Let Me Guide You

GeschichteRomanze / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
20.05.2020
03.07.2020
18
51.894
7
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Dieses Kapitel
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30.06.2020 2.000
 
Anmerkung:

Ach Leute, weil es so schön war, folgt gleich noch ein Kapitel. Nach dem vielen Sex und er guten Portion Emotionen ist es mal an der Zeit für ein kleines bisschen Fluff, findet ihr nicht auch?

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Molly erwachte als Sherlock neben ihr genervt seufzte. Sie schlug die Augen auf und brauchte einen kurzen Moment, um sich zu orientieren. Das Licht auf Sherlocks Nachttisch brannte immer noch, das Bett war völlig zerwühlt und ihre Haarspangen quer über das Laken verteilt. Es musste dringend frische Luft ins Zimmer.

„Was ist?“, fragte Molly müde und rieb sich das Gesicht.

„Mycroft ist hier“, sagte Sherlock, dessen Stimme kurz nach dem Aufwachen noch eine Spur tiefer klang als gewöhnlich. Molly riss erschrocken die Augen auf.

„Was??“

„Mycroft ist hier“, wiederholte er. „Ich sehe es am Lichteinfall im Flur. Er lässt die Wohnzimmertür immer in einem bestimmten Winkel geöffnet.“

Molly war schlagartig hellwach.

„Sherlock, meine Kleidung liegt im Flur!“, sagte sie fast panisch.

„Oh, ich bin sicher, er weiß nicht nur anhand deiner Kleidung, dass ich Besuch habe.“

Er grinste verschmitzt und schwang sich widerwillig aus dem Bett. Molly erhielt einen ungehinderten Blick auf seinen festen Po, als er zu seinem Kleiderschrank ging. Mit seiner After-Sex-Frisur sah er noch unwiderstehlicher aus als sonst, während Molly wahrscheinlich eher einer Vogelscheuche glich.
Er fischte ein T-Shirt und eine Unterhose aus seinem Schrank und warf beides Molly zu.

„Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt T-Shirts besitzt“, sagte sie und grinste. Er erwiderte kommentarlos das Lächeln, sprang in eine Unterhose und warf sich seinen Morgenmantel über. Dann fuhr er sich mit den Händen durch die Haare und Molly seufzte unwillkürlich. Der Anblick war unheimlich sexy. Sherlock warf ihr einen vielsagenden Blick zu, dann ging er aus dem Zimmer und lief über den Flur.

Molly zog sich notdürftig an und öffnete das Fenster. Dann schlich sie sich in das Bad, um die Toilette aufzusuchen und sich vom Sex zu reinigen. Sie hatte leichte Kopfschmerzen und sah ein wenig zerknittert aus, als sie in den Spiegel schaute. Sie kämmte sich schnell die Haare und hoffte, dass ihre Katzenwäsche ausreichte, um Mycroft gegenüber zu treten.

Dann schlich sie in das Wohnzimmer. Mycroft saß auf Johns altem Sessel und spielte an seinem Schirm. Warum um alles in der Welt schleppte er ständig diesen Schirm mit sich herum?

„Molly. Wie... unerwartet... Sie zu sehen“, sagte er und lächelte süffisant. Sein herablassender Blick scannte ihre komplette Erscheinung. Molly hatte augenblicklich das Bedürfnis, ihm eine reinzuhauen.

„Wirklich? Es überrascht mich, dass Ihnen mein Kleid und meine Schuhe auf dem Korridor entgangen sind. Ich hatte geglaubt, Sie wären besser im Deduzieren als Ihr kleiner Bruder.“

Zu Mollys Genugtuung entglitt ihm das Gesicht. Arschloch. Sherlock grinste zufrieden, während er ein Glas Wasser aus der Küche holte. Zusammen mit einer Tablette drückte er es Molly in die Hand. Wie hatte er bitte bemerkt, dass ihr Kopf schmerzte?

„Danke“, flüsterte sie leise und schluckte schnell die Pille hinunter.

