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Lost Daddy

von ceeliinee
OneshotAllgemein / P6
20.05.2020
20.05.2020
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„Katie, ich liebe dich. Und deshalb muss ich dich verlassen. Es tut mir so leid.“ sagte mir mein Papa. Ich war traurig, denn auch ich liebte meinen Papa. Deshalb fing ich auch an zu weinen. „Nein, du sollst bleiben.“ sagte ich schniefend und umarmte meinen Papa ganz feste. „Das geht leider nicht, meine Kleine. Aber irgendwann werden wir uns ganz, ganz bestimmt wiedersehen. Und so lange habe ich hier was für dich.“ meinte mein Vater und zog hinter seinem Rücken einen kleinen Stoffteddy hervor. „Er soll dich an mich erinnern.“ sagte mein Vater zu mir. „Und dich vor Albträumen und Ängsten beschützen, so lange ich das nicht kann.“ fügte er noch hinzu. „Ich hab dich lieb, meine kleine Katie.“ flüsterte mein Vater und war nun auch den Tränen nah. Dann ging er fort.

Ich schreckte hoch, geweckt vom Piepen meines Weckers. Und mit Tränen in den Augen. Dreizehn Jahre ist es nun her, dass mein Vater sich von mir verabschiedet hatte – für immer. Damals war ich fünf Jahre alt und verstand einfach nicht, wieso er gehen musste. Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich das auch heute nicht, mit achtzehn Jahren. Genauso wenig meine Mutter. Als ich sie vor ein paar Jahren gefragt hatte, was der Grund für sein verschwinden war, hatte auch sie keine Antwort. Ihr hatte er genau das Gleiche gesagt wie mir. Doch sie kam glücklicherweise drüber hinweg. Seit ein paar Jahren war sie nun glücklich mit Luke zusammen. Er war ein wirklich netter Kerl und gab sich alle Mühe, meine Mutter und mich glücklich zu machen, doch mein Vater fehlte mir immer noch unglaublich. Das schlimmste für mich war, dass ich beinahe keine richtigen Erinnerungen mehr an ihn hatte. Ich glaubte sogar, ich würde einfach so an ihm vorbeilaufen, wenn er mir zufällig über den Weg laufen würde. Er aber wahrscheinlich auch an mir, dreizehn Jahre waren immerhin eine verdammt lange Zeit. Natürlich hatte ich ihn gegoogelt, mehrfach, in der Hoffnung ihn zu finden, oder ein Lebenszeichen von ihm zu finden. Doch er war im Internet nicht präsent, und jetzt mal ehrlich – das ist in der heutigen Zeit wirklich selten. Ich drückte meinen Teddy, welchen ich seit diesem Tag vor dreizehn Jahren hatte, fest an mich. Er tröstete mich tatsächlich immer ein wenig, wenn ich traurig war. Dann stand ich auf. Es war acht Uhr. Mit Sicherheit für die meisten sehr spät, wenn man bedenkt, dass heute Montag war, doch da ich die letzten vier Monate frei hatte, schlief ich beinahe jeden Tag mindestens bis zehn und dementsprechend müde war ich auch. Doch trotzdem konnte ich motiviert aufstehen. Heute war mein erster Unitag. Nachdem ich im Frühjahr mein Abi geschrieben und auch bestanden hatte, entschied ich mich dafür, Forensik an der Universität Hamburg zu studieren. Den dieser Standort hatte einen ganz entscheidenden Vorteil – ich konnte zu Hause wohnen bleiben und konnte somit viel Geld sparen, denn so eine Wohnung in einer Unistadt war sehr teuer. Deshalb stand ich jetzt auch auf und ging runter in die Küche, um mir erstmal einen Kaffee zu machen. Im Haus war es still, da ich alleine war, weshalb ich erstmal das Radio anmachte und aufdrehte. Während ich mir mein Frühstück machte, tanzte ich zu Feuerwerk von Wincent Weiss und ID von Michael Patrick Kelly.
Nach dem Frühstück ging ich erstmal ins Bad, um meine rotbraunen Haare aus dem Gesicht zu bürsten, da sie mir mittlerweile bis fast zur Hüfte reichten. Immer wieder überlegte ich, sie abzuschneiden, doch nie brachte ich es übers Herz, denn ich liebte meine Haare. Wenn ich ehrlich war, waren sie sogar das einzige, was mir wirklich an mir gefiel. Meine Nase war ein wenig zu groß, meine Augen zu klein, meine Lippen zu schmal und meine Haut zu unrein. Außerdem besaß ich bei weitem keine Modelmaße, ich war einfach ein kleines Pummelchen. Diese ganzen Selbstzweifel versuchte ich immer gut zu verstecken. Vor meiner Mum, vor Luke und im Grunde vor der ganzen Welt. Trotzdem hatte ich Angst, an der Uni keinen Anschluss zu finden, keine neuen Freunde zu finden. Ich war nie ein Mensch, der viele Freunde hatte. Ich brauchte auch keinen großen Haufen. Aber da meine beste Freundin Miri nun zum studieren ans andere Ende des Landes gezogen war, blieb mir wohl nichts anderes übrig. Außerdem ist der Unialltag sicher nicht besonders schön ohne eine Person zum reden.

