10.00 Uhr am Tor

OneshotAngst, Familie / P16
Mama Isabella Ray
20.05.2020
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10.00 Uhr am Tor

Ray betrachtete den kleinen, ordentlich gefalteten Zettel, den er aus seiner Hosentasche gezogen hatte. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie das Papier zu ihm gekommen war, noch von wem es stammte.

10.00 Uhr am Tor

Von einem seiner Geschwister kam das bestimmt nicht. Die meisten schafften es kaum ihren Namen richtig schreiben, die älteren, die es wohl konnten, würden ihn nie und nimmer dorthin locken. Immerhin war es ihnen verboten, in die Nähe des Tores zu kommen. Keiner seiner Geschwister würde ihm solch einen makaberen Streich spielen.

Der Zettel war also von Mama.

Ray strich leicht über das Papier, hielt es sogar über seine Nachttischlampe, auf der Suche nach einer versteckten Botschaft. Er fand keine. Vier Ziffern und drei Worte, mehr nicht.
Der Junge sah hinauf zur Uhr im Schlafsaal. Gleich halb zehn. Er würde sich beeilen müssen, wollte er rechtzeitig kommen. Zu was kümmerte ihn erst einmal nicht, als er in seine Stiefel schlüpfte und sich seine Jacke nahm.

Wenn Mama ihm geheime Botschaften sandte, würde es wohl etwas Wichtiges sein.

Die anderen Kinder ließen derweil den Abend ausklingen, Susan, eines der älteren Mädchen, las Don und Gilda eine Gute-Nacht-Geschichte vor; Marcus, zehn Jahre alt, aber im Herzen kaum älter als drei, brachte die Winzlinge Anna und Hao mit den unmöglichsten Grimassen zum Lachen. Alle waren mit den trivialsten Dingen beschäftigt, sei es bereits in seligen Schlummer versunken zu sein oder sich anderweitig den Abend zu vertreiben. Trotzdem sah Susan, wie Ray unbemerkt den Schlafsaal verlassen wollte.

Nun, zumindest beinahe unbemerkt.

„Wo willst du denn noch so spät hin?“, rief sie ihm einmal quer durch das Zimmer zu, und urplötzlich war es mucksmäuschenstill geworden, wie die Kinder verstummten und alle Augen sich auf ihn richteten.

Eine Sekunde lang überlegte Ray, ihnen alles von Mamas Zettel zu erzählen, den er fest in seiner Faust verschlossen hielt; dann lächelte er Susan so unschuldig wie er nur konnte an und entgegnete: „Ich gehe nur noch einmal in die Bibliothek. Mir ein Buch holen.“

Auf dem Gesicht seiner großen Schwester erschien gleichfalls ein Lächeln, wie sie ihr eigenes Buch wieder zur Hand nahm und ihm verständnisvoll zunickte. Die anderen widmeten ihre Aufmerksamkeit ebenfalls ihren eigenen Angelegenheiten. Ray, der ein Buch las, war weder ein neuer noch ein besonders aufregender Anblick.

In den Fluren des Waisenhauses herrschte mittlerweile eine bedrückende Dunkelheit, doch Rays Augen gewöhnten sich schnell daran. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, sich von irgendwoher eine Lampe zu besorgen. Auf dem Weg zum Tor würde er keine benötigen, war es wohl alles andere als ratsam, noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mama sagte immer, ihnen wäre es verboten zum Tor zu gehen. Dass sie Ray von sich aus dorthin befahl, war eindeutig genug für ihn.

Das Gras unter Rays Stiefeln knirschte, als er über die Wiesen und Hügel rannte. Die Temperaturen waren den gesamten Tag über schon nur einstellig gewesen, inzwischen lagen sie wohl unter dem Nullpunkt. Nicht weiter ungewöhnlich. Es war tiefster Winter, eine wolkenlose Nacht im Januar.

Des fünfzehnten Januars.

Sein großer Bruder Percy hatte heute das Waisenhaus verlassen und bei einer liebenden Familie ein neues Zuhause gefunden.

An Rays sechstem Geburtstag.

Dem Tag, an dem er Mama eine Geburtstagsüberraschung bereitet hatte.

Das verbotene Tor, hohe Steinmauern und Türme, kam schnell näher. Ray rannte nun nicht mehr, ging aber eines zügigen Schrittes. Sein Atem bildete weiße Wölkchen in der Luft, doch er fror nicht. Sein Lauf hierher hatte ihn aufgewärmt, überhaupt war ihm den ganzen Tag über warm gewesen, trotz des Winterwetters. Er war eben nicht so fragil wie manche seiner Geschwister, die immerzu kränkelten.