„Was führt dich her, Mycroft? An den Drogen kann es dieses mal nicht liegen“, sagte Sherlock gastunfreundlich. In dem Wohnzimmer sah es aus wie im Schweinestall. Während Molly dem Gespräch lauschte, öffnete sie die Fenster und machte ein bisschen Ordnung.

„Mutter lässt grüßen“, antwortete Mycroft nur und genoss die Reaktion seines Bruders, der stöhnend und genervt die Arme in die Luft warf.

„Oh Nein, Mycroft. Du bist dran“, sagte Sherlock abwehrend, aber nicht sehr überzeugend.

„Ich bin schon die letzten beiden Male mit ihnen ausgegangen, als du diesem Richardson auf der Fährte warst. Im Übrigen haben wir diesen Freitag eine wichtige Besprechung, ich bin also leider unabkömmlich“, sagte Mycroft.

Sherlock seufzte.

„Wo soll es diesmal hingehen?“, fragte er resigniert und ließ sich auf seinen Sessel fallen. Molly konnte nicht fassen, was sie da hörte. Man hätte meinen können, es ging um den ersten Bissen eines schlecht zubereiteten Kugelfischs.

„Covent Garden. Sie wollten die neue Ausstellung im Somerset House besichtigen“, antwortete Mycroft. Sherlock stöhnte erneut.

„Das ist ja nicht mal etwas, was für einen neuen Fall interessant sein könnte! Außerdem hasst Dad Ausstellungen. Er wird wieder den ganzen Abend Interesse vortäuschen und...“

„Ja, Sherlock! Genau wie du!“, schaltete sich Molly ein und warf die soeben ordentlich gefaltete Decke auf das Sofa.

Erschrocken fuhren die Holmes-Brüder zusammen und starrten sie entgeistert an. Molly war wütend. Wirklich wütend. Sie hatte ihre Eltern vor Jahren verloren und hätte alles dafür gegeben, mit ihnen noch einmal in eine langweilige Ausstellung zu gehen. Sie fühlte sich manchmal so verdammt alleine auf dieser Welt - vor allem ohne ihre Mutter. Weder Mycroft noch Sherlock wussten, was für ein Glück sie eigentlich hatten.

„Sie mussten euch zwei undankbare Bälger groß ziehen. Zeigt gefälligst ein bisschen Respekt!“, schimpfte sie und knallte die benutzen Gläser und Tassen der restlichen Tage auf den Küchentisch. Dann ließ sie Waschwasser in die Spüle laufen.

„Was hast du letzte Nacht...“

„Halt die Klappe, Mycroft!“, rief Sherlock drohend und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Molly weichte geräuschvoll das dreckige Geschirr ein und versuchte sich wieder zu beruhigen.

Mycroft erhob sich schließlich und machte Anstalten zu gehen. Molly nickte ihm nur knapp zu, als sie ihre Hände in das etwas zu heiße Wasser tauchte. Dann verschwand er aus der Tür.

Sherlock setzte sich an den Küchentisch und beobachtete sie still, während sie sein dreckiges Geschirr wusch. Molly war die Situation plötzlich unangenehm. Sie hatte kein Recht, sich in das Familienleben der Holmes einzumischen.

„Entschuldige“, murmelte sie kleinlaut ohne ihn anzusehen.

„Begleite mich“, sagte er völlig unerwartet. Molly wirbelte herum.

„Was?“, fragte sie ungläubig.

„Du vermisst sie. Deine Eltern. Deine Familie. Begleite mich.“

Molly studierte sein Gesicht aufmerksam. Sie war gerührt von seinem Vorschlag und schluckte schwer, als Bilder von früheren Zeiten vor ihrem geistigen Auge aufflackerten. Doch dann runzelte sie die Stirn. So selbstlos war er schlichtweg nicht.

„Du willst mich nur dabei haben, um nicht mit ihnen reden zu müssen“, sagte sie schneidend.