Eine halbe Stunde später stand ich am Bahnhof. Es war Anfang Oktober und dadurch schon recht kalt, weshalb ich in meiner dünnen Jacke ein wenig fror. Zusätzlich hatte natürlich auch noch mein Zug zehn Minuten Verspätung. Als er dann endlich kam, fand ich glücklicherweise sofort einen Sitzplatz und hörte die einstündige Fahrt über über meine Kopfhörer Musik.

Die Ersti – Tage meiner Fakultät brachte ich erfolgreich hinter mich. Ich hatte tatsächlich ein paar Freunde gefunden, mit denen ich die ersten Tage verbrachte. Das beruhigte mich schon ungemein. Ich hatte gemerkt, dass es mit den Freunden finden den meisten ähnlich erging wie mir, doch hier waren zum Glück alle sehr offen, was neue Freundschaften anging. Dadurch musste ich am Montag auch nicht zu meiner allerersten Vorlesung – Biologie I. Im Internet hatte ich mir vorher noch die Vorlesungsunterlagen zur ersten Vorlesung angeschaut und bemerkt, dass dieser Kurs nicht besonders schwer war, gut für mich! Das nahm mir schon ein wenig die Sorge, nicht mitzukommen. Ich traf mich mit meinen Freunden an der U-Bahn des Hauptbahnhofs, damit wir gemeinsam zur Uni und den Hörsaal suchen konnten. „Hey Katie!“ begrüßte mich meine Freundin Annie an der U-Bahn mit einer Umarmung. „Wie war dein Wochenende?“ fragte ich sie neugierig. Sie hatte mir erzählt, dass sie sich mit Jan, einem Jungen, den sie im Internet kennengelernt hatte, zum ersten Mal treffen wollte, nachdem sie mehrere Monate gefacetimed hatten. „Jan ist so ein toller Typ! Er ist nett und zuvorkommend und wir hatten richtig viel Spaß! Wir waren gemeinsam ein bisschen bummeln in Hamburg und danach noch was beim Italiener essen und haben uns direkt fürs nächste Wochenende wieder verabredet. Ich glaube, da könnte echt was draus werden!“ erzählte Annie mir. Ich grinste sie an. Dann kam auch schon die U-Bahn, in welcher wir natürlich keinen Platz bekamen, wäre ja auch ein Wunder gewesen, und wir unterhielten uns den Rest des Weges über die anstehende Vorlesung.

„Es ist für sie also wichtig, gründlich mit den Substanzen umzugehen, an welchen wir experimentieren werden, da sonst das Ergebnis verfälscht werden könnte!“ erklärte Professorin Reiter vorne auf der Bühne. Ich versuchte, so gut wie möglich alles mitzuschreiben, da ich momentan noch mega motiviert war. Mal sehen wie das ganze in einem Monat aussehen würde, vermutlich nicht mehr so rosig.
Genauso verliefen auch die restlichen Vorlesungen des Tages.