Alles war still, schon beinahe totenstill, als Ray vor dem Tor stehen blieb. Nicht wie sonst war es von kalten, harten Eisenstangen versperrt, sondern offenbarte ihm einen unendlich dunklen Eingang, wie das aufgerissene Maul eines Monsters aus Susans Märchenbüchern, bereit ihn zu verschlingen.

Ray schüttelte unwirsch den Kopf. Unsinn. Das war nur ein dunkler Tunnel, nichts weiter. Leer und geformt aus Stein und Lehm, nicht Fleisch und Reißzähnen, führte er…
Der Junge ballte die Hände zu Fäusten. Wohin dieser Weg führte, er wusste es wohl. Hatte es nie vergessen.

Was gäbe Ray dafür, vergessen zu können.

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür holte ihn zurück in das Hier und Jetzt; mit klopfendem Herzen verschwand er vom Tor, presste sich gegen die Steinwand, den Blick zum Tunnel gewandt.
Licht erhellte mit einem Mal die Dunkelheit, erneut erklang das Geräusch der Tür, die sich wohl wieder schloss. Schritte näherten sich ihm, das Licht, kalt und dumpf kroch zu ihm, und-

„Wo versteckst du dich?“

Mamas Stimme war leise; nicht unfreundlich, aber bestimmt. Ray schluckte. Hatte er also richtig gelegen. Kurz überlegte er noch, zu schweigen, sich abzuducken in der Hoffnung, sie sähe ihn nicht, und der Zettel in seiner Hand wäre nichts weiter als ein makaberer Kinderstreich.

Ray trat in das Licht der Lampe, Mama wachsam anfunkelnd.

„Ich bin hier. Wie du es wolltest.“

Isabella blickte kühl auf ihn herab, ein Ausdruck, dem sie ihm allein schenkte. Und das auch erst seit dem heutigen Tag. Es war wohl so etwas wie ein Geburtstagsgeschenk, mutmaßte Ray.
Dann verzogen sich ihre Lippen zu dem wohlbekannten Lächeln, ihre dunklen Augen wurden freundlicher, offener.
Und das, obwohl sie einmal mehr ihre Maske aus Falschheit und Lügen trug.

„Komm“, sagte sie und wandte sich abermals dem Tor zu.
„Ich möchte dir etwas zeigen.“

Ray folgte ihr, seine Hände in den Hosentaschen vergraben. Es war kindisch, doch sie sollte nicht sehen, dass sie zitterten.

Nicht vor Kälte.

Nicht vor Angst.

Nur wegen Mama.

Das Licht ihrer Laterne eröffnete eine neue Sicht der Dinge für Ray. Alles, was zuvor im Schatten gelegen hatte, im tiefsten Winkel seiner Erinnerung vergraben war, kam erneut zum Vorschein.
Es machte es nicht besser, oh nein. Dumpfe Backsteine, die sich über im zu einem Bogen formten, bröckelnd und geschwärzt; triefende Feuchtigkeit, die von der Decke auf den Boden herabtropfte und dort versickerte. Der Geruch von Erde und Wasser und Öl, fern, aber dennoch stechend präsent.

Es war alles wieder da. Ray war wieder da. Nur diesmal führte Mama ihn nicht ins Licht.

Sie führte ihn in ihre Dunkelheit.

Mama blieb vor einem Laster stehen, der beinahe den gesamten Platz im Gang einnahm, den Rücken zum Gefährt wendend. Eine dunkle Plane verdeckte den hinteren Bereich des Lasters, ein hölzerner Hocker befand sich dort, wirkte seltsam fehl am Platz.
Ray schluckte, blickte auf zu Mama, doch das Licht der Laterne blendete ihn. Es war zu hell, zu stechend in seinen Augen, die nichts als Finsternis gewöhnt waren.

Mit ihrer freien Hand zeigte Mama auf den Hocker, bedeutete ihm wohl, jenen zu betreten. Etwas in Ray verkrampfte sich, als er einen Schritt nach vorne trat, aber schließlich zögernd davor stehenblieb.

„Nun komm schon“, befahl Mama, und ihre Stimme hallte von den kahlen Wänden wider, jedes Echo eindringlicher als das vorherige.
„Steig auf. Es gibt etwas, das du sehen solltest.“

Die jeden Tag im Schwierigkeitsgrad ansteigenden Tests, sie waren leichter.

Vor Emma auf den höchsten Baum zu flüchten, wenn sie mal wieder mit ihm Fangen spielen wollte, war leichter.

Seine Frage an Mama, sogar sie war leichter gewesen.

Alles leichter, als seinen Körper zu zwingen, sich zu bewegen, einen Fuß auf den Hocker zu setzen, sich hochzustemmen, den anderen nachziehend. Den Kopf zu erheben, die Finger auf das kalte Metall des Lasters legend. Zu warten, bis Mama neben ihn trat, eine Hand zur Plane führte, und sie fortzog.