Sherlock versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber der kurze Blick zur Seite verriet ihn. Molly wandte sich enttäuscht ab und wieder dem Geschirr zu. Sie hörte, wie sich Sherlock erhob und langsam näher kam. Er strich ihre Haare zur Seite und hauchte ihr einen Kuss auf den Nacken.

„Ich denke, es hätte Vorteile für uns beide. Sogar für meine Eltern. Vielleicht zerschlägt das ihre Sorge, ihr jüngster Sohn sei homosexuell“.
Molly musste unwillkürlich kichern. Letzte Nacht hatte er eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen.

„Moment“, sagte sie. „Ich soll vorgeben, ich sei deine...“

„Ja“, sagte Sherlock, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Er räusperte sich verlegen. Molly wusste im ersten Augenblick nicht, was sie davon halten sollte.

„Überleg es dir. Ich geh erst einmal runter ins Speedys und hole uns Frühstück“, sagte er ruhig und verschwand.

Molly lächelte. Irgendwie war der Gedanke verlockend...

***

Freitagabend.

Sherlocks Eltern waren göttlich! Molly hätte nie gedacht, dass sie so … normal... und überaus zuvorkommend sein würden. Sein Vater schien der liebevollste Ehemann der Welt zu sein. Er war so aufmerksam und rücksichtsvoll mit seiner Frau und sein Lächeln derart warmherzig, dass ihr das Herz aufging. Sie konnte gar nicht anders, als ihn zu mögen.

Und Margaret Holmes schien regelrecht aufzublühen in Mollys Gesellschaft. Sie verstanden sich prächtig und Molly erkannte viele Parallelen zu ihrer eigenen Mutter. Sie fühlte sich unheimlich aufgehoben und konnte nicht nachvollziehen, warum die Holmes-Brüder mit so wundervollen Personen keine Zeit verbringen wollten.

Sherlock hatte mit seiner Einschätzung völlig recht behalten: Alle Beteiligten profitierten auf ihre eigene Weise voneinander. Obwohl Molly in London lebte, war sie nie in die Verlegenheit gekommen, das Somerset House zu besuchen. Ihre Unwissenheit veranlasste Margaret dazu, Molly alles zu erzählen, was sie wusste und fand damit in ihr einen interessierten Gesprächspartner, ohne ihren Mann belästigen zu müssen. Vater und Sohn waren den schnatternden Frauen folgsam hinterher getrottet, ohne der Ausstellung besondere Aufmerksamkeit zu schenken und dafür gerügt zu werden.

Molly hatte sich am Anfang etwas unwohl gefühlt, die Schwiegertochter vorzuspielen, die sie eigentlich nicht war. Es fühlte sich falsch an, derartig zu lügen, aber nachdem sie sich erst einmal in ihre Rolle hinein gefunden hatte und bemerkte, wie glücklich Sherlocks Eltern waren, ließen die Gewissensbisse etwas nach.

Das Beste an der Sache war allerdings, dass sie wirklich alle Vorteile genoss, die eine – wenn auch vorgegaukelte - Beziehung mit sich brachte. Sie konnte sich in Sherlocks Armbeuge einhaken oder mit ihm Händchen halten, wann immer ihr der Sinn danach stand. Sie legte sogar ihren Kopf an seine Schulter oder küsste ihn kurz entschlossen auf den Mund, wenn die Situation es zuließ.

Natürlich entging es ihr nicht, dass sie damit Sherlocks Unmut erregte. Manchmal musste sie sich auf die Zunge beißen, um nicht zu kichern, denn sie machte sich einen Spaß daraus, hin und wieder zu dick aufzutragen. So hatte sie zum Beispiel während des Abendessens in einem schicken Restaurant verliebt mit seinen Fingern gespielt oder ausschweifend davon berichtet, wie sie sich kennen gelernt hatten.