Am nächsten Tag hatten wir Analytische Forensik, ein Fach, vor dem es mich graute. Ich hatte mir schon das Skript der Vorlesung angeschaut und gemerkt, dass es eines der komplizierteren Fächer war, man brauchte definitiv einiges an Computerkenntnissen sowie mathematische Kenntnisse.
Ich ging also schon mit einem mulmigen Gefühl in die Vorlesung. Annie war heute leider nicht da, denn sie hatte ein wichtiges Fußballspiel in Frankfurt und würde dort auch die restliche Woche verbringen. Ich war also erstmal alleine, hoffte aber, noch ein paar neue Freunde zu finden. Ich betrat den Hörsaal und sah den Professor vorne stehen. Es war noch leer im Hörsaal, da es noch früh morgens war. Ich vermutete sogar, dass diese Vorlesung wegen der Uhrzeit nicht besonders gut besucht sein würde. „Morgen.“ murmelte ich zum Professor. Ich wollte immerhin einen guten Eindruck machen. Der Prof sah mich an und grüßte mich auch. Ich suchte mir einen Platz relativ weit vorne. Meine Augen waren nicht die allerbesten und auch eine neue Brille wurde dringend wieder notwendig. Während ich meinen Laptop und meinen Block aus der Tasche holte, spürte ich den Blick meines Professors auf mir. Langsam fühlte ich mich richtig Unwohl und war wirklich kurz davor zu gehen. Doch als er merkte, dass ich merkte, dass sein Blick auf mir lag, schaute er schnell weg und fuchtelte an seinem Computer rum. Merkwürdig, dachte ich. Langsam aber sicher füllte sich der Hörsaal und ein nettes Mädchen setzte sich neben mich, mit dem ich ins Gespräch kam.

Die Vorlesung lief wirklich gut. Ich verstand tatsächlich ziemlich viel, was ich nicht erwartet hätte, und konnte den ein oder anderen Beitrag liefern. Ich war tatsächlich ein wenig stolz auf mich. Am Ende der Vorlesung wollte ich den Saal verlassen, als ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen hörte. Ich drehte mich um, konnte jedoch nicht ausmachen, woher der Ruf kam. Ich zuckte also mit den Schultern und verließ den Hörsaal. Wieder ging ich in die Mensa. Ich hatte heute noch zwei Vorlesungen, wodurch ich bis zwanzig Uhr Uni hatte. Ich gehörte glücklicherweise zu einer der Ersten in der Mensa, wodurch ich schnell dran kam. Heute gab es eine Ofenkartoffel und einen Vanillepudding. Die Preise hier waren einfach unschlagbar günstig und bisher waren die Sachen auch wirklich lecker. Mit meinem Rucksack auf dem Rücken und meinem vollen Tablett in der Hand suchte ich mir einen Tisch zum sitzen. Ich fand einen direkt am Fenster ein wenig abgeschieden von den anderen, ein Ort, wo ich hoffentlich etwas Ruhe zum Nachdenken haben würde. Seit analytischer Forensik hatte ich irgendwie ein komisches Gefühl. An meinem Professor, Professor Schardt, war irgendetwas komisch, aber nicht im schlechtem Sinne. Aus irgendeinem Grund kam er mir vertraut vor, den Grund dafür konnte ich mir jedoch beim besten Willen nicht erschließen.

Weiter in meinen Gedanken vertieft bemerkte ich nicht, wie sich jemand neben mich stellte. „Ist hier noch frei?“ fragte mich der Mann, der sich, als ich ihn anblickte, als mein Professor für analytische Forensik entpuppte. „Ja“ sagte ich dachte weiter nach. Er setzte sich mir gegenüber. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er hatte ein llängliches Gesicht und volle braune Haare, war weder besonders dick, noch wirklich schlank und trug lockere Klamotten, er war also irgendwie das Gegenteil der anderen Professoren dieser Uni. Sein lockerer Stil schien auch seinen Charakter wieder zuspiegeln. In der Vorlesung kam er wirklich sehr locker rüber und auch, dass er sich zu einer Studentin wie mir setzen will, macht ihn nahbarer. Gleichzeitig finde ich das aber auch komisch. Ich habe mehr als genug Bücher und Filme gesehen und gelesen um zu wissen, das Profs auch schon mal häufiger was mit ihren Studenten anfangen, aber andererseits, an mir war nichts besonderes, wieso sollte er sich also in solch einem Maße für mich interessieren? „Sie haben wirklich eine Gabe für analytische Forensik. Ich habe noch selten einen Student oder eine Studentin gehabt, die so schnell mit dem Programm, mit welchem wir arbeiten, klargekommen ist, eher im Gegenteil, die meisten haben Anfangs große Probleme.“ sagte mir mein Prof. „Vielen Dank, ich weiß auch nicht, wo das wissen herkommt, ich hatte eigentlich, als ich mir das Skript angeschaut habe, das Gefühl gehabt, es wäre eher sehr schwer.“ erklärte ich ihm. „Also entweder, Sie haben wirklich ein Talent für dieses Fach oder ich habe ein Talent fürs lehren, ich denke aber, eher Ersteres ist der Fall.“ sagte er und lächelte mich an. Ich merkte, wie mir das Blut ins Gesicht schoß. Mit Komplimenten konnte ich leider gar nicht umgehen! „Sie heißen Klever mit Nachnamen, oder?“ fragte der Prof mich, worauf ich nickte. „Ja, aber woher wissen Sie, wie ich heiße?“ fügte ich meinem Nicken hinzu. „Ach ähm, ich kannte Ihre Mutter früher sehr gut und sie sehen ihr sehr ähnlich.“ antwortete er auf meine Frage, jedoch nahm ich ihm seine Antwort nicht so ganz ab. Ich redete nicht besonders viel und gerne mit Menschen und war häufig sehr verschlossen und beobachtete lieber. Dadurch hatte ich früh gelernt, die Mimik und Gestik der Personen zu verstehen und erkannte recht schnell, wenn mehr hinter einer Geschichte, wie es auch dieses Mal scheinbar war. Skeptisch blickte ich ihn an und überlegte, ob ich ihn weiter danach fragen sollte, entschied mich aber dagegen. Wer weiß, aus welcher Zeit er meine Mutter kannte und was danach passiert ist. Außerdem war er immer noch mein Professor und ich bezweifelte, dass er seinen Studenten solche Dinge über sein Privateben erzählen wollte. Ich aß meine Ofenkartoffel weiter, ebenso wie er. Weitere Worte redeten wir nicht miteinander.