Ray zuckte zusammen.

Sein Atem stockte.

Sein Gesicht verlor jegliche Farbe.

Percys braune Augen starrten ihn an.


.

.

.


„Warum haben wir eigentlich alle andere Augen?“

Rays Nasenspitze lugte aus dem Buch in seinen Händen hervor, wie er diese Frage vernahm. Er hatte es sich unter einem der langen Esstische des Waisenhauses gemütlich gemacht, war sein gewohnter Platz im Schatten der Bäume durch den Dauerregen der letzten Tage momentan unbesitzbar. Zwar war der blanke Holzboden auch nicht sonderlich weich, und hin und wieder segelte ein Fuß haarscharf an seinem Kopf vorbei, doch dafür hatte er wenigstens seine Ruhe beim Lesen.

Nun, zumindest bis eben.

„Keine Ahnung! Das ist mir bisher nie aufgefallen!“, ertönte Emmas quietschende Stimme von oberhalb des Tisches, und Ray duckte sich gerade noch rechtzeitig unter ihren wild baumelnden Beinen weg, den Blick starr auf die Buchstaben in seinem Buch gerichtet.

„Na, schau mal“, erklärte Percy, einer ihrer älteren Brüder.
„Du hast grüne Augen, Norman aber blaue. Und meine sind braun. Ist doch komisch.“

„Wir haben auch ja auch alle unterschiedliche Haar- und Hautfarben“, fuhr Norman weiter aus. Im Gegensatz zu Emmas bewegte sich sein Körper keinen Millimeter, während er neben ihr auf dem Stuhl saß, wie Ray nebenbei feststellte.

„Ja stimmt! Aber warte mal...“ Ray überlegte noch, ob es ihm gelingen würde, eine Reihe weiter nach drüben zu krabbeln, aber da war es schon zu spät. Ein verstrubbelter, leuchtend orangener Haarschopf tauchte unter dem Tisch auf, inklusive des dazugehörigen Dauergrinsens und aufgeregt funkelnder Augen.

„Raaay!“ Emmas quengelnde Stimme war hier unten sogar noch durchdringender als üblich, sodass der Junge entnervt aufseufzte.
„Ray, steht das in deinem Buch? Warum wir alle anders aussehen?“

„Weiß nicht“, gab er schroff zurück, hinter den dicken Buchdeckeln verborgen.
„Ihr lasst mich ja nicht vernünftig lesen bei eurem Geschnatter.“

Neben Emmas wild wippender Birne tauchte nun auch noch das blasse Gesicht Normans auf, der wie immer das Lächeln einer Sphinx auf den Lippen trug.

„Du liest doch gerade ein Lexikon“, stellte Norman fest.
„Lass uns gemeinsam nach der Antwort suchen.“

Ray wollte erst entgegnen, wenn sie etwas wissen wollten, dann sollten sie sich gefälligst ihr eigenes Lexikon besorgen; als sich aber auch noch Percy zu ihm nach unten beugte und ihm lachend seine Zahnlücke präsentierte, klappte er sein Buch seufzend zu.
Es war wohl hoffnungslos, war er doch umzingelt.

Mit einem gehörigen Knall ließ Ray das alte, in Leder gebundene Lexikon auf die Tischplatte fallen, dass es nur so staubte. Ohne lange zu überlegen huschten seine Finger durch die Seiten, bis sie bei M wie Melanin angekommen waren.

„Melanin ist ein Pigment, das die Färbung von Haaren, Haut und Federn bewirkt“, las Ray vor.

„Aber wir haben doch gar keine Federn!“

„Vielen Dank für diesen Einwand, Emma“, knurrte Ray und warf ihr einen Blick zu, der zwar nicht ihr Lächeln verscheuchte, aber sie wenigstens den Mund halten ließ.
„Die meisten Neugeborenen mit heller Hautfarbe haben zu Beginn meist blau erscheinende Augen, da das Melanin, welches die spätere Färbung beeinflusst, noch kaum vorhanden ist. Babys mit dunklerem Hauttypus werden in der Regel bereits mit braunen Augen geboren. Abhängig ist die Augenfarbe grundsätzlich von den Genen, welche den Melaningehalt bestimmen.“

„Aha. Dann lässt sich also schlussfolgern, dass unser Aussehen von der Zusammensetzung und der Häufigkeit der Pigmente zusammenhängt“, schloss Norman, als Ray geendet hatte.
„Dann hat sich wohl in meinem Körper nicht besonders viel Melanin angereichert, in Emmas ebenfalls nicht, aber schon mehr als bei mir. Und bei dir, Percy, kann man davon ausgehen, dass du von Geburt an braune Augen hattest, anders als wir.“

„Uff.“ Percy ließ seinen Kopf auf die Tischkante sinken und ließ ihn dort liegen, während er seine jüngeren Geschwister mit gerunzelter Stirn musterte.
„Habt ihr das gerade echt verstanden?“

Emma und Norman nickten einstimmig, während Ray sich seine Antwort sparte. Er hatte den Abschnitt vorgelesen und bereits in seinem Gedächtnis abgespeichert. Selbst wenn er es nicht verstünde – was er durchaus tat – so könnte er es dennoch ohne Probleme wiederholen.