Der Höhepunkt des Abends war allerdings, als Mr. Holmes davon berichtete, dass ihm bald ein kleiner chirurgischer Eingriff bevor stand und das Ehepaar leider ihren Kurztrip nach Sussex nicht antreten konnte. Nachdem Molly auch noch betont hatte, wie sehr Sherlock eine kleine Auszeit bräuchte, hatten sie die Reise kurzerhand an ihren Sohn übertragen und ihn dazu angehalten, sich ein paar schöne Tage mit seiner neuen Freundin zu gönnen.

Sherlocks Hand hatte sich unter dem Tisch in Mollys Bein gekrallt in dem Versuch, sie endlich zu stoppen. Seine Kiefermuskeln waren so derart angespannt, dass Molly kurz befürchtete, sie höre gleich ein Knacken seiner Knochen. Aber das war es wirklich wert gewesen. Warum sollte immer nur ein Sherlock Holmes zu seinem eigenen Vorteil handeln?

Nach dieser kleinen Gemeinheit hielt sich Molly allerdings tatsächlich etwas zurück. Man sollte bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Nach dem Essen verabschiedeten sich Sherlocks Eltern überschwänglich und Molly dankte ihnen aufrichtig für den wunderbaren Abend. Dann bestieg sie das Taxi und gab dem Fahrer ihre Adresse durch.

„Molly Hooper!“, knurrte Sherlock sofort neben ihr, als sie alleine waren. Sie hatte erwartetet, dass er ihr das heutige Verhalten nicht ungesühnt durchgehen ließ.

„Deine Eltern sind wundervoll“, sagte sie, als sei nichts geschehen und als hätte sie Sherlocks Ärger nicht bemerkt, obwohl er beinahe die Zähne fletschte.

„Sussex? Was bitte will ich denn in Sussex?“, fragte er ungehalten und funkelte sie wütend an. Molly konnte ein Lachen nicht länger zurückhalten.

„Da ist es bestimmt... romantisch“, sagte sie. Das war doch genau das Richtige für jemanden wie Sherlock Holmes. Ein Cottage in der Einöde und Sonnenaufgänge am Strand. Fehlte nur noch das weiße Pferd.

„Ich brauche keine gähnende Langeweile des Landlebens, sondern das Pulsieren einer Großstadt. Ich brauche London!“, intervenierte er streng. Die Adern an seinem Hals traten sichtbar hervor.

„Oh bitte,  ich dachte John hat damit seinen Blogartikel nur literarisch aufgewertet“, sagte Molly, biss sich aber sogleich auf die Zunge, als sie Sherlocks vernichtenden Blick bemerkte.

„Das hat dir Spaß gemacht, nicht wahr?“, fragte er bedrohlich, dennoch konnte Molly nicht anders, als ihn zu bestätigen: „Und wie!“ Sie kicherte.

Sherlock schaute verärgert aus dem Fenster, die Knöchel seiner Hand traten weiß hervor, als er sie zur Faust ballte. Hatte Molly sich tatsächlich zu weit aus dem Fenster gelehnt?

„Ach komm schon, Sherlock. Es sind nur wenige Tage in Sussex. Außerdem war der Abend doch ganz nett. Immerhin habe ich den Großteil der Unterhaltung übernommen“, versuchte sie es sanfter. Wieso regte er sich eigentlich so auf? Es würde ihn nicht umbringen! „Deine Eltern waren heute sehr glücklich“, setzte sie nach, um ihn an die eigentliche Intention zu erinnern.

Er sah sie immer noch scharf an, aber immerhin schienen sich seine Züge etwas zu entspannen. Molly schwieg lieber die restliche Fahrt, um nicht noch mehr Salz in die Wunde zu streuen. Fast bereute sie ihre eigennützige Aktion - aber eben nur fast.

Sherlock hatte sich ansonsten als potentieller Freund gar nicht so schlecht geschlagen und wer hätte schon gedacht, dass Molly je in den Genuss kommen würde, ihn so zu erleben, auch wenn es nur für einen Abend und rein hypothetisch war...
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