Die nächsten paar Wochen nahm meine Motivation immer mehr ab. Ich wurde zu einer richtigen Klischee – Studentin und schwänzte die ein oder andere Vorlesung. Außer analytische Forensik am Dienstag. Ich erschien wirklich immer. Es machte mir erstens wirklich Spaß und zweitens hoffte ich darauf, herauszufinden, woher er meine Mutter kannte und wieso er mir so viel Aufmerksamkeit schenkte. Meiner Mutter hatte ich noch nichts von ihm erzählt, immer, wenn ich kurz davor war, sagte mir mein Gefühl, es wäre besser, es erst einmal für mich zu behalten.
Also ging ich immer nur zu meinen Vorlesungen, schrieb mit und versuchte so gut es ging, die Vorlesung mit einigen Beiträgen zu bereichern. Mit Professor Schardt hatte ich seit unserem gemeinsamen Mittagessen nicht mehr gesprochen. Aus diesem Grund war ich auch überrascht, als er mich nach der Vorlesung zu sich rief. Annie, welcher ich natürlich von dem Vorfall erzählt hatte, schaute mich überrascht an. Auch sie war neugierig, was es mit meiner Mutter auf sich hatte, da auch sie dahinter mehr vermutete. „Ich warte vor dem Gebäude auf dich.“ sagte sie zu mir und verließ den Hörsaal. Ich ging zum Prof. „Katie, Sie scheinen diesen Kurs wirklich mit links zu machen.“ meinte der Prof. „Es macht mir wirklich Spaß.“ erwiderte ich daraufhin. „Das merke ich. Sie sind wirklich mit Feuer dabei und ich habe gar keine Zweifel daran, dass sie die Prüfung mit links bestehen werden. Aber ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen. Meine wissenschaftliche Mitarbeiterin musste leider durch ein familiäres Problem für einige Zeit nach München, ich brauche jedoch Hilfe, die Datensätze, welche ich für diesen Kurs habe, zu verarbeiten. Ich würde Sie daher gerne fragen, ob sie für circa einen Monat Interesse an dieser Stelle hätten. Sie würden dadurch selbstverständlich einiges an Praxiserfahrung sammeln, welche ich Ihnen gerne auch in einem Schreiben bestätige für Ihren späteren Arbeitgeber.“ meinte der Professor. Ich war erstmal sprachlos und suchte nach einem Zeichen in seiner Mimik, dass es ein Scherz sein sollte, oder, noch schlimmer, ein unmoralisches Angebot, jedoch wirkte es wirklich aufrichtig. „Wir würden uns dann einmal in der Woche hier in der Uni treffen, voraussichtlich meistens in der Bib, um die Datensätze der nächsten Vorlesung zu verarbeiten und zu kontrollieren.“ fügte er noch hinzu. „Halten Sie mich wirklich für die Richtige dafür? Ich meine, ich bin ein Ersti ohne jegliche Erfahrung.“ meinte ich ungläubig. „Ich muss gestehen, dass ich natürlich zunächst meine Studenten aus den höheren Semestern gefragt habe, jedoch haben die geeigneten alle momentan viel mit einer Hausarbeit zu tun und daher keine Zeit. Und die anderen schreiben an ihrem Bachelor, Master oder sind schon bei einem anderen Professor als wissenschaftlicher Arbeiter tätig.“ erklärte er mir, weshalb er auf mich zukam. „Ähm, okay, wenn sie mich da für die Richtige halten.“ sagte ich zu. „Sehr gut, ich schreibe Ihnen nachher an Ihre Email, wann es am besten für mich für ein Treffen passt.“ meinte er, bevor er auf die Uhr schaute. „Oh Mist, die nächste Vorlesung beginnt jetzt. Schönen Tag noch Katie!“ sagte er noch und verschwand aus dem Hörsaal. Ich ging ihm hinterher. Draußen wartete Annie. „Und? Was wollte er?“ fragte sie mich neugierig. „Lass uns ins Café setzen, da erzähle ich es dir.