„Ihr seid wirklich unglaublich. Kein Wunder, dass eure Testergebnisse jeden Tag besser werden“, murmelte Percy und pustete eine Locke hinfort, die ihm auf die Nase gerutscht war.
„Ich hätte auch gerne mal so viel Grips wie ihr drei. Oder so schöne bunte Augen.“

„Bei letzterem können wir dir leider nicht helfen“, entgegnete Norman, wie eh und je sanft lächelnd.
„Aber wir können ja zusammen lernen, damit deine Ergebnisse besser werden. Ich bin mir sicher, in dir steckt genauso viel Köpfchen wie in uns.“

„Außerdem“, warf Emma ein und kletterte fast auf den Tisch, um Percys Gesicht in ihre kleinen Hände zu nehmen, „außerdem musst du gar nicht neidisch sein! Du hast so schöne braune Augen! Deine sehen aus wie, wie...“

„Wie die Rinde einer Eberesche“, schlug Norman vor.

„Wie Schokoeis!“, gab Emma zu bedenken.

„Oder wie die Matschpfützen draußen im Regen“, kam es von Rays Seite.

„Wie die Matschpfützen...“ Emma pustete empört ihre Backen auf und zog eine Schnute.
„Du bist echt so unromatisch! Percys Augen sind viel schöner als Pfützen. Überhaupt, was hast du eigentlich für eine Augenfarbe?“

Rays Grinsen, das ob Emmas Aufregung sein Gesicht erobert hatte, verschwand ebenso schnell, wie es gekommen war. Drei Augenpaare suchten die seinen, wissbegierig dreinschauend, forschend, ahnend.

Oh nein.

Alles, nur nicht-

„Irgendwie… auch braun?“, rätselte Percy und rückte näher an Ray heran, angestrengt nachdenkend.
„Nein, eher so grün oder dunkelblau, aber auch irgendwie grau...“

„Komisch, deine Augenfarbe.“ Emma ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen und grinste erneut ihr typisches Emma-Grinsen.
„Aber ich mag sie trotzdem, deine Augen. Weil wir alle so schön anders aussehen!“

Norman und Percy stimmten ihr zu; das Gespräch der drei Kinder schweifte ab zu belangloseren Themen, die nichts mit ihrer vorherigen Unterhaltung zu tun hatten.

Ray aber saß stocksteif vor seinem Buch, die Hände über die Seiten gelegt. Er nahm nur noch nebenbei wahr, wie seine Geschwister miteinander sprachen, gemeinsam lachten, ahnungslos, wie sie waren. Sein Herz aber klopfte so schnell und laut in seiner Brust, er fürchtete, sie könnten es hören.
So knapp. Viel zu knapp. In Zukunft musste er besser aufpassen, die Aufmerksamkeit nicht darauf zu ziehen. Sein Geheimnis war nur so lange eines, wie es ihm allein gehörte.
Nachdenklich zwirbelte Ray eine Haarsträhne zwischen seinen Fingern. Vielleicht sollte er sich über beide Augen die Haare kämmen, damit sie wirklich niemand mehr sehen konnte. Aber er selbst würde dann auch nichts mehr sehen können…
Leise fluchend schnappte Ray sich sein Lexikon und verzog sich wieder unter den Tisch. Er hasste es so sehr. Hasste, wie er aussah; dass seine Haare schwarz wie Pech waren und seine Augen mit stechendem Blick die Welt betrachteten. Dass sie so dunkel waren wie die ihrigen…

Ray wünschte, er hätte so freundliche grüne Augen wie Emma, so klare blaue wie Norman. Augen wie Percy, so braun wie die Rinde einer Eberesche oder Schokoeis, so warm und voller Leben.

.

.

.

Percys braune Augen starrten ihn an.

Leer.

Kalt.

Tot.

Seine Füße traten nach hinten, seine Hände ließen das kalte Metall des Lasters los. Seine Lungen rangen nach Luft, sein Brustkorb hob und senkte sich, Atemzug um Atemzug.

