine Armee aufgebaut und versucht hast, ganz Neo-Rom zu zerstören. Du wolltest die Herrschaft haben und hast es mit Waffengewalt versucht."
„Und du bist in jeder Hinsicht ein Kind." Er mustert mich abschätzig.
„Bin ich nicht!"
„Du hast es gerade eben bewiesen, wenn du das glaubst, was sie dir erzählen. Die Sieger schreiben die Geschichte."
„Dann erzähl mir, was passiert ist!"Er seufzt, schlägt die Augen nieder und geht an mir vorbei. „Ich habe Fehler gemacht. Aber ich bin nicht der Grund, weshalb dieser scheiß Krieg ausgebrochen ist."
Ich bleibe wie angewurzelt stehen, bis ich mich nicht mehr beherrschen kann und explodiere.
„MIR REICHTS!" Tränen benetzen meine Wangen.
Ich reiße den Vorhang zur Seite und trete hinaus. Nur noch sein Rücken ist sichtbar.
„JETZT DREH DICH WENIGSTENS UM! BLEIB STEHEN!"Er entfernt sich. Ob ihn meine Worte erreichen, weiß ich nicht.
„ICH WERDE WIEDER ZURÜCKGEHEN! ICH WERDE DICH AUSLIEFERN!", schreie ich ihm wütend nach.
Keine Reaktion. Lediglich sein Rücken, der immer mehr verschwindet.

Ich werde diesen Mistkerl verraten! Alles, was ich tat, war ein Fehler. Nun weiß ich es. Ich hätte mit Sharon fliehen, hätte ihn einfach nur sterben lassen sollen.Von der Wut getrieben, stürme zurück in den Raum, den ich bereits zwei Wochen bewohne, und raffe das Nötigste zusammen. Seit der Flucht besitze ich kaum Eigentum, nur das, was mir in der kurzen Zeit geschenkt wurde. Es wundert mich, dass ich es schaffe, den kleinen Rucksack überhaupt mit etwas zu füllen.Wobei diese Sorge im Moment nur nebensächlich ist. Ich will weg. So schnell und weit wie möglich. Ich will zurück nachhause, in mein warmes, kuscheliges Bett. Ich will meine Freunde wiedersehen, meinen Eltern sagen, dass es mir gut geht. Ich will meinen verdammten Ingwer-Mangotee trinken, so als wäre nie etwas passiert. Und ich will denen, die mich in dieses Drecksgefängnis versetzt haben, schlagen. Ins Gesicht, mit aller Kraft, während ich zusehe, wie Caesar für die nächsten tausend Jahre weggesperrt wird!

Aber wie? Technologie existiert auf diesem Planeten kaum, Raumschiffe und Sonden erst recht nicht. Caesar sagte das bei unserem Gespräch in der Kathedrale. Hätten die Anwohner mir nicht das Gleiche gesagt, würde ich glauben, er hätte mich angelogen. Ich überlege angestrengt, bis mir plötzlich eine Idee kommt.

„Kerberos ist noch immer in der gestrandeten Kapsel, irgendwo im Dschungel. Und an deiner Stelle würde ich nicht nach ihr suchen."

Warum wohl? Damit sie mir nicht helfen kann, alles wieder geradezubiegen? Ich werde sie finden. Mit diesem Entschluss lasse ich das Zimmer hinter mir und breche auf.Einige der Priesterinnen helfen mir, den Weg bis zur untersten Instanz des Bauwerkes zu finden, welche unter der Kathedrale in den Fels geschlagen wurde. Sie verraten mir sogar, in welcher Richtung sich das Wrack befindet. Um eine Warnung komme ich jedoch nicht herum.

„Du solltest aufpassen.", murmelt Akasha.
Sie war bei mir, als ich vor zwei Wochen aufgewacht bin.
„Ich werde so schnell wie möglich zurück sein." Ich umklammere den Blaster in meinen Händen, so fest, dass es wehtut.
„Du willst wirklich keine Begleitung?"
„Nein."
„Wir akzeptieren deine Wünsche ... allerdings ist es mehr als lebensmüde, was du unternehmen willst."
„Ich will Niemanden in Gefahr bringen." Ich bereite den Seilzug vor, mit welchem ich mich in wenigen Minuten in den Dschungel unter meinen Füßen stürzen werde. „Oder habt ihr die Technologie, um mich sicher zum nächsten Posten der Akademie zu bringen?"
Sie schüttelt den Kopf. „Sei vorsichtig."
„Ich habe gelernt, wie man Kämpft. Waffen habe ich auch." Ich deute auf das Jagdmesser an meinem Gürtel und die Strahlenpistole in meiner Hand. „Jeder, der sich mit mir anlegt, hat ein ernsthaftes Problem."
Ich wünsche, ich würde tatsächlich so viel Selbstvertrauen besitzen. Stattdessen habe ich Angst, begründet. Doch ich versuche, sie so schnell wie möglich herunterzuschlucken.
„Bis später." Ich lächle und drehe mich um.
Für nur einen Moment denke ich an meine Mutter. Genauso schnell habe ich mich auch von ihr verabschieden wollen. Ich hasste lange Abschiede. Ob sie schon wusste, dass ... Ich darf nicht daran denken! Bald wird alles wieder normal sein. Ich packe den Seilzug und springe hinab, geradewegs ins Unbekannte.