Nachdem wir uns im Café einen Platz gesucht hatten, erzählte ich ihr, was der Prof wollte. „Nicht im Ernst. Katie, sei bitte vorsichtig. Ich habe erst letztens bei RTL gesehen, dass ein Prof seiner Studentin an die Wäsche wollte. Nicht, dass der das auch bei dir will.“ meinte Annie. Ich verstand ihren Einwand, konnte mir jedoch nicht vorstellen, dass er wirklich so jemand sein sollte. „Ich glaub das nicht, und wenn doch, werde ich schreiend wegrennen, aber nicht, ohne ihm vorher eine Backpfeife gegeben zu haben.“ meinte ich zu ihr. „Das hoffe ich doch!“ meinte sie. Wir bestellten uns noch einen Kaffee, welchen wir austranken, bevor wir uns auf den Weg in die U-Bahn machten. Dort erhielt ich die Email vom Prof.
„Würde Ihnen morgen um 15 Uhr passen? Ansonsten hätte ich leider nur noch diesen Freitag um 19 Uhr Zeit.“ stand in der Email.
„Morgen passt.“ antwortete ich, bevor ich merkte, wie unförmlich die Antwort war. Ich meinte, er war immerhin mein Prof. „Super, ich organisiere einen der Gruppenräume. Vermutlich wird es Raum 3. Bis Morgen und schönen Tag noch“ antwortete er wiederum auf meine Email.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich um fünfzehn Uhr vor Gruppenraum 3 der Bibliothek. Ich klopfte an die Tür und öffnete sie. Mein Prof schien es nicht zu merken, denn er telefonierte noch. „Ich werde es trotzdem tun. Ich kann es ihr nicht verheimlichen. Außerdem ist die Sache doch schon längst vorbei!“ sagte er ins Telefon. Ich wollte mich grade bemerkbar machen, als er auf einmal laut ins Telefon „Aber sie ist meine Tochter verdammt nochmal!“ sagte und es mir dabei wie Schuppen von den Augen fiel. Vor mir stand mein Vater, mein Vater war mein Forensikprofessor. Alles, dass er meinen Namen kannte und meine Mutter und sein Interesse an mir, ergab plötzlich Sinn. Professor Schadt, mein Vater drehte sich um und bemerkte mich endlich. Ich war zu Salzsäure erstarrt. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich wusste ehrlich gesagt nichtmal, was ich fühlte, und auch ihm schien es ähnlich zu ergehen. „Ich ruf dich zurück, ich glaub, es ist jetzt eh zu spät.“ sagte er noch in sein Handy, bevor er es wegsteckte. Dann sah er mich an. Uns fehlten beiden die Worte, dabei hatte ich so viele Fragen. Wieso der neue Name? Wieso bist du damals gegangen? Wieso hast du dich nicht gemeldet? Doch keine Einzige davon konnte ich stellen. Es fing erst langsam an, in mein Gehirn zu sickern. Vor mir stand mein Vater. Er sah zwar ganz anders aus als früher, jedoch erkannte ich ihn nun wieder. „Papa?“ flüsterte ich und  spürte, wie mir Tränen in die Augen traten. Mein Vater kam auf mich zu und nahm mich in den Arm. Auch ihm lief die ein oder andere Träne die Wangen hinunter.