Rays Verstand aber saß noch immer am Tisch vor so vielen Wochen, über das Lexikon gebeugt um herauszufinden, weshalb ihre Augen alle eine andere Farbe hatten. War noch immer neben Emma und Norman, mit ihren Fragen und Antworten und ihrer unerschütterlichen guten Laune. War noch immer bei Percy und seinen braunen Augen, so warm und voller Leben.

Aber Percys warme Augen waren nicht mehr bei ihm.

Er starrte Ray an, kopfüber vor ihm liegend, die Augen leer und kalt und tot. Percys Glieder, sie wirkten seltsam verdreht, wie ein Arm auf seinem Körper ruhte, der andere abgespreizt daneben lag. Seine schönen, neuen Kleider, der er anlässlich seiner Adoption bekommen hatte, waren durchnässt, ebenso seine wilden Locken, seine dunkle Haut.
Rays Augen aber, sie wanderten, von Percys Gesicht, von Schmerz und Schock verzerrt, über seinen erschlafften Körper, bis zu seiner Brust.

So schön.

Die Blume, die aus Percys Brust wuchs, sie war so schön. Große, volle Blüten, als wäre sie soeben erst erblüht und grazile Blätter, die einem gewundenem Stiel entsprangen. So schön und rot. Die Blüten, so rot wie…

Blut.

Percys Blut.

Rays Verstand holte seinen Körper ein. Er wollte fort. Wollte rennen und rennen, bloß fort von diesem Ort, fort von Percy. Sich verkriechen, im allertiefsten Loch, damit niemals wieder ihn jemand fände, bis ans Ende aller Tage.
Bis…

„Bleib hier.“ Die Stimme des Dämons klang seltsam fern in seinen Ohren; die Klauen dieses Monsters umfassten seine schmalen Schultern, bohrten sich schmerzhaft fest in sein Fleisch. Ray spürte seinen Atem auf seiner Haut, als das Biest sich zu ihm beugte, der Schlund neben seiner Wange ruhte, es die Zähne fletschte, und-

„Sieh nicht weg. Sieh an, was es ist, das du glaubtest zu wissen.“

Es gab keinen Dämon, kein Monster, kein zähnefletschendes Biest. Zumindest nicht hier, nicht jetzt.

Es gab nur Mama.

Und Ray.

„In sechs Jahren wirst du ebenfalls hier liegen.“ Mamas Stimme war ebenso liebenswürdig wie am Morgen, wenn sie ihren Kindern deren Testergebnisse mitteilte; wenn sie etwas noch einmal erklärte und Tränen trocknete, wenn es für die Kleinsten noch zu schwierig gewesen war.
„In sechs Jahren wird auch dir diese Blume in die Brust gestochen. Natürlich nur, wenn du auch in Zukunft fleißig lernst. Und weiterhin Mamas guter Junge bist.“

Isabellas rechte Hand verharrte auf Rays Schulter, derweil ihre linke sanft über seine Wange streichelte, hinab zu den Zahlen auf seinem Hals strich und schließlich zärtlich in sein Ohr kniff.

Ihr Daumen ruhte auf den Narben seiner Ohrmuschel.

„Solltest du jedoch versuchen, weiter deinen Peilsender zu entfernen, bist du der nächste, der hier liegen wird. Hast du verstanden?“

Ray nickte.

„Und sollte ich auch nur die Ahnung bekommen, du hintergehst mich in unserer Abmachung, gilt dies gleichermaßen.“

Ray nickte.

„Bist du bereit, Ray? Wirklich dazu bereit, deinen geliebten Geschwistern sechs Jahre lang ins Gesicht zu sehen, in ihre lebenden Gesichter, und dabei stets um all das hier zu wissen?“

Ray drehte sich zu ihr um, sein Mundwinkel zuckte, als wolle er lächeln.

Er konnte es nicht. Er konnte nur nicken.

Mama sah sie nicht, die Träne, die er um Percy weinte, um seine Geschwister und sich selbst.

.

.

.

Das Licht ging voraus, und er folgte ihm.

Ray blieb nichts anderes übrig. Es war stockfinstere Nacht, nicht einmal der Mond wagte es durch die Wolken zu blicken. So lief der Junge ihm nach, dem Licht, der Laterne, in Mamas Hand.
Sie ging voraus, zügigen Schrittes, ohne sich einmal nach ihrem Sohn umzudrehen. Weshalb sollte sie auch? Mama hatte getan, was sie hatte tun müssen. Und Ray ebenso. Es gab nichts, was sie noch weiter verband als ihr teuflischer Pakt.

Gar nichts.

Wie seltsam es doch war. Ray hätte schwören können, der Weg zum Tor war noch nie mehr als ein kurzer Lauf gewesen, einige Minuten nur, schnell überwunden, schnell wieder umgekehrt. Jetzt aber war ihm, als liefe er schon Stunden; seine Beine waren so schwer wie sein Herz, und er fror. So entsetzlich fror es ihm, dass er die Zähne aufeinander beißen musste, dass sie nicht gegeneinander schlugen. Wie seltsam. So kannte er sich nicht. So kalt. So schwach. So…

Wie Percy sich gefühlt haben musste, als er starb.

Rays Atem ging schneller, er krümmte sich zusammen, und seine leeren Hände fanden nichts zum festhalten als einander. Aufhören. Es sollte aufhören. Diese Bilder, von Jungen und Blumen und Blut. Die Kälte, das Licht und auch die Dunkelheit, es sollte aufhören, verschwinden. Endlich.
Er sah auf mit glasigen Augen, blickte zu ihr. Nein, zu ihrem breiten Rücken, dem sie ihm zuwandt, wie schon einmal.
Sie war zu schnell. Für jeden Schritt, den er tat, ging sie aberdutzende mehr. Und entfernte sich von ihm, wie schon einmal.
Aber nicht dieses Mal. Ray wollte rennen, so gerne wollte er zu ihr rennen, ihr und dem Licht, doch er konnte es nicht, wie schon einmal. Panik loderte in ihm auf, und dann Erinnerungen, erst von Dunkelheit und einem Lied. Dann Licht, die Kälte, Stimmen, seine eigene Stimme. Er schrie, nach Mama, auch jetzt, jedoch, sie antwortete ihm nicht. Weder damals noch heute, obwohl er weinte und schrie und-

Seine Hand, Ray streckte sie nach Mama aus, obwohl er sie kaum sehen konnte im Licht, nach all der Dunkelheit. Seine Hand, klein, schwach, noch immer blutbesudelt.

Sie ergriff sie nicht. Sie ging nur fort.

Und Ray fiel.

.

.

.

Isabella hörte einen dumpfen Aufschlag und drehte sich um. Ray lag am Boden, in sich zusammengefallen, eine Hand nach vorne ausgestreckt.
Im ersten Augenblick nahm sie es bloß wahr, im nächsten blieb sie noch immer stehen und rührte sich keinen Millimeter.
Liegenlassen. Sie könnte ihn einfach liegenlassen, eine Weile nur, und alles wäre gut. Die Nacht war eisig, und bald wäre er erfroren. Fort, für immer. Mitsamt seinen Forderungen und Erinnerungen und seinem verdammten Lied, das nicht das seinige war. Es wäre das Beste, für sie alle.

Sogar für ihn selbst.

Isabella ging die wenigen Meter zurück, die sie trennten, ließ sich in die Hocke nieder und legte den Handrücken gegen Rays Stirn. Sie musste ihn nicht einmal berühren, um die Hitze zu spüren, die er ausstrahlte. Sein gesamter Körper bebte, sein Atem ging schnell und japsend.
Interessant. Vorhin hatte er kaum preisgegeben, was in ihm vorgehen mochte, als er seinen Bruder im Tode aufgebahrt liegen sah, doch jetzt verriet er sich. Es war zu viel gewesen, dieser Tag. Selbst für sie. Und er war eben doch nur ein Kind. Gefährlich, durchaus, aber nur ein Kind. Sie hatte nichts zu befürchten.

Ohne jegliche Anstrengung nahm Isabella den Jungen in ihren Arm und trug ihn des Rest des Weges zum Waisenhaus, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Ray aber wand sich in Höllenqualen. Ihm war kalt, noch immer, doch er fühlte sich, als würde er in Flammen stehen, kalten, stechenden Flammen. So schwach. Er war so schwach und Mama so stark. Er würde sie nie besiegen, nie diesem Ort entkommen können. Sie war viel zu stark, hatte ihn hochgehoben, mit einer Leichtigkeit, als wäre er ein Nichts. Ihr Herz verriet es Ray, wie sein Kopf an ihrer Brust ruhte, und er hörte ihn, ihren starken, ruhigen Herzschlag.
Sechs Jahre, und er erkannte ihn noch immer wieder, ihren Herzschlag. Es war das Erste gewesen, was er vernommen hatte in der Dunkelheit, noch vor ihrer Stimme, noch vor ihrem Lied.

Ray hatte all das geliebt, noch bevor er wusste, dass er es konnte. Dass er es nicht durfte.

Grace Field lag still und friedlich in der Finsternis der Nacht, kein Geräusch war im ganzen Haus zu hören als Mamas Schritte auf dem Parkett, auf den Treppen und Fluren.
Auch Ray ruhte in der Dunkelheit, bis seine trüben Augen sich flatternd öffneten, als Mama vor einer der zahlreichen Türen stehenblieb.