Nachdem wir uns beide ausgeweint hatten, setzten wir uns gemeinsam an den Tisch. „Wieso bist du damals gegangen?“ fragte ich nun endlich die Frage, die mir schon lange auf der Zunge lag. „Die Geschichte ist kompliziert. Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause habe ich damals einen Drogenclan erwischt. Sie haben es leider bemerkt und mir gedroht, mich zu ermorden, wenn ich sie bei der Polizei anschwärzen würde. Ich habe den gesamten restlichen Nachhauseweg drüber nachgedacht, was ich tun soll, habe mich aber letztendlich dazu entschieden, zur Polizei zu gehen. Dadurch, dass sie mir gedroht haben, wusste ich, dass ich ins Zeugenschutzprogramm kommen würde. Also habe ich mich dazu entschieden, euch alleine zu lassen um euch zu schützen, denn sie wussten ja praktisch nichts über mich. Ich wollte nicht, dass ihr eure Identität aufgeben müsst.“ erzählte mein Vater mir. „Sind die Leute denn nun im Knast?“ fragte ich, worauf mein Vater nickte. „Ja, deshalb bin ich aus dem allergröbsten raus, jedoch kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass wirklich alle gefasst wurden, weshalb der Zeugenschutz immer noch weiter läuft. Eigentlich dürftest du das gar nicht wissen, aber ich hätte es sowieso nicht mehr ausgehalten, es dir nicht zu sagen.“ meinte mein Vater. „Woran hast du mich denn erkannt?“ fragte ich ihn. „Ich war mir erst gar nicht sicher. Ich habe, als ich dich in den Hörsaal hab kommen sehen direkt an dich gedacht, und die ganze Zeit über überlegt, ob du es wirklich sein könntest. Als ich dich dann gerufen habe nach der Vorlesung und du dich umgedreht hast, wusste ich es mit Sicherheit.“ sagte Papa. „Und wie sieht dein Leben jetzt aus?“ fragte ich neugierig. Er rutschte auf seinem Stuhl herum. „Nachdem ich mich einem kompletten Umstyling unterziehen musste und mein Name von Jan Klever wurde James Schadt. Ich kam anfangs überhaupt nicht damit klar, wollte immer alles hinschmeißen und meine Aussage zurückziehen und wieder zu euch kommen, doch dann habe ich Judith, meine jetzige Frau kennengelernt.“ sagte er vorsichtig. „Und, wie ist sie so?“ fragte ich weiter. „Sie hat ehrlich gesagt vom Charakter her ziemlich viel Ähnlichkeit mit deiner Mutter. Mit ihr habe ich zwei Kinder. Laura und Sophia, die beiden sind Zwillinge und im September drei geworden.“ erzählte er mir aus seinem Leben. Er machte eine kurze Pause. „Wenn du willst, kannst du sie kennenlernen. Ich habe mit Judith geredet, nachdem ich wusste, dass du hier an der Uni bist. Sie war anfangs meine Beraterin und weiß deshalb eigentlich die ganze Geschichte.“ schlug mein Vater mir vor. Ich nickte, denn ich war natürlich neugierig, wer meine Halbgeschwister waren. Trotzdem mischte sich plötzlich auch Angst in meine Gefühle. Was, wenn mein Vater mich nicht mehr liebte? Er hatte immerhin eine normale Familie und hat sicherlich irgendwann nur noch selten an mich und Mama gedacht. „Katie, natürlich liebe ich dich immer noch und ich habe auch nie aufgehört. Ich habe immer an dich gedacht.“ meinte er, wodurch ich bemerkt hatte, dass ich scheinbar laut gedacht hatte. Er holte sein Portemonnaie aus seiner Hose und zeigte mir ein Foto. Zu sehen war ich mit circa vier Jahren. Es war ausgefranst und sah nicht mehr wirklich schön aus. „Jeden Tag habe ich es mir angeschaut und gesagt, wie unfassbar lieb ich dich habe.“ sagte mein Vater. Er erzählte mir noch weitere Geschichten aus den letzten dreizehn Jahren. Wie es dazu kam, dass er nun doziert, was er alles für Hobbys hat und dadurch hatte ich auch erfahren, dass er nur drei Straßen entfernt wohnt, da wir ein Jahr, nachdem er gegangen ist, von einer Kleinstadt im Norden in eine Kleinstadt im Westen gezogen sind, zufällig die selbe wie die, in der mein Vater wohnt. Außerdem sagte er, er wolle gerne mit meiner Mutter reden und es auch ihr erklären, denn auch sie hatte ein recht darauf. Und er war dieses Geheimnis auch einfach satt. Nachdem er erzählt hatte, erzählte ich auch aus meinem Leben. Wie wir umgezogen sind, Geschichten aus der Schulzeit und was ich in meiner Freizeit so machte. So vergaßen wir die Zeit komplett und merkten erst um 18 Uhr, wie spät es geworden war. „Wir müssten trotzdem noch ein wenig Arbeiten.“ meinte mein Vater.
 
 
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