Doch die Tür führte nicht zu seinem Schlafsaal.

Stattdessen betrat Mama einen kleinen Raum, den Ray nur zu gut kannte von den vielen Stunden, die er davor gesessen hatte, wie immer ein Buch im Schoss tragend und eine quengelnde Emma neben sich, die zu Norman wollte.
Und auch jetzt war er wohl nicht allein, was er Mamas nicht sonderlich überraschten Seufzen entnahm.

Trotzdem schritt sie zu einem der Betten, legte ihn hinein und deckte ihn zu, vielleicht ein wenig zu fest, zu kontrolliert, als dass es Ray nicht aufgefallen wäre.
Ihre Lampe stellte sie neben sich auf ein kleines Nachttischschränkchen, dann wandte sie sich dem nächsten Bett zu. Es schmerzte, als Ray seinen Kopf zu ihr drehte und durch den Fieberschleier sah, wie Mama eine schlafende Emma von der Bettkante hob und sie in ein weiteres freies Bett legte, gleich neben Norman, der ebenfalls seelenruhig zu schlafen schien. Bestimmt war Emma wieder zu ihm hereingeschlüpft, obwohl Mama es ihr schon so oft verboten hatte. Und Norman viel zu krank, um sie darauf hinzuweisen.

Mama kehrte zu ihm zurück, strich abermals über seine glühende Stirn, sein linkes Ohr. Dann beugte sie sich zu ihm und flüsterte mit zuckersüßer Stimme: „Ein falsches Wort und ich lasse die beiden auf der Stelle fortbringen. Ich weiß ja, wie viel sie dir bedeuten.“
Sie setzte sich wieder auf, noch immer lächelnd, ihre Lampe zur Hand nehmend.
„Schlaf jetzt, damit du schnell wieder gesund wirst, mein Schatz.“

Sie ging, mitsamt dem Licht, und Ray blieb erneut zurück, in der Dunkelheit.
Doch schlafen konnte er nicht, obwohl er die Augen fest zusammenpresste und die Ohnmacht herbeisehnte. Die Kälte, die ihn ergriffen hatte, zerfaserte und wurde zu Feuer, bereit, seinen Körper zu verschlingen. Es tat so weh, so entsetzlich weh, als würde er tatsächlich in Flammen stehen. Ob es sich so anfühlen musste, zu brennen? War es ein schlimmerer Schmerz als die schöne rote Blume inmitten seiner Brust? Ray wusste es nicht. Wusste nur noch um den Schmerz und das Feuer.

Und ihren leisen Atem.

Ray hörte sie, trotz dass er im Fegefeuer verging. Norman, manchmal aufseufzend, doch selig schlummernd. Emmas Schnarchen, ihr Gemurmel, wenn sie träumte.
Sie wussten von nichts. Nichts von Mama und von Percy, nicht einmal von Ray. Dabei war er doch ihr bester Freund. Er liebte sie so sehr. Emma und Norman, all seine Geschwister. So, wie er Mama einst geliebt hatte. Wie er Percy…

Leer.

Kalt.

Tot.

Percy war nicht mehr. Er würde ihn nie wiedersehen, nie mehr mit ihm lachen und spielen und in seine warmen, lebenden Augen sehen können.
Auch Emma und Norman würden sterben, obwohl er sie so sehr liebte. Wie er selbst, in sechs Jahren, wenn er…

Nun kamen sie doch, die Tränen, die er hatte versucht zu verbergen. Sie löschten nicht das Feuer, in dem er brannte, sie entzündeten es immer mehr, wie Ray langsam wegdämmerte, in Furcht wieder und wieder zu durchleben, was gewesen war. Was er nie mehr würde vergessen können.

Aber eines schwor sich Ray, bevor er abermals fiel, in die Dunkelheit. Er würde alles tun, damit er sie nie so sehen würde wie Percy. Er würde sie retten. Lieber wollte er brennen, zu Asche und vergessen werden.

Alles, nur keine kalten Augen mehr.

.

.

.

„Guuuten Mooorgen!“

Ein Recken, ein Strecken, und Emma hüpfte aus ihrem Bett auf in Normans hinein, der sich noch müde die Augen rieb.

„Dir auch einen guten Morgen, Emma“, gähnte er und setzte sich ebenfalls hin, die Haare in alle Richtungen abstehend.
„Wie spät ist es denn?“

„Keine Ahnung. Ich bin wach und du auch, also genau die richtige Uhrzeit“, antwortete Emma beschwingt. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck ernster, forschender.
„Wie geht es dir? Bist du immer noch krank?“

„Das werde ich euch gleich sagen können.“ Beide Kinder drehten den Kopf zur Tür, in der Mama stand, ein Fieberthermometer aus ihrer Schürze ziehend.

„Guten Morgen, Mama!“ Emma eilte zu ihr und drückte sie fest, um dann neugierig auf das Thermometer zu schielen.
„Darf ich das heute Norman mal in den Mund stecken? Bitte bitte bitte!“

Lachend schlug Isabella ihren Wunsch aus, derweil sie sich zu Norman setzte und seine Stirn befühlte, in seinen Rachen sah und sanft in sein Ohr kniff. Währenddessen entgegnete sie: „Emma, das Thermometer ist kein Spielzeug. Darin befindet sich eine giftige Flüssigkeit namens Quecksilber. Wenn das Glas kaputt ginge, hätten wir ein sehr großes Problem.“

„Na schön. Aber wann steckst du es Norman in den Mund?“

„Heute einmal nicht, Liebling. Norman, mir scheint, dir geht es heute schon viel besser. Wie fühlst du dich?“

„Hervorragend“, sagte der Junge.
„Deine Pflege hat mich ganz schnell wieder gesund gemacht.“

„Oh, ich glaube nicht nur meine“, merkte Isabella mit einem Seitenblick zu Emma an, die schuldbewusst den Kopf einzog.
„Ich habe euch doch erklärt, dass du Norman nicht immer im Krankenzimmer besuchen sollst. Er braucht Ruhe, und so, wie ich dich kenne, bekommt er diese nicht, wenn du bei ihm bist, Emma. Und die Nacht an seinem Bett zu verbringen tut euch beiden auch nicht gut.“

„Ich weiß.“ Emma verdrehte die Augen, als sie sich neben Mama lehnte und vorsichtig auf das Glasthermometer tippte.
„Aber Norman ist doch immer so ganz allein hier. Überhaupt, für wen ist das denn jetzt, wenn nicht für ihn?“

„Für meinen anderen Patienten.“ Mama erhob sich, die Kinder ihr nach, und schauten neugierig zu, als sie vorsichtig die Decke des danebenstehenden Bettes zurückschlug. Emma und Norman schnappten nach Atem, als sie erkannten, wer da zusammengerollt vor ihnen lag, das Gesicht gerötet und schweißnass, doch noch immer schlafend.

„Ray!“ Emma wollte näher an ihn herangehen, wurde aber von Isabella zurückgehalten.

„Bleib bitte ein wenig zurück, sonst steckst du dich womöglich auch noch an“, sagte Mama und legte das Fieberthermometer auf das Nachttischschränkchen, um dann einige wirre Haarsträhnen aus Rays Stirn zu streichen.

„Geht es ihm gut?“, fragte Norman besorgt. „Hat er das Gleiche wie ich? Habe ich ihn angesteckt?“

„Nein nein. Er hat nur ein etwas Fieber. Womöglich hat er zu lange draußen gesessen und gelesen. Doch es ist nichts, was ein wenig Schlaf nicht wieder verscheuchen würde. Mich erstaunt nur, dass nicht einmal unser kleiner Hahn ihn wachbekommen hat.“

„Hahn? Wir haben einen Hahn?“

„Sie meint dich, Emma“, flüsterte Norman kichernd, während Mama Ray wieder zudeckte und die Kinder an der Hand nahm.

„Kommt. Wir wollen Ray jetzt schlafen lassen. Gleich gibt es Frühstück und danach könnt ihr spielen gehen.“

„Mama, Ray hatte doch gestern Geburtstag. Ich konnte gar nicht mit ihm feiern und ein Geschenk überreichen, weil ich krank war“, sagte Norman betrübt.
„Wäre es in Ordnung, wenn ich ihm heute noch ein Geschenk bringe? Vielleicht heitert es ihn ja auf.“

„Und was möchtest du ihm schenken?“

„Ich weiß nicht… Blumen?“

„Jetzt blühen doch gar keine Blumen“, meinte Emma.
„Aber wir können ihm doch ein Bild mit Blumen malen. Mit roten Blumen! Rot ist doch Rays Lieblingsfarbe, oder, Mama?“

„Ganz bestimmt“, antwortete Isabella schmunzelnd.
„Ganz bestimmt.“


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Oh Mann oh Mann, ich fühle mich wirklich schlecht ausgerechnet diese Geschichte zu präsentieren, nachdem Kapitel 177 veröffentlicht wurde. Konnte ja keiner ahnen dass es so ausgehen wird…
Wie auch immer, schlechtes Timing hin oder her, ich hoffe euch hat dieser Oneshot gefallen. Er ist wesentlich länger geworden als geplant, aber das kennt ihr ja bereits von mir ^^



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